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HINTERGRUND
Der Medikamenten-Flohmarkt
Experten befürchten, dass durch Internetapotheken den Fälschern von Arzneimitteln Tür und Tor geöffnet wird. Es ist schwer, eine seriöse Apotheke von Quacksalbern zu unterscheiden.
VON FABIAN LÖHE

Mal besteht die vermeintliche Viagra-Pille bloß aus gefärbtem Traubenzucker, dann lediglich aus Milchpulver. Eine "Pille danach" kann schon Mal unter dem Namen "Pille Nr. 53" oder "Flasche 18methy" aus China kommend über eine kanadische Internetapotheke vertrieben werden - und als Hauptwirstoff Koffein enthalten. Das hebt allenfalls den Blutdruck, senkt aber nicht den Hormonspiegel.

Seit Anfang 2004 dürfen Arzneimittel auch über Internet-Apotheken vertrieben werden. Doch Quacksalber im Internet verschicken die Medikamente mitunter in losen Plastikbeuteln und mit fernöstlichen Beipackzetteln. Manchmal ist aber auch das komplette Medikament zusammen gepanscht. Erst im Februar hatte Stiftung Warentest 20 Versandapotheken untersucht und herausgefunden, dass kein einziger Anbieter auf Nachfrage "lückenlose Information" zu Neben- und Wechselwirkungen liefert. Kaum ein Versender hatte seine Ware mit dem Hinweis "Nicht an Kinder ausliefern!" versehen und die elektronische Apotheke sei auch oft nicht günstiger gewesen. Genaue Zahlen über Arzneimittelfälschungen im Internet gibt es nicht, auch Statistiken zu Plagiaten generell sind rar. Nach Schätzungen des Internationalen Verbandes der Arzneihersteller sind mittlerweile sieben Prozent aller weltweit gehandelten Medikamente Fälschungen. Der Industrie entsteht dadurch ein Schaden von bis zu 25 Milliarden Euro. Experten befürchten, dass besonders durch den Internethandel den Fälschern Tür und Tor geöffnet wird.

BKA sieht kaum Gefahr

Beim Bundeskriminalamt (BKA) scheinen die Risiken anders eingeschätzt zu werden. Seit 1996 sind den Fahndern insgesamt erst 30 Fälle von Arzneimittelfälschung bekannt geworden. Fälschungen ohne Wirkstoff oder mit falscher Zusammensetzung seien bislang noch nicht aufgetaucht.

Das BKA bezweifelt sogar, dass die Zulassung von Internet-Apotheken einen Einfluss auf den illegalen Internethandel mit Arzneimitteln hat, sieht aber für die Kunden die Gefahr, "dass sie auf diesem Wege Arzneimittel unbekannter Qualität und Herkunft oder gefälschte Arzneimittel erwerben".

"Über das Internet Fälschungen zu vertreiben ist wesentlich leichter", sagt hingegen Harald Schweim, Professor für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn. Der Verbraucher könne praktisch nicht sicher gehen, dass es sich bei einer Internet-Apotheke auch wirklich um eine legale Apotheke handle. Ein "Riesenproblem" sei der Internethandel mit Medikamenten, und das obwohl Deutschland eine sehr große Apothekendichte habe. Auf eine Apotheke kommen laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände 3858 Einwohner "Wir sind nicht weit weg davon, dass uns jeden Tag ein Skandal in der Dimension von Todesfällen wie bei Vioxx auf die Füße fallen kann", sagt Schweim. Er fordert, dass "an der Schraube des Gesetzgebers gedreht wird".

Der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Versandapotheken (BVDVA), Thomas Kerckhoff, hält die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ausreichend. "Aber wir brauchen eine Aufsichtsbehörde - auch für den internationalen Markt. Sonst bleiben die Konsumenten im Internet ungeschützt." Das Regelwerk greife nicht, so lange nicht kontrolliert werde.

In Deutschland muss der elektronische Apotheker drei Karten in der Hand halten: seine Approbation, die Zulassung und eine Versandelserlaubnis. Diese Auflagen werden von der Amtsapotheke überprüft. Doch diese lizensierten Apotheken sind von Scharlatanen im Netz nicht immer leicht zu unterscheiden. "Medikamente aus Kasachstan sind nicht gleich zu setzen mit denen aus Köln-Nippes", sagt Kerckhoff. "Und wenn kein Impressum genannt ist, lassen Sie die Finger davon. Medikamente kaufen Sie ja sonst auch nicht auf dem Flohmarkt." Er rät zu Anbietern wie zurrose.de, sanicare.de und a1-versandapotheke.de, die auch ihre Aufsichtsbehörde nennen.

Schwere Unterscheidung

Als "Einfallstor für Fälschungen" bezeichnet auch Jörg Schaaber, Sprecher der Pharmakampagne Buko, die Legalisierung des Internets für den Medikamentenversand. "Das Problem mit dem Internethandel ist, dass es für den Verbraucher schwer wird zu unterscheiden, was eine legale Apotheke ist." Allerdings hätten vor allem die Markenarzneimittel-Hersteller ein großes Interesse an der Aufklärung von Fälschungen, weil sie wegen ihrer hohen Preise am meisten davon betroffen seien. Die Fälschungen hätten auch viel mit dem Preisgefüge zu tun. So seien Medikamente für Aids-Patienten für 10 000 Dollar aber auch für 140 Dollar zu haben.

 

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