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Maximus' Hände glitten langsam über den stark gerundeten Leib der jungen Stute, wobei er konzentriert die Stirn runzelte. Luna zitterte sichtlich und verdrehte die Augen. Sempronius packte sie fester am Halfter. Ich hielt den Atem an. Blind für alles andere konzentrierte Maximus sich ganz auf das Fohlen, das im Leib der Stute heranwuchs, sein Blick verriet nichts, seine Augen waren offen aber ganz nach innen gewandt, seine Hände spürten den Konturen des kleinen Wesens nach, das sicher und geborgen im Innern seiner Mutter ruhte. Die junge Stute erzitterte wieder und versuchte, sich zu befreien. Als Sempronius sie noch fester am Halfter hielt, wieherte sie leise. Hinter meinem Rücken schnaubten und stampften wie zur Antwort die anderen Pferde, und Fulmen wieherte nervös, ein aufgeregter schmerzlicher Laut, der auf den Schmerz seiner Partnerin zu antworten schien. Maximus blinzelte, dann vertiefte sich sein Stirnrunzeln, und seine Hände glitten noch einmal über Lunas Leib. Sie erschauerte wieder. Sempronius' breites ebenholzschwarzes Gesicht zeigte so wie Maximus' keinerlei Ausdruck, aber ich konnte Zeichen von Anspannung erkennen, die nicht nur von der offensichtlichen Anstrengung hervorgerufen wurden, die es kostete, die nervöse Stute ruhig zu halten. Er liebte Pferde und jedes einzelne war ihm kostbar. Und er teilte nicht nur meine Sorge um Luna sondern fühlte sich verantwortlich für den Vorfall, der ihre zu frühe Schwangerschaft verursacht hatte. Ganz gleich wie oft Fulmen bereits seine Fähigkeiten, den Stallknechten zu entwischen, unter Beweis gestellt hatte, gab Sempronius sich die Schuld an dem gefährlichen Zustand der Stute, und ich wußte, daß er genau wie ich fürchtete, sie zu verlieren. "Bald ... " Maximus' tiefe Stimme schreckte Sempronius und mich gleichermaßen auf. Sein Blick hatte noch immer diesen abwesenden Ausdruck, als seine Hände ein letztesmal über den prallen, silbergrauen Leib strichen. "Bald ... ", wiederholte er. "Heute ... oder morgen ... " Er blinzelte nochmals, dann gewannen seine aquamarinblauen Augen wieder ihre natürliche Wärme zurück, und er lächelte auf seine jungenhafte Art. "Das Fohlen liegt richtig. Es sollte keine Probleme geben ... " Sempronius entspannte sich sichtbar. Offenbar durch seine Stimme beruhigt schnaubte Luna. Und ich erinnerte mich daran weiterzuatmen. ____________________ Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als wir endlich in Richtung des Bauernhofes aufbrachen. Die Behaglichkeit und Intimität meines Bettes zu verlassen hatte sich als schwieriger erwiesen, als ich es bereits befürchtet hatte. Und als wir Hand in Hand durch den Garten eilten, konnte ich Maximus noch immer geradezu körperlich in mir fühlen. Zu meiner großen Enttäuschung hatte er sich geweigert, mein morgendliches Bad mit mir zu teilen. Statt dessen hatte er sich sein weinrotes Gewand übergeworfen und war in das zweite Schlafzimmer geflüchtet, wobei er etwas vor sich hin murmelte, das ich nicht verstehen konnte. Ich runzelte ob dieses neuerlichen Anfalls männlicher Sittsamkeit die Stirn, dann erblickte ich mein eigenes Spiegelbild in der Scheibe aus poliertem Metall ... und mußte unwillkürlich lachen. Nein, ich mußte einfach lachen, als ich die Frau im Spiegel sah ... mein lachendes Abbild. Es war dasselbe vertraute Gesicht, dieselben Züge, milchweiße Haut und große tiefblaue Augen eingerahmt von einer Flut rotgoldener Locken. Aber ebenso wie mein Schlafzimmer immer noch dasselbe und dennoch ein ganz anderes war, so hatte sich auch mein Gesicht verändert. Es war nicht länger das Gesicht der kalten, statuenhaften Schönheit, die andere Menschen auf Abstand hielt. Nicht mal das der sinnlichen, bemalten Gottheit, die - gehüllt in eine hauchdünne meergrüne Tunika - gehofft hatte, Maximus verführen zu können. Statt dessen war es das blühende Gesicht einer selbstsicheren, glücklichen Frau, die sich geliebt wußte. Meine Lippen waren leicht geschwollen, meine Augen schienen mehr als gewöhnlich zu leuchten, und meine Haut hatte einen warmen Glanz. Ich berührte vorsichtig meine Lippen, und das Lächeln im Spiegel wurde breiter. Kichernd wie ein junges Mädchen drehte ich mich auf den Versen um und rannte ins Bad. _________________ Der Stall lag hinter dem Wohnhaus. Er öffnete sich hin zu einem weiten mit Sand bedeckten Hof, der zu dieser Zeit des Tages verlassen dalag, denn die Pferde waren in ihre Ställe zurückgekehrt, um sich ihren vormittäglichen Getreiderationen zu widmen aber auch, um der zunehmenden Hitze zu entfliehen. Ich konnte die Stimmen der Stallknechte, die hinter der Scheune beschäftigt waren, hören, aber sehen konnte ich niemand. Dies hier war nicht das ursprüngliche Gebäude, das von den Vorbesitzern des Gutes benutzt worden war, um ihre Pferde dort unterzustellen, sondern mein Mann hatte es Jahre vor unserer Heirat errichtet. Damals war Marius Servilius ein gesunder Mann gewesen, der ein gutes Pferd zu schätzen wußte und seine Freude an langen Ausritten hatte. Er war es auch gewesen, der die Fähigkeiten eines afrikanischen Sklaven auf seiner Schiffswerft im Umgang mit verletzten Tieren erkannt und Sempronius zu seiner Villa gebracht hatte. Dort hatte er ihm die Sorge für die vielen Bewohner des Stalles anvertraut. Bei diesem handelte es sich um ein rechteckiges Gebäude mit zwei großen Türen, die sich an den Schmalseiten befanden, und langen Fensterreihen an den Längsseiten. Beim Anblick der Stallungen beschleunigte Maximus unbewußt seine Schritte. Und als wir näher kamen, staunte er über die Sorgfalt, mit der dieselben entworfen und errichtet worden waren, und über die sich daraus ergebenden Vorteile wie die dicken, weiß getünchten Mauern, welche die Ställe im Sommer kühl hielten und warm im Winter . Ich wollte dazu gerade eine Bemerkung machen, als wir beinahe mit einem Stalljungen zusammenstießen, der aus dem Tor kam und eine mit Mist arg überladene Karre schob. Erschrocken verlor der Junge die Kontrolle über das Gefährt, und der stinkende Haufen drohte hinunterzurutschen und auf meine in makellos sauberen Sandalen steckenden Füße zu fallen. Mit blitzartiger Geschwindigkeit schlang Maximus seinen Arm um meine Taille, wirbelte mich in die Luft und rettete mich so vor dem drohenden Verderben; auf seiner anderen Seite setzte er mich - außer Atem aber sicher - wieder ab, und gleichzeitig gelang es ihm noch, den Korb voller Äpfel aufzufangen, die ich im Obstgarten gepflückt hatte. Ganz durcheinander von unserem plötzlichen Auftauchen, den wilden Bewegungen und dem wirbelnden Rock meiner Reittunika mühte sich der Stalljunge ab, die Schubkarre und ihren Inhalt unter Kontrolle zu bringen, was ihm auch endlich gelang, ohne dabei allzu Schlimmes angerichtet zu haben. Schnaufend vor Anstrengung blickte der Junge zu uns auf und wurde puterrot. Es war natürlich Simacus. Ich biß mir auf die Zunge, um nicht lachen zu müssen. Maximus' immer noch um meine Taille geschlungener Arm bebte leicht, während er seinerseits versuchte, einen drohenden Heiterkeitsanfall zu unterdrücken. "Guten Tag, Simacus", sagte er freundlich, und die Gesichtsfarbe des Jungen verwandelte sich in ein tiefes Rot. "Ahhh ... G-Guten Morgen, Ge-ne-ral ... " stotterte er. Maximus legte den Kopf ein wenig schräg und zog eine schwarze Augenbraue hoch. Simacus wurde blaß, dann krächzte er: "G-Guten T-Tag, Her-rin ... " Da ich mir immer noch auf die Zunge beißen mußte, konnte ich seinen Gruß leider nicht erwidern. Maximus' Finger trommelten sachte auf meinen Bauch, eine unmißverständliche Drohung, mich zu kitzeln. "Guten Tag, Simacus", sagte ich, und meine Stimme klang in meinen eigenen Ohren unerwartet freundlich. Die Finger hielten inne, und innerlich gelobte ich mir, Rache zu nehmen. "Wie geht es Dir?" fuhr Maximus fort und schien die Verlegenheit des Jungen ebenso wenig zu bemerken wie den Anblick, den er selbst bot: ein großer, kräftiger Mann, der einen kleinen und reichlich femininen Korb voller Äpfel in seinen schwieligen Fingern hielt ... "G-Gut, Ge-ne-ral ... " "Schön", antwortete er. "Gefällt Dir Deine neue Arbeit? Simacus schluckte sichtlich. Offensichtlich hatte ihn noch nie jemand nach seiner Meinung zu irgendeiner Sache gefragt. Die Überraschung machte den Jungen noch unbeholfener als es seine Jugend eh schon tat. "J-Ja-aa-a ... " Maximus sah ihn mit jenem nachdenklichen aber gleichzeitig durchdringenden Blick an, mit dem er sicherlich Tausende junger Rekruten während seiner Jahre bei der Armee angeschaut hatte. Simacus errötete abermals. "Wie alt bist Du, Simacus?" "Vierzehn", platzte er heraus, und plötzlich klang seine Stimme fest und entschlossen. Maximus' Blick wurde streng. "In zwei Monaten ... in zwei Monaten werde ich vierzehn, General", berichtigte Simacus sich selbst, dann gebrauchte er den rechten Handrücken, um sich den Schweiß wegzuwischen, der auf seiner Nase perlte. Die Bewegung brachte das unsichere Gleichgewicht der Schubkarre abermals gefährlich ins Wanken, und die stinkende Ladung drohte abermals, sich auf dem Boden zu verteilen. Man mußte Simacus zugute halten, daß es ihm gelang, den Karren wieder unter seine Gewalt zu bekommen, bevor der gesamte Mist zu Boden fiel. Maximus wiederum mußte man zugute halten, daß er - abgesehen davon, daß sein Griff um eine Taille fester wurde und er einen halben Schritt zurücktrat - erfolgreich so tat, als sei nichts geschehen. "Vierzehn", wiederholte er. "Dann bist Du beinahe ein Mann ... Du solltest anfangen, darüber nachzudenken, was Du mit Deinem Leben anfangen willst ... " Vielleicht lag es daran, daß man ihn zum erstenmal als Mann betrachtete - wenn auch als einen sehr jungen - oder es war Sterculinus, der Gott des Düngens, der sich jetzt Simacus' erbarmte und ihm ins Ohr flüsterte, wie vorteilhaft es sein könnte, die Karre abzustellen, während er in der Sonne stehenblieb und weiterredete. Die stinkende Fracht war somit einigermaßen sicher. "Ich habe gedacht ... ", begann der Junge, zögerte dann aber und kaute auf seiner Unterlippe. "Und?" Simacus zögerte, aber durch Maximus' Ermutigung gelang es ihm, seine Zögerlichkeit zu überwinden und seine Gedanken auszusprechen. "Ich habe gedacht ... die Armee ... " Als er seinen geheimsten Gedanken plötzlich laut ausgesprochen hörte, erschrak er, preßte die Lippen fest zusammen und blickte das jüngste Objekt seiner Verehrung mit großen Hundeaugen an. Maximus schien über seine Worte nachzudenken. "Als Soldat zu dienen ist etwas sehr Ehrenhaftes", pflichtete er bei. "Aber es ist ein hartes und einsames Leben ... Wenn Du in die Armee eintrittst, wird man Dich weit weg schicken ... Ich war nur wenig älter als Du, als ich mit meiner Legion nach Germanien marschierte... Und bevor ich wieder nach Hause zurückkehrte, war fast ein Jahrzehnt vergangen ... " Simacus' Augen wurden groß wie Untertassen. "Du warst in Germanien? Du hast gegen die Barbaren gekämpft? Hast Du viele von ihnen getötet?" Maximus nickte, und so etwas wie Traurigkeit überschattete seine Züge. Als ich das sah, runzelte ich die Stirn, aber Simacus war zu jung, um diese subtile Änderung zu bemerken. Mit vierzehn ist Blutvergießen eine zu reizvolle Aussicht für einen Jungen, der nur die einengenden aber gleichzeitig schützenden Grenzen des Familienlebens kennt. Außerdem war die Tatsache, daß ein siegreicher römischer Heerführer mit ihm wie mit seinesgleichen sprach mehr, als womit viele hochgeborene Jungen prahlen konnten. "Ich würde gern weit weg gehen ... die Welt sehen ... " "Nun, wenn du daran denkst, in die Armee einzutreten, dann solltest Du Dich besser bald entscheiden ... " Ein Schatten fiel auf das gespannte Gesicht des Jungen. "Gibt es da ein Problem?" fragte Maximus taktvoll. "Nun ja ... " Simacus' Ausdruck spiegelte deutlich wider, daß er innerlich mit sich rang, ob es wohl klug sei, zwei völlig fremden Menschen seine Rolle in einer Verschwörung gegen den Thron zu bekennen. Er runzelte die Stirn und holte dann tief Luft. "Meine Mutter ... nun, sie ... " Maximus zog die Augenbrauen hoch und sah irgendwie sehr gebieterisch aus. Ich tat mein Bestes zu tun, als begutachte ich interessiert den Zaun. "Meine Mutter ... " setzte Simacus wieder an, zögerte erneut und schien dann endlich eine Entscheidung getroffen zu haben. Mit verschwörerischer, seit Urzeiten bei Männern so vertrauter Stimme platzte er heraus: "Du weißt wie Frauen sind!?" Sobald ihm die Worte über seine Lippen waren, erkannte Simacus seinen Fehler. Inzwischen war ich davon überzeugt, daß die Unterhaltung, die sich neben mir abspielte, doch sehr viel interessanter war als der Zaun. Also drehte ich mich um und blickte in ein tiefrotes Gesicht, in dem ein Paar dunkler Augen beinahe aus ihren Höhlen zu springen drohten. "Nein, Simacus", sagte Maximus freundlich. "Ich weiß nicht, wie Frauen sind. Ich bin viele Jahre älter als Du, und - den Göttern sei Dank - ich kenne sie nicht. Aber ich sage Dir etwas: Sie sind herrlich faszinierende und tapfere Geschöpfe. Und sie sind großzügig und fürsorglich. Kannst Du Dir vorstellen, wie schwer unser Leben ohne sie wäre? Ganz zu schweigen davon wie langweilig? Simacus war alt genug, sich für das Geheimnis des Weiblichen zu interessieren aber auch noch jung genug, um sich davor zu fürchten - ganz besonders in Gegenwart einer perfekten Vertreterin genannter Gattung. Er schaute ein bißchen perplex drein und warf mir einen kurzen Blick zu. Ich beantwortete seinen Blick mit einem ganz bewußt unaufrichtigen Grinsen. Er schien sich innerlich zusammenzukrümmen. Getreu der jahrhundertealten Regel, daß Männer immer zusammenhalten, kam Maximus seinem Möchtegern Waffenbruder zu Hilfe. "Ich vermute, Deine Mutter möchte nicht, daß Du weggehst ... .Das ist verständlich. Was sagt Dein Vater dazu?" "Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Mein ... Stiefvater ... er ist der dritte Mann meiner Mutter ... " Nun war es an mir, ihn fragend anzusehen. Ich kannte den Mann. Er war einer der vielen Haussklaven meines Mannes gewesen. Nach Erlangen seiner Freiheit hatte er sich entschieden, weiter bei der Villa zu bleiben und zu arbeiten, denn das Gut zu erhalten, bedurfte unentwegter Arbeit. Zwei Jahre später hatte er um die Erlaubnis gebeten, eine Frau mit auf den Besitz bringen zu dürfen, und sich in einem kleinen Haus jenseits des zentralen Bereiches, in dem sich die Villa befand, niedergelassen. Ich glaubte mich daran zu erinnern, daß die gesprächige Frau im Obstgarten aus Rom kam. "Es tut mir leid wegen Deines Vaters", sagte Maximus leise und blickte den Jungen dabei voller Mitgefühl an. "Jeder sollte an der Seite dessen aufwachsen, der ihn einst gezeugt hat. Ich habe meinen Vater verloren, als ich acht Jahre alt war." Simacus nickte einfach nur, eine seltsam erwachsene Geste bei so einem schlaksigen Jungen. Die Frau im Obstgarten hatte ihn mit seinem verstorbenen Vater verglichen und als "nutzlos" bezeichnet. Was für Makel er auch immer haben mochte - und bei den Göttern: vermutlich sind es sehr viel mehr als die, welche sofort ins Auge springen - ich würde Simacus keineswegs als "nutzlos" bezeichnen. Nicht mal als faul. Mir schoß der Gedanke durch den Kopf, was für ein Mann sein Stiefvater wohl sein mochte. Eltern zu sein ist niemals einfach, und einige Männer haben einfach nicht die Gabe, die man braucht, um ein Kind groß zu ziehen, besonders eines, das nicht ihr eigenes ist. Ich mußte mir eingestehen, daß ich nicht einmal wußte, ob das Paar eigene Kinder hatte. Ich bin keine von den Herrinnen, die es für unter ihrer Würde halten, über die Lebensumstände ihrer Dienerschaft Bescheid zu wissen, aber wie sehr ich mich auch bemühte, es gehörte einfach zu viel Personal zu meinem Haushalt. "Ein Mann muß tun, was er tun muß", sagte Maximus mit jener leisen aber festen Stimme, mit der er zu den Männern gesprochen haben mußte, die ihm in den zehn Jahren seines Dienstes als Offizier und Vorgesetzter unterstanden hatten. Simacus streckte die Brust 'raus und stellte sich unbewußt ein bißchen gerader hin. "Als Soldat zu dienen ist etwas sehr Ehrenhaftes", wiederholte er, "und es ist nichts dagegen zu sagen, in der Armee die Chance auf ein besseres Leben zu suchen ... " Simacus strahlte, und Maximus senkte die Stimme, bevor er weitersprach. "Den Eid, Rom zu dienen, auf die leichte Schulter zu nehmen, das ist jedoch unehrenhaft ... ebenso unehrenhaft ist es, einfach von zu Hause wegzulaufen ... " Irgendwie gelang es Simacus, unter Maximus' strengem grünblauem Blick nicht gänzlich die Fassung zu verlieren, aber er zuckte sichtlich zusammen. Da war Stärke in ihm. Das konnte niemand bezweifeln. Fehlgeleitet und zu falschem Zweck gebraucht aber nichts desto weniger Stärke. "Nur Männer ohne Ehre nehmen ihren Eid auf die leichte Schulter. Jeder Eid ist heilig. Jeder einzelne ... Aber jene, welche die Pflicht gegen die Familie und das Vaterland betreffen, sind es in besonderer Weise ... " Simacus senkte den Blick, aber ich konnte sehen, daß er an seiner Unterlippe kaute. Maximus sah es auch, aber seine Jahre als Offizier hatten ihn gelehrt, den Aufruhr im Inneren eines Jungen in Gegenwart einer Frau besser nicht zur Kenntnis zu nehmen. Einen Moment lang herrschte Stille. Simacus trat von einem Fuß auf den anderen so wie Männer - ganz gleich wie alt sie sein mögen - es zu tun pflegen, wenn sie sich unbehaglich fühlen. "Ein Mann muß tun, was er tun muß ... auch wenn er es nicht tun will ... " Erstaunt drehte ich mich um und blickte Maximus an. Sprach er nur zu dem Jungen oder zu sich selbst? Oder waren diese Worte, die seine Ehre, seine Pflicht und sein Eid laut auszusprechen ihm nicht erlaubten, indirekt an mich gerichtet? Wollte er mir damit sagen, daß - wäre er nicht durch eben diese gebunden - er mein Angebot angenommen und ein neues Leben an meiner Seite begonnen hätte, irgendwo weit weg von Rom? Daß es der Wunsch seines Herzens war, bei mir zu bleiben, auch wenn Ehre und Pflicht ihn zu Rache und dem sicheren Tod drängten? Maximus' Gesicht verriet nichts, die undurchdringliche Miene eines Offiziers, der streng zu einem Rekruten sprach, welcher sich noch im Kampf beweisen mußte, und der scheinbar nichts und niemanden sonst um sich herum wahrnahm.
Ein Mann muß tun, was er tun muß.
Jetzt war ich es, die wieder einmal auf ihrer Unterlippe kaute. "Wo wir gerade von Pflicht reden, Simacus - es ist wohl besser, wenn Du jetzt zu Deiner zurückkehrst, bevor der Stallmeister der Dame Julia wütend wird, weil ich so lange mit Dir hier in der Sonne schwatze." Sobald Maximus Sempronius' Stellung und Titel erwähnte, nahm Simacus Haltung an, als wäre er bereits der Soldat, der zu sein er sich erträumte. Trotz der Spannung, die in der Luft lag, mußte ich lächeln. Da war so gar nichts Bedrohliches an dem riesigen Nubier, der meine Stallungen mit eiserner Hand und einer Würde regierte, um die ihn so mancher König beneidet hätte. Es war nur eine Frage der Größe zusammen mit seiner Abneigung gegen müßiges Geschwätz und Müßiggang überhaupt. Nachdem man ihn an seine Pflichten gemahnt hatte, packte Simacus die Griffe der Schubkarre und war drauf und dran zu verschwinden, aber seine Augen wanderten unruhig zwischen Maximus und mir hin und her. Er wollte herauszufinden, ob er wirklich entlassen sei und vor allem, wem es zukam, ihn zu entlassen. Ich erbarmte mich des schlaksigen Jungen. "Weißt Du zufällig, wo Sempronius gerade ist?" fragte ich. "O ... Er ... er ... hat ein Pferd zum Hufschmied gebracht ... Er wollte eines der Hufeisen er-er-setzen lassen ... " stotterte der Junge und stolperte dabei über das Wort oder vielleicht auch über die Vorstellung, was wohl dem unglücklichen Hufschmied von Sempronius' Hand zustoßen könnte. Der Nubier kannte nur eine Art, etwas zu tun, und das war, es perfekt zu tun. Die, welche diese kostbare Tugend besitzen, neigen nicht eben dazu, mit den Schwächen anderer nachsichtig zu sein. Und man sagte, daß der Schmied sich den einen oder anderen Becher zu genehmigen pflegte, während er an seinem Schmiedefeuer schwitzte. Die Tatsache, daß der Stallmeister das Pferd persönlich zur Werkstatt gebracht hatte, statt diese untergeordnete Aufgabe von einem seiner Gehilfen erledigen zu lassen, ließ nichts Gutes erahnen. "Falls Du ihn sehen solltest", sagte ich, "dann sag Sempronius, daß General Maximus hier ist, um nach Luna zu sehen, und wir würden ihn gern dabei haben." "Wird alles mit ihr gut gehen? Der jungen Stute - meine ich. Ich ... " Als Simacus seinen Schnitzer bemerkte, brach er mitten im Satz ab, aber trotzdem konnte ich in seiner Stimme einen Anflug von Sorge und ein Aufflackern von Angst in seinen dunklen Augen erkennen. Er liebte seinen scheußlichen Hund so sehr, daß er bereit war, sich einem ungewissen Schicksal unter der Leitung des Stallmeisters zu stellen. Und obwohl er als Stallknecht noch neu war, hatte er die junge trächtige Stute bereits ins Herz geschlossen und sorgte sich um sie. Störrischer Junge oder nicht - das sprach für ihn: Mitleid und Hochherzigkeit sind ebenso wichtig wie Tapferkeit und Klugheit. Manchmal sogar wichtiger. Bevor ich noch merkte, was ich tat, schenkte ich Simacus ein aufmunterndes Lächeln. "Der General hat große Erfahrung im Umgang mit Pferden, und ich habe ihn um seine Meinung gebeten. Er wird Luna helfen, so gut er kann ...." Der Junge warf Maximus einen Blick zu, aus dem so viel Hoffnung und abermals tiefe Bewunderung sprachen, daß ich unwillkürlich an meine eigene verzweifelte Hoffnung denken mußte, die darauf setzte, daß seine Stärke und sein Selbstvertrauen ausreichen würden, um die viel zu jung trächtig gewordene, schmal gebaute Stute und ihr Fohlen zu retten. Mein Lächeln wurde wärmer und freundlicher. Mit einem Nicken entließ ich Simacus, und als der Junge abermals errötete, konnte ich nur vermuten, ob es seine Verlegenheit oder Maximus' Bemerkung über Frauen und das Geheimnis des Weiblichen war, welche diese Farbe auf seine Wangen gezaubert hatte. Nachdem Simacus und seine stinkende Last endlich verschwunden waren, wandte ich mich Maximus zu und versuchte, den kleinen Korb wieder an mich zu nehmen. Belustigung tanzte in der Tiefe seiner juwelengleichen Augen, während er meinen Händen auszuweichen versuchte. "Wie kommt es nur, daß ich Dich immer wieder vor Simacus retten muß?" fragte er. "Mit oder ohne seinen scheußlichen Hund - dieser Junge ist gefährlich", sagte ich und machte einen weiteren Versuch, den Korb zu schnappen. Maximus entkam mir abermals und schlug den Weg zur Scheune an. Ich folgte ihm. "Was meinst Du, wird der unbezahlbare Simacus es mit der Armee versuchen ....?" fragte ich, während ich mich bemühte, mit ihm Schritt zu halten. "Vielleicht." Trotz des Lächelns in seinen Augen, gab seine Stimme nichts preis. Das weckte meine Neugier. "Aber wenn er sich dazu entschließt, dann wird er es doch schaffen?" "Nein." Seine negative Antwort war ebenso überraschend wie seine Stimme, die ganz ohne jeden Ausdruck war. "Nein?" "Nein", wiederholte er. "Er ist zu klein für sein Alter und nicht kräftig genug. Er ist tapfer aber kein Krieger. Vielleicht könnte er einen Platz bei den Hilfstruppen finden, aber ich bezweifle, daß er auch nur eine der Fähigkeiten besitzt, die man dort braucht. Er könnte jederzeit bei den Handwerkern unterkommen, die für die Legionen arbeiten, oder vielleicht sogar der Leibdiener eines Offiziers werden ... " "Aber?" Maximus blieb stehen und drehte sich dann zu mir um. "Simacus würde sich innerlich dagegen auflehnen, als ein Diener betrachtet zu werden und daher ein schlechter Diener werden. Er wird diesen Gedanken immer ablehnen ...
Ich fühlte eine seltsame Enttäuschung. Simacus hatte nicht eben ein gewinnendes Wesen, aber er war auch jung und verletzlich. Und es war klar ersichtlich, daß er sich ein anderes, ein besseres Leben wünschte. Meiner Ansicht nach, verdient das schon allein Respekt. Die Armee wäre der ideale Weg heraus aus einer unbefriedigenden Existenz gewesen. Das Imperium brauchte immer Soldaten, und Rom sorgt gut für seine Männer. In der Armee hätte er Freunde und vielleicht sogar Brüder gehabt, Disziplin und Bezahlung, Essen, Versorgung und vielleicht sogar Unterricht. Er hätte es nie weiter als bis zum Zenturio bringen können, aber sein Leben hätte einen Sinn gehabt. Und sollte er die vorgeschriebenen zwanzig Jahre Dienst überleben, dann hätte er auch eine Pension bekommen und vermutlich eine Frau und Kinder und ein Stück Land, um sich darauf niederzulassen. Wäre er verwundet worden, dann hätte man ihn ehrenhaft und mit einer Pension versehen aus der Armee entlassen, und selbst wenn er in der Schlacht getötet worden wäre, hätte er ein würdiges Begräbnis erhalten, und sein Geist hätte sich zu den Geistern von Generationen von Legionären gesellt, die für die Größe Roms gefallen waren. Auf jeden Fall und mit Sicherheit hätte man immer seiner gedacht und sein Andenken wäre pflichtgetreu geehrt worden. Ein unbekannter, armer Junge wie er konnte der Unsterblichkeit nicht näher kommen. "Wenn jedoch", fuhr Maximus fort, "sich jemand die Zeit nähme, ihn zu verstehen und auszubilden, dann könnte er der treueste und verläßlichste Diener werden ... vorausgesetzt man behandelt ihn niemals als solchen." Maximus' Worte überraschten mich mehr als es seine schlichte Feststellung zu Simacus' nicht vorhandenen Chancen in den Reihen der römischen Armee getan hatte. Aber noch beunruhigender war die Tatsache, daß er recht hatte. Völlig recht hatte. Wie Markus Aurelius war auch General Maximus Decimus Meridius ein hervorragender Menschenkenner. "Simacus weiß bereits, was es bedeutet, für jemand Verantwortung zu tragen ... ", sagte er leise. "Jetzt muß man ihn noch Disziplin lehren und ihm einen verantwortungsvollen Posten übertragen. Er wird seinen wirklichen Wert nur dann erkennen, wenn er die Chance hat, auf einem verantwortungsvollen Posten zu stehen ... " Ich ließ einen Herzschlag verstreichen, bevor ich das Wort ergriff. Maximus fuhr mit derselben leisen Stimme fort. "Sich verantwortlich zu fühlen und sich um jemand oder etwas zu sorgen, das macht einen Mann zum Mann. Nicht seine Fähigkeit, ein Schwert zu führen ... " Während er sprach, sah ich es vor meinem inneren Auge. Maximus im Alter von acht Jahren. Ganz allein auf sich gestellt nach dem Feuer, das ihm sein Heim und seine Familie genommen hatte. Gezwungen, auf dem Hof von entfernten Verwandten zu leben weit weg von dem fruchtbaren Land, wo er geboren und aufgewachsen war. Herausgerissen aus seiner glücklichen Kindheit und weg von dem Andenken an seine Familie. Vom Lachen seines Bruders, der Wärme seiner Mutter und der Fürsorge seines Vaters. In eine Familie verpflanzt, die keine Zeit und nur wenig Raum und Essen für den hochgewachsenen, kräftigen, ernsten Jungen hatte, der seinem eigenen Fleisch und Blut ein Fremder war. Ein Junge, ganz auf sich gestellt, dem nur harte Arbeit und Verantwortung blieb, wo er doch laufen und schwimmen und spielen sollte, der jedoch seine Pflicht tat, ohne zu murren. Maximus nur acht Jahre alt aber schon ein Mann. |
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Als ich wieder sprach, klang meine Stimme ein wenig heiser, denn ein Kloß saß tief in meiner Kehle. "Warum habe ich den Verdacht, daß ich als Freiwillige für diese Aufgabe ausgewählt worden bin?" Maximus grinste verlegen. "Der Mann, der die Dame Julia Antonina zu etwas zwingen kann, was sie nicht will, der muß erst noch geboren werden", sagte er leise. "Ich bin mutig, aber so mutig nicht!" Er hatte seine Worte so ausgezeichnet gewählt, daß ich ihn einfach nicht daran erinnern konnte, daß ich als Sklavin geboren worden und achtzehn Jahre gezwungen gewesen war, dem Willen meines Herrn zu gehorchen. Denn seit er mich zu einer freien Frau gemacht und die Dame Julia Antonina an die Stelle von Julia, "der Besten, die ich je gezüchtet habe", getreten war, seit jenem Tag war ich keinem anderen Willen als dem meinen gefolgt. Und ich hatte seitdem jede einzelne Minute genossen. Soviel zu einem Mann, der behauptete, nicht gut mit Worten umgehen zu können. Ich mußte lächeln. "Aber vielleicht würde Dir die Herausforderung Freude machen ... " fügte er hinzu, und schwang dabei vielsagend den kleinen Korb hin und her, den er immer noch trug. Ich blickte ihn mißtrauisch an. "Außerdem scheinst Du mir ein besonderes Talent dafür zu haben, Dir die Treue Deiner Dienerschaft zu erwerben .." Wäre ich eine Katze, hätte ich jetzt meine Ohren flach angelegt - so wie Rubia es zu tun pflegte. Und hätte dazu nervös mit dem Schwanz gezuckt. "Ich bezahle sie gut", knurrte ich. Maximus zog fragend die Augenbrauen hoch. "Kein Geld der Welt kann die Treue und Ergebenheit kaufen, die ich überall hier sehe", sagte er streng und klang dabei wieder genau wie der General, der er war. Seine Worte verblüfften mich, aber irgendwie schaffte ich es, mich selbst zu ermahnen, daß ich kein unerfahrener Rekrut war, und ich weigerte mich, unter seinem Blick klein beizugeben. Statt dessen schoß meine Hand in Richtung des Korbes. Mit blitzartiger Geschwindigkeit hielt er ihn außerhalb meiner Reichweite. Ich runzelte die Stirn. Ich war wirklich nicht sehr gut darin, den Aufruhr, der in meinem Inneren tobte, zu verbergen. "Deine Diener lieben Dich, Julia. Das kann jeder sehen, der Augen im Kopf hat. Warum sollte Dir das unangenehm sein?" Der Kloß in meinem Hals wurde dicker. Wie kam es, daß ich, die Dame Julia Servilia, die geheimnisvolle, mächtige, reservierte, kalte Schönheit, die jeden außer Apollinarius auf Distanz hielt, mich unter Maximus' Blick jedesmal in ein offenes Buch verwandelte? Wie kam es, daß nichts an mir seiner Aufmerksamkeit und seinem durchdringenden Blick entging - sei es die Angst des kleinen Mädchens von damals oder die der Frau von heute, zu der ich herangewachsen war? Und wie kam es, daß ich mich immer wieder dabei ertappte, wie ich innerlich erbebte, hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis, meine Verletzlichkeit zu verbergen und dem ebenso machtvollen Bedürfnis, dieselbe anzunehmen? Maximus erwartete keine direkte Antwort, von der er wußte, daß sie nicht kommen würde, aber er erwartete meine Entscheidung bezüglich eines unfertigen, einsamen Jungen, der dringend eine Chance brauchte, die sein Leben nicht nur verändern sondern es auch lebenswert machen könnte. Die Chance, die Maximus und Marcus Aurelius mir beide vor sechs Jahren gegeben hatten. "In Ordnung", sagte ich. "Vielleicht braucht Rom nicht so dringend Soldaten und kann auf Simacus verzichten, aber die Götter wissen, daß ich immer treue Diener brauche ... wenigstens sagt Athenodorus mir das mindestens zehnmal die Woche!" Maximus lächelte mich auf eine Art an, die mein Herz immer einen Sprung tun und dann in einen wilden Galopp verfallen ließ . "Danke", sagte er leise, so leise, daß seine Worte kaum mehr als ein Flüstern waren. Dann senkte er den Kopf und berührte meine Lippen zart mit den seinen. Wie immer waren sie warm und schmeckten nach Honig und Äpfeln und Zimt. "Danke", wiederholte er, und die vertrauten Flammen zuckten in der Tiefe seiner faszinierenden Augen auf. Mein Mund war plötzlich trocken und brannte vor Verlangen. Ich nickte und nahm den Korb aus seiner nun nicht länger Widerstand leistenden Hand, dann machte ich mich auf den Weg zum Stall.
Sobald wir das Gebäude betraten, erstrahlte Maximus' Gesicht in jener herrlichen Mischung aus Neugier und Staunen, die ihn immer so fast lächerlich jung aussehen ließ. Er drehte sich auf den Versen im Kreis und blickte sich mit Expertenmiene um, wobei er alles sorgfältig in Augenschein nahm. Der Stall war groß, luftig und hell, die vielen Stallboxen öffneten sich vorn und hinten je zu einem langen Gang. Einem Gang, der, wie ich mir in Erinnerung rief, von den Stallburschen immer makellos sauber gehalten wurde - dafür sorgte Sempronius. Ich konnte mich nicht daran erinnern, je dort entlang gegangen zu sein und auch nur einen einzigen Strohhalm oder ein winziges Häufchen Mist gesehen zu haben - ganz gleich zu welcher Zeit des Tages oder wie beschäftigt die Stallburschen gewesen sein mochten. unbewußt fragte ich mich, ob das Reinigen der Gänge nun zu Simacus' Pflichten gehörte. Der Stall lag - bis auf die Pferde, welche geschäftig ihr Getreide kauten - verlassen da, und die Stimmen der Stallburschen, die irgendwo hinter dem Gebäude arbeiteten, wehten zusammen mit der Sommerbrise durch die offenen Fenster herein. Wie ich bereits sagte, hatte mein Gemahl weder Mühe noch Kosten gescheut, als er diesen Stall errichten ließ. Die einzelnen Boxen waren aus Ziegelsteinen gemauert und mit Holzplatten verkleidet um zu verhindern, daß die Tiere sich verletzten, sollten sie sich einmal erschrecken und gegen die Wände treten. Außerdem waren sie doppelt so groß wie üblich, und jede Box hatte ein hölzernes Gatter, damit die Tiere sich frei bewegen konnten und nicht endlose Stunden an ihren Halftern angebunden stehen mußten. Ich sah, wie Maximus dieses Detail bemerkte, und Zustimmung war deutlich in seinen Zügen zu lesen. Er stammte aus einem Winkel des Imperiums, wo Pferde halb wild gezüchtet werden, während in Rom die meisten Ställe klein und überfüllt sind, und die Tiere in ihren kleinen Boxen festgebunden werden, so daß ihre Besitzer mehr als nur eines in jeder Box unterbringen können. Aber mein Gemahl hatte unter anderem nicht nur mit Pferden der Spitzenklasse gehandelt, sondern er liebte seine eigenen mit einer Leidenschaft, die nur der für seine Schiffe nachstand. Und wenn Marius Servilius etwas liebte oder haben wollte, dann zählten für ihn weder die Kosten noch was andere dachten. Also hatte er ungeachtet besagter Kosten und Ratschläge einen Stall bauen lassen, in dem sich seine Pferde in ihren Boxen bewegen und sogar im Heu rollen konnten. Ich drehte mich zu Maximus um und sah, daß ehrfürchtiges Staunen die Neugier aus seinem Gesicht verdrängt hatte. Mit Sicherheit hatte er in seinem Leben viele Ställe gesehen, war jedoch nicht an einen solchen Luxus in denselben gewöhnt. Blitzartig schoß mir die Erinnerung an die Ställe in jenem Militärlager in Moesia, in welchem wir uns zum erstenmal begegnet waren, durch den Kopf. Sie waren aus Holz errichtet, und die Löcher im Dach waren so groß, daß der Regen in Strömen ins Innere floß. Und unbewußt fragte ich mich, wie wohl Maximus' eigene Ställe in Vindobona ausgesehen haben mögen. Trotz des Mangels an Komfort in einem abgelegenen Militärposten konnte ich mir nicht vorstellen, daß Maximus ein schmutziges Lager mit heruntergekommenen Ställen dulden würde so wie Cassius dies getan hatte. "Es ist schön hier, Julia", sagte er leise. "Sie haben so viel Platz, um sich zu bewegen ... " Mein Herz wurde weit vor Stolz. Gut, ich hatte den Stall nicht selbst errichten lassen, aber ich war für ihn und seine Bewohner verantwortlich gewesen, seit mein Mann zu krank geworden war, um für seine Tiere zu sorgen. "Und die beste Neuerung hast Du noch gar nicht gesehen", sagte ich und zeigte dabei auf eine leere Box. "Schau Dir den Boden an: er ist eben, nicht leicht abschüssig wie sonst üblich. Ich verstehe nicht, warum man darauf besteht, Ställe so zu bauen. Pferde können nicht richtig ruhen, wenn sie nicht bequem stehen können!" "Genau das habe ich auch immer gedacht. Die Stallungen meines Schwiegervaters haben genau wie dieser ebene Böden ... " Er sprach nicht weiter, und ich sah ihn blinzeln, als ob eine plötzliche, unerwartete Erinnerung, die mit jenem anderen, weit entfernten Stall zusammenhing, vor seinem inneren Auge auftauchte, und ich konnte nicht ausmachen, ob es eine schöne Erinnerung war oder nicht. Olivias Vater züchtete also Pferde ... Bevor unerwünschte Erinnerungen ihn beunruhigen oder meine ebenso unerwünschte Eifersucht erwecken konnten, nahm ich ihn bei der Hand und zog ihn weiter. "Komm ... " Maximus ließ es geschehen, und ich setzte den Korb auf einen in der Nähe stehenden Schemel suchte nach dem Messer, das Sempronius auf dem Werkzeugregal aufbewahrte und benutzte es, um die frischen Äpfel zu vierteln. Sie teilten sich mit dem typischen Geräusch frischer, mürber Früchte, und ihr Duft vereinte sich mit dem des Heus, des Getreides und der Pferde, welcher in allen Ställen beheimatet ist. Nachdem ich fertig war, leckte ich mir den Saft ab, der mir auf die Finger getropft war. Maximus lächelte über diese kindliche Geste. Ich erwiderte sein Lächeln und führte ihn den Gang entlang, hindurch zwischen der Doppelreihe von Stallboxen. Die Pferde hielten mit ihrem geräuschvollen Kauen inne, ihre Köpfe tauchten im Gang auf, als sie ihre Hälse streckten - es war deutlich erkennbar, daß sie den Duft der Äpfel, die ich in meinem Korb trug, witterten und sich ein Apfelstück oder auch nur ein Streicheln erhofften. Der Stall war nur halb belegt, aber wie ich Maximus bereits erklärt hatte, lebten hier nicht weniger als zwanzig Pferde, zwei Esel und zwei Maultiere. "Wir haben noch ungefähr ein Dutzend mehr", sagte ich, als wir an ihren Boxen vorübergingen und die langohrigen Tiere ihre Köpfe aus den Futterkrippen hoben, um uns mit ihren lieben, feucht schimmernden Augen anzusehen. "Aber wir halten sie auf dem Gutshof zusammen mit den Ochsen. Wenn sie für eine bestimmte Aufgabe gebraucht werden, dann können sie problemlos hierher gebracht werden. Diese hier werden nur für leichte Arbeiten verwendet, vor allem in den Gärten und um den Wagen zu ziehen, wenn wir etwas aus der nahegelegenen Stadt holen müssen. Für schwerere Lasten halte ich Maultiere und Ochsen auf der Werft und bei den Lagerhäusern, die ich mir jederzeit ausleihen kann ... " In den Boxen vor uns standen zwei Gruppen von jeweils vier Pferden, welche meine Kutsche zogen, wenn ich nach Rom und wieder zurück nach Ostia reiste. Die eine Gruppe bestand aus lebhaften Füchsen, die andere aus ebenso lebhaften Braunen. Dann kamen wir an einer Gruppe älterer Tiere vorbei, die keine schweren Arbeiten mehr leisten aber noch eingesetzt werden konnten, um die Karren der Gärtner zu ziehen oder Apollinarius als Reittier dienten, sollte er einmal - was selten vorkam - Lust verspüren, den Rücken eines Pferdes zu erklimmen. Dann kamen andere Pferde, die von meinen Arbeitern benutzt wurden, sollten ihre Pflichten sie einmal über die Grenzen Ostias hinaus führen, oder wenn sie als Kurier unterwegs waren und ganz Italien und seine verschiedenen Häfen bereisten. Es waren kräftige Tiere mit einem Körperbau, der von Schnelligkeit und Ausdauer zeugte. Zu ihnen gehörte Argentea (*), die gutmütige graue Stute, die Luna zur Welt gebracht hatte. Die junge Stute hatte den zarten Körperbau seines Vaters geerbt, welcher das Reitpferd eines Geschäftsfreundes von Marius Servilius gewesen war. Endlich erreichten wir die letzten bewohnten Boxen, wo meine kostbarsten Tiere untergebracht waren. Fulmen stand in der nächstgelegenen und betrachtete uns mit hocherhobenem Kopf und vom intensiven Wittern weit geblähten Nüstern - ganz wie es sich für einen feurigen Hengst gehört. "Er hat einen stark ausgeprägten Beschützerinstinkt, wenn es um seine Damen geht", sagte ich und bot ihm ein Stück Apfel an. Fulmen roch an meiner flachen Hand, knabberte vorsichtig an der Frucht, schüttelte dann seinen stolzen Kopf samt der herrlichen Mähne und stampfte mit einem seiner Vorderhufe. Ich mußte einfach lachen über dieses Schauspiel männlichen Stolzes. Maximus trat näher, packte ihn am Halfter und rieb dem Hengst über das samtene Maul . Fulmen rollte die Augen und vergaß vorübergehend seinen Harem, denn er freute sich, seinen Reiter vom Vortag wiederzusehen. Seine Nüstern flatterten, während er die Aussicht auf einen guten, schnellen Ritt mit einem erfahrenen Reiter zu wittern schien. Hinter meinem Rücken war ein leises Wiehern gefolgt von einem lauten Schnauben zu hören. Ich lachte wieder und drehte mich gefolgt von Maximus um. Sidereum streckte seinen langen Hals vor und versuchte, an meiner Tunika zu knabbern. "Und hier haben wir noch einen Prachtburschen, der es gar nicht mag, wenn man ihn ignoriert", sagte ich und rieb dabei die Stirn des Wallachs. "General Maximus, das ist Sidereum, mein Reitpferd ... " Der Braune betrachtete ihn aufmerksam mit seinen neugierigen dunklen Augen und nickte dann zustimmend mit dem Kopf. Wir brachen beide in Gelächter aus, und der Wallach stimmte durch lautes Wiehern in unseren Heiterkeitsausbruch ein. "Er ist wirklich schön", sagte Maximus, während er Sidereums seidigen Hals streichelte. "Und er ist das freundlichste Pferd, das ich je gesehen habe", fügte ich hinzu und verfütterte dabei abwechselnd an den Wallach und den Hengst Apfelstücke. "Er ist gern mit Menschen zusammen und kann so verspielt sein wie ein Fohlen ... "
Die Stuten befanden sich in den hintersten Boxen. Eine von ihnen, Nebula, war hochgewachsen und weiß wie Schnee, ihre lange, seidige Mähne und ihr Schwanz wallten wie Schaum, wenn sie sich bewegte. Ihr Fohlen hatte ihr makelloses Fell geerbt und versprach, ebenso groß und stark zu werden wie der Hengst, der es gezeugt hatte. Lux dagegen hatte ein rötliches Fell, Mähne und Schweif waren von der Farbe heller Bronze. Sie war kleiner als Nebula, ein gedrungenes kleines Pferd, offenbar afrikanischer Herkunft, mit einer Vorliebe für ausdauerndes Rennen und der dafür nötigen Schnelligkeit. Ihr Fohlen versteckte sich hinter ihr, ein langbeiniges, dunkles Geschöpf, welches das Fell seines Vaters geerbt hatte. Aber der Unterschied zwischen den beiden Stuten ging weit über Größe und Farbe hinaus. Ich muß zugeben, daß meine erste Reaktion auf das rötliche Tier Enttäuschung war, denn Lux war Menschen gegenüber sehr scheu, ließ sich nur schwer einfangen oder streicheln, und wenn man es ihr gestattete, dann hielt sie ihr Fohlen möglichst fern von uns. Nebula statt dessen war freundlicher und vertrauensvoller, was sie wieder einmal dadurch bewies, daß sie ihren Kopf vorstreckte, um ihre Nase an meinem Schoß zu reiben und so um Streicheleinheiten bat. Dann schob sie ihr hübsches Fohlen nach vorn, damit wir auch dies streicheln konnten. Ich tat, worum die weiße Stute mich zu bitten schien, während Maximus versuchte, das andere Tier zu sich heran zu locken. Er streckte die Hand aus, die Handfläche nach oben gewandt, und machte leise Geräusche im Wechsel mit geflüsterten Worten, seine Stimme war tief und beinahe hypnotisch. Lux musterte ihn argwöhnisch, aber nach einigem Zögern kam sie zu ihm und beschnupperte vorsichtig die ihr entgegengestreckte Handfläche. Stirnrunzelnd beobachtete ich, wie Maximus langsam seine Hände hob und nach dem Halfter der Stute griff, dann senkte er den Kopf bis zu ihrem Maul und blies sanft in ihre Nüstern. Meine Augen weiteten sich vor Erstaunen, als die Stute ihren Kopf gegen seine Brust drückte, ihm gestattete, ihren Kopf und Hals zu streicheln und sie sogar zwischen den Ohren zu kraulen - eine Geste des Vertrauens, die ich nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Dann wandte Lux den Kopf zur Seite und bewegte ihn einige Male auf und ab. Im Heu war ein Rascheln zu hören und ein kleiner Kopf lugte hinter ihrem Leib hervor. Zwei große, feucht schimmernde Augen kamen in Sicht. Das Fohlen machte einige Schritte und kam endlich auf uns zu. Seine Beine waren beinahe so lang wie die seiner Mutter, aber sein Körper war klein und mit flauschigem Fell bedeckt, das geradezu danach rief, gestreichelt zu werden. Das kleine Wesen hielt inne, um seine Mutter anzublicken, die es sanft mit dem Maul stupste und ermutigte, näher an Maximus heran zu gehen. Das tat das Fohlen auch, bewegte sich auf seinen staksigen und noch ein wenig unbeholfenen langen Beinen vorwärts und legte dann seinen Kopf auf die Brüstung der Box. Maximus grinste und neigte sich vor, um auch dem Fohlen in seine Nüstern zu blasen, dann richtete er sich wieder auf und legte den Arm um meine Taille, um mich zu sich heran zu ziehen. "Komm her und mach das gleiche, was ich tue. Pferde stellen sich so einander vor. Ich tat, was er mir gesagt hatte, neigte mich über den Kopf des Fohlens und blies zart in seine Nase, und nach kurzer Zeit wurde ich belohnt indem das Kleine seinerseits in mein Ohr blies. Ich lachte leise und wiederholte dann dasselbe bei der Stute. Dann richtete ich mich wieder auf und blickte Maximus an. Ich sah das stille Leuchten in seinen Augen, während er mich und die Tiere anschaute. Er fühlte, daß ich ihn beobachtete und schenkte mir wieder einmal sein schönes jungenhaftes Lächeln, während sein Arm immer noch auf meinen Hüften ruhte. Ich lächelte zurück und legte meinen Kopf an seine Schulter, dann seufzte ich zufrieden und schloß die Augen, um die Süße des Augenblicks besser genießen zu können - die Süße des Augenblicks, die zusammengefügt war aus einvernehmlichem Schweigen und dem Duft frischen Heus, dem warmen Geruch von Pferden und Leder, den beruhigenden Lauten mahlender Zähne und raschelnden Strohs. Es war einer jener kurzen perfekten Augenblicke, die eine Ewigkeit dauern könnten ... "Du hast einen Pferdezauber, General. Und dieser Zauber ist stark ... " Die Stimme, die aus dem Schatten kam, war tief und melodiös, eine beruhigende Stimme, die sowohl die Pferde als auch ich selbst nur zu gut kannten, trotzdem trennten wir uns mit einem Satz wie heimliche Geliebte, die man inflagranti erwischt hat. Als wir uns umdrehten, trat Sempronius ins Licht, ein Mann wie ein Berg, der sich jedoch mit der Grazie einer sehr viel kleineren Person bewegte. Maximus blinzelte, als er den riesigen Nubier im Gang stehen sah, aber sein Gesicht verriet nichts. Da er selbst groß und kräftig war, fand er es vermutlich beunruhigend, den Blick heben zu müssen, um seinem Gegenüber in die Augen zu sehen. Mit seinen gut 1,90m überragte ihn der Stallmeister deutlich, seine glänzende ebenholzschwarze Haut spannte sich straff über die geschmeidigen, kräftigen Muskeln eines Mannes, der nie ein Gramm Fett angesetzt hatte. Sempronius' Gesicht verriet nicht mehr als Maximus', seine Züge waren kräftig aber elegant wie bei den meisten Nubiern. Er trug eine einfache Tunika aus handgesponnenem Stoff und grobe Sandalen, an den Handgelenken schwarze Ledermanschetten, und das schwarze, krause Haar kurz geschoren. Sempronius strahlte die Autorität und Würde eines Stammeskönigs aus. Und plötzlich kam mir der Gedanke, daß er vielleicht sogar einer war. Oder er war wenigstens einer gewesen, bevor die Römer ihn fingen und in die Sklaverei verkauften. Sempronius sprach nie über seine Vergangenheit, aber er ähnelte sehr den Pferden, die er so liebte: seine Züge und Größe zeugten von edler Herkunft und Generationen ebenso edler Vorfahren. "Mein Volk lernt seinen Pferdezauber von den Göttern der Wüste. Wo hast Du Deinen gelernt?" fuhr der Stallmeister fort und vergaß dabei offenbar völlig, daß er den Mann verhörte, welcher der Gast seiner Herrin war. "Ich habe meinen in Spanien gelernt", antwortet Maximus gelassen. Sempronius lächelte zustimmend und stellte dabei seine herrlichen perlengleichen Zähne zur Schau. "In Spanien gibt es gute Pferde, General. Kein Wunder, daß Dein Zauber so stark ist." Maximus nickte und erwiderte dann das Lächeln. Erst jetzt stellte ich fest, daß ich während des Wortwechsels den Atem angehalten hatte. Ich atmete weiter. Und erst jetzt bemerkte ich auch, wie wichtig es mir war, daß beide Männer einander akzeptierten. "Komm", sagte Sempronius, während er zum hintersten Ende des Ganges schritt. "Die Zeit der Kleinen Königin ist ganz nahe, und sie wird immer unruhiger. Deshalb habe ich sie in eine der speziellen Boxen zum Fohlen gebracht, bevor sie zu ruhelos wird ... " Der Nubier nannte Luna nie bei ihrem Namen sondern immer nur Die Kleine Königin. "Gibt es schon irgendwelche Anzeichen, daß die Wehen einsetzen?" fragte Maximus während wir uns der hintersten Ecke des Stalls näherten. "Ihr Euter ist hart und voller Milch, und aus ihren Zitzen tropft schon Flüssigkeit", bemerkte Sempronius. "Frißt sie normal?" "Das hat sie bis letzte Nacht. Heute hat sie ihr Heu kaum angerührt und auch nicht das Korn am Vormittag ..." Maximus brummte, seine Gedanken bereits voll auf die junge Stute und die unübersehbaren Anzeichen der bevorstehenden Niederkunft konzentriert. Sempronius blieb vor der zum Fohlen reservierten Box stehen. Sie war doppelt so groß wie die anderen, um es der Stute zu gestatten, sich bequem hinzulegen, wenn ihre Zeit gekommen war, und auch für ihre menschlichen Helfer noch genug Platz zu bieten. "Die Kleine Königin ist gutmütig, aber sie ist unerfahren und nervös. Ich werde sie für Dich halten, während Du sie untersuchst." Maximus nickte, und Sempronius öffnete den Zugang zur Box. Beim Anblick der trächtigen Stute machte ich große Augen. Ich war so beschäftigt gewesen - zuerst in Rom und dann mit der Planung von Maximus' Flucht -, daß ich Luna während der vergangenen drei Wochen ihrer Schwangerschaft nicht gesehen hatte, und unterdessen war ihr Leib riesig geworden. Wirklich riesig. Ihre Flanken traten hervor und gaben ihr eine plumpe Erscheinung, die so ganz anders war als ihr übliches elegantes Aussehen. Das silbergraue Fell, von dem die Stute ihren Namen hatte, spannte sich unvorstellbar straff über ihrem unförmigen Leib. Ich schnappte erschrocken nach Luft. "Sie ist riesig!" platzte ich hervor. Maximus grinste. "Sie werden alle riesig, wenn ihre Zeit ganz nahe ist", sagte er in belustigtem Ton. "Mit Frauen ist das genauso ..." "Ich habe schon früher trächtige Stuten gesehen, und ich kann Dich beruhigen: ich weiß sehr gut, wie riesig eine schwangere Frau sein kann!" erwiderte ich bissig. Ich war von Lunas verändertem Aussehen zu schockiert, um auf Maximus' Neckerei eingehen zu können. Etwas blitzte in Maximus' Augen auf. Nicht dieses Aufblitzen von Stahl, das seine wilde Entschlossenheit zu begleiten pflegte. Auch nicht das donnernde Aufblitzen seiner Wut oder die sengende Flamme der Leidenschaft. Es war etwas gänzlich anderes. Etwas, das ich nie zu vor gesehen hatte. Etwas, das ich nicht einordnen konnte. Etwas Intensives und vage Beunruhigendes ... In der Stallbox hatte Sempronius bereits nach Lunas Halfter gegriffen und wartete auf Maximus. "Ich habe sie regelmäßig untersucht, und das Fohlen scheint richtig zu liegen, General ... " Beim Klang von Sempronius' Stimme blinzelte Maximus, und was auch immer in der Tiefe seiner Augen gewesen war verschwand zusammen mit der schwungvollen Bewegung seiner langen, kohlschwarzen Wimpern. "Wir sollten sie besser nicht bedrängen. Julia, würdest Du bitte draußen bleiben." Da war eine Spur von Härte in seiner Stimme, aber nur so schwach, daß ich mir nicht sicher war, ob ich sie wirklich gehört hatte, oder ob mir meine Sinne einen Streich spielten. Ich nickte, während Maximus die Box betrat und den Zugang derselben hinter sich schloß.
"Heute oder morgen", wiederholte Maximus und rieb dabei der Stute liebevoll die Stirn . "Heute oder morgen", stimmte ihm Sempronius zu, während er zärtlich Lunas Hals tätschelte. "Wie auch immer, es wird eine lange Nacht werden ... " Maximus nickte "Das erste Fohlen braucht immer länger, um auf die Welt zu kommen. "Ein zusätzliches Paar Hände wäre willkommen", bemerkte Sempronius, dann fügte er hinzu: "Nur für den Fall ... " Ich stand auf der anderen Seite des Gatters, das den Zugang zur Box verschloß, und folgte der Unterhaltung der beiden Männer aufmerksam. Maximus warf mir einen kurzen Blick zu. "Laß mich rufen, wenn es so weit ist, und ich werde kommen", sagte er und lächelte mir aufmunternd zu. Trotz seiner beruhigenden Worte und Gegenwart, konnte ich sein Lächeln nur mit einem unsicheren meinerseits erwidern.
Wir kehrten zum Eingang des Stalls zurück, und Sempronius holte eine Schüssel, in die er Wasser goß, damit Maximus seine Unterarme waschen konnte, die er sich während der Untersuchung mit der honigartigen Flüssigkeit beschmiert hatte, welche aus Lunas Gesäuge tropfte. "Ich werde auch mitkommen", sagte ich, während ich Maximus ein Tuch reichte, damit er sich die Hände abtrocknen konnte. Er hob den Kopf. "Sempronius und ich können uns um Luna kümmern, Julia", entgegnete er. "Du brauchst Dich nicht hierher zu bemühen. Außerdem ist die Geburt eines Fohlens Schwerstarbeit und kann die ganze Nacht lang dauern .... " "Gebären ist immer Schwerstarbeit", pflichtete ich ihm bei. "Und es dauert gewöhnlich lange. Ich werde kommen." Maximus streckte die Hand aus und griff nach dem improviserten Handtuch, kleine Wasserbäche hinterließen eine feuchte Spur auf seiner gebräunten Haut und tropften dann zu Boden. Während dessen blickte er mich fest an, und da war es wieder. Etwas, das ich nicht genau benennen konnte, flackerte in der Tiefe seiner meergrünen Augen. Bevor ich noch die Stirn runzeln konnte, ergriff Sempronius wieder das Wort. "Herrin, der General hat recht. Du brauchst Dich nicht zu bemühen oder Dich anzustrengen. Wir werden uns gut um die Stute kümmern ... " Ich wandte mich dem Stallmeister zu. "Danke, Sempronius. Ich weiß, daß Du und der General Euch gut um Luna und ihr Fohlen kümmern werdet, aber sie gehört mir, und ich will bei ihr sein, wenn ihre Zeit kommt ... " Sempronius warf Maximus einen schnellen Blick zu. Dessen Nicken war so unmerklich, daß ich es beinahe übersah. Sempronius wandte sich wieder an mich und verbeugte sich respektvoll. Statt beleidigt zu sein, zog ich es vor zu lächeln und mich an der offensichtlichen Wirkung zu erfreuen, die Maximus auf meinen Haushalt hatte. Selbst als Marius Servilius noch lebte, hatte ich mich bereits so an die Leitung der Villa gewöhnt und ebenso an Apollinarius' stille unauffällige Gegenwart, daß ich beinahe vergessen hatte, welche Wirkung ein befehlsgewohnter Mann auf eine gut ausgebildete Dienerschaft hatte. "So, das hätten wir also geklärt", sagte ich freundlich. "Sempronius, sei nun bitte so freundlich und laß Fulmen und Sidereum satteln. Der General und ich reiten zum Gutshof ... " (*) Argentea (Lateinisch): "silberfarben". |