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Schatten über der Provence |
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Kapitel 10
Sie war es leid, sich andauernd mit irgendwelchen Grundstücksmaklern, die sich gegenseitig zu überbieten suchten, zu verhandeln, oder besser, sie abzuwimmeln. Irgendwie hatten diese Haie Spitz gekriegt, in welchem Hotel sie logierte, und dass sie sich wieder im Lande aufhielt. Eigentlich nicht sonderlich verwunderlich, Denn sie war einfach mitten im Ort des Geschehens aufgetaucht und hatte die gaffenden Leute ringsum weitgehend ignoriert. Die paar freundlichen Grüsse erwiderte sie ebenso erfreut lächelnd, aber somit hatte sie gleichzeitig auch wieder für neuen Gesprächstoff gesorgt. Eine willkommene Abwechslung für das eintönige Landleben. Es muss sich doch endlich herumgesprochen haben, dass sie nicht verkaufen wollte! Aber die geldgeilen Promoteure gaben nicht so klein bei. Die bewaldete, hügelige Gegend zwischen Sainte Anne und Le Beausset, liebliche Provence mit seinen Weinbergen, Hügeln und Wäldern, und doch so nah am Mittelmeer, war auch bei ausländischen Kunden äußerst gefragt, und die Preise, die sie für ein kleines Stück Land boten, schnellten unaufhaltsam in die Höhe, sehr zur Freude der Makler. Amelie wirft einen raschen Blick aus ihrem Hotelzimmerfenster. Ihr Blick gleitet über das Gerichtsgebäude, das sich genau gegenüber befindet. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, steht in goldenen Lettern über dem wuchtigen Eingang. Worte, nichts weiter. Diese Ideale waren längst untergegangen in Geldgier und Machtkampf des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Besser noch: hatten sie jemals existiert oder waren es seit jeher nur Wunschträume der Menschheit? Sie fühlte sich heute nicht besonders wohl und kämpfte gegen Trübsinn und Hoffnungslosigkeit an. Sie versucht sich einzureden, dass es eine Hormonstörung sei. Um selbst in Toulon, Stadt mit Kleinstadtatmosphäre, trotz ihres Rufes als wichtige Hafenstadt, hauptsächlich für die französische Kriegsmarine, kein erneutes Getratsche hervorzurufen, hat sie eine gynäkologische Untersuchung anonym, sozusagen auf der Durchreise und privat durchführen lassen. Vor allem brauchte Philippe nichts von ihrem Zustand zu erfahren, noch nicht. Sie zieht sogar in Erwägung, ihr Kind nicht im Süden des Landes zur Welt zu bringen, sondern in Paris, oder Lyon, fernab der heimatlichen Gefilde und leider auch Schandmäuler. Es war etwas anderes, wenn sie mit dem Baby auf dem Arm heimkam, so ferne ihr Haus wieder bewohnbar war. Allein schon deswegen, weil sie sich so neugierige Besucher und scheinheilige Fragen oder Glückwünsche ersparen konnte. Ihre Ruhe war ihr derzeit wichtiger als alles andere auf dieser Welt. Sie wollte der Ankunft ihres Kindes gelassen und freudig, ohne nervliche Aufreibungen entgegen sehen können. Es klopft. Philippe war pünktlich, so wie auch jetzt. „Entré“, erlaubt sie mit fester Stimme und Dreht dem Fenster den Rücken zu, um dem Besucher entgegenzusehen. Irgendwann musste es ja zu dieser Begegnung kommen und so konnte sie gleich ihre Fronten endgültig abstecken, ihm klar machen, dass ihre Wege auseinander gelaufen waren und sich privat nicht mehr kreuzen würden. Wie immer sieht er tadellos aus. Er deutet einen Wangenkuss an, den sie gnadenhalber über sich ergehen lässt. Sie bedeutet ihm, Platz zu nehmen und bleibt selbst stehen. Das gibt ihr die nötige Sicherheit, die er so gerne in seinem Beisein untergräbt. „Du wirst Denken, dass es mich nichts mehr angeht“, beginnt er gefasst und so ruhig, wie sie ihn nur selten erlebte hatte. „Aber ich bitte Dich doch, mich von Deinen Plänen in Kenntnis zu setzen. Ich meine natürlich jene, die Dein Grundstück betreffen, und was Du damit zu tun gedenkst. Als Bürgermeister bin ich natürlich daran interessiert, was mit Grund und Boden unseres Ortes passieren soll.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust. „Sicher ist Dir bereits zu Ohren gekommen, dass ich nicht daran Denke zu verkaufen!“ Er scheint nicht überrascht zu sein. Natürlich wusste er es längst. „Ich lasse das Haus aufbauen mit etlichen Veränderungen und gedenke auch weiterhin hier zu leben. Oder siehst Du einen triftigen Grund, warum ich das nicht tun sollte?“ Er schüttelt den Kopf, scheint erleichtert zu sein, doch sie kann sich auch täuschen. „Im Gegenteil“, gibt er zu. „Du bist hier zu Hause, Amelie. Begraben wir die alten Geschichten und versuchen wir eine Verständigung auf neutralem Boden zu finden, nämlich Deiner Kunst. Du hast Dir einen Namen gemacht, nicht nur seit gestern, aber die Ausstellung in London, die ich aus Zeitmangel leider nicht besuchen konnte, hat Dich in aller Munde gebracht und unser geliebtes Le Beausset ebenfalls. Verstehe es bitte nicht gleich falsch, es ist nicht der einzige Grund, warum ich froh über Deine Entscheidung bin. Ein paar Touristen mehr oder weniger fallen kaum ins Gewicht, aber ich schätze Dich sehr und immerhin warst Du die Liebe meines Lebens, das hast Du sicher nicht vergessen. Ich möchte so gerne meine Worte rückgängig machen, Amelie! Aber ich habe verstanden, dass unsere Beziehung für Dich eine abgeschlossene Sache ist. Ich werde Dich diesbezüglich nicht mehr behelligen. Es tut mir leid!“ Sie versucht in seinen Gedanken zu lesen. Die Zerknirschung in seiner Stimme und seinem Blick scheinen echt zu sein und sie lächelt leicht, erneut Vertrauen in ihn setzend. „Ich wäre sehr erleichtert, Philippe, wenn Du mir nichts mehr nachträgst. Ich will, das Du weißt, dass ich mich Dir gegenüber immer loyal verhalten habe.“ Er nickt verstehend: “Ich habe nie an das Gerede geglaubt, sei dessen sicher. Im Gegenteil! Ich habe es meiner Tochter bis heute nicht verziehen, dass sie Dinge in Umlauf gesetzt hat, die ihrer nicht würdig sind. Ich weiß nicht warum, aber oft verstehe ich Virginie nicht mehr. Woher sie nur diese leichtlebige Ader hat?“ Sie will schon sagen: ‚Deine Schuld, mein Lieber! Du hast die Zügel allzu locker gelassen’, doch sie schweigt und zuckt nur mit der Schulter, denn es war ja nicht mehr ihr Problem. „Sie dachte, sie tut mir etwas Gutes, indem sie Dich schlecht macht. Dummes Kind!“ Sogar bei diesen tadelnden Worten schwingt Verständnis und Verzeihen mit. Er schüttelt den Kopf, fährt sich mit beiden Händen durch sein tadellos frisiertes Haar. Amelie ist verwundert über die Reglosigkeit ihrer Gefühle, angesichts des Mannes, den sie jahrelang zu lieben glaubte. Etwas war restlos gestorben in ihr. Sie hatte demnach ihre Entscheidung, sich von Philippe abzuwenden, nie zu bereuen, und das war gut so. Und doch fragt sie sich, wie er wohl reagierte, wenn er erfuhr, dass sie ein Kind von einem anderen Mann erwartete, so kurz nach ihrer Trennung schon…. „Ich habe viele Einladungen wahrzunehmen“, lenkt sie das Thema vorsichtig in die andere Richtung. „Ich werde nach Venedig reisen, bald schon, vielleicht auch nach Sankt Petersburg, mal sehen…“ Sie überlegt. Wenn ihr da nicht ihre Niederkunft zuvorkam…. Der lange, bunte, weite Rock und die weiße Bluse im Zigeunerlook verbergen die zarte Schwellung ihres Leibes, der in anliegender Kleidung bereits sehr wohl zu sehen gewesen wäre. Die Resultate der Echographie standen noch aus. Auch der junge Gynäkologe, der die Untersuchung vorgenommen hatte, fand ihren Bauchumfang für nicht mal fünf Monate Schwangerschaft bereits recht ansehnlich. „Ich kann es zwar noch nicht genau sagen, denn er scheint sich zu verstecken der Wicht, aber es sieht fast so aus, als käme ihr Kind im Doppelpack“, hatte er gesagt. Die Tatsache, dass sie möglicherweise Zwillinge erwartete, schien ihr so unglaublich, dass sie darauf keine Antwort fand. Dan war ein Einzelkind gewesen und sie auch. Meistens waren Mehrgeburten genetisch bedingt, wenn keine Hormonbehandlung vorlag, so wie in ihrem Falle. Hatte sie zumindest geglaubt… „Ich freue mich für Deinen Erfolg, meine Liebe“, stört sie Philippes Stimme in ihren Überlegungen. Ertappt lächelt sie automatisch. „Danke“, erwidert sie kurz. „Willst Du nicht meine Hilfe annehmen, Dir beim Aufbau zu helfen, Amelie?“ Sie blickt ihn an, sucht nach seinen Hintergedanken, doch wenn er die hat, dann sind sie gut hinter dem Ausdruck absoluter Hilfsbereitschaft verborgen. Sie erklärt ihm, welche Firma mit dem Aufbau betraut wurde, welches Architektenbüro die Sache übernommen hatte. Gern wäre sie bereit, ihm die Verantwortung dafür zu überlassen, wenn sie bald wieder abreiste. Zurück nach London. Im gleichen Moment, als sie sieht, wie er zufrieden in sich hinein lächelt, weiß sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Wollte sie nicht komplett unabhängig von ihm sein? Es war ihr wieder nicht gelungen, sich ganz loszusagen von seinem Einfluss, seiner Macht über sie. Dans Gesicht erscheint vor ihr, sie blickt aus dem Fenster. Liberté….Freiheit….die goldenen Buchstaben über dem Gerichtstor springen sie an, lachen sie aus…. Selbst Schuld! Daniel….! Warum nur hatte er sie ganz einfach aus seiner Erinnerung gestrichen? Warum hat er nicht mit ihr gesprochen? Sie hätten Freunde bleiben können…. Alles wäre um so vieles leichter dadurch….auch nach der Geburt ihrer gemeinsamen Kinder… „Wir bleiben in Verbindung. Du kannst auf mich zählen! Das weißt Du!“ Er war lautlos hinter sie getreten, und seine Hände liegen auf ihren Schultern. Sie versteift sich, verwirrt durch den plötzlichen Körperkontakt, denn sie nicht will. Sie versteift sich, als sie seine Lippen an ihrer Wange spürt, das Flüstern seiner Worte hört: „Es hätte so wunderbar werden können mit uns beiden…!“ Sie macht sich unwillkürlich los, indem sie geschickt zur Weite weicht, um ihn nicht zu brüskieren. Es war besser, sie hielten Frieden, weitaus besser ihn nicht zum Feind zu haben, wenn sie weiterhin in dieser Region wohnen und wirken wollte. Seinen unwilligen Blick übergeht sie, schenkt ihm ein neutrales Lächeln. „Gut“, sagt sie mit teilnahmsloser Stimme. „Abgemacht! Ich werde dann erst wieder hier erscheinen, wenn das Haus fertig ist. Es macht mich krank, vor diesen Ruinen zu stehen.“ Sie heftet ihren Blick lauernd in den seinen. „Im Übrigen habe ich eine private Agentur beauftragt, der Sache mit dem Brand nachzugehen, nachdem die öffentlichen Behörden dafür unfähig waren!“ Er erwidert ohne jegliche Regung ihren Blick. „Das ist hinausgeschmissenes Geld,“ lautet seine gelassene Antwort. „Niemand kann jetzt noch irgend etwas feststellen. Die Polizei hat ihre Arbeit gut gemacht, doch ich denke, es war trotz aller Vermutungen nur ein dummer Unfall, weiter nichts!“ Sie schüttelt verneinend den Kopf. „Ich bleibe auf der Hut. Das wirst Du verstehen. Ich wäre fast verbrannt bei der Sache und ich hatte großes Glück. Ein Segen, dass die Produkte meiner Arbeit längst das Land verlassen hatten. Ich würde sonst vor dem absoluten Nichts stehen!“. Sie schüttelt sich unbewusst. Der entsetzte Blick, den er ihr bei diesem Gedanken zuwirft, ist nicht gespielt. „Ja, das ist schrecklich, dennoch…“ er fasst sich erneut, sieht sie fragend an, „hast Du etwa einen festen Verdacht?“ Ihrer beiden Blicke kreuzen sich, als wären es Klingen, die sich belauerten, bevor sie zustechen. „Nicht wirklich“, sagt sie gedehnter als beabsichtigt. „Aber ich habe die Leute beauftragt, jede Möglichkeit zu prüfen! Ich will nicht, dass mir das ein zweites Mal passiert. Das verstehst Du doch, nicht wahr?“ „Natürlich“, beeilt er sich zu antworten und macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ich würde Dir einen ganzen Trakt des Gutshofes zur Verfügung stellen, Du könntest die herrlichste Werkstatt in dieser Art dort einrichten, wenn Du nicht so stolz wärst, Amelie! Verkauf diesen Ort, der nur schlimme Erinnerungen für Dich birgt und vergiss’ es! Ich versichere Dir, Du wärst, auch von mir, vollkommen unbehelligt, wenn Du mein Angebot nur annähmst!“ Noch während er spricht, schüttelt sie ablehnend den Kopf. „Das kann ich nicht“, entgegnet sie bestimmt. „Bitte sprich nicht mehr von alledem. Ich muss meinen Weg gehen, mein Leben selbst bestimmen. Sieh das endlich ein.“ Er scheint resignierend die Schultern etwas sinken zu lassen und nickt, sich darein fügend. „Gut! Wenn es das ist, was Du willst…. Wir bleiben also bei unserer Abmachung!“ Er streckt ihr die Rechte entgegen. „Freunde?“ fragt er leise und sie schlägt ein. „Freunde“, sagt sie entschlossen, wenn auch leise, und kämpft gegen jede Art von gemischten Gefühlen an. Unentschlossenheit, Schuldgefühl, aber auch die Gewissheit, ihn besser als Freund statt als Feind an ihrer Seite zu wissen. Obwohl sich zwischen beiden Begriffen möglicherweise nicht viel neutraler Platz befand…. „Du hast viel für mich getan, Philippe, und dafür werde ich Dir immer dankbar sein!“ Er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Du warst das Waisenkind von Le Beausset. Es war meine Pflicht“, wehrt er ab. Sie schweigt und lässt sich nicht zu einer melodramatischen Diskussion hinreißen, es war besser so. Mehr als ihren Dank konnte sie ihm nicht geben. Nicht mehr…. Als er gegangen ist, blickt sie erneut auf den belebten Boulevard hinunter. Reges Treiben herrscht dort. Sie sieht Philippe nach, wie er schnellen Schrittes die Strasse überquert und dabei angetan telefoniert und mit der zweiten Hand wild gestikulierend in der Luft herum fuchtelt. Seinen dunklen Peugeot hat er demonstrativ genau vor dem Gerichtsgebäude abgestellt. Er konnte sich einfach alles erlauben, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden! Alles was sie jetzt noch anstrebt, ist eine rasche Abreise zurück nach London, wenn auch die letzten wichtigen Termine und Verhandlungen endlich abgeschlossen waren.
***** Seiner Meinung nach, war dieses Mädchen nicht betrunken, sondern bekifft, aber besser noch, beides zusammen. Wie sie durch die Halle schlurfte, das sonst so sorgfältig gepflegte, lange Haar, strähnig, und mit leicht hängenden Schultern in dem unförmigen Sweater, erinnerte sie ihn nur mehr sehr entfernt an seine adrette, flotte Tochter, die jedem männlichen Wesen zwischen zwölf und neunzig den Hals verdrehte. Sie sieht in seine Richtung, murmelt etwas, das er nicht unbedingt als Gruß ausnehmen kann und schleppt sich kraftlos zur geschwungenen Treppe, die ins Obergeschoss der herrschaftlichen Villa führt. Er ist in Eile, die Gemeinderatsbesprechung beginnt in einer knappen halben Stunde, aber er kann nicht umhin, sie dennoch anzusprechen und ihr ein paar Minuten seiner wertvollen Zeit zu opfern. „Ich frage Dich schon lange nicht mehr, wo Du Deine Nächte verbringst, Mädchen, aber ich frage mich, womit Du sie verbringst! Du siehst nicht gut aus. Um nicht zu sagen, einfach schrecklich!“ Virginie hat sich an den Aufstieg der Treppe gemacht, deren Schwierigkeitsgrad dem des Mont Blanc um nichts nachzustehen scheint, wenn man ihre mühsamen, unsicheren Schritte betrachtet, mit denen sie Stufe für Stufe im Schneckentempo erklimmt. Entweder hat sie ihn nicht gehört, oder aber sie hat keine Lust auf morgendliche Standpauken. Unbeirrt arbeitet sie sich die Treppe hoch, die sie unter normalen Umständen in wenigen Sekunden empor sprang. „Ich hoffe, Du siehst diese Schmarotzerbande, die sich Musiker schimpft, nicht mehr! Ich darf es ja nicht erfahren Virginie, es ist mir ernst damit, klar? Ich weiß Bescheid über dass was ihr getan habt! Du und diese miesen, kleinen Ratten. Dass ich sie nicht persönlich anzeige und wegen Brandstiftung hinter Gittern wandern lasse, haben sie allein Dir zu verdanken! Aber es war das letzte Mal, dass ich mich soweit aus dem Fenster wage, Tochter! Ich habe keine Lust, Deiner Launen wegen alles zu verlieren, worum ich seit Jahrzehnten kämpfe, ist das ein für allemal klar?“ Virginie murmelt ein paar Worte, die er nicht verstehen kann, und das ist besser für ihn. Es sind keine Koseworte, und sie hat sich seit neuestem einen Sprachschatz zugelegt, der dem Milieu, mit dem sie sich derzeit umgibt, voll und ganz entspricht. Was nur hatte sie veranlasst, sich mehr und mehr aus der Glamourwelt ihrer Schickimicki Freunde zurückzuziehen und die Gesellschaft dieser Rapper allen anderen vorzuziehen? War sie etwa ernsthaft in einen dieser Kerle verliebt? Philippe schüttelt den Kopf vor Abscheu und ein kurzer Blick auf seine goldene Rolex bezeigt ihm, dass es höchste Zeit war, sich auf den Weg zu machen. Er würde noch heute Abend mit ihr reden, ernsthaft. Zwar hat er noch keine Ahnung, wie er das anstellen will, ohne die Beherrschung zu verlieren, aber er vertraut darauf, dass Virginie ihn und seine, vor allem finanzielle Unterstützung dennoch bitter nötig hatte und er deswegen noch seine, wenn auch stark geschrumpfte Macht auf sie ausüben konnte. Dass das Mädel auch gar keine Interessen für irgendetwas anderes als Party zeigte… Wie anders war ihre Mutter gewesen, von ihm ganz zu schweigen, der stets Ehrgeiz und Ausdauer gezeigt hatte. Aber sie schien keinerlei Ambitionen zu haben, nicht die geringsten! „Sie hätte dabei draufgehen können!“ ruft er ihr hinterher. „Ist Dir klar, was das bedeutet? Totschlag! Oder eher Mord! Diesmal hätte ich dich nicht herausboxen können! Irgendwo gibt es auch für mich Grenzen!“ Seine Stimme wird lauter, doch die einzige Antwort, die er erhält, ist das Zuknallen ihrer Zimmertür. Er ist wütend, aber auch hilflos. Er scheint keinerlei Draht zu seiner Tochter mehr zu haben.
Während der schnelle Wagen sich die Strasse abwärts ins Tal windet, versucht er eine Lösung zu finden, wie er sein Mädchen von diesem Abschaum der Gesellschaft los eisen konnte. Die Typen waren bereits berühmt, egal welchen Radiosender man auch einstellte, andauernd musste man sich ihr Geplärre anhören. Sobald er die Gelegenheit dazu hatte, würde er versuchen, die Abgeordneten auf die gefährliche Verbreitung der rassistischen und verderblichen Hasstiraden, die diese Leute in Musik verpackt haben, um die Jugend damit anzusprechen, aufmerksam machen. Wenn nötig, war er auch gewillt, sich mit dem Minister für Kultur deswegen auseinanderzusetzen. Das hier hatte nichts mehr mit Demokratie zu tun, das war psychischer Terrorismus, der klein begann und die Massen mobilisieren wollte. Indem diese Kinder nordafrikanischer Emigranten, die einst ins Land gekommen waren, um zu arbeiten, nichts anderes, als zu arbeiten und ihren Familien ein besseres Leben zu bieten, auf der Suche nach der eigenen Identität waren , und diese Leere damit ausfüllten, indem sie gegen Politik und Gesellschaft in den Kampf zogen, tat sich ein Problem auf, dessen Ausmaß heute noch nicht absehbar war. Darüber ist er sich im Klaren. Aber es war ein heißes politisches Thema, sich mit den Problem emigrierter Menschen aus den ehemaligen französischen Kolonien auseinander zu setzen oder gar etwas Negatives gegen sie vorzubringen. Niemand wollte sich die Finger verbrennen und er war da keine Ausnahme! Nur keine Kritik üben, sonst war man sofort als Faschist verschrien. Das konnte das AUS seiner Karriere bedeuten! Auch wenn die weiterhin traditionelle Werte des Landes in den Dreck traten, die Achtung gegenüber Frauen untergruben, freien Drogengenuss proklamierten, Gewalt gegen Polizei und Ordnungshüter. Hier wuchs eine Generation heran, die nach Anarchismus schrie und nicht nach Recht und Ordnung. Immer wieder verstanden es die schlauen Brüder, auf die Arbeitslosigkeit hinzuweisen, die ein Europaweites Problem war, indem sie die gehobene Schicht der Bürger, Unternehmer oder Politiker als Ausbeuter hinstellten. Philippe fühlt sich persönlich angegriffen und verletzt. Er vermutet, dass sich die Bande nur an seine Tochter heran gemacht hatte, um ihn zu diskreditieren, ihr Spielchen zu treiben, mit dem naiven Mädchen, das hier in eine Welt abgetaucht war, die sie nicht kannte und deshalb ganz sonderbarerweise faszinierte. Ein Beispiel zu setzen, Leute seines Standes, seiner Position zu verhöhnen, das war ihr Ziel! Es ging ihnen dabei nicht um Geld, obwohl diese Kahlrasierten sicher nicht genug davon bekamen, seit sie aus den Löchern ihrer Ghettos gekrochen kamen. Sie sprachen von Rache, aber wofür? Dieses Land hatte ihre Väter wohlwollend aufgenommen, ihnen Arbeit gegeben und Wohnungen. Diese unzufriedene Nachkommenschaft von Wüstenbewohnern, die sich nicht in eine geordnete Gesellschaft einfügen wollte, fühlte sich benachteiligt und niemand wusste so gut wie er, Philippe Derrieu, Abgeordneter und Senator dieser Region, dass es keinesfalls an der Herkunft oder Abstammung dieser Jugend lag, dass Berufschancen und Ausbildungsplätze mehr als knapp waren. Es war für alle gleich. Es mochte schon stimmen, dass es später, die seit dem Vorschulalter aufständischen, sich keiner Disziplin unterzuordnenden Jungen es später noch schwerer hatten, ihr Leben zu meistern. Doch das war wohl Schuld der Erziehung ihrer Eltern, oder Glaubensbrüder, egal, Philippe wollte sich gar nicht den Kopf darüber zerbrechen. In ihm schwillt ein Hass, den er kaum bezähmen kann. Sie waren dabei, das Liebste, das er hatte zu zerstören, das konnte er nicht zulassen! „Wir ficken Eure Töchter,“ war einer ihrer Lieblingsrefrains in dem Gejammer, dass sie Musik nannten. Für Philippe war dies Beweis genug, dass sie ernst machten… Er bremst jäh, als ein Hase über die Landstrasse hoppelt und seine grauen Gehirnzellen arbeiten fieberhaft, wie er alledem ein Ende bereiten könnte. Das Wichtigste erscheint ihm, Virginie loszueisen von den Leuten, mit welchen Mitteln auch immer. Er könnte sie auf eine lange Reise schicken, eine Kreuzfahrt. Er könnte ihr sogar ein paar recht ansehnliche Verehrer über den Weg schicken, die sie auf andere Gedanken brächten. Wenn sie erst wieder in ihre heile Welt eintauchte, die Annehmlichkeiten guter Gesellschaft und finanzieller Sicherheit erneut auskostete, vielleicht spuckte sie dann auf die Freundschaft mit diesen ‚Tieren’, wie er sie eifersüchtig und hasserfüllt bei sich nennt. Er passiert das Ortschild von Le Beausset, nickt grüssend nach allen Seiten, als er im Schritttempo durch die schmalen Gassen der Altstadt fährt und wird dennoch das Gefühl nicht los, dass es vielleicht schon zu spät sein konnte, um seine Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen. Nach der Gemeinderatssitzung, während der er Mühe hat, die Tagesordnung durchzugehen, die einzelnen Themen zu erörtern und vor allem, den anderen Mitgliedern zuzuhören, hat er eine lange Unterhaltung mit seiner Sekretärin. Als er endlich, am späten Nachmittag sein Büro verlässt, hat die erfahrene Mitarbeiterin einiges organisiert, was ihr ‚le Patron’ unter strengstem Vertrauen aufgetragen hatte: eine Unterredung mit dem Manager der Truppe, eine Audienz beim Kulturminister in Paris und einen Termin, für ein Interview des Regionalkanals FR3, France Sud. Er wollte seine Meinung nach einem gut durchdachten Manuskript zum Besten geben, auf die Gefahren hinweisen, die für die Jugend bestand, sich mit derartigen Liedertexten, die nichts anderes als negative Volksaufhetzung waren, und Leuten auseinander zu setzen, und er wollte um zweckhafte Maßnahmen gegen die Popularitätswelle der Musikgruppe BTM, kämpfen. ***** „Gab es in ihrer Familie bereits Mehrgeburten?“ fragt der Gynäkologe, während er eingehend die Aufnahmen des Ultraschalls studiert. Unmerklich zuckt Amelie die Schultern. „Nicht dass ich wüsste. Ich war ein Einzelkind, und von meinen Grosseltern weiß ich nicht sehr viel.“ „Nun“, lächelt der Arzt, und sieht auf. „Hier haben wir jedenfalls eine Doppelpackung Leben. Sie sollten den Vater der Kinder fragen, ob es eventuell seinerseits bereits Zwillinge gegeben hat. Es ist zwar nicht von großer Wichtigkeit, aber doch recht interessant zu wissen, nicht wahr?“ „Nicht für mich“, beeilt sich Amelie zu versichern und erhebt sich. „Ich reise demnächst nach England ab und werde meine Kinder dort zur Welt bringen. Ich denke, ich habe alles, was ich brauche, nicht wahr? Die Untersuchungen sind doch, okay, oder?“ Der Arzt nickt zuversichtlich. „Alles bestens! So bleibt mir nur mehr, Ihnen eine gute Schwangerschaft und glückliche Niederkunft zu wünschen, Madame!“ Er reicht ihr die Hand, die sie ergreift, um seinen Abschiedsgruss zu erwidern. Als sie in die frische Herbstluft hinaus tritt, wird ihr ganz schwindlig. Zum einen, weil sie ihr Glück nicht fassen kann, zum anderen, weil sie absolut keine Ahnung hat, wie sie das alles und ein Leben mit zwei kleinen Kindern bewältigen sollte. Bis jetzt hatte sich die Frage noch nie gestellt. Und da kommt dieser Mann daher, verdreht ihr den Kopf und sie ist schwanger. Doppelt schwanger! Und statt Entsetzen befällt sie nur Glück und Dankbarkeit! War sie noch bei Sinnen? In Großbritannien wäre auf Umwegen noch ein Schwangerschaftsabbruch möglich gewesen, doch das hatte sie nie, oder, vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde, jedenfalls nicht länger, in Erwägung gezogen. Sie war nicht besonders gläubig, dazu hatte ihr das Leben schon viel zu böse mitgespielt, aber dennoch musste es ein Schicksal geben, das einem bestimmt war. Und wenn sie nach einer einzigen Liebesnacht zwei Kinder von einem praktisch wildfremden Mann bekommen sollte, dann würde es eben so sein. Der Gedanke an Daniel tat immer noch verdammt weh. Jetzt, wo ein Teil von ihm in ihr heranwuchs, noch mehr als je zuvor. Sie war für immer mit diesem Mann verbunden. Wenn sie die Gesichter ihrer Kinder später betrachten würde, dann sah er ihr entgegen. Damit musste sie leben und sie weiß, dass sie es konnte, ja sogar sehnlichst erwünschte. Ein Junge war sicher, das Geschlecht des zweiten Kleinen konnte man nicht erkennen, es lag zu versteckt, ganz als würde es gerne ein wenig Spannung hervorrufen wollen. Man konnte nur auf die nächste Ultraschalluntersuchung im achten Monat warten. Bis dahin waren beide Möglichkeiten offen.
Während sie ihren Mietwagen durch den dichten Nachmittagsverkehrs Toulons lenkt, sieht sie sich mit zwei aufgeweckten Kindern vor ihrem neuen Haus spielen, lachend laufen sie hinter einem großen Hund her, der Rocky sehr ähnlich sieht. Es schmerzt sie, dass der geliebte Vierbeiner immer noch sein Quartier im Weingut beziehen musste. Sie hatte ihn besucht und war schweren Herzens wieder abgezogen, trotzdem ihr versichert wurde, und sie sich auch selbst davon überzeugt hatte, dass es ihm an nichts fehlte. Er war dort am besten aufgehoben, das ist ihr klar. Wütend streift sie eine aufsteigende Träne aus ihrem Augenwinkel. Schließlich, und das ist eine traurige Tatsache, war er das einzige Lebewesen, das ihr nahe stand und sie noch nie enttäuscht hatte. Der helle Vierbeiner mit der feuchten Schnauze und Augen, die nicht lügen konnten…. Sie bremst jäh, als die Verkehrsampel auf rot umschaltet. Mütter, die ihre Kinder aus der Schule abgeholt hatten, überqueren den Boulevard. Schwatzend, lachend, scheinbar froh. Es hatte auch keinen Sinn, sich in „wenn und aber“ zu ergehen und lange darüber zu philosophieren. Sie hatte, trotz der vielen Hürden, ihr Leben bisher ganz gut gemeistert. Warum sollte das nicht auch in Zukunft der Fall sein? Sie sehnt den Tag herbei, an dem sie wieder nach London zurückkehren konnte und in dem kleinen Appartement über dem gepachteten Geschäft zur Ruhe kam. Körperlich fühlt sie sich so wohl wie nie. Keinerlei Beschwerden kennzeichnen ihren Zustand. Beruhigt würde sie nach Venedig reisen können und diese Italienreise vielleicht noch verlängern. Und wenn ihre Babys erst einmal das Licht der Welt erblickt hatten, dann war auch das Haus fertig und bewohnbar, wenn der Baumeister seine Verpflichtung ihr gegenüber einhielt. Dann würde sie nach hause zurückkehren und ihrem Schaffen erneut nachgehen, und nie, nie wieder alleine sein…
Als sie die Stadt hinter sich gelassen hat, treibt es sie zu dem kleinen Dorffriedhof, auf welchem ihre armen Eltern beerdigt liegen. Lange lehnt sie an dem einfachen Steinkreuz, als könne es ihr Kraft geben. Wie sehr ihr die Liebe und der Beistand einer Mutter fehlt, wird ihr wieder einmal klar. Es ist kein Trost zu wissen, dass ihre Eltern durch die Rauchgase des Brandes längst eingeschlafen waren, bevor das Feuer sie fraß. Die furchtbare Vorstellung dessen hat sich kein bisschen in all den Jahren gemildert. Sie tat immer noch so weh, wie an diesem schrecklichen Tag des Unglücks, als die Leiterin des Ferienheimes ihr die quälende Botschaft beizubringen versuchte. Sie hatte sich damals wie gelähmt gefühlt, wie ein Zuschauer eines Theaterstücks, das sie eigentlich nicht wirklich betraf. Nein, das war nicht ihre Rolle, nicht ihre Eltern, nicht sie selbst, die nun Vollwaise geworden war…. Lange Zeit hatte sie kein Wort mehr gesprochen. Nur der Zuwendung Philippes und seiner Frau hatte sie zu verdanken, dass sie nicht in einem Waisenhaus landete, ohne Zukunft und Aussicht auf ein bisschen Lebensfreude. Philippe… Warum nur war alles so gekommen? Sie reißt sich vom Grab ihrer Eltern los, lässt ihren Blick in die Runde schweifen. Es war mehr los als sonst. Die Leute schmückten die Gräber für das bevorstehende Allerheiligenfest. Ein paar neugierige Blicke hatten sie gestreift, ein paar Grußworte hatte sie mit manchen ausgetauscht, und dann verlässt sie den Ort der Ruhe, watet durch das Herbstlaub der riesigen Platanen, die die Allee säumen und schließt hinter sich das quietschende Schmiedeeisentor. Sie beschließt, den Wagen stehen zu lassen und die kurze Entfernung zu ihrem Grundstück zu Fuß zu spazieren. Etwas Bewegung tat ihr gut und die frische, reine Herbstluft ebenfalls. Erinnerungen begleiten sie auf Schritt und Tritt und die prägnantesten sind jene an Daniel und seine Besuche. Alles hatte hier begonnen und bald darauf geendet. Nachdem er ihr das Leben gerettet hatte. Bei der Vorstellung, dass er sie wahrscheinlich nach diesem Abend unter Filmleuten einzig und allein besucht hatte, um sie zu verführen, lächelt sie in sich hinein. Sie weiß, dass es ihm ganz leicht gelungen wäre. Sie war ja so heiß auf ihn gewesen, auch wenn sie kaum wagte, es sich selbst einzugestehen. Und dann fand er das Haus in Flammen vor! Die Nacht wurde heißer, als er sich vorgestellt hatte. Sie lacht ironisch und wirft dabei den Kopf in den Nacken. Verdammt! Das war knapp gewesen und hätte schlimm enden können. Aber es war eben nicht ihre Bestimmung gewesen, ebenfalls zu Asche zu verbrennen, wie ihre Lieben! Es war ihr bestimmt, neues Leben zu zeugen, und dieses unglückselige Feuer war möglicherweise zum Auslöser dafür geworden. Und wieder dieses alberne „wenn und aber“….
Die Bauarbeiter schlafen nicht, das kann sie sehen, als sie vor der Baustelle steht. Es scheint gut vorwärts zu gehen. Die Männer grüssen respektvoll, als sie sie erblicken und sie wechselt ein paar Worte mit dem Vorarbeiter, der ihr die nächsten Schritte, die es zu tun gab, erklärt. Sie hat Pläne entwerfen lassen, die dem alten Haus nicht mehr viel ähneln. Ein Neubeginn war angesagt, und da gab es keinen Platz für alte, schmerzende Erinnerungen! Auf einem, mit einigen Ziegelsteinen zusammengefügten Backofen, haben die Männer eine alte Eisenpfanne aufgestellt und darin braten verlockend duftende Maronen vor sich hin. Verlangend blickt sie auf die Köstlichkeiten, die der Herbst beschert hat. Der Arbeiter grinst. „Sind gleich fertig, Madame! Wir haben sie aufgesammelt, der Boden ist ja voll davon. Wenn Sie sich ein bisschen gedulden, dann werde ich Ihnen ein Stanitzel davon gerne mitgeben!“ Das Angebot nimmt sie gerne an. Heiße Maronen. Wie lange war es her, dass sie sich an diesen einfachen Genüssen der Natur nicht mehr erfreut hatte? Sie beobachtet den Mann, der mit einem dicken Arbeitshandschuh die Pfanne vom Feuer nimmt und die heißen Maronen auf eine alte Zeitung stülpt. Geschickt dreht er eine Tüte aus dem Papier und reicht sie ihr. „Vorsicht! Lassen Sie die Dinger ein wenig auskühlen, bevor Sie sie essen!“ Sie nickt dankbar und macht sich auf den Rückweg zum Wagen. Tief steht die Sonne hinter den Pappeln der Landstrasse und verwandelt das Braun des Laubes in pures Gold. Sie beginnt vorsichtig, die Maronen eine nach der anderen aus der harten Schale zu lösen und vorsichtig daran zu knabbern. Die Früchte sind innen noch heißer als außen, und so ist die Sache gar nicht so einfach zu bewältigen. Während sie eine weitere Marone vorsichtig an ihre Lippen führt und darauf pustet, um sie rascher abkühlen zu lassen, fällt ihr Blick ganz zufällig auf eine Zeile des Zeitungsblattes, aus dem die Papiertüte geformt wurde, und plötzlich ist ihr Heißhunger vollkommen verschwunden. Die leeren Schalen rieseln durch ihre Finger, die geschälte Marone plumpst zurück in die Tüte, und schließlich entleert sich der verbleibende Inhalt auf die Landstrasse, weil sie hastig das Zeitungspapier auseinanderfaltet, um den Artikel, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, besser lesen zu können. Ihre Finger zittern leicht, ihr Herz schlägt unruhig und schnell, und ihre Augen saugen die gedruckten Zeilen auf, lassen Wort für Wort in ihr Bewusstsein tröpfeln. „Es bleibt ungewiss, vermittelt uns der Agent des Schauspielers Daniel MacArthur, ob der Star an den heurigen Filmfestspielen in Venedig, wie angekündigt, teilnehmen wird. Zurzeit befindet er sich am Krankenbett seiner schwerkranken Mutter, die sich in Kürze einer Herztransplantation unterziehen muss. MacArthur und das Filmteam wollten die Romanverfilmung …“ Den Rest des Satzes liest Amelie, ohne dass er ihr Bewusstsein erreicht. Daniel hatte Probleme. Sie weiß, wie er zu seiner Mutter steht. Er hatte kein Geheimnis daraus gemacht. Fast beschämt, trotz der unglücklichen Situation, in der er sich befand, empfindet sie eine kleine Welle der Erleichterung. Wenn er unter diesem belastenden Nervenstress stand, erklärte das auch sein Stillschweigen. Es musste nicht unbedingt komplettes Desinteresse an ihr bedeuten. Möglich, aber es war nicht mehr so sicher wie zuvor, all die Wochen, die Monate, als sie versucht hatte, sich mit Daniels Schweigen abzufinden. In London hatte sie ihr Mobiltelefon gewechselt, neue Nummer, neuer Anbieter. Doch da glaubte sie ohnehin schon nicht mehr an ein Lebenszeichen von seiner Seite. Daniel…. Eine Welle von sehnsüchtiger Anteilnahme für den Vater ihrer ungeborenen Kinder lässt sie unmerklich erschauern. Dan war wieder zu hause, und er war unglücklich. Sie kommt sich plötzlich kleinlich vor, mit all dem Hader, den sie seines Stillschweigens wegen mit sich herum geschleppt hatte. Daniel stand unter Stress und sie konnte nichts tun, um ihm beizustehen. Aber es war auch gar nicht sicher, dass er ihren Beistand wünschte. Nein, es war sehr ungewiss, wie alles andere auch…. |