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Schatten über der Provence |
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Kapitel 14
Kein Anklopfen kündigt Philippe Derrieus stürmischen Auftritt in das hellgelb gestrichene Krankenzimmer an. Er sieht aus, als würde er jeden, der sich ihm in den Weg stellen wollte, persönlich in den Boden stampfen. Als er in das entstellte Gesicht seiner einzigen Tochter blickt, schluchzt er laut auf. Der starke, unbeugsame Mann blickt auf das Häufchen Elend hinunter, das einmal seine Lebenssprühende, schöne Tochter war. Viel war nicht von ihr zu sehen, denn die weiße Bandage um ihren Kopf lässt nur die blau unterlaufenen, geschwollenen Augenlider frei, ein wenig von der Nasenspitze und die malträtierten, blutigen Lippen. Ihr kleiner, schlanker Körper in dem dünnen Spitalshemd weist ebenfalls mehrere Spuren von Gewalttätigkeit auf, Kratzer, Abschürfungen und eine Unzahl von Hämatomen. Der Stationsvorstand war lautlos hinter Philippe getreten und wartet diskret darauf, dass sich der Mann gefasst hat. Das passiert auch ziemlich rasch, denn dem ersten Schock folgt eine Höllenwut, die er nur mäßig bezähmen kann. Der Arzt bemerkt sehr wohl, wie sich beide Hände des Mannes zu Fäusten ballen und die Adern an seinen leicht ergrauten Schläfen bedrohlich anschwellen. Der Mann stand kurz davor, zu explodieren. „Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen? Oder besser noch, etwas zur Beruhigung?“ Der Angesprochene wendet sich langsam dem Arzt zu und seine Augen sind kalt und leer. Beherrscht und tonlos antwortet er: „Danke, nein! Es gibt nur ein Mittel das mir hilft, Doktor. Und das kann nur ich selbst mir beschaffen!“ Der Angesprochene enthält sich jeden Kommentars, da dieser diesem gequälten Vater momentan nicht geholfen hätte und seine Wut eventuell noch schürte. Er räuspert sich kurz und wird wieder professionell: „Es sieht schlimm aus, ich weiß, aber zum Glück sind die inneren Verletzungen nicht lebensbedrohlich!“ Philippe wird bleich unter seiner gesunden, sonnengebräunten Hautfarbe. „Innere Verletzungen?“ fragt er mit leicht zitternder Stimme. „Was meinen Sie, Doktor? Was hat man ihr angetan?“ „Nun“, entgegnet der hoch gewachsene Arzt und sieht Derrieu über seine Brille hinweg an. „Sie wurde nicht gerade sanft behandelt, man hat sie verprügelt, sie hat ein leichtes Gehirntrauma, anscheinend wurde sie mit dem Kopf mehrere Male gegen einen harten Untergrund gestoßen. Der linke Arm ist oberhalb des Ellbogens geprellt. Weiters hat man ihr in den Bauch getreten, es tut mir leid, Monsieur. Aber die inneren Blessuren sind, wie schon gesagt, keineswegs lebensgefährlich. Ein Riss in der Milz, und natürlich, aber das war bei dieser Art von Behandlung ja auch kaum verwunderlich, sie hat ihr Kind verloren!“ „Ihr Kind…?“ stammelt Derrieu fassungslos. „Welches Kind denn? Sie ist ja selbst noch ein Kind! Mein Kind!“ Der Arzt spürt sofort, dass der Mann nahe vor einer Gefühlsexplosion steht und hebt daher beschwichtigend die Hände. „Sie war erst im zweiten Monat, Monsieur, und ich kann sie beruhigen, sie kann noch jede Menge Kinder bekommen, soweit ist sie in Ordnung! Allerdings braucht sie eine Entziehungskur, wenn Sie verstehen..““ „In Ordnung….?“, wiederholt Derrieu fassungslos und abwesend, während sein Blick mit Bitternis sein verkrümmt daliegendes Kind betrachtet. Vor seinen Augen taucht das kleine Mädchen auf mit dem hellblonden Lockenhaar, seine Prinzessin, der er das Reiten beigebracht hat, als sie fünf war, und die er, kaum zehn Jahre alt, mit Stolz zu allen politischen und gesellschaftlichen Festivitäten mitgenommen hatte. Sie war beliebt und Mittelpunkt aller Veranstaltungen gewesen. Ihr Photo wurde nicht nur einmal in den Lokalzeitungen abgedruckt und die Texte dazu hätten einem Weltstar geschmeichelt. Was hat das dumme Mädchen nur aus sich gemacht? Mit dem Abschaum eingelassen, der untersten Klasse der Gesellschaft, sich ein Kind von einem dieser Halbaffen anhängen und sich brutal zusammenschlagen, ja in eine versuchte Mordsache mit hineinziehen lassen! Und obendrein war sie jetzt ein Junkie! Er schüttelt den Kopf, weil er es selbst nicht glauben kann. Er hatte so Großes mit ihr vorgehabt. Und das pochende Gefühl, dass er an alledem vielleicht nicht ganz unschuldig ist, verursacht ihm dröhnende Kopfschmerzen. Der Gedanke an seine verstorbene Frau, Virginies fehlende Mutter, macht die Sache nicht leichter! Er ist versucht, in einer sinnlosen, wie auch ungerechten Gefühlsaufwallung seine Frau dafür zu hassen, dass sie die Kleine und ihn selbst so früh im Stich gelassen hatte. „Ich möchte mit ihr allein sein, Doktor!“ schließt er mit brüchiger, aber bestimmter Stimme und fügt noch rasch hinzu, als wäre es ihm eben eingefallen: “ Und keine Presse! Ich verlasse mich auf Sie, Doktor! Informieren Sie diesbezüglich ausreichend und dementsprechend Ihr Personal!“ „Selbstverständlich“, kommt die geflissentliche Antwort und klingt verständnisvoll. „Aber vergessen Sie nicht, wir haben sie in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, damit sie unter den Schmerzen nicht zu sehr zu leiden hat! In 48 Stunden wird sie dann wieder halbwegs ansprechbar sein!“ Da keine Reaktion des Vaters mehr kommt, zieht sich der Arzt lautlos zurück und verschließt die Tür hinter sich. Philippe zieht sich einen Besucherstuhl ans Bett und betrachtet lange Zeit seine schlafende, verletzte Tochter. Sein Ein und Alles. Sein kleines Mädchen. Seinen Sonnenschein. Seine „raison de vivre“. Eine bittere Welle von Gewissensbissen schlägt über den sonst so starken Mann zusammen. Er hatte sich viel zu wenig Zeit für dieses geliebte Geschöpf genommen. Termine, Karriere, Verpflichtungen, und über alledem hatte er die größte seiner Verpflichtungen vergessen: die Vaterpflicht. Es war nicht genug gewesen, sie mit Geld und Geschenken zu verwöhnen, ihr jeden materiellen Wunsch von den Augen abzulesen und ihr soviel Freiheit zu lassen, wie sie es für sich verlangt hatte. Gerade das war sein Fehler gewesen. Ihren Weg zu ebnen, damit sie sich nicht einmal an dem kleinsten Kieselsteinchen stoßen konnte! Ihre Dummheiten hatte er stillschweigend hingenommen und auf seine Art beseitigen lassen. Weder Gesetz noch irgendjemand auf dieser Welt hatte ihr etwas anhaben können. Dafür hatte er immer gesorgt. Und was hatte es ihm gebracht, … und vor allem ihr, der kleinen Kindfrau, die sein eigen Fleisch und Blut war? Er hatte sie stark geglaubt, doch sie war schwach wie ein Bäumchen, dass sich vom Winde biegen ließ, wie es dem gefiel. Er hatte sie für außerordentlich klug gehalten, doch sie war naiv und er hatte es nicht wahr haben wollen. Sie hatte mit ihren Jugendsünden um seine Aufmerksamkeit gefleht, doch er hatte es als dumme Kinderstreiche abgetan. Sie erbettelte seine Liebe, indem sie sich zu kriminellen Handlungen hinreißen ließ, doch er war blind gewesen und schob die Schuld anderen zu. Und so hatte sie sein Glück mit Amelie zerstört und er hatte die geliebte Frau dafür gehasst, statt die Wahrheit zu erkennen. Doch dafür war es zu spät. Für all das war es zu spät. Ihm blieb nur eines: Rache. Vorsichtig nimmt er ihre kleine Hand in die seine, um sie zärtlich zu streicheln. Seine Fehler konnte er nicht mehr rückgängig machen, doch die Zukunft für sie beide stand offen. Er würde dafür sorgen, dass ihr nichts mehr passieren konnte und vor allem, dass sie einen Vater bekam, den sie sich wünschte, und der für sie da war. Gegenwärtig und ohne Rückbehalt. Er betrachtet sie genau. Nach und nach nimmt er die sichtbaren Verletzungen in sich auf und fühlt sich elend bei jedem Kratzer, den sie auf ihrer zarten, hellen Haut trägt, jeder Abschürfung, die sie erlitten hatte, jeder Quetschung ihres jungen Fleisches, die sie leiden lässt und jeder blaut verfärbten Stelle ihres Körpers, der sie schmerzt, und die man ihr brutal zugefügt hatte. Und nach jeder einzelnen Verwundung, die er sich einprägt, notiert er im Geiste die Strafe dafür, die er dem oder den Tätern zuspricht. Es ist ein eiskalter Plan, ein regelrechtes Urteil, gnadenlos, das er sich zurecht legt, und Gefühle jeglicher Art spielen dabei keine Rolle mehr. Eine Berechnung stellt er an, einen Kriegsplan stellt er auf, ein absolutes, dunkles Versprechen an die Täter beschließt er bei sich! Dieses Vorhaben lindert seinen Schmerz, lässt sein Gewissen zur Ruhe kommen und schließlich kommt er zur Ruhe. Der viel zitierten Ruhe vor dem Sturm!
*****
Die Comtessa hatte die beiden Gäste in ihr Boudoir geführt, wo die Kostüme und Accessoires der vergangenen Ballnächte aufbewahrt werden. „Eigentlich wollte ich das alles schon für einen Wohltätigkeitszweck aus dem Hause geben“, erklärt sie mit dem Anflug eines Lächelns. „Aber ich kann mich einfach nicht davon trennen, verstehen Sie, meine Damen? An jedem einzelnen Stück hängt eine ganz bestimmte Erinnerung. Also was soll’s? Nach meinem Dahinscheiden, werden sie sich den Krempel schon holen. Aber solange es mich noch auf dieser verrückten Welt gibt, halte ich an den Sachen fest. Nennen Sie es einfach die Marotte einer alten Frau!“ Amelie kann sich kaum für die prunkvollen Kostüme begeistern. Strass, Pailletten in glitzernden Farben, eingenähte Spiegelchen am Mieder, weite Ausschnitte, mit Rüschen gesäumt, sich bauschende Röcke und mit Seide bestickte Ärmel lassen sie kalt. Ja sie führen ihr nur vor Augen, wie armselig und leer ihr Leben ohne Daniel verlaufen würde. Unter anderen Umständen hätte sie die Pracht an Ideen und verarbeiteten Traumgebilden begeistert und angeregt zu eigenen Entwürfen für ihre Puppen, doch jetzt… da ist nur Leere. Zum Feiern war sie ganz bestimmt nicht aufgelegt. Dieser Abend, den sie der Gastgeberin jedoch schuldig war, würde die schlimmste Qual ihres Lebens werden. Sie könnte allerdings ein Unwohlsein oder Übelkeit nach den ersten Minuten schon vortäuschen. In ihrem Zustand konnte man ihr das wohl kaum verübeln! Doch als sie auf Lily blickt, die vor Begeisterung zu platzen scheint, während sie edle Stoffe und weitkrempige Hüte betastet, über die langen, bunten Hutfedern streicht und in der Kassette mit glänzendem Glitzerschmuck wühlt, bringen sie rasch von diesem Gedanken ab. So feige konnte sie sich nicht aus der Affäre ziehen. Ein oder zwei Stunden wollte sie das Spiel der Comtessa mitmachen, aber dann, nichts wie weg auf ihr Zimmer! Am meisten scheint Lily von den verschiedenen Masken begeistert zu sein. Die Vielzahl und die dargestellten Grimassen, Gesichtsausdrücke und komischen oder spöttischen Verkleidungen macht die Auswahl schwer. Schließlich entscheidet sich Amelie für „die Dame in schwarz“ und Lily für das Kostüm eines Gigolos in der Art aus Casanovas Zeiten. Als Amelie die Verkleidung zusammenstellen will, schüttelt die Comtessa energisch den Kopf. „Oh nein, Amelie, meine Liebe, das ist ziemlich ungebührend in Anbetracht der glücklichen Umstände, in denen Sie sich befinden! Sie brauchen etwas fröhliches, hoffnungsvolles, vor Leben sprühendes. Etwas, das einen Teil von Ihnen selbst, der Träumenden, der Strahlenden wiedergibt!“ Was war an ihr das strahlte oder sprühte, fragt sie sich. Von Lily ist keinerlei Hilfe zu erwarten, sie stimmt der alten Dame sofort zu. „Ja wirklich! Sie wollen doch nicht aussehen wie ein Trauergast, der eben einen geliebten Menschen zu Grabe getragen hat!“ ‚So fühl’ ich mich aber’ will Amelie einwenden, doch besinnt sich rechtzeitig, diesen Gedanken lieber für sich alleine zu behalten. Sie überlässt sich den beiden und gemeinsam suchen die für sie ein glitzerndes Kostüm heraus, das die Sonne darstellen soll. Mit Gold und Silberfäden durchwirkt ist der Brokat des Kleides, das so geschnitten ist, dass ihre Schwangerschaft kaum bemerkt werden kann, und zwar durch den hohen Ansatz des Rockes, im Empirestil. Die bauschigen Unterröcke würden zwar das Gehen erschweren, aber die Comtessa lässt keinen Einwand zu. Das eigene Haar sollte unter einer Barock anmutenden weißen Perücke versteckt werden mit eingeflochtenen Spiegelchen. Ein wunderschöner, verzierter Fächer, zierliche Goldschuhe, seidene Handschuhe und natürlich die strahlende Maske vervollständigen das außergewöhnliche Outfit für Amelie. Etliche Ketten aus Kristallsteinen würden sie ‚herausputzen’, wie die Comtessa meint. „Und damit sie beim Abnehmen der Masken um Mitternacht auch wirklich die schönste und strahlendste sein werden, müssen Sie natürlich ihr Gesicht besonders sorgfältig schminken, damit Ihre persönliche und natürliche Schönheit so richtig betont wird! Ich denke, Lily ist da eine gute Hilfe!“ Ein Seufzen verrät den beiden Carnavalstollen, dass Amelie sich in ihr Schicksal ergeben hat. Sollen sie doch ihren Spaß haben! Um ihr eigenes Kostüm macht die Comtessa ein großes Geheimnis. Sie hat eine professionelle Kostümausstatterin damit beauftragt, etwas Spezielles für sie anzufertigen. Anscheinend freute sie sich wie ein Kind auf den morgigen Abend! Wie zuvor schon, verbringt Amelie die meiste Zeit in Ihrem Zimmer. So streift Lily alleine durch die Stadt und Amelie vermutet, dass sie darüber sogar froh ist, ein wenig Freiheit zu genießen. Vielleicht zum Flirten mit einem der hübschen italienischen Jungs, oder einfach nur, um sich endlich ganz erwachsen zu fühlen. Amelie durchwandert alleine den Palazzo und hält sich oft in der riesigen, beeindruckenden Bibliothek auf, wo Werke in allen möglichen Sprachen gesammelt sind. Ob die Comtessa wusste, welch unschätzbare Kostbarkeiten sich in den Glasvitrinen der schweren venezianischen Barockmöbel befanden? Die Familie des Conti, ihres verstorbenen Ehemanns, blickte auf ein sehr altes venezianisches Geschlecht zurück. Wahrscheinlich waren diese Schätze im Laufe vieler Jahrhunderte aus aller Herren Länder hier zusammengetragen worden. Die unvergleichliche Kaufmannsflotte der Stadt ermöglichte es gebildeten und interessierten Kaufleuten sich Hunderte von Jahren lang, auf eine regelrechte, gut organisierte kulturelle Schatzsuche zu begeben…! Und das nicht erst seit Marco Polo! Schriftrollen, selbst Papyrusrollen, die in einem extra gesicherten, versperrten Schrank die Zeit, die bereits eine Ewigkeit zu sein scheint, an sich vorbeiziehen lassen. Ein Schauer läuft Amelies Rücken entlang, bei dem Gedanken, dass sie möglicherweise schon Jahrtausende alt waren. Sie hätte zu gerne die Kunst des Hieroglyphen Lesens beherrscht, um darin zu stöbern und womöglich auf uralte Geheimnisse zu stoßen. Ihre Künstlerseele schlägt Wellen bei diesem Gedanken der Verlockung. Das Organisieren ihrer Soirée hält die Comtessa ganz schön auf Trab. Ihre Telefonleitung musste regelrecht heiß laufen, überlegt Amelie. Ein Catering Service, spezialisiert auf diese spezielle Art von Abendveranstaltungen würde für das leibliche Wohl der Gäste sorgen, und eine Musikkapelle für die entsprechende Musik dazu. Am frühen Abend kommt es ihr lächerlich vor, sich für eine Soirée der Unterhaltung zurecht zu machen und dazu auch noch bis zur Unkenntlichkeit kostümiert. Doch Lilys Eifer und Ungeduld wirkt ein wenig ansteckend und für kurze Zeit kann Amelie Dans Blick, als er sie gezwungenermaßen gehen ließ, aus ihren Gedanken verscheuchen. Seine Augen, diese klaren Augen der tiefen Lochs seiner Highlands, in welchen sie so gerne versinken würde, ebenso wie in seinen Armen, die sie zurückgewiesen hatte, - die Erinnerung wird ein wenig in den Hintergrund gedrängt. Doch die Vorstellung, dass er sie gnadenhalber an seiner Seite haben wollte, weil er sie geschwängert hatte, dieser Gedanke war weit schmerzhafter als ihn nie wieder zu sehen. Es war schließlich ihre Wahl gewesen, das Leben, das er in sie während dieser stürmischen Liebesnacht eingepflanzt hatte, nicht als unliebsamen Ballast zu entsorgen. Und sie kann sich beim besten Willen unter gar keinen Umständen vorstellen, ihren Weg weiterhin allein gehen zu müssen, ohne diese Kinder an ihrer Seite, die die ihren waren, und deren Ankunft sie bereits so sehr herbei sehnte! Ganz egal, was da auch noch auf sie zukommen mochte. Das war die Bestimmung, an die sie sich klammerte und an die sie voll und ganz glaubte. Amüsiert beobachtet sie Lily, wie sie zwischen Boudoir und ihren Zimmern hin und her saust, gustiert, das eine und dann das andere Accessoire anprobiert, nach ihrer Meinung fragt und sie auffordert, endlich damit zu beginnen, sich vorzubereiten, da die Gäste nicht mehr lange auf sich warten lassen würden. Sie lässt sich gerne helfen und beraten von Lily, die wahrscheinlich eben einen der aufregendsten Tage in ihrem jungen Leben durchlebte. Eine Unbeschwertheit legt sie an den Tag, die Amelie für sich selbst nie wirklich gekannt hatte, außer…..ja, außer vielleicht in den Ferien am Gutshof der Derrieus. Es tut ihr aus tiefster Seele weh, dass Philippe und sie eine so tiefe Spalte des Misstrauens und der Enttäuschung trennte. Aber man musste schließlich für alles Gute, das einem widerfährt, irgendwann auch die Rechnung, mit Zinsen und Zinseszinsen begleichen. So sieht sie es, und so war es mit Sicherheit auch. Ergeben schlüpft sie in die bereit gelegten Kleider, drapiert sie regelrecht um Ihren Körper, plagt sich mit Ösen und Häkchen ab, bis es endlich sitzt. Jetzt beginnt das Schminken ihres Gesichtes. Gottlob, hat die Comtessa beachtet, dass sie ein Kleid ohne Mieder tragen musste. Kein Wunder, dass die Gräfin verlangt hatte, sich hübsch zurecht zu machen, denn als sie sich in natura eingehend im Spiegel betrachtet, erschrickt sie beinahe vor sich selbst: ihre Augen, - schmale, glanzlose Schlitze, stehen verloren in einem weißen Feld, das ihr Gesicht sein soll, und ihr Mund ist fast ebenso blass wie ihre bleichen Wangen. Sie entdeckt ein paar feine Linien neben den Mundwinkeln, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Mit leicht zittrigen Fingern sucht sie nach weiteren Spuren ihrer Trostlosigkeit und stellt aufatmend fest, dass sie noch von der Trauer ihrer Seele weitgehend davon verschont geblieben war. „Wenn Du nichts dagegen hast, Amelie, würde ich gerne Deine Augen und Deine Lippen schminken“, versucht Lily sie zu überreden. „Hätte ich mich nicht fürs Studium entschlossen, dann wäre ich gerne Maskenbildnerin geworden, weißt du?“ fährt sie plappernd fort und nimmt Amelie, ohne eine Antwort abzuwarten, das Fläschchen Eyeliner aus der Hand. „Ich bin begabt, es ist mein Hobby andere zu schminken und die Vorstellung, Hand an die größten Schauspielerinnen zu legen, war eine sehr große Versuchung für mich!“ Nach dem verträumten Blick zu urteilen, dachte Lily eher an die männliche Gattung der Künstler, nicht die weibliche, wie sie eben begeistert versichert hatte. Die Träume der zarten Jugend… Warum fühlte sie sich selbst nur so alt? Amelie hält still und lässt Lily ihr Werk beginnen. Ihre Hände waren derzeit ohnehin viel zu zittrig, um sich vorteilhaft heraus zu putzen. Eher würde sie danach eher in ein Clownensemble passen. Beide lauschen den Klängen der Musikergruppe, die ihre Instrumente stimmt. Ein wenig erwartungsvolle Aufregung geht endlich sogar auf die junge Frau über. Als Lily ihr Kunstwerk vervollständigt hat, ihr beim Aufsetzen der schweren Perücke hilft und sie sich dann vor dem riesigen Barockspiegel mehrmals hin und her dreht, ist sie selbst vor Erstaunen stumm und kann kaum glauben, dass die berückend Schöne und die einsame sehnsüchtige Frau von vorhin ein und dieselbe Person waren. Und doch, sie kommt sie vor wie ein weiblicher Sonnenkönig am französischen Hofe von Versailles. Sie probiert die goldene Maske an und gibt zu, dass nicht einmal ihre Mutter, wäre es ihr vergönnt gewesen, noch eine zu haben, sie wieder erkannt hätte. Lily, als knabenhafter Casanova, beugt das Knie vor ihr und bittet um ein Tänzchen. Kichernd und sich nach der leisen Musik aus dem Unterschoss drehend, tänzeln beide durch die Zimmer und über die weiten Gänge des Palazzos. Lachend und außer Puste lehnen sie an die steinerne Balustrade und sehen dem bereits einsetzenden Treiben im großen Saal, direkt unter ihnen zu. Wie zwei Kinder, denen man verboten hat, zuzuschauen, kichern sie halb versteckt hinter dem Geländer und betrachten die Comtessa, die in Rosa und Weiß wie ein Wölkchen aus Pfaufedern und Satinrüschen ihre Gäste begrüßt. Auch die weiße Maske kann sie nicht unkenntlich machen. Sicher hatte sie das auch gar nicht vorgehabt. Sollen die Leute nur wissen, wer dieses rauschende Fest veranstaltete, wer hinter all dem Pomp und Glanz stand!
Ein livrierter Diener führt die mit Gondeln Ankommenden nach und nach in den geschmückten Saal, wo sie nach der Begrüßung, die natürlich auch mysteriös die Namen der Gäste verschleiert, sogleich mit Sekt und Champagner versorgt werden. Die Leute vom Gästeservice haben sich ebenfalls in Kostüme gezwängt, um die Harmonie der Darstellung einer Soirée in den barocken Goldjahren Venedigs nicht zu stören. Altes Silbergeschirr war auf Hochglanz poliert worden und die perlende Flüssigkeit sprudelte in wertvollen, geschliffenen Kristallgläsern. Anscheinend war die Comtessa immer noch eine sehr reiche Frau, die es verstand, Gäste auf die feinste und bezauberndste Art zu empfangen und zu bewirten. Ein gutes Dutzend Menschen aus vergangener Zeit, wie es scheint, hatte es sich auf den zierlichen Stühlen oder ausladenden Barockbänken bereits bequem gemacht und die Musik hielt sich immer noch gedämpft zurück, der Beginn des Balls war noch nicht offiziell eröffnet worden. Einige Male blickt die rosa geschmückte Comtessa zur Balustrade hoch und auch zum Haupteingang eilt ihr erwartungsvoller Blick. Sie scheint, außer Amelie und das Mädchen auch noch jemand anderen zu vermissen, der auf sich warten zu lassen schien. Jemanden von auswärts.Die beiden verkleideten Schönheiten ducken sich hinter Säulen und Geländer, wenn der Blick der Gastgeberin in ihre Richtung schweift und kichern verschwörerisch, wie zwei alberne Schulmädchen. Amelies schwarze Laune scheint wie weg geblasen zu sein. Sie hat sich ernstlich vorgenommen, die Donna des Hauses nicht zu enttäuschen und sich tatsächlich zu amüsieren, wie schon lange nicht mehr! Schließlich scheinen die Gäste, auf die die Signora so lange schon gewartet hat, doch noch einzutreffen. Denn nun rauscht sie graziös auf eine Gruppe von drei Männern zu, die gerade eben in den, von Kristalllustern glitzernden und hell erleuchteten Ballsaal geführt werden. Mit ausgestreckten Armen eilt die Gastgeberin auf die groß gewachsenen Männer, wenn es wirklich Männer waren, was ihr Kostüm ja nicht verrät, zu. Masken berühren einander an den Wangen, Hände werden geschüttelt und geküsst, und hätte die Musik nicht etwas lauter als vorhin eingesetzt, so hätten die heimlichen Zuschauerinnen auch das aufreizende Lachen ihrer anscheinend rundum glücklichen Comtessa zu hören bekommen. „Wir sollten auch endlich in Erscheinung treten“, flüstert Lily, deren Ungeduld durch Kostüm und Maske nur zu deutlich zu spüren ist. Amelie nickt zustimmend und betrachtet noch ein paar Sekunden lang die Neuankömmlinge, die ebenfalls mit weißen Herrenperücken, wie Lily selbst eine trug und engen Beinkleidern, taillierten Röcken mit Unmengen von Rüschen besetzt und eleganten Dreispitzen am Kopf, bekleidet waren. Einer steckte in einer blutroten Tracht, ein weiterer in dunklem Braun und der Dritte, der seine Blicke suchend von einem der Gäste zum anderen schweifen lässt, hat die Farbe schwarz bevorzugt. Als einziger stützt er sich anscheinend gelangweilt auf einen reich verzierten Spazierstock aus Ebenholz mit Silberknauf. Amelie lässt sich von Lily hochziehen und prustend lachen beide unter ihren verbergenden Masken. Zögernden Schrittes führt der junge Casanova seine Sonnendame über die breiten, geschwungenen Stufen direkt in den Ballsaal. Aufatmend hat die Comtessa die beiden, anscheinend letzten Gäste, entdeckt, denn sie verlangt einen Tusch von dem kleinen Kammerorchester. ‚Oh Gott’, denkt Amelie, ‚ich muss verrückt gewesen sein, mich auf so etwas einzulassen’. Alle Augen richten sich auf das Pärchen dass langsamen und majestätischen Schritts die Treppe herab schreitet. „Liebe Gäste“, lässt die rosafarbene Donna mit kräftiger Stimme vernehmen, als die Kappelle ihren Tusch fertig gespielt hat. „Dies sind meine Ehrengäste! Keine Bürger Venedigs, soviel darf ich Ihnen verraten. Sie ehren unser Fest heute Abend ganz besonders, ebenso wie Sie alle, die Sie aus allen Herren Ländern meine Einladung angenommen haben! Der alte Venezianische Adel stirbt leider aus, meine Lieben, darum lasst uns fröhlich sein und diese Nacht zu einem unvergesslichen Erlebnis werden! Hiermit ist das Fest eröffnet!“ Brausend setzt die Musik mit einer verspielten Einleitungsmusik ein, ganz im Stil der Barockepoche. Amelie nimmt dankend ein Glas Champagner entgegen, ihr schwindelt leicht und sie fühlt sich in eine Zeit versetzt, die längst entschwunden ist. ‚Menschen lieben es, sich der Vergangenheit enthusiastisch hinzugeben’, denkt sie versonnen, ‚als hätte uns die Gegenwart gar nichts Gutes mehr zu bieten….’ Sie lässt sich auf eine der Satinbänke gleiten um den Champagner zu genießen. Doch sie kommt erst gar nicht dazu ihr Glas auszutrinken, da sie von einem der zuletzt angekommenen Charmeure hochgezogen wird und auf den polierten Parkettboden ein Tänzchen mit ihm hinlegen muss. Schweigend tanzen Sonnendame und Kavalier in rot und Amelie hat Mühe Schritt zu halten mit diesem langen, ausladenden Kleid. Vor allem aber, will sie es keineswegs beschädigen mit den Absätzen ihrer halbhohen Brokatschuhe. Als die Musik das eine Stück beendet hat, geleitet er sie charmant auf ihren Platz zurück und verneigt sich galant, bevor er sich eine andere der Damen zum Tanze holt. Ein paar Frauen stehen lachend beim Buffet und bedienen sich bereits eifrig der Köstlichkeiten die man aufgetürmt hatte. Kleine Häppchen mit allerlei Köstlichkeiten, die Amelie nicht alle geläufig sind, vor allem, was die Pasteten und kandierten Früchte angeht. Auch ein auf Diät Versessener musste bei all der Pracht zugeben, dass dieser Anblick zumindest ein gewaltiger Augenschmaus in Farbe und geschickter Anfertigung war. Die Festtafel war unter den riesigen, hohen, mit schweren Brokatvorhängen drapierten Fenstern aufgebaut und harrte dem Verlauf des Festes, bis auch sie zum Hauptdarsteller der Szenerie wurde. Die Damen sprechen Amelie auf Italienisch an, das sie zwar gebrochen, jedoch nicht fließend spricht. Ein lustiges Rätselraten beginnt und im Nu haben die in Tüll verhüllten und mit Spitzen gespickten Frauen herausgefunden, dass sie wohl Französin sein musste. Sie ergehen sich in einem Schwall von Huldigungen an die französische Sprache, die sie die „Blumensprache“ nennen und Amelie lächelt hinter ihrer Maske über den zutreffenden Vergleich. Sie macht den anderen klar, dass auch die italienische Sprache unvergleichlich erotisch sei und bald schon fallen die Namen wie Eros Ramazotti und Adriano Celentano, sowie einiger anderer Sänger, die sie jedoch nicht kennt, und sich dabei fragt, was die in der fernen Barockzeit zu suchen hätten, in die sie ja heute verschlagen wurden. Als es darum geht, wer von beiden, der italienische oder der französische Liebhaber wohl der beste sei, macht sie sich davon, um, erstens, nicht von den neugierigen Donnas darüber ausgefragt zu werden – woher hätte sie den Vergleich auch genommen, und zweitens, um sich noch an einem Gläschen Perlwein zu erfreuen. Lily ist in ihrem Element, sie nippt immer noch am ersten Glas, da sie anscheinend nicht vorhatte, rasch und beschwipst einzuschlafen und die besten Stunden dadurch zu versäumen. Sie hatte ein bisschen Italienisch in der Schule gelernt und kann sich ganz gut mit den anderen unterhalten. Niemand kennt das Alter der Geladenen, nicht das Geschlecht, weder das Aussehen noch ihr Herkommen. Es ist ein reizender Abend, voll von Geheimnissen und Erwartungen, prickelnd und verzaubert. Selbst Hände verraten kein Alter, da alle Maskierten auch Handschuhe tragen. Die Gäste versuchen untereinander Fangfragen zu stellen und sind erpicht darauf, die Identität der Geladenen zu erraten und die eigene jedoch so lange wie möglich zu verheimlichen. Eben tanzt der schwarz Maskierte mit einer Schönheit in Lila vorbei. Was sie sprechen, wie und ob sie einander verstehen wird ewig ein Geheimnis bleiben, da ihre Masken Mundbewegungen nicht verraten. Obwohl die meisten Masken den Mund freihalten, sind sie doch so geschminkt, dass auch hier kein Anhaltpunkt gegeben ist, den anderen zu entlarven, teilweise sorgt noch ein dezent befestigter Schleier für das große Mysterium. Die Comtessa lässt sich, ein wenig außer Atem gekommen vom letzten Tänzchen, auf das eine Sofa, neben Amelie fallen. „Von mir erfährt niemand auch nur das Geringste“, versichert sie hinter ihrem vorgehaltenen rosa Fächer und neigt sich vertraulich und geheimnistuerisch ihrem Gast zu: „Ich hoffe, Sie amüsieren sich gut, meine Liebe! Man hat tatsächlich versucht, mich mehrmals über Sie auszufragen! “ Amelie versichert aufrichtig, sich gut zu unterhalten, denn allein schon die Beobachtung der anderen war ein einzigartiges Amüsement für sie. Sie macht der Comtessa ein paar Komplimente bezüglich der herrlichen Ausstattung und der perfekten Organisation. Sie nimmt gerne die Aufforderung Lilys an, mit ihr zu tanzen und so rauschen sie wieder und wieder übers Parkett, bestaunt und bewundert. Die Comtessa tut es ihnen gleich und zwar diesmal mit dem schwarz Gekleideten, der Amelie ein wenig affektiert erscheint, wie er sich in den Ruhepausen auf seinen Stock stützt, aber möglicherweise war der Mann eben schon betagt, dann war es auch nur sehr verständlich, wenn ein von Gicht Geplagter sich irgendwo abstützen musste. Die alte Gräfin allerdings wirbelt er in einem Tempo über die Tanzfläche dass ihr dabei sicher Hören und Sehen vergeht. Die Aufmerksamkeit Amelies wird durch ein paar englische Wörter, die sie zwischen dem in braun maskierten Mann und einer Lady in dunklem Grün aufschnappt, abgelenkt. ‚Engländer?’ denkt sie erstaunt. Bis jetzt hatte sie nur italienisch geplaudert mit den Anwesenden. „Nice idea“, versichert die Dame eben ihrem Gesprächspartner, welche Idee auch immer sie als schön empfand… Vor dem großartigen Dinner werden sie von Gauklern, und Jongleuren besucht, ein Feuerschlucker und ein Schwertkünstler sind ebenfalls dabei. In orientalischer Tracht schreiten sie mit Gejohle in den Saal und die Kapelle überlässt den Künstlern die nächste Stunde, um selbst eine wohlverdiente Rast machen zu können. Ein kleines putziges Äffchen in einer ärmellosen roten Seidenjacke gewandet, springt von Gast zu Gast und versucht Amelie ihren Fächer geschickt zu entwenden. Unverrichteter Dinge springt es dem Mann in schwarz, der plötzlich an Amelies Seite steht, auf die linke Schulter und macht sich an der weißen Hutfeder des Trägers zu schaffen. Der Mann hat alle Mühe, dass ihm der Hut nicht geklaut wird, und dieser Anblick des hoch gewachsenen, geheimnisvollen Mannes und des winzigen, kreischenden Äffchens versetzt Amelie in einen derartigen Lachkrampf, dass sie sich setzen muss, um wieder zu Atem zu kommen. Danach macht er sich noch an einem Rüschen besetzten Busentuch der in lila gekleideten Dame zu schaffen. Grosses Gelächter ist der Dank des Äffchens und letztendlich eine Banane, die er selbst von der gedeckten Tafel an sich nehmen darf, bevor die Truppe mit unzähligen Verbeugungen und unter tosendem Applaus ihren Rückzug macht. Nun wird die Tafel eröffnet und es gibt, so nach dem Willen der Gastgeberin, eine Tischordnung, wie es scheint, da die drei livrierten Diener die Damen zu ihren Plätzen geleiten und die Männer von der Comtessa selbst auf die für sie vorgesehenen Stühle hingewiesen werden. Ein außergewöhnliches Vorgehen, das die Gäste aber lachend und ungezwungen, ja sogar mit einer gewissen Erwartung hinnehmen. Bunt gemischt ist die Tafel vollzählig. Amelie befindet sich an der Seite des Schwarzen und andererseits der Comtessa in Person. Lily ihr schräg gegenüber. Wie und warum die Gastgeberin die Anordnungen getroffen hat, scheint ein Rätsel zu sein, oder sie weiß mehr als die meisten Geladenen, nämlich, dass sie die Identität ihrer Gäste und unter welcher Maske sich wer verbirgt doch genau zu kennen scheint. Schließlich hat sie ja die fröhliche Runde selbst zusammengestellt…. Wahrscheinlich war es ihr wichtig gewesen, die passenden Leute nebeneinander sitzen zu wissen. Der unangenehme Gedanke drängt sich Amelie auf, dass Venedigs Karneval seit jeher eine Aufforderung zu Spiel und Spaß, aber auch Liebesgetue und Techtelmechtel gewesen war. Doch dieses Thema war vorläufig für sie abgeschlossen und tief in ihr vergraben. Notfalls musste sie das eben dem einen oder anderen deutlich verständlich machen. Oder dachte die Comtessa, sie könne sie trösten, indem sie sie in die Arme eines neuen Liebhabers trieb? Sie hatte die alte Dame für klüger und auch einfühlsamer gehalten. Doch das 17. und 18. Jahrhundert und die damit ausschweifenden Gepflogenheiten waren längst vorbei, wenn auch nicht vergessen und die alten Traditionen hatten heutzutage keine Geltung mehr. Wozu also sie neu aufleben lassen? Rosenblätter zieren die Tafel, blühende Blumengestecke und blitzendes Tafelsilber. Die Vielzahl der Gaumenfreuden, die sich in der Tischmitte auftürmen, scheint unübersehbar. Amelie widmet sich den schmackhaften Hors d’ oeuvres, tut sich am Kaviar gütlich und an den kleinen, frittierten Garnelen, die mit Zitronensaft beträufelt werden. Unglaublich, wie rasch ihr Appetit zurückgekommen war. Ob es am Champagner lag? Ihr Tischnachbar scheint sich gar nicht besonders für sie zu interessieren. Er plaudert mit heiserer Stimme und sehr leise mit seiner Tischnachbarin zu seiner Rechten, und es scheint unmöglich, auch nur den Ansatz einer Konversation zu verstehen, so sehr sie sich auch darum bemüht. Amelie plaudert gedämpft mit ihrer Gastgeberin, die sie in ein Gespräch über eine neue Kollektion von Sammelpuppen verstrickt. Eigentlich wollte sie heute gar nicht an die Realität und das Leben, das morgen wie auch sonst weitergelebt werden musste, erinnert werden. Es tat so gut, sich in einen Traum zu flüchten, der einer anderen Zeit, ja, einer anderen Person, frei von jeglichem bedrückendem Gefühl angehörte. Sie nippt an ihrem Glas und lehnt den dargebotenen gebratenen Fisch ab. Die in Butter geschmorten Beilagen wie Jungerbsen und Broccoli reizen sie weitaus mehr. Dazu diese köstliche Kräutersahne. Auch bleibt sie bei Champagner und lässt sich nicht auf Wein ein, da sie heute ohnehin schon mit dem prickelnden Gold in ihrem Glas übertrieben hatte. Wenn sie so weiter tat, würde sie ihre Kinder beschwipst machen. Sie lächelt belustigt bei diesem Gedanken, und als sie sich beobachtet fühlt, blickt sie zur Seite und direkt in die nicht kaschierten Augen ihres Tischnachbars, der, so kommt es ihr vor, an ihr geschnüffelt hatte. Geschnüffelt? Sie musste verrückt sein, oder betrunken! Jedenfalls war sein Gesicht dem ihren viel zu nahe, als dass sie es als unverfänglich hätte ansehen können. Sie versucht ihn zu ignorieren, als er sein Glas auf sie erhebt. Sie ist irritiert, als hätte er sie bei etwas ertappt, das nur sie etwas anging. Doch wie konnte er ahnen, dass sie ihm das übel nahm? Schließlich war er kein Gedankenleser, obwohl sie sicher ist, dass diese Nacht eine sehr ungewöhnliche, und zwar in jeder Hinsicht war. Plötzlich findet sie diese Maskerade ziemlich blöd. Es ist kindisch und man konnte kaum richtig essen oder sich unterhalten. Sie sehnt das Ende des Festes herbei und nimmt sich vor, gleich nachdem man die Masken abgenommen hatte, zu verschwinden. Sicher plante die Comtessa, bis zum Morgengrauen durch zu feiern. Da kam Amelie ihr Zustand gerade recht zur Hilfe, schließlich konnte man das von keiner Schwangeren verlangen! Versuchte der Maskierte etwa, tatsächlich mit ihr anzubändeln? Er sieht sie immer noch an und irgendwie versuchte sie, körperlich von ihm abzurücken, aber wohin? Sie kommt sich vor, als säße sie in einer Falle. Einerseits die Comtessa, die von alledem nichts zu bemerken schien, obwohl ihr sonst doch nicht entging und zur anderen Seite dieser unangenehme, zudringliche Gast, den sie gerne vom Sessel geschubst hätte, und wenn es Berlusconi persönlich gewesen wäre! Aber es gab noch etwas, das sie irritierte. Es waren seine Augen, die sie schmerzlich berühren. Diese fast ebenso grünlich schimmernden Augen, auch wenn sie eine Spur dunkler schienen als jene von…. Mit einer ungeschickten Bewegung des Arms, fegt sie ihren abgelegten Fächer zu Boden und versucht sich rasch zu bücken, um ihn unbemerkt aufzuheben. Sie steckt den Kopf unter die Tischdecke, die bis zum Boden reicht, um danach Ausschau zu halten. Doch mit dieser Maske ist kaum etwas zu sehen. So schiebt sie diese auf die Stirn und murmelt einen Fluch, als sie bemerkt, dass ihr Tischnachbar scheinbar ahnungslos seinen Fuß auf das begehrte Objekt gestellt hat, und versucht es verzweifelt unter dem Absatz des lächerlichen Lackschuhs mit silberner Schnalle hervor zu ziehen. In einem Aufwalle von Unwilligkeit rempelt sie ihm mit der Faust auf das weiß bestrumpfte Schienbein, um auf sich aufmerksam zu machen. Der Schuh rückt tatsächlich zur Seite, der Hohlkopf hatte also kapiert! Lieber spät als gar nicht! Erleichtert schnappt sie sich den Fächer und versucht ihre Maske gerade zu rücken, bevor sie wieder auftauchen will. Doch ihre freie Hand wird jäh festgehalten und als sie schon lautstark protestieren will, muss sie erkennen, dass dieser schwarze Mann sich plötzlich auf Augenhöhe mit ihr gemeinsam unter dem schützenden Tischtuch befand. Ach, diese Augen, sie kann ihn riechen,… ‚oh Gott’, durchzuckt sie die Erkenntnis, und als hätte sie es längst geahnt, oder zumindest ersehnt, schon lange bevor er seine Maske zurückschob, entfährt ihr leise fragend sein Name: „…..Dan…?“ |