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Dritter Abschnitt. |
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Psychophysische
Verhältnisse. |
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Sechzehntes Kapitel. |
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Physiologie des Auges. |
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Das Sehen. Von allen unseren Sinnen ist der Sehsinn, am höchsten
entwickelt. Wir erkennen dies daran, daß unser Weltbild im wesentlichen die gesehene Welt ist. Die gehörte,
getastete, geschmeckte, gerochene ist unvergleichlich viel kleiner und
einfacher. Die Grenzen unserer Welt, die Elektronen einerseits, die fernsten
Sterne anderseits werden ausschließlich durch das Auge wahrgenommen, und das
Weltbild unserer täglichen Erfahrung ist, wenn auch nicht ausschließlich, so
doch zum allergrößten Teil aus Seherlebnissen zusammengesetzt. In diese
gesehene Welt ordnen wir die getastete, gehörte usw. so
ein, daß die erste die maßgebende ist. Diese überwiegende Bedeutung des Sehens drückt sich auch
darin aus, daß der Sehsinn der einzige mehrfaltige ist. Hören, tasten usw.
können wir nur in einfaltiger Ordnung, während das Sehfeld unmittelbar
zweifaltig, eine Fläche ist und die Erkenntnis der dritten Abmessung des
Raumes unserer Erfahrung durch besondere Einrichtungen, namentlich das
Doppelauge vermittelt. Und über die räumliche Unterscheidung der Außendinge
hinaus, die auch durch das nicht farbempfindliche Stäbchenauge geleistet
werden würde, hat das Auge noch die weitere Leistung der Farbempfindungen
erreicht, welche uns auch stoffliche Unterschiede an den Dingen wahrnehmen
läßt. Die Eigenschaften der Dinge, mittels deren wir uns in der Welt zurechtfinden,
sind zum allergrößten Teil solche, die durch das Auge wahr- genommen werden;
die Stoffbeschreibungen der chemischen Lehrbücher beziehen sich fast
ausschließlich auf visuelle Erscheinungen. |
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So ist es natürlich, daß auch die Eigenschaften des Auges,
die Gesetze des Sehens und der geistige Aufbau einer folgerichtigen
Anschauungs- und Begriffswelt auf dieser Grundlage stets als eine
Hauptangelegenheit der Wissenschaft angesehen und behandelt worden ist. Der
Anteil, welcher die Formen zum
Gegenstande hat, stellt daher eines der am frühesten entwickelten
Wissenschaftsgebiete, nämlich die Geometrie dar. Deren wissenschaftliche Gestaltung,
wie sie bereits den Ägyptern und Griechen gelungen war, und wie sie uns von Euklid in scharf durchdachter
Zusammenstellung überliefert worden ist, hat seitdem als Muster und Vorbild
für alle anderen Wissenschaften gegolten, nicht ohne Nachteil für beide,
Vorbild und Nachbilder. Hat doch z. B. Spinoza
keinen deutlicheren Ausdruck für seine Absicht finden können, eine streng
wissenschaftliche Ethik zu schaffen, als den Hinweis, daß sie „nach Art der
Geometrie" aufgebaut sei. Der biologischen Tatsache, daß das Farbensehen sich viel
später entwickelt hat als das Formensehen, entspricht die wissenschaftsgeschichtliche
Tatsache, daß die Farbenlehre sich um Jahrtausende später entwickelt hat als
die Formenlehre. Denn die eigentlich wissenschaftliche Erfassung des
Gebietes, die nach Zahl und Maß, gehört der jüngsten Zeit an und ist von der
Schaffung der wissenschaftlichen Geometrie um fast drei Jahrtausende
entfernt, d. h. durch den größeren Teil der uns einigermaßen bekannten Geschichte
der Menschheit. Die Ursache dafür liegt natürlich in der viel größeren
Verwicklung und schwierigeren Erfassung der Farbenwelt gegenüber der
Formenwelt. Auch der andere, nächstliegende Vergleich der Lichtwelt
mit der Tonwelt, die an Bedeutung jener zunächst steht, läßt einen ähnlichen
ungeheuren Zeitabstand erkennen. Die zahlenmäßigen Gesetze der Töne sind gleichfalls
schon im griechischen Altertum entdeckt worden. Die Geschichte hat diese
kapitale Leistung mit dem Namen Pythagoras
verbunden, dessen Tonmessung mit dem |
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Monchord einzigartig unter den Werken jener Zeit hervorragt.
Durch den Besitz dieser wissenschaftlichen Grundlage hat die Tonkunst sich
zur ersten und stärksten Kunst unserer Kultur entwickelt. Eine Lichtkunst in solchem Sinne war bis auf unsere Zeit
nicht vorhanden, weil eine der Pythagoräischen vergleichbare messende
Grundlage im Gebiet der Farben bisher gefehlt hatte. Ohne eine solche
wissenschaftliche Grundlage ist eine höhere Entwicklung der entsprechenden
Kunst nicht möglich. Jetzt ist diese Grundlage vorhanden, und schon regen
sich hier und da die Kräfte, um die neue, eigentliche Lichtkunst entstehen zu
lassen, deren Anfang die künftigen Geschichtsforscher in die ersten
Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts legen werden, wo sie zu der Zeit des
größten Krieges, der die Menschheit verwüstet hat, in der Stille entstanden
ist. Das Auge. Es ist allgemein bekannt, daß das Auge vermöge seiner
optischen Einrichtung kleine Bilder der Außenweit im Innern entstehen läßt,
wo sie auf eine Ausbreitung des Sehnervs, die Netzhaut fallen und den Reiz
bewirken, welcher, durch den Sehnerv bis zum Gehirn fortgeleitet, dort die
Licht- und Farbenempfindungen hervorruft. Die scharfe Abbildung ist auf eine
flache Vertiefung gegenüber der Linse beschränkt, die Sehgrube, in deren Mitte der
gelbe Fleck den Punkt des schärfsten Sehens kennzeichnet. Schon in
geringem Abstand nimmt die Sehschärfe sehr schnell ab. Dieser Nachteil wird
durch die sehr große Beweglichkeit des Auges ausgeglichen, welche gestattet,
jeden Punkt, dessen Betrachtung gewünscht wird, zu „fixieren", d. h.
sein Bild auf denselben Fleck zu bringen*). Stäbchen und
Zapfen. In der geschichtlichen Einleitung ist
bereits über die grundlegende Tatsache berichtet worden, daß das
Menschenauge zwei wesentlich verschiedene nervöse |
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*)
Näheres in Physiologische Farbenlehre von H. Podestà, Leipzig 1922, Verlag
Unesma. |
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Organe enthält, von denen das eine, ältere die Empfindung
von Hell und Dunkel vermittelt, das andere, neuere die der Farben. Nach der
Form der lichtempfangenden Endglieder unterscheidet man sie als Stäbchen und
Zapfen. Obwohl sich der restlosen Durchführung dieser Auffassung
mancherlei Schwierigkeiten entgegengestellt haben, hat sie doch zu so
vielfältigen Aufklärungen geführt, daß man sie als grundsätzlich zu Recht
bestehend anerkennen darf. Da entwicklungsgeschichtlich vermutlich die
Zapfen aus früheren Stäbchen entstanden sind, wird man in ihnen noch Reste
von Stäbeneigenschaften annehmen dürfen und so die Widersprüche beseitigen,
welche durch die stillschweigend angenommene absolute Trennung beider Funktionen
hervorgerufen worden sind. Die anatomische Verteilung ist die, daß die Sehgrube,
insbesondere der gelbe Fleck mit Zapfen allein ausgestattet ist, während die
ganz seitlichen Gebiete der Netzhaut nur Stäbchen tragen; dazwischen liegt
ein abgestuftes Mischgebiet. Dem entspricht der regelmäßige Befund, daß
jeder farbtüchtige Mensch in den Seitengebieten etwas farbenblind ist. Und
zwar sind die Grenzen für verschiedene Farben verschieden. Dies deutet auf
eine schrittweise Entwicklung des Farbensinns hin, wonach Blau-Gelb früher
da war als Rot-Grün. Die Vermannigfaltigung der Empfindungen im Zapfengebiet
hat eine Verminderung der Empfindlichkeit zur Folge. Deshalb erfolgt das
Sehen bei zunehmender Dunkelheit zunehmend mit den Stäbchen, so daß wir
alsdann erheblich früher das Vermögen, Farben zu unterscheiden, verlieren,
als das für Hell und Dunkel. Die Unbuntheit der Mondlandschaften ist eine
Folge hiervon. Ferner sind die Stäbchen die Hauptträger der Adaptation oder Einstellung des Auges auf
die allgemeinen Helligkeitsverhältnisse. Der Sehvorgang ist an den Stäbchen mit der Zerstörung eines
lichtempfindlichen Stoffes, des Sehpurpurs, verbunden, |
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der durch den normalen Stoffwechsel nachgebildet wird.
Jeder Beleuchtungsstärke entspricht ein dynamischer Gleichgewichtszustand
zwischen Verbrauch und Neubildung des Sehpurpurs, durch welchen dessen Menge
um so kleiner wird, je stärker die Beleuchtung ist; um so geringer ist auch
die absolute Änderung seiner Menge bei objektiv gleichen Lichtunterschieden
und die damit zusammenhängende Allgemeinempfindlichkeit, wie das die
Erfahrung über Adaptation lehrt. Es lassen sich einfache chemische Verhältnisse
annehmen, durch welche gleiche relative
Änderungen der Lichtstärke gleiche relative Änderungen der Empfindung,
unabhängig vom absoluten Gehalt an Sehpurpur zur Folge haben, wie das
gleichfalls die Erfahrung zeigt. Die hellste Stelle im Spektrum ist verschieden für die
Zapfen und die Stäbchen; bei diesen ist sie nach den kürzeren Wellen, von
Gelb nach Grün verschoben. Die ganze Farbenlehre, welche in diesem Werk vorgetragen
ist, gilt ausschließlich für das Zapfensehen, weil nur diese das Farbsehen
vermitteln. Folglich gilt sie nur für solche Lichtstärken, bei denen das
Zapfensehen maßgebend für die Empfindungen ist. Unter diesen Umständen
schränkt das Auge die Funktion der Stäbchen auf eine noch nicht näher
gekannte Weise ein, so daß ihre überwiegende Lichtempfindlichkeit nicht zur
Geltung kommt. Die Farbenlehre braucht daher das Stäbchensehen weiter nicht
zu berücksichtigen. Das
farbempfindende Organ. Die starke
Vereinfachung welche die Mannigfaltigkeit der Mischung der Lichtarten bei der gegenwärtig bestehenden
Organisation unserer Farbenempfindung erfährt, beweist, daß das empfangende
Organ nicht besonders auf jede Lichtart reagiert, also auch keinen
entsprechenden Feinbau enthält, sondern daß es durch ziemlich breite Gebiete
benachbarter Wellen gleichartig angeregt wird, so daß dort nur noch
Stärkeverschiedenheiten empfunden werden. Will man den Versuch fragen, |
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wie viele solche Gebiete es gibt, so muß man sich erst
darüber klar werden, welche Versuchsanordnung maßgebend wäre. Fassen wir
mittels Lichtfilter die Lichtarten zusammen, die beim Betrachten eines
Farbkreises nur Hell und Dunkel und keine Buntfarben übrig lassen, so werden
wir auf die Zahl fünf geführt, die
sich nach meinen Versuchen nicht weiter vermindern läßt. Es sind die Gebiete
Gelb, Rot, Blau, Seegrün, Laubgrün. Hiernach wäre zu vermuten, daß das
Farborgan fünfteilig ist oder auf fünf scharfunterschiedene Weisen sich
betätigt, abgesehen von den Unterschieden der Stärke. Der Umstand, daß man aus drei Farben gehörigen Abstandes
alle Farbtöne des Kreises ermischen kann, ist andererseits die Grundlage der
Dreifarbentheorie von Young und Helmholtz. Sie hat bei näherer Prüfung
neben guten Erfolgen auch große Schwierigkeiten ergeben. Endlich hat die
natürliche Ordnung der vier Urfarben im Farbkreise E. Hering veranlaßt, den beiden Paaren Gelb-Ublau und Rot-Seegrün
je einen polar gefaßten Vorgang (Assimilation - Dissimilation) zuzuordnen,
denen noch das dritte Paar Weiß-Schwarz angefügt wird. Diesen drei wesentlich
verschiedenen Reizvorgängen sind entsprechend drei wesentlich verschiedene
Nervenvorgänge oder auch drei verschiedene Organe zuzuordnen, welche je einen
dieser Reize übernehmen. Unsere Kenntnisse über das Wesen und die Gesetze der
Reizleitung und -verarbeitung sind zurzeit so wenig entwickelt, daß die
Mittel fehlen, zwischen diesen Möglichkeiten zu entscheiden. Daraus folgt,
daß es zurzeit auch wissenschaftlich nichts nützen würde, wenn wir eine
solche Entscheidung irgendwoher erhielten. Sie würde am Bestande unserer
Kenntnisse zunächst nichts ändern, da noch keine Zusammenhänge mit den Einzeltatsachen
bekannt sind. Nur den Nutzen würde sie vielleicht haben, den energieverzehrenden
Streit über die verschiedenen Theorien zu Ende zu bringen. Aber auch das ist
nicht sicher. |
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Das vorliegende Werk läßt erkennen, wie viele und fruchtbare
Wissenschaft gewonnen werden kann, ohne irgend eine Rücksicht auf jene
Fragen. Dieses große Gebiet wird demgemäß künftig auch nicht durch ihre
Entscheidung beeinflußt werden, sie möge so oder so ausfallen. Persönlich
muß ich erklären, daß ich die erzielten Erfolge nicht zum wenigsten der
bewußten Fernhaltung von jenen Fragen zuschreibe. Sie soll deshalb auch hier
weiterhin geübt werden. Nachbilder und
Kontraste. Sieht man in ein
helles Licht. und schließt dann die Augen, so empfindet man noch einige
Zeit, um so länger, je stärker das Licht war, dasselbe Bild in abklingender
Stärke. Die Erscheinung wird das positive
Nachbild genannt. Richtet man das so vorbehandelte Auge auf einen hellen
Grund, so sieht man dasselbe Bild mit umgekehrten Lichtverhältnissen wie
ein photographisches Negativ. Dies ist das negative
Nachbild. Stets ist das positive Nachbild früher da und verschwindet
früher. Ist der erzeugende Lichteindruck nicht stark gewesen, so kann das
positive Nachbild so schnell verschwinden, daß man es gar nicht gewahr
wird, während das negative deutlich erlebt wird. Daß wir im täglichen Leben nicht fortwährend von
Nachbildern geplagt werden, rührt daher, daß wir gelernt. haben, von ihnen
abzusehen und sie gar nicht in das Bewußtsein kommen zu lassen, ebenso wie
der Müller das Klappern seiner Mühle nicht hört, das dem Fremden aufdringlich
bis zur Unerträglichkeit erscheint. Personen, bei denen die Empfindung der
Nachbilder krankhaft gesteigert ist, kennen auch die entsprechende Plage. Diese Tatsachen zeigen, daß die vom Lichtreiz ausgehende
Empfindung nicht gleichzeitig mit dem Reiz aufhört, sondern eine zweifache
Nachwirkung ausübt. Die |
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erste besteht in der Fortsetzung der Empfindung mit abnehmender
Stärke. Dies entspricht der allgemeinen Tatsache, daß jedes Organ wie jede
Maschine eine besondere Trägheit hat, deren Wirkung durch einen
energieverzehrenden Widerstand beschränkt wird, den man bildlich Reibung
nennen kann, und der wohl immer zu einer Umwandlung der Energie in Wärme
führt. Bei den photochemischen Vorgängen im Auge wird man nicht an mechanische
Trägheit bewegter Massen denken; es ist nicht schwierig, sich auch ein chemisches
Bild der Trägheit oder Nachwirkung auszudenken. Der zweite Vorgang läßt sich dahin deuten, daß durch den
Reiz mit seinem Erfolg ein Zustand bewirkt worden ist, der dem ersten
entgegengesetzt ist, und der gleichfalls abklingt oder sich selbsttätig
ausgleicht. Auch hierfür läßt sich leicht ein chemisches Bild finden, das in
unmittelbarem Zusammenhange mit dem ersten steht. Außer den unbunten Nachbildern gibt es bunte. Von solchen kommen die negativen am häufigsten vor. Sie
machen sich dahin geltend, daß nach einem bunten Reiz ein Nachbild in der Gegenfarbe erscheint, welches
logarithmisch abklingt. Dabei ist es nicht nötig, daß hernach ein äußerer
Lichtreiz auf die betätigte Stelle der Netzhaut fällt; man sieht
gegenfarbige Nachbilder auch bei geschlossenen Augen oder wenn man auf eine
schwarze Fläche schaut. Diese Erfahrung beweist, daß durch einen bunten Reiz die
Netzhaut in einen Zustand versetzt wird, welcher mit dem übereinstimmt,
welchen ein gegenfarbiger Reiz hervorbringt. Die theoretische Auffassung dieser Erscheinung ist verschieden.
Fechner betrachtet sie als eine
Ermüdungserscheinung. Das Auge ist durch die Beanspruchung für die
vorgelegte Farbe unempfindlicher geworden. Wirkt hernach weißes Licht ein,
so kommt an der ermüdeten Stelle |
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der gegenfarbige Teil zu stärkerer Wirkung und die Stelle
wird in dieser Gegenfarbe gesehen. Den Einwand, daß diese Gegenfarben auch
ohne weißes Licht empfunden werden, beantwortet er dahin, daß das
Gesichtsfeld nie vom weißen Licht ganz frei sei, indem mindestens das graue
Eigenlicht des Auges sich betätige. Die andere, hauptsächlich von Hering vertretene Ansicht geht dahin, daß
das gegenfarbige Nachbild nicht von einer passiven Ermüdung herrühre,
sondern von einer aktiven Gegenwirkung der Netzhaut, durch welche ein polar
entgegengesetzter Vorgang bewirkt wird. Er faßte diese gegensätzlichen
Vorgänge als Assimilation und Dissimilation; sie bilden, wie berichtet, die
Grundlage seiner Theorie der bunten Empfindungen. Für uns ist bei diesen Erörterungen zunächst nur wichtig,
daß durch die physiologischen Verhältnisse des Auges die Gegenfarbenbeziehung eine jedermann vertraute
(wenn auch meist unterbewußt) ist. Sie stellt den engsten gesetzlichen Zusammenhang
dar, welcher zwischen verschiedenen Farbtönen bestehen kann, und ist deshalb
die Grundlage aller buntfarbigen Harmonien verschiedenen Farbtons, die später
behandelt werden sollen. Kontrast.
Betrachten wir eine Grauleiter mit unmittelbar nebeneinander liegenden
Feldern, wie sie S. 147 für genauere Messungen beschrieben wurde, so sehen
die Felder nicht gleichförmig aus, wie sie tatsächlich sind. Sondern jedes
ist nach dem helleren Nachbar zu dunkel abschattiert, so daß die dunkelste
Stelle als Rand sich dem hellen Nachbar ansetzt. Umgekehrt hellt sich das
Feld nach dem dunkleren Nachbar hin auf und ist an der Grenze am hellsten.
Die Erscheinung ist um so auffälliger, je genauer die Felder aneinander
grenzen, und wird durch Zwischenlinien vermindert, ja aufgehoben. Man kann
sie allgemein dahin beschreiben, daß helle Nachbarschaft den Nachbar
verdunkelt und dunkle ihn aufhellt; und zwar um so mehr, je näher er ist.
Außer dem eben beschriebenen Falle gibt es un |
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zählig viele andere, welche alle sich auf die gleiche
Formel bringen lassen. Dies ist der unbunte Kontrast Hell-Dunkel. Außer diesem gibt es noch einen bunten Kontrast, den man an
den hundertteiligen Farbtonleitern des Chrometers beobachten kann. Die nebeneinanderliegenden
Farbfelder sehen dem Farbton nach nicht gleichförmig aus. Betrachten wir
z.B. das veile Gebiet, so hat jedes Feld nach der roten Seite zu einen
blauen, nach der blauen zu einen roten Rand, der an der Grenze am stärksten
ist und nach innen sich schnell, aber stetig ausgleicht. Die Beschreibung
lautet hier, daß zwei Felder verschiedenen Farbtons sich so beeinflussen,
daß jede Farbe die andere nach der entgegengesetzten Seite des Farbkreises
drängt, und zwar um so mehr, je näher sich die Farbfelder räumlich liegen. Auf die Frage, wie weit die Verschiebung geht, ist die
Antwort: bis zur Gegenfarbe. Die Empfindung der Kontrastfarbe ist aber sehr
weitgehend durch unsere Kenntnis der Eigenfarbe des beeinflußten Gebiets
bestimmt. Haben wir gar keinen Anhaltspunkt für diese, so ruft der Kontrast
alsbald genau die Gegenfarbe hervor. Dies ist am deutlichsten sichtbar bei
den farbigen Schatten. Erzeugt man gleichzeitig auf derselben Fläche zwei
ähnliche Schatten, von denen der eine objektiv bunt, der andere unbunt ist,
so sieht der zweite nie grau aus, sondern erscheint in der Gegenfarbe. Ein
graues Feld auf einem bunten Papier zeigt erst bei längerem Hinsehen etwas
von der Gegenfarbe durch den Kontrast. Bedeckt man beide mit Flor oder
Pauspapier, so daß man die Beschaffenheit des grauen Flecks nicht mehr
erkennen kann, so erscheint er sofort und sehr deutlich in der Gegenfarbe. Wir haben es also hier im Raume mit einer ganz ähnlichen
Erscheinung zu tun, wie sie die negativen Nachbilder in der Zeit darbieten.
Ihr Gemeinsames ist, daß die Beanspruchung des Auges durch eine Buntfarbe
dieses so beein- |
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flußt, daß es die gegenfarbige Empfindung von sich aus erzeugt.
Auch durch diese beständig wirksame unwillkürliche Betätigung wird uns das
Verhältnis der Gegenfarbenpaare anschaulich gemacht. Um so erstaunlicher ist
die Tatsache, daß gerade bei Praktikern, die tagtäglich mit Farben zu tun
haben, wie Färbern und Malern, noch bis heute die alten falschen Ansichten
über die Gegenfarbenbeziehung Gelb : Veil, Rot :Grün, Blau : Kreß ihr Wesen
treiben und immer wieder zu mißglückten „Theorien" ohne wissenschaftlichen
Wert Anlaß geben. Unvollkommene
Farbempfindung. Neben den Farbtüchtigen,
deren Verhältnisse der Farbenlehre zugrunde gelegt sind, gibt es in kleiner
Zahl Personen, deren Farbenwelt enger ist, die uneigentlich sogenannten
Farbenblinden. Sie zerfallen in einige große Gruppen, zwischen denen allerdings
mannigfaltige Übergänge bestehen. Der häufigste Mangel ist der der Empfindung für Rot und
Grün. Die damit Behafteten verwechseln beide Farben, während sie die anderen
ähnlich wie die Farbtüchtigen auffassen. Dabei gibt es Fälle, bei denen
wesentlich die Empfindung des Rot fehlt, und andere mit fehlendem Grün.
Metamere Mischungen, die von den Normalen als gleich angesehen werden,
erscheinen auch solchen Farbmangelhaften gleich; es fehlt ihnen also nur ein
Teil der von jenen empfundenen Mannigfaltigkeit. Viel seltener sind die Fälle, wo Blau und Gelb verwechselt
werden. Endlich gibt es Personen, welche überhaupt keine Farben
sehen. In ihren Augen sind nur die Stäbchen lichtempfindlich und die
Einzelheiten ihres Sehens stimmen damit überein. Es ist sehr bemerkenswert, daß sich unter den Forschern,
die sich mit der Farbenlehre beschäftigt haben oder beschäftigen, auffallend
viele mit unvollkommenem Farbensinn finden. Es scheint, daß ihre
Aufmerksamkeit durch |
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(Ende Seite 259) |
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die Widersprüche, in die sie bezüglich der Farbe mit ihrer
Umgebung geraten, ihre Aufmerksamkeit besonders stark auf das Gebiet
hinlenkt, wohl zunächst durch den Wunsch, die empfundenen Nachteile zu
beseitigen oder wenigstens zu mildern. Ist daneben allgemeine wissenschaftliche
Anlage vorhanden, so richtet sie sich naturgemäß auf die Erforschung dieses
Gebiets starken persönlichen Interesses. |
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(Oberes Drittel Seite 260) |