28.a Die Kindheit eines Kriegers – 180 A.D.

Mit einem Seufzer drehte Maximus sich auf den Rücken. Das Spiel seiner Muskeln und seine straffe, leicht feuchte, gebräunte Haut bot einen herrlichen Anblick. Er legte den Kopf auf das Kissen - einen Arm quer über der Stirn - und schwieg einen Moment lang.

"Ich habe auch nie Spielzeug gehabt", wiederholte er. "Meine Eltern waren nicht reich aber auch nicht so arm, daß wir uns das nicht hätten leisten können ... Wir waren Bauern, und auf einem Bauernhof gibt es immer so viel zu tun ... Mein Vater hatte einige Arbeiter, aber jeder mußte seinen Teil beitragen ... "

Während er sprach, runzelte Maximus die Stirn, seine dunklen Augenbrauen waren so zusammengezogen, daß sie sich beinahe berührten - ein Mann versunken in seine Gedanken. Und vermutlich zum erstenmal seit vielen Jahren sprach der Junge, der er einmal gewesen war, aus ihm.

Geräuschlos stützte ich mich auf meinen Ellbogen, um sein attraktives Gesicht besser sehen zu können.

"Wir standen im Morgengrauen auf, und mein Vater ging hinaus aufs Feld, während mein Bruder und ich unserer Mutter halfen, den Küchengarten zu jäten und die Tiere zu füttern ... Ich war der Älteste und somit verantwortlich sowohl für meine eigene als auch für Julius' Arbeit ... "

Seine Stimme war weich und gleichzeitig fest, kontrolliert, aber unter der Oberfläche schwang ein Anflug intensiver Gemütsbewegung mit - wie eine starke Strömung die Tiefen eines ansonsten ruhigen Sees bewegt.

"Zu der Zeit, als das Feuer ausbrach, hatte ich bereits begonnen, mit meinem Vater zusammen aufs Feld zu gehen ... Ein Jahr zuvor hatte er mir beigebracht, mein Pony ordentlich zu versorgen ... Ich war auf beides sehr stolz ... "

Es war nicht schwer zu sehen, daß Maximus, während er sprach, sich selbst vor seinem inneren Auge sah so wie ich, als ich ihm von einer anderen Kindheit ohne Spielzeug erzählt hatte. Und es war auch nicht schwer, ihn mir vor meinem inneren Auge vorzustellen. Ihn als den Jungen zu sehen, der er gewesen war, groß für sein Alter, stark, klug, lebenssprühend aber gleichzeitig ernst, ein älterer Bruder, der stolz war sowohl auf das, was er erreicht hatte, als auch auf das, wofür er Verantwortung trug.

"Wir hatten kein Spielzeug und auch nicht viel Zeit zum Spielen, denn es gab nicht nur viel Arbeit, sondern wir mußten auch noch unsere Lektionen lernen ... Meine Mutter lehrte Julius und mich das Lesen, Schreiben und Rechnen ... "

"Hast Du gern gelernt?" unterbrach ich ihn, denn ich konnte mich einfach nicht zurückhalten.

Maximus zuckte die Achseln.

"Ich lernte schnell. Es war in erster Linie die Armee, die für meine Bildung sorgte ...

Mein Bruder war derjenige, der das Lernen liebte. Ich erinnere mich, daß ... "

Maximus schloß die Augen, seine dunklen Wimpern waren außergewöhnlich lang  und so dicht, daß jede Frau neidisch geworden wäre.

"Marcia ... ", sagte er leise.

Ich blinzelte.

Er schwieg.

"Maximus?"

"Marcia", wiederholte er, ohne die Augen zu öffnen. "Der Name meiner Mutter war Marcia ..."

Die Art, wie der Name über seine Lippen kam, ließ keinen Zweifel daran, wie sehr er sie geliebt und wie sehr er sie vermißt hatte. Hatte er in der Dunkelheit seine Arme fest um sich geschlungen und sich eingeredet, es sei seine Mutter, die ihn umarmte - so wie ich es getan hatte?

"Wir hatten kein Spielzeug und auch nicht viel Zeit zum Spielen", sagte er leise, die Augen noch immer geschlossen, " aber wir hatten andere Möglichkeiten, uns zu vergnügen ... "

Er schwieg einen Moment lang, während er die Gedanken und Erinnerungen ordnete, die jetzt über sein Gedächtnis hereinbrachen. Wie lange war es her, daß er das letztemal Zeit und Gelegenheit gehabt hatte, auf seine Kindheit zurückzublicken? So lange wie er ohne eine Spur von Liebe und Zärtlichkeit hatte leben müssen? Oder vielleicht noch länger? Hatte er die Erinnerungen an seine Kindheit bewußt verdrängt und sie in einem Winkel seines Herzens weggeschlossen, weil er ihre Wärme und Schönheit nicht ertragen konnte, nachdem er durch jenen Brand alles verloren hatte, was er besaß und was er liebte?

Hatte er dasselbe getan, als Verrat und Versklavung ihm alles genommen hatten, was ihm als Erwachsenem ans Herz gewachsen war, alles, was er sich erarbeitet hatte, was er geworden war? Würde er seine Erinnerungen an mich auch in so einem Winkel wegschließen, nachdem man ihn erst einmal nach Rom zurückgebracht haben würde - zu der Gefahr und Brutalität, die ihn dort erwarteten?

"Das Leben in der Provinz ist ganz anders", fuhr Maximus fort, und im Stillen war ich ihm dankbar, daß er mich aus meinen düsteren Gedanken riß. "Sehr viel anders ... einfacher ... Wir rannten und schwammen und rangen, wir hatten unsere Hunde und Ponys ... Wir gingen fischen ... Ich liebte es, fischen zu gehen ... Einmal nahm mein Vater mich mit zur Jagd. Ich war sehr stolz darauf, aber es hat mir nicht wirklich Freude gemacht. Fischen war irgendwie anders ... friedlich ... "

Maximus schwieg wieder. Seine Brust hob und senkte sich unter seinen regelmäßigen Atemzügen. Er wirkte ruhig und entspannt, es schien ihm gut zu gehen, aber ich konnte den Hauch einer Andeutung jener Emotionen sehen, die seine Erinnerungen hervorgerufen hatten. Seine geschlossenen Augenlider zitterten leicht, sein Mund hatte jede Spur von Weichheit verloren, und der entschlossene Zug um sein Kinn hatte sich noch verstärkt. Und während er schwieg, sah ich, wie die Muskeln an seinem gebräunten Hals arbeiteten, als er sich bemühte, den Kloß, der dort saß, herunterzuschlucken.

Ohne mir bewußt zu sein, was ich tat, setzte ich mich wortlos auf und legte eine Hand auf seine nackte Schulter. Maximus öffnete die Augen, und nun war ich es, die beim Anblick dieser herrlichen aquamarinblauen Augen, in denen sich jetzt seine Gefühle offen und ohne die sonst für ihn typische Selbstbeherrschung widerspiegelten, den Kloß im Hals 'runterschlucken mußte.

"Wenn die Zeit kam, das, was wir erwirtschaftet hatten, zu verkaufen, dann nahmen unsere Eltern uns mit auf den Markt in unserer Gegend, und dort spielten wir dann mit den Jungen von den benachbarten Höfen ... Und alles endete immer in einer spielerischen Schlacht ..."

Seine Worte erstarben, während ein melancholisches Lächeln um seine Lippen spielte.

"Du warst ein glückliches Kind ...", versuchte ich, ihn zum Weitersprechen zu bewegen.

Maximus runzelte die Stirn und schien über meine Worte nachzudenken. Dann nahm er den Arm von seiner Stirn und ergriff meine Hand, rieb sanft mit seinem Daumen über meine Knöchel.

"Ja, sagte er", und seine tiefe Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Ich war ein glückliches Kind..." Aus dem Augenwinkel nahm ich eine leichte Bewegung wahr und drehte mich rechtzeitig genug um: der Schmetterling segelte in einer majestätischen Bewegung aus dem Betthimmel herab, anscheinend angezogen von dieser Erzählung über ein weiteres Kind, das gezwungen gewesen war, zu schnell erwachsen zu werden.

"Dann kam das Feuer, und alles änderte sich ... Nie wieder fühlte ich mich als Junge sondern ich war jetzt ein Mann..."

"Aber Du warst nur acht Jahre alt!" platzte ich heraus und merkte zu spät, wie dumm das klang. Im gleichen Alter hatte ich Dinge gesehen, gehört und erfahren, von denen so manche erwachsene Frau nicht mal die Spur einer Vorstellung hat. Maximus hatte recht. Ein Kind zu sein ist keine Frage des Alters sondern eine der Unschuld, und wir hatten unsere Unschuld zu früh verloren - ich durch die Prostitution und er durch eine Tragödie.

Ich war als Sklavin und er war frei geboren worden. Ich wuchs in einer luxuriösen Villa auf, die nichts anderes war als ein privates Bordell, während er auf einem Bauernhof im weit entfernten Hispanien aufgewachsen war. Ich war von Kindheit an dazu bestimmt gewesen, eine Hure zu sein, und er ein hart arbeitender Bauer so wie sein Vater und Großvater es gewesen waren. Man hatte uns beiden Pflichten aufgebürdet, die zu schwer für ein Kind waren - mir hatte man beigebracht, Männer zu befriedigen und ihm, dafür zu sorgen, daß Essen auf den Tisch kam. Und beide waren wir dem entronnen, was schien, unser besiegeltes Schicksal gewesen zu sein - aus mir war die Dame Julia Servilia geworden und aus ihm General Maximus. Zwei Leben, die so unterschiedlich zu sein schienen, die sich jedoch so sehr glichen - unabhängig von Geschlecht, Stellung und Lebensumständen. Zwei Leben, die so unterschiedlich zu sein schienen, die sich jedoch so sehr glichen, daß es geradezu unheimlich war.

"Auf dem Hof meines Großonkels war alles ganz anders ... Es gab noch mehr Arbeit, denn sein Land war nicht so fruchtbar wie unseres, aber dafür galt es viele hungrige Mäuler zu stopfen..."

Maximus blinzelte, als wolle er unerwünschte Erinnerungen vertreiben und vielleicht besonders jene an das Zwischenspiel seines Exils. Man hatte ihn weggeholt von der warmen, fruchtbaren Erde, wo er geboren war, um in einer anderen, weit entfernten Ecke Hispaniens bei ebenso entfernten Verwandten großgezogen zu werden. Das Schicksal hatte ihm seine liebevolle Familie genommen und ihn zu einer anderen geschickt - einer Familie, die wenig Essen und noch weniger Zeit für einen einsamen Waisenjungen übrig hatte.

"Mit vierzehn Jahren trat ich in die Armee ein, und das war es dann ... "

Maximus runzelte wieder die Stirn und fuhr fort, während er geistesabwesend über die Knöchel seiner Hand rieb.

"Es war da ganz ähnlich wie auf dem Bauernhof. Es gab immer so viel zu tun ... Die Armee ist kein Platz zum Faulenzen. Meine erste Aufgabe war es, die Ställe auszumisten ... Das ist harte Arbeit. Alle Knochen tun einem weh und es stinkt ... "

Impulsiv verzog ich das Gesicht.

"... aber ideal, um einen Jungen zu lehren, wo sein Platz in dieser Welt ist ... Wenn Dein Stallmeister so klug ist, wie Du gesagt hast, dann sollte unser junger Freund Simacus inzwischen schon einige Karren mit Mist vollgeschaufelt haben ... "

Ich mußte lächeln, und er lächelte zurück. Ich fühlte, wie mir das Herz beim Anblick dieser schlichten Geste weit wurde, die nie ihre Wirkung auf mich verfehlte, und die mich den lebhaften Jungen erahnen ließ, der immer noch in dem harten Soldaten und Gladiator lebte. Den lebhaften Jungen, der so sehr dem Jungen in dem Fluß aus meinem Traum glich.

"Hast Du viele Karren mit Mist vollgeschaufelt?"

Maximus lachte vor sich hin.

"So einige. Ich hatte jede Menge Praxis im Ausmisten von Ställen, daher wurde ich schon bald zu einer anderen, wichtigeren Aufgabe befördert ... "

Ich zog fragend eine Augenbraue hoch.

"Zum Polieren von Waffen und Rüstungen ... Das ging wirklich über die Knochen ... "

Nun mußte ich lachen, und Maximus drückte zärtlich meine Hand.

"Dann begann ich mein Training als Soldat ... "

"Wie alt warst Du, als Du zum erstenmal in die Schlacht zogst?"

"Zwanzig ... und ich wurde verwundet."

"Hattest Du Angst?"

Maximus schien über die Frage nachzudenken, während er den anderen Arm anwinkelte und ihn sich unter den Kopf schob.

"Nein, aber die Umstände waren anders als bei den meisten Soldaten, wenn sie zum erstenmal kämpften ..."

Ich runzelte die Stirn, weil ich nicht verstand, was er meinte, aber bevor ich noch fragen konnte, fuhr Maximus fort, "Ich hatte schon zuvor Kampferfahrung gesammelt. Gegen einen echten Feind zu kämpfen war nicht neu für mich ... "

Der bewußt neutral gehaltene Ton seiner Stimme sagte mir, daß er, als er die erste seiner vielen Schlachten schlug, bereits wußte, wie es ist, einen Menschen zu töten. Wie absurd einfach es sein kann, wenn es das Richtige ist, man es zur rechten Zeit tut, und wenn man keine andere Wahl hat.

Schweigen breitete sich zwischen uns aus. Wieder war es dieses vertraute Schweigen, das mir ebenso lieb und teuer geworden war wie Maximus' offene, freimütige Offenbarungen. Während er weiter gedankenverloren mit seinem Daumen über meine Fingerknöchel strich, sehnte ich mich danach, seine nackte, gebräunte Haut zu streicheln, hielt mich jedoch zurück, weil ich ihn nicht aus seinen Gedanken und fernen Erinnerungen reißen wollte. Statt dessen streichelte ich ihn mit den Augen. Und dabei fiel mein Blick auf seinen rechten Oberschenkel. Da er das Bein leicht angewinkelt hatte, konnte man die Narbe, die ich entdeckt hatte, während er auf der Couch meines Wohnzimmers seinen Rausch ausschlief, deutlich sehen.

Ich beugte mich vor und zeichnete mit dem Finger die Linie der alten Wunde nach. Maximus ließ es zu und rührte sich nicht, aber ich konnte spüren, wie sein Blick auf mich geheftet war.

"Tut das weh?" fragte ich, während meine Fingerkuppe noch immer auf seinem warmen Fleisch ruhte.

"Nein, nicht mehr."

"Aber es hat wehgetan ... "

"Ja, sehr."

Wieder fuhr ich über die deutlich sichtbare Narbe.

"Es war eine schlimme Verwundung, nicht wahr?"

"Eine sehr schlimme. Sie hat mich beinahe das Leben gekostet ... "

Ich schnappte nach Luft und blickte ihm in die Augen.

" ... und sie war einer der Gründe, warum ich Deinen Brief nicht beantwortet habe."

"Maximus ... "

 

"Der Krieg wütete wieder in Germanien", unterbrach er mich. "Die germanischen Stämme hatten seit Monaten römische Siedlungen angegriffen, niedergebrannt und geplündert, römische Bürger getötet ... Ich wußte, daß sie ihr Glück bei einer größeren Niederlassung versuchen würden und ich wettete darauf, daß es diesmal Castra Regina (*) sein würde ... "

Maximus blickte hinauf  in den Betthimmel und starrte ihn einen Moment lang an, bevor er weitersprach.

Aber ich hatte mich geirrt, und sie zogen nach Vindobona, wo sich mein Lager befand ... Auch meine Familie war dort. Ich kehrte gerade noch rechtzeitig zurück, um die Zivilisten zu evakuieren und die Schlacht vorzubereiten ... Es war eine blutige Schlacht ... Ich verlor viele Männer ... und war dem eigenen Tod niemals näher ... "

Er sprach so ohne jede Emotion, daß es keinen Zweifel daran geben konnte, wie schwer der ganze Vorfall noch immer auf ihm lastete und warum. Es war nicht seine kurze Berührung mit dem Tod, die ihn belastete, sondern was aus seiner Familie geworden wäre, aus seinen Männern und den Menschen in seiner Obhut, wenn er im Kampf versagt hätte.

"Wir kämpften, um unsere Stellung zu behaupten, bis Verstärkung eintreffen würde. Einer Gruppe Germanen gelang es, mich und einige Soldaten vom Hauptteil der Armee abzuschneiden ... "

Maximus wandte die Augen vom Betthimmel ab und blickte mich fest an. Und alle Gefühle, die seine Stimme mit nichts verriet, brannten in diesen Augen.

"Sie sind furchterregende Gegner. Der Kampf liegt ihnen im Blut, und sie haben den Vorteil ihrer Größe ... Wenn sich die Stämme jemals dauerhafter als in ihren bisher immer kurzlebigen Bündnissen zusammenschließen würden und eine Armee aufstellten, dann hätte Rom keine Chance gegen sie ... "

 

Der Gedanke ließ mich erschauern. Hundert Jahre lang hatten die römischen Legionen nichts anderes als Siege kennengelernt. Sie sind von einer entlegenen Ecke des Imperiums zur anderen marschiert und haben dabei jeden Widerstand mit der gleichen Leichtigkeit und Entschlossenheit niedergetreten, mit der die genagelten Stiefel der Soldaten das Gras unter ihren Füßen zermalmten. Die Macht und Gewalt Roms gründete in der Stärke dieser Legionen und ihrer Überzeugung, unbesiegbar zu sein. Für Rom ist Niederlage undenkbar, weil Rom das Licht ist, Gesetz und Ordnung, welche die Welt beherrschen, und alles und jedes muß sich seinem Willen beugen. Aber der Mann, der römische Soldaten zu so vielen Siegen geführt hatte, der Mann, welcher der mächtigste militärische Führer des Imperiums gewesen war, der Mann, der  Rom und damit die Welt hätte beherrschen sollen, dieser Mann war auch Manns genug, um die Möglichkeit einer Niederlage in Erwägung zu ziehen.

"Ich frage mich, was die Senatoren sagen würden, wenn sie wüßten, daß der römische Kaiser römische Institutionen wie Sklaverei und die Spiele verachtet."*1

In meinem Inneren hörte ich die heisere Stimme eines anderen Mannes im trüben Licht eines Militärzeltes in Moesia. Eines Mannes, der Rom und damit die Welt regiert hatte, und der Manns genug gewesen war, um zu verstehen, wie wenig diese Macht bedeutete und wie ihr Glanz im Vergleich zu Dingen wie Leben, Glück und Liebe verblaßte. Eines Mannes, der Manns genug gewesen war, um Anspielungen auf seine eigene Größe leichthin abzutun und seine Gedanken und sein Herz mit einer achtzehn Jahre alten Sklavin und Hure zu teilen.

"Sie töteten die Soldaten, die an meiner Seite kämpften, und kreisten mich ein ... " fuhr Maximus fort, und war nun offenbar darauf erpicht, seine Geschichte zu Ende zu bringen so wie auch ich meine eigene unbedingt hatte zu Ende erzählen müssen. "Die Erde war getränkt mit Blut und ich glitt aus ... Sie hätten mich niedergemacht, wäre da nicht ein junger Soldat gewesen, der dazwischenging und mir die wenigen Sekunden verschaffte, die ich  brauchte, um wieder auf die Beine zu  kommen ... Er starb statt meiner .... "

Maximus blinzelte wieder, und ich sah, wie er die Lippen zusammenpreßte, um die Gefühle in den Griff zu bekommen, die ihre Klauen in sein Herz schlugen. Ich konnte ihm keinen anderen Trost geben - also nahm ich seine vom Führen des Schwertes schwielige Hand und drückte sie.

"Er war jung, kaum zwanzig, und er war in der Armee groß geworden, wo er an der Seite seines Vaters diente. Der Mann war mein oberster Ingenieur ... und auch ein guter Freund. Der Junge war der einzige Sohn seines Vaters und sein ganzer Stolz ... "

Maximus schluckte hart, als die Erinnerung an den Freund, der seinen Sohn verloren hatte, ihn überwältigte.

Wie viel Schweres lastete auf seinen breiten Schultern - und auf seinem Herzen und seiner Seele?

"Ist Dir klar, wie viele Menschen ich getötet oder in den Tod geschickt habe? Ist Dir klar, wie schwer all das Blut und das Sterben auf der Seele eines Mannes lasten?"*2

Plötzlich hörte ich wieder seine Stimme so wie damals vor sechs Jahren in einem anderen Militärzelt in Moesia. Diese tiefe, erhitzte Stimme wurde heiser vor Schmerz und nackter Emotion, ein Mann, der Manns genug war, den Verlust seiner eigenen Unschuld zu betrauern.

"Wie wurdest Du verwundet?"

Das Nachbeben tiefer Gemütsbewegung ließ meine Stimme dünn und zerbrechlich klingen, die Stimme des kleinen Mädchens, das ich vor einer halben Ewigkeit gewesen war.

Maximus seufzte tief und wandte sich dann mir zu.

"Der junge Jonivus gab mir die Sekunden, die ich brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen, und ein Zenturio kam mir mit einem Dutzend Soldaten zu Hilfe, so daß ich mich auf eine sicherere Position zurückziehen konnte. Aber die Germanen wußten, wer ich war - oder zumindest was ich war - und waren nicht gewillt, mich einfach entkommen zu lassen ... Wir mußten uns unseren Weg Zentimeter für Zentimeter erkämpfen ...Bogenschützen der Hilfstruppen deckten unseren Rückzug. Während ich mit einem riesigen, mit einer Axt bewaffneten Germanen kämpfte, gelangte ich in ihre Zielrichtung und ein Pfeil traf mich ...?

Ich runzelte verwirrt die Stirn.

"Du willst damit sagen, Deine eigenen Männer haben auf Dich geschossen?"

Maximus lachte bitter.

"Echte Schlachten sind keine so saubere Angelegenheit wie sie von den Historikern beschrieben werden. Es gibt eine Menge Durcheinander, und Unfälle kommen vor ... "

Ich nickte schweigend und war mir dabei vollkommen bewußt, daß ich unmöglich erfassen konnte, worüber er sprach; aber während meiner zwei Jahre im Militärlager von Moesia hatte ich das eine oder andere gelernt, und das Wichtigste davon war, daß Soldaten nicht gern über das sprechen, was sie in der Schlacht tun, was sie sehen und was sie erleiden.

Nicht einmal mit ihren Kameraden.

"Es war ein besonders verhängnisvoller Unfall, da der Pfeil mit diversen Widerhaken versehen war ... "

Die Verwirrung mußte mir im Gesicht gestanden haben, denn ich bemühte mich, mir vorzustellen, um was für eine Art Pfeil es sich exakt handelte und wie er aussah.

"Es ist die tödlichste Art von Pfeilen wie sie von den römischen Hilfstruppen benutzt werden", erklärte Maximus. "Sie sind so konstruiert, daß sie großen Schaden anrichten. Wenn man versucht, sie herauszuziehen, dann zerreißt man lediglich das Fleisch und richtet noch größeren Schaden an ... "

Mich schauderte.

"Die Ärzte mußten ihn durch meinen Oberschenkel hindurchdrücken und riskierten dabei, einen Nerv zu durchtrennen oder eine der großen Arterien zu verletzten ... Um mich vollständig zu erholen brauchte ich viel Zeit ... und Opium ... "

"O, Maximus ... "

"Ist schon gut, Julia ... Es ist alles in Ordnung ... "

Er drückte zärtlich meine Hand und führte sie dann an seine Lippen, während er mir fest in die Augen sah. Und wieder erschauerte ich bei der zarten Berührung seiner warmen, ein wenig feuchten Lippen und dem weichen Kratzen seines Bartes - aber vor allem beim Anblick der Flammen, die in der Tiefe dieser Augen von der Farbe des Ozeans brannten.

"Erst nach dieser Operation konnte ich wirklich verstehen, wie sehr Du mich gehaßt haben mußt ... "

Plötzlich war ich hell wach.

Ihn hassen? Wovon sprach er? Sicher nicht über den Brief. Er hatte ihn einige Tage vor der Schlacht, und bevor er verwundet wurde, erhalten, und es hatte zwei Jahre gedauert, bis ich mir endlich eingestanden hatte, daß er ihn niemals beantworten würde.

"Opium", sagte er und beantwortete damit meine unausgesprochene Frage. "Du mußt mich dafür gehaßt haben, daß ich Dir in jener Nacht habe Opium geben lassen ... Ich  habe selbst die Erfahrung gemacht, als man mir während der Zeit meiner Krankheit wieder und wieder Opium verabreichte ... "

Ich lachte freudlos aber erleichtert und drückte ihm nochmals die Hand.

"Du hast getan, was Du tun mußtest", sagte ich. "Du hast mich beschützt ... "

"Es tut mir leid, Julia. Aber ich hatte nicht die Zeit, mir etwas anderes einfallen zu lassen ... "

Wir schwiegen einen Moment lang, und Maximus streichelte immer noch geistesabwesend die Knöchel meiner Hand, während ich verzweifelt nach einem Thema suchte, um das Gespräch auf weniger unsicheres Terrain zu lenken.

"Wie viele Jahre hast Du in Germanien zugebracht?"

Maximus seufzte.

Noch bevor ich mich selbst für meinen Mangel an Feingefühl verfluchen konnte, fuhr er fort: "Zu viele ... "

Und wieder streichelte sein Daumen meine Knöchel.

"Meine Legion wurde dort stationiert kurz nachdem ich in die Armee eingetreten war ... Germanien war für den Rest meines Lebens mein Hauptquartier, und ich blieb dort Jahr für Jahr bis auf einen gelegentlichen Urlaub und einige offizielle Reisen ... "

"Aber Du bist nie in Rom gewesen ... "

"Nein ... "

Er fügte nicht hinzu " ... erst nachdem man mich erniedrigt und versklavt hatte" - aber die unausgesprochenen Worte lasteten in der Stille, die nun folgte.

"Wie ist Germanien?" versuchte ich es aufs neue.

Nun war es Maximus, der die Stirn runzelte.

"Du bist nach Moesia und zurück gereist, Julia. Du mußt es selbst gesehen haben ... "*3

Ich zuckte die Achseln.

"Kaum ... Beide Male reiste ich in großer Eile ... und beide Male gab es ... anderes, das mich mehr beschäftigte ... "

Maximus' Augen nahmen wieder dieses weiche Blaugrün an, das mich immer an die weit entfernten warmen Gewässer denken ließ, in denen meine Schiffe kreuzten, die ich jedoch nie gesehen hatte. Weit entfernte warme Gewässer, die mit ihm zusammen zu erkunden ich mich so sehnte.

"Im Winter ist es dunkel und bedrohlich", sagte er. "Und kalt. Sehr kalt. Du bist umgeben von Wäldern und bist Dir bewußt, daß der Feind Dich immer beobachtet, bereit, Dich jederzeit aus dem Hinterhalt anzugreifen ... Der Matsch wird zu Eis, und Du frierst in Deinem Zelt, ganz gleich wie viele Kohlebecken Du anzündest oder wie viele Felle Du Dir umhängst ... Mitten in der Nacht wachst Du auf vom Geheul der hungrigen Wölfe ... "

Sein Blick wanderte in die Ferne als betrachte er das kalte, rauhe Land, das für so viele Jahre seine Heimat gewesen, ein schlechter Tausch für das warme, fruchtbare Land, in dem er geboren war.

"Aber im Frühling, wenn das Eis erst mal schmilzt, ändert sich alles. Es wird grün und lebendig, voller Gewässer und Blumen, und die Berge sind von einer faszinierend violetten Farbe ... Es könnte so schön sein, aber mit dem Frühling kommt auch der Krieg zurück ... "

Während er sprach, wurde Maximus' Stimme weich als habe er Germanien unter einem ganz anderen Licht gesehen. Als habe er das Land, das für mehr als die Hälfte seines Lebens seine aufgezwungene Heimat gewesen war, so aus der Ferne betrachtet ganz neu entdeckt. Wenn man ihm zuhörte, war es einfach, sich die wilde Schönheit dieser Ecke des Imperiums vorzustellen, auch wenn sie fortwährend von einem nie enden wollenden Krieg zerrissen wurde. Und es war ebenfalls schwer vorstellbar, daß er lediglich ein harter Krieger war und kein gebildeter Mann, denn seine Worte waren schlicht aber schön für jemanden, der kein Mann der Worte sondern ein Mann der Tat war.

"Wo bist Du noch gewesen?" fragte ich ihn.

 

(*) Castra Regina: Der lateinische Name der deutschen Stadt Regensburg.

____________________________
*1                                                vgl. Julias Tagebuch, Teil 1, Kapitel 9
*2                                                vgl. Julias Tagebuch, Teil 1, Kapitel 5
*3                                                Maximus' Hauptquartier Vindobona war ein römisches Legionslager im heutigen Wien. Moesia war eine römische Provinz und umfaßte große Teile des Gebietes der heutigen Staaten Serbien und Bulgarien. Auf dem Weg von Rom nach Moesia könnte Julia durch das Gebiet, in dem Maximus stationiert war, durchgereist sein.


28.b Die Kindheit eines Kriegers – 180 A.D.

 

"Gallien ... Britannien ... Moesia ... "

"Wie ist es in Britannien?"

"Regen. Matsch. Nebel. Ganz anders als Spanien. Nicht mal wie das Wenige, das ich von Italien gesehen habe. Aber das Getreide ist sehr gut und auch die Trauben ... (**) Und der Bergbau ist wichtig für das Imperium."

"Ich weiß. Meine Schiffe bringen Blei und Kupfer aus Britannien, aber vor allem Getreide und auch Austern aus Rutupiae (***) ... "

Maximus zog seine dunklen Augenbrauen zusammen.

"Es ist schon merkwürdig, aber als ich in Germanien war, habe ich selten darüber nachgedacht. Germanien war einfach der Ort, wo ich stationiert war und meine Pflicht zu tun hatte ... und wo einmal nicht aufzupassen den Tod bedeuten konnte ... Und wenn ich nach Hispanien zurückkehrte, tat ich mein Bestes, nicht daran zu denken ... aber als ich in Afrika war, ertappte ich mich dabei, wie ich immer wieder an Germanien dachte ..."

Mein Herz hörte für einen Moment auf zu schlagen.

Er sprach weiter.

Und in seiner Stimme waren weder Bitterkeit noch Groll.

Nicht einmal Traurigkeit.

Nur Nachdenklichkeit und vielleicht auch Ratlosigkeit.

"Vielleicht lag es daran, daß Afrika so anders ist als Germanien ... Die Sonne brennt erbarmungslos, und überall ist Staub ... Es gibt nur wenig Bäume und kaum Grün ... Wenig Wasser aber viel Lärm und Fliegen ... Die Berge sind rot statt violett ... "

 
Der Schmetterling schraubte sich wieder in die Luft hinauf und tanzte seinen taumelnden Tanz unmittelbar über Maximus' Kopf, als habe dieses Geschöpf des Himmels den auf dem Bett liegenden Mann ausgiebig aber ohne jedes Geräusch betrachtet. Einen Augenblick lang folgten Maximus’ Augen den Bewegungen des Schmetterlings, dann blinzelte er wie ein Mann, der eben aus tiefem Schlaf erwacht war und grinste mich an.

"Wie machst Du das, Julia?"

"Wie mache ich was?"

"Mich zum Reden zu bringen."

Plötzlich fühlte sich meine Kehle ganz trocken an.

"Ich bin nicht gut im Umgang mit Wörtern ... ", fuhr er fort. "Ich bin nicht daran gewöhnt, über mich zu sprechen, aber ... wenn ich mit Dir zusammen bin, spreche ich irgendwie immer über mich und ... irgendwie scheint es mir auch ganz richtig zu sein ... Ich habe während der letzten paar Tage mehr über mich gesprochen als in all den letzten Jahren ...

"Es tut mir leid ... " stotterte ich. "Ich wollte mich nicht in Deine privaten Dinge drängen ... "

Maximus' Lächeln wurde wärmer, und er küßte wieder die Knöchel meiner Hand, wobei seine warmen Lippen ein wenig länger als nötig verweilten. Wie üblich liefen mir kleine Schauer über den Rücken, und ich wußte, daß sein Blick, eine Berührung seiner Lippen, seiner Hände mich immer würden erschauern lassen - selbst wenn ich mein ganzes Leben an seiner Seite verbringen sollte.

"Schhh, Julia. Ist schon gut. Ich sagte doch, wie gut und richtig es ist, mit Dir zu sprechen ... "

Mir stiegen Tränen in die Augen, und ich erwiderte sein Lächeln ein wenig unsicher, denn das Eingeständnis war so schlicht, so natürlich, so offen ... Ein Mann, der Manns genug war, zu seinen Gefühlen zu stehen.

"Es gab nur einen anderen Menschen, der mich ebenfalls dazu bringen konnte, über mich selbst zu sprechen. ... "

Ich vergaß beinahe zu atmen.

Einen anderen Menschen?

Wen?

Maximus' Blick hatte wieder diesen träumerischen Ausdruck angenommen, als schaue er in sein Innerstes hinein. Oder vielleicht blickte er auch zurück.

Und ich machte mich darauf gefaßt, meine Hochstimmung zerschmettert zu sehen, sollte er jetzt Olivias Namen nennen.

Oder was noch schlimmer wäre - Lucillas.

Maximus seufzte.

Ich hielt weiter den Atem an und kaute auf meiner Unterlippe.

"Marcus Aurelius."

Ich atmete erleichtert aus.

Und während ich dies tat, bat ich Olivia im Stillen um Verzeihung für meinen Anfall von Eifersucht. Olivia - nicht Lucilla.

"Er schaffte es genauso, mich zum Reden zu bringen ... Es passierte einfach ... Ich  ... Ich unterhielt mich gern mit ihm ... Es fühlte sich immer so richtig an, Markus alles zu erzählen, was mir gerade durch den Kopf ging ... "

"Er hat sich auch gern mit Dir unterhalten ... "

Jetzt war es Maximus, der plötzlich hellwach war.

"Das hat er mir in jener Nacht in Moesia gesagt ... "

Maximus preßte die Lippen fest aufeinander aber nicht schnell genug - so entging es mir nicht, daß sie leicht bebten.

Ich tat so, als habe ich dieses heftige Aufwallen der Gefühle nicht bemerkt, und fuhr fort.

"Auch ich hab mich gern mit dem Imperator unterhalten ... Du hast recht. Er hatte so eine Art, daß Du Dich in seiner Gegenwart wohlgefühlt hast ... selbst wenn die Umstände nicht eben ... angenehm waren ... "

 

Vor meinem inneren Auge sah ich wieder die hochgewachsene, bärtige, königliche Gestalt, gekleidet in Purpur und Gold, sein langes wallendes Haar umgab seine patrizischen Züge wie ein Heiligenschein im matten Licht des Zeltes, das noch bis vor kurzem das meines Herrn gewesen war. Ich sah den vorzeitig gealterten, mitfühlenden Mann, der die Last der Welt auf seinen Schultern trug, der Lesen, Schreiben und Philosophie liebte und der auch den Sohn eines einfachen spanischen Bauern liebte als sei jener sein eigener. Den Mann, der einer achtzehn Jahre alten Sklavin und Hure ihre Freiheit geschenkt und sie unbeabsichtigt zu seiner Vertrauten für eine Nacht gemacht hatte ....

"Als mich die Prätorianer zu ihm brachten", sagte ich, "da hatte ich furchtbare Angst ... Er war der Imperator, und ich war eine Sklavin, die gerade ihren Herrn getötet hatte ... Aber er war freundlich zu mir .... "

Vor meinem inneren Auge sah ich, wie Markus Aurelius das stotternde, ängstliche Mädchen, das ich war, freundlich anlächelte, seine fröhlichen blauen Augen waren voller Verständnis und Mitgefühl. Und die Woge der Zuneigung und Wärme, die ich damals für den müden, weisen und mitfühlenden Mann empfunden hatte, welcher der Herrscher des römischen Imperiums war, schlug erneut mit Macht über mir zusammen.

"Er war freundlich zu mir ... ", wiederholte ich. "Freundlich und fürsorglich ... er erzählte mir von Dir."

Maximus blickte mich mit jetzt weit geöffneten Augen an.

"Der Imperator erzählte mir, wie Ihr Euch in Hispanien begegnet ward und dann immer wieder im Laufe der Jahre, und wie stolz er über Deinen Aufstieg in der Armee war ... "

Ich konnte den Kloß fühlen, der sich in Maximus' Kehle bildete, und nur mit Mühe gelang es mir, jenen in meinem eigenen Hals herunterzuschlucken und weiterzusprechen.

"Und er sagte, daß ... er lieber seinen Thron verlieren würde als Dich zu verlieren ... "

Markus Aurelius Antoninus Augustus.

Der Mann, der Maximus zum einzig möglichen Erben seines Vermächtnisses von Größe und Mitgefühl erwählt hatte ....

Und beide waren sie von seinem eigenen Blut verraten worden.

 

Maximus schluckte krampfhaft und zerdrückte beinahe meine Hand mit der seinen, während er die Augen schloß und tief durchatmete, sichtlich darum bemüht, die Kontrolle über sich selbst und über die Gefühle, die ihn übermannt hatten, zurück zu erlangen. Er tat mir weh, aber ich versuchte nicht, ihm meine Hand zu entziehen. Statt dessen erwiderte ich seinen Händedruck mit aller Kraft, derer ich fähig war, denn ich wußte, was es bedeutet, das Gefühl zu haben zu ertrinken und blindlings nach der zugeworfenen Rettungsleine zu greifen.

"Ich brauchte Jahre, um es zu verstehen ... ", sagte Maximus, und seine gewöhnlich tiefe und kräftige Stimme war plötzlich rauh und dünn, voller Emotion. "Ich brauchte Jahre, um zu verstehen, daß ich nicht nur einfach in die Armee aufgenommen und dort aufgestiegen war wie so viele andere junge Männer, sondern daß ich zu etwas Besonderem herangezogen worden war ... und es war der Imperator, der hinter all dem stand ... Er war es immer gewesen ... "

Ich wollte ihm den Trost und die Wärme geben, die er so sehr brauchte, aber ich wußte nicht wie, daher streichelte ich einfach nur mit meiner freien Hand seine bärtige Wange.

Maximus erzählte weiter und drückte dabei immer noch schmerzlich meine Finger.

"Nicht mal als ich von dem Senator adoptiert wurde, verstand ich es ... Erst in jener letzten Nacht in Markus' Zelt ... Erst in jener Nacht verstand ich es ganz ... "

Wir verharrten so für einen Moment, und die Zeit schien stillzustehen, die Stille nur unterbrochen von den entfernten Geräuschen , die vom Garten heraufdrangen. Auf dem Kopfkissen, neben Maximus' Kopf, bewegte das goldbraune Pfauenauge sachte seine getupften Flügel.

Ganz langsam entspannte Maximus sich und drückte nicht länger schmerzhaft meine Finger. Dann öffnete er seine Augen, und ich konnte Bände darin lesen.

Ohne ein Wort drehte er den Kopf zu mir und küßte meine Handfläche.

Ohne ein Wort führte ich seine Knöchel an meine Lippen.

"Ich spreche auch nicht viel über mich", flüsterte ich, während ich unsere ineinander verschlungenen Finger an meine Brust legte und gegen meinen Körper drückte. "Nicht mal mit Apollinarius. Nicht, daß er kein Verständnis hätte, aber ... "

Maximus legte den Kopf schief, um mich besser ansehen zu können.

Ich beugte den meinen, so daß mir das Haar ins Gesicht fiel und es vor seinem Blick verbarg. Mein rotgoldenes Haar glich einem Schleier und diente mir als eine Art Schutzschild so wie alle Schleier es zu tun pflegen.

"Ich kann immer mit ihm reden ... Aber mit Dir ist es anders, Maximus. Wenn ich mit Dir rede, dann habe ich das Gefühl, als ließe ich die Vergangenheit wirklich hinter mir ... "

Ich hob den Kopf und sah, daß Maximus seine blaugrünen Augen fest auf mich geheftet hatte.

"Danke, Liebster", flüsterte ich. "Danke, daß Du mir immer wieder aufs Neue die Freiheit schenkst ... "

Ich konnte nicht anders ... also senkte ich den Kopf und berührte zärtlich seinen feingeschwungenen Mund mit meinen Lippen, aber bevor er den Kuß erwidern oder mich in die Arme nehmen konnte, erhob ich mich schon wieder.

Maximus ließ mich gewähren, dann streckte er die Hand aus und ergriff eine meiner rotgoldenen Locken. Er schien sie einen Augenblick lang zu betrachten, dann wickelte er sie um seinen kräftigen Zeigefinger.

"Weißt Du, Julia, daß Du genau wie eine Sirene aussiehst - wie Du hier so sitzt", sagte er, und sein Lächeln war immer noch etwas unsicher aber voll Sonnenschein und Wärme.

Bei seinen Worten blickte ich an mir herab, errötete und mußte unwillkürlich kichern.

Er hatte recht.

Wie ich so nackt mit untergeschlagenen Beinen und offen über meine Brüste fallenden Haaren dasaß, sah ich wirklich aus wie eine jener sagenhaften, auf Felsen hockenden Kreaturen.

"Und wo bist Du schon gewesen, schöne Meerjungfrau?"

Ich blickte ihn fragend an.

"Dein Brief", fuhr Maximus fort. "In Deinem Brief stand, Du würdest eine Reise planen ... "

"O ... "

 

Als er abermals den Inhalt meines Briefes erwähnte und damit offenbarte, wie frisch die Erinnerung daran bei ihm immer noch war, auch nachdem so viel Zeit verstrichen und er ihn nicht beantwortet hatte, da senkte ich wieder den Kopf, denn ich wollte ihn die neuerliche Woge eines heftigen Gefühls nicht sehen lassen. Und ich fragte mich unwillkürlich, was dieser Brief - abgesehen von dem Ärger mit Olivia - wirklich in seinem Leben bewirkt hatte. Hatte er ein wenig Wärme und Zärtlichkeit in sein einsames Soldatenleben gebracht? Hatte er Erinnerungen zurückgebracht, die er so wie ich im Geheimen bewahrt hatte? Hatte unsere kurze Begegnung mehr für ihn bedeutet, als er zuzugeben gewagt hatte? Vielleicht sogar mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte?

"O," wiederholte ich und riß mich von meinen Träumereien los. "Nein, eigentlich nicht. Bis auf die Reise nach Moesia hab ich nicht viel von der Welt gesehen. Einmal bin ich in Bauli gewesen und einige Male zusammen mit Apollinarius in der Campania. Und einmal war ich geschäftlich in Naepolis*1, aber mein Leben spielt sich hauptsächlich in Rom und Ostia ab."

"Warum in der Campania?"

"Apollinarius hat dort einen Bauernhof ... "

Maximus blickte mich zweifelnd an.

"Wirklich?" fragte er. "Dein Freund sieht nicht wie jemand aus, der einen Bauernhof hat ... "

"Aber er hat einen schönen Hof, und er genießt es sehr, dort zu sein", antwortete ich, und meine Antwort klang in meinen eigenen Ohren ein bißchen zu scharf. "Nun, er kümmert sich nicht selbst um die anfallenden Arbeiten, aber es ist ruhig dort, und von Zeit zu Zeit genießt er das Leben auf dem Land. Apollinarius verbringt jedes Jahr seinen Geburtstag dort, und ich begleite ihn ... Ich mag den Bauernhof auch ... "

"Er ist Dir sehr wichtig, nicht wahr?"

Ich nickte.

"Keiner könnte einen besseren Freund haben. Er hat mir Bildung vermittelt, und er hat sich um mich gekümmert, und er ist immer da, wenn ich ihn brauche."

Maximus schien einen Moment lang über meine Worte nachzudenken.

"Du denkst also, daß Du ihm trauen kannst?"

Und wieder nickte ich.

"Dann bin ich glücklich, daß Du ihn hast ... "

"Du kannst ihm auch trauen, Maximus ... "

Er lächelte, sagte aber nichts.

"Das ist wahr ... " drängte ich ihn. Auch wenn ich wußte, daß der Abgrund, der die beiden wichtigsten Männer in meinem Leben trennte, weitgehend geschlossen war, hatte ich dennoch das Gefühl, daß da immer noch etwas nicht stimmte, und ich spürte das Bedürfnis, sie näher zu einander zu bringen.

"Dann ist es ja gut zu wissen, daß es jemand gibt, dem wie beide vertrauen können ... "

 

Wieder herrschte Schweigen zwischen uns. Das rosige Licht der Morgenröte war bereits zum perlmuttfarbigen Glanz eines perfekten Sommermorgens verblaßt. Licht strömte durch den Türbogen, der das Zimmer mit der Terrasse verband, und die durchscheinenden Bettvorhänge bildeten nicht länger einen Kokon sondern schienen sich in Schaum verwandelt zu haben. Ich mußte wieder an die Sirene in dem griechischen Lied denken, die Sirene, die sich in den gutaussehenden Seemann verliebt hatte, welchen sie aus dem Wrack seines Schiffes gerettet und durch den Meeresschaum hindurch in Sicherheit gebracht hatte ...

"Julia?"

Maximus' Stimme brachte mich in die Wirklichkeit zurück.

"Willst Du mir nicht diesen außergewöhnlichen Stall zeigen, den Du Dein eigen nennst?"

Ich lachte.

"Ja, und auch den ganzen Hof. Der Weg dorthin ist ideal für einen gemächlichen Ausritt ... "

Maximus sah mich zweifelnd an.

"Einen gemächlichen Ausritt? Ich dachte, daß Du 'keine lahme, langsame Stute sondern einen großen und ziemlich lebhaften Wallach reitest'  *2... " neckte er mich.

Unbewußt straffte ich den Rücken und setzte mich aufrecht hin.

"Ist das eine Herausforderung, General?"

Maximus grinste mich an.

"Warum nicht, meine Dame?"

Ich spürte wie sich mein eigenes Lächeln ebenfalls in ein herausforderndes Grinsen verwandelte. Gegen Apollinarius zu wetten machte Spaß, aber wenn es um Pferde ging, war er kein ebenbürtiger Partner. Maximus indessen war der geborene Reiter.

"Dann", sagte ich und betonte dabei sorgfältig jedes einzelne Wort, "werden wir einen gemächlichen Ausritt zur Farm machen und dann auf der Straße, die am Meer entlang führt zurückkehren ... "

"Und?"

"Und sehen, was ich tun kann, um Deine Zweifel an meinen Qualitäten als Reiterin zu zerstreuen ... "

Wir lachten gemeinsam, aber das Glitzern in seinen Augen warnte mich, daß ich im Sattel besser mein Bestes geben sollte, denn Maximus würde mich nicht einfach gewinnen lassen, nur weil ich eine Frau war. Nicht daß ich das gewollt hätte. Im Gegenteil ... ich wünschte mir das berauschende Gefühl, das einen bis ins Innerste durchdringt, wenn man in vollem Galopp durch die Brandung reitet.

Maximus warf durch den hauchdünnen Stoff der Vorhänge einen kurzen Blick auf den Himmel.

"Es wird ein heißer Tag heute", bemerkte er.

"Ja, wir sollten aufbrechen, wenn wir auf dem Hof noch vor der schlimmsten Mittagshitze ankommen wollen ... "

Aber keiner von uns rührte sich, weil wir beide noch nicht bereit waren, die warme Zufluchtsstätte unseres Himmelbettes zu verlassen.

"Maximus, möchtest Du gern Fischen gehen?"

Er blinzelte mich an.

"Am Teich?"

Ich brach in ein nervöses Kichern aus.

"Nein, nicht am Teich! Die armen Fische da sind so fett und langsam, daß sie gegen einen Mann wie Dich keine Chance haben. Aber hinter dem Bauernhof fließt ein kleiner Bach vorbei, und ich habe gehört, daß man dort gut Fischen kann ... Die Kinder der Arbeiter gehen immer dort hin, um Fische zu fangen ... Es fiel mir nur gerade ein, daß Du eventuell auch gern da hin gehen würdest ... "

Maximus lächelte.

"Falls Du nicht unbedingt Fisch essen willst und Deinem Koch selbiger gerade auszugehen droht, dann würde ich den Fang lieber den Kindern überlassen ... "

Ich lachte wieder, aber diesmal ohne einen Anflug von Nervosität. "Ich liebe Fisch, daher geht meinem Koch der Vorrat an Fischen niemals aus. Außerdem gibt es einen großen Fischmarkt in Ostia."

"Gut", sagte er und schenkte mir dabei sein schönstes Lächeln. "Es macht mir nichts aus, Fisch für Dich zu fangen, wenn Du Hunger hast, aber noch lieber würde ich Dir eine weitere Schwimmstunde erteilen ...."

Allein beim Gedanken an seine Schwimmstunden lief mir ein Schauer der Erregung über die Haut.

Ich kann mich schon auf dem Wasser treiben lassen ... ", platzte ich heraus.

Maximus’ Lächeln verwandelte sich in ein freches Grinsen.

"Das hast Du selbst gesagt!" protestierte ich, obwohl ich gar nicht wußte, wogegen ich eigentlich protestierte.

Maximus strich mir mit der Hand über den nackten Arm, und statt eines Schauers schien diesmal mein Körper in hellen Flammen aufzugehen.

"Habe ich das?" fragte er und liebkoste dabei weiter meine Haut - diesmal nicht geistesabwesend sondern in vollem Bewußtsein dessen, was er tat und warum er es tat. "Nun, vielleicht kannst Du dich wirklich schon auf dem Wasser treiben lassen, aber es liegt noch eine Menge harter Arbeit vor Dir, bevor Du ordentlich schwimmen kannst ... "

 

Er schaute zu mir auf, und beim Anblick des aquamarinblauen Feuers in seinen Augen vergaß ich alles, was ich hatte sagen wollen.

"Es wird ein heißer Tag", wiederholte er und seine schwieligen Fingerkuppen spielten dabei mit der sensiblen Haut meines Handgelenkes. "Wir sollten jetzt wirklich gehen ... "

"Ja ...", konnte ich gerade noch herausbringen, bevor ich mich erhob.

Maximus' Finger schlossen sich um meinen Arm.

"Komm her ... ", flüsterte er.

Und ich fand mich auf seiner breiten warmen Brust liegend wieder.

Erschreckt und empört schwang sich der Schmetterling wieder hinauf in den Schutz des Betthimmels.

Wir waren viel zu sehr mit einander beschäftigt, um ihn zu beachten.

"Komm her ... ", wiederholte er.

Und ich versank in den blaugrünen Tiefen seiner Augen.

 

(**) Im 2.Jh.n.Chr. war das Wetter in Europa milder als heute. Die Chroniken über die Eroberung Britanniens durch Julius Caesar und römische Kaiser wie Claudius und Septimius Severus beschreiben das Land als fruchtbar, und die Ernten waren so reich, daß der Weizen Britanniens als "der beste nach dem ägyptischen" bezeichnet wurde. Aber im 11.Jh. erschütterte ein gewaltiger Klimawechsel den Kontinent, die Winter wurden kälter, und entsprechend veränderten sich auch die anderen Bedingungen.

(***) Rutupiae: Lateinischer Name der englischen Stadt Richborough. 
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*1    Napoli

*2    Julias Tagebuch, Teil 2, Kapitel 23a

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