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Thanks to
Susanne not only for her translation of Julia's Journal but also for saving
the little peacock butterfly that inspired this chapter and for reminding me
the beauty of Psyche's myth.

26.a Der
Schmetterling - 180 A.D.
Das
erste, das ich bemerkte, als ich erwachte - noch bevor ich meine Augen
öffnete - war die sanfte Wärme an meinem Rücken. Ich lag auf meiner linken
Seite, und diese Wärme verteilte sich über meinen ganzen Körper, folgte der
natürlichen Rundung meiner Hüften und meiner leicht angezogenen Beine. Sie
war nicht mit der Wärme einer Decke zu vergleichen. Nicht einmal mit der
feinster Pelze. Sie war ganz anders, lebendig, und sie hatte etwas von der
besonderen Süßigkeit an sich, welche die Folge von ebenso süßer
Zufriedenheit ist.
Seufzend, die Augen noch immer geschlossen, lächelte ich, und ich war mir
der Seligkeit sehr wohl bewußt, die in diesem Lächeln lag.
Maximus.
Ganz
langsam und trotz meiner geschlossenen Augen wurde ich mir weiterer
Einzelheiten bewußt. Das frisch geplättete Leinen unter meiner Wange, das
schwach nach Rosen duftete, aber auch nach Mann und Frau und Liebe; der
sanfte, regelmäßige Luftzug in meinem Haar, der kräftige, muskulöse Arm, der
sich um meine Taille schlang, die große warme Hand, die zärtlich auf meinem
Bauch lag ...
Ich
seufzte nochmals. Zufrieden. Irgendwie mußte ich mich dabei bewegt haben,
denn die lebendige Wand an meinem Rücken bewegte sich leicht, um sich noch
besser der Form meines Körpers anzupassen. Und ich spürte das köstliche
Spiel starker Muskeln unter warmer, samtener Haut .
Maximus.
Mein
seliges Lächeln wurde zu einem breiten Lächeln.
Immer
noch mit geschlossenen Augen auf der Seite liegend wurde ich mir mehr und
mehr meiner Umgebung bewußt. Und dabei stellte ich mit Erstaunen fest, daß
so wie tiefer Schmerz eine neue Art von Aufmerksamkeit mit sich bringt auch
tiefes Glück uns sehr viel offener und empfänglicher macht. Während jedoch
tiefer Schmerz uns zumeist die bitteren Details zur Kenntnis nehmen läßt,
schärft tiefes Glück unsere Sinne auf eine Weise, die es uns erlaubt, die
Schönheit zu entdecken, wahrzunehmen und zu genießen, welche in den
einfachsten Dingen verborgen liegt. Wir staunen und wundern uns, warum
wir sie niemals zuvor bemerkt haben oder wie wir so lange leben
konnten, ohne sie zu erkennen.
Vor
meinem inneren Auge sah ich mein Schlafzimmer nicht so, wie ich es an jedem
einzelnen Tag der fünf Jahre, seit ich als Braut in Ostia angekommen war,
gesehen hatte, sondern ich sah es wie in der vergangenen Nacht, als Maximus
und ich zur Villa zurückgekehrt waren ...
Als
wir den Haupteingang der Villa erreichten, war eine Gruppe von Bediensteten
eifrig damit beschäftigt, die Laternen anzuzünden. Sie hatten uns auf die
übliche respektvolle Weise gegrüßt, aber der Stalljunge, der sich um Fulmen
kümmern sollte, erschien mit einer Eile, die es nur zu deutlich machte, daß
man sie von unserer Ankunft benachrichtigt hatte und daß sie uns bereits
einige Zeit erwarteten.
Maximus stieg vom Pferd und war auch mir beim Absteigen behilflich, dann
nahm er die Tasche, die er am Sattel befestigt hatte, und während er einige
Worte mit dem Stalljungen wechselte, erschien Nicia oben auf der Treppe und
eilte herab, uns zu begrüßen. Das Gesicht meiner griechischen Zofe trug den
perfekten Ausdruck respektvoller Höflichkeit, aber sie konnte es nicht
verhindern, daß aus ihren braunen Augen eine Mischung aus Übermut, Freude
und weiblicher Komplizenschaft sprühte. Wären die Umstände nur andere
gewesen, hätte ich die Stirn über die platte Vertraulichkeit des wissenden
Ausdrucks in ihren Augen gerunzelt, aber wie schon am Morgen zwei Tage zuvor
war da etwas seltsam Tröstliches in ihrem Verhalten, und bevor ich es noch
verhindern konnte, ertappte ich mich dabei, wie ich Nicia ein strahlendes
Lächeln schenkte.
Sich der Wichtigkeit seiner Stellung als mein
Verwalter immer bewußt, eilte Athenodorus, so schnell es ihm sein lahmes
Bein erlaubte, die Treppe herab und begrüßte mich mit einer tiefen
Verbeugung und einigen Willkommensworten. Der ehemalige Werftvorarbeiter
hatte es in der Kunst der Verstellung nie so weit gebracht wie seine Frau,
und so zierte sein Gesicht ein breites, freudiges Grinsen, das mich
zweifellos zu einem Stirnrunzeln veranlaßt hätte, wäre Nicia nicht schnell
und entschlossen eingeschritten. Sie nahm die Tasche und drückte sie ihm in
die Hand, dann schob sie Athenodoros zurück in Richtung des Hauses. Aber sie
bewegte sich nicht schnell genug um verhindern zu können, daß ich in den
Augen ihres Mannes den Anflug von etwas entdeckte, das zu identifizieren
mich einen Augenblick kostete. Und als mir klar wurde, daß es sich um etwas
handelte, das väterlicher Freude, die ich nie hatte kennenlernen dürfen,
sehr nahe kam, glühten meine Wangen derart heftig, daß ich einen Moment lang
wünschte, ich hätte mehr Zeit in der Sonne verbracht, so daß ich sie für die
Farbe meiner Wangen hätte verantwortlich machen können.
Ich
dankte Nicia mit einem reichlich verkrampften Lächeln. Da ich es eilig
hatte, in den Schutz meiner privaten Zimmer zu flüchten, wandte ich mich
Maximus zu, der die Treppe hinaufstieg, und streckte ihm meine Hand
entgegen. Automatisch ergriff er sie.
Ich war mir der Tatsache, daß alle Blicke auf uns
ruhten, nur allzu bewußt, daher schluckte ich und blickte dann zu ihm auf.
Halb erwartete ich, in seinen Augen einen Anflug von Verlegenheit zu
entdecken, nachdem er sich erst einmal der Aufmerksamkeit des Publikums
bewußt geworden war. Öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung entspricht
nicht römischer Sitte, die Würde und Achtung schon immer über Zärtlichkeit
und Fürsorge gestellt hat. Bei öffentlichen Auftritten verhalten selbst
verheiratete Paare sich entweder geschäftsmäßig nüchtern oder mit einer
formellen Steifheit, gehen aber niemals zärtlich miteinander um. Ich
vermute, daß diese Sitte darin begründet ist, daß die meisten römischen Ehen
arrangiert sind und Liebe nur eine geringe oder gar keine Rolle in denselben
spielt. Für die meisten Paare bedeutet Ehe schlichtweg, daß die Frauen ihrer
Pflicht nachkommen und Kinder zur Welt bringen oder bei deren Geburt
sterben, während ihre Männer sich in den zahlreichen Bordellen der Stadt
oder in den dunklen Gassen Roms vergnügen.
Sollte Maximus die Neugier meiner Dienerschaft zur Kenntnis genommen haben,
dann ließ er es sich nicht anmerken und schenkte mir statt dessen sein
schönstes jungenhaftes Lächeln, und ich fühlte, wie meine Wangen abermals
erröteten - diesmal allerdings aus purer Freude.
Wir
verharrten einen Moment lang und hielten einander oben auf der Treppe an den
Händen, während ich sein Lächeln schüchtern erwiderte. Wir hätten sehr wohl
die einzig lebenden Menschen auf dieser Erde sein können, denn wir waren
taub und blind für jeden und alles um uns herum. Es war einer jener
einzigartigen, vollkommenen Augenblicke, in denen die Zeit stillzustehen und
alles möglich zu sein scheint. Einer jener einzigartigen, vollkommenen
Augenblicke, in denen Du das Gefühl hast, daß Du die Ewigkeit nicht nur
bereits erblicken, sondern sie sogar ergreifen und in Besitz nehmen kannst
... denn es ist in diesen schlichten und dennoch vollkommen glücklichen
Augenblicken, daß Du eine Ahnung von Dingen bekommst, die groß genug sind,
um Dich Demut zu lehren - groß wie das Leben und die Ewigkeit.
Ein
diskretes Hüsteln zu meiner Rechten brachte mich schlagartig in die
Wirklichkeit zurück, und wir machten uns auf den Weg zu meinen privaten
Räumen, wo wir ohne weitere Zwischenfälle anlangten - abgesehen von ein paar
verstohlenen neugierigen Blicken einiger Diener, die ihre Augen jedoch
schnell wieder abwandten. Ich wußte, daß Apollinarius irgendwo hier sein
mußte, aber er blieb unsichtbar, und insgeheim dankte ich dem Mann, der mein
Lehrer gewesen aber vor allem der beste Freund war, den man sich denken
konnte.
Als
wir meine privaten Räume betraten, blieb ich nicht im Wohnzimmer stehen
sondern marschierte direkt auf das Schlafzimmer zu. Dabei war ich mir der
Tatsache wohl bewußt, daß ich kurz davor stand, eine weitere Schwelle zu
überschreiten - wenn es auch nur eine symbolische war. Aber für eine
ungläubige Frau wie mich sind Symbole - im Gegensatz zu Zeichendeutern und
Wahrsagern - sehr bedeutungsvoll, und die Schwelle, die Hand in Hand mit
Maximus zu überschreiten ich im Begriff war, würde für mich ebenso bedeutsam
sein wie jene, die wir ebenfalls gemeinsam in der Kabine der Poseidon
überschritten hatten.
Keinem Mann war es je erlaubt gewesen, das Heiligtum meines Schlafzimmers zu
betreten - mit Ausnahme von Apollinarius ... und auch ihm nur einige wenige
Male. Weder Ehemann noch Liebhaber hatten je den Raum betreten, in dem ich
mich gegen jegliche Verwundbarkeit verbarrikadiert hatte und nur die
Gesellschaft meiner Bücher, meiner Katzen und meiner Erinnerungen an Maximus
duldete. Weder Ehemann noch Liebhaber hatten je das große Himmelbett mit mir
geteilt, in dem ich schlief - kalt und einsam, Nacht für Nacht, in wachen
Stunden von dem einzigen Mann träumte, den ich je geliebt hatte. Und
manchmal war ich so glücklich gewesen, daß ich auch im Schlaf von ihm
träumte. Weder Ehemann noch Liebhaber hatten mich je im sanften Licht des
frühen Morgens wachgeküßt oder mich während der dunkelsten Stunden der Nacht
in den Arm genommen, wenn ich mich trotz Freiheit und Macht und Reichtum
plötzlich so leer, so verletzlich, so zerbrechlich fühlte, daß ich
befürchtete, allein das Gewicht einer Feder würde ausreichen, mich zu
erdrücken.
Aber
das war Vergangenheit, und alles, was zählte, war die Gegenwart, das Hier
und Jetzt, denn es war genau dieses Hier und Jetzt, für das
ich jede einzelne Minute meines Lebens gelebt hatte. Ich öffnete die schwere
geschnitzte Eichentür, wandte mich Maximus zu und lächelte ihn wieder an,
dann betrat ich mein innerstes Heiligtum Hand in Hand mit dem Mann, der an
meiner Seite hätte alt werden sollen, wenn die Welt nur gerechter und die
Götter ein wenig menschlicher wären ...
Maximus blieb wie angewurzelt stehen.
Ich
drehte mich um.
Meine
Augen wurden weit.
Ich
glaube, wir hielten beide die Luft an, auch wenn wir unser Bestes taten, um
unsere Überraschung zu verbergen.
Ich
schluckte krampfhaft.
Das
war mein Schlafzimmer, ja, aber gleichzeitig war es das auch nicht.
Irgendwie sah es vertraut aus, aber gleichzeitig auch wieder völlig anders.
Natürlich war es der gleiche große, luftige, sonnige Raum, der sich
zur Terrasse hin öffnete, der mit dicken orientalischen Teppichen bedeckte
Marmorboden, die Wände, die statt Wandgemälden Täfelungen in warmem
Honiggelb mit schmalen Goldstreifen trugen, die hohe, mit stilisierten
Girlanden aus Blumen in weichen Pastellfarben bemalte Decke ...
Es
war derselbe große Raum, reich möbliert mit herrlichen Schränken und Truhen
von Kaufleuten und Antiquitätenhändlern aus der ganzen Welt, mein
Frisiertisch, auf dem unzählige Parfumflakons und Lackdosen standen, ein
polierter Spiegel, in dem ich Tag für Tag verloren mein Spiegelbild
betrachtete, das bequeme Lesesofa, auf dem ich es mir mit einem guten Buch
und einer warmen Katze gemütlich machte. Derselbe Raum mit eleganten Sesseln
und Stühlen, auf denen nie ein Besucher gesessen hatte, ein paar Tische und
ein riesiges Himmelbett, das meinen Schlaf und meine Träume, meine
Erinnerungen und meine Einsamkeit fünf Jahre lang gesehen hatte.
Ich
hatte meine privaten Wohnräume geliebt, seit ich sie das erstemal betreten
hatte. Im Laufe der Jahre hatte ich sie mit Gegenständen eingerichtet, die
schön waren aber vor allem bedeutungsvoll denn - wie ich bereits sagte -
sind selbst für ungläubige Menschen wie mich Symbole sehr bedeutungsvoll.
Und für diese Art Menschen genügt es nicht, daß Dinge einfach nur schön
sind, um von uns wertgehalten zu werden, sondern sie müssen auch eine
Bedeutung haben, uns etwas erzählen.
Ich liebte meine Wohnung, und besonders liebte ich
mein Schlafzimmer, das schlagende Herz jener Ecke des Hauses, in die ich
mich zurückziehen konnte, wann immer ich nachdenken, mich ausruhen, etwas
planen oder schlicht an die Vergangenheit denken wollte, sei es im Zorn oder
- immer häufiger - einfach nur voller Melancholie. Es war immer ein
erlesener Raum gewesen, ein Ort, der von Reichtum, gutem Geschmack und
sorgfältig gehüteter Privatsphäre zeugte, ein Tempel, errichtet, sowohl um
einem sorgenschweren Herzen und einem unruhigen Geist Frieden zu geben, als
auch um irdischer Schönheit und vornehmer Zurückgezogenheit zu huldigen, die
dazu bestimmt waren, schmerzvolle Einsamkeit zu verbergen.
Über
meinem Schlafzimmer hatte immer etwas wie ein Zauber gelegen, aber jetzt war
dieser Zauber stärker und anders. Der Raum strahlte im goldenen Licht vieler
Lampen. Dutzende herrlicher blutroter Rosen standen in eleganten Glas- und
Alabastervasen, und ihr Duft erfüllte den Raum zusammen mit dem würziger
Hölzer, welche in einem Kohlebecken aus Messing brannten. Die
durchscheinenden Vorhänge, welche anmutig vom Himmel meines Bettes
herabfielen, waren gelöst worden und wehten in der sanften, salzigen
Abendluft. Auf einem kleinen Tisch neben dem Bett teilten sich blaue und
grüngoldene Trauben eine silberne Schale mit samtigen Pfirsichen und
polierten Äpfeln. Auf einem lackierten Tablett warteten zwei Kelche und eine
passende golden-silberne Karaffe darauf, unseren Durst zu stillen. Auf
meinem Lesesofa lag ein zartes cremefarbenes, mit Gold besticktes Gewand
bereit, und darunter lugten ein Paar passende Seidenpantoffeln hervor. Auf
dem Deckel der Truhe, die am Fußende meines Bettes stand - derselben, in
welcher ich Maximus' Sklaventunika versteckt hatte - lagen sorgfältig
zusammengefaltet die Kleidungsstücke, die ich für ihn gekauft hatte ...
Ich
ließ Maximus' Hand los und tappte argwöhnisch in Richtung des Bettes wobei
ich verstohlene Blicke auf die durchscheinenden Vorhänge warf. Ganz gleich
wie müde ich auch war, pflegte ich regelmäßig im Bett noch ein Stündchen zu
lesen, und die Vorhänge blieben immer an den Bettpfosten festgebunden, um zu
verhindern, daß sie in das Feuer der Öllampen wehten und es zu einem Unglück
käme. Der duftende Rauch aus den Kohlebecken reichte völlig aus, um die
nächtlichen Insekten fern zu halten.
Mit
den sanft in der abendlichen Brise wehenden Vorhängen sah das Bett ebenso
fremd aus wie das Zimmer selbst - vielleicht sogar noch fremder. Es wirkte
wie ein weicher, glänzender Kokon, bereit, etwas unendlich Schönes und
Zerbrechliches in sich aufzunehmen und es vor der Härte einer drohenden Welt
zu beschützen. Oder wie ein magischer Nachen, die aus den Nebeln von
Legenden auftauchte, bereit, uns fortzutragen, wenn wir nur wagen würden, an
Bord zu gehen ...
Während ich schweigend das Bett betrachtete, konnte ich fühlen, wie auch
Maximus' Augen daran hingen. Da war noch etwas anderes, aber mein Verstand
weigerte sich, den Gedanken zu Ende zu denken.
Etwas
Besonderes.
Faszinierendes.
Und
dann dämmerte es mir plötzlich.
Das
war nicht mehr mein elegantes aber kaltes und einsames Bett.
Das
war weder ein Kokon noch ein magischer Nachen.
Das
war vielmehr ein Brautbett.
Und
mit der gleichen verblüffenden Klarheit wurde mir bewußt, daß auch Maximus
es wußte.
Ich
kaute auf meiner Unterlippe und spähte durch die durchscheinenden
Bettvorhänge. Meine gewöhnliche bronzefarbene Bettdecke hatte man
weggenommen und frisches leinenes Bettzeug einladend zurückgeschlagen, die
vielen Federkissen warteten aufgeschüttelt auf uns.
Ich
kaute heftiger an meiner Unterlippe und näherte mich dem Bett um einen
weiteren Schritt. Beinahe fürchtete ich, Rosenblätter auf den makellos
weißen Laken zu finden, und heimlich schwor ich, Nicia den Hals umzudrehen,
sollte dies der Fall sein ... und war doch seltsam enttäuscht, als ich keine
Rosenblätter fand ...
~~~~~~~~~~~~~~~~~
Eine
zarte Berührung auf meine Wange weckte mich aus meinen Träumen. Es war eine
kurze, flüchtige Wahrnehmung aber eindeutig kein Produkt meines
träumerischen Zustandes. Ich runzelte die Stirn. Hinter mir stand Maximus
immer noch unbeweglich, ich spürte seinen warmen, gleichmäßigen Atem im
perfekten Rhythmus mit dem sanften Rauschen der Brandung in meinem Nacken.
Ich war so vertraut mit den Geräuschen, den Gerüchen und dem Rhythmus des
Meeres, daß mir die salzige Brise sagte, es müsse kurz vor Sonnenaufgang
sein. Sollte ich genug Willenskraft und Stärke aufbringen, um die Augen zu
öffnen, dann würde ich den im Licht der frühen Sonne glühenden Himmel sehen,
den Horizont schimmernd in Rotgold - der Farbe meines Haares ...
"Gleicht Dein Haar immer noch ... einem Sonnenaufgang?"
O ja.
Maximus selbst hatte meine Haarpracht mit den Flammen der Morgensonne
verglichen ...
Ich
entspannte mich wieder und seufzte. Schläfrigkeit überfiel mich von neuem.
Es war so süß, so gut, hier zu sein, in diesem Bett, eingehüllt in
hauchdünne, wehende Seidenvorhänge, und Maximus' Nähe und Wärme zu genießen
...
Ich
war kurz davor, wieder einzuschlafen, als ich die flüchtige zarte Berührung
wieder auf meiner Wange spürte.
Es
konnte keiner der von der Brise bewegten Vorhänge sein, denn ich lag fast in
der Mitte des Bettes, das groß genug war, um sechs Personen Platz zu bieten.
Auch Rubia konnte es nicht sein, denn da war kein heftiger Plumps gewesen,
der die Landung der schweren Katze auf der Matratze verraten hätte. Wenn das
große grünäugige Tier mich wecken oder aus dem Bett locken wollte, dann
drückte sie gewöhnlich ihren Kopf gegen mein Kinn, und sollte das keinen
Erfolg zeitigen, machte sie sich an meinem Haar zu schaffen.
Vorsichtig öffnete ich ein Auge.
Der
Raum war von einem intensiven rosigen Licht erfüllt, das, durch die feinen
Bettvorhänge gefiltert, der zarten Färbung einer durch ein Stück edelsten
Alabasters betrachteten Flamme glich. Selbst wenn mein Haushalt vermutlich
bereits seit einiger Zeit mit seinen täglichen Pflichten beschäftigt war,
blieb es in diesem Teil der Villa doch still. Man hörte nur das
morgendliche Zirpen der Vögel unten in den Gärten und das nie endende
Rauschen der nahen Brandung.
Dann
bemerkte ich in meinem Augenwinkel eine Bewegung.
Ich
öffnete die Augen weit ... und direkt über mir - nur wenige Zentimeter über
meinem Gesicht - tanzte anmutig in der Luft ein Schmetterling.
Ich
hielt den Atem an.
Der
Schmetterling drehte Pirouetten vor meinen Augen und kreiste dann über
meinem Kopf, während ich seinen Bewegungen zu folgen versuchte, ohne das
Tierchen zu beunruhigen oder Maximus zu wecken. Einen Moment lang schien es
in der Luft zu hängen, dann landete es graziös direkt vor meinen Augen auf
einem der Bettvorhänge.
Konzentriert runzelte ich die Stirn und studierte die kleine Kreatur. Es war
nur ein Fetzen goldbraunen Samtes, die Spannweite der Flügel maß kaum fünf
Zentimeter, und auf jedem Flügel prangte ein vollkommener blaugrüner Punkt
in der Farbe einer Pfauenfeder.
In
der Farbe von Maximus' Augen ...

Ich
blinzelte.
Der
Schmetterling bewegte seine Flügel als wolle er mir antworten.
Ich
mußte einfach kichern.
"Was
gibt es da zu lachen?" fragte eine angenehm tiefe Stimme hinter mir.
Ein
Schauer lief mir über den Rücken
"Du
bist schon wach?"
"Ich
bin schon eine ganze Weile wach ... "
Maximus klang noch ein wenig schlaftrunken aber schon recht munter.
Als
habe er meine Gedanken gelesen und um zu beweisen, wie munter er war,
preßte er seinen Körper an mich.
Ein
weiterer Schauer lief mir über den Rücken.
Offenbar irritiert, weil ich ihm nicht meine ungeteilte Aufmerksamkeit
schenkte, bewegte der Schmetterling abermals die Flügel und forderte
hoheitsvoll eben jene Aufmerksamkeit ein.
"Öffne die Augen ... "
"Woher weißt Du, daß meine Augen nicht offen sind?"
Über
den neckenden Unterton in seiner verschlafenen Stimme mußte ich lächeln.
"Wenn
Deine Augen offen wären, dann würdest Du nicht fragen, was es da zu
lachen gibt ... "
Maximus lachte leise in mein Haar hinein, küßte meinen Nacken und stütze
sich dann auf einen Ellbogen, während sein anderer Arm noch immer auf meiner
Taille ruhte. Als ich die weiche, geschmeidige Bewegung seiner Muskeln
spürte, drückte ich unwillkürlich meinen Rücken gegen den warmen Samt seiner
breiten Brust, was ihm wiederum ein tiefes, genüßliches Brummen entlockte.
Dann entdeckte er das samtene Tierchen, das sanft auf dem zarten Stoff der
von der Brise bewegten Vorhänge schaukelte.
"O",
sagte er, und seine tiefe männliche Stimme war so voll jugendlichen,
unschuldigen Staunens, daß ich an die schönen, lachenden, lebhaften Kinder
in meinem Traum denken mußte. Jene geträumten Kinder, die von seinem Blut
waren ...
"Ist
er nicht wunderschön?" flüsterte ich.
"Das
ist er wirklich", sagte Maximus und machte es sich an meinem Rücken noch
etwas bequemer, sein bärtiges Kinn legte er dabei auf meine nackte Schulter.
"Und wie ist Dein kleiner Freund hier hereingekommen?"
Es
war irgendwie seltsam erregend, diese tiefe erotische Stimme zu hören, ihre
Schwingungen in seinem breiten, gegen meinen Rücken gepreßten Brustkorb zu
spüren, die Wärme seines Körpers zu genießen, ohne ihn dabei anzusehen.
"Er
muß aus den Gärten gekommen sein und sich in den von Nicia vorgezogenen
Bettvorhängen verfangen haben ... " sagte ich, die Augen weiter auf den
Schmetterling geheftet, der noch immer in majestätischem Gleichmut die
Flügel bewegte. Während ich sprach, schob ich langsam und vorsichtig meine
Hand näher an das geflügelte Tierchen heran.
Ich
brauchte Maximus nicht anzusehen, um zu wissen, daß er meinen Bewegungen mit
gespannter Aufmerksamkeit folgte. Offenbar war er fasziniert von dem, was
ich tat, hielt es aber für besser, keine Fragen zu stellen.
Ich
hielt den Atem an und streckte dem Schmetterling langsam einen Finger
entgegen, hielt jedoch augenblicklich inne, als er leicht zitterte und
Anstalten machte davonzufliegen.
Die
samtenen Flügel schlugen argwöhnisch und die blaugrünen Punkte schienen mich
mißtrauisch zu beobachten.
Ich
wartete einen Augenblick lang.
Zwei.
Drei.
Dann
streckte ich den Finger wieder aus, bewegte mich mit äußerster Vorsicht.
Schließlich berührte ich den Schmetterling, zeichnete die feinen Umrisse
eines seiner zarten Flügel nach ...
Hinter meinem Rücken hielt Maximus die Luft an.
Die
kleine Kreatur bewegte sich nicht.
Ich
hielt inne, gab ihr Zeit, sich an meine Berührung zu gewöhnen, denn ich war
mir bewußt, daß eine plötzliche Bewegung den Schmetterling verscheuchen
würde ... und daß er sich bei einer überstürzten Flucht leicht seine zarten
samtigen Flügel brechen konnte.
Er
bewegte sich nicht - bis auf das regelmäßige Schlagen seiner Flügel, die
aussahen, als seien sie mit Edelsteinen besetzt.
Noch
einmal folgte ich mit dem Finger seinen Umrissen.
Das
Tierchen zitterte leicht, schlug dann nochmals mit den Flügeln und die
blaugrünen Punkte erschienen mir wie blinzelnde Augen, die mich anschauten.
Ich
biß mir auf die Unterlippe und streichelte es ein weiteres Mal.
Das
Zittern ließ nach und das kleine Ding duldete mich noch einen Moment lang,
dann schoß es plötzlich in die Höhe und ließ sich in der majestätischen
Einsamkeit unseres Betthimmels nieder - ein goldbraunes Dreieck direkt über
unseren Köpfen.
"Du
hast es gekitzelt ... " murmelte Maximus und spielte dabei zärtlich mit
meinem Nabel.
Ich
kicherte.
Maximus' Finger hielt mitten in der Bewegung inne. Ich brauchte ihn nicht
einmal anzusehen um zu wissen, wie seine linke Augenbraue sich fragend hob.
"Kitzelig?" hauchte er an meinem Ohr, und mein Körper überzog sich
augenblicklich mit einer Gänsehaut.
"Maximus ... " warnte ich ihn, aber es war schon zu spät, und ich wand mich
und quietschte bereits unter seinen Händen.
Während ich gegen seine kitzelnden Hände kämpfte, verlor er keine Zeit, nahm
mich in die Arme, und - atemlos und keuchend - fand ich mich gegen die
warme, lebendige Mauer seiner breiten Brust gepreßt. Ich blickte in
umwerfend blaugrüne Augen, die vor Humor sprühten.
"Guten Morgen, Herrin ... " flüsterte er, und mein Herz tat einen kleinen
Hüpfer.
"Guten Morgen, General ... flüsterte ich zurück und rieb meine Wange an
seiner nackten Schulter. "Hast Du gut geschlafen?"
Maximus seufzte, dann küßte er mich auf die Stirn.
"Was
denkst Du?"
Ich
lächelte zurück und vergrub mein Gesicht an seinem warmen Nacken, atmete
begierig seinen männlichen Duft ein.
Es
hatte einen peinlichen Moment gegeben, als es Zeit wurde, zu Bett zu gehen.
Wir
hatten den Rest des Abends auf der Terrasse verbracht, die milde Luft
genossen, ein leichtes Abendessen und etwas Wein zu uns genommen, die Katzen
gefüttert und mit ihnen gespielt. Wir hatten auch ein wenig geplaudert oder
einfach nur gemeinsam geschwiegen. Beides brachte uns einander so nahe, daß
es beinahe körperlich weh tat.
Allmählich wurde es still in der Villa. Wir lagen auf dem Ruhebett, das auf
der Terrasse stand, beobachteten den Mond, der über den mit Sternen
übersäten Himmel segelte, lauschten dem beruhigenden Rauschen der Brandung
und teilten die Wärme unserer Körper.
Es
war Maximus gewesen, der irgendwann vorgeschlagen hatte, zu Bett zu gehen,
und erst da bemerkte ich, wie müde ich war. Ich traute meiner Stimme nicht
und nickte daher nur zustimmend. O ja, das Glück kann so anstrengend sein.
Lächelnd erhob sich Maximus und half auch mir auf, dann kehrten wir Hand in
Hand ins Schlafzimmer zurück. Während wir auf der Terrasse gewesen waren,
mußte Nicia im Zimmer gewesen sein. Sie hatte die Dochte der meisten Lampen
heruntergedreht, und ein heimeliges, gedämpftes, goldenes Licht hatte das
helle Strahlen ersetzt, welches uns willkommen geheißen hatte. Ein
hauchdünnes cremefarbenes Nachthemd lag auf meiner Lesecouch bereit, und
Maximus' Tunika für die Nacht ergoß sich weinrot über einen neben der Couch
stehenden vergoldeten Stuhl.
Schüchternheit überkam mich plötzlich, und ich wandte meine Augen von den
intimen Vorkehrungen ab, die meine Zofe für unsere erste Nacht in meinem
Schlafzimmer getroffen hatte. Aber da fiel mein Blick auch schon auf das
riesige Himmelbett. Im milden Licht glänzten die durchscheinenden
Bettvorhänge sanft wie das Perlmutt im Inneren einer Muschel und ich mußte
unwillkürlich wieder an Aphrodite denken wie sie - gereinigt und erneuert -
dem Fest der Liebe entgegensegelte *1.
Es war ein peinlicher Moment gewesen, denn weder
die glühende, wahnsinnige Leidenschaft unserer ersten Vereinigung noch das
sanfte, träumerische Liebesspiel, während der Regen auf das Kabinendach der
Poseidon tropfte, hatten uns auf die äußerste Intimität dieses Augenblicks
vorbereitet. Plötzlich verschwand die Leichtigkeit, mit welcher wir selbst
vor sechs Jahren zusammengekommen waren, und an ihre Stelle trat eine
verlegene Befangenheit. Hier ging es nicht nur darum, daß wir uns einander
schenkten, nicht nur um die Begierde unserer liebeshungrigen Körper. Es ging
nicht um die Vereinigung unserer Körper, zu der Mann und Frau geboren sind.
Statt dessen ging es hier um einfache, alltägliche, häusliche Dinge, wie sie
nicht Liebende mit einander teilen sondern Ehemann und Ehefrau.
Und beide waren wir uns dessen schmerzhaft bewußt.
Es
war Maximus, der das Schweigen brach.
"Welche ist Deine?"
Ich
war dankbar für die Unterbrechung, verstand aber nicht die Bedeutung seiner
Frage, also drehte ich mich um und blinzelte ihn fragend an.
Er
bedachte mich mit einem von diesen kleinen Lächeln, die mein Herz immer
einen Hüpfer tun lassen.
"Deine Seite des Bettes", sagte er leise. "Welche ist Deine?"
Ich blinzelte nochmals, diesmal auf der Suche nach
einer Antwort - wie lahm sie auch immer sein mochte. Wie sollte ich ihm
erklären, daß ein Geist zwar manchmal sogar ein wenig Wärme in ein leeres
Bett zu bringen vermag, daß er aber keinen Platz beansprucht, und ich daher
keine Seite meines Himmelbettes bevorzugte? Wie sollte ich ihm von den
Nächten erzählen, in denen ich mich auf der endlosen Weite meiner weichen
Matratze hin und her geworfen habe, während ich im Traum nach seiner
verlorenen aber nicht vergessenen Wärme jagte? Oder wie sollte ich ihm von
jenen Nächten erzählen, in denen ich heiß und keuchend erwachte - weil ich
sie gefunden hatte?
Aber
Maximus wartete. Also zwang ich mich zu antworten.
"D...
Die linke", stammelte ich --- nicht weil es die Wahrheit war, sondern weil
es einleuchtend schien.
"In
Ordnung", sagte Maximus.
Keiner von uns rührte sich.
____________________
*1 Julias Tagebuch, Teil
2, Kapitel 22b |