Schatten über der Provence

 Kapitel 12

„Es geht ihr ausgesprochen gut. Soweit ich die Lage vom derzeitigen medizinischen Standpunkt beurteilen kann, war die Operation ein voller Erfolg. Wenn ihr Körper das Spenderherz weiterhin akzeptiert und keine Anzeichen von Fremdkörperabstoßung vorliegen, dann können wir uns gratulieren!“ Der junge Chirurg sieht zuversichtlich und selbstsicher drein. Daniel atmet sichtlich auf. „Und Sie verschweigen mir nichts? Kann ich mich darauf verlassen, Professor?“

„Es liegt nicht in meinem Interesse irgendetwas zu beschönigen, Sir! Wenn auch nur das geringste Problem auftritt, sind Sie der Erste, der es erfährt, darauf gebe ich Ihnen mein Wort!“ Der viel beschäftigte Mediziner sieht viel sagend auf die Uhr. Daniel nickt verständnisvoll. „Alles klar! Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben und danke für alles! Sie wissen, wie Sie mich jederzeit erreichen können, Doc! Wir bleiben in Verbindung!“ Mit einem zustimmenden Nicken lässt der begabte Arzt den Schauspieler stehen und geht eiligen Schrittes den breiten Korridor hinunter. Dan sieht ihm nach. Das dumpfe Gefühl der Angst legt sich nur langsam in seiner Brust, doch es wird leichter. Er fährt mit beiden Händen durch sein volles, leicht gewelltes Haar und über sein unrasiertes Kinn. Erleichtert, aber im Zwiespalt mit sich selbst. Er geht zurück ins Krankenzimmer, vor dem die Unterhaltung der beiden Männer stattgefunden hatte. Sein Stiefvater und einer seiner Söhne blicken ihm lautlos und fragend entgegen. Dan nickt ihnen zuversichtlich zu. Das Aufatmen der beiden Wartenden ist fast hörbar. Die Miene aller entspannt sich zuversichtlich. „Sie schläft ruhig“, versichert ihr Mann flüsternd. „Ist sie übern Berg?“

Daniel nickt und klopft dem Älteren auf die Schulter. „So wie es aussieht, ja! Wenn nicht irgendetwas dazwischen kommt. Die Untersuchungen und Labortests waren zuversichtlich heute Morgen. Nun schlägt dieses andere Herz seit drei Tagen in ihr und ihr Körper scheint es angenommen zu haben! Mehr kann einstweilen keiner sagen. Der Chirurg ist zufrieden! Wir sollten es auch sein! Sie hat heute früh sogar die ersten Schritte getan. Ihr Lebenswille ist unglaublich! Fahrt ihr nur nach Hause, Bruce,“ wendet er sich an seinen Halbbruder. „Die Fahrt ist lang und ich bleibe ohnehin bei ihr. Sie ist immer unter Aufsicht und mit all dem Zeug hier“, er deutet mit dem Kinn auf die elektronischen, medizinischen Überwachungsgeräte, die leise und beruhigend vor sich hin piepsen, „kann eigentlich nichts schief gehen. Sie wird das verstehen.“

Der Vater schüttelt den Kopf. „Bruce soll fahren, ich bleibe!“ Der Jüngere, der etwa in Dans Alter ist und auch seine Statur besitzt, erhebt sich. „Brian und ich, wir schaffen das schon“, versichert er. Die Erleichterung, diesen Ort des Leidens verlassen zu können, steht ihm ins Gesicht geschrieben.

„Ich komme am Wochenende mit ihm runter!“ Daniel nickt und misst seinen Stiefvater von der Seite. Er hatte bisher immer angenommen, dass die Ehe der beiden eine Art Vernunftehe gewesen war. Alleinstehender Mann nimmt junge Witwe mit Kind zur Frau, um Schaffarm zu bewirtschaften. Doch in dem Mann schien mehr Gefühl und Anteilnahme zu stecken, als er vermutet hatte, auch wenn er einer war, der seine innersten Regungen nie gezeigt hatte. Wahrscheinlich konnte er das nicht. Diese Erkenntnis beruhigt Daniel mehr, als er zuzugeben bereit ist. Wenn es weiterhin aufwärts ging mit Mom, dann konnte er für einen Tag nach London fliegen und sich diesen Laden, den Alice für ihn ausfindig gemacht hatte, selbst besuchen. Es konnte natürlich auch einfach nur eine Namensgleichheit sein. Ein Spielwarengeschäft mit dem klangvollen, französischen Namen „Royaume des poupées“, Königreich der Puppen. Zufall? Irrtum? Durch ihre Anrufe in Frankreich hatte die Agenturangestellte heraus gehört, dass sich Amelie im Ausland aufhalten soll. Mehr wusste man dort auch nicht. Möglicherweise wollte man auch nicht mehr preisgeben. Es lag an ihm, das heraus zu finden. Er musste diese paar Stunden einplanen. Jetzt, wo sein Stiefvater hier blieb, und ihn dessen Anwesenheit am Krankenbett seiner Mutter beruhigte, sollte er handeln, bevor abermals etwas anderes dazwischen kam und ihn davon abhielt, endlich auf Amelie zu treffen und sich mit ihr auszusprechen.

*****

"Dein Alter spielt sich auf wie ein Kaiser!“ Der muskulöse Junge mit dem rasierten Kopf klopft ungeduldig einen Taktrhythmus mit den Fingerspitzen seiner linken Hand auf Virginies Rücken, die nackt, auf dem Bauch, neben ihm auf dem ausladenden Bett liegt. Ihr Kopf schmerzt und sie hat keine Lust, jetzt über ihren Vater zu sprechen. Sie ist müde und ihr ist zum Kotzen schlecht. Der Junge, kaum viel älter als sie selbst, der neben ihr liegt, inhaliert den Rauch seines Joints und will ihn dann Virginie reichen. Doch die junge Frau murmelt eine Verneinung und dreht sich mühsam ebenfalls auf den Rücken, darum bemüht, nicht alles voll zu kotzen. „Mir ist schlecht“, murmelt sie.

„Du säufst zuviel“, lautet die emotionslose Feststellung des dunkelhäutigen Musikers, der sich mit der freien Hand die nackte Brust kratzt. „Du säufst, Du kiffst, Du kokst! Du übertriffst mich bei alledem, und das will etwas heißen! Du bist eine heiße Braut, aber manchmal ödest Du mich an! Und jetzt die Sache mit Deinem Alten, der nur Scheiß über uns verbreitet und sich als Moralapostel aufspielt. Er will die Produktion der neuen Scheibe verhindern, sagt Mehdi! Was glaubt er, wer er ist!“ Der Mann hat sich in einen Wirbel geredet und setzt sich spontan auf die Bettkante, stellt die Füße auf den mit Zigarettenstummeln und leeren Flaschen, sowie Bierdosen übersäten Boden.

„Komm schon Alte!“ er klatscht Virginie auf das nackte Hinterteil. „Steh auf! Fahr nach hause und rede mit dem Alten! Brems’ ihn ein! Droh ihm, dass er nicht mehr Dein Vater ist, wenn er uns nicht in Ruhe lässt, lass Dich von ihm ficken, wenn er darauf steht, egal, aber bring ihn zur Raison und stopf ihm endlich das Maul!“

„Idiot“, zischt Virginie und bleibt regungslos auf dem Bett liegen. „Mein Vater ist nicht so pervers wie Du! Und ihn kann niemand beeinflussen. Das haben schon viele und ganz andere als Du versucht! Lass ihn doch! Er wird sich schon wieder beruhigen!“

Der gut gebaute junge Mann springt auf und blickt unbeherrscht auf sie hinunter. „Er ruiniert unser Image, verdammt noch mal! Ich habe keine Lust, für ein paar Euros an den Straßenecken wieder Joints an Kinder zu verkaufen, wie früher, verstehst Du? Ich und die Jungs, wir haben den Sprung nach ganz oben geschafft! Wir sind sogar in den englischen Charts! Weißt Du was das heißt? Du glaubst doch nicht, dass wir wegen einer weißen Schlampe wie Dir, diesen Platz an der Sonne wieder freiwillig aufgeben? Wegen einem Arschloch wie Deinem Alten? Du bist da hinein geboren! Du hast keine Ahnung wovon ich spreche!“

Er spuckt auf den Spannteppich des schicken Appartements, das das seine ist, und stößt mit einem Fuß unsanft gegen die Bettmatratze. „Und jetzt hau ab! Ich hab Dich lang genug gesehen! Du bist mir über, Mädchen! Du wirst mir langweilig! Lass Dir etwas einfallen und tritt mir erst wieder unter die Augen, wenn Du bei Deinem Alten warst und ihn davon überzeugt hast, dass er uns in Ruhe lassen muss! Egal wie Du das anstellst! Hau ab!“  Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, zieht er Virginie mit einem wilden Ruck das Laken unter dem Körper weg, sodass diese auf den Boden neben das Bett, und in den Unrat der durchzechten Nacht, plumpst.

Der Mann kickt eine Bierdose weg und fügt wütend hinzu: „Und vorher machst Du den Dreck hier weg. Das ist kein Schweinestall, verstanden?“ Er stapft ins Bad, ohne sich weiter um Virginie zu kümmern, die sich mühsam aufrappelt, um erneut auf das zerwühlte Bett zu sinken. Ihr Kopf ist nahe daran zu zerspringen und sie fühlt sich hohl und leer. Wie alt war sie? Neunzehn? Sie fühlt sich mindestens wie achtzig, vielleicht auch mehr.  Sie bleibt regungslos liegen, bis sie die Tür ins Schloss fallen hört. Erst dann schleppt sie sich ebenfalls ins Bad, blickt ihr Spiegelbild teilnahmslos an und versucht ein klägliches Grinsen. Ihr zerrauftes, blondes Haar ist strähnig und glanzlos und ihre Augen sind geschwollen. Sie erkennt sich selbst kaum wieder! Ihre Wangen zeigen unnatürliche Rötungen und an den Oberarmen zeigen sich blutunterlaufene Druckstellen, ebenso wie auf ihren kleinen Brüsten. Karim liebte es heiß. Und sie war ihm hörig. Im Bett, im Leben und auch sonst. Sie hatte Angst vor ihm und lag ihm dennoch zu Füssen. Verdammter Spinner! Wie sollte sie ihrem Vater so unter die Augen treten? Er würde sie einsperren und sie würde sterben vor Sehnsucht nach Karim und dem Zeug, das er ihr verschaffte, um überhaupt aufrecht stehen zu können. Eine Übelkeitswelle durchflutet sie unvorhergesehen und sie übergibt sich in das Waschbecken, klammert sich dran fest um nicht hinzufallen, und kämpft mit dem Schwindelgefühl, das ihr das Bewusstsein zu rauben droht. Sie hört nicht, dass Karim zurückgekommen ist. In seiner Aufgebrachtheit, hat er die Autoschlüssel seines nagelneuen Porsche vergessen. Er steht im Türrahmen und blickt angewidert auf sie nieder. „Miststück!“ schreit er sie an. „Du versaust mir die ganze Wohnung! Ich werde Dich lehren, dich anständig zu benehmen, Putain (Hure)!“ Er hat ihren Kopf weiter nach unten in das Waschbecken gedrückt und dreht den Wasserhahn auf. Virginie zappelt wie ein gefangener Fisch im Netz, doch der stärkere Mann hält ihren Kopf gnadenlos unter dem kalten Wasser, im Becken nieder, bis sich dieses randvoll gefüllt hat und sie Gefahr läuft, darin zu ertrinken.

Der wütende Bursche tobt vor Wut und schlägt Virginies Kopf zum Abschluss mehrere Male auf den Keramikrand des Waschbeckens auf, als er die, verzweifelt nach Luft schnappende junge Frau, endlich hoch reißt und den Wasserhahn zudreht. Als er sie ganz plötzlich los lässt, blutet sie aus einer Platzwunde auf der Stirn und aus der Nase. Sie taumelt in die Ecke des Raumes, wo sie zu Boden sinkt, immer noch nach Luft röchelnd. Das herunter laufende Blut macht sie blind, sie kommt nicht dazu, um Hilfe zu rufen oder um Gnade zu betteln, Karim versetzt ihr einen Stoss mit seinem Sportschuh in den Magen, der ihr endgültig das Bewusstsein raubt. Er spukt aus und verlässt den Ort seines Tobens mit der festen Absicht, diese Schlampe nie wieder in sein Bett zu holen. Sollten sich doch die anderen mit ihr vergnügen, sie waren ohnehin schon darauf scharf, dass er ihrer überdrüssig wurde und sie endlich auch bei ihr zum Zuge kamen!  

*****

Dan presst sein Gesicht an die Scheibe des Fensters. Die Hand überschattet seine Augen, in der Hoffnung, so mehr durch die dunklen Scheiben der Eingangstür erkennen zu können. Der Laden besitzt keine Auslagen, ein einfaches Fenster, in dem einige gerahmte Fotos von Puppenkreationen hängen, ist alles, was auf die Bestimmung des Geschäftes hin deutet. Waren es Amelies Puppen, die er betrachtete, in der Hoffnung irgendeine Gewissheit über deren Herkunft zu erlangen? Irgendwie kann er sie spüren. Er weiß so wenig von ihr. Vor allem von ihrem Schaffen. Natürlich hatte es ihn interessiert, was sie ihm darüber erzählte, allein schon deswegen, weil er sich an ihrer enthusiastischen Miene erfreute, wenn sie von ihren Ideen und Inspirationen sprach. Ihren leuchtenden Augen, ihrer sprudelnden hellen Stimme. Doch die kurze Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, ließ nicht zu, dass er wirklich eintauchen konnte in ihre sensible Künstlerseele. Wahrscheinlich hatte ihn das alles auch nur am Rande interessiert, muss er sich selbst eingestehen. Daniel kann nicht viel erkennen in dem Geschäft. Es scheint einem kleinen Salon zu gleichen, eine gemütliche Sitzecke aus Samt, ein paar niedrige Tische mit Gestecken aus getrockneten Blüten. An den Wänden scheinen sich Regale entlang zu reihen, die jedoch mit undurchsichtigen Gardinen verdeckt sind. „Interessenten werden gebeten, sich unter dieser Telefonnummer anzumelden….“

Den Spruch in der Fenstervitrine, wie auch die darauf folgende Nummer kennt er inzwischen auswendig. Nach mehreren erfolglosen Versuchen hatte er es aufgegeben, sie zu wählen. Ein Tonband lief auf dem automatischen Beantworter:

 

 „La royaume des poupées ist vorübergehend geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis. Danke, und haben Sie noch einen schönen Tag!“

 

Das war eindeutig nicht Amelies Stimme. Eine junge Frauenstimme zwar, aber nicht die Amelies. Er hätte sie unter tausend Stimmen erkannt. Eigenartig, nach so langer Zeit…. Dan stößt einen unflätigen Fluch zwischen den Zähnen hervor, der ihm einen empörten Blick einer älteren Dame, die eben an ihm vorbei flaniert, einträgt. Er grinst entschuldigend, doch die dunkle Brille und die Sportkappe machen aus ihm einen gewöhnlichen Durchschnittsmann, ebenso der Sportanzug, den er trägt. Eben das will er bezwecken, wenn er ohne Begleitung herum spaziert. Einen Ansturm von Fans konnte er derzeit ebenso wenig gebrauchen, wie diese Niederlage. Mit, in den Hosentaschen vergrabenen Fäusten, überquert er raschen Schrittes die mäßig belebte Geschäftsstrasse und betritt das kleine Pub, das er gerade entdeckt hat. Er lehnt sich an die Theke und bestellt ein Bier. Als sich seine Augen an das dumpfe Licht im Inneren gewöhnt haben blickt er sich um. Es war Mittag und er ist der einzige Gast in dem Schuppen. Aus einer Lautsprecherbox ertönt ein uralter Song der Beatles. Der Wirt poliert hingebungsvoll an einem Glas und misst ihn aus den Augenwinkeln. Möglicherweise hatte er ihn erkannt. Egal. Daniel nimmt nachdrücklich die Brille ab und gibt den Blick zurück.  Die Augen des Pubbetreibers weiten sich. „Sie sind doch….“

„Ja, der bin ich wohl“, gibt Daniel rasch zu und winkt den Mann zu sich heran.

„Aber das bleibt doch unter uns, nicht wahr?“ Der Wirt nickt geflissentlich. „Klar! Ich wundere mich nur, was Sie hierher führt, Sir!“ Daniel übergeht die neugierige Frage des Kerls. „Vielleicht können Sie mir ja helfen, Mann! Ich habe einen weiten Weg hinter mir und sehr wenig Zeit. Gegenüber gibt es eine Art Kunstladen. Kennen Sie den Besitzer?“

Der Wirt stemmt beide Ellbögen auf die Theke und überlegt. „Die Pächterin, meinen Sie wohl! Ja, ich sehe sie kommen und gehen, sie wohnt direkt über dem Geschäft.  Ist aber verreist derzeit. Charmante Person! Ausländerin!“

Daniel verschluckt sich beinahe an seinem Bier und stellt es heftiger ab als beabsichtigt, sodass der Schaum etwas überschwappt. Geschäftig wischt der Gastwirt die Bescherung mit einem Lappen auf. Daniel murmelt eine Entschuldigung und der Wirt lässt es sich nicht nehmen, Daniel ein weiteres Glas von der Biersäule ab zu zapfen und vor ihn hin zu stellen. „Sie hat da so ein Mädchen, das ihr zur Hand geht, wenn sie keine Schule hat. Vor allem am Wochenende und mittwochs sehe ich sie auch oft!“ führt der Mann, der seinem berühmten Gast gefällig sein will, die Unterhaltung fort.

„Den Namen dieser Frau kennen Sie nicht zufällig, oder?“ Dan ist nun sicher, dass es sich um Amelie handelte, die er endlich aufgespürt hatte.

Doch der Wirt zuckt bedauernd die Schultern. „Den Namen? Nein, ich kenne den Namen nicht. Auch nicht woher sie kommt. Sie war noch nie in dem Pub. Was soll eine Lady wie sie auch hier tun. Vielleicht ist sie nachhause gefahren… vor allem in Anbetracht ihrer Umstände!“ Er macht ein bedeutungsvolles Zeichen, indem er mit der Hand auf seinen beträchtlichen Leibesumfang zeigt.

Daniel scheint auf der Leitung zu stehen. „Ihrer Umstände?“

„Na ich fresse’ doch meinen Besen, wenn sie nicht schwanger bis obenhin ist, die kleine Lady!“ grinst der Wirt. Dan spürt, wie er zu schwitzen beginnt und lehnt sich schwer an die Theke. Der Fußboden scheint unter seinen Füssen ins Wanken geraten zu sein. „Von wem?“ sagt er mehr zu sich selbst, als zu dem Mann, der lauthals los lacht. „Das, Sir, kann ich nicht sagen, ich war nicht dabei! Aber einen Kerl hab ich bisher nie bei ihr ein und ausgehen sehen, das ist sicher!“ Er besinnt sich sogleich darauf, wen er vor sich stehen hat und wird wieder ernst. „Vielleicht ist sie ja verheiratet und nur geschäftlich hier gewesen. Es tut mir leid, dass ich nicht mehr über sie weiß. Die Kleine scheint ebenfalls verreist zu sein. Wir haben ja heute Mittwoch und sie ist immer noch nicht gekommen, aufzusperren.“

„Das Geschäft ist bis auf weiteres geschlossen“, bestätigt Dan. „Ich habe angerufen.“ Eine ältere Frau betritt das Pub und bestellt ein Ale. Dan stellt fest, dass es dieselbe ist, die ihn vorhin fluchen hören konnte. Er kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, als die Frau ihn verächtlich misst und sich mühsam auf einen der Barhocker schwingt. Dan beschließt zu gehen. Er legt den Preis seiner Zeche auf den Tisch und grüsst, indem er an den Schirm seiner Sportkappe tippt.

„Wie läuft das Geschäft, Rosie?“ fragt der Wirt seinen neuen Gast, den er gut zu kennen scheint. „Geht so“, lautet die spontane Antwort.

„Rosie hat den Blumenladen an der Ecke vorn“, ruft der Wirt Dan hinterher, als habe der danach gefragt. „Vielleicht weiß sie ja mehr über das Puppengeschäft gegenüber!“ Dan macht erwartungsvoll eine Bewegung zur Mitte des Schankraum zurück.

„Du weißt doch Bescheid über alles was in Notting Hill vor sich geht, Rosie!“ Es sollte wie ein Kompliment klingen, deshalb hat der Wirt es in einem besonders hochachtungsvollen Ton gesagt.  „Die Puppenfrau! Du kennst sie doch! Woher kommt sie? Besser noch, wohin ist sie verreist?“

„Das geht niemanden etwas an“, lautet die abweisende Antwort. Ein kühler Blick streift Dan, dann wendet sich die Alte ihrem Bierchen zu. „Rosie!“ setzt der Wirt der Frau eindringlich zu. „Dieser Sir hier, ist kein Niemand. Sieh ihn Dir genauer an, Du kennst ihn doch sicher. Mister MacArthur, der Schauspieler! Aber sag’s nicht weiter!“ Der Wirt scheint Gefallen an dem geheimnisvollen Zwischenfall gefunden zu haben.

„Ich hab nichts am Hut mit Kino“, schmollt die Alte. Daniel beschließt, dass es Zeit war, seinen Charme bei dieser Frau spielen zu lassen. „Entschuldigen Sie, Lady“, lächelt er die Alte freundlich an. „Es ist eine dringliche Familienangelegenheit, das können Sie gut und gern glauben!  Ich bin auf der Suche nach einer jungen Lady aus Frankreich. Amelie!“ Er wusste nicht mal ihren Familiennamen! Verdammt, wie sollte er da glaubwürdig erscheinen?  „Haben Sie den Namen schon mal gehört?“

„Und wenn schon?“ gibt die Blumenfrau listig zurück. „Wollen Sie etwa Blumen für sie kaufen?“ Daniel hat den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden. „Ich kaufe Ihren Laden leer, wenn es sein muss!“ versichert er leidenschaftlich.

„Er meint es ernst“, raunt der Wirt ihr zu. „Spuck es aus, Rosie! Sag ihm was er wissen will!“

Daniel hat sich sein Scheckbuch geschnappt und schreibt einen Scheck über eine beträchtliche Summe aus. Auf der Rückseite vermerkt er die Anschrift des Krankenhauses in Edinburgh und den Namen seiner Mutter. „Ich bitte Sie, Madame, kümmern sie sich darum! Meine Mutter ist sehr krank, und das ist die reine Wahrheit! Leider!“ Der prüfende Blick der Frau kann nur Aufrichtigkeit in Daniels glänzenden Augen entdecken, die sie an grünlich schimmernde, karibische Gewässer erinnern. Sie wird weich und gesteht sich ein, dass sie schon ewig lang keinen so gut aussehenden Mann wie diesen fluchenden Schauspieler gesehen hat.

„Tja“, beginnt sie gedehnt und auch ein wenig kokett. „Wenn es für Ihre Mutter ist…., dann sieht die Sache  natürlich anders aus.“ Sie unterdrückt ein Pfeifen der Anerkennung, als sie den Scheck betrachtet, bevor sie ihn sorgfältig in ihrer gehäkelten Handtasche verstaut. „Ich erledige das gern für Sie, Sir! Haben Sie besten Dank für den Auftrag!“ Ein verschwörerisches Lächeln breitet sich nun über ihre Züge aus, als sie sich Daniel anvertraut. „Die junge Dame heißt Amelie, und sie ist wahrhaftig Französin. Ihren Nachnamen weiß ich allerdings nicht. Eine Schülerin hilft bei ihr aus, eine gewisse Lily, nettes Ding! Die beiden kaufen regelmäßig bei mir die Blumen für das Geschäft. Sehr begabt, diese Puppenmacherin! Sehr begabt! Aber die Preise sind natürlich nur für eine gewisse Schicht von gut betuchten Kunden, wenn Sie verstehen, was ich meine, Sir! Lily hat mir anvertraut, dass die junge Lady sie demnächst auf eine Reise nach Venedig mitnimmt. Die beiden sind von einer echten venezianischen Comtessa eingeladen worden, und wohnen in einem waschechten Palazzo, mitten auf dem Wasser! Klingt wie ein Märchen, nicht? Ich glaube fast, die beiden sind bereits abgereist. Das Geschäft ist jedenfalls abgeschlossen, aber das haben Sie sicher längst selbst festgestellt, nicht wahr?“

Dan atmet auf. Er hatte Amelie gefunden und auch wieder nicht. Er konnte nur warten, bis sie von ihrer Reise zurückkehrte. Und was, wenn nicht?

Vertraulich neigt sich die alte Lady näher zu Dan, der dem Wirten bedeutet, er möge der Frau noch ein Bier geben, oder was immer sie wollte.

„Das Beste wissen Sie aber noch nicht, junger Mann“, raunt die, nun gesprächig gewordene Lady Dan ins Ohr. „Diese Amelie sieht Mutterfreuden entgegen! Das weiß ich von Lily. Sie hat mir verraten, dass ihre Freundin Zwillinge erwartet! Zwillinge! Ist das nicht schön?“ Dan hält es kaum noch in dem Laden aus. „Sind sie sicher?“ überzeugt er sich mit rauer Stimme, weil ihm diese Neuigkeit einfach ungeheuerlich vorkommt.

„Sie können darauf wetten, Mister!“ kommt die Entgegnung. „Haben Sie vielleicht gar etwas mit dem Zustand der Lady zu tun?“ Die Neugier steht der Frau, wie auch dem Wirt ins Gesicht geschrieben. Er blickt von einem zum anderen und meint mit einem spitzbübischen Grinsen: „Dazu kann ich leider nichts sagen, meine Herrschaften! Ich habe genauso wenig Ahnung wie Sie beide! Aber ich bin sicher, Sie werden es erfahren! Ich muss dann! Haben sie beide vielen Dank für alles!“ Grüssend verlässt er das Lokal und hält Ausschau nach einem Taxi. Wenn er in Edinburgh zurück war, und es seiner Mom immer noch halbwegs gut ging, konnte er morgen früh den ersten Flieger nach Venedig nehmen. Warum er glaubte, dass er Amelie in dem Ameisenhaufen der italienischen Lagunenstadt einfach so finden würde, kann er nicht erklären. Während der Taxifahrt zum Flughafen, führt er ein langes und ausführliches Gespräch mit seiner Agentur und gibt Alice, der Perle des Büros einige Anweisungen, die sie seufzend notiert. Dan MacArthur hat wieder einmal dafür gesorgt, dass sie ihr Büro abends nicht so bald verlassen konnte. In Daniels Kopf summt es wie in einem aufgebrachten Bienenstock. Seine Gedanken können keinen vernünftigen Ansatz finden. Amelie wurde Mutter. Wer war der Vater der Kinder? Es war wohl kaum anzunehmen, dass eine einzige Nacht dazu ausgereicht hat, dass er der Erzeuger dieser Kinder war! Dieser Gedanke war so unglaublich, dass er ihn gleich wieder verwirft. Dieses Mädchen aus der Provence hatte ihm gehörig den Kopf verdreht und gar nichts wissentlich dazu getan, dass er sich so nach ihr gesehnt hatte. Die Ereignisse, die sich danach überschlugen, haben nicht zugelassen, dass sich mehr aus dieser leidenschaftlichen Nacht heraus entwickelte und er hatte es mehr als nur einmal bedauert. Seine Berufsverpflichtungen hatten ihn nach Fernost verschlagen, ohne dass er auch nur einen Augenblick Zeit dazu gefunden hatte, sein Privatleben zu ordnen. Er hatte Amelie in die unterste Lade seines Bewusstseins verbannt und heute schmerzt ihn dieser Gedanke, weil alle Entschuldigungen nur Ausflüchte waren. Das nahe Liegende war, dass Philippe Derrieu sie zu sich zurückgeholt hatte, und um sie an sich ein für alle Male zu fesseln, hat er sie geschwängert. Entweder war sie schon mit ihm verheiratet oder sie stand kurz davor, es zu tun. Doch er wollte Gewissheit. Er musste sich mit Amelie aussprechen, ihr verständlich machen, was alles dazwischen gekommen war, dass er nichts mehr von sich hören ließ. Und auch, dass er, als er endlich wieder Oberwasser bekam, es versucht hatte, wenn auch vergeblich. Ob sie ihm glauben würde, das stand noch aus. Auch, ob sie überhaupt daran interessiert war, noch mit ihm zu sprechen. Doch nichts und niemand konnten ihn davon abhalten, es nicht wenigstens zu versuchen.

*****

Lilys Handflächen gleiten bewundernd über das geschnitzte und mit Goldfarbe bemalte Treppengeländer. Die beachtliche Ahnengalerie an den hohen Wänden fesselt ihren Blick, während sie an Amelies Seite zum Frühstückssalon der Gräfin hinunter schreitet. Fast fühlt sie sich selbst wie eine Prinzessin.

Sie waren spät in Venedig angekommen. Das Flugzeug hatte Verspätung gehabt und sie hatte wundervoll in dem Himmelbett ihres Gästezimmers geschlafen. Amelie sieht frisch und unternehmungslustig aus, stellt das Mädchen fest. Ganz gegen ihre Gewohnheit hatte sie sich heute für ein etwas anliegendes, langes Kleid entschlossen, dass die Wölbung ihres kleinen Bauches nicht verhüllt, sondern eher zur Schau trägt. Der Stolz einer werdenden Mutter. Und die Farbe Purpur steht ihr ganz ausgezeichnet. Über dem Arm trägt sie ein wollenes, naturweißes Schultertuch.

Die Comtessa erwartet sie bereits. Und während sich die beiden Frauen über diverse Puppenmanufakturen unterhalten, lässt sich Lily die reichhaltige Mahlzeit schmecken und verabsäumt nicht, zwei kleine Cremefarbene Perserkatzen, die unter dem Tisch spielen, mit einigen Leckerbissen zu versorgen. Die drolligen Tierchen balgen sich um Lilys appetitliche Gaben und sausen dabei geräuschlos über die dicken, bunten Teppiche.

„Wir werden die Gemäldeausstellung besichtigen“, hört sie Amelie sagen. „Und Lily soll Venedig und sein Flair natürlich besser kennen lernen. Ich denke, Comtessa, wir werden, dank Ihrer großzügigen Gastfreundschaft eine wundervolle Woche in dieser faszinierenden Stadt verbringen!“ Sie verlassen den Palazzo zu Fuß, und streifen durch enge Gassen, an belebten Kanälen entlang und über Brückchen durch die sagenhafte Lagunenstadt. Obwohl der Himmel mit dunklen Wolken bedeckt ist, kann das die freudige Erwartung der beiden nicht schmälern.

Ein Hauch von Ferien liegt über dem Filmfestival von Venedig, das ebenfalls zu dieser Zeit stattfindet, eine Atmosphäre des Müßiggangs, der anderen Festivals eher fremd ist. Das hat mit den Besonderheiten des Ortes zu tun, den italienischen Lebensgewohnheiten und nicht zuletzt des Charmes dieser Stadt zwischen morbidem Verfall und blühendem Leben.  Der Zauber Venedigs wurde über Jahrhunderte gewebt und hat bis heute nichts an seinem Glanz verloren, im Gegenteil!  Selbst die  brüchigen Stellen der Lagunenstadt scheinen ihre märchengleiche Anmut nur noch zu verstärken. Jenseits von Dogenpalast und Markusplatz, Canale Grande, Rialto- und Seufzerbrücke lohnt ein Sich-treiben-Lassen, und dieses Gefühl will Amelie ihrer jungen Begleiterin vermitteln, es selbst genießen und aufnehmen können, wie die beiden Male zuvor, als sie diese Stadt früher schon besucht hatte. Venedig vermittelt immer wieder ein fasziniertes Staunen, und man scheint sich an vieles zu erinnern, ohne es jedoch festhalten zu können. Gleich einer Ahnung, die irgendwo, im Laufe der Jahrhunderte, nach und nach verblasst ist, ohne wirklich ganz zu entschwinden, so ganz nach dem Motto: „…es war einmal…“

Mittags essen sie Berge von Muscheln, in einem kleinen Restaurant, direkt am Wasser. Verzierte, oder einfache, schwarze Gondeln ziehen vorbei, besetzt mit staunenden Touristen, Fährboote, die einen nicht unerheblichen Wellengang mit ihren starken Motoren verursachen. Über allem liegt der leicht modrige Geruch von Algen, der sich mit dem der zahlreichen Küchen am Wasser mischt. Nicht wirklich unangenehm, da er einfach zu Venedig gehört, wie die Geschichte des Herzensbrechers und Lebenskünstlers Casanova. Lily will wissen, ob all die Legenden, die sich um den wohl berühmtesten Sohn der Stadt ranken, stimmten, oder reine Erfindung waren.

„Soweit ich weiss“, beginnt Amelie nach einigem Sinnen, „stimmt das meiste, das man sich über diesen Mann erzählt. Er selbst hat ja seine Memoiren aufgeschrieben, und zwar in so anschaulichem Stil, dass man sich ziemlich gut in die Situation seiner Zeit hinein versetzen kann, die natürlich andere Moralvorstellungen hatte als heute. Nonnen hielten sich Geliebte, die einstige Seemacht Venedig war träge und machtlos geworden, das Volk liebte Spiel und Karneval, gab sich ausschweifenden Vergnügungen hin.“

„Eine wilde Zeit“, stellt Lily fest. „Und da schimpft man über die heutige Jugend!“

„Eine Zeit der Dekadenz“, pflichtet Amelie ihr bei. „Trotzdem haben es Neider und Spitzel geschafft, ihn in die Bleikammern zu verbannen. Man beschuldigte ihn des Okkultismus, der Freimaurerei und Blasphemie. Dass er entkommen konnte, ist wohl bekannt, trotzdem starb er krank, verbittert und einsam in seinem Exil in Böhmen. Das Alter ist erbarmungslos!“ Lily schüttelt sich vor Abscheu. „Schreckliche Vorstellung“, meint sie. Ihre Begleiterin lächelt und lässt sich die zaghaft hervor lugende Sonne direkt ins Gesicht scheinen. „Wir scheinen doch noch Glück mit dem Wetter zu haben! Und jetzt machen wir uns auf den Weg zur Ausstellung, wegen der wir eigentlich gekommen sind!“

Im Dogenpalast, wo auch Casanovas Zelle lag, herrscht wie immer Hochbetrieb. Schulklassen schubsen sich durch die Prachtsäle, in der Waffenkammer kichern Französinnen vor einem Keuschheitsgurt. Die Sonderausstellung befindet sich in einem separaten Trakt des Palastes. Vor den Werken Tiepolos, Guardis und  vor allem Canalettos mit seinen unübertroffenen Gemälden seiner Heimatstadt ist eine Zeitreise leicht und ohne Anstrengung möglich. Obwohl die Bilder, stumme Zeitgenossen einer vergangenen Epoche nichts von anzüglicher Festivität verraten, zeigen doch die vielen Menschen, Männer in dunklen Umhängen, vollbesetzte Gondeln auf den Kanälen und die Pracht der Bauwerke, dass diese Stadt mehr zu bieten hatte als nur vergangenen Zauber. Hier machte man Geschäfte, betrieb Handel und Wissenschaften. Venedig war das Kulturzentrum Europas schlechthin. Jeder Künstler strebte eine’ Ausbildung in Venedig an, wollte für die großen Meister arbeiten und so mancher fand auch einen Gönner, einen Mäzen, der ihn aus reiner Liebe zur Kunst großzügig förderte.

Ein wenig müde von dem langsamen Schlendern durch die eindrucksvolle Galerie geworden, lässt Amelie sich auf eine der Samtbezogenen Ruhe Bänke in der Mitte eines Saales sinken. „Ich mach kurz Pause“, beschließt sie. „Auch vom Zentrum des Raumes kann man die Bilder sehr gut auf sich wirken lassen! Fünf Minuten reichen mir schon, bevor es weitergehen kann!“ Lily läuft allein die Runde an den Gemälden entlang. Zu ungeduldig zum Warten, zu fit zum Ausruhen. Amelie spürt die wohlige Müdigkeit, die sich mit einer tiefen Zufriedenheit paart. Diese Tage versprachen viel Kultur, Entspannung und bleibende Eindrücke, ganz wie sie es erwartet hatte.

 

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