Schatten über der Provence

Kapitel 13

 

Er hat sie so rasch entdeckt, dass es ihn selbst überrascht. Die alte Lady in ihrem Palazzo war mehr als bereitwillig gewesen, ihm Auskunft über Amelies Verbleib zu geben. Er musste nicht einmal alle Facetten seines männlichen Charmes spielen lassen. Die Comtesse hatte ein angeborenes Gespür für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, fand er. Aus schmalen, Welt erfahrenen Augen hatte sie ihn betrachtet und ihm in knappen Worten von der Gemäldeausstellung berichtet. Er küsste ihre Hand, sie sie ihm auffordernd und kokett entgegenstreckte und meinte noch: “Es wird Zeit, junger Mann, wer immer Sie auch sein mögen, dass Sie diese Angelegenheit in Ordnung bringen!“ Zustimmend nickend hatte er den Palazzo verlassen, war ins wartende Motorboot, das samt einem Sicherheitsbeamten auf ihn gewartet hatte, gesprungen, und ließ sich zum Dogenpalast schiffen.

Sein Begleiter blieb diskret am Eingang des Saales stehen, wie Dan es verlangt hatte,  und seine wachsamen Augen musterten jeden einzelnen der Besucher und ließen auch den Schauspieler nicht aus den Augen.

Ein tiefes Gefühl von Freude und gleichzeitig auch Reue, die sich bitter durch seine Seele zieht, durchströmt diesen, als er sie in der Mitte des Ausstellungsraumes erblickt, wie sie friedlich und in Gedanken versunken auf der ausladenden Ruhebank sitzt und scheinbar die Welt rund um sich nicht wahrnimmt. Sein zärtlicher Blick heftet sich auf die Rundung ihrer Mitte, und ihm wird ganz schwindlig sich vorzustellen, dass es möglicherweise seine Kinder waren, die diese junge, verträumt blickende Frau in sich trug. Ein Gemisch von Gefühlen der Zärtlichkeit und Rührung macht ihn leicht benommen und er bezeichnet sich selbst als sentimentalen Trottel. Entschlossen bahnt er sich seinen Weg in ihre Richtung, zögert kurz, blickt stumm auf sie nieder, als er hinter ihr steht, unbemerkt und bewegungslos. Ihr zarter Nacken lädt ihn ein, einen liebevollen Kuss darauf zu hauchen, doch er unterlässt es, wenn auch nur mit großer Überwindung seiner Gefühle. Ihr lose aufgestecktes Haar kringelt sich um ihren kleinen Kopf, ihre schmalen Schultern hat sie etwas hochgezogen, ein wenig, wie ihn abwartender Gegenwehr. Was sollte er sagen, was konnte er sagen? Würde sie ihn gleich zum Teufel jagen, ohne auf irgendwelche Erklärungen zu warten? Verdient hätte er es ja …

 

Unbehaglich ist es, dieses Gefühl, jemandem im Rücken stehen zu spüren, der einen beobachtet. Nah, viel zu nah, für ihren Geschmack! Sie wartet ein paar Sekunden, in denen sie überlegt, welcher Ignorant so wenig Anstand besitzen könnte, hinter ihr zu stehen und vielleicht gar auf sie hinunter zu starren, statt die Gemälde ringsum zu betrachten. Ein Italiener, der sich für Casanova persönlich hielt? Vielleicht wollte er ihr Dann auch noch einreden, er sei ein direkter Nachfahre des großen Frauenverführers…

Dieser Verdacht macht sie zornig und sie Dreht den Kopf, schaut aus den Augenwinkeln hoch, bereit, den richtigen Kommentar zu der unverschämten Anmaßung dieser fremden Person abzugeben. Ein Kind vielleicht? Dann will sie es gerne entschuldigen. Doch Kinder stehen nicht so lange und still herum. Sie sind direkt und ohne Scheu! Kaum hat sie diesen Gedanken fertig gesponnen, vergisst sie, was sie eben noch beschäftigt hat. Ja, sie vergisst alles um sich herum, Denn eine heiße Welle Adrenalins durchströmt sie von den Haarspitzen bis in die Zehen, als eine Ahnung, eine Hoffnung nur, sie erfasst und ihr Herz rasen lässt. Sie springt wie elektrisiert aus ihrer Ruhestellung hoch und blickt in die ernsten, und doch so unverkennbaren, grünlich schimmernden Augen Daniels, der hinter ihr gestanden hatte, mit verschränkten Armen, scheinbar unentschlossen, wie er sie ansprechen sollte, und nun vor sie getreten war. Langsam, fast ängstlich streckt er ihr die Arme entgegen und sie legt zögernd, aber getrieben von einer inneren Sehnsucht, ihre Hände in die seinen. Die dunkle Sonnenbrille hat er ins Haar geschoben, das sich ein wenig länger, welliger, um seinen markanten Kopf ringelt, als wie beim letzten Mal. Dieser sonst so sichere Mann trägt einen so ernsten, fast zaghaften Ausdruck auf seinen Zügen, wie sie ihn nie bei ihm vermutet hätte.  Seine kräftigen Beine stecken in hellen Jeans und die Ärmel seines weißen Baumwollpullis hat er lässig bis zu den Ellbögen hochgeschoben. Viele Sekunden lang sehen sich beide an, versuchen sich zu fassen. Einen Moment lang wird ihr Bewusstsein von dem irrsinnigen Gedanken durchzuckt, dass es ein Fremder sein musste, den sie anstarrte. Denn nichts anderes konnte es sein! Ein Auswuchs ihrer verdrängten und besiegt geglaubten Gefühle. Ein Narrenspiel ihres Hormonhaushalts, der sie zum Besten hielt!

Fast unwillkürlich entzieht sie ihm ihre Hände, die sich wie schützend auf die zarte Rundung ihrer Bauchmitte legen. Doch ihre Halluzination murmelt ganz plötzlich und ganz nah an ihrem Ohr ihren Namen, begleitet von diesem unverkennbaren Duft des herb männlichen Duftwassers, den sie von Zeit zu Zeit, in ganz schwachen Momenten, versucht, gewaltsam in ihre nasale Erinnerung herauf zu beschwören, gegen jede Vernunft, natürlich! Aber was war schon vernünftig, wenn es um Liebe und Sehnsucht ging?

Zwei starke Arme umschließen sie, so angenehm und sicher. Lippen streifen ihr Ohr, ihre Wange, und sie kann nicht an sich halten, und ein Seufzer der Erlösung und Sehnsucht zugleich, der aber auch die Nachwehen unterdrückter Enttäuschung in sich beinhaltet, kommt über ihre Lippen. Sie schließt die Augen, Denn ihr wird plötzlich ganz schwindlig von all den gemischten Gefühlen, und als sie sie wieder öffnet, weiß sie mit Sicherheit, dass es sich ganz gewiss um keine Halluzination, keinen Wunschtraum oder ähnliches handeln konnte.

Daniel steht vor ihr, hält sie fest, und sie blickt zu ihm hoch, bis der Anblick seines Gesichtes, den der alten Gemälde und anderer Menschen vollkommen auslöscht. Beglückt und wehmütig zugleich, kann sie seinen warmen Atem spüren, als er leise, aber mit fester Stimme bittet: „Verzeih mir, Amelie! Ich habe keine wirkliche Entschuldigung für mein Schweigen! Ich könnte Dir zwar hundert Gründe nennen, oder zumindest, zwei, drei, recht glaubhafte und auch wahre, aber das wäre feige und niederträchtig! Ein Anruf hätte genügt. Und ich habe es verpasst! Schlag mich, trete mich, aber bitte, hasse mich nicht deswegen.“

Amelie spürt, wie ihre Kraft sie zu verlassen droht, und ist unfähig, auch nur ein Wort, einen Ton hervorzubringen. Stumm gibt sie den Blick zurück und er weiß nicht, was er davon halten soll. Gewiss ist sie so überrascht, oder überrumpelt, dass sie noch zu keiner Reaktion fähig ist. Er hält sie fester, setzt sie vorsichtig zurück auf die weiche Ruhebank, und, ohne sie dabei loszulassen, nimmt er neben ihr Platz. Er betrachtet ihr Profil, ihre Züge, die sich nach und nach lockern, bis sie sich langsam zu einer Antwort durchringt, auf die er bangend wartet, und mit beherrschter Stimme leise sagt: „Wieso bist Du hier?“

Er gesteht sich ein, dass er eine andere Reaktion erwartet hatte, doch atmet gleichzeitig auf, dass sie ihm nicht gleich eine ablehnende Hasstirade ins Gesicht schleudert, aber das wäre nicht ihre Art gewesen. So wenig schien er sie erst zu kennen!

„Ich musste Dich sehen! Nicht nur, um Dir im Namen meiner Mutter für Deine aufmerksame Geste zu danken! Ich habe dem Zufall ein wenig auf die Sprünge geholfen. Ich habe nach Dir gesucht, Amelie! Und es war nicht so leicht, wie ich es mir vorgestellt habe, Dir auf die Spur zu kommen! Aber jetzt bist Du hier, neben mir, und ich bitte Dich, mir eine zweite Chance zu geben.“

Er sieht es als gutes Zeichen an, dass sie sich nicht empört aus seiner Umarmung zu befreien sucht, und er versucht zu lächeln, was allerdings ein bisschen mickrig ausfällt. Sie kann nicht anders, sie gibt dieses Lächeln zurück, ein wenig belustigt, und doch so befreit. „Ich war Dir nie böse“, ihre Stimme ist fester geworden. „Warum auch? Du hast mir nichts versprochen, und dass Dein Beruf allen Dingen voran geht, das habe ich angenommen. Es ist doch ähnlich auch bei mir, nicht wahr?“

Er findet, dass sie viel zu nachsichtig mit ihm ist! Verdammt, er hatte sie ohnehin nicht verdient! Er war ein hoffnungsloser Idiot, unfähig, weiter zu denken, als bis zur Spitze seines besten Stücks!

„Ich hätte mich mehr um Dich kümmern sollen“, wendet er ein. Sie lacht leise: „Aber ich bin kein Kind, Daniel! Ich war immer auf mich alleine gestellt und habe das bis jetzt ganz gut hingekriegt! Oder bist du anderer Meinung?“ Er wirkt ein wenig verlegen, aber mehr noch, zerknirscht. Die Frage, die ihm auf der Zunge brennt kann er nur mühsam zurückhalten. Er weiß nicht, wie er beginnen soll. „Ich muss mit Dir reden, Amelie! Aber nicht hier! Bitte lass uns woanders hingehen, wo wir ungestört sind, ja?“

Sie schüttelt den Kopf. „Ich bin nicht allein hier. Ich kann nicht einfach weggehen.“ Fast abrupt hat er sie los gelassen, sein Blick wird eine Spur dunkler, seine Stimme kühler. „Du bist mit Deinem Verlobten hier, nehme ich an, diesem „Möchtegern-Bonaparte!“ Sie blickt prüfend in seine Augen, die sie so liebt und sie faszinieren, so wie auch jetzt und lacht dann hell auf: „Du nimmst falsch an! Ich bin nicht verlobt! Daran hat sich nichts geändert. Philippe und ich verkehren, wenn überhaupt, nur auf rein geschäftlicher Basis. Ich habe ein junges Mädchen dabei, das mir zur Hand geht und mir auch im Geschäft aushilft! Du wirst staunen, aber ich habe London kaum verlassen, seit, ….seit…“ sie sucht nach dem passenden Wort.

„Seit wir zusammen waren?“ hilft er ihr aus. Sie nickt und verkrampft ihre Finger ineinander. Nur keine Erinnerungen heraufbeschwören! Unmöglich, wenn er hier neben ihr saß, und versuchte, sich irgendwie recht zu fertigen, weil er sang- und klanglos in der Natur verschwunden war, nach einer einzigen, folgeschweren Liebesnacht! Doch er war ihr nichts schuldig! Es war ihr Wunsch gewesen, ihre ganz alleinige Entscheidung, die Folgen jener Nacht nicht einfach und schnell beseitigen zu lassen, sondern ihr Leben dementsprechend und bedeutsam umzukrempeln. Allein, und warum nicht? Schließlich war sie bald schon nicht mehr allein….

Er hatte tausend Fragen auf der Zunge. Hatte sie eine neue Beziehung? Verdammt noch mal, wer war der Vater ihres Nachwuchses, der so offensichtlich in ihr heran wuchs! Sie weiß, welche Fragen ihn quälen, sie spürt es, auch wenn er sie nicht in Worte fasst. Doch mit einer genüsslichen Genugtuung lässt sie ihn absichtlich zappeln. Eine kleine Revanche für die ungestillten Nächte der Sehnsucht, des Grübelns, der Gekränktheit, dass sie ihm anscheinend so wenig bedeutete, dass er sich einfach nicht mehr bei ihr gemeldet hatte, nicht einmal als Freund, den er zu sein vorgab!

Lily war inzwischen neugierig näher geschlendert. Ihr Rundgang durch die Ausstellung war beendet und sie fühlte sich fast übermannt von den riesigen Gemälden und in eine andere Zeit versetzt. Lily hatte den Schauspieler von weitem schon erkannt. Er also war….!  Diese Tatsache erscheint ihr so phantastisch und unglaublich zugleich, da sie erst tief durchatmen muss, bevor sie sich getraut, die beiden bei ihrer anscheinend recht tiefgehenden Unterhaltung zu stören.

„Hi“, versucht sie ungezwungen von sich zu geben, mit einem breiten Lächeln, als habe sie eben einen ihrer Nachbarn getroffen und nicht einen der populärsten Filmschauspieler ihrer Zeit. Daniel grinst und streckt ihr die Hand hin:“ Hi! Du bist Lily, nehme ich an! In Eurer Strasse seid ihr beiden Hübschen in aller Munde! Deswegen hatte ich auch das Glück, Euch aufgespürt zu haben!“ Lily ergreift die feste, warme Hand des Mannes und versucht so wenig verlegen wie nur möglich zu wirken. Ihre Beine zittern ein wenig. Die Situation erscheint ihr fast grotesk, vor allem, nachdem einige der Besucher zu tuscheln beginnen und Daniel in wenigen Minuten kein Unbekannter mehr sein wird. „Wir sollten gehen“, meint er, nach einem prüfenden Blick in die Runde.

„Wenn es Dir nichts ausmacht, Amelie, dann genieße ich noch ein wenig den Nachmittagstrubel an den Ufern der Stadt. Ich finde schon allein zurück in den Palazzo! Ich nehme mir dann einfach ein Boot! Okay?“ Dankbar nickt Amelie. Das Mädchen war feinfühliger als die meisten ihres Alters. Sie lässt sich von Daniel nach draußen führen, und zum Boot geleiten, das auf ihn wartet. Mit einem nickenden Gruß folgt ihnen der Securityman. Dan hilft ihr ins Boot und gemeinsam stehen sie am Bug, während das schnittige Schiff mit mäßigem Tempo die Kanäle der Lagunenstadt durchpflügt. Nur kurz ist die Fahrt.  Sie wechseln in ein kleines Ristorante, dessen Terrasse mit den wenigen Tischen direkt über dem Wasser liegt. Ein grün-weiß gestreifter Store schützt sie vor neugierigen Blicken anderer Terrassengäste und daneben gleiten Motorboote und traditionelle Gondeln gleichermaßen auf dem Canale vorbei. Unbemerkt bezieht Dans Begleiter abermals seinen Posten in unmittelbarer Nähe und die beiden sind endlich unter sich, nachdem der Kellner ihre Bestellung entgegengenommen hat.

Daniel hat es absichtlich vermieden, ihr vorzuschlagen, sie in seine Hotelsuite zu bringen. Er wusste schließlich nicht, woran er war. Vielleicht hatte sie ihre Wut bis jetzt nur zurückgehalten, ihre Enttäuschung, oder, viel schlimmer noch, ihre Gleichgültigkeit ihm gegenüber!

„Meine Mutter war sehr krank“, beginnt er, nachdem er ihr den Stuhl zurecht gerückt hat, und fährt sich mit der Linken über die Stirn, als könne er so die Sache vergessen. „Ich hätte sie beinahe verloren!“ Amelie betrachtet ihn eingehend. Die Sorge in seinem Blick war unverkennbar, wird jedoch von einer vagen Erleichterung in seiner Stimme abgelöst. „Ich glaube, sie schafft es. Es sieht gut aus. Ihr Körper hat das Spenderherz bis jetzt akzeptiert. Bleibt zu hoffen, dass es auch weiterhin so gut bergauf geht!“

„Ich habe davon in der Klatschpresse gelesen“, erwidert sie leise und nippt an ihrem Capuccino. „Rein zufällig. Und ich habe an Dich gedacht! Ich hätte Dir gerne beigestanden, aber diese Dinge des Lebens muss man wohl alleine durchstehen!“

Er legt den Kopf zur Seite. Soviel Verständnis ihrerseits stand ihm gar nicht zu!

„Ich wäre so gerne wiedergekommen“, versichert er eindringlich, „damals, nach London! Aber die Dinge haben sich überschlagen! Die Verträge für den Film mussten eingehalten werden, na, Du weißt sicher wie das ist!“

‚Woher soll ich das wissen’, wollte sie sagen, doch tut es nicht. Welten lagen zwischen ihnen beide. Er hatte in der ihren ein wenig geschnuppert, ganz zufällig, wahrscheinlich neugierig, doch sie wusste rein gar nichts von der seinen…. Sie schweigt, fragt sich, wann er sie endlich fragen würde. Er trinkt sein Bier in einem Zug leer, setzt das Glas nachhaltig auf dem Tisch ab und nimmt ihre Hände in die seinen, unter diesem zierlichen, runden Metalltischchen, an dem sie sitzen.

„Wie fühlst Du Dich, Amelie? Geht es Dir gut?“ Sie nickt zuversichtlich, hält seinem fragenden Blick stand. „Bin ich….“ fährt er fort. „ Ich meine, halte mich nicht für unverschämt, Amelie, aber,… Du bekommst ein Baby! Es wird sogar gemunkelt, es seien zwei….“

Sie lacht belustigt und hell auf. Es war zu amüsant mitanzusehen, wie er sich abmühte, die richtige Formulierung für die einfache Frage zu finden.

„Und nun willst Du wissen, wer der Vater ist?“ Er nickt, schluckt und schenkt ihr einen bittenden Blick. „Warum nimmst Du an, ein Recht darauf zu haben, dass ich es Dir verrate?“ neckt sie ihn ernsten Blickes.

„Verdammt, Amelie! Mach es mir nicht so schwer! Ich weiß dass ich eine Abfuhr verdiene, aber nimm meine Entschuldigung an, nur dieses eine Mal!“

„Ich war Dir nicht böse“, lügt sie ein wenig und verdrängt die Gedanken der Trostlosigkeit und verdrängten Sehnsüchte nach einer zärtlichen Berührung und nur nach einem einzigen Wort von ihm. Ihn wieder zu sehen ist mehr als sie sich je erhofft hatte. Sie wird ernst. „Nun, ich erwarte Zwillinge, es stimmt. Und ich erwarte keinerlei Hilfe, keinerlei Kommentar, nicht von Dir, nicht von Philippe und schon gar nicht von der hinterlistigen Bande meiner Mitbewohner in meiner Heimatstadt! Das ist mein Leben, meine Entscheidung und auch meine Zukunft! Ich habe alles bestens im Griff!“

Er vermeint, ein wenig Trotz in ihrer Stimme mitschwingen zu hören und kann sie verstehen. Ihre Wangen haben sich gerötet, während die Worte nur so über ihre Lippen sprudelten. Man hat es ihr nicht leicht gemacht, in letzter Zeit, trotz ihres beruflichen Erfolges.

Er drückt zustimmend und zärtlich ihre Hände, die sie ihm nicht entzogen hatte. Damit war seine Frage aber erst zur Hälfte beantwortet.

„Amelie“, fleht er, „bitte….“

„Philippe ist es nicht!“ setzt sie entschlossen und langsam fort. „Und auch sonst hatte ich keinen Mann in meinem Bett, nicht jetzt, nicht zuvor. Außer…“, sie holt tief Luft und schüttelt ihr Haar, das sich inzwischen aus den sie festhaltenden Spangen gelöst hatte. „Na, eben, Du weißt schon…“.

„Außer mir?!“ beendet Dan ihre Phrase. „Ist es das? Ich werde Vater von Zwillingen und hätte es womöglich nie erfahren?“

Sie sieht ihn hitzig an. „Ich hätte Dir meine Babies nicht aufgedrängt, Daniel MacArthur! Ich weiß, Du bist ein viel beschäftigter Mann!“ Ihr Blick ist undurchdringlich, lässt nicht auf ihre wahren Gefühle schließen.

„Ist das Deine Rache, Amelie?“ murmelt er enttäuscht.

„Ich hege keinerlei Rachegefühle für Dich, Daniel! Wir hatten eine kurze, wenn auch heftige Affäre! Zu kurz um anschließend Rachegefühle aufkommen zu lassen! Wofür hältst Du mich eigentlich? Ich werde Mutter, aus eigener Entscheidung, egal von wem, aber bin ich Dir deswegen etwas schuldig, oder besser noch, Du mir?“

Er fährt sich fahrig durchs Haar, übertölpelt, hat ihre Hände losgelassen und grollt leise: „Wir sind uns gegenseitig nichts schuldig, Amelie, aber den Kindern wohl doch, und zwar alle beide! Wir werden Eltern!“

„Bist Du sicher, dass Du Anteil an ihrem Leben nehmen willst, ganz ohne Schuldgefühl mir gegenüber heraus?“ fragt sie ihn leise, doch direkt und ohne Umschweife.

„Und ob ich das bin, Amelie! Wie kannst Du daran zweifeln! Wir sollen zusammen bleiben, nicht der Kinder wegen! Einfach weil wir zusammen gehören! Spürst du das nicht?“

Ein wenig Spott in ihren Augen ist die Antwort auf seine spontane Aussage, die sie schief lächeln lässt: „Und das fällt Dir einfach so ein, nach monatelangem Schweigen und einer einzigen Nacht, die wir miteinander verbracht haben? Woher die plötzliche Eingabe, Daniel MacArthur?“

„Ich habe es immer gefühlt“, meint er leise. „Du nicht? Hast Du nichts empfunden! Ich meine, neben all der Leidenschaft, die wir füreinander gefühlt haben, ist da nichts anderes geblieben, in Dir?“
Sie lässt seine Frage unbeantwortet, und ihre verletzte Seite gewinnt nun doch die Oberhand über all den Schlamassel auf den sie geradewegs zusteuerte: „Ich muss sagen, Du bist ein wirklich begabter Schauspieler Daniel! Du hast diese angeblichen Gefühle recht gut und lang zu unterdrücken verstanden!“

Sie weiß, dass sie ihn verletzt hat, sie sieht es in seinem Gesicht, in seinen Augen, an dem verbitterten Zug, der sich um seine Lippen legt. Sie möchte schreien vor Wut auf sich selbst, ihm entgegen rufen: „Ich liebe Dich, Daniel! Aber ich bin so tief verletzt, es tut so weh! Lass mir Zeit!“, doch sie bleibt stumm und unerbittlich seinem flehenden Blickes gegenüber. Er scheint sich mit der Situation des Verlierers abzufinden. Was hat er auch erwartet? Taucht einfach auf und glaubt mit einem ‚Tut mir leid’ ist die Sache ausgestanden. Eine plötzliche Vaterschaft wäre eine Publicity für die Medien, ein gefundenes Fressen, das er möglicherweise auch mit einkalkulieren konnte… Sie kannte seine Welt nicht, sie kannte ihn nicht, versucht sie ihre ungerechten Gedanken zu rechtfertigen.

„Ich nehme an, das ist eine klare Abfuhr, die Du mir da erteilst, Amelie! Wie konnte ich Idiot mir auch mehr erhoffen! Wenn es Dir Sorgen bereitet hat, ich könnte die Sache zwischen uns an die große Glocke hängen, und Du würdest dadurch belästigt werden, dann kann ich Dich beruhigen! Es wird kein Wort über meine Lippen kommen, nicht heute, nicht später! Aber bitte, verweigere mir nicht den Kontakt zu den Kindern! Lass mich als ihren leiblichen Vater eintragen, nichts mehr verlange ich von Dir! Ihretwegen, aber auch meinetwegen, wie ich zugebe! Ich bitte Dich Amelie, auch wenn Du so voller Groll gegen mich bist!“

„Bin ich nicht“, entgegnet sie knapp. „Ich brauche Zeit“, meint sie schließlich zögernd und senkt ihren Blick während sie unnötigerweise in ihrer leeren Kaffeetasse rührt! „Ich habe soviel um die Ohren! Der Wiederaufbau, diese ganze leidliche Sache zuhause. Ich bin müde, Daniel! Ich will Ruhe und keine weiteren Probleme!“

„Ich werde Dir jedenfalls keine weiteren Probleme bereiten, Amelie, im Gegenteil, ich könnte sie Dir teilweise sogar abnehmen. Du kannst Dich jederzeit auf mich verlassen, in jeder Situation, jede Minute!“ Er beginnt in seiner Hosentasche zu nesteln, kramt ein paar Visitekarten seiner Agenten hervor und schreibt seine neue Mobiltelefonnummer auf die Rückseite. „Wenn Du mich so nicht erreichst, zuhause, wissen sie sicher auch immer Bescheid, wo ich mich gerade aufhalte!“

…Zuhause, klingt es ihren Ohren nach und sie versucht gewaltsam, sich nicht ein paradiesisches gemeinsames Zuhause mit Daniel vorzustellen…

Seine Stimme ist geschäftlich geworden, emotionslos fast, und er kritzelt auch die Privatnummer der Farm mit auf die Karte. Er ruft nach dem Kellner und bezahlt die Rechnung. Amelie fühlt sich, als hätte man einen Kübel eiskalten Wassers über sie ausgegossen. Das war wohl das endgültige AUS zwischen ihnen, und sie hat es herbeigeführt, ohne es zu wollen. Und doch, - sie konnte sich auf nichts anderes einlassen. Noch nicht!

„Ich bringe Dich zu dem Palazzo der Comtesse, wenn es Dir recht ist, Amelie! Ich bin noch bis Ende der Woche in Venedig. Meine Handynummer hast Du. Bitte zögere nicht, sie zu benützen, wenn Du mich brauchst, oder einfach nur, wenn Dir danach ist.“

Sie muss an sich halten, sich nicht an seine breite Brust zu werfen und einfach festhalten zu lassen, aber eine zweite Enttäuschung seinerseits konnte sie nicht mehr verwinden. Sie musste an die Kleinen denken, wollte die restliche Schwangerschaft in Ruhe verbringen, ihre Niederkunft in Frieden und Freude und da hatte ein weiterer Seelenschmerz, erzeugt durch diesen Mann hier, keinerlei Platz.

Während der Rückfahrt sprechen sie kaum ein Wort. Amelie hofft inständig, dass ihr der Wind, der in ihrem Haar wühlt, auch die tiefe Traurigkeit hinweg wehte, doch die hat sich festgekrallt in ihrer Brust und sie fühlt sich plötzlich schrecklich allein. Nur mit Mühe verbirgt sie die Tränen, die bitter aufsteigend aus ihren Augenwinkeln dringen wollen und am Liebsten hätte sie laut los geheult und Daniel Mac Arthur angeschrieen, wie er sie nur so fallen hat lassen können und wie sehr sie ihn trotz allem lieb hatte. Doch sie sitzt steif, wie aus Stein gemeißelt auf dem weißen Ledersitz neben ihm und wagt keinen Blick in seine Richtung. Sie müsste nur die Hand ausstrecken und könnte ihn berühren, aber sie schafft es einfach nicht. Als er ihr aus dem Boot vor dem alten Palazzo hilft, haucht er einen Kuss auf ihre Wange und sie hätte fast aufgeschluchzt vor Schmerz, ihn abermals zu verlieren. Ohne sich umzuwenden eilt sie ins Innere des Gebäudes und lehnt sich mit dem Rücken an die geschlossene Tür, dem Geräusch des leiser werdenden Motorboots lauschend. Das Dienstmädchen der Comtessa war schüchtern heran getreten und fragt nach ihren Wünschen. Sie quält sich zu einem Lächeln und dankt. „Ich werde mich zurückziehen. Sagen Sie der Comtessa, bitte, dass ich nicht zu Abend essen werde. Ich bin sehr müde!“

Das Mädchen nickt und verschwindet lautlos, wie es auch gekommen war. Amelie schleppt sich durch die große Halle und erklimmt die Treppe ins Obergeschoss. Ihre Beine scheinen aus Blei zu sein, ihre Kehle zugeschnürt, als würde sie jemand mit einem Schal erwürgen wollen und ihre Hände zittern vor Nervosität, die sich jetzt erst bemerkbar macht, jetzt, wo sie Daniel, ihren Daniel zum Teufel gejagt hatte. Auf elegante Art zwar und indirekt, aber trotzdem ziemlich bestimmt. Vernunft dort, wo Gefühl hätte bestimmen sollen. Wie sollte das nur gut gehen?

Die Tür zu ihrem Zimmer öffnet sich sofort nach energischem Klopfen und die kleine Comtessa steht mit blitzenden Augen im Türrahmen. „Kann ich reinkommen?“ Schon steht sie im Zimmer, ohne eine Antwort abgewartet zu haben. Wie sollte Amelie auch der Gräfin verbieten, ihre eigenen Gemächer zu betreten?

Sie baut sich vor dem Ruhebett, auf dem Amelie wie ein Häufchen Elend liegt auf und stemmt die reich beringten Hände in die Hüften: „Gehe ich falsch in der Annahme, dass Sie eben die größte Dummheit Ihres Lebens begangen haben, Kindchen?“

Amelie kann dem forschenden Blick der erfahrenen Frau nicht standhalten und nickt zaghaft und zustimmend.

„Ich nehme an, das ist ein JA. Und gehe ich weiters falsch in der Annahme, dass Sie es bereits bitter bereuen und dass Sie den Vater Ihrer Leibesfrucht zum Teufel gejagt haben, um es mal bildlich auszusprechen?“

Als Amelies Unterlippe leicht zu zittern beginnt und ein lautloses Schluchzen aus ihr hervor bricht, bedarf es keiner Antwort mehr. Die Gräfin erfasst Mitleid und sie wird gnädiger, ihre Stimme sanfter, als sie sich an den Bettrand Amelies setzt und ihr leicht übers Haar streicht. „Wir machen alle Fehler, Mädchen, das ist nur menschlich! Das wichtigste ist dabei, immer ehrlich zu sich selbst zu sein und sich nichts vorzumachen.“

Amelie nimmt dankend das zart duftende Spitzentüchlein entgegen, dass die Comtessa aus einem ihrer Ärmel gezaubert hat und tupft ihre feuchten Wangen damit ab. „Ich bin ehrlich!“ setzt sie ihr entgegen. „Zu mir selbst und auch zu ihm! Es ist zu kompliziert.“

„Schwer zu glauben“ tadelt die Comtessa gütig und wackelt mit dem kunstvoll frisierten Kopf. „Irgendetwas scheint bei so viel Aufrichtigkeit ja doch schief gelaufen zu sein!“

„Es ist einfach aussichtslos“, lautet die Erwiderung. „Er hat seine Welt, ich die meine und da gibt es keinen Verbindungsweg dazwischen.“ Nachsichtig lächelnd mustert die alte Dame dieses junge, ihrer Meinung nach unwissende Ding, das noch soviel zu lernen hatte. „Doch“, entgegnet sie bestimmt. „Natürlich gibt es eine Verbindung zwischen zwei auch noch so verschiedenen Welten, die man sich nur vorstellen kann! Man nennt diesen Weg schlicht und einfach Liebe! Schon mal was davon gehört? Das ist die Verbindung der Welten, der Menschen und ihrer Geister. Sie setzt alles außer Gefecht, das ein Zusammenkommen zweier Seelen, die zusammengehören auch noch so erschweren könnte. Es gibt weder soziale Klüfte, noch kulturelle oder religiöse, die sie nicht bezwingt. Die Liebe schlägt die Brücke zwischen Liebenden. Das ist doch so einfach und liegt auf der Hand! Haben Sie darüber noch nie nachgedacht?“

„Und was ist mit Vertrauen und Aufrichtigkeit? Was ist, wenn einer der beiden sich irrt und sich selbst etwas vormacht?“ Amelie sprudelt ihre Fragen der Gräfin entgegen, doch diese scheint für alles eine besondere Antwort parat zu haben. „Damit meinen Sie wohl ihn“, konstatiert die Gräfin richtig. „Wie es um ihre Gefühle für den Mann steht, nun, das sieht ja selbst ein blindes Huhn! Und - Garantien gibt es für nichts im Leben, meine Liebe!“ beschwichtigt sie Amelies Fragesturm. „Niemand weiß was morgen ist. Und es ist bekannt, dass Liebe die Menschen verändert und zur Besinnung bringt. Wer kein Risiko eingeht, der lebt auch nicht“, setzt sie hinzu. „Oder er bleibt allein und unerfüllt! Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass sich jedes Risiko lohnt, geliebt zu werden! Einfach jedes!“

„Ich darf nicht nur an mich denken“, murmelt Amelie mehr zu sich selbst als zu ihrer Gastgeberin. „Ich muss an das Leben denken, das in mir heran wächst und für das ich die Verantwortung trage!“

Die Gräfin kichert und erhebt sich. „Ja genau! Aber nicht nur Sie allein! Er war ja wohl auch an der Sache mit Nachdruck beteiligt“, scherzt sie. „Und mit ihren Worten haben Sie den Nagel selbst auf den Kopf getroffen!  Verantwortung ist ein großes Wort, aber eine nicht zu beschreibende Aufgabe, von allergrößter Wichtigkeit, wenn man sie ernst nimmt! Geteilt wird die Sache um vieles leichter, das können Sie mir glauben.“ Sie seufzt, macht Anstalten zu gehen. „Und jetzt schicke ich das Mädchen mit einem Tablett herauf und sie werden brav aufessen, was sich darauf befindet. Eben weil sie jetzt nicht nur an sich selbst denken dürfen, nicht wahr?“ Sie wartet keine Antwort ab und verschwindet genauso geräuschlos, wie sie auch gekommen war und überlässt Amelie ihren eigenen grüblerischen Gedanken.

 

                                                                       *****

 

Nach einer unruhigen Nacht, während der sie sich schweißgebadet im Bett herumwirft und von kurzen, aber heftigen Alpträumen geplagt wird, kann sie sich nur unter strengster Selbstdisziplin dazu durchringen aufzustehen. Doch das war sie Lily schuldig, auch wenn sie am Liebsten den Rest der Woche hier in diesem barock-schwülstigen Schlafgemach verbracht hätte, vergraben unter der Satinschweren roten Damastdecke, hinter heruntergelassenen Jalousien, um die Welt draußen, die lachte und glücklich war, feierte, und sich des Lebens erfreute,  auszusperren. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie ein Wiedersehen mit dem Geliebten so aus der Bahn werfen würde. Vor allem aber, dass sein Anblick bei ihr immer noch so heftige Gefühle, die sie schier erdrückten, hervorriefen. Sie fühlt sich elend und fiebrig.

Die Comtessa misst sie mit kritischem Blick während des Frühstücks und Lily

wankt zwischen neugierigen Fragen, die zu stellen sie ja doch nicht wagt und lauten Begeisterungsstürmen über Daniel MacArthur hin und her. Doch nun sitzt sie nur still an dem großen Tisch und beobachtet Amelie verhohlen, wie sie ihr gegenüber an ihrem Capuccino nippt.

„Sie sollten essen, meine Liebe, und zwar für drei!“ lässt sich die etwas heisere Stimme der Comtessa, die gepudert und adrett gekleidet, wie immer, am Kopfende des Tisches über ihre Gäste wacht. Amelie nickt lächelnd und greift nach einem frischen Croissant, das sie jedoch nur gedankenverloren zwischen ihren Fingern zerbröselt, ohne auch nur einen einzigen Bissen davon genommen zu haben.

Eine Zeitlang beobachtet die alte Dame das stumme Treiben, bevor sie beschließt, dieser morbiden Stimmung ein Ende zu setzen. „Was haben die Damen heute vor, wenn ich fragen darf?“ Lily blickt erwartungsvoll zu Amelie und diese ratlos zu ihrer Gastgeberin. „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht“, meint sie leise.

„Wollen sie nicht diesen charmanten Herren einladen, der gestern so eindringlich nach Ihrem Verbleib gefragt hat! Ich würde mich freuen, wenn er uns beim Dinner Gesellschaft leisten würde!“

Lilys Augen leuchten erwartungsvoll und erlischen, als sie Amelies Antwort zu hören bekommt: „Nein, danke, das ist überaus großzügig, Madame, aber ich werde diesen Mann nicht mehr treffen. Es tut mir leid!“

„Und mir erst“, gibt die enttäuschte Comtessa mit einem viel sagenden Blick auf Lily zurück. „Und ich denke, ich bin nicht die Einzige, die es bedauert, dass wir uns der Anwesenheit eines so gut aussehenden Mannes an unserem Tisch nicht erfreuen dürfen. Lily, mein Kind, was sagst Du zu dieser Enttäuschung?“

Sie steht dem jungen Mädchen regelrecht ins Gesicht geschrieben.

„Es ist sehr schade“, entgegnet Lily, an die Comtessa gewandt. „Man hat nicht jeden Tag das Glück einem so berühmten Schauspieler zu begegnen. Ich hätte gerne ein wenig mit ihm geplaudert!“

„Du machst mich neugierig, mein Kind“, ereifert sich die alte Dame mit einem langen Seitenblick auf die stumme Amelie, die in ihrer Tasse rührt, als wolle sie mit dem Löffelchen den Porzellanboden ihrer Schale durchscheuern. „Das musst Du mir aber genauer erzählen, um wen es sich da handelt. Ich war eine glühende Verehrerin von Marcello!“ Sie lässt den Namen auf ihrer Zunge rollen, als hätte sie ein exquisites Sahnebonbon im Munde. „Marcello Mastroianni! Ach, welch ein Mann das war! Ich bin ihm mehrere Male begegnet, musst Du wissen! Und Fellini, unser großer Meister Fellini! Ich könnt Dir Sachen erzählen….! Ah…, la Dolce Vita! Aber die sind für Deine jungen Ohren noch nicht geeignet…“ Ein langer, koketter Augenaufschlag begleitet ihre Worte.

Gezwungenermaßen muss Amelie mit anhören, wie Lily von Daniel MacArthur zu schwärmen beginnt, von seinen Filmen, von seinem Aussehen und, vor allem, von der gestrigen Begegnung mit dem Meister höchstpersönlich. Sie hätte sich am Liebsten die Ohren zugehalten, doch das wäre ihrer Gastgeberin gegenüber unhöflich gewesen, die sich plötzlich sehr fürs Filmgeschäft zu interessieren scheint. So muss demnach ein zweites Croissant dran glauben, und es verwandelt sich zwischen ihren nervösen Fingern in einen Haufen unansehnlicher brauner Krümel auf dem reich geschmückten, gold verzierten Tellerchen. Als ihre junge Begleiterin endlich mit eifersroten Wangen ihre Hymne auf Daniel und sein Talent beendet hat, atmet sie auf. Doch schon wird sie zum Interessenszentrum der Comtessa, die sie unverhohlen anspricht: „Meine liebe Amelie. Ich bin eine alte Frau und deshalb werden Sie mir meine Neugier doch sicher nachsehen. Aber dieser Daniello schien Sie verzweifelt zu suchen. Er schien mir sehr besorgt um Sie zu sein!“

„Hat er das etwa gesagt?“ fragt Amelie verwundert.

„Nein, mein Kind, das muss ein Mann nicht sagen. Ich bin schon lange auf dieser Welt und ich war ganz gewiss kein Kind von Traurigkeit, bevor ich meinen Mann, Alfredo, kennen gelernt habe. Sie können also meiner Erfahrung trauen! Dieser Signore war in Sorge um Sie, aus welchem Grund auch immer.“ Ein bedeutsamer Blick gilt Amelies Leibesmitte, das bleibt auch von Lily nicht unbemerkt.

„Er wird schon seine Gründe haben, denke ich! Ist es nicht so, bella ragazza?“

Wozu alles verschweigen? Sie hatte sich für nichts zu schämen, überlegt Amelie eine Sekunde lang, bevor sie den wartenden Frauen ihre Antwort in möglichst gelassenem Tonfall gibt: „Wir haben uns einmal flüchtig kennen gelernt, Daniel und ich!“ Sie ignoriert die bedeutsamen Blicke, die sich die Comtessa und Lily gegenseitig zuwerfen, und nach einem schwachen Seufzer fährt sie fort zu erzählen: „Er hat mir sogar einmal das Leben gerettet, rein zufällig, als mein Haus in Frankreich durch ungeklärte Ursache in Brand geriet und ich darin eingesperrt war. Danach sind wir gemeinsam nach London gereist, er seiner Verpflichtungen wegen, ich, um meine Sammlung auszustellen. So habe ich auch Lily kennen gelernt!“

Enttäuscht blicken die beiden Zuhörerinnen sie an. „Aber das war doch nicht alles, meine Liebe“, konstatiert die Comtessa brüskiert. „Rein zufällig, sagen Sie? Nichts ist Zufall in diesem Leben, und schon gar nicht, dass man aus einem brennenden Haus gerettet wird! Ich habe selten einen solchen Unfug gehört! Der Mann ist Ihnen doch von höheren Mächten geschickt worden! Sie durften einfach nicht sterben, weil noch sehr viel mehr auf Sie wartete, das ist alles!“ Sie macht ein Päuschen und beobachtet Amelies zweifelndes Mienenspiel. „Ihr Lebensretter hat sie doch nicht sofort danach im Stich gelassen, oder?“ lautet die nächste Frage. Hatte sie der Gräfin nicht schon genug gestern Abend anvertraut? Warum hörte sie nicht endlich auf, in sie zu bohren?

„Wonach?“ stellt Amelie sich dumm.

„Wenn wir Ihnen schon die Beichte abnehmen, Amelie, dann bitte verschweigen Sie uns nichts, Sie können uns ja vertrauen! Wir sind hier unter Freundinnen, nicht wahr?“ Mit Verschwörermiene misst sie Lily und dann Amelie.

„Ist dieser artista wirklich der Vater ihrer Kinder?“ Ein Blick in Amelies Augen erspart dieser die Antwort. Die alte Lady lächelt selbstgefällig: „Ja, er ist es! Dachte ich es mir doch! Und dann hatten Sie Streit und jetzt bereut er und….“

„Nein, nein“, beeilt sich Amelie zu berichtigen. „Wir hatten nie Streit gehabt. Es stimmt, es gab eine schwache Stunde, eine einzige Nacht und danach ging wohl jeder seinen Verpflichtungen nach. Zudem wurde Daniels Mutter sehr krank, und….“

„…Sie sind alleine geblieben, waren schwanger und er hat es nie erfahren!“ vervollständigt die weise Dame den Satz.

Amelie seufzt aus tiefstem Herzen: “So ungefähr war es wohl. Doch ich war sehr glücklich, über diesen Zustand, das müssen Sie mir glauben!“ Dabei klopft sie erklärend auf ihren Bauch.

„Natürlich tue ich das“, entrüstet sich die Comtessa. „Sie leuchten ja von innen, Kind! Die bevorstehenden Mutterfreuden beglücken sie durch und durch! Man kann es sehen. Was ich nicht verstehe, ist, dass Sie Ihre Grande Amore nicht mehr sehen wollen, obwohl es Sie unglücklich macht!“ Sie hebt abwehrend beide Hände als Amelie zu protestieren versucht. „Keine Ausflüchte! Sie sind vollkommen niedergeschlagen, nervös und haben keinen Hunger, keine Freude mehr hier zu sein, keine Lebenslust! Was glauben Sie, wohin das führt? Sie werden sich krank machen und ihre bambinis ebenfalls! Ist das etwa vernünftig? Wovor haben Sie Angst, Bambino pazzesco!?“ Sie ringt theatralisch die Hände und blickt auf die hohe Decke des Salons. „Il Mio. dio! Was ist nur in die jungen Leute von heute gefahren! Sie lieben einander und fürchten sich vor diesem göttlichen Geschenk der Gefühle!“

Amelie findet, dass sie genug geplaudert hatten. Die Comtessa machte aus ihrer banalen Geschichte eine italienische Opera ! Sie legt ihre Serviette auf den Teller zurück und setzt ein höfliches Lächeln auf. „Ich werde mich jetzt zurechtmachen für einen Spaziergang mit Lily, wenn Sie erlauben, Madame!“

Die Angesprochene nickt gnädig. Lilys Gesicht brennt immer noch rot vor Aufregung und romantischen Vorstellungen.

„Ich wünsche den Damen einen exzellenten Tag“, meint Madame heiter. Und als die beiden sich nach einem freundlichen Gruß bereits abgewandt haben, erreicht sie noch die zuckersüße Bemerkung: „Im übrigen, habe ich es meinen lieben Gästen noch nicht mitgeteilt? Ich werde am Samstag ein kleines Fest unter Freunden geben. Ihnen zu Ehren, liebste Amelie! Ein Carnavalsfest in kleinem Rahmen, versteht sich. Für Masken und Verkleidung ist gesorgt. Ich habe einen ganzen Raum voll Ramsch, die von vielen, bereits gefeierten, Festen in diesen alten Räumen herstammen. Es wird sich das Passende für jeden von Ihnen beiden finden!“ Mit Genugtuung registriert sie Amelies Unmut, denn sie weiß doch genau, dass angebrachte Höflichkeit es nicht erlaubt, die Einladung auszuschlagen. Sie freut sich über ihren Trumpf und lässt die beiden ziehen. Die Jüngere im Rausch der Vorfreude, die Ältere mit einer ziemlich großen Unbehaglichkeit in der Magengegend, weil sie so gar nicht für derartige Späße aufgelegt war!

 

weiter...

    zurück zu