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Die Worte kamen mir über die Lippen, bevor mir überhaupt bewußt wurde, daß ich redete. Auch
wenn ich während der Tage, die seit Maximus' Ankunft in meiner Villa
vergangen waren, mehr über meine Vergangenheit gesprochen hatte als in all
den Jahren, die seither vergangen waren, so war das doch anders. Hier ging es nicht um die Bitterkeit, die ich empfand, weil ich keinen Geburtstag feiern konnte, oder darum, wie ich mich fühlte, während ich mir selbst beibrachte, mit einem Pferd über Zäune zu springen. Hier ging es nicht um Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und eine Kindheit, die mir gemeinsam mit der Unschuld dieses Alters geraubt worden war, Dinge in meinem Leben, mit denen ich - so sehr ich mich auch bemüht hatte - nie fertig geworden war. Maximus spürte mein Unbehagen, und da er aus Erfahrung wußte, wie sehr ich das Gefühl von Freisein gerade dann brauchte, wenn mein Herz und mein Geist in Aufruhr waren, ließ er mich los, und ich setzte mich augenblicklich auf und preßte das Betttuch fest gegen meine Brust. Es war keine Geste des Schamgefühls sondern eine der Verwundbarkeit. Und so sehr ich mich bemüht hatte, war ich auch mit meiner eigenen Verwundbarkeit nie fertig geworden. Als ich mich aufsetzte, fiel mir mein Haar über den Rücken und liebkoste meinen nackten Po. Maximus' Finger folgten sanft der Linie meiner Wirbelsäule, und ich erschauerte unwillkürlich unter der Zartheit seiner Berührung, die so sehr der des Schmetterlings glich. Seine Wärme war die einzige in einer Welt, die plötzlich wieder jeder Wärme zu entbehren schien. "Ich habe meine Mutter nie kennengelernt", fuhr ich mit derselben leisen Stimme fort, die so wenig meiner sonst kräftigen, tiefen Stimme glich. "Und ich habe auch nie Spielzeug besessen ... Ich hatte nie eine Puppe ... Sklavenkinder haben eh nicht eben reichlich Gelegenheit zum Spielen ... Nicht einmal wenn sie so privilegiert sind wie ich es war .... Das Training einer guten Hure erfordert viel Zeit ... " "Julia ... " sagte er mit sanftem Vorwurf. Ich wandte mich Maximus zu, und die Sorge in seinen blaugrünen Augen entsprach jener, die in seiner tiefen, weichen Stimme mitschwang. Und für diese Sorge dankten ihm schweigend sowohl die Frau, die ich jetzt war, als auch das ängstliche kleine Mädchen, das ohne Mutter und ohne Spielzeug aufgewachsen war. "Du
hattest recht, Maximus. Auf das, was geschehen ist, hatte ich keinen Einfluß
... Es war nicht meine Schuld ... Jetzt weiß ich das ... und es tut nicht
mehr so weh ... " Nein, es tat nicht mehr so weh, aber obwohl das ängstliche kleine Mädchen, aufgewachsen in Cassius' Villa, nun tot war, gab es noch etwas, das ich ihm schuldete. Vor sechs Jahren hatte ich dieses Mädchen und auch die einsame, traurige Hure, zu der es herangewachsen war, mit einem gestohlenen Dolch und der Kraft, geboren aus einem Leben voller Haß, gerächt. Was ich ihm immer noch schuldete, hatte nichts mit Blutvergießen zu tun, aber erst, wenn auch das getan war, würde es in Frieden ruhen können. Und jetzt war der richtige Zeitpunkt. Neben Maximus sitzend, schützend umgeben von hauchdünnen seidenen Vorhängen und dem sanften rosigen Licht, das von einer rein und frisch wiedergeborenen Welt kündete, die Knie dicht an meinen Körper gezogen, gab ich dem ängstlichen kleinen Mädchen, das ich einst gewesen war, seine einzige Chance auf eine Stimme. "Es gab immer zu viel zu tun, zu viel zu lernen und zu wenig Ruhe .... wenn überhaupt", fuhr ich fort. "Ich wuchs auf umgeben von Frauen und Mädchen und Sklaven, die uns bedienten, und die Aussicht auf einen Moment der Stille war gering. Ich haßte es, keinerlei Privatsphäre zu haben ... Keine Privatsphäre und keine Puppe. Also flüchtete ich, wann immer ich konnte, in die Gärten, wo ich mich hinter den Büschen versteckte, und wenn ich mir sicher war, daß keiner mich beobachtete, spielte ich, was mir gerade in den Sinn kam ... " Während ich sprach, stützte ich das Kinn auf meine angezogenen Knie und schloß die Augen. Und ich sah vor meinem inneren Auge nicht die Frau, die ich jetzt war, sondern das Mädchen von damals. Größer als die anderen hatte ich keine Chance gehabt, unbemerkt zu bleiben, meine langen Gliedmaßen hatten noch etwas Unfertiges, trugen aber bereits das untrügliche Versprechen künftiger Eleganz. Selbst wenn meine Größe keine Aufmerksamkeit erregt hätte, so hätte meine rot-goldene Haarpracht direkt danach geschrieen. Nicht nur Männer bemerkten mich, sondern auch andere Mädchen und selbst erwachsene Frauen. Und unter all diesen Männern, Frauen und Mädchen und der unerwünschten Aufmerksamkeit hatte ich meine Kindheit und Jugend in völliger Einsamkeit verbracht. Maximus sagte nichts, aber seine warme schwielige Hand streichelte weiter meinen Rücken. "Wenn es warm genug war, warf ich meine Sandalen von mir und lief barfuß im Gras umher. Ich liebte es, barfuß zu laufen ... und ich liebe es auch jetzt noch ... "
Maximus drehte sich auf die Seite und berührte mit seiner anderen Hand
zärtlich meinen Fuß durch das leinene Bettuch.
Nein, die ängstliche Kleine war nicht tot. Vielmehr würde sie leben, solange
ich lebte, und ihre Erinnerungen würden immer auch meine sein. Und diese
Erinnerungen taten nicht mehr so weh, weil sie nicht gestorben sondern zu
einem Ort gegangen war, wo sie sich sicher und glücklich und geborgen
fühlte. Wo sie Spielzeug und Freunde und Tiere zum Liebhaben hatte, und wo
es statt Einsamkeit und Tränen und Schmerz für sie Lachen und Spiele und
Wiegenlieder gab. Sie
war nun dort, weil Maximus sie zu der Frau gemacht hatte, die ich jetzt war. Überwältigt von der plötzlichen Erkenntnis mußte ich meine Augen von den Aquamarinen abwenden, die in den seinen brannten. Nur mit Mühe konnte ich den Kloß in meiner Kehle herunterschlucken. "Ich wünschte mir eine Puppe", fuhr ich fort und meine Augen waren nun auf die durchscheinenden Vorhänge geheftet, die sich in der sanften Brise des frühen Morgens hin und her bewegten. "Das einzige, was ich mir noch mehr als eine Puppe wünschte, war ein Tier zum Kuscheln, aber in der Villa gab es auch für Tiere keinen Platz - außer für Cassius' Jagdhunde .... die waren ganz und gar keine Kuscheltiere sondern wilde Kreaturen ganz so wie Ferox ... " O ja. Ich hatte mir eine Puppe oder ein Kuscheltier gewünscht. Etwas, das ich umarmen und an mich drücken konnte, so wie ich mir wünschte, von meiner Mutter umarmt und an ihre Brust gedrückt zu werden. Etwas, das ich in meiner Einsamkeit und Furcht in den Arm nehmen konnte, wissend, daß es mich nicht verletzen würde. Ich
schwieg einen Moment lang, während Maximus' Hand weiter zart meinen Rücken
streichelte, mir sanft zuredete, weiterzusprechen und mein Herz
auszuschütten. "Ich wünschte mir so sehr eine Puppe, daß ich, als ich acht Jahre alt war, beschloß, mir selbst eine zu machen ... " Wieder stützte ich das Kinn auf meine Knie und lächelte ein wenig schief bei der Erinnerung an meine kindliche Entschlossenheit, mir das selbst zu geben, was mir von jenen vorenthalten worden war, denen bereits mein Leben gehörte und die über jeden einzelnen Augenblick desselben bestimmten. Das war so typisch für mich, diese wilde Entschossenheit, nicht um etwas zu bitten - und die noch wildere, nicht zuzugeben, verloren zu haben.
Vor meinem inneren Auge sah ich mich selbst, wie ich mit gerunzelter Stirn über einem Papyrus hockte und verbissen mit den Worten kämpfte, die ein anonymer Kopist in eleganten Buchstaben geschrieben hatte. Ich sah mich selbst, wie ich verbissen kämpfte, die Geheimnisse der Schrift zu erfassen. Wie ich von meinem Pferd fiel, während ich mir selbst beibrachte, über einen Zaun zu springen. Wie ich auf meiner Unterlippe kaute, während ich versuchte, Apollinarius' Unterweisungen zu folgen. Wie ich mich gegen jegliche Kritik wappnete, während ich mich mühte, die hohe Kunst zu erlernen, die perfekte Herrin im Hause eines reichen Mannes zu sein, nachdem ich bereits die nicht weniger hohe Kunst gemeistert hatte, eine perfekte Hure zu sein. Und wie ich mich geradezu hatte stählen müssen, um meinen festen Entschluß in die Tat umzusetzen, Geschäftsfrau in einer Welt zu werden, die einer Frau kein anderes Geschäft zu führen erlaubte als das, ihr eigenes Fleisch zu verkaufen ... Ich sah mein Leben wie in einem Fresko an mir vorüberziehen: ein hochgewachsenes Kind mit rot-goldenem Haar, das zu einem schlaksigen jungen Mädchen heranwächst, dann zu einer jungen Frau und schließlich zu der kühlen, distanzierten, reichen Dame, die ich bis vor wenigen Tagen gewesen war. Jahre vergingen, Jahreszeiten wechselten ebenso wie die Umgebung, in der ich lebte, aber ich ging hartnäckig meinen Weg. Manchmal war es mein Herz, das mich vorwärts trieb. Manchmal Groll und Verbitterung. Manchmal ging ich diesen Weg zögerlich und manchmal sogar unwillig, aber immer weigerte ich mich, mir meine Niederlage einzugestehen, selbst wenn ich besiegt worden war. Immer weigerte ich mich, das Opfer zu sein, selbst dann, wenn ich es war. Ein Mädchen, das ohne Spielzeug aufgewachsen war und sich weigerte, selbst ein Spielzeug zu werden. Die gleichmäßige, sanfte Bewegung von Maximus' Hand brachte mich aus meinen Träumereien in die Wirklichkeit zurück. "Zuerst versuchte ich es mit Lehm, aber ich konnte nur kleine Puppen machen, und wenn ich sie zum Trocknen in die Sonne legte, bekamen sie Risse und zerfielen ... Und dabei beschmutze ich meine feine Kleidung, was mir wiederum ein paar ordentliche Klapse einbrachte ... " Maximus' Hand hielt unvermittelt inne, und ich konnte die zornige Anspannung seines Körpers spüren, als ich wie beiläufig die körperliche Züchtigung erwähnte, die ich als Kind erdulden mußte. "Die Frau, die uns beaufsichtigte, schlug mich dann und wann ... ", fügte ich hinzu, ohne mich umzuschauen. Seine unausgesprochene Frage lastete schwer in der Stille des Schlafzimmers. "Keine von uns war vor ihr und ihrem Hass sicher ... und sie haßte mich mehr als alle anderen ... Apollinarius pflegt zu sagen, daß selbst die schlimmste Situation noch etwas Gutes hat, und damit hat er recht. Es war gut, daß ich Cassius' Liebling war ... Andere Mädchen genossen nicht den Schutz seines Wohlwollens ... " Maximus nahm die Information schweigend in sich auf, dann begann sich seine große warme Hand wieder über meinen nackten Rücken zu bewegen. Umschmeichelt von seiner Wärme und Fürsorge, von der liebevollen Zärtlichkeit dieser Hand, die getötet und Blut vergossen aber auch den Acker gepflügt und gesät, die mir die Freiheit gebracht und mich getröstet hatte, sprach ich weiter. "Nach einigen mißlungenen Versuchen machte ich mir also eine andere Puppe aus Gras und Blumen und Stoffetzen, die ich von meinen eigenen Kleidern riß ... und entrann nur mit Mühe weiteren Schlägen, weil ich meine Tunika zerrissen hatte." Der Schmetterling wählte diesen Augenblick, um sich aus dem Himmel meines Bettes herabzuschwingen. Er flog einmal im Kreis um das Bett, dann landete er auf dem leinenen Betttuch wenige Zentimeter vor meinen Füßen. Dort blieb er unbeweglich sitzen und schlug lediglich in regelmäßigen Abständen mit seinen samtenen Flügeln, als wolle das Tierchen ebenfalls die Geschichte über das kleine Mädchen hören, das ich einst gewesen war. "Ich benutzte gelbe Blumen für die Haare, kleine blaue für die Augen und eine winzige rote Knospe für den Mund... Irgendwie konnte ich mir eine Puppe nicht anders als mit blondem Haar vorstellen ... Es war ein häßliches, groteskes Ding, aber es gehörte mir .... " Vor meinem inneren Auge sah ich die Puppe, das einzige Spielzeug, das ich je besessen hatte. Mädchen pflegen den Puppen, mit denen sie spielen, Namen zu geben, aber ich hatte meiner nie einen Namen gegeben. Irgendwie schien es nicht notwendig zu sein, denn das jämmerliche Ding war kein Geschenk, wie Puppen das gewöhnlich zu sein pflegen, sondern war statt dessen ein Produkt meines eigenen Willens gewesen. Sie war eben so sehr ein Teil meiner selbst als wäre sie meine eigene Tochter und nicht meine Puppe gewesen. Ganz gleich wie schön und teuer - keine geschenkte Puppe hätte einem Mädchen je so viel bedeuten können wie meine grobe Blumen-Puppe mir, während der kurzen Zeit, die wir zusammen verbrachten. "Sie gehörte mir", fuhr ich fort, "und wann immer ich konnte, schlich ich mich weg, um mit meiner Puppe zu spielen. Natürlich vertrockneten und welkten das Gras und die Blumen, und meine Puppe zerfiel, aber ich ersetzte sie immer und immer wieder durch frisches Gras und frische Blumen ... " Während ich sprach, verfinsterte sich mein Blick bei der Erinnerung an das eigensinnige schmächtige Mädchen, das sich geweigert hatte, sich weder von verwelkenden Blumen noch einem skrupellosen Herrn besiegen zu lassen. Das Mädchen, welches zu der atemberaubenden Schönheit herangewachsen war, die sich geweigert hatte, sich von der Lust der Männer besiegen zu lassen. Und die Frau, die dieses Mädchen und diese Schönheit gewesen war, und die sich geweigert hatte, sich von Maximus abweisen zu lassen. Ich sah mich selbst, wie ich heimlich durch den Garten lief, Blumen pflückte und nervös um mich blickte. Ich sah mich selbst, wie ich mir ungeduldig das Haar aus dem Gesicht strich, mir vor Anstrengung auf die Unterlippe biß, während ich mit den Blumen und meiner eigenen Hast kämpfte, die ganze Zeit vor mich hin murmelte, meiner Puppe versprach, daß ich für sie sorgen und daß alles gut werden würde, daß sie sich nicht zu fürchten brauchte, weil ich ja bei ihr war ... "Ich konnte meine Puppe nicht mit ins Haus nehmen, denn die Frau, die uns beaufsichtigte, hätte sie entdeckt und weggeworfen. Also versteckte ich sie unter einem Busch in der hintersten Ecke des Gartens .... Ich fürchtete die Regentage, denn wenn es regnete, durfte ich das Haus nicht verlassen, und meine Puppe war draußen allein ... Dann regnete es einmal drei Tage hintereinander ... " Während ich noch redete, sah ich mich wieder in jenem verregneten Octobris - meine großen blauen Augen warfen ängstliche Blicke zum bleigrauen Himmel hinauf, während der alles durchdringende Regen auf die Dächer tropfte gleich einer nie endenden Parade grimmiger Soldaten, die in eine noch grimmigere Schlacht marschierten. "Als die Sonne wieder herauskam, rannte ich, sobald ich dem Haus entfliehen konnte, zu meinem Versteck ... aber meine Puppe war nicht da. Am Morgen jenes Tages hatten die Gärtner die Verwüstungen, die der Sturm angerichtet hatte, gründlich beseitigt ... Einer von ihnen mußte meine Puppe für Abfall gehalten und sie weggeworfen haben .... In jener Nacht weinte ich mich in den Schlaf ... Ich war ungefähr acht Jahre alt, und ich weinte nie wieder. Nicht bis zu jener Nacht in Moesia ... " "Julia ... " Ohne mich umzudrehen bedeutete ich Maximus mit einer Handbewegung, daß alles in Ordnung sei. Daß ich weitersprechen konnte. Daß ich weitersprechen wollte. Daß wir beide - ich und das kleine Mädchen, das ich gewesen war und das noch immer tief in mir verborgen lebte - weitersprechen mußten. "Nachdem ich meine Puppe verloren hatte, konnte ich mich nicht überwinden, eine neue zu machen ... Also blieb mir zum Spielen nichts anderes übrig als die Blumen ... Blumen und die Schmetterlinge ... Ich pflegte so zu tun, als seien die Schmetterlinge meine Freunde und unterhielt mich mit ihnen ... Ich gab ihnen sogar Namen ... " Auf dem leinenen Bettuch bewegte das Pfauenauge seine Flügel als wolle es mich an seine Gegenwart erinnern. Oder als wolle der Schmetterling das ängstliche kleine Mädchen daran erinnern, daß er da war und darauf wartete, mit ihr zu spielen ... "Ich erzählte den Schmetterlingen meine Träume ... " sagte ich im Ton einer Frau, die zu sich selbst sprach, und gab zum erstenmal in meinem Leben zu, daß ich Träume gehabt hatte, auch wenn ich nur ein kleines Sklavenmädchen gewesen war, das ohne Hoffnung in einem privaten Luxusbordell aufwuchs. "Wovon hast Du geträumt, Julia?" fragte Maximus leise. Ich seufzte und schluckte dann. "Ich träumte von meiner Mutter ... und davon, frei zu sein ... " flüsterte ich, den Blick auf die juwelengleichen Punkte auf den Flügeln des Schmetterlings geheftet. O ja. Als ich ein Kind war, hatte ich von meiner Mutter geträumt und davon, frei zu sein, und diese Träume waren mit mir herangewachsen. Aber Jahre waren vergangen, und ich hatte gelernt, andere Träume zu träumen. Und dann hatte ich davon geträumt, unberührbar zu sein; davon, die Zeit zurückzudrehen und aus meinem Leben und meinem Gedächtnis auszulöschen, was in jener Nacht in einem adligen Haus auf dem Palatin geschehen war. Der Nacht, in der man mir eine elegante Puppe geschenkt und die Unschuld geraubt hatte.
Ich war ungefähr zwölf gewesen, eine heiratsfähige Schönheit mit knospenden Brüsten und schlanken Hüften, eine erblühende Jungfrau, balancierend auf dem schmalen Grat zwischen Kindheit und erstem Frausein - genau so wie der Senator seine Mädchen wollte. Er war ein reicher, mächtiger Mann, dessen Einfluß und Verbindungen von entscheidender Bedeutung sein konnten für einen anderen, ehrgeizigen Mann. Es mußte so sein, denn andernfalls wäre Cassius nicht so darauf bedacht gewesen, seine Gunst zu erlangen. Weitere zwölf Jahre hatte ich seinen Namen aus meinem Gedächtnis verbannen können, selbst wenn ich ihn dann und wann hörte, denn er war noch immer ein mächtiger und namhafter Mann. Aber ich hatte gelernt, nicht mit der Wimper zu zucken, wenn sein Name fiel, und nach gebührender Zeit nahm ich es nicht einmal mehr zur Kenntnis. Und allein mit der Kraft meines Willens hatte ich es geschafft, seine honigsüße Stimme zum Schweigen zu bringen. Aber wie sehr ich mich auch bemühte, so gelang es mir doch nicht, die Erinnerung an sein Gesicht aus meinem Gedächtnis zu löschen, obwohl die Gesichter derer, die nach ihm kamen, bereits lange in einem barmherzigen Nebel verschwunden waren. Er hatte auf eine typisch patrizische Weise gut ausgesehen, Generationen von edlem Blut und Geld, die edles Blut und Geld geheiratet hatten, um jene Wenigen zu zeugen, die das Recht haben, Rom zu regieren. Ein Mann mittlerer Größe, hager und kerngesund, mit lockigem braunem Haar und silbrigen Schläfen. Er sprach leise und freundlich und lächelte viel, aber sein Lächeln erreichte nie seine tiefliegenden haselbraunen Augen. Mit zwölf hatte ich wenige Puppen gesehen und keine wie diese. Sie war aus Elfenbein gemacht, das Gesicht fein geschnitzt und gekleidet in gelbe und safranfarbene Seide. Arme und Beine hatten richtige Glieder, die kleinen Hände winzige Nägel, kleine Armreifen zierten die schlanken Handgelenke. Bei genauem Hinsehen entdeckte ich Miniatur-Ohrringe und an ihren perfekten kleinen Füßen seidene Sandalen. Ihr Gesicht war ernst und schön wie die Gesichter der Statuen von Kaiserinnen und Göttinnen. Aber anders als bei jenen war dieses Gesicht weder kühl noch distanziert sondern weich und überaus menschlich. (*) Ich hatte die Puppe gesehen und mich augenblicklich in sie verliebt, denn sie war der Inbegriff dessen, was ich mir je von einer Puppe erträumt hatte - und mehr. In ihr sah ich die Freundin, die ich nicht hatte. Die Gefährtin, die ich mir so sehr wünschte. Die Vertraute, der ich all meine Geheimnisse, meine Hoffnungen und Träume zuflüstern konnte, während ich sie in der Dunkelheit des kalten Bettes an meine knospenden Brüste drückte. Der Senator hatte mir zugeflüstert, daß ich die Puppe mitnehmen dürfe, wenn ich in die Villa zurückkehrte, und das hatte ich auch getan. Ich hatte sie an meine schmerzenden, mit blauen Flecken übersäten Brüste gepreßt, während die Träger die Sänfte anhoben und mich durch die noch immer verlassen daliegenden Straßen Roms trugen. Ich hatte die Puppe an mich gepreßt, und geradeaus geblickt, ohne etwas zu sehen, während die glühende Dämmerung in einen frühen zartrosa Morgen überging. Als wir bei Cassius' Villa ankamen, war ich direkt in mein Zimmer gegangen und hatte Turias Anordnung, ihr bei meiner Rückkehr sofort Bricht zu erstatten, offen ignoriert. Ich war direkt in mein Zimmer gegangen und hatte die Puppe in eine Ecke geworfen, zuvor jedoch den unter meiner Kleidung verborgenen Dolch hervorgezogen. Den silbernen Dolch, welchen der Senator benutzt hatte, um eine Frucht zu schälen und zu zerteilen, mit der er mich dann gefüttert, während ich die elfenbeinerne Puppe immer wieder in meinen Händen hin und her gedreht hatte, unfähig zu glauben, daß sie nicht nur in meinen Träumen existierte und nun mir gehörte. Den Dolch, den er auf den Tisch neben dem Bett gelegt hatte, um mir die Kleider vom Leib zu reißen, mich zu schlagen und zu vergewaltigen - wieder und immer wieder. Den Dolch, den ich mit bebender Hand genommen hatte, während er schlief, und bevor ich mit zitternden Knien aus dem Schlafzimmer stolperte, versuchte, so schnell wie möglich die Sänfte zu erreichen und dem Haus des Senators zu entfliehen. Ich versteckte den Dolch unter der Matratze meines Bettes, dann wusch ich meinen Körper, bis das Fleisch rot und wund war. Aber noch während ich das tat, wußte ich, daß es auf der Welt nicht genug Wasser und Seife gab, um den Schmutz wegzuwaschen, mit dem man mich besudelt hatte. Und als Turia in mein Zimmer kam - bereit, mich anzuschreien oder vielleicht auch zu bestrafen, weil ich ihrem Befehl nicht gehorcht hatte - war die einzige Antwort, die sie bekam, ein leerer, starrer Blick, der sie zusammenzucken ließ und sie veranlaßte, das Zimmer zu verlassen. Damals dachte ich, daß sie es aus Mitleid getan, und ich hatte sie nur noch mehr gehaßt, weil sie mich bemitleidete. Aber als die Jahre vergingen, erkannte ich, daß das, was sie in meinen Augen gesehen hatte, ihr eigener Tod gewesen war, und sie war weggelaufen, solange sie noch Zeit genug hatte, mit ihrem Leben davonzukommen. Einige Zeit später hatte ich die vornehme elfenbeinerne Puppe genommen, sie ohne zu zögern zur Kloake der Villa gebracht und sie hineingeworfen. Ich warf sie in den Schmutz, wo sie hingehörte. Schmutz, der mit allem Wasser und aller Seife dieser Welt nicht von meinem Körper und meinem Leben gewaschen werden konnte. Schmutz, den allein Maximus' liebevolle Sorge und seine warme Berührung abzuwaschen im Stande war. Und als ich etliche Jahre später entdeckte, daß die Elfenbein-Puppe nicht in die Gewänder einer reichen Dame gekleidet gewesen war - wie ich geglaubt hatte - sondern statt dessen in jene einer römischen Braut, da ließ mich dieser neuerliche Beweis für den grausamen Humor der Götter erschauern. "Weißt Du, was ich tat, als ich zum erstenmal den Trajansmarkt besuchte?" In meine Gedanken versunken hatte ich so lange geschwiegen, daß mich der Klang meiner eigenen Stimme erschreckte. Maximus schüttelte verneinend den Kopf. "Als ich nach Rom zurückkam und bevor ich Apollinarius kennenlernte, ging ich nicht gern aus dem Haus ... Ich verbrachte die meiste Zeit allein, in der Wohnung, die ich auf dem Quirinalshügel gemietet hatte .... Ich verließ das Haus nur, um Essen zu kaufen oder die Bäder zu besuchen ... Ich fühlte mich nicht ... wohl - umgeben von Menschen...." "Ich weiß. Du hast es mir in Deinem Brief geschrieben ... " Ich blinzelte. Ich wußte, daß Maximus meinen Brief gelesen hatte, aber ich hätte niemals gedacht, daß nach fünf Jahren solche Einzelheiten in seinem Gedächtnis immer noch derart frisch sein würden. "Ich mag Dein Parfum ... Ich habe es immer gemocht ... " Ich erschauerte bei der Erinnerung an seine vor Leidenschaft heisere Stimme und an die Konsequenzen dieses in der Dunkelheit geflüsterten Geständnisses.*1 "Ich erinnere mich daran, seit ich Dich das erstemal gesehen habe ... " Maximus' Hand ruhte noch immer unten auf meinem Rücken, und es war unmöglich, daß er nicht spürte, wie ich zitterte. Ich schloß die Augen und schluckte heftig. "Ich konnte den Duft tagelang an meiner Tunika riechen ..." "Julia, was geschah auf dem Trajansmarkt?" Wieder brachte mich Maximus' Stimme in die Realität zurück. Ich atmete ganz tief durch. "Da gab es einen Stand - es gibt ihn immer noch - wo ein Mann alle möglichen seltsamen Dinge verkauft ... Das meiste billiges oder gebrauchtes Zeug. Aber manchmal kann man dort etwas wirklich Kostbares finden ... " Der Trajansmarkt ist einer der geschäftigsten Plätze in der immer geschäftigen 'Hauptstadt der Welt'. Angrenzend an das Trajansforum - einen weiten Platz, den man durch den Triumphbogen erreicht, welcher dem spanischen Kaiser (**) gewidmet ist dessen Reiterstandbild in seinem Zentrum steht - beherrscht der Markt mit seinen drei Stockwerken und den einhundertundfünfzig darin befindlichen Geschäften (***) das eine Ende des Forums. In seiner Nähe erhebt sich die berühmte Trajanssäule mit ihrem spiralförmigen Relief, welches den siegreichen Feldzug des Kaisers gegen die Daker darstellt. Generationen von Besuchern haben bewundernd vor diesem Denkmal verharrt. Als ich das erstemal den legendären Ort besuchte, verlief ich mich zweimal auf dem Weg dorthin, und als ich endlich ankam, war ich lange Zeit am Eingang stehengeblieben. Ich war regelrecht gebannt und nahm die Menschen gar nicht wahr, die kamen und gingen und sich dabei mit den Ellbogen an mir vorbei drängten; sie waren zu beschäftigt und zu eilig, um auch nur einen Blick an das schöne Mädchen zu verschwenden, das mit seinem langen, wehenden rot-goldenen Haar ganz allein dort stand. Einige Menschen glauben, das schlagende Herz Roms sei der Senat, und andere, daß dies das Kolosseum sei. Beide haben Unrecht. Rom ist das schlagende Herz des Imperiums, und das schlagende Herz Roms ist der Trajansmarkt, der Ort, an dem Menschen jeden Alters, aller Rassen und Stände und Güter aus jedem Winkel der Welt zusammentreffen.
"Ich ging dorthin, um nach Kleidern zu suchen ... Jene, die ich aus Moesia mitgebracht hatte, waren für meine neue Stellung im Leben nicht angemessen ... Ich war bereits einige Zeit dort gewesen und hatte mir die Stoffe angesehen, als ich den Stand entdeckte ... " Ich hätte den kleinen Stand in der Unmenge von Geschäften beinahe übersehen. Der Trajansmarkt ist ein unendlicher Strudel aus Farben und Bewegungen, Gerüchen und Geräuschen. Bäcker, Hutmacher, Schneider, Barbiere, Fischhändler, Fleischer, Obstverkäufer, Geldverleiher, Grundstücksmakler, Mattenflechter, Färber, Gewürzhändler, Wäscher, Goldschmiede, Hersteller von Spitzen, Sandalen, Gürteln, Geldbörsen und Parfum und viele andere konkurrieren untereinander um Platz und Kunden in einem nie endenden Durcheinander von Stimmen, Dialekten und Sprachen. Auch gibt es Tavernen und Stände mit Speisen, an denen man für eine schnelle Mahlzeit oder eine Erfrischung haltmachen kann. Ganz gleich wie früh oder spät man dorthin geht - der Ort ist zu jeder Zeit voll von Menschen, aber die langen Galerien mit ihren offenen Bögen - entworfen, um auch den leichtesten Lufthauch zu erhaschen - machen es dort auch an den heißesten Sommertagen erträglich. Der Stand war einer der kleinsten und quoll über von seltsamen Dingen. Das Angebot reichte von billigen orientalischen Lampen bis zu verrosteten Dolchen und Terracotta-Talismanen in der Form eines Phallus. Und unter all diesen Dingen hatte es eine Puppe gegeben. "Sie war aus Holz gemacht", fuhr ich fort. "Keine dieser teuren, herausgeputzten Gliederpuppen ... " Nein, sie war nicht wie die feine Puppe gewesen, die mir der Senator geschenkt, bevor er mich in sein Bett gezerrt hatte. Keine Puppe für eine Patriziertochter aber vielleicht für das Kind eines bescheidenen Kaufmannes. Ihre Haarfrisur war mit einigem Geschick geschnitzt worden, aber die Gesichtszüge waren nichtssagend, ganz anders als die fein geschnitzten jener anderen Puppe. Sie war in billige, ungleichmäßig gefärbte Wolle gekleidet, und die Sandalen hatte man ihr auf die Füße gemalt, von denen einer durch einen Sturz sichtlich angeschlagen war.
"Ich kaufte die Puppe aus einer plötzlichen Eingebung heraus", sagte ich. "Ich war sehr aufgeregt. In jenen Tagen war das Handeln mit einem Ladenbesitzer eine echte Herausforderung für mich. Diese Puppe zu kaufen war besonders hart ... Ich hatte das Gefühl, als würde ich ein Verbrechen begehen ... Als wüßte der Mann hinter dem Ladentisch bereits, daß ich sie nicht für ein Kind sondern für mich selbst kaufte ... " Ich lachte kurz, aber in meinem Lachen war nicht mal eine Spur von Heiterkeit. "Kannst Du Dir das vorstellen? Ich fürchtete mich davor, mit einem Ladenbesitzer zu handeln?" Maximus sagte nichts sondern griff nach meiner Hand, und ich ließ zu, daß er sie nahm, und fühlte, wie die Wärme seiner eigenen Hand sich von unseren ineinander verschlungenen Fingern über meinen ganzen Arm verteilte. "Aber natürlich konnte der Mann unmöglich wissen, daß ich die Puppe für mich selbst kaufte. Er war sehr gesprächig ... Das ist er heute noch. Ich sehe ihn jedesmal, wenn ich den Trajansmarkt besuche, und die Götter wissen, daß ich jedesmal, wenn ich in Rom bin, auch dorthin gehe. Aber er erkennt in mir nicht das aufgeregte junge Mädchen, das diese seltsame, angeschlagene Puppe gekauft hatte ... Sicherlich wundert er sich, daß eine reiche Frau wie ich an seinem kuriosen Stand stehen bleibt ... " Nein, der Ladenbesitzer wußte nicht, daß die reiche, distanzierte Dame Julia Servilia jenes stammelnde Mädchen war, das vor sechs Jahren eine gebrauchte Puppe bei ihm gekauft hatte. Wie sollte er? Ich gehe dorthin nie mehr ohne Begleitung. Mein Haar fällt mir nicht mehr in einem Durcheinander wilder Lochen über Schultern und Rücken. Und vor allem stammele ich nicht mehr, und auch mein Magen zieht sich nicht länger zusammen, wenn ich mit einem Ladenbesitzer verhandle. Während meines ersten Jahres in Rom betrachteten mich die Verkäufer neugierig, aber der Markt ist ein viel zu geschäftiger Ort, als daß man selbst wegen einer schönen, unbegleiteten Frau Zeit verschwenden könnte. Und nachdem ich dies erst einmal bemerkt hatte, empfand ich es irgendwie als einen seltsamen Trost, dorthin zu gehen, denn es war auf dem Markt, daß ich erstmals irgendwo annähernd unbeachtet bleiben konnte. Aber jetzt ist das nicht mehr so. Wann immer ich den Trajansmarkt betrete, verneigen sich die Ladenbesitzer respektvoll vor mir und beeilen sich, mir ihre besten Waren anzubieten. Sie wissen, daß ich ein anspruchsvoller aber auch ein fairer Kunde bin, bereit zu zahlen für das, was ich will - und ich will nur das beste. Wenn ich dorthin gehe, dann folgt Nicia mir immer auf den Versen, aber weitere Begleitung brauche ich nicht. Die Leute sehen mich an und treten respektvoll beiseite. Reichtum verändert vieles. Sogar die Qualität der Einsamkeit.
(*) Römische Puppen stellten ausnahmslos erwachsene Frauen dar, keine Kinder oder Babys. Die Beschreibung der Puppe, die der Senator Julia gegeben hatte, wurde inspiriert von einer Puppe, die man im Grab eines Mädchens namens Crepereia Tryphaena gefunden, welches im 2.Jh.n.Chr. gelebt hatte. Aus Elfenbein gemacht und vollständig erhalten, ist die Puppe - obwohl im Laufe der Zeit nachgedunkelt - eines der erlesensten Stücke römischer Handwerkskunst, das je gefunden wurde. Als man die Puppe fand, waren ihre Kleider verrottet, aber Archäologen glauben, daß sie die Kleider einer Braut getragen hat, denn ihre geschnitzte Haarfrisur ist die gleiche, welche römische Frauen bei ihrer Hochzeit zu tragen pflegten. Die Puppe, welche - nach ihrer jungen Besitzerin - unter dem Namen Crepereia bekannt ist, kann im städtischen Museum für Altertümer in Rom besichtigt werden. Trotz ihres ehrwürdigen Alters ist sie modernen Puppen sehr ähnlich wie man den beigefügten Fotos entnehmen kann.
(**) Marcus Ulpius Traianus wurde in Spanien im Jahre 53 n.Chr. geboren. Er war ein glänzender und erfolgreicher General und wurde von Kaiser Nerva im Jahre 97 n.Chr. als Sohn und Erbe adoptiert. Er regierte von 98 bis 117 n.Chr., zog die Grenzen an Rhein und Donau neu, eroberte Dakien und einen beträchtlichen Teil des Partherreiches. Er war der erste römische Kaiser, der nicht in Italien geboren war. Trajan adoptierte wiederum einen Spanier - Publius Aelius Hadrianus - als Erben. (***) Der Trajansmarkt wird mit Fug und Recht als die erste jemals errichtete 'Einkaufspassage' bezeichnet. Er steht noch immer, und die beeindruckenden Überreste zeigen, wie sehr er den heutigen Einkaufszentren glich.
Trajansforum mit Blick auf den Trajansmarkt
Trajansmarkt ________________ *1 vgl. Julias Tagebuch, Teil 2, Kapitel 26.b |
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"Der Mann erzählt gern Geschichten über die seltsamen Dinge, die er verkauft. Ich glaube, die meisten sind erfunden, aber die Kunden scheinen diese Geschichten genau so zu genießen wie die Schnäppchen, die man dort machen kann", sagte ich, und Maximus drückte zärtlich meine Hand. Vielleicht sind es die Geschichten, vielleicht auch die Kuriositäten, die dafür sorgen, daß sich immer eine Traube von Leuten an dem seltsamen kleinen Stand bildet. Manchmal bleibe ich stehen und lausche den Geschichten des Mannes über geheimnisvolle ägyptische Gräber, verborgene Schätze und über Nymphen, die Zaubertränke bei Vollmond brauen. Seine Erzählungen sind mal ganz was anderes für eine Frau, die ein makaberes Vergnügen darin findet, zusammengerollt auf ihrer Lesecouch die Werke des Euripides (****) zu lesen und dabei eine Katze zu kraulen. Aber solchen improvisierten Geschichten zu lauschen hat etwas seltsam Tröstliches. Und es hat etwas so Melancholisches an sich, immer wieder an den Ort zurückzukehren, an welchem ich zu retten versucht hatte, was von meiner gestohlenen Kindheit noch übrig war. "Er erzählte mir irgendeine Geschichte über die Puppe, aber ich war zu nervös um zuzuhören, und als er sie mir gab, da steckte ich sie nur in den Korb, den ich bei mir trug, und eilte davon. Erst zurück in meinem Apartment stellte ich fest, daß ich die Kleider, die ich hatte kaufen wollen, vergessen hatte, und daß ich am nächsten Tag nochmals würde auf den Markt gehen müssen ... " Der Schmetterling wählte jenen Moment, um sich von den Laken zu erheben und ein paar träge Runden über dem Bett zu drehen, dann, als habe er es sich anders überlegt, kehrte er zurück zu seinem Platz an meinen Füßen. Es war, als könne das Tierchen es nicht erwarten, zurück zu fliegen in die Gärten, in die es gehörte, aber als wolle es zuerst meine Geschichte zu Ende hören. "Zurück in meinem Apartment saß ich da mit der Puppe auf meinem Schoß und betrachtete sie stundenlang ... Während der kommenden Wochen gewöhnte ich mir an, in meinem Schlafzimmer zu sitzen und sie jeden Abend lange Zeit zu betrachten ... . Aber es war zu spät für uns ... . Ich war bereits eine Frau und ohne Puppen oder Freunde aufgewachsen ... . Unsere Zeit war schon lange vorbei ... " So wie Maximus nichts davon wissen mußte, wie ich versucht hatte, meine gerade erlangte Freiheit gegen die Möglichkeit einzutauschen, seine Sklavin zu werden, so brauchte er auch nichts von dem Senator und jener anderen Puppe zu wissen. Und er brauchte ebenfalls nichts von jenen Abenden zu wissen, an denen ich in meinem Schlafzimmer saß, die Augen auf die Puppe auf meinem Schoß geheftet, während die Sonne hinter den Mauern Roms unterging, und Dunkelheit sich auf "die Hauptstadt der Welt" senkte. Er brauchte nicht zu wissen, daß es während jener einsamen Abende nicht lange dauerte, bis ich die Puppe vergaß, auch wenn meine Fingerspitzen immer und immer wieder tastend ihre Gesichtszüge berührten, als sei ich eine Blinde, die vergeblich nach den Zügen eines geliebten verlorenen Menschen sucht. Nein, Maximus brauchte nicht zu wissen, daß die Anwesenheit der alten Puppe schnell ersetzt wurde von der Erinnerung an unser kurzes Zusammentreffen in Moesia. Durch die Erinnerung an seine faszinierenden blau-grünen Augen, seine vor Begierde heisere Stimme und das prickelnde Gefühl seiner Lippen auf meinen. All das ist meine Bürde und meine allein. "Ich behielt die Puppe ein Jahr lang ... " sagte ich, und meine freie Hand bewegte sich wie von selbst auf den Schmetterling zu. "Und was hast Du dann mit ihr gemacht?" Die Frage ließ mich mitten in der Bewegung innehalten, und den Schmetterling für den Augenblick vergessend wandte ich mich Maximus zu. "Was machen römische Frauen mit ihren Puppen?" Maximus lächelte mich etwas verschämt an. "Ich weiß nichts von Puppen, Julia ... und manchmal denke ich, daß ich nicht mal viel von Frauen weiß." Ich mußte sein Lächeln erwidern und blickte kurz auf unsere ineinander verschlungenen Finger. "Wenn eine römische Frau heiratet, steckt sie ihr Haar auf. Sie nimmt ihre bulla (*****) ab und legt sie auf den Hausaltar. Und sie gibt ihre Puppen ihren jüngeren Verwandten ... " Während ich redete, wandte ich mich wieder dem Schmetterling zu, der hoheitsvoll auf dem Bettuch ruhte. In meinem Leben hatten sich die ganz einfachen Dinge immer als besonders schwierig erwiesen, während die außergewöhnlichen mit beängstigender Regelmäßigkeit stattfanden. Meine unerwartete Eheschließung war Beweis für beides. "Was meine Hochzeit betraf ... nichts schien da ordnungsgemäß abzulaufen. Ich hatte eine Mitgift, aber es wurde nicht von mir verlangt, sie herzugeben. Mein Gemahl und ich lebten im selben Gebäude, also gab es keinen Brautzug. Auch hatte ich weder eine bulla, die ich abnehmen, noch einen Hausaltar, auf den ich sie legen konnte ... " Während ich sprach, wanderte meine Hand wieder zu dem Schmetterling. Das samtene Tierchen bewegte wie zur Warnung seine Flügel. Ich runzelte die Stirn und zog meine Hand wieder zurück. "Keiner von uns hatte Verwandte, aber Marius Servilius hatte viele Geschäftsfreunde, und somit war es kein Problem, die notwendigen Zeugen zu versammeln. Nicia zufriedenzustellen sollte sich als sehr viel schwieriger erweisen ... " Meine einzige Bitte bezüglich der Zeremonie war es gewesen, daß Apollinarius die Stelle des Vaters, den ich nie gekannt hatte, einnehmen sollte, und Nicia die meiner Mutter. Seit meiner Rückkehr nach Rom hatte ich meine Mitsklavinnen nicht mehr gesehen und hatte daher auch niemand, der einer Freundin gleich kam. Die einzige andere Möglichkeit wäre die mir unbekannte Frau von einem von Marius Servilius' Geschäftspartnern gewesen. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß ich meiner fröhlichen griechischen Zofe mit dem runden Gesicht den Vorzug vor einer unbekannten Frau gab, die mehr daran interessiert gewesen wäre, ihre Freunde mit Geschichten über Marius Servilius' unpassend gewählte Braut zu erfreuen als mir behilflich zu sein. Ich hatte mich ein ganzes Jahr lang Nicias' gluckenhaften Gehabes und ihrer entschlossenen Versuche, mich zu bemuttern, erwehren müssen. Sie jetzt mit den Vorbereitungen für meine Hochzeit zu betrauen, erschien mir ein angemessener Preis zu sein. Und Nicia, die bereits sechs Söhne an die Frau gebracht hatte, vergeudete keine Zeit, die Dinge in ihre Hand zu nehmen. "Sie machte sich viele Gedanken um die Einzelheiten und überwachte das Nähen meines Brautkleides, wählte meinen Schleier aus und besorgte mir einen Friseur. Aber was ihr am meisten Sorgen bereitete war die Tatsache, daß bei meiner Hochzeit wenig oder gar kein Raum für Riten und Traditionen sein würde, und sie fürchtete, daß mir das Unglück bringen könnte ... " Der laute Ausruf des Priesters, welcher nach dem rituellen Opfer verkündete, daß die Omen gut seien und wir mit der Zeremonie fortfahren könnten, brachte ein sarkastisches Lächeln auf meine Lippen. Auf Marius Servilius' hatte sich ein ironischer Zug gezeigt, und ein Anflug von Erheiterung war in den Tiefen jener silbergrauen Augen aufgeleuchtet, die selten lächelten - außer wenn er über Schiffe sprach. "Ich glaube nicht an Omen und mein Ehemann tat es auch nicht, aber Nicia nimmt diese Art Dinge sehr wichtig. In gewissem Sinn ist sie mehr Römerin als Griechin, und sie wurde immer aufgeregter", erklärte ich, während ich den Schmetterling intensiv betrachtete, als wolle ich ihn ohne Worte dazu bringen, meinem Versuch, ihn zu berühren, nicht länger zu widerstehen. Das geflügelte Wesen ließ sich jedoch nicht einschüchtern, und bot mir statt dessen einen herrlichen Blick auf seine einer Pfauenfeder ähnlichen Punkte. "Als sie anfing, über Taubenopfer und das Konsultieren von Priesterinnen zu plappern, entschied ich, daß es an der Zeit sei, etwas zu tun, um sie zu beruhigen, und sagte ihr, daß ich zwar weder bulla noch Altar oder Verwandte hätte aber dafür eine Puppe, die ich vor der Hochzeit weggeben könnte. Und ich schenkte sie ihrer ältesten Enkeltochter ... " Nicia hatte vor Erleichterung deutlich hörbar ausgeatmet und das Mädchen an meinem Hochzeitstag in meine Wohnung geschleppt. Die kleine Hesione war eine echte Überraschung gewesen. Klein und untersetzt, mit mausfarbenem Haar hatte sie nicht die geringste Ähnlichkeit mit den ausgesucht schönen Mädchen, mit welchen ich aufgewachsen war, und ich war nicht wenig verblüfft gewesen. Dann hatte sich meine Überraschung schnell in Verlegenheit gewandelt bei diesem neuerlichen Beweis dafür, was für ein unnatürliches Leben ich geführt hatte, ein Leben, in dem es keinen Platz für schlichte und gewöhnliche Kinder wie die Enkelin meiner Zofe gab. Die kleine Hesione war nicht nur unscheinbar sondern auch schüchtern, und die unzähligen Ermahnungen ihrer Großmutter, daß sie nichts anfassen dürfe und wie sie mich geziemend anzusprechen habe, erwiesen sich nicht eben als hilfreich. Aber als ich ihr die alte angeschlagene Puppe gab, da hatten ihre Augen geleuchtet, und sie hatte mir ein zauberhaftes Lächeln geschenkt. Die schiefen Zähne und unübersehbaren Löcher in denselben und was dem Kind sonst noch an Schönheit mangelte, das machte es durch seine Wärme wett. Sein kindliches Entzücken hatte etwas in meinem Herzen angerührt, aber ich hatte das unerwünschte Gefühl schnell im Griff gehabt, mich wieder meinem Spiegel zugewandt, war zu meinen Vorbereitungen zurückgekehrt und hatte mich des beunruhigenden Gefühls ebenso schnell entledigt wie des unscheinbaren Kindes, welches dasselbe ausgelöst hatte. Ich vergaß den Schmetterling und drehte mich in einem Wirbel von Locken, die in unzähligen Schattierungen von Gold und Kupfer in der frühen Morgensonne glänzten, zu Maximus um. Erschrocken schoß die geflügelte Kreatur wieder hinauf in die Sicherheit des Betthimmels. "Kannst Du Dir das vorstellen?" "Was vorstellen, Julia?" "Eine erwachsene Frau kauft sich eine Puppe. Kannst Du Dir etwas Törichteres oder Erbärmlicheres vorstellen?" Maximus sah mich einen Moment lang an. "Nein", sagte er leise. Ich zog erstaunt die Augenbrauen hoch. "Nein?" fragte ich, und meine Stimme klang schärfer, als ich es beabsichtigt hatte. Maximus erhob sich mit einer jener schnellen, eleganten Bewegungen, die man bei einem kräftigen Mann wie ihm nicht erwartete. Er setzte sich neben mich, machte aber keine Anstalten, mich zu berühren. "Nein, Julia. Ich kann es mir nicht vorstellen, weil es an Dir nichts Törichtes oder Erbärmliches gibt", sagte er. "Nichts." Meine Lippen zitterten, meine Augen wurden feucht, und ich versuchte, den Blick abzuwenden, um den Sturm der Gefühle zu verbergen, den seine Worte in mir entfesselt hatten, aber Maximus legte seinen Arm um meine Taille und zog mich dichter an sich. Jede Spur von Widerstand schwand bei der Berührung seiner warmen bronzenen Haut dahin. Ich gab alle Zurückhaltung auf, schloß die Augen und ließ meinen Kopf auf seine Schulter sinken, während meine Hände weiter hartnäckig das Bettuch gegen meine Brust drückten. "Was ich mir aber sehr gut vorstellen kann", fuhr Maximus fort, und ich spürte sein Flüstern an meiner Schläfe, "ist, wie schön und niedlich Du als Kind gewesen sein mußt ... " Süß. In meinem Leben hat man mich vieles genannt. Klug. Stark. Umwerfend. Geistreich. Entschlossen. Stur. Natürlich war das Wort "schön" öfter gefallen, aber auch "Schlampe" und "Hure" finden sich auf meiner Liste. Aber niemand hatte je das Wort "süß" mit mir in Verbindung gebracht - obwohl Apollinarius mich beiläufig ein- oder zweimal so genannt hatte. Irgendwie war ich dennoch nicht überrascht. Ich hielt mich selbst nie für süß. Süß zu sein ist für Sklaven und Huren gefährlich. Es macht schwach und gleichzeitig verletzlich, eine tödliche Kombination für jene, deren Leben von der Gnade anderer abhängt. Süß zu sein können sich Kinder leisten, die eine Mutter haben und Spielzeug, und Frauen mit einem Ehemann, der sie liebt, und Babys, für die sie sorgen - aber eine ehemalige Sklavin und Hure, die zur reichen Geschäftsfrau wurde, kann es sich nicht leisten. Aber Maximus hatte mich "süß" genannt. Ich konnte dem Verlangen, von ihm gehalten zu werden, nicht mehr widerstehen, wandte mich Maximus zu und schlang meine Arme um seinen Nacken. Er zögerte nicht, mich in die Arme zu nehmen und mich an sich zu pressen, bis ich das Gefühl hatte, von seinen eisernen Muskeln erdrückt zu werden. Ich vergrub mein Gesicht an seinem Hals und verharrte dort einen langen Augenblick regungslos, sog begierig seinen ihm eigenen Geruch ein und trank seine Wärme, während Maximus mich fest hielt und mir zärtlich über das Haar strich. "Ich habe nie Spielzeug besessen", wiederholte ich nach einiger Zeit, meine Worte gegen seinen warmen Hals gemurmelt, "aber selbst nachdem ich meine Graspuppe verloren hatte, blieben mir noch die Schmetterlinge, um mich mit ihnen zu unterhalten, und kurz danach lehrte mich jemand die ersten Buchstaben, und das änderte vieles ... es war zu spät für die alte Puppe, aber es war nicht zu spät für Bücher und zu spät zu lernen ... " Maximus küßte mich auf die Schläfe. "Und Du magst Schmetterlinge immer noch ... " "Ja ... " Ich zögerte nur kurz, aber es entging seiner Aufmerksamkeit nicht. "Aber?" Ich seufzte. Gab es keine Möglichkeit, etwas vor ihm zu verbergen? "Ich mag Schmetterlinge", sagte ich in bemüht neutralem Ton. "Ich mag sie sehr, aber ihr Leben ist so kurz ... Es ist traurig, daß etwas so Schönes so schnell sterben muß ... Das ... das hat etwas .... etwas Tragisches ... " Plötzlich wurde mir klar, daß ich ebenso gut nicht über Schmetterlinge sondern über uns hätte sprechen können und darüber, was wir während jener gestohlenen Tage geteilt hatten. Etwas so Schönes und Intensives, das jedoch gleichzeitig so zerbrechlich war ... und das so bald vorüber sein würde.
Eine Woche. Wir hatten nur eine Woche. Und die Hälfte war bereits vorüber.
Es war gut, daß der Schmetterling diesen Augenblick wählte, um unsere Bekanntschaft zu erneuern, und anmutig vor unseren Augen tanzte. Dankbar für die Ablenkung - mein Kopf ruhte immer noch an Maximus' Schulter - streckte ich die Hand nach dem geflügelten Tierchen aus und bot ihm schweigend meine mit ausgestreckten Fingern nach oben gewandte Handfläche an, so wie ich es in den Gärten der Villa getan hatte. Ich konnte fühlen, wie sich Maximus' Aufmerksamkeit auf meine ausgestreckte Hand konzentrierte - und auf den Schmetterling, der sie argwöhnisch umkreiste. Als es sah, daß ich mich nicht bewegte, kam das Tierchen näher und landete dann nach einer kleinen Ewigkeit sanft auf meiner Handfläche, liebkoste meine Haut mit seinen seidigen Flügeln. Konzentriert runzelte ich die Stirn und bog die Finger - einen nach dem anderen - bis auf den Zeigefinger einwärts, versuchte so, den Schmetterling mit sanfter Gewalt zu bewegen, sich auf die Spitze meines Zeigefingers zu setzen. Die kleine Kreatur, offenbar belustigt über dieses Kinderspiel, tat mir den Gefallen, und nach kurzer Zeit balancierte der Schmetterling da, wo ich ihn haben wollte, schlug von Zeit zu Zeit mit den Flügeln, um das Gleichgewicht zu halten. Erst jetzt führte ich den Finger näher zu uns heran, bewegte mich dabei mit äußerster Vorsicht und hielt sogar den Atem an, um das Tierchen nicht aufzuschrecken, bis das Pfauenauge nur noch wenige Zentimeter von unseren Gesichtern entfernt war. "Du bist so schön ... ", sagte ich leise, und meine Stimme und meine Worte waren jene des kleinen Mädchens, das in Cassius' Villa aufwuchs. Es war mir wohl bewußt, daß Maximus' ganze Aufmerksamkeit auf uns beide - mich und das Tierchen - gerichtet war. "Es ist, als ob Du aus Seide gemacht wärest ... " Ich beugte mich vor, als wolle ich den Schmetterling küssen, statt dessen hauchte ich zart auf seine Flügel. Er nahm den sanften Luftzug wahr und erhob sich in die Luft, schraubte sich wieder in die Höhe, und meine Augen folgten ihm, während ich mich schweigend nicht nur von dem seidigen Wesen verabschiedete sondern auch von dem Mädchen, das sich selbst beigebracht hatte, Schmetterlinge anzulocken und mit ihnen zu sprechen. Ich blickte noch immer der schönen Kreatur nach, als Maximus' Arm sich fester um meine Taille schlang und er mich näher an sich zog. "Du bist aus Seide gemacht ... ", flüsterte er und drückte mich sanft aber bestimmt zurück auf das Laken. Dann zog er das Bettuch beiseite, entblößte meinen nackten Körper seinem Blick und gleichzeitig seine eigene unverhüllte Herrlichkeit dem meinen. Ich schnappte nach Luft. "S-Seide?" "Ja, Seide ...", hauchte er, tauchte seine Hand in mein Haar und rieb einige Strähnen zwischen den Fingern. "Seide ... und Gold ... " Ich lächelte ihn ein wenig unsicher an. Maximus' Fingerspitzen zeichneten die Konturen meines Nackens und meiner Schultern nach und wanderten dann zu den Hügeln meiner Brüste. "Elfenbein ... ", fügte er leise hinzu, und seine Stimme klang ein wenig rauher als gewöhnlich. Ich schluckte. Seine Fingerkuppe rieb zärtlich über meine harte Brustwarze, und ich vergaß zu atmen. "Koralle ... " Maximus senkte den Kopf und küßte meinen Hals, dann leckte er an meiner Haut, und in einer schnellen Bewegung begrub er meinen Körper unter dem seinen. "Sahne ... " Nun war es an mir, meine Finger in seinen kurzgeschnittenen dunklen Locken zu vergraben, während ich ihm meinen Leib entgegenwölbte und ihn so wortlos drängte, meine schlüpfrigen Tiefen zu erkunden. Wie eine Woge kam er über mich. "Und ... Honig ... " Maximus' tiefe Stimme wurde zu einem Seufzen - ganz so wie meine bebenden Atemzüge. O ja. Alles in mir war wie Honig. Warmer, dunkler, wilder Honig. Er seufzte abermals - und drang in mich ein. Eine lange, fließende Bewegung, die mein eigenes Seufzen in ein kleines, leises Stöhnen verwandelte. "Honig ... " wiederholte er. "Süß ... so süß ... " Und er drang tiefer in mich ein. Ich schloß die Augen und ließ mich fallen, ließ mich vom stürmischen Drängen seiner Männlichkeit gefangen nehmen. Die Erfüllung überkam uns so schnell und unerwartet, als wären wir zu jung, zu unerfahren und hitzig, um die Lust voll auskosten zu können. Es war schnell aber nicht enttäuschend. Irgendwie erschien es richtig, den Höhepunkt auf so einfache, schnelle und natürliche Weise erklommen zu haben und dann gemeinsam über die Klippe gestürzt zu sein. Die Lust brach nicht mit der unentrinnbaren Gewalt der Gezeiten über uns herein sondern statt dessen mit der wilden Heftigkeit einer sommerlichen Überschwemmung. Mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer rollte Maximus sich auf die Seite, um mich nicht unter sich zu erdrücken. Ich liebte es, von seinem Gewicht niedergedrückt zu werden, aber ich ließ ihn gewähren. Wir wußten beide, daß das noch nicht alles war. Maximus lag neben mir auf dem Bauch, das Gesicht im Kissen vergraben, so daß ich das prächtige Muttermal in seinem Nacken bewundern konnte. Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie gern ich dieses Mal hatte küssen, es mit der Zunge berühren, an ihm saugen wollen.*1 Ich stützte mich auf den Ellbogen und drehte mich zu Maximus um, aber just in diesem Augenblick wandte er mir sein Gesicht zu, und ich blickte direkt in seine herrlichen blau-grünen und jetzt irgendwie verträumten Augen. Er lächelte mich ein wenig schläfrig an und küßte mich dann auf die Schulter. "Es tut mir leid ... " flüsterte er. Es tut mir leid? Wovon sprach er? "Ich bin nicht gut, wenn es um Worte geht ... " fügte er hinzu. "Das bin ich nie gewesen ... " Bevor er weitersprechen konnte, legte ich meinen Finger auf seine Lippen. "Schhhh", flüsterte ich, und meine Lippen zitterten dabei ein wenig. "Du bist schon vollkommen wie Du bist, Liebster... " Maximus' Lippen öffneten sich unter meinem Finger, und ich erhaschte einen warmen, feuchten Hauch, als er seufzte. Er schwieg einen Augenblick und blinzelte dann. "Ich habe auch nie Spielzeug gehabt ... "
(****) Euripides: Einer der bedeutendsten griechischen Dramenschreiber. Geboren um 480 v.Chr. und gestorben um 406 v.Chr. Es wurden neunzehn seiner außergewöhnlichen Tragödien bis in unsere Tage überliefert, teilweise jedoch unvollständig. Seine "Elektra", "Medea" und "Die Frauen von Troja" gelten als die außergewöhnlichsten Stücke, die je geschrieben wurden und werden regelmäßig in der ganzen Welt aufgeführt. (*****) Bulla: Römische Kinder bekamen Amulette, die sie vor dem Bösen beschützen sollten. Bei diesen Glücksbringern handelte es sich zumeist um Medaillen, Münzen oder kleine metallene Schmuckstücke, die um den Hals getragen wurden. Knaben legten ihre bulla zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahr ab, Mädchen an ihrem Hochzeitstag. Bullas, die ihren Zweck erfüllt hatten, wurden auf den Familienaltar gelegt - als Gabe an die Götter des Hauses und der Familie. Manchmal wurde es erwachsenen Männern erlaubt, ihre bulla nochmals zu tragen: einem siegreichen General, dem ein Triumphzug zugestanden wurde, eine besondere römische Form einer Parade verbunden mit Zeremonien, die abgehalten wurden, um seinen Sieg über die Feinde Roms zu feiern. Während dieses besonderen Triumphtages stand der gefeierte General über jedem anderen römischen Bürger, selbst über dem Kaiser, und konnte somit Opfer der Eifersucht weniger erfolgreicher Männer werden. Daher wurde ihm erlaubt, wieder die bulla zu tragen, um ihn vor Neid und dem daraus resultierenden Übel zu schützen. __________________________ *1 vgl. Julias Tagebuch, Teil 2, Kapitel 18.a |