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28.a Die Kindheit eines
Kriegers – 180 A.D.
Mit einem Seufzer drehte
Maximus sich auf den Rücken. Das Spiel seiner Muskeln und seine straffe,
leicht feuchte, gebräunte Haut bot einen herrlichen Anblick. Er legte den
Kopf auf das Kissen - einen Arm quer über der Stirn - und schwieg einen
Moment lang.
"Ich habe auch nie
Spielzeug gehabt", wiederholte er. "Meine Eltern waren nicht reich aber auch
nicht so arm, daß wir uns das nicht hätten leisten können ... Wir waren
Bauern, und auf einem Bauernhof gibt es immer so viel zu tun ... Mein Vater
hatte einige Arbeiter, aber jeder mußte seinen Teil beitragen ... "
Während er sprach,
runzelte Maximus die Stirn, seine dunklen Augenbrauen waren so
zusammengezogen, daß sie sich beinahe berührten - ein Mann versunken in
seine Gedanken. Und vermutlich zum erstenmal seit vielen Jahren sprach der
Junge, der er einmal gewesen war, aus ihm.
Geräuschlos stützte ich
mich auf meinen Ellbogen, um sein attraktives Gesicht besser sehen zu
können.
"Wir standen im
Morgengrauen auf, und mein Vater ging hinaus aufs Feld, während mein Bruder
und ich unserer Mutter halfen, den Küchengarten zu jäten und die Tiere zu
füttern ... Ich war der Älteste und somit verantwortlich sowohl für meine
eigene als auch für Julius' Arbeit ... "
Seine Stimme war weich und gleichzeitig fest, kontrolliert, aber unter der
Oberfläche schwang ein Anflug intensiver Gemütsbewegung mit - wie eine
starke Strömung die Tiefen eines ansonsten ruhigen Sees bewegt.
"Zu der Zeit, als das Feuer ausbrach, hatte ich bereits begonnen, mit meinem
Vater zusammen aufs Feld zu gehen ... Ein Jahr zuvor hatte er mir
beigebracht, mein Pony ordentlich zu versorgen ... Ich war auf beides sehr
stolz ... "
Es war nicht schwer zu sehen, daß Maximus, während er sprach, sich selbst
vor seinem inneren Auge sah so wie ich, als ich ihm von einer anderen
Kindheit ohne Spielzeug erzählt hatte. Und es war auch nicht schwer, ihn mir
vor meinem inneren Auge vorzustellen. Ihn als den Jungen zu sehen,
der er gewesen war, groß für sein Alter, stark, klug, lebenssprühend aber
gleichzeitig ernst, ein älterer Bruder, der stolz war sowohl auf das, was er
erreicht hatte, als auch auf das, wofür er Verantwortung trug.
"Wir hatten kein Spielzeug und auch nicht viel Zeit zum Spielen, denn es gab
nicht nur viel Arbeit, sondern wir mußten auch noch unsere Lektionen lernen
... Meine Mutter lehrte Julius und mich das Lesen, Schreiben und Rechnen ...
"
"Hast Du gern gelernt?" unterbrach ich ihn, denn ich konnte mich einfach
nicht zurückhalten.
Maximus zuckte die Achseln.
"Ich lernte schnell. Es war in erster Linie die Armee, die für meine Bildung
sorgte ...
Mein Bruder war derjenige, der das Lernen liebte. Ich erinnere mich, daß ...
"
Maximus schloß die Augen, seine dunklen Wimpern waren außergewöhnlich lang
und so dicht, daß jede Frau neidisch geworden wäre.
"Marcia ... ", sagte er leise.
Ich blinzelte.
Er schwieg.
"Maximus?"
"Marcia", wiederholte er, ohne die Augen zu öffnen. "Der Name meiner Mutter
war Marcia ..."
Die Art, wie der Name über seine Lippen kam, ließ keinen Zweifel daran, wie
sehr er sie geliebt und wie sehr er sie vermißt hatte. Hatte er in der
Dunkelheit seine Arme fest um sich geschlungen und sich eingeredet, es sei
seine Mutter, die ihn umarmte - so wie ich es getan hatte?
"Wir hatten kein Spielzeug
und auch nicht viel Zeit zum Spielen", sagte er leise, die Augen noch immer
geschlossen, " aber wir hatten andere Möglichkeiten, uns zu vergnügen ... "
Er schwieg einen Moment
lang, während er die Gedanken und Erinnerungen ordnete, die jetzt über sein
Gedächtnis hereinbrachen. Wie lange war es her, daß er das letztemal Zeit
und Gelegenheit gehabt hatte, auf seine Kindheit zurückzublicken? So lange
wie er ohne eine Spur von Liebe und Zärtlichkeit hatte leben müssen? Oder
vielleicht noch länger? Hatte er die Erinnerungen an seine Kindheit bewußt
verdrängt und sie in einem Winkel seines Herzens weggeschlossen, weil er
ihre Wärme und Schönheit nicht ertragen konnte, nachdem er durch jenen Brand
alles verloren hatte, was er besaß und was er liebte?
Hatte er dasselbe getan,
als Verrat und Versklavung ihm alles genommen hatten, was ihm als
Erwachsenem ans Herz gewachsen war, alles, was er sich erarbeitet hatte, was
er geworden war? Würde er seine Erinnerungen an mich auch in so einem Winkel
wegschließen, nachdem man ihn erst einmal nach Rom zurückgebracht haben
würde - zu der Gefahr und Brutalität, die ihn dort erwarteten?
"Das Leben in der Provinz
ist ganz anders", fuhr Maximus fort, und im Stillen war ich ihm dankbar, daß
er mich aus meinen düsteren Gedanken riß. "Sehr viel anders ... einfacher
... Wir rannten und schwammen und rangen, wir hatten unsere Hunde und Ponys
... Wir gingen fischen ... Ich liebte es, fischen zu gehen ... Einmal nahm
mein Vater mich mit zur Jagd. Ich war sehr stolz darauf, aber es hat mir
nicht wirklich Freude gemacht. Fischen war irgendwie anders ... friedlich
... "
Maximus schwieg wieder.
Seine Brust hob und senkte sich unter seinen regelmäßigen Atemzügen. Er
wirkte ruhig und entspannt, es schien ihm gut zu gehen, aber ich konnte den
Hauch einer Andeutung jener Emotionen sehen, die seine Erinnerungen
hervorgerufen hatten. Seine geschlossenen Augenlider zitterten leicht, sein
Mund hatte jede Spur von Weichheit verloren, und der entschlossene Zug um
sein Kinn hatte sich noch verstärkt. Und während er schwieg, sah ich, wie
die Muskeln an seinem gebräunten Hals arbeiteten, als er sich bemühte, den
Kloß, der dort saß, herunterzuschlucken.
Ohne mir bewußt zu sein,
was ich tat, setzte ich mich wortlos auf und legte eine Hand auf seine
nackte Schulter. Maximus öffnete die Augen, und nun war ich es, die beim
Anblick dieser herrlichen aquamarinblauen Augen, in denen sich jetzt seine
Gefühle offen und ohne die sonst für ihn typische Selbstbeherrschung
widerspiegelten, den Kloß im Hals 'runterschlucken mußte.
"Wenn die Zeit kam, das,
was wir erwirtschaftet hatten, zu verkaufen, dann nahmen unsere Eltern uns
mit auf den Markt in unserer Gegend, und dort spielten wir dann mit den
Jungen von den benachbarten Höfen ... Und alles endete immer in einer
spielerischen Schlacht ..."
Seine Worte erstarben,
während ein melancholisches Lächeln um seine Lippen spielte.
"Du warst ein glückliches
Kind ...", versuchte ich, ihn zum Weitersprechen zu bewegen.
Maximus runzelte die Stirn
und schien über meine Worte nachzudenken. Dann nahm er den Arm von seiner
Stirn und ergriff meine Hand, rieb sanft mit seinem Daumen über meine
Knöchel.
"Ja, sagte er", und seine
tiefe Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Ich war ein glückliches
Kind..." Aus dem Augenwinkel nahm ich eine leichte Bewegung wahr und drehte
mich rechtzeitig genug um: der Schmetterling segelte in einer majestätischen
Bewegung aus dem Betthimmel herab, anscheinend angezogen von dieser
Erzählung über ein weiteres Kind, das gezwungen gewesen war, zu schnell
erwachsen zu werden.
"Dann kam das Feuer, und alles änderte sich ... Nie wieder fühlte ich mich
als Junge sondern ich war jetzt ein Mann..."
"Aber Du warst nur acht Jahre alt!" platzte ich heraus und merkte zu spät,
wie dumm das klang. Im gleichen Alter hatte ich Dinge gesehen, gehört und
erfahren, von denen so manche erwachsene Frau nicht mal die Spur einer
Vorstellung hat. Maximus hatte recht. Ein Kind zu sein ist keine Frage des
Alters sondern eine der Unschuld, und wir hatten unsere Unschuld zu früh
verloren - ich durch die Prostitution und er durch eine Tragödie.
Ich war als Sklavin und er
war frei geboren worden. Ich wuchs in einer luxuriösen Villa auf, die nichts
anderes war als ein privates Bordell, während er auf einem Bauernhof im weit
entfernten Hispanien aufgewachsen war. Ich war von Kindheit an dazu bestimmt
gewesen, eine Hure zu sein, und er ein hart arbeitender Bauer so wie sein
Vater und Großvater es gewesen waren. Man hatte uns beiden Pflichten
aufgebürdet, die zu schwer für ein Kind waren - mir hatte man beigebracht,
Männer zu befriedigen und ihm, dafür zu sorgen, daß Essen auf den Tisch kam.
Und beide waren wir dem entronnen, was schien, unser besiegeltes Schicksal
gewesen zu sein - aus mir war die Dame Julia Servilia geworden und aus ihm
General Maximus. Zwei Leben, die so unterschiedlich zu sein schienen, die
sich jedoch so sehr glichen - unabhängig von Geschlecht, Stellung und
Lebensumständen. Zwei Leben, die so unterschiedlich zu sein schienen, die
sich jedoch so sehr glichen, daß es geradezu unheimlich war.
"Auf dem Hof meines
Großonkels war alles ganz anders ... Es gab noch mehr Arbeit, denn sein Land
war nicht so fruchtbar wie unseres, aber dafür galt es viele hungrige Mäuler
zu stopfen..."
Maximus blinzelte, als
wolle er unerwünschte Erinnerungen vertreiben und vielleicht besonders jene
an das Zwischenspiel seines Exils. Man hatte ihn weggeholt von der warmen,
fruchtbaren Erde, wo er geboren war, um in einer anderen, weit entfernten
Ecke Hispaniens bei ebenso entfernten Verwandten großgezogen zu werden. Das
Schicksal hatte ihm seine liebevolle Familie genommen und ihn zu einer
anderen geschickt - einer Familie, die wenig Essen und noch weniger Zeit für
einen einsamen Waisenjungen übrig hatte.
"Mit vierzehn Jahren trat
ich in die Armee ein, und das war es dann ... "
Maximus runzelte wieder
die Stirn und fuhr fort, während er geistesabwesend über die Knöchel seiner
Hand rieb.
"Es war da ganz ähnlich
wie auf dem Bauernhof. Es gab immer so viel zu tun ... Die Armee ist kein
Platz zum Faulenzen. Meine erste Aufgabe war es, die Ställe auszumisten ...
Das ist harte Arbeit. Alle Knochen tun einem weh und es stinkt ... "
Impulsiv verzog ich das
Gesicht.
"... aber ideal, um einen
Jungen zu lehren, wo sein Platz in dieser Welt ist ... Wenn Dein
Stallmeister so klug ist, wie Du gesagt hast, dann sollte unser junger
Freund Simacus inzwischen schon einige Karren mit Mist vollgeschaufelt haben
... "
Ich mußte lächeln, und er
lächelte zurück. Ich fühlte, wie mir das Herz beim Anblick dieser schlichten
Geste weit wurde, die nie ihre Wirkung auf mich verfehlte, und die mich den
lebhaften Jungen erahnen ließ, der immer noch in dem harten Soldaten und
Gladiator lebte. Den lebhaften Jungen, der so sehr dem Jungen in dem Fluß
aus meinem Traum glich.
"Hast Du viele
Karren mit Mist vollgeschaufelt?"
Maximus lachte vor sich
hin.
"So einige. Ich hatte jede
Menge Praxis im Ausmisten von Ställen, daher wurde ich schon bald zu einer
anderen, wichtigeren Aufgabe befördert ... "
Ich zog fragend eine
Augenbraue hoch.
"Zum Polieren von Waffen
und Rüstungen ... Das ging wirklich über die Knochen ... "
Nun mußte ich lachen, und
Maximus drückte zärtlich meine Hand.
"Dann begann ich mein
Training als Soldat ... "
"Wie alt warst Du, als Du
zum erstenmal in die Schlacht zogst?"
"Zwanzig ... und ich wurde
verwundet."
"Hattest Du Angst?"
Maximus schien über die
Frage nachzudenken, während er den anderen Arm anwinkelte und ihn sich unter
den Kopf schob.
"Nein, aber die Umstände
waren anders als bei den meisten Soldaten, wenn sie zum erstenmal kämpften
..."
Ich runzelte die Stirn,
weil ich nicht verstand, was er meinte, aber bevor ich noch fragen konnte,
fuhr Maximus fort, "Ich hatte schon zuvor Kampferfahrung gesammelt. Gegen
einen echten Feind zu kämpfen war nicht neu für mich ... "
Der bewußt neutral
gehaltene Ton seiner Stimme sagte mir, daß er, als er die erste seiner
vielen Schlachten schlug, bereits wußte, wie es ist, einen Menschen zu
töten. Wie absurd einfach es sein kann, wenn es das Richtige ist, man es zur
rechten Zeit tut, und wenn man keine andere Wahl hat.
Schweigen breitete sich
zwischen uns aus. Wieder war es dieses vertraute Schweigen, das mir ebenso
lieb und teuer geworden war wie Maximus' offene, freimütige Offenbarungen.
Während er weiter gedankenverloren mit seinem Daumen über meine
Fingerknöchel strich, sehnte ich mich danach, seine nackte, gebräunte Haut
zu streicheln, hielt mich jedoch zurück, weil ich ihn nicht aus seinen
Gedanken und fernen Erinnerungen reißen wollte. Statt dessen streichelte ich
ihn mit den Augen. Und dabei fiel mein Blick auf seinen rechten
Oberschenkel. Da er das Bein leicht angewinkelt hatte, konnte man die Narbe,
die ich entdeckt hatte, während er auf der Couch meines Wohnzimmers seinen
Rausch ausschlief, deutlich sehen.
Ich beugte mich vor und
zeichnete mit dem Finger die Linie der alten Wunde nach. Maximus ließ es zu
und rührte sich nicht, aber ich konnte spüren, wie sein Blick auf mich
geheftet war.
"Tut das weh?" fragte ich,
während meine Fingerkuppe noch immer auf seinem warmen Fleisch ruhte.
"Nein, nicht mehr."
"Aber es hat wehgetan ...
"
"Ja, sehr."
Wieder fuhr ich über die
deutlich sichtbare Narbe.
"Es war eine schlimme
Verwundung, nicht wahr?"
"Eine sehr schlimme. Sie
hat mich beinahe das Leben gekostet ... "
Ich schnappte nach Luft
und blickte ihm in die Augen.
" ... und sie war einer
der Gründe, warum ich Deinen Brief nicht beantwortet habe."
"Maximus ... "
"Der Krieg wütete wieder
in Germanien", unterbrach er mich. "Die germanischen Stämme hatten seit
Monaten römische Siedlungen angegriffen, niedergebrannt und geplündert,
römische Bürger getötet ... Ich wußte, daß sie ihr Glück bei einer größeren
Niederlassung versuchen würden und ich wettete darauf, daß es diesmal Castra
Regina (*) sein würde ... "
Maximus blickte hinauf in
den Betthimmel und starrte ihn einen Moment lang an, bevor er weitersprach.
Aber ich hatte mich
geirrt, und sie zogen nach Vindobona, wo sich mein Lager befand ... Auch
meine Familie war dort. Ich kehrte gerade noch rechtzeitig zurück, um die
Zivilisten zu evakuieren und die Schlacht vorzubereiten ... Es war eine
blutige Schlacht ... Ich verlor viele Männer ... und war dem eigenen Tod
niemals näher ... "
Er sprach so ohne jede
Emotion, daß es keinen Zweifel daran geben konnte, wie schwer der ganze
Vorfall noch immer auf ihm lastete und warum. Es war nicht seine kurze
Berührung mit dem Tod, die ihn belastete, sondern was aus seiner Familie
geworden wäre, aus seinen Männern und den Menschen in seiner Obhut, wenn er
im Kampf versagt hätte.
"Wir kämpften, um unsere
Stellung zu behaupten, bis Verstärkung eintreffen würde. Einer Gruppe
Germanen gelang es, mich und einige Soldaten vom Hauptteil der Armee
abzuschneiden ... "
Maximus wandte die Augen
vom Betthimmel ab und blickte mich fest an. Und alle Gefühle, die seine
Stimme mit nichts verriet, brannten in diesen Augen.
"Sie sind furchterregende
Gegner. Der Kampf liegt ihnen im Blut, und sie haben den Vorteil ihrer Größe
... Wenn sich die Stämme jemals dauerhafter als in ihren bisher immer
kurzlebigen Bündnissen zusammenschließen würden und eine Armee aufstellten,
dann hätte Rom keine Chance gegen sie ... "
Der Gedanke ließ mich
erschauern. Hundert Jahre lang hatten die römischen Legionen nichts anderes
als Siege kennengelernt. Sie sind von einer entlegenen Ecke des Imperiums
zur anderen marschiert und haben dabei jeden Widerstand mit der gleichen
Leichtigkeit und Entschlossenheit niedergetreten, mit der die genagelten
Stiefel der Soldaten das Gras unter ihren Füßen zermalmten. Die Macht und
Gewalt Roms gründete in der Stärke dieser Legionen und ihrer Überzeugung,
unbesiegbar zu sein. Für Rom ist Niederlage undenkbar, weil Rom das Licht
ist, Gesetz und Ordnung, welche die Welt beherrschen, und alles und jedes
muß sich seinem Willen beugen. Aber der Mann, der römische Soldaten zu so
vielen Siegen geführt hatte, der Mann, welcher der mächtigste militärische
Führer des Imperiums gewesen war, der Mann, der Rom und damit die Welt
hätte beherrschen sollen, dieser Mann war auch Manns genug, um die
Möglichkeit einer Niederlage in Erwägung zu ziehen.
"Ich frage mich, was
die Senatoren sagen würden, wenn sie wüßten, daß der römische Kaiser
römische Institutionen wie Sklaverei und die Spiele verachtet."*1
In meinem Inneren hörte
ich die heisere Stimme eines anderen Mannes im trüben Licht eines
Militärzeltes in Moesia. Eines Mannes, der Rom und damit die Welt regiert
hatte, und der Manns genug gewesen war, um zu verstehen, wie wenig diese
Macht bedeutete und wie ihr Glanz im Vergleich zu Dingen wie Leben, Glück
und Liebe verblaßte. Eines Mannes, der Manns genug gewesen war, um
Anspielungen auf seine eigene Größe leichthin abzutun und seine Gedanken und
sein Herz mit einer achtzehn Jahre alten Sklavin und Hure zu teilen.
"Sie töteten die Soldaten,
die an meiner Seite kämpften, und kreisten mich ein ... " fuhr Maximus fort,
und war nun offenbar darauf erpicht, seine Geschichte zu Ende zu bringen so
wie auch ich meine eigene unbedingt hatte zu Ende erzählen müssen. "Die Erde
war getränkt mit Blut und ich glitt aus ... Sie hätten mich niedergemacht,
wäre da nicht ein junger Soldat gewesen, der dazwischenging und mir die
wenigen Sekunden verschaffte, die ich brauchte, um wieder auf die Beine zu
kommen ... Er starb statt meiner .... "
Maximus blinzelte wieder,
und ich sah, wie er die Lippen zusammenpreßte, um die Gefühle in den Griff
zu bekommen, die ihre Klauen in sein Herz schlugen. Ich konnte ihm keinen
anderen Trost geben - also nahm ich seine vom Führen des Schwertes
schwielige Hand und drückte sie.
"Er war jung, kaum
zwanzig, und er war in der Armee groß geworden, wo er an der Seite seines
Vaters diente. Der Mann war mein oberster Ingenieur ... und auch ein guter
Freund. Der Junge war der einzige Sohn seines Vaters und sein ganzer Stolz
... "
Maximus schluckte hart,
als die Erinnerung an den Freund, der seinen Sohn verloren hatte, ihn
überwältigte.
Wie viel Schweres lastete
auf seinen breiten Schultern - und auf seinem Herzen und seiner Seele?
"Ist Dir klar, wie viele Menschen ich getötet oder
in den Tod geschickt habe? Ist Dir klar, wie schwer all das Blut und das
Sterben auf der Seele eines Mannes lasten?"*2
Plötzlich hörte ich wieder seine Stimme so wie damals
vor sechs Jahren in einem anderen Militärzelt in Moesia. Diese tiefe,
erhitzte Stimme wurde heiser vor Schmerz und nackter Emotion, ein Mann, der
Manns genug war, den Verlust seiner eigenen Unschuld zu betrauern.
"Wie wurdest Du
verwundet?"
Das Nachbeben tiefer
Gemütsbewegung ließ meine Stimme dünn und zerbrechlich klingen, die Stimme
des kleinen Mädchens, das ich vor einer halben Ewigkeit gewesen war.
Maximus seufzte tief und
wandte sich dann mir zu.
"Der junge Jonivus gab mir
die Sekunden, die ich brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen, und ein
Zenturio kam mir mit einem Dutzend Soldaten zu Hilfe, so daß ich mich auf
eine sicherere Position zurückziehen konnte. Aber die Germanen wußten, wer
ich war - oder zumindest was ich war - und waren nicht gewillt, mich
einfach entkommen zu lassen ... Wir mußten uns unseren Weg Zentimeter für
Zentimeter erkämpfen ...Bogenschützen der Hilfstruppen deckten unseren
Rückzug. Während ich mit einem riesigen, mit einer Axt bewaffneten Germanen
kämpfte, gelangte ich in ihre Zielrichtung und ein Pfeil traf mich ...?
Ich runzelte verwirrt die
Stirn.
"Du willst damit sagen,
Deine eigenen Männer haben auf Dich geschossen?"
Maximus lachte bitter.
"Echte Schlachten sind
keine so saubere Angelegenheit wie sie von den Historikern beschrieben
werden. Es gibt eine Menge Durcheinander, und Unfälle kommen vor ... "
Ich nickte schweigend und
war mir dabei vollkommen bewußt, daß ich unmöglich erfassen konnte, worüber
er sprach; aber während meiner zwei Jahre im Militärlager von Moesia hatte
ich das eine oder andere gelernt, und das Wichtigste davon war, daß Soldaten
nicht gern über das sprechen, was sie in der Schlacht tun, was sie sehen und
was sie erleiden.
Nicht einmal mit ihren
Kameraden.
"Es war ein besonders
verhängnisvoller Unfall, da der Pfeil mit diversen Widerhaken versehen war
... "
Die Verwirrung mußte mir
im Gesicht gestanden haben, denn ich bemühte mich, mir vorzustellen, um was
für eine Art Pfeil es sich exakt handelte und wie er aussah.
"Es ist die tödlichste Art
von Pfeilen wie sie von den römischen Hilfstruppen benutzt werden", erklärte
Maximus. "Sie sind so konstruiert, daß sie großen Schaden anrichten. Wenn
man versucht, sie herauszuziehen, dann zerreißt man lediglich das Fleisch
und richtet noch größeren Schaden an ... "
Mich schauderte.
"Die Ärzte mußten ihn
durch meinen Oberschenkel hindurchdrücken und riskierten dabei, einen Nerv
zu durchtrennen oder eine der großen Arterien zu verletzten ... Um mich
vollständig zu erholen brauchte ich viel Zeit ... und Opium ... "
"O, Maximus ... "
"Ist schon gut, Julia ...
Es ist alles in Ordnung ... "
Er drückte zärtlich meine
Hand und führte sie dann an seine Lippen, während er mir fest in die Augen
sah. Und wieder erschauerte ich bei der zarten Berührung seiner warmen, ein
wenig feuchten Lippen und dem weichen Kratzen seines Bartes - aber vor allem
beim Anblick der Flammen, die in der Tiefe dieser Augen von der Farbe des
Ozeans brannten.
"Erst nach dieser
Operation konnte ich wirklich verstehen, wie sehr Du mich gehaßt haben mußt
... "
Plötzlich war ich hell
wach.
Ihn hassen? Wovon sprach
er? Sicher nicht über den Brief. Er hatte ihn einige Tage vor der Schlacht,
und bevor er verwundet wurde, erhalten, und es hatte zwei Jahre gedauert,
bis ich mir endlich eingestanden hatte, daß er ihn niemals beantworten
würde.
"Opium", sagte er und
beantwortete damit meine unausgesprochene Frage. "Du mußt mich dafür gehaßt
haben, daß ich Dir in jener Nacht habe Opium geben lassen ... Ich habe
selbst die Erfahrung gemacht, als man mir während der Zeit meiner Krankheit
wieder und wieder Opium verabreichte ... "
Ich lachte freudlos aber
erleichtert und drückte ihm nochmals die Hand.
"Du hast getan, was Du tun
mußtest", sagte ich. "Du hast mich beschützt ... "
"Es tut mir leid, Julia.
Aber ich hatte nicht die Zeit, mir etwas anderes einfallen zu lassen ... "
Wir schwiegen einen Moment
lang, und Maximus streichelte immer noch geistesabwesend die Knöchel meiner
Hand, während ich verzweifelt nach einem Thema suchte, um das Gespräch auf
weniger unsicheres Terrain zu lenken.
"Wie viele Jahre hast Du
in Germanien zugebracht?"
Maximus seufzte.
Noch bevor ich mich selbst
für meinen Mangel an Feingefühl verfluchen konnte, fuhr er fort: "Zu viele
... "
Und wieder streichelte
sein Daumen meine Knöchel.
"Meine Legion wurde dort
stationiert kurz nachdem ich in die Armee eingetreten war ... Germanien war
für den Rest meines Lebens mein Hauptquartier, und ich blieb dort Jahr für
Jahr bis auf einen gelegentlichen Urlaub und einige offizielle Reisen ... "
"Aber Du bist nie in Rom
gewesen ... "
"Nein ... "
Er fügte nicht hinzu "
... erst nachdem man mich erniedrigt und versklavt hatte" - aber die
unausgesprochenen Worte lasteten in der Stille, die nun folgte.
"Wie ist Germanien?"
versuchte ich es aufs neue.
Nun war es Maximus, der
die Stirn runzelte.
"Du bist nach Moesia und
zurück gereist, Julia. Du mußt es selbst gesehen haben ... "*3
Ich zuckte die Achseln.
"Kaum ... Beide Male
reiste ich in großer Eile ... und beide Male gab es ... anderes, das mich
mehr beschäftigte ... "
Maximus' Augen nahmen
wieder dieses weiche Blaugrün an, das mich immer an die weit entfernten
warmen Gewässer denken ließ, in denen meine Schiffe kreuzten, die ich jedoch
nie gesehen hatte. Weit entfernte warme Gewässer, die mit ihm zusammen zu
erkunden ich mich so sehnte.
"Im Winter ist es dunkel
und bedrohlich", sagte er. "Und kalt. Sehr kalt. Du bist umgeben von Wäldern
und bist Dir bewußt, daß der Feind Dich immer beobachtet, bereit, Dich
jederzeit aus dem Hinterhalt anzugreifen ... Der Matsch wird zu Eis, und Du
frierst in Deinem Zelt, ganz gleich wie viele Kohlebecken Du anzündest oder
wie viele Felle Du Dir umhängst ... Mitten in der Nacht wachst Du auf vom
Geheul der hungrigen Wölfe ... "
Sein Blick wanderte in die
Ferne als betrachte er das kalte, rauhe Land, das für so viele Jahre seine
Heimat gewesen, ein schlechter Tausch für das warme, fruchtbare Land, in dem
er geboren war.
"Aber im Frühling, wenn
das Eis erst mal schmilzt, ändert sich alles. Es wird grün und lebendig,
voller Gewässer und Blumen, und die Berge sind von einer faszinierend
violetten Farbe ... Es könnte so schön sein, aber mit dem Frühling kommt
auch der Krieg zurück ... "
Während er sprach, wurde
Maximus' Stimme weich als habe er Germanien unter einem ganz anderen Licht
gesehen. Als habe er das Land, das für mehr als die Hälfte seines Lebens
seine aufgezwungene Heimat gewesen war, so aus der Ferne betrachtet ganz neu
entdeckt. Wenn man ihm zuhörte, war es einfach, sich die wilde Schönheit
dieser Ecke des Imperiums vorzustellen, auch wenn sie fortwährend von einem
nie enden wollenden Krieg zerrissen wurde. Und es war ebenfalls schwer
vorstellbar, daß er lediglich ein harter Krieger war und kein gebildeter
Mann, denn seine Worte waren schlicht aber schön für jemanden, der kein Mann
der Worte sondern ein Mann der Tat war.
"Wo bist Du noch gewesen?"
fragte ich ihn.
(*) Castra Regina: Der
lateinische Name der deutschen Stadt Regensburg.
____________________________
*1
vgl. Julias Tagebuch, Teil 1, Kapitel 9
*2 vgl. Julias Tagebuch, Teil
1, Kapitel 5
*3 Maximus' Hauptquartier
Vindobona war ein römisches Legionslager im heutigen Wien. Moesia war eine
römische Provinz und umfaßte große Teile des Gebietes der heutigen Staaten
Serbien und Bulgarien. Auf dem Weg von Rom nach Moesia könnte Julia durch
das Gebiet, in dem Maximus stationiert war, durchgereist sein. |