Dämonen/demons
by MsMAC
demin-blues figments

Übersetzung Barbara Müller

Teil 3

Der Dok wollte die Drähte noch weitere drei Wochen drin lassen.

Ich hatte genug von dieser Kacke. Wenn der Dok die scheiß Haken nicht aus meinen Kiefern entfernen wollte, so daß ich endlich meinen Mund öffnen konnte, dann würde ich mir eine Zange nehmen und es verdammt nochmal selber tun.

Er besaß doch tatsächlich die Frechheit, mit den Röntgenaufnahmen reinzukommen und wichtigtuerisch den Kopf zu wiegen . "Tja, Mr. White, normalerweise wäre genug Zeit vergangen, um fortzufahren, aber in Ihrem Fall würde ich wirklich gern noch etwas mehr Dichte sehen in den----"

Er hörte auf zu reden, denn ich packte ihn bei den Aufschlägen seines blütenweißen Arztkittels und sah ihm direkt in die Augen. Er brauchte ungefähr eine halbe Sekunde, um zu erfassen, was ich dachte. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Lynn ein Lächeln unterdrückte.

"Andererseits denke ich, daß Sie sehr geduldig gewesen sind... und wenn Sie vorsichtig sind, dann sehe ich keinen Grund, weshalb wir das nicht heute erledigen können."

Ich zog eine Augenbraue hoch.

"Und die Brustdrainage natürlich auch, die Wunde ist schon sehr schön verheilt."

Dachte ich mir doch, daß er es von meiner Warte aus sehen würde.

Es gehörte doch etwas mehr dazu, als ich gedachte hatte, und vielleicht hätte ich es letzten Endes doch nicht mit einer Zange hingekriegt. Es würde immer etwas Metall in meinem Kiefer sein. Damit konnte ich leben. Eine Weile würde ich noch vorsichtig sein müssen, denn es würde noch lange dauern, bis alles wieder 100%ig in Ordnung sein würde. "...kein Öffnen von Bierflaschen mit den Zähnen..." sagte der Dok. Er lächelte; offensichtlich sollte das ein Scherz sein. Ich lachte nicht.

Dann war es endlich geschafft. Es fühlte sich komisch an, nach so langer Zeit. Ich öffnete und schloß meinen Mund einige Male versuchsweise, aber es schien alles zu funktionieren. Sie – der Doktor, die Schwester und Lynn – standen alle da und sahen mich an, warteten wohl darauf, daß ich sprechen würde.

Sprechen, zum Teufel damit. Es gab viel bessere Dinge, die ich mit meinem Mund tun konnte als sprechen. Ich grinste Lynn an, streckte die Hand aus und schnappte sie im Genick. Sie grinste zurück. Ich weiß nicht, wann der Doktor und die Schwester das Zimmer verließen, aber für eine lange Zeit störte uns keiner. Jedenfalls glaube ich das. Könnte mich auch irren. Ich hatte besseres zu tun, als die Tür zu beobachten.

                                  ~~~~~~~~~~

Lynn wollte wissen, was mit dem Rev passiert war, und so gab ich ihr die Kurzfassung. Sie wurde richtig wütend, was mich ein wenig überraschte, und am Ende verteidigte ich den Rev ihr gegenüber.

"Du kannst nicht von ihm erwarten, daß er es versteht," sagte ich. "Wie sollte er auch?"

"Er muss Dir jedenfalls wenigstens eine Chance geben."

"Kannst Du nicht von ihm erwarten."

"Doch, das kann ich."

Ich schüttelte den Kopf und wir beließen es dabei.

Bis Lynn beschloß, daß wir in die Kirche gehen sollten.

"Wofür? Was heckst Du aus?"

"Für ihn ist es wirklich leicht, oder? Er kann weggehen und muss uns nie wieder sehen. Er hat all die Zeit hier zugebracht, wir haben ihn in unser Leben gelassen, und ich weiß, wie sehr Du ihn gemocht hast, Bud. Jetzt beschließt er plötzlich, daß wir nicht gut genug für ihn sind, aber egal was er jetzt von Dir denkt, er hat mich schon mein ganzes Leben lang gekannt. Ich denke nur einfach nicht, daß wir es ihm so einfach machen sollten, das ist alles."

Und ich konnte es ihr nicht ausreden. Also gingen wir am darauffolgenden Sonntag in die Kirche. Hinterher sagte ich ihr, daß ich das nie wieder tun würde – ich fühlte mich wie der Freak im Pausenprogramm. Lynn sagt, daran würde ich mich gewöhnen, aber ich weiß nicht, ob ich das will.

Sie trug ein neues, gelbes Kleid, mit einem dazu passenden, niedlichen, gelben Hut --- in einem gelben Kleid sieht sie wie eine von diesen gelben Frühlingsblumen aus --- Osterglocken heißen die, glaube ich. Und das sagte ich ihr auch.

"Was?" sagte sie und sah erschrocken aus.

"Osterglocken. Sind das nicht die Blumen mit diesem Glockenkram innen drin?"

"Du findest, ich sehe wie eine Osterglocke aus?"

"Äh... ja." Vielleicht war es falsch, das zu sagen. Ich schätze, die Blume sieht ziemlich bescheuert aus. Verdammt. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr – ich hatte schon ja gesagt.

Dann dachte ich, daß sie vielleicht anfangen würde zu weinen – ihre Augen wurden feucht, und ihre Nase fing irgendwie an, rosa anzulaufen. "Tut mir leid, Baby, ich hab es nicht böse gemeint – ich wollte damit nur sagen ---"

"Oh, Bud," sie schlang die Arme um meine Brust und legte ihren Kopf an meine Schulter. "Ich glaube, das ist das Wundervollste, was je jemand zu mir gesagt hat."

"Du willst mich veräppeln."

"Nein, es ist wahr." Sie schniefte einmal und sah zu mir hoch. "Ich habe so ziemlich jeden Spruch gehört, den es gibt. Aber das hab ich noch nie gehört."

"Das war kein Spruch. Ich hab es gesagt, weil... ich finde, daß Du hübsch aussiehst in Gelb."

"Genau das meine ich." Sie lächelte und küsste mich. Na ja, da musste ich sie natürlich zurück küssen.

Von mir aus hätten wir die Kirche ganz vergessen können. Aber nicht mit Lynn. Nach ein paar Minuten löste sie sich aus meinen Armen und bugsierte uns zur Tür raus. "Hinterher, Baby, hinterher."

                                  ~~~~~~~~~~

Der Rev hatte eine ziemlich große Gemeinde. Ich glaube nicht, daß er uns überhaupt sah, bis er hinterher bei der Tür stand und alle verabschiedete und wir an ihm vorbeigingen. Lynn ging zu ihm und hielt ihm die Hand hin.

"Wundervolle Predigt heute, Reverend Skinner," sagte sie.

Er war ganz schön schnell, man merkte kaum, daß was nicht stimmte. "Ja... danke, Lynn, es freut mich, Dich hier zu sehen."

Ich hielt ihm nicht die Hand hin. Er mir seine auch nicht. Nach ein paar Sekunden stieß ich Lynn an, sagte "Reverend," und ging die Stufen runter.

Der Rev folgte uns. "Was musste Lynn tun, um Sie hierher zu kriegen, Mr. White?"

Ich drehte mich um. "Wollen Sie das wirklich gleich hier diskutieren?"

Er antwortete mir nicht. "Lynn... ich würde gerne mit Dir alleine sprechen."

Lynn sah mich an; ich zuckte mit den Schultern und ging ein paar Schritte beiseite. Aber nicht so weit, daß ich nichts mehr hören konnte. Ich mag keine Überraschungen.

"Ich habe Dich gekannt, seit Du ein Baby warst, Lynn, und Deine Eltern habe ich zu meinen Freunden gezählt. Und ich möchte, daß Du weißt, daß Du Dich jederzeit an mich wenden kannst, wenn Du Hilfe brauchst. Ich kann nicht daneben stehen und Dich bei diesem... Killer... bleiben lassen, ohne zu versuchen, etwas für Dich zu tun."

Er redete weiter schnell auf Lynn ein mit mehr von diesem Zeug; im Wesentlichen versuchte er sie davon zu überzeugen, mich "zu ihrer eigenen Sicherheit" zu verlassen. Ich muss ihn wirklich zu Tode erschreckt haben. Ich schätze, daß all die Nachmittage, die er auf meiner Veranda verbracht hatte, nichts bedeuteten im Vergleich zu diesen zwei Worten in seinem Notizblock. So wie er mit ihr redete hätte man glauben können, daß ich ein Axtmörder wäre, oder sowas.

Die alte Mrs. Wentworth wurde in ihrem Rollstuhl an mir vorbeigeschoben. Sie streckte die Hand aus und packte meinen Jacketärmel. "Junger Mann!" Sie sah so aus, als wäre sie ungefähr hundert Jahre alt; sie wohnte ein paar Häuser die Straße runter von uns und winkte immer, wenn sie von ihrer Nichte spazieren gefahren wurde.

Ich beugte mich zu ihr runter. "Ja, gnädige Frau?"

"Sind Sie George's Sohn?" Sie hatte diese zittrige, hohe Stimme, die alte Damen oft haben. Die, die einen an Kreide auf einer Schultafel erinnert.

"Nein, gnädige Frau, mein Name ist Bud White. Ich lebe drei Häuser weiter die Straße runter von ihnen aus."

"Was?"

Es dauerte eine Weile, bis ich ihr begreifbar gemacht hatte, wer ich war und wo ich lebte. Als ich wieder zu dem Rev und Lynn sah, hielt der sie an den Armen fest und redete immer noch auf sie ein. Er begann, Aufmerksamkeit zu erregen.

Was mir allerdings wirklich Sorgen machte war zu sehen, wie Lynn so wütend wurde, daß sie zitterte. Wenn sie in diesem Zustand ist, kann man nie wissen, was sie sagen oder tun wird.

"Lassen Sie mich los." Sie zischte es dem Rev entgegen. Er sah überrascht aus, nahm seine Hände aber weg.

"Alles in Ordnung, Baby?" fragte ich.

"Sie wissen nichts über Bud oder über mich!" Ich hatte recht, sie war total sauer. Wenn man sie nicht kannte, konnte man es nicht verstehen. Für einen Fremden sah es wahrscheinlich so aus, als würde sie zittern, weil ihr kalt war oder so. Tatsächlich aber bebte sie vor Wut. Und wenn sie wütend ist, hebt sie nie die Stimme; sie klingt sehr leise und ruhig. "Sie nennen ihn einen Killer; Sie haben keine Ahnung, wie viele Menschen er gerettet hat. Sie haben keine Ahnung, wie er angeschossen wurde –"

"Lynn – komm, lass uns nach Hause gehen. Das haben wir nicht nötig." Ich versuchte, ihre Hand zu nehmen. Sie funkelte mich an.

" – hör auf, Bud, ich gehe nicht, bevor ich nicht gesagt habe, was ich sagen will – Ed hat mir erzählt, was Du getan hast, wie Du ihn aus dem Weg gestoßen hast und von den Kugeln getroffen wurdest, die ihn getötet hätten. Dabei hattest Du alle Gründe der Welt, Ed zu hassen, aber Du hast sein Leben gerettet.

Das haben Sie nicht gewusst, oder, Reverend?

Und als er dann im Krankenhaus war und wir nicht wussten, ob er leben oder sterben würde, da habe ich einige von den Frauen getroffen, die kamen als sie hörten, wo er war. Inez kam, und Rhonda und Loretta, und ein paar andere. Sie haben mir erzählt, wie er ihr Leben gerettet hat.

Aber schon bevor ich diese Frauen getroffen habe, wusste ich, was für ein guter Mann er ist, denn wissen Sie was? Mich hat er auch gerettet."

Oh-oh, ich fürchtete zu wissen, worauf sie hinaus wollte. Es würde ihr später leid tun; das hier war eine Kleinstadt.

"Lynn, Liebling, ich glaube, das reicht. Ich denke, der Reverend versteht Dich jetzt."

Sie ignorierte mich. "Wissen Sie, was ich getan habe, als ich Bud traf? Wissen Sie, weshalb er Ed hätte hassen sollen? Ich war –"

Ich hatte Angst, meine Hand nicht rechtzeitig über ihren Mund zu bekommen. Ich schlang den Arm um ihre Taille und sprach in ihr Ohr. "Ich denke nicht, daß Du das hier ausposaunen möchtest, Schatz."

Sie war wütend und versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien. Ich küsste sie auf die Stirn und hielt sie fest. Es dauerte nicht allzu lange, bis ihr klar wurde, was sie da fast getan hätte.

Sie legte die Arme um meinen Hals und ich nahm die Hand von ihrem Mund. Sie sah den Rev an und sagte, "Sehen Sie jetzt, wie gut er auf mich aufpasst?"

Der Reverend hatte die Stirn in Falten gezogen, so als müsste er zu hart nachdenken.

"Komm schon, gehen wir nach Hause, wir haben einen Termin, erinnerst Du Dich?"

Sie lächelte. "Nur eines noch, Baby, und dann können wir gehen." Sie drehte sich um und sprach wieder mit dem Reverend.

"Wir haben alle die freie Wahl, wissen Sie. Der Weg, den Bud gewählt hat, ist schon immer etwas härter gewesen als der der meisten Leute. Er hat mir erzählt, wie er sich selber genannt hat, Reverend. Sie sollten mal darüber nachdenken. Warum sollte er es Ihnen überhaupt erzählen?"

"Okay, das reicht jetzt. Zeit zu gehen." Ich hätte sie hochgehoben und ins Auto gesetzt, aber ich konnte es noch nicht. Und das wusste sie. Also hatte sie Mitleid mit mir und ging selber zum Auto. Der Reverend stand immer noch am selben Fleck und sah uns nach.

Das Schweigen während der Heimfahrt war ziemlich lang.

"Also..." sagte ich, als ich in die Einfahrt fuhr und parkte. "Wann bekomme ich meinen Heiligenschein?"

Sie sah zu mir rüber und kicherte. "Ich weiß was besseres, mein Großer."

Okay, scheiß auf den Heiligenschein...

                                  ~~~~~~~~~~

"Kein Glück, Baby?"

Ich schüttelte den Kopf. Teilzeitjobs gab es nicht viele hier in Bisbee. Ich glaubte nicht, daß ich schon einen Vollzeitjob schaffen würde, obwohl meine Kraft ziemlich schnell zurückkehrte, seit ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen konnte.

Und das einzige, was ich konnte, war Polizist zu sein. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, etwas anderes zu tun.

"Irgendwas wird sich schon ergeben. Hab nur Geduld; das Richtige wird schon kommen."

Lynn und ich hatten schon darüber gesprochen, ob ich hier als Bulle anfangen sollte. Sie hatte ein gutes Argument – hier ein Bulle zu sein würde sich sehr davon unterscheiden, einer in L.A. zu sein. Viele geringfügige Vergehen; nur wenige Kapitalverbrechen.

Und auch wenn sie es nicht wusste, mir war klar, daß die Jungs hier es nicht mögen würden, wenn "so einer aus der großen Stadt" daherkam. Sie würden mir das Leben sehr schwer machen. Ich hatte allerdings noch nichts besseres gefunden.

"Ed hat angerufen. Er möchte, daß Du ihn zurückrufst."

"Ich rufe ihn morgen an." Ich trat hinter sie und schlang die Arme um ihre Taille. "Was kochst Du da?" Ich liebe es, ihr beim Kochen zuzusehen; gibt mir das Gefühl, daß wir normale Leute sind, die normale Dinge tun.

"Er möchte, daß Du sofort zurückrufst. Er wird solange auf dem Revier warten, bis Du es tust. Hör auf, Du bringst mich noch dazu, daß ich das fallen lasse." Sie kicherte; sie kicherte und lachte viel dieser Tage.

Ich ließ sie kochen und rief Ed an. Er klang irgendwie komisch als er sich meldete.

"Der Grund weshalb ich anrufe, Bud, ist daß wir hier einen Typen überstellt bekommen haben aufgrund eines echt alten Haftbefehls... und als ich mir die Akte angesehen habe... tauchte Dein Name auf. Ich hab's nochmal überprüft, bevor ich Dich angerufen habe, um sicher zu gehen..."

"Yeah, und?"

"Bud... ich glaube... ich glaube, der Typ, der in unserer Zelle sitzt, ist Dein Vater.............. Bud?...... Bist Du noch da?"

"Bist Du sicher?" Ich glaube, das war es, was ich sagte. Ich kann mich nicht genau erinnern. Es war, als würden Sachen in meinem Kopf umherfliegen und aneinander prallen, zu schnell als daß ich mir über irgendwas sicher sein konnte.

"So sicher wie ich sein kann ohne Augenzeuge. Sein Name ist derselbe – Leonard M. White. Deine Tante kommt her, um ihn zu identifizieren. Ich dachte nur, ich sollte es Dir sagen. Als ich mit Deiner Tante sprach... da klang sie nicht so, als würde sie Dir bescheid sagen."

"Nein. Das würde sie nicht."

"Du brauchst zu diesem Zeitpunkt nicht herkommen. Falls der Bezirksstaatsanwalt ihn wegen Mordes anklagt, bräuchten sie Deine Aussage, aber im Moment – "

"Falls? Falls sie ihn wegen Mordes anklagen?"

"Naja, bei einem Geständnis wird es vielleicht nur Totschlag ---"

"Nein."

"Du weißt, wie sowas läuft, Bud –"

"NEIN! Es wird keinen verfickten Handel geben."

"Das haben wir nicht zu entscheiden –"

"Ich komme zurück. Laß sie nichts machen, bevor ich da bin."

"Bud, es gibt nichts, was ich –"

"Hast Du mich gehört?"

Er seufzte. "Okay."

                                  ~~~~~~~~~~

Lynn wollte mit mir kommen. Ich sagte nein zu ihr. Ich wollte sie nicht in der Nähe dieses Scheißhaufens haben. Ich wollte nicht mal, daß er von ihrer Existenz wusste. Es war bescheuert, er war im Gefängnis, aber...ich konnte nicht anders, mir wurde schlecht, wenn ich nur daran dachte. Was sollte ich tun, wenn ihr etwas passierte?

Wir stritten deswegen; ich gewann.

Ich denke, das war nicht der einzige Grund, weshalb ich sie nicht dabei haben wollte. Ich wollte nicht, daß sie ihn sah. Ich wollte nicht, daß sie irgend etwas über ihn wusste. Ich wollte nicht, daß sie irgendeinen Grund hatte, ihn mit mir in Verbindung zu bringen. Er gehörte zu dem Abfall, von dem ich dem Rev erzählt hatte, und ich wollte nicht, daß er auf mich abfärbte. Fast mein ganzes Leben lang hatte ich versucht, ihn hinter mir zu lassen. Was ich damals nicht begriffen hatte war, daß das nicht möglich ist.

Ich hätte wohl besser nicht mit dem Zug fahren sollen. Ich hatte zu viel Zeit zum Nachdenken.

                                  ~~~~~~~~~~

Das Schreien weckte mich auf in jener Nacht. Normalerweise wachte ich auf, bevor die Streits diesen Punkt erreichten, aber ich hatte gerade damit angefangen, nach der Schule im Schnapsladen Kisten zu schleppen, und war hundemüde, wenn ich heimkam.

Wenn sie sich stritten, stand ich normalerweise auf und holte Norma zu mir ins Bett – sie war nicht mehr so klein, aber die Streits brachten sie immer zum Weinen. Aber Norma war weg. Es gab niemanden, um den ich mir Sorgen machen musste, außer mir und meiner Mutter.

Er war sturzbetrunken, wie gewöhnlich. Er war sowieso keine Frohnatur, aber wenn er sich betrank, wurde es noch zehnmal schlimmer. Normalerweise schlug und stieß er nur, aber einmal, ein paar Monate zuvor, hatte er sie mit einem Küchenmesser gestochen, und ich hatte Conroy aufwecken müssen, den Schlachter vom Ende der Straße, um sie ins Krankenhaus zu fahren. Ich denke, es war ein Unfall, ich glaube nicht, daß er es absichtlich getan hatte, nicht dieses Mal; aber danach schien es einfacher zu sein, sie zu verletzten. Ich glaube, damals wurde ihm klar, daß ihm nichts passieren würde, egal was er tat.

Sie mussten schon eine ganz Weile am Streiten gewesen sein. Er brüllte rum wegen Norma, wollte wissen, wo sie war, und normalerweise musste er sich erst zu dem Punkt vorarbeiten. Meine Mutter hat niemals jemandem erzählt, wo sie meine Schwester hingebracht hat, nicht mal mir. "Was Du nicht weißt, kann niemand aus Dir rausprügeln," sagte sie. Und der einzige Grund, den sie mir jemals nannte, war "weil sie ein Mädchen ist und es hier nicht sicher für sie ist." Zu der Zeit war ich mir nicht ganz sicher, was sie damit meinte.

Er tobte, schrie. "Was fällt Dir ein, mir mein Baby wegzunehmen? Wie konntest Du das tun, Du Schlampe? Sie ist mein kleines Baby!" Als Norma noch hier war, war sie immer "das Balg"; nachdem sie weg war, war sie "sein Baby". Meine Mutter weigerte sich, ihm irgend etwas zu sagen, auch als er ihr hart eine runter haute. Dann sagte er, "Warum hast Du den anderen kleinen Bastard dann nicht auch gleich mitgenommen? Hä? Den Blöden – wie kommt es, daß er noch hier ist?"

Ich hörte meine Mutter fast nicht antworten. Sie sprach sehr leise, ich nehme an, weil sie hoffte, daß ich immer noch schlief. Als ob dabei jemand schlafen könnte.

"Sie wollten ihn nicht."

Der alte Mann lachte. "Tja, dann hast Du sie wenigstens bei jemandem gelassen, der Verstand hat. Aber die Frage ist, warum wollen wir ihn? Er frißt wie ein Scheunendrescher, rührt hier keinen Finger, er ist nur ein blöder, unerträglicher Bastard, wie sein Namensvetter – "

"Sei still! Er wird Dich hören."

"Warum sollte mich das kümmern? Hey, Junge, bist Du wach?" Die Leute im nächsten Häuserblock waren wahrscheinlich wach. "Schieb Deinen Arsch hier rein, Wen-n-n-dell-l-l. Du bist kein bißchen besser als der Bruder Deiner Mutter, diese Schwuchtel. Wen-n-n-dell-l-l Stu-u-art. Ein Schwuchtelname. Stewie, sollen wir Dich Stewie nennen?" Ich hatte ein wenig Angst vor ihm, na gut, vielleicht mehr als nur ein wenig, ich war erst zwölf. Aber wisst ihr was? Ich hatte einen Job, ich war groß für mein Alter, und es reichte mir langsam. Ich stieß die Tür auf und trat in den Raum.

"Oder wie wär's mit Stu?" Er war ganz schön am Schwanken. Ich wartete darauf, daß er hinfallen würde, aber das tat er nie. Er stellte seine Flasche auf den Tisch. "Magst Du das? Stu – für stumpfsinniger, kleiner Bastard – was hältst Du davon?"

"Laß ihn in Ruhe, warum bist Du immer an ihm dran? Er ist kein schlechter Junge – "

"Halt's Maul, Schlampe!" Und er gab ihr einen Stoß. Sie fiel gegen den Tisch. Seine Whiskyflasche kippte um, fiel vom Tisch und zerbrach. Danach ging alles sehr schnell. Er war außer sich vor Wut. Er hob die zerbrochene Flasche am Hals auf und schwang damit nach meiner Mutter.

Ich rannte vor sie, und als er wieder einen Schwung tat, ging ich nicht schnell genug aus dem Weg. Eine scharfe Ecke erwischte mich an der Schulter, bevor ich mich wegdrehen konnte. Ich schätze, der Schmerz brachte mich zum Kochen – plötzlich hatte ich gar keine Angst mehr. Ich ballte die Faust und schlug ihn so hart, wie ich konnte. Und schlug ihn nieder.

"Gott im Himmel – lauf, Wendell, lauf weg!" Meine Mutter sah wirklich schrecklich erschrocken aus. Das verstand ich nicht. Ich hatte ihn niedergeschlagen – ich konnte sie beschützen.

Ich erinnere mich nicht an den Schlag, der mich zu Boden schickte; ich glaube nicht mal, daß ich ihn überhaupt sah. Er beschimpfte mich, wollte mich wieder schlagen, und meine Mutter packte seinen Arm. Danach schienen alle Furien der Hölle in ihm losgelassen zu sein. Er warf meine Mutter quer durch den Raum, zog mich mit einer Hand hoch und schleuderte mich gegen die Wand. Dann ergriff er eine Küchenschürze und fesselte mir mit den Bändern die Hände an den Heizkörper. Danach gab er mir einen Tritt.

"Das wird Dich festhalten," sagte er keuchend. "Du denkst wohl, Du kannst frech zu mir sein und damit davon kommen, aber Dir werde ich's zeigen, Junge."

Meine Mutter rappelte sich vom Boden hoch und hielt ihren Arm. Sie sah aus, als wäre ihr schlecht. "Und was Dich angeht – " er schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht, und sie fiel wieder hin, "Dir werde ich zeigen, wer hier der Chef in der Familie ist. Dieser Scheiß hört jetzt auf."

Er verließ den Raum. Meine Mutter rutschte über den Boden auf mich zu, und jetzt sah ich, daß ihr Arm gebrochen war. Sie griff mit einer Hand nach den Schürzenbändern und versuchte sie loszubinden. "Du musst hier verschwinden, mein Schatz. Du musst weglaufen."

"Ich lasse Dich nicht allein!"

Und dann war es zu spät. Er kam zurück durch die Tür mit dem Radkreuz in der Hand. Sein Gesicht sah furchtbar aus, dunkelrot angelaufen. Ich riss an den Bändern; ich zog so fest ich konnte. Ich stemmte die Füße gegen den Heizkörper und zerrte, aber ich konnte mich nicht befreien. Ich konnte ihr nicht helfen, konnte sie nicht retten. Alles was ich tun konnte war zusehen.

Meine Mutter sagte kein Wort mehr, machte keinen Laut; sein erster Schlag traf sie am Kopf, und sie sackte zu Boden. Das Schreien kam von mir.

   zurück                   weiter