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Schatten über der Provence |
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Kapitel 9
Der Herbst hatte auch diesmal, wie jedes Jahr, nicht an Farbenpracht und Nuancenvielfalt gespart, als er die Provence mit seinen goldenen Händen gestreift hat. Während die Weinernte weitgehend vorüber ist, wiegt das Gold gefärbte Weinlaub sich sachte im Winde, als wolle es so verkünden, dass der Sommer nun endgültig auch diese, vom milden Klima besonders bevorzugte Region verlassen hatte. Die Frühnebel heben sich nur träge von den Olivenhainen und abgeernteten Obstplantagen hinweg, um langsam und allmählich zu verdampfen. Sie hadern mit den noch immer kräftigen Sonnenstrahlen, die sie zum Aufgeben zwingen, zum Verschwinden, und begnügen sich damit, jeden Abend ein paar Minuten früher einzufallen und das fruchtbare Land erneut in ihr milchiges Kleid einzuhüllen. Ein paar besonders Sonnenhungrige kann man noch an den weitgehend verlassenen Stränden und in einsamen Felsbuchten antreffen, doch der gewaltige Touristenstrom ist längst abgezogen, zurück in die großen Städte des alten Kontinents und ins Landesinnere. In den Ferienorten ist Ruhe eingekehrt, satte Ruhe. Die eleganten Boutiquen haben geschlossen, ihre Inhaber sind ihrerseits abgereist und das Land lebt wieder einen völlig normalen Rhythmus, im Einklang mit Natur und Jahreszeit. An windstillen Tagen ist die Luft erfüllt vom Duft des Holzfeuers, wenn Gärtner und Bauern altes Laub und Astwerk verbrennen, das Jahr wird alt, junger Wein beginnt zu gären und man ist wieder froh, wenn die Herbstsonne es so richtig gut meint und tagsüber ungetrübt herab scheint. Niemand flüchtet mehr in den kühlen Schatten, niemand klagt über die anhaltende Hitze. Die Sommerfeuer waren diesmal nicht wirklich katastrophal gewesen, so wie im vergangenen Jahr. Damals waren vier einheimische, junge Feuerwehrmänner ums Leben gekommen. Eine Tragödie. Protestmärsche für mehr Sicherheit und bessere Bezahlung waren die Folge gewesen. Gebracht hat es nichts, wie meistens…. Kleine Anwesen, wie das von Amelie, waren wohl auch heuer dem Feuerteufel zum Opfer gefallen, aber es gab keine sehr großen Waldbrände und der Mensch behielt die Oberhand über derartige dramatische Vorfälle. Vielleicht hing das auch mit den drastischen Strafen zusammen, die man den gefassten Brandstiftern auferlegte. Es war ein gutes Jahr gewesen… Philippe grübelt, mit am Rücken verschränkten Händen weiter, und lässt seinen Blick aus dem großen Fenster seines Rathauses schweifen. Es war Markttag, doch der Andrang, der in den Sommermonaten an solchen Tagen hier herrschte, hielt sich jetzt in Grenzen. Der einflussreiche Mann hatte mehrere Erkundigungen in letzter Zeit einholen lassen. Zum einen, über den Verbleib seiner verlorenen Liebe, Amelie. Zum anderen, über diesen großmäuligen Schauspieler MacArthur. Er hatte nicht gefunden, was er gesucht hatte oder besser, erwartete. Da schien nichts zu laufen zwischen den beiden. MacArthur trieb sich irgendwo in Südostasien herum, Amelie schien wahllos durch Europa zu reisen und kein Bedürfnis zu haben, bald zurückkehren zu wollen. Ihr Schweigen hat er nur sehr widerwillig hingenommen, erst ungeduldig, Dann zornig und schließlich grollend. Ihr vollkommenes Desinteresse an seiner Person hat ihn dazu bewogen, ihr nachspionieren zu lassen. Inzwischen war er nur mehr wütend auf seine Tochter Virginie, die er, teilweise nicht zu Unrecht, für schuldig an den Zwistigkeiten mit Amelie hielt. Aber er war viel zu schlau anzunehmen, dass die Gerüchte, die seine Tochter über die Puppenmacherin in Umlauf gesetzt hatte, der Ausschlag für Amelies Sinneswandlung gewesen waren. Vielleicht hätte er nachgeben sollen, ihr Zeit lassen, so wie sie es ursprünglich verlangt hatte. Andererseits waren seine ernsten Absichten niemals ein Geheimnis für die junge Frau gewesen. Virginie hingegen, frönte nach wie vor dem Nichtsnutz und dem süßen Leben an der Seite von Gigolos und „aufstrebenden Künstlern“, wie sie selbst ihre derzeitige Clique nannte, eine Bande von emigrierten Nordafrikanern, die auf Establishment und Gesellschaft verächtlich schimpften und das ganze als Kunst in eintönigen Musikrhythmus zu verpacken suchten. Das Schlimme daran war, das sich diese gekrächzten unfeinen Kritiken, mehr ausgespieen als gesungen, mit diesem unverkennbaren Akzent der Nordafrikanischen Ghettobewohner, auch noch verkauften. Er hatte Virginie ausdrücklich verboten, diese Bande nach Le Beausset mitzubringen. Eine wilde Horde Halbstarker, eingekifft und vulgär. Damit wollte er nichts zu tun haben, und mehrere Dispute haben seine Tochter davor gewarnt, sich weiter auf dieser Ebene mit diesen Leuten einzulassen. Es gab schon mehrmals stichelige Bemerkungen in der einschlägigen Presse, dieser Relationen wegen, die Virginie mit den Musikern unterhielt. Er wollte und konnte sich kaum vorstellen, dass sie mit einem der Männer auch noch ins Bett stieg und es mit einem dieser Halbaffen trieb. Seine Finger verkrampfen sich immer stärker hinter seinem Rücken und seine Kiefer pressen sich schmerzhaft aufeinander, bei diesem, für ihn so abstoßenden Gedanken. Brüssel wartete auf ihn, auch ohne Amelie. Sollte sie doch zum Teufel gehen! Sie und ihre verträumte Welt, in der er anscheinend keinen Platz mehr fand. Er hatte sich eben verspekuliert. Das kam vor, wenn auch äußerst selten. Aber sie hatte nicht die leiseste Ahnung was ihr dadurch verloren ging!
Der Mann drückt seinen Rücken durch und will sich schon vom Fenster abwenden, um sich erneut den gefaxten Berichten aus Brüssel zuwenden, als er seinen Augen nicht trauen will! Aus dem Wagen, der vor der, schräg vis à vis gelegenen, Gendarmeriekommandatur hält, steigt ein brauner Lockenkopf, den er unter hunderten sofort erkannt hätte, trotz der aufgesteckten Frisur! Amelie! Sie wirft die Wagentür zu und verschwindet aufrechten Gangs im Inneren des Amtsgebäudes. Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht mit ihrem plötzlichen Erscheinen, ohne Ankündigung, einfach so…. Doch er ist zu sehr Realist um sich etwas vorzumachen. Sie ist nicht seinetwegen gekommen. Wahrscheinlich will sie Aufklärung. Derrieu wird unruhig, was selten vorkam. Seine ungeduldigen Finger wählen die Nummer des Polizeireviers. „Derrieu am Apparat! Halten Sie die Frau fest, bis ich drüben bin!“ Er knallt den Hörer zurück und verlässt eiligen Schrittes sein Büro. ***** „Ich kann einfach nicht verstehen, dass sie überhaupt keinen Anhaltspunkt gefunden haben“, erwidert Amelie unzufrieden auf die Aussage des Beamten hin, dass man rein gar nichts in ihrer Sache gefunden hatte, was zu verdächtigen Brandstiftern geführt hätte. „Sie können doch mit den heutigen, modernen Mitteln so gut wie alles aufklären!“ Sie ist stinksauer. Anscheinend hat man sich erst gar nicht die Mühe gemacht, richtig nach Tätern zu suchen. „Ein Jugendstreich, Mademoiselle! Sagte ich doch schon! Wahrscheinlich war der oder die Täter auch gar nicht aus dieser Gegend! Bei uns tut keiner so etwas!“ Der Polizeibeamte wollte sie baldmöglichst loswerden, eindeutig. Er antwortet, nach einer gemurmelten Entschuldigung, auf das Läuten seines Telefons, nickt und scheint seinem Gesprächspartner, am anderen Ende der Leitung beizupflichten. Sein Gesicht wirkt entspannter, als er auflegt. „So setzen Sie sich doch Mademoiselle! Wir haben die Sache ja noch nicht abgeschlossen und die Chance, eine wichtige Spur zu finden, besteht immerhin auch noch!“ Amelie schüttelt den Kopf: „Wie wollen Sie noch Spuren entdecken, wo man sofort beschlossen hat, die Aufräumungsarbeiten in Gang zu setzen! Sie hätten doch zumindest auf meine Zustimmung warten können, oder?“, entgegnet sie verdrossen. „Ich habe das angeordnet, und zwar auch in Deinem Sinne, und dem der ganzen Gemeinde. Alte Brandherde sind ein gefährlicher Boden, wie Du weißt!“ Sie hat die Stimme in ihrem Rücken erkannt, noch bevor sie dem Sprecher ins Gesicht blicken kann. Wahrscheinlich war das auch der Anrufer von vorhin gewesen! „Bonjour, ma chère“, wird sie von Philippe begrüßt, der ihr angetan beide Hände entgegenstreckt, als käme ein verlaufenes Kind nach hause, das besonderen Zuspruch verdiente. Sie erhebt sich langsam, blickt ihn argwöhnisch an und ringt sich den Anflug eines Lächelns nur mit Mühe ab. „Salut, Philippe! Was verschafft mir die Ehre mitten unter einer dringlichen Amtsbesprechung“. Ihre Worte klingen frostig und ihr Lächeln täuscht ihn nicht. Sie war wütend und aufgebracht. „Lass uns in Ruhe über diese leidliche Sache sprechen“, sucht er sie zu beschwichtigen, und stellt fest, dass sie aussah wie das blühende Leben. Ein wenig rundlicher war sie, doch ihre Haut strahlte pfirsichfarben und gesund, ihre grünblauen Augen blitzten ihn unter dem unbändigen Haarschopf kampflustig an. Sie schien verändert. Sicherer, entschlossener und um vieles attraktiver, als er sie in Erinnerung hatte. Die Brandkatastrophe, ihre Auseinandersetzungen, die Verleumdungen, all das schien keine Spuren an ihr hinterlassen zu haben. Noch nie sah sie besser aus als in diesem Moment. Und diesmal würde er sie nicht gehen lassen, sein Entschluss steht bereits fest! Er zaubert das gewinnendste Lächeln seit langem auf seine Züge, doch sie entzieht ihm entschlossen ihre kleine Hand, die sie ihm zuvor zu einem kurzen, festen Handdruck gereicht hatte und wendet sich erneut an den Polizisten: „Vielleicht sollte sich besser le Service spécial, la Brigade criminelle, dieser Sache annehmen, Monsieur. Ich denke, das dieses Dorfrevier für eine doch ziemlich gewichtige Angelegenheit wie diese etwas überfordert zu sein scheint!“ Der Mann hat eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, doch Derrieu verbietet ihm diese durch ein Blickzeichen, dass den Mann verstummen lässt. „Wo bist Du abgestiegen, Amelie? Es wäre mir eine Ehre, Dich als Gast in meinem Hause begrüßen zu können. Wir könnten alles Weitere besprechen, in Ruhe, meine ich.“ „Ja, das können wir. Doch in dieser Gegend fühle ich mich nicht sicher, solange man die Leute, die mir nach dem Leben trachteten nicht ausfindig gemacht hat. Du erreichst mich in meinem Hotel. Ich habe ein Zimmer im Holiday Inn genommen, in Toulon. Von dort aus kann ich mich besser organisieren, meine Versicherungsanstalt befindet sich ebenfalls ganz in der Nähe und nach Le Beausset sind es kaum zwanzig Minuten, wie Du weißt. Den Wagen draußen habe ich gemietet, da ich den meinen nicht mehr vorgefunden habe, als ich das Grundstück besuchte!“ ‚Den traurigen Ort eines anderen Lebens, das man mir nicht vergönnte’, hätte sie fast hinzugefügt und schluckt trocken bei der Erinnerung an den ausgebrannten Ort und die verkohlte Natur ringsum. Bedauernd zuckt Philippe die Schultern. „Es tut mir leid“, seine Zerknirschtheit scheint echt zu sein. „Dein Wagen war nicht mehr zu gebrauchen. Ich dachte, in Deinem Sinne zu handeln, wenn ich mich um alles kümmere, vor allem die zerstörten Dinge entfernen lasse, die Dich traurig stimmen könnten! Die Versicherung hat bereits zugesagt, dass auch ein Neuwagen in Deinen Vertragsbestimmungen enthalten ist. Es war schließlich eine Naturkatastrophe und diese wird voll und ganz von der Polizze gedeckt!“ „Du bist gut informiert, Philippe!“ Ein gewisser Zynismus steckt in ihren Worten. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll! Dir danken, oder Dir verbieten, Dich weiterhin um Dinge zu kümmern, die ich sehr gut selbst in die Hand nehmen kann!“ „Du warst mein Mündel, Amelie! Muss ich Dich daran erinnern?“ Er scheint verletzt zu sein, doch sie bringt keinerlei Verständnis für ihn und sein Tun auf. „Das ist lange vorbei, Philippe! Ich bin erwachsen! Sehr lange schon! Suche bitte nicht nach Ausflüchten. Ich hatte Dich um nichts gebeten, und ich tue es auch jetzt nicht.“ Er ist so verdutzt, und bevor er noch Zeit findet, richtig wütend zu werden, dass sie sofort nachsetzen kann: „Ich rufe Dich an, sobald ich bei den Versicherungsleuten war. Sicher ist, dass ich nicht verkaufe. Über alles weitere werde ich Dich zu gegebener Zeit informieren!“ Sie rauscht aus dem Büro, als hätte sie es nie betreten und der Gendarm sinkt unter dem drohenden Blick seines Bürgermeisters mehr und mehr in sich zusammen. „Den Akt“, knirscht Philippe Derrieu beherrscht, jedoch mit aufsteigender Zornesröte im Gesicht. Doch er hat sich gut im Griff. Der Beamte klappt den dünnen Umschlag, der auf dem Schreibtisch vor ihm liegt, zu, und reicht ihn zögernd dem anderen hinüber. Er wird ihm spontan aus der Hand gerissen und fassungslos muss er mit ansehen, wie Derrieu wutentbrannt die Dokumente in mehrere Teile zerreißt, kleiner und kleiner. Er wirft die Papierschnitzel dem Polizisten verächtlich zurück auf den Schreibtisch, direkt unter dessen Nase. „Monsieur! Das können Sie doch nicht….“ Versucht dieser einen Aufbegehrungsversuch. „Es ist bereits geschehen und ich will nie wieder ein Wort davon hören! Haben wir uns verstanden? Löschen Sie alle Daten aus dem Zentralcomputer, noch in dieser Stunde! Der Gendarmerieoffizier, der Ihnen vorsteht ist einer meiner besten Freunde. Daran brauche ich Sie wohl nicht erinnern, Victor?“ Der Angesprochene verneint mechanisch mit dem Kopf. „Sie kennen doch den alten Brauch! Daumen nach unten, bedeutet ein klares AUS, Daumen nach oben, alle Möglichkeiten zur Beförderung, die für Sie möglicherweise offen stehen, klar? Das galt nicht nur im Alten Rom! Das gilt auch hier, Victor! Verbrennen sie diesen Mist, sofort! Wenn auch nur irgendwo der Name meiner Tochter auftaucht, mache ich sie persönlich dafür verantwortlich, Mann! Weder ihrer, doch der ihrer Freunde, klar?“ Er dreht sich der Tür zu, bleibt kurz stehen und bemerkt noch geflissentlich: „Ach ja, diese Unterhaltung hat natürlich nie statt gefunden, wir verstehen uns?“ Erst als der Mann das Büro verlassen hat, findet der Polizist die Zeit und den Mut, um vor sich hinzumurmeln: „Alles klar, Chef! Alles klar! Hält sich wohl für einen römischen Imperator!“ Dann fegt er wütend die Papierfetzen vom Schreibtisch in den metallenen Papierkorb, der neben seinem Schreibtisch steht und hält sein Feuerzeug kurz darein, bis die züngelnden Flammen den kompromittierenden letzten Beweis jeglicher Schuld oder Unschuld für immer vernichtet haben.
***** Ein kräftiger Schluck Whiskey spült die Pille gegen Malariafieber in seinen Magen. In Schwärmen fielen die Stechmücken über ihn her, nach diesem endlosen Monsunregen. Seit einigen Tagen hatte der Regen etwas nachgelassen, Ein großer Erdrutsch hatte für mehrere Tage die einzig nennenswerte Verbindungsstraße in zivilisierte Gegenden Nordthailands blockiert. Die Reisfelder ringsum standen unter Wasser. Es reichte einem ausgewachsenen Mann bis an die Hüften, den kleinen Thais meist bis zur Brust. Ungewöhnlich heftige Monsunregenfälle hatten einen ganzen Berghang einfach herunter gespült. Zu beiden Seiten stauten sich die Truckschlangen über viele Kilometer. Über einen halsbrecherischen Pfad, der sich durch herab schießendes Wasser, glitschige Felsbrocken und heimtückischer, zu einer dünnen Suppe aufgeschwemmter Erde wand, wurden mühsam die lebensnotwendigen Dinge für das Team herbei geschafft. Größtenteils zu Fuß. Das thailändische Militär war Tag und Nacht dabei, die Strasse freizubekommen, passierbar zu machen. Nun endlich konnte man mit Erfolg rechnen, wenn der Monsun nicht von neuem die Gegend heimsuchte. „Ich überlege ernsthaft, ein paar Tage zu pausieren, bis das meiste hier abgetrocknet ist und wir die Anfangsszenen beginnen können“, vertraut der Regisseur Dan an, der die Medikamentenkapsel mit einem weiteren Schluck nachspült. Er zwinkert nachhaltig mit dem linken Auge: „Eine paar Tage Entspannung in Old Siam wären nicht zu verachten, oder?“ Dan hat kaum zugehört und murmelt mehr zu sich selbst: „Ich muss endlich telefonieren können, verdammt! Ich muss raus aus diesem Drecksloch, bevor mir noch Schwimmhäute zwischen den Zehen wachsen.“ Der ältere Mann, der prüfend seinen Blick über den verhangenen Himmel gleiten lässt, grinst lustlos. „Dur bist nicht der Einzige, der die Nase voll hat. Wir sind so gut wie fertig. Ein paar Einstellungen noch, dann geht es zurück nach Bangkok. Und eigentlich, genau überlegt, wäre das doch ziemlich praktisch!“ Verständnislos blickt Dan sein Gegenüber an: „Praktisch? Wovon redest Du, Mann?“ „Schwimmhäute zwischen den Zehen! Du sähest nicht übel damit aus, Danyboy!“ kommt die grinsende Antwort. „Idiot!“ entgegnet Dan, doch er grinst ebenfalls. „Ich muss irgendwie hier raus“, setzt er nach und wird wieder ernst dabei. „Ich muss nachhause telefonieren. „Ja, das hat E.T. auch immer gesagt, nachhause telefonieren! War auch für ihn nicht ganz einfach, aber irgendwann hat er es dann geschafft! Das wird auch bei Dir so sein, Dan!“ Daniel findet es nicht mehr lustig mit dem Mann zu diskutieren. Seine Versuche, ihn aufzuheitern, in Ehren, aber es langte! „Vielleicht bekomme ich doch noch freien Empfang, wenn ich mich ein Stück nach Süden durchschlage!“ entgegnet er und ignoriert den Humor den Anderen. „Glaube ich kaum“, lässt dieser durchblicken. „Du kannst unmöglich durch den Wald klettern und Dich durch die Büsche schlagen! Und wenn Du durch die Reisfelder schwimmen willst, fällt dich sicher noch irgendein wildes Reptil an. Du bist hier nicht in den Highlands, Mann! Eure Moorlöcher in Ehren! Aber das hier ist Dschungel. Und im Dschungel lauert der Tod, vor allem für Greenhorns wie Dich! Bis zu den Hüften versinkst Du im Morast, wenn Du auch nur ein paar Schritte aus dem Lager wagst. Die Jungs vom Militär tun, was sie können. Mit etwas Glück kann man morgen die Strasse wieder benützen. Ich lass Dich als Ersten hier raus bringen, versprochen! Es wird sich nicht viel ergeben haben für Deine Mom, wenn es das ist, was Dich so beschäftigt.“ Ein prüfender Blick in Dans gequältes Gesicht, bestätigt die Annahme des Mannes. „Klar, ist es das,“ brummt er. „Lass den Kopf nicht hängen, Junge! Sie ist in guten Händen und Du weißt es. Mehr hättest Du für sie nicht tun können, Daniel! Du bist ein guter Sohn, sie weiss das!“ „Ich hätte nicht fahren dürfen!“ Der Ältere klopft ihm auf die Schulter. „Was hätte das geändert. Du hättest uns nicht einfach hängen gelassen, Mann! Sobald sie ein Spenderherz haben, ist sie aus dem Schneider! Aber Du weißt ja, die Liste ist lang, und alles was ihr braucht ist Geduld!“ „…und Zeit“, fügt der Schauspieler grimmig hinzu. „Genau das ist es, was wir nicht haben! Diese verdammte Scheißzeit, die mir davon läuft, wie dieses Wasser hier im schwammigen Boden!“ Er versetzt seinen Worten Nachdruck , indem er ausspuckt. „Das wird schon wieder“, versucht der Regisseur Dan zu ermutigen und klopft ihm wohlwollend auf den Rücken. Sein Star war knapp davor zu explodieren. Besser, er ließ ihn in Ruhe. Er stapft davon, überlässt den Schauspieler seinen Gedanken und Dan kramt nach den Zigaretten in seiner Hosentasche. Sogar die Packung war feucht, einfach grässlich schmeckte der modrige Tabak! Er spuckt abermals aus und zerknüllt angewidert die halbvolle Packung Zigaretten in seiner Hand. Kein Wunder, dass die Volksstämme in dieser bewaldeten Bergregion an böse Geister glaubten. Er ist oft genug versucht, es ebenfalls zu tun, wenn schwarze, schleimige Nacktschnecken abends über seine Stiefel kriechen und er nicht genug Hände hat, um die herumschwirrenden Moskitos zu vertreiben. Selbst gegen die versprühten Insektengifte, die in den Augen und menschlichen Lungen schmerzten, schienen sie immun zu sein. Grimmig gibt er das Lächeln einem grüssenden Thai zurück, der an ihm vorbei durch den Schlamm schlurft und wohl zu den Einheimischen gehörte, die vom Team für einfache Arbeiten angestellt wurden. Und dann diese drückende, immerwährende Sorge um seine Mutter. Sie hatte ihre Herzschmerzen nie sehr ernst genommen, sie teilweise vor den anderen verheimlicht, bis es eben nicht mehr übersehbar war, dass sie echte gesundheitliche Probleme hatte. Erst hieß es, der Herzrhythmus müsse neu eingestellt werden, kein Problem. Dann war von einem Herzschrittmacher die Rede gewesen und das letzte negative Kopfschütteln des Kardiologen, es sei nur mehr eine Möglichkeit offen, die seiner Mutter wirklich helfen konnte: nämlich ein Spenderherz, riss alle Hoffnungen davon wie ein reißender Wildbach, der in ihm tobte. Er war nahe daran, darin zu ertrinken. Samt Herzschrittmacher wurde sie nach hause geschickt, und dort saß sie und wartete, dass jemand starb, damit sie leben konnte. Allein diese Tatsache machte sie krank, und ihn machte krank, dass es sie krank machte. Shit! Er hatte seine Verpflichtung mit diesen Dreharbeiten eingehalten, seine Mom zwang ihn förmlich dazu abzureisen, als er alles hinschmeißen wollte. „Zu viele Leute warten auf Dich und verdienen ihr Brot mit diesem Film!“ wandte sie ein. „Wenn Du das tust, Daniel MacArthur“, hatte sie ernsthaft gesagt, „dann verzeihe ich Dir das nie und mir noch weniger! Wenn es das ist, was Du willst….“ Natürlich wollte er das nicht und er wusste genau, wie ernst Mom es mit ihren Drohungen meinte. Sie war hart gegen sich, härter als zu allen anderen. „Das Leben ist eine einzige Herausforderung“ hatte sie ihm immer wieder gesagt, auch, wenn sie ihn anschließend für irgendeine Dummheit strafte. Ein anderer ihrer Lieblingssprüche war: „Alles was Dich nicht umbringt, macht Dich härter!“ und daran hatte er sich ebenfalls sein Leben lang geklammert. Während er die Schauspielschule in Edinburgh besuchte, verrichtete er nebenbei so ziemlich jeden Job, den er kriegen konnte, um sich halbwegs durchbringen zu können und seiner Mutter nicht auf der Tasche liegen zu müssen, schlimmer noch, nicht reumütig zurück zur Farm zu gehen, gesenkten Kopfes und gebrochenen Mutes. Dass er Talent hatte, wusste er schon immer, nicht nur, weil seine Lehrerinnen es oft genug bestätigt hatten, nach seinen zahlreichen Auftritten bei Schulveranstaltungen und Theaterstücken auf der Bühne von Provinzdörfern. Der Wunsch, sich einfach professionell als Schauspieler zu versuchen kam so früh, dass es Mom Angst machte, als sie es nicht mehr einfach als einen Kindertraum abtun konnte. Ihr einziger Sohn war der Farmer schlechthin: kräftig gebaut, stark und unbeugsam. Welche Verschwendung seiner Kraft! Sie liebte Dan abgöttisch und alle Versuche, ihn an sich und die Farm zu binden, waren erfolglos geblieben. Ihr wortkarger Mann, der sie nach dem frühen Tod von Dans Vater geheiratet hatte, gab keinen Kommentar ab. Seiner Meinung nach war der Bengel ohnehin viel zu verzogen worden und er war froh, selbst zwei Söhne mitgebracht zu haben, die anzupacken wussten. Mit den Jahren schien er sich mit dem Stiefsohn, der so ganz aus der Art geraten zu sein schien, abzufinden. Heute verband die beiden Männer eine tiefe Freundschaft. Zäh und verbissen hat Dan sich empor gekämpft, bis nach seinen ersten englischen Filmerfolgen in Nebenrollen, Hollywood auf ihn aufmerksam wurde. Nun war er ganz oben. Seit Jahren schon. Nicht nur der Held seiner Familie, auch der seines Landes. Und er ließ keine Gelegenheit aus, seine schottischen Wurzeln zu betonen und hervor zu heben, wenn man ihn schlechthin als Brite bezeichnete. Es würde die Zeit kommen, in der er einen Schotten auch auf der Leinwand verkörpern konnte, einen jener Helden, die sich, wenn auch umsonst und meistens mit dem Verlust ihres Lebens für eine nie erreichte Freiheit seit Jahrhunderten im Kampfe aufgeopfert hatten. Einen in der Art von William Wallace oder Rob Roy, einen in der Art, wie er selbst….
Der plötzliche Gedanke an Amelie, den er zu verbannen sucht, drängt sich ihm erneut auf. Es war unverzeihlich, dass er einfach abgereist war, ohne ihr ein Wort des Abschieds zu sagen. Das war sonst nicht seine Art. Doch er war so durch den Wind mit all den Aufregungen um seine Mom, dass er kaum noch schlief und keinen klaren Gedanken fassen konnte. Der Aufbruch nach Asien verlief so überstürzt und chaotisch, dass ihm diese kurze Affäre mit der kleinen Französin schon fast unwirklich und weit entfernt erschien, so, als wäre die Sache nur eine Szene aus einem seiner Filme gewesen, über die man hinweg fegt, wie ein plötzlicher, wenn auch heftiger Windstoss. Zurück bleiben eine süße Ahnung, eine vage Erinnerung und ein Gefühl des Bedauerns, dass es vorüber war, bevor es noch begann. Amelie war eine starke Person, sagte er sich immer wieder. Sie kam über alles hinweg und bot ihrem „Bonaparte“, wie er Derrieu, ihren ehemaligen Verlobten bei sich nannte, sicher eine eiserne Stirn. Natürlich würde er sie gern wieder besuchen, die abgebrochenen Kontakte erneut knüpfen, doch erst musste er aus dieser Melasse hier heraus und dann zurück nach Europa, sich um die Gesundheit seiner Mom kümmern, soweit ihm das möglich war. Die besten Spezialisten hatte er ihr zur Seite gestellt, wie Prof. DDr. Wegener aus Wien, der selbst Ölscheichs aus den Emiraten behandelte. Es konnte nichts schief gehen. Legal oder nicht, er wollte, dass man seine Mom ganz vorne auf die Spitze der Warteliste setzte, doch die Ärzte hatten ihre Prinzipien. Es waren Ehrenmänner, die sich auf keine zweideutigen Machenschaften und frisierten Listenspiele einließen. Dan hatte keine Wahl. Entweder Stümper zweifelhaften Charakters oder Spitzenärzte und ihre Prinzipien. Doch was war Ehre, wenn es das Leben seiner Mutter kostete, fragte er die Professoren, doch es gab keinen Weg zum Ziel, als der des Wartens und Hoffens. An manchen Tagen war er so verzweifelt gewesen, dass er sich am Liebsten ins nächste Flugzeug gesetzt hätte und heim geflogen wäre. Nach zwei, manchmal mehrere Gläsern Whiskeys sah er ein, dass seine überstürzte Abreise rein gar nichts Positives brachte. Und zwar niemandem! Warten konnte er auch hier und seinen Verpflichtungen nachkommen, damit die Produktionsfirma und das Team seinetwegen nicht in ein bodenloses Loch der Verschuldung fielen.
„Es geht weiter!“ Er folgt dem Ruf seines Maskenbildners und schlägt nach einer Mücke an seinem Ohr, bevor er sich von der Ziegelmauer, an der er gelehnt hatte, abstößt und in den Morast stapft, um erneut gegen Menschenhändler und seelenlose Machthaber zu kämpfen. Wenn alles im Leben, all jene Stürme des Schicksals, die auf einen zukommen, überraschend und heimtückisch, so leicht bekämpft werden könnten wie im Film, einfach mit Feuerwaffen und Fäusten, überzeugenden Worten und aufrichtigen Gedanken, ach, wenn nur…. |