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Schatten über der Provence |
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Kapitel 6
Ob es an den bereits eingenommenen Schlafmitteln lag, oder ob man sie mit Beruhigungsspritzen voll gepumpt hatte, liegt nicht wirklich auf der Hand, doch sie erwacht erst am nächsten Tag, als es schon auf Mittag zugeht! Sie ist allein in dem weißen, sterilen Raum. Kreislaufstärkende Glukose tropft langsam in ihre Venen, und als sie vollkommen wach ist, fragt Amelie sie sich, was sie nun beginnen sollte. Müde und matt ist sie immer noch. Und sie hat ihr Haus verloren, ihre Werkstatt sicher auch. Natürlich war da die Versicherung, dennoch…., wo sollte nach ihrer Rückkehr wohnen? ‚Doch Du lebst’, flüstert es leise in ihr. Fast unwillkürlich nickt sie bestätigend. Ja, sie lebte. Ihre Fingerspitzen gleiten über ihr Gesicht, sie fühlt die winzig schmalen Streifen der Heftpflaster, die hier und da einen Kratzer bedecken. „Ich brauch’ einen Spiegel“, murmelt sie unglücklich, und erst nach und nach kehrt die Erinnerung an die unglaubliche Nacht zurück, und das Feuer, das ihr fast zum Verhängnis wurde. Sie muss einfach an eine göttliche Fügung glauben, dass ihre besten Stücke sicher auf dem Weg nach England waren oder vielleicht sogar schon dort angekommen sind. So war zumindest ihr Lebenswerk gerettet! Und Mauern konnte man aufbauen. Sie bemerkt die beiden Koffer neben dem Wandschrank und atmet erleichtert auf. Ein paar Kleidungsstücke waren ihr also geblieben, das Wichtigste eben, für die nächste Zeit, ein paar Wochen! Daniel kommt ihr in den Sinn, und Philippe. Sie wird von gemischten Gefühlen befallen. Wenn sie nicht alles nur geträumt hatte, Dann war dieser Schauspieler, der so plötzlich und unverhofft in ihre friedliche Welt eingebrochen war, mit ihr in Dieses Hospital gefahren, und hatte Philippe Derrieu zuvor noch eine saftige Abfuhr erteilt. Sie kann sich kaum vorstellen, dass irgendjemand anders je so mit Philippe gesprochen hatte! Nicht mal seine verwöhnte Tochter! Sie gluckst vergnüglich vor sich hin, und eines der Pflaster an ihrem Kinn zieht etwas unangenehm dabei. Wahrscheinlich war Dan schon unterwegs nach Hause, das hatte er ja vor gehabt. Schade, sie hätte ihm gern noch persönlich gedankt! Aufatmend entspannt sie sich allmählich, und stellt fest, dass es ihr den Umständen entsprechend recht gut geht, nichts tut wirklich weh! Und Verbrennungen dürfte sie auch keine davon getragen zu haben. Die Kehle fühlt sich ein wenig rau an, vor allem beim Schlucken. Aber sonst scheint sie soweit unversehrt zu sein. Adrenalin durchströmt sie heiß, als sie daran denkt, dass ihr Flug heute Morgen ging und sie nicht in der Maschine saß, wie vorgesehen. Bis zur Eröffnung der Messe waren zwar noch fast sieben ganze Tage Zeit, trotzdem, sie hätte gerne alles unter Dach und Fach gehabt, bevor es in London richtig losging. Vorsichtig rutscht sie zur Bettkante und setzt sich auf. Na prima! Sie war noch ganz und hat nur eines im Sinn: so rasch wie möglich aus diesem Spital zu entfleuchen, bevor Philippe hier auftauchte und der ganzen, genug dramatischen Situation noch einen Theaterreifen Anstrich gab! Also aufstehen, anziehen und den Leuten hier danken, doch Dann, nichts wie weg, am besten direkt zum Flughafen und auf die nächste Maschine warten! Bevor sie sich auf die etwas wackeligen, eigenen Beine stellen kann, um ihren Vorsatz in die Tat umzusetzen, hält ein energisches Klopfen sie davon ab. Man wartet keine Aufforderung ihrerseits ab, einzutreten. Ein Gendarm tritt ins Zimmer, salutiert leicht und erkundigt sich höflich nach ihrem Befinden. Sie versichert, dass sie vollkommen in Ordnung sei und deshalb wieder,…nun, fast hätte sie ‚nach Hause gehen zu wollen’ gesagt, besinnt sich aber rechtzeitig und verbessert sich rechtzeitig: „Ich muss Dann wohl gehen, ich habe einiges vor!“ Der Beamte nickt verständnisvoll. „Kann ich verstehen, nach diesem Malheur!“ Sie lächelt dankbar, doch wartet, Denn er scheint noch etwas auf dem Herzen zu haben und schon fährt der Mann nach einem leisen Räuspern fort: „Wir haben ihr Grundstück untersucht, Mademoiselle. Nach Spuren gesucht, dem Brandherd! Und ich muss Sie dazu etwas sehr Wichtiges fragen…“ Sie horcht auf, verwundert und gespannt. „Tja“, beginnt der Polizist erneut, „haben Sie irgendwelche Feinde, oder hat man Ihnen vielleicht das Angebot gemacht, Ihren Besitz zu kaufen, das sie jedoch abgelehnt haben?“ Sie schüttelt sprachlos und verneinend den Kopf. „Nichts von beiden, Monsieur l’agent! Welche Feinde? Ich verstehe rein gar nichts!“ „Das werden Sie jedoch, wenn ich Ihnen bedauerlicher Weise mitteilen muss, dass man das Feuer hinter ihrem Haus absichtlich und ziemlich unprofessionell gelegt hat. Ein paar abgebrochene Zweige und etwas Benzin darauf haben ausgereicht, um Diese Katastrophe auszulösen, nicht zuletzt hat der Täter den starken Wind, der gestern blies, mit eingerechnet und die Auswirkung des ganzen sehr bewusst heraufbeschworen haben.“ Der Mann sieht den Schrecken in den Augen der jungen Frau und er zuckt bedauernd die Schultern. Amelie ist es, als greife eine kalte Hand nach ihrer Kehle und trotz der warmen Luft in dem Raum, wird ihr sehr kalt, sodass sie schutzsuchend nach ihrem Bettlaken greift und es bis zum Kinn hochzieht. „Sie müssen sich geirrt haben! Das ist unmöglich!“ Stammelt sie. Er versucht sie zu beschwichtigen, als er ihre totenbleiche Miene sieht. „Ich Denke nicht, dass man sie ernsthaft verletzen wollte, aber einen kleinen Schreck hat Ihnen doch jemand einjagen wollen. Doch dieser Jemand hat nicht mit dem abgebrochenen Ast vor ihrer Wohnungstür gerechnet, der Ihnen den Weg nach draußen versperrte. Das war allein Naturgewalt! Es wurde aus diesem albernen Streich also versuchter Totschlag, oder gar Mordversuch, kommt dann auf den Richter an! Also, wir von der Brigade tippen eher doch auf einen dummen Jungenstreich, Halbwüchsige vielleicht, die zu tief in die Flasche geblickt haben! Die wissen ja heutzutage nicht, womit sie sich die Zeit vertreiben sollen, diese Kinder! Ein Glück, dass die Feuerwehr so rasch informiert wurde und eingreifen konnte!“ „Wer sollte…?“ Ihre Frage bleibt unvollendet. „Wir kriegen das schon raus, verlassen Sie sich darauf! Und ich möchte dann nicht in der Haut der Verantwortlichen stecken! Aber wohin werden Sie einstweilen gehen können? Haben Sie Verwandte in der Nähe oder sonst wo, Mademoiselle?“ Sie will erwidern, dass sie ohnehin auf Reisen ging und sich erst später den Kopf darüber zerbrechen wolle, doch kommt nicht zu ihrer Äußerung. „Nicht nötig“, Philippe Derrieu war lautlos durch die halb offen stehende Tür getreten. „Mademoiselle wohnt vorläufig natürlich bei uns, keine Frage! Sie ist mein Gast!“ Amelie starrt ihren ehemaligen Verlobten an, als käme er vom Mond. Er scheint es jedoch zu übersehen und macht ein paar Schritte auf sie zu. „Aber vorerst wirst Du ein paar Tage hier bleiben, um Dich von dem Schock zu erholen! Eine furchtbare Geschichte, armes Kind!“ An den Gendarm gewandt, ordnet er mit Befehlsgewohnter Stimme an: „Ich zähle auf Sie und Ihre Männer, dass sie den oder die Schurken bald überführen werden!“ Der Angesprochene nickt. „Klarer Fall, Monsieur, le Maire! Machen Sie sich mal keine Sorgen! Ich denke, das ist eine Frage von Stunden und nicht von Tagen, und wir haben die Verantwortlichen gefasst! Ich unterrichte Sie dann höchstpersönlich von den Ergebnissen der Untersuchung!“ Er tippt an den Schirm seiner Kappe und verschwindet nach einem freundlichen Nicken, das Amelie gegolten hat. „Ich verreise! Ich kann nicht zu Dir kommen, und ich möchte Deine Gastfreundschaft auch gar nicht in Anspruch nehmen!“ lässt Amelie leise, doch bestimmt vernehmen. Die Blicke des attraktiven Mannes gleiten über die bereit stehenden Gepäcksstücke. Ihr Einwand scheint ihn zu verwundern. „Wieso weiß ich nichts davon. Wie dem auch sei, irgendwann kommst Du sicher auch wieder zurück, Amelie! Ich möchte, dass Du dann weißt, wohin Du gehörst. Das sollte keiner weiteren Worte zwischen uns bedürfen, meinst Du nicht?“ Sie schweigt, weil sie nicht weiß, welche Antwort er erwartet, und auch gar nicht gewillt ist, ihm nach dem Munde zu reden. Er nützt die Stille aus, um weiter zu sprechen: „Ich werde die Aufräumungsarbeiten anordnen, sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind. Ich denke, das ist in Deinem Sinne und es steht der Gemeinde zu, sich darum zu kümmern, Du brauchst mir also nicht zu danken. Sobald Du dann wieder hier bist, können wir gemeinsam die Aufbauarbeiten besprechen. Ich setze mich baldmöglichst mit Deiner Versicherung in Verbindung! Du kannst auf mich zählen!“ Er blickt sie eindringlich an. „Wie immer“, fügt er bestimmt hinzu. Sie verkneift sich ein ironisches Lächeln nur mit Mühe. Er hatte sich neben sie auf die Bettkante gesetzt. Wie gerne hätte sie sich erleichtert an seine Brust sinken lassen, doch ein unbeschreibliches negatives Gefühl hält sie davon ab und sie wünscht, er würde gehen und seinen Arm nicht um ihre Schultern legen, wie er es jetzt tut! Nur nicht von ihm erneut abhängig werden! „Ich werde es mir überlegen“. Ihre Stimme klingt wenig überzeugend. Sie hatte keine Lust, jetzt mit ihm zu diskutieren. Sie kannte diesen talentierten Argumentenverfechter nur zu gut und war zu müde, noch länger seinen Worten zu lauschen, egal, wie ehrlich gemeint diese auch sein mochten. „Ich brauche das Ding hier nicht mehr“, lenkt sie ab und zeigt auf die Nadel in ihrem Arm. „Da sind die Ärzte aber anderer Meinung“, entgegnet er entschieden und haucht einen Kuss auf ihre Wange. „Du solltest auf Sie hören! Außerdem hast Du mir einen Riesenschreck eingejagt, Kind“, versichert er dramatisch. „Ich muss zugeben, einmal mehr fühlte ich, wie viel Du mir bedeutest! Wir sollten alles nochmals Überdenken, Amelie.“ Die Tür wird aufgestoßen und ein paar Blitzlichter blenden sie beide. „Keine Bilder, keine Interviews! Nicht jetzt! Danke meine Herren! Meine Verlobte muss sich erst einmal von ihrem Schock erholen! Bitte zeigen Sie Verständnis! “, befiehlt Philippe, nicht sehr überzeugend, doch der Gendarm drängt die Reporter aus dem Zimmer und postiert sich draußen vor die geschlossene Tür. Philippe streicht eine Haarsträhne aus Amelies Gesicht. „Ich glaube, wir haben beide unvernünftig und im Zorn gehadert, und zwar über Dinge, die lächerlich sind! Kleinliche Dinge! Willst Du wirklich noch warten, dann warten wir! Aber mein Antrag steht immer noch! Du bist die einzige Frau, die für mich in Frage kommt! Nimm ihn wieder zurück, bitte!“ Auf seiner Handfläche glänzt plötzlich der teure Verlobungsring, und sie blickt ihn unbehaglich an. Beinahe, als zeige er ihr eine unschöne, schwarze Spinne und nicht dieses teure Schmuckstück. Für nichts auf der Welt hätte sie jetzt noch diesen Ring zurück genommen, den er so barsch von ihr verlangt hatte. Kleinlich? Ja, das war er! Sie hatte sich nichts in dieser Richtung vorzuwerfen! „Es hat sich nichts geändert, Philippe! Wenn Dir meine Freundschaft nicht genügt, dann tut es mir leid!“ Er sieht sie fassungslos an: „Aber bist Du inzwischen nicht zur Vernunft gekommen?“ fragt er sie fassungslos. „Nach alledem?“ Was er wohl damit andeuten wollte! Sie schüttelt den Kopf. „Ich meine es ernst, Philippe. Liebe war es nicht wirklich, die mich mit Dir verband. Eine tief empfundene Dankbarkeit, Vertrautheit! Sind das nicht ebenfalls ganz wertvolle Gefühle für Dich?“ Er steht langsam auf und blickt nicht sie, sondern den Ring in seiner Hand an. „Du hast mich hingehalten, all die Jahre! Hast mich glauben lassen, dass wir zusammen gehören! Ich wollte Dich zu meiner Frau machen! Du lehnst mich auf eine Weise ab, als wäre ich ein Schuljunge! Das nennst Du Dankbarkeit?“ Seine Worte hageln tief verletzt auf sie herab. „Wenn man Freunde wie Dich hat, meine Liebe, braucht man keine Feinde mehr!“ Er wendet sich ab, macht Anstalten zu gehen. Amelie ruft ihm leise hinterher: „Das Gleiche könnte ich auch von Dir sagen, Philippe, es tut mir leid, dass Du so reagierst! Ich habe Dich für großmütiger gehalten, als Du ihn Wahrheit bist! Man kann nicht immer gewinnen! Nicht einmal Du!“ Als er sie ansieht, zeichnet ein höhnisches Lächeln seine Züge. „Wenn Du Dich da nur nicht irrst, Amelie! Du scheinst mich schlecht zu kennen!“ Eine Krankenschwester tritt ins Zimmer, schenkt ihm ein bezauberndes Lächeln, und es hat den Anschein, als würde sie gleich einen Knicks vor seiner Hoheit machen. Seine Miene wandelt sich schlagartig und wird charmant. „Kümmern Sie sich weiterhin gut um sie, Schwester Nadja“, ihren Namen hat er dem kleinen Ansteckschild auf ihrer Brust entnommen, „und halten sie mich auf dem Laufenden, wenn es Veränderungen gibt, ja? Egal welche!“ Die Pflegerin nickt ergeben, errötet etwas und nimmt seine Visitenkarte in Empfang. „Jederzeit, Tag und Nacht! “, setzt er hinzu. Als er bereits an der Tür ist, scheint er sich einer Sache zu besinnen, greift nach der rechten Hand der Frau und legt den wertvollen Ring hinein. „Ach ja, und das ist für Sie!“ Er ist schon draußen, bevor die Schwester noch erkennen kann, welch wertvolles Geschenk er ihr das gemacht hatte. „Aber ich….“, stammelt sie vollkommen fassungslos und starrt dabei Amelie an. „Nehmen Sie ihn nur“, ermuntert sie Amelie. „Wenn er schenkt, dann schenkt er mit Leib und Seele!“ Und zu sich selbst sagt sie stumm: ‚Und wenn er nimmt, dann tut er es auch mit Leib und Seele!’
Man hat es abgelehnt, ihr die Nadel aus dem Arm zu entfernen. Es sei zu früh, hieß es, und, der Oberarzt käme erst morgen Vormittag. Nur der könnte diese Entscheidung treffen! Sie hat noch ein Weilchen protestiert und schließlich drohte man ihr, ein Beruhigungsmittel hinzuzufügen, wenn sie nicht gleich vernünftig würde. Sie befürchtete, dass man dies vielleicht ohnehin ohne ihres Wissens und Einverständnisses schon tat! Was blieb ihr anderes übrig als den Mund zu halten und zu warten, dass endlich Nachtruhe einkehrte und sie allein war, Zeit zum Überlegen hatte, und ihr Unmut verrauchte! Die Schicht hatte gewechselt, die Nachtschwester streckt den Kopf zur Tür herein. „Wie geht es Ihnen“, fragt sie leise. Amelie nickt und fragt sie, einer plötzlichen Eingebung folgend: „Hatten Sie gestern Nacht auch Dienst, Madame?“ „Ja“, lautet die spontane Erwiderung. „Ich war da, als man sie eingeliefert hat. Ich habe Sie auch gemeinsam mit meiner Kollegin ein bisschen gesäubert und verarztet! Wenn es Ihnen morgen besser geht, können Sie ja dann duschen! Aber zum Glück ist Ihnen nichts Schlimmes passiert! Von den paar Kratzern und blauen Flecken sieht man schon in ein paar Tagen kein bisschen mehr! Ehrenwort!“ „Danke!“ erwidert Amelie liebenswürdig. „Wer hat mich eigentlich hierher begleitet? Können Sie sich noch daran erinnern?“ Die gute Frau mittleren Alters verdreht angetan die Augen. „Sie haben das doch nicht allen Ernstes vergessen, Mademoiselle! Der Schauspieler, ein Engländer, soviel ich weiß! Ich hab’ ihn ja nicht erkannt, aber Schwester Nicole…! Die hat mich aufgeklärt. Mon Dieu! Sieht der gut aus! Wo haben Sie den bloß aufgegabelt, Mademoiselle? Einer von der Gendarmerie hat mir sogar geflüstert, dass er es war, der sie gerettet hat! Wollte zu Ihnen auf Besuch kommen, hat das Feuer gesehen und die Feuerwehr alarmiert! Stelle man sich das bloß vor! Warum will nie ein Kerl wie der zu mir auf Besuch kommen? Woher kennen Sie dieses Zuckerstück? Der wär’ schon eine Sünde wert!“ Ihre Lippen spitzen sich zu einem angedeuteten Kuss und ihr Blick spiegelt wieder, was Dan wohl bei vielen Frauen auszulösen schien, inklusive bei ihr: Sehnsucht! Er hatte sie anscheinend ziemlich beeindruckt. Und, dass er dann auch noch der Held des Tages gewesen sein soll, machte ihn doppelt interessant für sie. „Die Zeitungen waren voll von der Geschichte. Warum aber von dem eigentlichen Held des Tages relativ wenig zu lesen war, ist mir ein Rätsel! Wahrscheinlich ist der Mann viel zu bescheiden! Dabei heißt es immer, diese Leute würden sich absichtlich ins Rampenlicht setzen, publicité gratuite, sozusagen!“ Für Amelie ist es gar kein Wunder, warum man Dan so wenig erwähnt hatte. Philippe bevorzugte sein eigenes Gesicht auf dem Titelbild! Und, dass er viele Leute von der regionalen Presse in der Tasche hatte, das wusste sie auch! Er hat es sogar schon für sie genutzt, wie damals, anlässlich der Ausstellung in Le Beausset… „Hat mein Begleiter noch irgendetwas gesagt, oder ist er einfach verschwunden?“ „Ach, Sie Ärmste“, ergeht sich die Frau in Mitleid für Amelie. „Sie haben so tief geschlafen, dass sie einfach nichts mehr mitbekommen haben. Na ja, ist vielleicht auch besser so! Nach diesem schrecklichen Erlebnis! Aber kurz nach Ihrer Ankunft, man hat sie kaum aufs Zimmer gebracht, kam Monsieur Derrieu daher, ziemlich laut war er gewesen, so kennt man ihn gar nicht! Und wir hatten alle Hände voll zu tun, ihn zu beruhigen. Er hat den Schauspieler einen verdammten Ausländer genannt, der hier nichts zu suchen hätte, und ihn aufgefordert, sich zum Teufel zu scheren. Sie seien schließlich seine Verlobte und er hätte nichts hier zu suchen! Er würde sich schon weiter um Sie kümmern! Einen Riesenauflauf hat er verursacht und die Gendarmerie forderte ihn, wenn Sie mich fragen, viel zu höflich auf, endlich ruhig zu sein. So kennen wir diesen charmanten Mann gar nicht, ich war total verwirrt, können Sie mir glauben! Schließlich haben wir hier nur kranke Leute, die Ruhe brauchen, und selbst ein Mann wie Monsieur, le Deputé, kann sich hier nicht soviel Freiheit heraus nehmen! Er ging zu weit, müssen Sie wissen!“ Amelie wird ungeduldig: „Und? Ist der andere gegangen? Ich meine, “…sie sucht nach passenden Worten, „mein Bekannter, der Schauspieler?“ Sie weidet sich am schmachtenden Blick der Frau. „Er hat nicht viel gesagt! Erst hat er spöttisch gegrinst und sich das alles angehört und als er vernahm, dass Sie die Verlobte dieses einflussreichen Mannes sind, hat er nur die Schultern gezuckt und beim Hinausgehen ganz ruhig gemeint, dass er da aber etwas ganz anders gehört hätte. Und man solle das nächste Mal besser auf Sie aufpassen, ich meine, wortwörtlich hat das ein bisschen anders geklungen.“ Ein süffisantes Lächeln umspielt die Lippen der Erzählenden. „Machen Sie es doch nicht so spannend! Bitte! Wie hat das also wirklich geklungen?“ Die Schwester scheint nachzudenken. „Also, wenn ich genau den Wortlaut wiedergeben soll, dann sagte er: ‚Ich finde es ziemlich eigenartig, um nicht zu sagen, abartig, dass man seine Verlobte allein in der Wildnis hausen lässt. Bei ihm wäre das sicher nicht passiert!’ Er murmelte dann noch ein paar englische Wörter, aber ich konnte das leider nicht verstehen, ich kann kein Englisch! Ganz schön frech, was?“ Amelie grinst und kann beinahe die Stimme des raubeinigen Hochländers hören. „Ja, er scheint ziemlich anmaßend zu sein!“ gibt sie zu. „Aber wenn er mich wirklich gerettet hat, dann vergebe ich ihm!“ Die Schwester nickt. „Das finde ich auch! Ich soll sie noch schön grüssen lassen, hat er mir unter vier Augen, beim Hinausgehen, gesagt. Niemand sonst hat dabei zugehört. Er meinte, sie wüssten sicher, was Sie zu tun hätten und viel Glück für die Ausstellung, soll ich Ihnen ausrichten!“ Amelie nickt. „Danke, ich kann’s gebrauchen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, mein Leben neu zu ordnen!“ „Kann ich mir denken, Kindchen! Aber Sie sind jung und wenn ich mich nicht irre, stehen sie im Interessenszentrum von ein paar ziemlich attraktiven Männern! Also wovor sollten Sie Angst haben?“ ‚Vor einem Brandstifter, beispielsweise’, will sie sagen, doch sie behält es für sich. Die kalte Faust der Realität trifft sie abermals unverhofft und eisig. Die Klingel aus einem anderen Krankenzimmer beendet die Unterhaltung. „Sie läuten, wenn Sie was brauchen, ja? Ich schau auf jeden Fall dann noch am frühen Morgen, gegen sechs, bei Ihnen vorbei, kurz bevor ich abgelöst werde!““ Amelie nickt dankend und ist froh, wieder allein zu sein, im Dunkeln zu liegen und einen Schlachtplan entwerfen zu können. Eines steht fest: Philippe war einflussreich genug, ihren Abgang aus dem Spital zu verhindern. Wer wollte ihm schon widersprechen? Sicher kein hier Ansässiger! „Der Mann des Volkes“ war viel zu schlau und hatte sie alle in der Tasche. Also würde sie einfach gehen. Vor dem Morgengrauen war sie dann schon über alle Berge! Sie erschrickt furchtbar, als das Telefon auf dem Tischchen neben dem Bett klingelt. Hastig greift sie zum Hörer und betet, dass niemand sich über den späten Anrufer beschweren würde. Das konnte nur Philippe sein, er kontrollierte sie, ließ ihr nicht mal nachts Ruhe! Wie sollte sie es dem Mann begreiflich machen, dass es keine gemeinsame Zukunft für sie beide gab? Doch als sie den harten Akzent am anderen Ende der Leitung vernimmt, diese leicht schnarrende, und doch so reizvolle Aussprache Dans, beginnt ihre Hand ein wenig zu zittern. „Hi“, beginnt er. „Ich weiß, es ist spät! Die nette Krankenschwester hat mir die Telefonnummer Deines Zimmers gegeben. Du hast sicher Besuch gehabt tagsüber. Da wollte ich nicht stören!“ Sie erwidert hastig und vollkommen aufgeregt: „Was bin ich froh, Dich zu hören! Bist Du schon abgereist, Dan? Ich würde dringend Hilfe brauchen!“ „Was ist los? Ich bin noch in meinem Hotel! Sag nicht, das Hospital brennt jetzt auch noch nieder und ich muss Dich erneut retten! Mein Flug geht morgen früh um 6.00h und in ein paar Stunden fahre ich zum Flughafen! Du klingst nicht gut, Amelie! Was machen Sie mit Dir, in dem verdammten Hospital? Soll ich Dich da raus holen?“ „Oh ja,“ erwidert sie aufatmend und flehentlich zugleich. „Würdest Du das tun? Philippe hat Anordnungen gegeben, mich zu überwachen und will mich hier nicht weg lassen. Ich traue ihm nicht! Ich kann das nicht erklären, aber ich hab’ kein gutes Gefühl!“ „Er hat behauptet, Dein Verlobter zu sein….“ entgegnet Dan gedehnt, „immer noch!“ „Ich weiß!“ gibt sie zu. „Er macht sich was vor! Und er ist schrecklich wütend auf mich, weil ich nicht einlenken will! Bitte! Kannst Du mich hier abholen, noch vor morgen früh?“ „Nichts lieber als das! Mach Dich bereit! Ich bin in höchstens einer Stunde bei Dir! Feuerlöscher wird ich ja wohl keinen diesmal brauchen!“ witzelt er. Sie kann ihm nicht einmal danken, so schnell hat er aufgelegt, gerade rechtzeitig, denn die Krankenschwester steht bereits in der Tür, dreht das Licht an und misst Amelie fragenden Blickes. „Brauchen Sie noch etwas, Mademoiselle?“ „Ja“. Die Patientin setzt eine wehleidige Miene auf. „Dieses Ding in meinem Arm. Es tut höllisch weh! Ich fürchte, wenn es weiter in meiner Vene stecken bleibt, hab ich morgen früh eine Thrombose!“ Die Pflegerin kommt näher, nimmt den Arm der Puppenmacherin und sieht skeptisch auf die Einstichstelle. „Es ist zwar nichts geschwollen, aber ich weiß gar nicht, warum man das nicht schon längst entfernt hat, wo Sie normale Mahlzeiten zu sich nehmen können. Ich werde Sie davon befreien, Kindchen, damit Sie in Ruhe schlafen können. Einen Augenblick!“ Im Wandschränkchen findet sie die notwendigen Utensilien für die Verarztung. „Wird ein bisschen wehtun, wenn ich das Schläuchen rausziehe, also beißen Sie die Zähne zusammen, ist gleich vorbei.“ Noch während sie spricht, ist der Fall auch schon erledigt. Dunkles Blut versucht hervorzuquellen, doch wird mit einer Alkoholgetränkten Kompresse daran gehindert. „Drücken sie den Wattebausch mal ganz fest darauf“, verlangt die Frau, und schneidet einen breiten Streifen Heftpflaster ab, den sie dann geschickt über die Kompresse klebt. „Morgen früh wird man das hier wieder abziehen und außer einem kleinen blauen Fleck, werden sie nichts zurück behalten!“ „Ich bin Ihnen sehr dankbar“, versichert Amelie. „Für alles!“ „Schon gut, dafür sind wir ja da! Und nun schlafen Sie sich erst richtig aus. Vielleicht ist es mir auch vergönnt, ein kleines Nickerchen im Schwesternzimmer zu halten!“ Es ist wieder dunkel im Zimmer und Amelie lauscht den klappernden Geräuschen, der sich entfernenden Schritte. Alsdann schleicht sie etwas zittrig auf den Beinen ins Badezimmer und schließt leise die Tür hinter sich. Sie fühlt sich schwach vom Liegen. Licht flammt auf und sie kann sich endlich im Spiegel betrachten. Kein Anblick für Götter! Sie hatte schon bessere Tage gehabt! Befremdet mustert sie sich. Ihre Augen sind fast unnatürlich groß, und tragen einen Ausdruck in sich, der unweigerlich an Angst erinnert. Drei winzige, durchsichtige Pflaster zieren ihre rechte Wange, Stirn und Kinn. Sonst scheint sie nicht sehr gelitten zu haben. Äußerlich zumindest nicht. Ihr Haar steht natürlich zu Berge, gleicht mehr einem Kuckucksnest als einer Frisur, doch es bleibt ihr nicht viel Zeit, sich weiter zu betrachten oder gar zu bedauern. Sie macht sich so frisch es eben geht, entledigt sich des Spitalshemds und kriecht hastig unter die Dusche. Ein paar lange, aber oberflächliche Kratzer zieren ihre Unterarme und Waden, und auf der linken Hüfte trägt sie einen unschönen, blaugrünen Fleck. Also nichts, im Vergleich zu dem, was aus ihr hätte werden können, nämlich ein Häufchen Asche, gerade genug, um den Boden einer Urne damit zu bedecken. Bitterkeit kommt in ihr hoch. Welche Verbrecher haben ihr das nur angetan? Hier, in dieser friedlichen Gegend hatte man noch nie von solch perversen Knabenstreichen gehört. Sie ist erpicht darauf, das Ergebnis der Kriminalisten zu hören und fürchtet gleichzeitig die Wahrheit. Beim Schein der Badezimmerbeleuchtung, die durch den offenen Türspalt ins Krankenzimmer dringt, wühlt sie vorsichtig und lautlos in dem einen ihrer Gepäckstücke, um ein Paar lange Hosen und einen weißen Pulli, mit weitem Ausschnitt, der kaum ihre Schultern bedeckt, hervorzukramen. Ihr Haar ist schwer zu kämmen, doch irgendwie schafft sie es dennoch. Sie ist gerade dabei, etwas Farbe auf ihr bleiches Gesicht aufzutragen, als ein Geräusch sie erschrocken herumfahren lässt. Dan steht vor ihr, hatte sich geräuschlos ins Zimmer geschlichen, und legt ihr seinen Zeigefinger warnend auf die Lippen. „Hallo Kleines!“ murmelt er bedeutungsvoll, und nachdem sie sich von dem Schrecken, den sein plötzliches Auftauchen verursachte, erholt hat, fällt sie ihm spontan um den Hals, hält die Tränen ihres entkräfteten Stimmungszustandes mühsam zurück und will ihn gar nicht mehr los lassen. Er weiß gar nicht so recht, wie er reagieren soll, steht erst regungslos da, überrascht von der ungestümen Begrüßung, schließt sie aber dann endlich doch beruhigend in die Arme. So auf Tuchfüllung mit ihr zu sein, regt manches an seinen sensiblen Sinnen. Am Liebsten hätte er seine warmen Lippen auf ihre runden Schultern und die weiche Haut ihres anmutig langen Halses gepresst, doch er besinnt sich rechtzeitig, dass für diese Art von Spielchen nicht viel Zeit übrig war. Mehrere Sekunden lang stehen sie regungslos so da, bis er ihr ins Ohr flüstert, es sei wohl Zeit, sich aus dem Staub zu machen. Sie lässt ihn widerwillig los, unfähig, ihm nach diesem Gefühlsausbruch in die Augen zu blicken, und greift nach ihrem Rucksack, ihr Hab’ und Gut! Es war ihr ohnehin unglaublich erschienen, dass Philippe diese Tasche, in der sich ihre Papiere befanden, nicht an sich genommen hatte. Vergessen hatte er dieses Detail ganz sicher nicht, aber vielleicht hielt ihn doch ihre zornige Reaktion, mit der er in diesem Falle rechnen hätte müssen, davor zurück. Jetzt, wo er glaubte, wieder alle Trümpfe in der Hand zu haben. Ihre Absage gestern hatte er sicher nicht besonders ernst genommen, dafür war er viel zu selbstsicher und arrogant. Ihr Glück! Daniel schnappt sich die beiden Koffer. Sie scheinen kein Gewicht für den kräftigen Mann zu haben. Irgendwie fordert ihn die ganze Sache heraus und beginnt sogar Spaß zu machen. Vor allem, dass er diesem aufgeblasenen Gockel der sich hier wie der Sonnenkönig selbst zu gebärden scheint, eins auswischen kann! Doch dieses Mädchen scheint wirklich ziemlich verängstigt zu sein. Vorsichtig treten sie auf den langen Flur hinaus und schleichen sich auf leisen Sohlen, Dieben gleich, bis zum Lift. Der PVC-Bodenbelag schluckt jeden Lärm ihrer Sportschuhe. Die Tür des Schwesternzimmers ist geschlossen, doch fahler Lichtschein dringt durch die gläserne Scheibe. ‚Wenn jetzt nur nicht einer der Patienten läutet’, betet sie. Zwar könnte die Diensthabende Schwester sie nicht zurückhalten einfach zu gehen, aber vielleicht folgte sie doch der strikten Anordnung Philippes, ihn sogleich von ihrem Abgang zu informieren. Das wollte sie sich und auch Dan ersparen! Als sie aufatmend im Lift stehen, drückt sie erleichtert ihren Rücken gegen die Wand der Kabine. Er kann ihre Aufregung sehen, ja, regelrecht spüren, und legt den Kopf ein wenig argwöhnisch zur Seite: „Wovor hast Du Angst, Amelie? Du bist ein freier Mensch und könntest hier laut und unbehindert hinausspazieren! Mit Paukenschlag sogar! Kein Mensch kann Dich davon abhalten. Im schlimmsten Falle müsstest Du nur irgendeinen Wisch unterschreiben, dass Du die Verantwortung für Dein Tun übernimmst. Warum diese ganze grundlose Aufregung?“ Sie hält seinem Blick nicht lange stand. „Halte mich für feige, aber ich will ihn nicht sehen!“ „Du meinst diesen extravertierten Dandy, der Dein Exverlobter ist?“ Wie konnte er jetzt nur scherzen und dabei auch noch so arglos grinsen? Ihr läuft kalter Schweiß über den Rücken und sie schweigt. „Glaubst Du etwa, er war es, der Dein Haus angezündet hat?“ Sie hält ihm den Mund zu. „So etwas darfst Du nicht einmal denken, Daniel! Und vor allem sprich es niemals und niemandem gegenüber aus, hörst Du?“ Sekundenlang senkt er seinen Blick in den ihren, flehentlichen, dann haucht er ein paar kleine Küsse auf ihre geschlossenen Lippen. Schon erwartet sie, dass er sie in den Arm nahm und so küsste, wie sie es ersehnte, doch der ertönende Klingelton zeigt an, dass sie eben das Erdgeschoss erreicht hatten und sie eilen den einsamen Flur entlang, Richtung Ausgang. Sie läuft ihm mit kleinen Schritten hinterher, wie er so zielstrebig an dem schläfrigen Portier vorbei geht und ihm lächelnd zunickt, und sie tut es ihm gleich, wenn auch etwas verkrampfter. Er kommt ihr vor wie ein unaufhaltsames Panzerfahrzeug, dem sich nichts und niemand in den Weg zu stellen wagt. Wenige Sekunden später schiebt er sie in den Fond des wartenden Taxis, hilft dem Fahrer, die beiden Koffer hinten zu verstauen und gleitet an ihre Seite. „Nach Marignane, zum Flugplatz“, ordnet er an und schon umrunden sie die Grünfläche vor dem Spitalseingang und fahren aus dem schmiedeeisernen Tor, das stets geöffnet ist. Ein Ambulanzwagen der Feuerwehr kommt ihnen lautlos, aber mit Blaulicht entgegen, doch schon ist er aus ihrem Blickfeld und sie tauchen ein, ins Strassengewirr der nun Menschenleeren Stadt von Marseille. Der Flughafen von Marseille befindet sich noch ein ganzes Stück außerhalb, nordwärts, nahe der Stadt Marignane. „Die Flucht ist gelungen“, versucht er zu scherzen. Sie lehnt sich an seine Seite und er hält sie mit einem Arm an sich gepresst, damit sie sich sicherer fühlte. Warum nur hatte ihr Philippe, ihr jahrelanger Gönner, niemals dieses Gefühl der Sicherheit geben können? „Ich glaube“, beginnt sie ihre Erklärungen, auf die er sicher wartete, „er hätte mich niemals weggehen lassen. Er hätte immer wieder Gründe erfunden, Situationen inszeniert, die mich zurückgehalten hätten.“ „Meinst Du etwa, Rache?“ fragt er zweifelnd. „Ein bisschen von alledem“, entgegnet sie nachdenklich. „Ich bin keineswegs hysterisch, aber er steckt keine Niederlage ein, ich hätte das wissen müssen. Obwohl er mich zum Sündenbock gemacht hat, ist er weiterhin hinter mir her und versteckt seine Kleinlichkeit, die ich ihm übrigens niemals zugetraut hätte, hinter dem Mäntelchen der Fürsorge und Väterlichkeit!“ „Du denkst, er will Dich mit Gewalt an sich binden? Er muss verrückt sein! Wie sollte das wohl funktionieren?“ Dan zweifelt an ihrem geistigen Zustand, das kann Amelie sehr wohl spüren. „Er findet Mittel und Wege, seine Überzeugungskraft ist unglaublich und wahrscheinlich hätte er mich irgendwann vielleicht doch noch herum gekriegt. Nämlich dann, wenn er mich so richtig mürbe und hilflos gemacht hätte. Er könnte mir alle Türen sperren lassen, sich einigen, mit Versicherungen, öffentlichen Ämtern, vielleicht sogar der Gendarmerie. Er könnte mich zu einem elenden Häufchen Unglück machen, dass dann nur mehr ihn hätte, um wieder auf die Beine zu kommen!“ „Sei nicht böse, Amelie, aber das klingt nach Psychothriller! Das gäbe ein vortreffliches Drehbuch ab!“ Er witzelt, doch sie weiß es besser. Die unbeschwerte Sicherheit, die von dem Mann an ihrer Seite ausgeht, wirkt beruhigend auf sie. So sehr, dass sie vor Entspannung ein wenig zu zittern beginnt. Wie sollte sie ihm für seine Hilfe je danken können? „Ich bin froh, dass Du noch nicht abgereist warst“, versichert sie aufrichtig. „Ich weiß nicht, ob ich es allein geschafft hätte, noch rechtzeitig nach England zu kommen. Mit dieser Ausstellung steht für mich noch viel mehr auf dem Spiel als je zuvor. Ich stehe vorerst vor dem nichts, Versicherungen arbeiten bekanntlich langsam, und in London kann ich mich in der Branche bei den Leuten wieder in Erinnerung bringen, verstehst Du das?“ Er nickt und senkt sein Gesicht in ihr Haar. Es riecht immer noch irgendwie brandig. „Ja, klar! Ich bin heilfroh, dass diese Abschiedsparty so entsetzlich langweilig war, dass ich mich gleich zu Beginn aus dem Staub gemacht hatte. Ein kleiner Besuch in dem „Mas de Provence“, bei einer gewissen Puppenmacherin, namens Amelie, schien mir da schon weitaus verlockender zu sein. Zumal sie noch etliche Flaschen von Philippes Wein eingelagert hatte.“ Er lacht lautlos. „Also machte ich mich auf den Weg. Hätte allerdings nichts geschadet, wenn ich zehn Minuten früher dran gewesen wäre. Mir blieb fast das Herz stehen, als ich schon an der Wegbiegung unten den Rauch hinter den Bäumen sah. Flammen waren zwar noch keine zu sehen, doch ich nahm nicht an, dass jemand spätabends noch seinen Gartenabfall verbrannte. Auch glaubte ich, das Feuer wäre vielleicht im Weingut, oberhalb von Dir, ausgebrochen. Und der Sturm dazu, ich konnte mir gut ausmalen, welches Ausmaß die Katastrophe für Mensch und Natur haben würde, wenn man nicht sofort eingriff. Den Notruf von der Feuerwehr kannte ich. Es ist zufällig der gleiche wie auch bei mir zuhause! Aber dass Du von der Sache unmittelbar betroffen sein könntest, damit habe ich nicht gerechnet! Die Männer von der Feuerwehr waren schnell da und kamen fast gleichzeitig mit mir am Brandort, das heißt, auf Deinem Grundstück an. Als mir klar war, dass Du in Gefahr warst, hat mich der eiskalte Schrecken gepackt! Es sah noch nicht sehr schlimm aus, viel Rauch zwar, und dann dieser Baum vor der Vorderfront. Ich wollte gleich ins Haus stürmen, aber die Leute haben mich zurückgedrängt, ich solle warten, sie wüssten schon, was sie taten. Es ging dann auch ziemlich schnell. Doch das Feuer breitete sich ebenfalls rasend rasch aus. Der verdammte Wind! Dieser Gockel Derrieu kam plötzlich daher. Führte sich auf wie ein überdrehter Regisseur auf einem Filmplateau, und versuchte die Leute zu dirigieren! Am Liebsten hätte ich ihm meine Fäuste in das aufgeblasene Gesicht geschlagen! Doch die professionellen Feuerwehrsleute ignorierten ihn, sie scheinen solche Situationen zu kennen, ein Glück, auch wenn das diesem Mister nicht besonders gefiel.“ Er lächelt, doch sie kann den Zornesfunken in seinen Augen sehen, trotz des spärlichen Lichtes. Der Autobahnhinweis zum Flughafen rast an ihnen vorbei, das Taxi verlässt die Stadt und nimmt zügig die Auffahrt. Außer ein paar Schwertransportern sind sie allein auf der Strasse unterwegs. Recht liegt der Frachthafen von Marseille. Die wartenden Schiffe schimmern weiß in der Dunkelheit und tiefschwarz ist das nächtliche Meer kaum zu erkennen. Sie fahren durch karstiges Hügelland. Skelettartige Felsen, von den vielen Waldbränden jeder Vegetation beraubt, ziehen an ihnen vorbei, Schluchten, Berge und manchmal ein Wachposten der Armee, auf der Spitze eines Berges. Der Fahrer erhöht die Geschwindigkeit und mit jeder Minute fühlt sie sich leichter und sorgloser. Wie hat es nur soweit kommen können? Ihre Überlegungen verursachen ein solches Chaos in ihrem Kopf, dass sie erschöpft die Augen schließt. Daniel telefoniert inzwischen mit der Fluglinie. Nach einigem hin und her, kann er bei British Airways noch einen zusätzlichen Platz für sie ergattern. Zufrieden lehnt er sich in die Polster zurück. „Wir sind gleich da“, sagt er rau und zufrieden. Die Landschaft wird flacher, Industriegebiete breiten sich vor ihnen aus, der Eurocopter-Landeplatz ist zu sehen, dann die Lichter des Flughafens. Die Erinnerung an die gestrige Nacht und auch die Auseinandersetzung mit diesem Möchtegern De Gaulle, hat Dan erneut zornig gemacht. Eine steile Falte bildet sich senkrecht über einer Nase. Die meisten, mit denen er zu tun hatte, kannten diesen Gesichtsausdruck und hielten sich fern, sobald sie ihn bemerkten. Hier ging es ja zu wie im Mittelalter! Aber er hütet sich, Amelie noch mehr zu beunruhigen. Die Ausfahrt in den Flughafen ist mit zahlreichen Scheinwerfern gekennzeichnet. Der Wagen ordnet sich in mehrere Kreisverkehre ein und stoppt schließlich vor der internationalen Abflugshalle. Der Fahrer knipst das Licht an und Daniel bezahlt die Fahrt. Amelie lässt ihn die Gepäckstücke aus dem Wagen heben. Auch er hat noch zwei große Reisetaschen dabei. Er hievt drei Gepäckstücke auf eines der Wägelchen, und trägt die letzte Tasche, quer über die Schulter, selbst. Nachdem die Formalitäten erledigt sind, bleiben noch zwei Stunden Wartezeit. Man scheint ihn zu erkennen, ein Sicherheitsbeamter bittet ihn und seine Begleiterin, doch im VIP Raum der Air France zu warten. In der Lounge ist es angenehm dämmrig und bequeme Sitzgelegenheiten laden zum Ausruhen ein. Ein paar Fluggäste räkeln sich schläfrig, einer nippt an einem Drink, blickt kurz auf und widmet sich dann wieder seinem Laptop, den er auf den Knien balanciert. „Am Besten, Du versuchst zu schlafen“, rät er ihr und streicht mit dem Handrücken über ihre Wange. Aufatmend lässt sie sich auf eines der Sofas niedersinken. „Ich habe Dir noch nicht einmal gedankt. Ich weiß auch gar nicht, wie ich das soll! Du bist mein Lebensretter, was sagt man einem solchen Menschen bloß?“ Es soll amüsiert klingen, doch am Ton ihrer zittrigen Stimme kann er erkennen, wie sehr sie alles mitgenommen hat und wie sie mit den verschiedensten Gefühlsregungen kämpft, allen voran ihrer seelischen Aufruhr und der Fassungslosigkeit über alles das Geschehene. „Wozu sind Freunde sonst da?“ fragt er leise und nimmt ihre kleinen, geschickten Hände in die seinen, großen, als er sich ihr gegenüber in einen der Fauteuils gesetzt hatte. Er haucht einen Kuss auf ihre kalten Fingerspitzen. Sich zu verinnerlichen, dass sie samt dem Haus hätte abbrennen können, vermeidet er. Es war zu ungeheuerlich! Ein Kellner kommt diskret vorbei, fragt nach ihren Wünschen. Sie will dankend ablehnen, doch Dan zwingt sie, einen doppelten Cognac zu sich zu nehmen, während er sich an den schottischen Whiskey hält. „Den brauchst Du jetzt, glaub mir!“ Er hat Recht. Die wärmende Kraft füllt ihren Magen und ihre Adern schon nach wenigen Minuten. Daniel bestellt einen weiteren Drink für sie. „Danke“, sagt sie innig und ihr Blick ist voller Wärme, voller Vertrauen, „danke, dass Du mein Freund bist, obwohl Du mich kaum kennst!“ „Das war eine chemische Reaktion“, grinst er vertraulich. „Als ich Dich sah, wurde ich so neugierig auf Dich, dass Du mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen bist! Und das war wohl ein Glücksfall für uns beide!“ Er verschweigt ihr, dass er sehr wohl ziemlich Anrüchiges mit ihr vorhatte. Später würde sie vielleicht darüber lachen, ja später… Sie nickt und lässt die etwas zweideutigen Worte im Raume stehen, gibt sich der Müdigkeit und den Schwingungen einer leichten Erotik, die sich zwischen ihnen beiden aufbaut hin. Ein Seufzer entringt sich ihrer Kehle, er küsst ihre Stirn, mehr fürsorglich als verlangend und dann nehmen ihr Aufregung und ausgestandene Furcht jede Kraft. Sie döst vor seinen Augen ein und sinkt in sich zusammen. |