Schatten über der Provence

Kapitel 8

 

„Danke, das mach ich lieber selbst“. Liebenswürdig aber bestimmt lehnt sie die Hilfe der jungen Hilfskraft ab, die ihr beim Aufstellen ihrer Puppenkreationen helfen will. Doch sie überlässt es dem Mädchen, die kleinen und großen Schätze aus der Holzwollverpackung zu schälen und ihr zuzureichen. Den richtigen Standort auf Regalen, improvisierten Stilmöbeln und in Glasvitrinen wählt sie selbst, je nach Stil und Zeitepoche, denen ihre Werke zugehörig sind. Obwohl sie einige Konzentration nötig hat, damit der Gesamteindruck ihrer Puppenwelt auch ein augengefälliger und bleibender werden wird, laufen ihre Gedanken immer nur in die eine Richtung, zu Daniel Max Arthur. Seit zwei Tagen haben sie einander nicht mehr gesehen und es erscheint ihr schier eine Ewigkeit zu sein. Die Sehnsucht nach ihm tat fast körperlich weh. Amelie versucht einen klaren Kopf zu bewahren, ihren Verstand die Führung über Tun und Denken erneut übernehmen zu lassen, doch noch nie war ihr der Vorsatz so schwer gefallen wie diesmal, in dieser Situation, die für sie wunderbar und beängstigend zugleich ist.

Während ihr Körper und Geist sich nach seiner Präsenz verzehrt, entsteht rings um sie das Reich ihrer Puppenwelt, ihrer Arbeit und ihres bisherigen Lebenswerkes. Es blieben drei volle Tage, bis zur Eröffnung der Sammlermesse und sie hatte mit anderen Ausstellern bereits einen recht freundschaftlichen Kontakt gefunden, ohne ihn wirklich gesucht zu haben. Es stimmte schon, sie stach ein wenig aus der Menge der meist älteren Künstler, Handwerker oder Antiquitätenexperten heraus, und ihre frische, natürliche Art fand bei den meist englischen Herrschaften großen Anklang. Selbst hart gesottene britische Gemüter wurden während Unterhaltungen mit der jungen, begabten und dazu noch hübschen Frau wachgerüttelt, und so manches herzliche Lächeln galt der Künstlerin, die allgemein beliebt und geschätzt wurde im Kreise der Organisatoren, wie auch der der Aussteller. Und dennoch wusste niemand, das sie mit ihren Gedanken nicht immer ganz bei der Sache war und ihr ständig verträumtes Lächeln zum Grossteil einem Mann gehörte, den zwar die meisten aus Presse und Film kannten, der aber keineswegs noch auf der Bildfläche der riesigen Ausstellungshalle im Barbican Center, in der Londoner City, erschienen war. Niemand ahnte also, was in ihr vorging und nicht einmal sie wusste das so ganz genau. Allein, sie brannte lichterloh, war verwirrt und beglückt zugleich. Jedenfalls schien Philippes Einfluss nicht bis hierher, über den Kanal zu reichen, Denn sie hatte bisher nichts gehört oder gesehen von irgendwelchen Machenschaften, die aus seiner Richtung kamen. Nach und nach wurde die Erinnerung an seine letzten herrischen Auftritte und das Feuer, wer immer dafür verantwortlich war, aus ihrer Erinnerung verdrängt. Nichts schien mehr wichtig und zum ersten Male seit ihrer Studienzeit hat sie den Eindruck, ihr Leben wieder allein und selbst in den Griff bekommen zu haben.  Und dennoch war sie erst vor wenigen Tagen dem Einfluss und der, wenn auch begrenzten, Macht Derrieus entflohen, wie eine Diebin in dunkler Nacht.

Daniels Anrufe waren kurz, er schien wenig Zeit zu haben, versprach jedoch, noch vor Beginn der Messe zurück, ja, sogar dabei zu sein.

„Ich Denke, wir haben es geschafft“. Amelie betrachtet ihren großen Stand aus einiger Entfernung und das junge Mädchen an ihrer Seite nickt zustimmend.

„Sieht Cool aus“, bestätigt sie, nicht ohne Stolz. „Ich bin mir sicher, hier wird sich das meiste Abspielen. Ich hoffe, man wird keines Ihrer guten Stücke zerschlagen, wenn allzu viel Andrang herrscht, vor allem bei der Eröffnung Samstag!“

Amelie schüttelt verneinend den Kopf:“ Ich habe absichtlich die Sachen so aufgestellt, dass eigentlich nicht viel passieren kann, aber Du hast recht, man kann nie wissen. Gefährlich können nur Kinder werden, doch davon wird es hier nicht allzu viele geben. Es ist ja doch eine Liebhabermesse und alles das hat mit Spielzeug so gut wie gar nichts zu tun. Ich habe weder Barbies noch Gameboys anzubieten!“ Das Mädchen, Lily, lacht herzlich, und gibt ihr Recht.

 

***

„Sie hat schon seit ein paar Jahren Herzprobleme“, versichert Daniel. „Es tut mir so leid, Amelie, aber ich muss hinauf zu ihr. Wenn sich der Anfall als harmlos erweisen sollte und ich sie gut aufgehoben weiß, komme ich nächste Woche ganz bestimmt zu Deiner Ausstellung. Außerdem bin ich ihr ja noch ein Geschenk schuldig, das ich unbedingt und nur bei Dir für sie aussuchen will! Du weißt ja!“

Die Enttäuschung schnürt Amelie die Kehle ab und sie kaut auf ihrer Unterlippe, unentschlossen, was sie antworten sollte, während sie das Telefon in ihrer Hand hält und es an ihr Ohr presst, bis Dieses zu schmerzen beginnt.

„Natürlich Dan! Ich verstehe es. Wenn man das Glück hat, noch eine Mutter zu besitzen, Dann muss man alles tun, um ihr nahe zu sein, vor allem in solch schlimmen Situationen. Ich wünsch’ Dir alles Gute, und… ihr auch!“

„Ja, das ist lieb von Dir, Kleines! Ich muss los! Sie soll noch heute operiert werden! Es wird schon gut gehen!“

„Klar“, erwidert sie zuversichtlich. „Klar, geht alles gut! Bis bald!“

Bis bald? Was war das für ein blöder Spruch! Bis bald! Heute? Morgen? In einem Jahr? In zehn Jahren? Bis bald,  - das hatte absolut nichts zu bedeuten. A bientôt….bis bald… Merde!

Arme Mom.

Armer Dan.

Alles Merde! 

Sie blickt ihr Mobiltelefon an, als hielte sie eine giftige Schlange in der Hand, dann lässt sie es auf den kleinen Tisch gleiten und streckt sich erschöpft auf ihrem Bett im Hotelzimmer aus. Sie fühlt sich müde, viel zu müde. Morgen ging es los. Ohne Dan. Nun gut, sie sollte sich nicht mit Leib und Seele an ein Wiedersehen hängen. Es war ja gar nicht wirklich vorgeplant gewesen. Sporadisch ausgemacht, okay! Nur gehofft hatte sie darauf. So sehr, als würde ihr Leben davon abhängen. Na toll! Liebeskummer zu all dem übrigen Schlamassel dazu, genau das konnte sie jetzt noch brauchen. Der Anruf der Gendarmerie von Le Beausset heute früh, war auch nicht gerade ermutigend. Sie hatte sosehr gehofft, dass man ihr mitteilte, man hätte die Jammerlappen, die für die Zündelei verantwortlich waren, endlich geschnappt. Halbstarke, unvorsichtige Touristen, angetrunkene Jugendliche, was auch immer, aber einen Schuldigen wollte sie endlich kennen, um wieder beruhigt schlafen zu können. Derrieus wiederholte Anrufe hatte sie nicht beantwortet und nur als lästig empfunden. Wenn die Polizei selbst nicht Neues wusste, dann konnte selbst er nichts dagegen tun. Er war der Letzte, den sie jetzt noch brauchte, mit seinen coolen Sprüchen und versteckten Vorhaltungen. Am Schlimmsten aber war seine Gönnerstimme, diesen großen Geist, den er so gerne zum Besten gab. Es existierte mal eine Zeit, da glaubte sie noch daran, doch die letzten Diskussionen mit ihm haben sie brutal eines anderen belehrt, und sie hat sich eingestehen müssen, dass es eine Seite an Philippe gab, die sie absolut verkannt hatte. Die guten Zeiten lagen soweit zurück, dass sie eigentlich gar nicht mehr in ihr jetziges Leben passten, zu ihr passten, und schon gar nicht zu Derrieu selbst! Sie würde sich einzig auf ihre große Chance, während der kommenden Tage konzentrieren und nur darauf. Weg mit sentimentalen Gefühlen, die keine Zukunft hatten, weg mit Angst oder Existenzsorgen! Es wäre gut, wenn sie einen Grossteil ihrer Puppen verkaufen könnte. Nicht aus Geldnöten, ihre Tätigkeit hatte ihr bislang genug eingebracht, dass sie eine Weile sorgenfrei davon leben konnte. Jedoch die mühsame Überlegung, ihre heiklen Werke irgendwo, nach dieser Ausstellung, unterbringen zu müssen, bis ihr Haus halbwegs wieder beziehbar war, fiel in diesem Falle weg. Und an die Herstellung neuer Objekte war vorläufig nicht zu denken. Ihr Atelier musste sicher komplett neu oder teilweise neu aufgebaut und eingerichtet werden.

 

Die Ausstellung für Sammler jeder Art von Kunstgegenständen wird ein voller Erfolg. Bereits am Eröffnungstag können die Veranstalter eine Besucherzahl vermerken, die weit über dem Limit ihrer Hoffnungen liegt. Für die Puppenmacherin gibt es keine Zeit zum Überlegen, Nachdenken oder gar grüblerischen Träumen. Sie versucht, ihre Interessenten so weit wie möglich durch Auskünfte und Ratschläge zu befriedigen, und an etlichen der teuren Stücke ihrer Werke stehen bereits in den ersten Tagen kleine Schildchen mit dem Vermerk: „solded“. Die Tage laufen nur so dahin, und bereits Mitte der Woche hat Amelie mehrere Einladungen zu ähnlichen Events, aber auch eine beträchtliche Anzahl von Schecks mit ansehnlichen Summen in der Tasche. Nach Beendigung der Messe würden viele ihrer Stücke abgeholt, oder verpackt und verschickt werden. Der Gedanke an Dan MacArthur verblasst ein wenig, angesichts des geschäftlichen Trubels, dem sie ausgesetzt ist, auch wenn der Gedanke an den gut aussehenden Mann mit Wehmut durchsetzt ist, einer ungestillten Sehnsucht, der sie wenig Erfüllung voraus zu sagen wagt, mit jedem Tag, der vorüber streicht, ohne, das sie seine Stimme hört. Die versprochenen Anrufe bleiben aus und die gemischten Gefühle, die sie beschleichen, wenn sie über den Grund seines Schweigens nachdenkt, sitzen wie Dornen in ihrer Brust, die sich tiefer und tiefer in ihren verletzten Stolz bohren.

Als das Wochenende mit der Schließung der erfolgreichen Ausstellung vorübergeht, weiß sie mit Gewissheit, dass sie kaum noch mit einem Lebenszeichen des gefragten Schauspielers, der ihr Geliebter für eine einzige Nacht geworden war, rechnen durfte. Natürlich hatte sie noch seine Nummer, doch sich ihm aufzudrängen, kommt ihr erst gar nicht in den Sinn. Aber es tut weh, dass sie ihm nicht mal einen Anruf mehr wert ist… Es zerreißt sie innerlich und sie fühlt sich benutzt und abgelegt von diesem Mann.

 

Sie mietet ein kleines Geschäftslokal im Stadtteil Notting Hill, das sie zu unregelmäßigen Zeiten öffnet und vor allem als Lager für ihre Puppen verwendet. Lily besucht sie oft und hat anscheinend ein enges Verhältnis zu der Französin gefunden, die immer ein offenes Ohr für ihre Teenagerprobleme hat. Die restliche Zeit streift sie allein durch Museen und Galerien, fasst Fuß in der britischen Hauptstadt und genießt die ruhige, disziplinierte Mentalität ihrer Bewohner, mit denen sie sich mehr und mehr identifizieren kann. Sie konnte ihre gesamten Werke, die ihr verblieben waren, unmöglich nach Frankreich zurückschicken und auf Derrieus Hilfe wollte sie schon gar nicht angewiesen sein. Ihre wiederholten Anrufe bei den Behörden ihres Heimatortes bleiben ohne viel Erfolg.

Nein, man habe noch keine neuen Resultate in den polizeilichen Ermittlungen zu verzeichnen.

Ja, die Aufräumungsarbeiten habe die Gemeinde übernommen und man riet ihr, sich selbst bald einzufinden, um Entscheidungen zu treffen, ob sie daran interessiert wäre, auch die Grundmauern nieder zu reißen, neu aufzubauen oder gar den Grund und Boden zu verkaufen. Interessenten gab es bereits genug. Auch die Versicherung setzte ihr zu, endlich persönlich die Dinge in die Hand zu nehmen.

„Es scheint fast so, als wolle man mich los werden“, versucht sie während des einen Gesprächs mit dem Gendarmeriekommandanten bitter zu scherzen.

„Aber keineswegs, Mademoiselle!“ , wird sie sogleich beschwichtigt. „Monsieur le Maire wartet auf Ihre Entscheidungen. Er hat, meines Wissens nach, einige Kostenvoranschläge von renommierten Baufirmen eingeholt, um Ihnen diese Wege abzunehmen. Andernfalls ist er selbst an dem Grundstück interessiert, sollten Sie es sich noch anders überlegen. Sie sollten ihn kontaktieren, und nicht im Unklaren lassen. Das wäre für alle das Beste.“

Wahrscheinlich hatte der gute Mann Recht. Sie konnte nicht ewig auf der Flucht vor der Wahrheit bleiben. Ihre Anwesenheit in Le Beausset wurde weiterhin mit Philippe Derrieu assoziiert. Als eigenes Individuum, schien man sich Amelie, die Puppenmacherin, wohl nicht vorstellen zu können. Hatte man ihre alt eingesessenen Eltern und Groseltern so rasch vergessen? Und sie selbst? Hatte sie überhaupt je zu den einfachen Landleuten gehört, die sie wahrscheinlich für ein bisschen weltfremd hielten? Sie war doch eine von ihnen….., hatte sie zumindest bis jetzt geglaubt. Irgendwie wankt der Boden ihrer Existenz nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes unter ihren Füssen, sondern auch im Bezug auf alle Gewissheiten bezüglich ihrer Herkunft, ihrer Wurzeln, die sie zu haben glaubte…

Und sie ist sich vollkommen darüber im Klaren, wenn sie die Stelle, die Philippe ihr zugedacht hatte, ohne viel Überlegung, wenn und aber, angenommen hätte, und die angesehene Frau des Senators und Bürgermeisters eines bekannten Ortes der Provence, geworden wäre, alles anders verlaufen wäre. Den Gedanken, dass ihr Haus möglicherweise immer noch unversehen an der gleichen Stelle stünde, schiebt sie vehement von sich. Das traute sie ihm nun dennoch nicht zu. Er war gerissen, ehrgeizig, vielleicht auch kaltschnäuzig, aber nicht kriminell, kein Mörder oder Brandleger! Bald schon wäre sie sogar die Angetraute eines Europa-Abgeordneten geworden, ….hübsch, gehobenes Prestige. Vielleicht hätte man ihr auch die Künstlerin zugestanden – selbst dieses hart erarbeitete Renommee hätte in den Augen ihrer Mitbürger mehr Ansehen gefunden. Doch im Grunde kam es darauf gar nicht an. Akzeptiert als Mensch wollte sie sein, ihr Ansehen und ihre unbefleckte Ehre, ihr aufrichtiger Charakter waren es, die sie schätzen sollten, als es noch Zeit war. Seit ihrer Nacht mit Dan, hat alles das, was ihr so wichtig erschien, ein vollkommen anderes Gesicht bekommen. Sie hatte die Seite gewechselt, das verzieh’ man ihr nie. Es war Zeit, einen großen Schritt zu tun. Entweder sie bot allen bösen Mäulern, ja Philippe selbst ihre Kraft und Unabhängigkeit entgegen, was natürlich Mut und kühle Gelassenheit zum Einen kosten würde, oder sie versuchte anderswo Fuß zu fassen. Sie konnte sich eine Existenz in einer neuen Umgebung aufbauen, fernab einer Vergangenheit, die einst viel versprechend erschien, dann jedoch dunkle Wolken von Verleumdung und Verachtung auf sie geworfen, ja, sogar ihr Leben bedroht hatte. Bald schon würden sich die Menschen ihrer Region neuen Tratschereien zuwenden, bald schon würde Philippe eine andere Frau an seine Seite holen, eine, die es schätzte, in seiner sonnigen Popularität zu baden und es genoss, bloß Nutznießerin seines beträchtlichen Vermögens zu sein. Sie würde  es nach Herzenslust verschwenden und nur danach trachten, schön zu sein, begehrenswert, damit der Politiker sich mit ihr schmücken konnte. Dann hatte auch sie ihre Ruhe, und möglicherweise war es dann sogar möglich, ein normales, friedliches, fast freundschaftliches Verhältnis zu Derrieu und den Seinen aufzubauen, so wie früher, als die Welt noch in Ordnung zu sein schien.

Hatte sie die Kraft? Den Mut? Oder überhaupt bloß Lust, sich auf ein solch Nervenraubendes Unterfangen einzulassen? Sicher. Es gab nichts, was dagegen sprach. Keinen Grund, der Heimat noch lange fern zu bleiben. Sie konnte das Haus aufbauen lassen und weiterhin nur für ihre Kunst leben, ihren Ruf weltweit verbessern und an nichts anderes denken als eben ihre Puppenwelt und ihre schöpferische Arbeit.

An nichts anderes denken. Schließlich blieb ihr ohnehin kaum eine zweite Möglichkeit. Egal ob in der Provence oder anderswo. Dan konnte sie vergessen. Er hatte es anscheinend längst schon getan. Ein Techtelmechtel im Vorbeigehen. Ein kleines Abenteuer, gewürzt mit der Spannung ihrer plötzlichen Flucht und gekrönt durch eine unvergessliche Nacht im Bett eines romantischen Hotelzimmers. Das war mehr, als andere Frauen, die von ihm beeindruckt und angetan waren, erhoffen konnten. Darauf sollte sie es beruhen lassen, und ihre Erinnerung daran wie einen Schatz behüten.

 

Mit den Tagen und Wochen, die ins Land streichen, wird sie ruhiger. Irgendwann liest sie ganz zufällig, dass Dan MacArthur in Nordthailand einen Film drehte. Die Neuverfilmung von „Bonjour Tristesse“, die in der Gegend um Marseille abgedreht wurde, hat Premiere in Paris, dann London, doch der Star glänzt durch Abwesenheit. Seine Verpflichtungen lassen es nicht zu, sich vom Drehplateau zu entfernen. Es heißt, die Dreharbeiten im Dschungel seien außerordentlich anstrengend und mühsam. Die Neuverfilmung des Streifens nach Françoise Sagans Roman wird ein mittelmäßiger Erfolg. Ein Film, der vor allem Frauen anspricht. Wie vorausgesehen, ist Yves Montand, in seiner ehemaligen Glanzrolle, rasch vergessen, selbst vom französischen, weiblichen Publikum, vor allem jüngeren Jahrgangs. Der Film ist gewagter, erotische Szenen detaillierter, aber auch die Charaktere sind psychologisch weitaus besser und intensiver hervor gekehrt, als beim Originalfilm der Sechziger. Die Story geht einem an die Nieren, man kann sich mit den Personen des Films identifizieren,  und das Publikum ist hin und her gerissen zwischen Sympathie und Wut auf den leichtlebigen Mann, der von Daniel MacArthur dargestellt wird, und der Frauen benutzt und liebt zugleich, wenn auch auf seine ganz eigene Art und Weise. Alles das entnimmt Amelie den Kritiken, denn sie selbst kann sich nicht aufraffen, ins Kino zu gehen und zwei volle Stunden Dans Gesicht in Grossaufnahme vor sich zu sehen. Nicht jetzt, es war zu früh…. In ein paar Monaten, wenn es den Film auf DVD gab, dann vielleicht, bewappnet mit einem Stapel Taschentücher, allein zuhause vor ihrem Fernseher… Psychologisch fühlt sie sich allein auf sich gestellt. Sie sammelt ihre Kraft in neuen Ideen und Projekten, und sie brennt darauf, sie baldmöglichst verwirklichen zu können. Sie besucht Wien und Prag, so wie sie es vorgehabt hatte. Sie lässt sich treiben auf den Flügeln der nostalgischen Atmosphäre dieser Städte, die trotz Modernität und Fortschritt ihre Identität und Vergangenheit mit dem einundzwanzigsten Jahrhundert erfolgreich, ja harmonisch und verzaubernd verweben konnten. Sie trifft Kollegen aus ähnlichen Branchen des Kunsthandwerks, baut Kontakte auf. Als sie wieder nach London zurückkehrt, ist sie um vieles reicher, finanziell und auch kulturell gesehen.

Irgendwann im Sommer, hat sie die Gewissheit, dass sie schwanger ist. Sie zweifelt auch keine Sekunde daran, dass diese Tatsache das Produkt ihrer unvergleichlichen Nacht mit einem unvergleichbaren Mann ist. Saver Sex? Daran hatte keiner von beiden gedacht. Traurig schiebt sie die Erinnerung an die unvergessliche Nacht von sich. Nach dem anfänglichen Schock über ihren gesegneten Zustand, folgt Überraschung und schließlich ein Glücksgefühl, dass alles, einfach alles an Enttäuschung oder Ungewissheit in den Schatten stellt. Ja, sie versteht kaum noch, wie sie je melancholisch und unsicher, fast ängstlich, gewesen sein konnte. Sie würde Kraft brauchen, für das Kind und sich selbst. Und die konnte sie aus der Liebe zu dem ungeborenen Wesen schöpfen, fast endlos…

 

Im Spätherbst ist ihr Entschluss gefasst. Sie beschließt nachhause zu fahren und reinen Tisch zu machen. Sie fühlt sich stark und voller Tatendrang. Sie war nicht mehr allein, würde es nie mehr sein. Ihre stille Puppenwelt sollte Leben bekommen, ihr bisheriges Dasein einen wahren Sinn, ihre verletzte Seele Trost, und ihr Herz einen ruhenden Pol. In ihr wuchs Leben heran, und diesem ungeborenen Wesen schuldete sie einiges.  Vor allem Entschlossenheit, Entschlusskraft. Sie wollte das Haus aufbauen lassen, schöner denn je. Und sie würde dafür sorgen, dass keine Unbefugten es so einfach betreten konnten, wie früher einmal, als sie die Welt noch in Ordnung glaubte und auf das Gute in jedem Einzelnen zählte. Ihr Grundstück bekam einen undurchdringbaren Zaun, eine Mauer, wenn nötig. Hochelektronische Überwachungssysteme sollten jeden Eindringling sofort orten und Alarm auslösen. Auch wenn die Ermittlungen des Brandes stillschweigend im Sand verlaufen waren, war sie nicht so naiv zu glauben, der Vorfall könnte sich kein zweites Mal wiederholen. Stärke war ihre Waffe, Entschlossenheit ihr Begleiter und das Kind in ihr, die treibende Kraft zu alledem!

 

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