Schatten über der Provence

Kapitel 11

 

„Ich bin noch nicht fertig mit dieser Welt“, versichert die kleine Frau, der man nicht mehr ansieht, dass sie immer ein bisschen rundlich gewesen war. Früher, als noch kein Anzeichen von Krankheit ihren Gesundheitszustand überschattet hatte. „Ich hab noch viel zu tun“, harkt sie nach und lässt dabei den Blick ihres Sohnes nicht los. „Und jetzt hör auf, mich so ängstlich zu messen! Das macht mir Angst, Dany. Außerdem bin ich müde! Lass mich allein und geh nach Hause. Ich will schlafen!“

Unentschlossen gibt er keine Antwort. Dann drückt er einen zarten Kuss auf die schlaffen Wangen der Frau in dem Krankenbett. „Bist Du sicher, dass Du alles hast, was Du brauchst, Mom?“

Sie wird ungeduldig. „Das hast Du mich schon dreimal gefragt! Ja, ich habe alles! Du hast getan was Du konntest! Und ich habe das Telefon. Allein diese Klinik! Der Luxus hier wird mir ja schon unheimlich!“ Er weiß, dass sie scherzt. Sie genießt die Annehmlichkeiten der Privatklinik mehr als sie zugibt, und es war traurig genug, dass er nicht mehr tun konnte, um ihr das Leben mit dem alten, verbrauchten Herzen angenehmer zu gestalten.

„In ein paar Tagen bekomme ich eine neue Pumpe, Junge. Danach bin ich wieder wie neu.“

„…und Du wirst Dich zur Ruhe setzen, Mom!“ Bestimmt Daniel und verschränkt die Arme vor der Brust. „Du hörst auf mit dieser Plackerei auf der Farm, oder ich verkaufe sie!“

Sie scheint entrüstet zu sein. „Das kannst Du nicht, noch lebe ich und sie gehört mir!“ Er lacht. „Dann benimm Dich endlich wie eine Landlady und lass die anderen arbeiten. Ich stecke Dich sonst den Rest Deines Lebens in ein Sanatorium, wo Du gezwungen wirst, Dich einfach dem süßen Nichtstun hinzugeben, verstanden?“

Sie zwinkert ihm zu: „Klingt verlockend, und wenn es eine Drohung sein sollte, Dann ging sie glatt daneben! Ich komm noch darauf zurück.“

Er streicht ihr über das brünette Haar, das bereits von einer Menge Silberfäden durchzogen wird. „Ich geh’ Dann, wenn Du mich los werden willst!“ Grinst er und sie nickt und scheint wirklich schläfrig geworden zu sein.

An der Tür stößt er fast mit der Pflegerin seiner Mutter zusammen. Sie trägt ein mächtiges Paket vor sich her, dass er ihr fast aus den Händen geschlagen hätte. Im letzten Moment fängt er das Paket samt Krankenschwester in seinen Armen auf und grinst entschuldigend. „Tut mir leid! Ich war wohl zu stürmisch!“ Die ältere Frau lächelt erfahren und meint schlagfertig: „Stürmisch genug kann ein Mann gar nie sein, Sir. Das hier wurde eben abgegeben, für ihre Mutter! Von einem privaten Lieferservice. Soll ich es öffnen?“

„Was soll das sein?“ Stutzt Dan. „Ich werde Ihnen helfen, das Unding aufzumachen, wenn Sie erlauben. Sie haben mich neugierig gemacht!“

Gemeinsam stellen sie den Karton auf den Tisch neben die gut bestückten Blumenvasen. Die Pflegerin zaubert eine Schere aus ihrer Blusentasche und öffnet geschickt die Verschnürung. Dan löst eine weitere Schachtel, in feines Geschenkpapier gewickelt, aus Verpackungsmaterial wie Styropor und Noppenplastik. „Hast Du einen heimlichen Verehrer, Mom?“ Scherzt er grinsend. Die Kranke hat ihm aufmerksam zugesehen. „Kann man nie wissen“, gibt sie schlagfertig zurück.

„Lass mich selbst das Papier öffnen“, bittet sie, und der Mann legt ihr vorsichtig das Paket auf die Decke ihres Bettes. Langsam und bedächtig schält die Frau das Papier von der Schachtel. Sie öffnet sie und er bemerkt, wie ein erfreutes, wie auch überraschtes Lächeln über ihre Züge gleitet. „Dan!“ Ruft sie aus. „Du bist ja verrückt! Nein! Ist die nicht wunderbar!“

Bevor er selbst einen Blick auf den Schachtelinhalt werfen kann, nimmt er ungeduldig einen Anruf entgegen. „Mr. MacArthur, Sir! Es ist nicht erlaubt, in der Klinik zu telefonieren!“ Tadelt die Pflegerin, die seiner Mutter hilft, das geheimnisvolle Geschenk aus der letzten Verpackungshülle hervor zu holen. Ihr Lächeln zeigt, dass Sie nicht wirklich böse ist und er zuckt bedauernd die Schultern und lässt sich in das Gespräch mit seinem Agenten verwickeln, das er gezwungenermaßen entgegen genommen hat. Als die Krankenschwester endlich eine wundervolle, große  Puppe auf die Bettdecke seiner Mutter setzt und mit dem umfangreichen Verpackungsmaterial zu kämpfen hat, klingelt es erst in seinem Kopf und schließlich auch in seinem Inneren. Er verstummt mitten im Telefongespräch, übergeht die Fragen seines Agenten, der vergeblich um Gehör bittet und schneidet ihm schließlich das Wort ab. „Alan! Habt ihr irgendwelche Auskünfte weitergeben, was den Aufenthaltsort meiner Mutter betrifft?“ Der verdutzte Agent weiß nicht weiter und wendet sich mit der Frage an seine Sekretärin. Nach einigen Sekunden meldet er sich zurück: „Irgendeine französische Puppenmanufaktur wollte wissen, wohin sie die bestellte Ware zu liefern hätte. Du hast sie angeblich für Deine Mom bestellt, meint Alice! Stimmt was nicht mit der Lieferung?“

„Doch“, beeilt sich Dan mit der Antwort. „Wenn die Leute sich nochmals melden, sagst Du mir sofort Bescheid, klar? Die Lieferung ist gut angekommen, das ist alles!“ Er beendet das Gespräch, hat vergessen, weswegen der andere eigentlich angerufen hatte und betrachtet seine Mutter und die freudige Überraschung auf ihrem Gesicht, als sie vorsichtig an dem schwarzen Seidenkleid der Puppe zupft und mit den Fingerspitzen ihr rotbraunes, langes Haar zurecht zupft. Das schöne Porzellangesicht der Puppe, vor allem die Wangen, sind mit einem zarten rötlichen Ton überzogen, als wäre das dargestellte Puppenkind eben erst verlegen errötet. Ihre grünen Augen sind überschattet von langen Wimpern und ihr Anblick erinnert Dan an ein schüchternes, junges Mädchen. Die fein geformten Finger leicht gespreizt, die Füße in weißen Lackstiefelchen, bietet die große Charakterpuppe einen Anblick von Liebreiz und hoher Fingerfertigkeit der Künstlerin, die sie entworfen und hergestellt haben mochte.

„Amelie“, flüstert Dan zu sich selbst. „Ist das ihr Name?“ will seine Mom, hellhörig geworden, wissen.

„Ich weiß es nicht, Mom! Aber ich denke, die Künstlerin, die das hier schuf, heißt so. Amelie!“

An ihrem, mit Spitzen gesäumten, Kleid befindet sich ein Kärtchen, auf dem mit schön geschwungener Handschrift vermerkt ist: „Madame, Mit den besten Wünschen zu Ihrer Genesung, Le Royaume des poupées“.

„Gib mir einen Kuss, Daniel“, fordert die sichtlich gerührte Kranke ihren Sohn auf. „Es ist ein wahres Prunkstück und bestimmt die Schönste meiner Sammlung“, versichert sie und Dan küsst die Frau auf die Stirn, ohne die Puppe dabei los zu lassen.

„Ich muss gestehen“, beginnt er langsam erklärend und seine Hände berühren die Falten des Puppenkleides, als könne er es nicht glauben, ohne das Ding zu berühren, „die Überraschung ist ganz auf meiner Seite! Ich wollte Dir damals eine Puppe aus Frankreich, eben aus dieser Manufaktur mitbringen, aber mit der Aufregung um Deinen Herzanfall, habe ich dann nicht mehr daran gedacht….“

„Du hast wahrscheinlich die Bestellung aufgegeben und es dann vergessen! Ich freue mich sehr, Dany! Bitte setze sie doch vorsichtig neben die Vasen, aber sehr vorsichtig! Sie muss bestimmt sehr wertvoll sein. Ich kann mich gar nicht an ihr satt sehen! Ich fühle mich gleich um vieles besser!“

„Nein, das Lob gebührt mir wirklich nicht“…murmelt er.

Vergeblich untersucht Daniel die Verpackung nach einem Absender. Außer dem belanglosen Kärtchen findet er keinen Aufschluss darüber, woher das Paket kommt. Als Daniel Mac Arthur die Klinik verlässt, nicht, ohne im Foyer der Klinik ein paar Autogramme auszuteilen, da er auch diesmal nicht unerkannt durch die Strassen Edinburghs ziehen kann, denkt er nur an das eine: Amelie zu kontaktieren. In seiner Brust raufen sich schlechtes Gewissen und Zorn auf seine Oberflächlichkeit. Die rührende Geste der kleinen Französin bringt sein Innerstes komplett in Aufruhr. Soviel Anteilnahme und Menschlichkeit! Und sie war ihm keinen Telefonanruf wert… Er wollte sich entschuldigen bei ihr, und bedanken. Nicht nur für die Puppe….

 

*****

„Was heißt, dort kann man niemanden erreichen?“ Daniel ist mehr als ungehalten und schluckt den Rauch seiner Zigarette, als hinge sein Leben davon ab. Der Rauch brennt in seiner Lunge. Er lauscht, zieht eine Grimasse und wettert schließlich ins Telefon: „Alice, sie können doch sonst alles! Wegen Bauarbeiten geschlossen! Das weiß ich auch! Aber die Betreiberin dieser Werkstatt muss sich doch irgendwo aufhalten. Sie hat sich jedenfalls nicht in Luft aufgelöst, oder lebt bestimmt nicht in einem Campingzelt! Also finden Sie raus, wo sie derzeit wohnt. Fragen sie bei der Gemeinde nach, in Hotels, in diesem Gutshof von diesem Philippe Derrieu, mit dem war sie mal gut befreundet, egal, treiben sie mir irgendeine Nummer auf, wo ich sie erreichen kann! Das können Sie doch für mich tun, Alice, Liebes!“ Die Sekretärin verspricht, ihr möglichstes zu tun. Dan ist wütend. Nicht auf Alice, auf sich selbst. Warum hatte er damals nicht gleich nachgeharkt, als seine Anrufe vergeblich gewesen waren und er erkennen musste, dass Amelie anscheinend eine andere Nummer besaß. Warum hatte er einfach alles so im Sande verlaufen lassen. Der Anfall seiner Mutter, die Dreharbeiten, die nur mehr auf ihn warteten, und er nach Thailand flog, ohne überhaupt zwischendurch einmal Atem zu schöpfen. Und dann gab es Amelie plötzlich nicht mehr. Wie vom Erdboden verschluckt…

 

„Die von ihnen gewählte Nummer existiert nicht mehr….“ Und dabei hatte er es dann bewenden lassen, abgelenkt, beschäftigt… Was sie wohl tat? Hatte dieser Derrieu sie vielleicht doch wieder soweit um den Finger gewickelt, dass sie zu ihm zurückgekehrt ist? Der Gedanke an diese Möglichkeit verursacht ihm Unbehagen. Und, welche Chance war ihr überhaupt geblieben, nachdem ihre Heim- und Werkstatt in Trümmern lag? Gab es eine Entschuldigung dafür, dass er sich nicht mehr für ihre Probleme interessiert hatte? War das die Freundschaft, die er vor ihr proklamiert hatte? Er fühlt sich elend, wie ein richtiger Schweinehund. Er ist von den letzten Geschehnissen einfach überrollt worden und hat dabei vergessen, auf das Wichtigste zu achten. Eine junge Beziehung, aus der, unter anderen Umständen, vielleicht mehr hätte werden können. Unter anderen Umständen… , wieder eine banale Ausrede. Er war ein Idiot, nicht besser, als alle anderen, die er verachtete… Und jetzt konnte er hier nicht einmal weg und selbst nach ihr suchen. Die Herztransplantation konnte jeden Tag stattfinden. Seine Mom war endlich ganz oben auf der Spitze der Warteliste. Endlich!

Er durchmisst den ausladenden Salon seiner Wohnung in Edinburgh mit großen Schritten, brummt wie ein gereizter Tiger, der auszubrechen versucht, doch weiß, dass es sinnlos ist. Die Warterei machte ihn noch ganz verrückt. Seine Tage verbringt er zwischen Besuchen in der Klinik und dem Herumhängen in der Agentur oder seiner Stadtwohnung. Die verrauchte Luft ist zum Schneiden dick. Er öffnet weit die Terrassentür und lässt die frische Regenluft herein. Er liebäugelt mit der Whiskeyflasche auf dem Couchtisch. Es war noch früher Vormittag, dennoch….

*****

Es tat gut, wieder Londoner Luft zu schnuppern, auch wenn diese weitaus kühler und feuchter war, als jene der Provence, vor allem um diese Jahreszeit. Amelie lässt den Laden geschlossen, und auf einem Aushängeschild ist zu lesen, dass sie nur nach Vereinbarung eines Termins ihren Kunden zur Verfügung stand. Doch es bleibt ruhig und nur wenige, eingefleischte Sammler bitten um eine Verabredung, oder solche die auf der Suche nach einem besonderen Geschenk für jemanden waren. In der Adventzeit, kurz vor Weihnachten, würde der Rummel erst richtig losgehen, und voraussichtlich ihren verbleibenden Stock an Ware deutlich dezimieren. Somit konnte sie dem Umzug nachhause mit weniger Aufwand entgegen sehen. Auch wenn die Zwillinge zur Welt gekommen waren, würde sie die erste Zeit weniger Zeit für ihr Schaffen aufbringen können. Wahrscheinlich würde sie ein ganzes Jahr pausieren und dann wieder mit Hilfe einer weiblichen Kraft langsam ihr Kunsthandwerk wieder aufnehmen. Sie hatte alle Zeit der Welt und nichts drängte sie, irgendetwas zu überstürzen. Die kleine Lily erwies sich als zuverlässige Kraft, sie konnte ihr bedenkenlos die Schlüssel des Geschäfts überlassen, damit das Mädchen ihre Puppen regelmäßig von Staub befreite, was ihr anscheinend Spaß machte, zumindest ebenso, wie die gute Bezahlung Amelies, die keineswegs kleinlich war.

 

Es war ein Leichtes gewesen, die Adresse des Krankenhauses zu erfahren, in dem Daniels Mutter auf ihre Operation wartete. Ihre Gedanken fliegen immer mehr zu Daniel und seiner Sorge, seinen Hoffnungen, und sie hoffte inständig, dass für die kranke Frau alles gut ging und sie einem neuen, gesünderen Leben entgegen sehen konnte. Daniel sollte seine Mom behalten dürfen, auch wenn sie die ihre seit Jahrzehnten nicht mehr an ihrer Seite hatte, und gerade deswegen, weil sie um den Kummer dessen, die Leere danach, nur zu genau Bescheid wusste.

Die waghalsige Idee, einfach selbst nach Schottland hinaufzufahren und die Puppe zu überbringen, verwarf sie rasch wieder, so verlockend sie auch war. Sie wollte Daniel nicht sehen, und wünschte sich doch nichts sehnlicher. Doch sie begann sich etwas zu runden, selbst einem ungeübten Auge konnte ihr Zustand nicht mehr länger verborgen bleiben, da half auch der Zigeunerlook nichts, den sie derzeit bevorzugte, weite, lange Röcke, lose Blusen, gebundene Tücher, bunt, seidig, hübsch anzusehen. Sie vermutete es nicht nur, sie war überzeugt davon, dass Daniel MacArthur absolut nicht erfreut sein konnte, wenn ihm eine Frau, mit der er sich eine Nacht lang die Zeit vertrieben hatte, eröffnete, dass sie Zwillinge von ihm erwartete. Diese unangenehme Reaktion wollte sie sich und auch ihm ersparen. Sie brauchte niemanden, der ihr beistand. Die Kinder würden einen Vater niemals vermissen, dafür würde sie schon sorgen. Die Einladung nach Venedig stand noch bevor, und sie wollte ihr nachkommen. Dort wenigstens blieb sie unerkannt und lief nicht Gefahr in Daniels oder gar Philippes Arme zu laufen, obwohl sie sich immer wieder trotzig sagte, dass sie dem letzteren keinerlei Rechenschaft schuldig war. Doch sie wollte nur eines, ihre Ruhe!

Den Berechnungen nach, würden ihre Kleinen kurz vor Ostern das Licht der Welt erblicken und allein der Gedanke an ihre Geburt erfüllt sie mit Euphorie und einem nie gekannten Frieden. Daniel hatte ihr das schönste Geschenk gegeben, das ein Mann einer Frau nur machen kann. Fortan würde sie ihr Leben mit zwei kleinen Menschen, ihren Kindern, teilen, die ganz sicher der größte Erfolg ihrer Karriere und ihres Lebens waren!

Sie schlendert entspannt durch den St. James Park und beobachtet die Rentner, die mit Hingabe die zutraulichen Singvögel in Scharen füttern. Bei einem alten Mann bleibt sie stehen und er lächelt sie aus wässrig blauen Augen an. Wortlos lässt er einen Teil seiner Getreidekörner in ihre Hand fließen, und dann steht sie gleich ihm regungslos da und erfreut sich an den gefiederten Gesellen, die es sich auf ihrem ausgestreckten Arm, ihrer Handfläche gemütlich machen und die kleinen Körner daraus picken. Zaghaft stehlen sich einige Sonnenstrahlen durch den grau verhangenen Himmel und eine Entenfamilie watschelt quakend über den Parkweg, danach bestrebt, den nahen Teich so rasch wie möglich zu erreichen. Die Parkbesucher werfen ihnen kleine Brotkrümel vor die Schnäbel, die sie, nicht abgeneigt, gierig hinunter würgen. Mit einem freundlichen Kopfnicken bedankt sich Amelie bei dem alten Mann und setzt ihren Spaziergang fort, als auch das letzte Körnchen verspeist ist.

Als sie später den U-Bahnschacht verlässt und in die Strasse ihrer derzeitigen Wohnung einbiegt, läuft ihr Lily in die Arme. Die Kleine hatte wieder einmal nach dem Rechten gesehen und das Geschäft vor einigen Minuten erst abgeschlossen.

„Gut, dass ich Dich treffe, Amelie“. Lily scheint etwas auf dem Herzen zu haben. „Ein neuer Termin für Interessenten?“ will Amelie wissen.

„Ich hoffe, es bleiben ein paar gute Stücke fürs Weihnachtsgeschäft übrig“, lacht sie. Lily schüttelt ungeduldig den Kopf. „Nein, aber es hat sich jemand ganz ausführlich nach Dir erkundigt. Aber ich war vorsichtig. Ich weiß ja nicht, ob es Dir Recht wäre, wenn ich einfach so drauf los plappere.“

‚Philippe’, ist Amelies erster Gedanke. „Ein Anruf aus Frankreich, vielleicht?“ Lily war Amelies säuerliche Miene nicht entgangen. „Das glaube ich kaum“, entgegnet sie nachdenklich. „Oh nein, ganz bestimmt nicht. Die Frau sprach ein normales, gepflegtes Englisch.“

„Eine Frau?“ fragt Amelie verwundert nach. „Welche Frau?“

„Ach, ich weiß nicht. Irgendeine Agentur in Edinburgh, oder war es doch London? Sie sprach so schnell, ich konnte kaum folgen und dann war ich auch etwas verwirrt über den Anruf, wie Du Dir vorstellen kannst, Amelie!“

„Schon gut. Sicher nicht wichtig. Eine Agentur, die im Auftrag eines Kunden aus Übersee anrief, nehme ich an.“ 

„Komisch nur, dass sie gar nicht nach den Puppen fragte oder Informationen anforderte über die Ware. Nein, es ging ihr nur darum zu wissen, wem das Geschäft gehörte und wer der Hersteller der Puppen ist. Sie meinte, sie habe gehört, dass eine Französin die Künstlerin sei, und wollte wissen, ob dem so wäre.

Ich wusste im ersten Moment nicht, was ich dazu sagen sollte, aber es kam mir doch zu verdächtig vor, dass man sich ausgerechnet für Deine Person interessierte, Amelie, mehr, als für das Geschäft, und was Du anzubieten hast.“

Philippe wusste ja, wo sie war, also konnte der Anruf kaum von seiner Seite aus kommen. Sie spürt, wie eine Hitzewelle in ihr Gesicht steigt, der Gedanke war auch zu gewagt, sie hat Angst, ihn überhaupt fertig zu denken.

„Was hast Du geantwortet?“ Lily ist über den matten Tonfall ihrer Freundin und Arbeitgeberin verwundert. „Ich habe gemeint, ich sei nur die Putzfrau, ich wüsste gar nichts und ich hätte den Besitzer des Ladens auch noch nie getroffen. Was sollte ich schon sagen in der Eile? Ich wollte vor allem nicht zu geschwätzig sein, da ich doch keine Ahnung hatte, ob es Dir Recht war oder Du vielleicht in Schwierigkeiten geraten könntest, durch mein Ausplaudern!“

„Du hast das gut gemacht, Lily, ma chère!“ versichert Amelie und hat sich auch schon wieder gefasst. Abwegiger Gedanke! Daniel. Es war eine Frau gewesen, nicht er. Eine Agentur. Es war schon so, wie sie vermutet hatte. Ein Kunde, möglicherweise sogar ein Stammkunde, der auf der Suche nach ihrem Verbleib war.

„Wenn diese Agentur nochmals anrufen sollte, Lily, dann nimm die Daten auf, die Nummer, aber bleibe dabei, Du weißt nichts von mir, kennst mich nicht, okay?“ Lily nickt, sichtlich erleichtert, das Richtige getan zu haben.

„Sie war nicht sehr erfreut, dass ich nichts wusste, diese Frau“, kichert sie los. „Instinktiv habe ich mir einen kleinen, slawischen Akzent zugelegt, damit die Geschichte von der Putzfrau auch glaubwürdig genug klang!“

Beide lachen, aber Amelie fühlt erneut ein wenig Bitterkeit aufsteigen. Konnte sie nicht endlich einen Schlussstrich ziehen unter alles, was mit Daniel MacArthur zu tun hatte? Nein, meine Liebe, schalt die eigene Antwort ihres Bewusstseins zurück. Wie denn auch? Du trägst einen Teil dieses Mannes in Dir! Finde Dich damit ab, dass er fortan zu Deinem Leben gehört, auch wenn er nie daran teilhaben wird.

 

Amelie fordert Lily auf, sie ins Appartement zu begleiten, auf eine Tasse Tee. Es tat gut, das lebenslustige, junge Mädchen mit ihrer ungezwungenen Art um sich zu haben, und sie schätzte ihre Gesellschaft über alles. Lily wollte Kunstgeschichte studieren und besuchte noch ein College in Westminster. Und so gab es unendlich aufschlussreiche, wie auch interessante Gespräche zwischen ihnen beiden, über das unerschöpfliche Thema Kunst, die Lily für ihr späteres Studium nur zuträglich sein konnten. Und da ohnehin die Herbstferien bevorstanden, lädt Amelie das wissensdurstige Mädchen ein, sie nach Venedig zu begleiten.

„Das ist kein Scherz, Amelie?“ Lily kann ihr Glück kaum fassen.

„Natürlich nicht“, lautet die Entgegnung. Wir machen den Laden hier dicht und in zwei Wochen fliegen wir über den Kanal. Die Lagunenstadt ist voll gestopft mit Kunstschätzen und geschichtlichen Zeugnissen. Es findet zudem eine Ausstellung über Porträtmalerei des 18. Jahrhunderts statt, ich glaube, das musst Du unbedingt gesehen haben. Die Einladung kommt von einer Comtessa, und sie hat ganz sicher nichts dagegen, wenn ich eine Begleiterin mitbringe. Sie hat mir angeboten in ihrem Palazzo zu wohnen. Ich kenne sie aus Prag, sie ist eine langjährige Kundin von mir. Das wird doch eine ganz neue Erfahrung für uns beide, Nicht wahr?“

In Lilys Augen steht bereits eine Fülle von Erwartungen und Vorstellungen und somit ist die Sache beschlossen. Amelie würde persönlich noch die Eltern des Mädchens anrufen und ihnen nahe legen, dass sie sich keine Sorgen um ihre Tochter zu machen hatten. Schließlich war Lily erst sechzehn.

 

weiter ...

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