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Achtzehntes
Kapitel. |
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Die
Harmonie der Farben. |
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Der Hauptsatz der
Schönheitslehre. Als die grauen Farben ohne jede
Bezugnahme auf schönheitliche (ästhetische) Fragen, wohl aber unter
sorgsamster Berücksichtigung ihrer Gesetze genormt waren, fiel uns als reife
Frucht dieser Arbeit ebenso unerwartet wie beglückend ihre Harmonie in den Schoß. Und zwar infolge
des in allen Gebieten der Kunst maßgebenden Grundgesetzes Gesetzlichkeit = Harmonie. Auf dem
Gebiete der Farbenlehre wurde dieser Satz zuerst theoretisch aufgestellt und
praktisch erprobt. Nicht in der ungefähren und unbestimmten Weise, wie
bisher ein solcher Zusammenhang oft genug ausgesprochen war, sondern in der
Art der exakten Wissenschaft, für die ein Naturgesetz, soll es diesen Namen
verdienen, mit dem Anspruch der Allgemeingültigkeit auftritt. |
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Ich habe mich deshalb alsbald bemüht, nachzusehen, ob eine
solche Allgemeingültigkeit besteht, und alle Künste unter diesem
Gesichtspunkt untersucht. Das Ergebnis war überall bejahend. Hier können nur
einige Beispiele angegeben werden; dies ist aber notwendig, um das Vertrauen
in die unbedingte und restlose Richtigkeit jenes Grundsatzes und damit seine
Anwendung auf die Welt der Farben zu sichern. Zunächst finden wir das Gesetz maßgebend für die Tonkunst.
Damit zwei Töne ein harmonisches Verhältnis haben, müssen ihre maßgebenden
Werte, die Schwingzahlen, gesetzliche Beziehungen, und zwar unter den
möglichen zunächst die einfachsten
aufweisen. Die harmonischen Intervalle mit den Schwingzahlenverhältinissen
sind: Oktave 1:2, Quinte 2:3, Quarte 3:4, gr. Terz 4:5, kl. Terz 5:6. Andere
harmonische Verhältnisse gibt es nicht, und alle musikalischen
Tonverbindungen beruhen ohne Ausnahme auf den drei Primfaktoren dieser Zahlen
2, 3, 5. Ähnliche einfache
Gesetzlichkeiten bestehen für den Rhythmus (Takt), den Periodenbau und den
Kontrapunkt. Für die Dichtung und die Baukunst gelten ähnliche Beziehungen. Diese Anwendungen des Satzes beziehen sich auf vorhandene
und geläufige Kunstbetätigungen. Ich sagte mir, daß jedes Naturgesetz zum
Prophezeien da ist. Wendet man es auf Fälle an, die man noch nicht kennt, so
kann man mit seiner Hilfe den Erfolg vorausberechnen und muß, wenn es richtig
ist, das Erwartete finden. Die Möglichkeit
dieses „experimentum crucis" ergab sich unerwarteterweise in einem
Falle, den man für längst erledigt hätte halten sollen, nämlich in der
Formenlehre. Der Satz verlangt: alle gesetzlichen Formen sind schön. Sind
sie es wirklich? Bekanntlich
sind alle Krystalle schön. Mehr oder weniger; aber häßliche Krystalle gibt es
nicht. Warum? Weil alle Krystalle sich nach einfachen Gesetzen gebildet |
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haben, welche die räumliche Gestaltung ihrer Molekeln
regeln. Selbst gestörte Krystallisationen, wie die der Eisblumen am Fenster,
wirken schön durch die in ihnen betätigte Gesetzlichkeit. Also hier liegt wieder eine volle Bestätigung vor. Wir
können aber den Hauptsatz noch schärfer auf die Probe stellen. Er ermöglicht
uns ja, auch im Gebiet des noch Ungekannten Schönes zu erzeugen. Stellen wir
uns die Frage, wie sich Punkte und Linien am einfachsten gesetzlich in der
Fläche ordnen und gestalten lassen, und führen die derart gefundenen Anweisungen
aus, so müssen die entstehenden Gebilde schön sein. Kann das zutreffen? Auch hier hat der Versuch keinen Zweifel an der Richtigkeit
des Hauptsatzes gelassen. In einem 1922 erschienenen Buch: Die Harmonie der
Formen (Leipzig, Verlag Unesma) habe ich das Experiment gründlich durchgeführt.
Es ergaben sich dabei nicht nur alle Gesetze der bisherigen Ornamentik oder
Lehre von den schönen Formen, wie sie von den Künstlern seit Jahrtausenden
ausgebildet worden ist, sondern es ergab sich außerdem eine unabsehbare
Fülle neuer schöner Formen, welche zu erzeugen die schaffende Phantasie aller
Zeiten und Völker bisher nicht ausgereicht hatte. Und es war keine häßliche darunter. Ich
berichte über diese durchgreifende Erprobung des Grundsatzes hier, weil auf
dem Gebiet der Formen die Entscheidung zwischen schön und häßlich leicht und
eindeutig ist. Unser Farbharmoniegefühl
ist aber so unentwickelt durch den Mangel an erlebten Harmonien und
gleichzeitig so in Verwirrung gebracht durch das Übermaß unharmonischer
Farbverbindungen, die wir täglich erleben müssen, daß hier eine ähnlich
unzweideutige Entscheidung nicht möglich ist. Daher ist es notwendig, das
Vertrauen zu den zu erwartenden Ergebnissen des Hauptsatzes auf dem Farbgebiet
zunächst an diesen Tatsachen zu stärken, um sich unbefangen und ohne die
landläufigen Vorurteile gegen die |
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Mitwirkung des Verstandes bei schönheitlichen Dingen der Prüfung
auf Grund der Gesetzlichkeiten erzeugten farbigen Harmonien hinzugeben. Graue
Harmonien. Das Wesentliche
über die grauen Harmonien ist bereits früher (S. 70) gesagt worden. Hier soll
ihre Systematik vervollständigt und im Zusammenhange dargelegt werden. Es waren einstufige, zweistufige und dreistufige Harmonien festgestellt worden, je nach
dem Abstand der Farben. Die einstufigen sind: ace, ceg, egi, gil, iln, lnp.
Die zweistufigen sind: aei, cgl, ein, glp. Die dreistufigen sind agn, cip.
Jedes Muster mit drei grauen Farben kann aber auf mindestens sechs
verschiedene Weisen mit denselben Farben ausgeführt werden. Zählen wir die
Stellen, welche verschiedene Farben erhalten, vom Rande nach dem Inneren, so
können z. B. die Farben ace in den Ordnungen ace, aec, cae, cea, eac, eca
angebracht werden. Dies gibt für die oben festgestellten 12 Harmonien 6 X 12
= 79, verschiedene Ausführungsformen. Vor meinen Augen
habe ich 6 große Rahmen, in denen je 12 solche Muster untergebracht sind. Ich
habe sie hundertfältig angesehen und meine Freude an ihnen ist noch lange
nicht erschöpft. Sie gilt ebenso der Schönheit jedes einzelnen Musters wie
dem Vollklang ihrer Gesamtheit. Bunte Harmonien.
Die grauen Harmonien ergaben sich als eine unmittelbare Folge der Normung der
unbunten Farben durch die Erfüllung der Forderung der gefühlsmäßigen Gleichabständigkeit.
Hierdurch war es möglich, die denkbar einfachste gesetzliche Beziehung zwischen
drei Farben, nämlich die Gleichheit ihrer beiden Abstände, an den Normen
unmittelbar zu verwirklichen. Die Einfaltigkeit der unbunten Reihe bewirkt,
daß diese Lösung auch die einzige mit einem solchen Grade der Einfachheit
ist; außerdem sind nur Abstandsbeziehungen nach verwickelteren Verhältnissen
möglich. Die Benutzung derartiger schwierigerer Harmonien muß aber so lange
als unverständlich aus- |
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gesetzt werden, bis
die Menschheit oder wenigstens zunächst der kleine Teil derselben, der sich
an grauen Harmonien erfreut, sich die einfachen Verhältnisse vollkommen
geläufig gemacht hat. Für die bunten Harmonien sind von vornherein sehr viel
verwickeltere Verhältnisse vorauszusehen. An die Stelle der einfaltigen
Graureihe tritt der dreifaltige Farbkörper und neben den begrenzten Reihen
mit verschiedensten Endpunkten treten die in sich geschlossenen Reihen der
Farbtonkreise auf. Dabei bildet aber die unbunte Reihe einen wesentlichen
Teil des Farbkörpers, gleichsam sein Rückgrat, und deshalb muß sich das
Gesetz der grauen Harmonien stetig, ja organisch den Harmoniegesetzen des
ganzen Farbkörpers anschließen lassen. Alle diese Forderungen haben sich befriedigen lassen. Im Interesse
der Normung sind die Gesetzlichkeiten der Farbwelt genau herausgearbeitet
worden und haben im Doppelkegel ihre geometrische Darstellung gefunden. Die
Harmoniebeziehungen werden sich somit als besonders einfache geometrische
Beziehungen im Farbkörper darstellen und mittels dieser wird man auch die
Harmoniegesetze am leichtesten finden und verstehen. Die beiden
Hauptgruppen. Die einfachsten
geometrischen Verhältnisse des Farbkörpers ergeben sich in seinen Hauptschnitten
und seinen Kreisen. Unter einem Hauptschnitt versteht man einen ebenen
Durchschnitt, welcher die Achse des Farbkörpers in sich aufnimmt. Er teilt
den Doppelkegel in zwei gleiche Hälften und legt einen rautenförmigen
Durchschnitt bloß. Dieser besteht aus zwei farbtongleichen Dreiecken, die
sich gegenüberstehen, deren Farbtöne also Gegenfarben bilden. Sie treffen in
der gemeinsamen Grauachse zusammen und bilden so die Raute des
Hauptschnittes. Man wird also eine Gruppe von Harmonien im farbtongleichen
Dreieck zu suchen haben und dabei etwa noch das gegenfarbige Dreieck berücksichtigen.
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Zweitens
ist der Doppelkegel ein Drehkörper, und jeder Punkt eines Hauptschnittes beschreibt
daher einen Kreis, dessen Mittelpunkt in der Achse liegt, und dessen Ebene senkrecht
zu dieser steht. Die derart
entstehenden Kreise sind die wertgleichen Kreise. Somit wird es zwei Arten einfachster Harmonien geben:
solche der farbtongleichen Dreiecke und solche der wertgleichen Kreise.
Hier werden wir also die Grundlagen der ganzen Farbharmonik finden. Eine Weiterentwicklung aus diesen einfachsten Harmonien
heraus wird sich durch gesetzliche Verbindung zweier oder mehrerer
einfachster Ordnungen ergeben. So gelangt man von diesen zu immer höheren und
verwickelteren Beziehungen. Ist es auch notwendig, Klarheit über die Wege
der bevorstehenden Entwicklung zu gewinnen, so wird man doch stets dessen
eingedenk bleiben müssen, daß uns erst die einfachsten Fälle ganz geläufig
geworden sein müssen, ehe wir die verwickelteren verstehen und genießen
können. Endlich wird noch
die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den unbunten und den bunten
Harmonien unter dem Gesichtspunkt der einfachsten Gesetzlichkeit zu bearbeiten
sein. Als Antwort ergibt sich eine neue Gruppe wunderschöner Harmonien. Farbtongleiche
Harmonien. Zusammenstellungen
von irgendwelchen zwei oder drei Farben, die willkürlich aus den 36 Feldern
des farbtongleichen Dreiecks herausgenommen wurden, sind zu wenig
gesetzlich, als daß man auf eine harmonische Wirkung hoffen dürfte. Wir
müssen nach engeren oder bestimmteren Gesetzlichkeiten ausschauen. Solche finden sich in den Parallelen zu den Dreieckseiten,
den Rein-, Weiß- und Schwarzgleichen. Diese Reihen hängen enger zusammen als
zufällig gewählte Felder. Wir
beginnen mit den Schattenreihen, weil wir diese aus der Erfahrung am
genauesten kennen. Sie verlaufen |
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parallel der
unbunten Achse und sind ihr höchst ähnlich, denn die Graureihe ist ja eine
Schattenreihe. Daher werden wir unmittelbar ihr Harmoniegesetz auf die
Schattenreihen übertragen können Harmonisch wirken drei (oder mehr)
gleichabständige Farben einer Schattenreihe. Die Erfahrung bestätigt diesen Schluß auf das beste. Ich habe
eine Anzahl Muster nach diesem Gesetz ausgeführt und ohne Ausnahme die
schönsten Harmonien erhalten. Die Wirkung wird noch erheblich gesteigert,
wenn man eine Reihe aufeinanderfolgender Harmonien, wie ca, ec, ge, ec, gi,
ig, ge, ig, li, ig, li, nl, li, nl, pn usw. auf dasselbe Muster anwendet und
die Blätter nacheinander zeigt. Die gesetzliche Abfolge von Hell nach Dunkel
unter Beibehaltung des allgemeinen Charakters bewirkt als eine neue Gesetzlichkeit
einen starken neuen Schönheitserfolg. Wie man bei der Betrachtung des logarithmischen Dreiecks,
Fig. 14, S. 101, alsbald erkennt, werden die Schattenreihen um so kürzer,
je reiner sie sind. Dreierharmonien sind deshalb nur bis zur Reinheit X
möglich (la, nc, pe), weil die folgende Schattenreihe nur mehr zwei Glieder
hat. Doch beträgt die Gesamtzahl gleichabständiger Harmonien in jedem Dreieck
22, in allen 24 Dreiecken also 528: eine Fülle, die auch beim
verschwenderischsten Verbrauch nicht so bald erschöpft ist. Schattieren. Dasselbe Gesetz der gleichen Abstände läßt sich auch auf
die weißgleichen und die schwarzgleichen Reihen anwenden und ergibt neue
Harmonien, die bisher kaum gekannt waren. In
der Schmuckkunst werden bekanntlich Ton-in-Ton-Harmonien seit jeher
angewendet, und es gibt nicht viele Teppiche oder Tapeten, wo nicht
„Schattierungen" derselben Farbe eine mehr oder weniger ausgedehnte
Anwendung finden. Die meisten von ihnen verfehlen aber die beabsichtigte
Wirkung aus zwei Gründen. Erstens war bisher das |
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Gesetz der gleichen Abstände als Bedingung der Harmonie
unbekannt und blieb deshalb unbefolgt (es gab ja kein Mittel,
gleichabständige Schattenfarben festzustellen), und zweitens wären die
Reihen, mit denen man schattierte, nur in den seltensten Fällen richtige
Schattenreihen. Das Problem des Schattierens ist ja bei der naturalistischen
Richtung, in der sich die bisherige Entwicklung der Malerei bewegt hat, ein
unaufhörlich sich erneuendes. Sieht man die ersten Anfänge der Schattengebung
etwa in den Miniaturen des Mittelalters nach, so erkennt man leicht das
Verfahren, mit dem man die Schattenreihen auszudrücken versucht hat. Man
nahm den unvermischten Farbstoff als tiefsten Schatten, vermischte ihn mit
wenig Weiß für die Mittelfarben und mit viel Weiß für die Lichter. In den
alten Malbüchern bis Cennini findet
man dies Vorgehen ausdrücklich beschrieben. Dasselbe Verfahren
dient bis auf den heutigen Tag, um an den in der Teppichweberei, Stickerei
usw. verwendeten Garnen die Schattierungen einer Farbe zu erzeugen. Die
Schatten werden mit konzentriertem Farbstoff gefärbt, die Mittelstufen und
Lichter mit zunehmend verdünnterem. Der Tiefstand unseres
Farbharmoniegefühls kennzeichnet sich kaum irgendwo und -wie deutlicher wie
daran, daß dies grundfalsche Verfahren ahnungslos bis heute ausgeübt wird.
Eine mit großen Kosten und großem Getöse vor Jahr und Tag unter Mitwirkung
einer großen Teerfarbenfabrik von autoritativer Stelle herausgebrachte
„Normalfarbenzusammenstellung" auf Seide ist noch ganz und gar mit dem
gleichen Fehler behaftet und daher wertlos; sie hat auch keinen praktischen
Erfolg gehabt. Dieser Fehler bewirkt die unausstehliche kitschige
Farbwirkung, welche auch die begabtesten Stickerinnen nicht vermeiden können,
wenn sie die käuflichen Schattierungen anwenden; und andere gibt es nicht. Worin
liegt denn der Fehler? |
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Für die Malerei hat
ihn der geniale Lionardo da Vinci
entdeckt. Als geborener Experimentator beantwortete er die Frage: wie
schattiere ich diese Farbe? mit der Anweisung: wirf einen wirklichen Schatten
auf die Farbe und male den Schatten so, daß er aussieht wie die beschattete
Stelle. Bei der Ausführung dieser Anweisung, die ein wahres Kolumbusei
darstellt, fand er, daß er seiner Lichtfarbe Schwarz zusetzen mußte und nicht
reinen Farbstoff, wie das bisher Vorschrift war. So erzielte er neue
körperhafte Wirkungen in seinen Gemälden, die seine Zeitgenossen, welche
Derartiges nie gesehen hatten, in Erstaunen und Entzücken versetzten. Die Entdeckung
und praktische Anwendung des Graugehalts der Schattenfarben ist der wahre
Inhalt des ihm als Schöpfer zugeschriebenen „Helldunkels", über dessen
Wesen man aus keiner Kunstlehre oder Kunstgeschichte etwas Zutreffendes
erfahren kann, so reichlich man auch das Wort angewendet findet. Es sind nicht
Schattenreihen, die man durch Aufhellen der Farbstoffe mit Weiß (oder dünnerer
Lasur auf weißem Grunde) erhält, sondern annähernd hellklare, d. h. schwarzgleiche
Reihen. Solche werden um so reiner, je dunkler sie werden, während richtige
Schattenreihen ihre Reinheit in allen Stufen gleich beibehalten. Gegen diesen
Fehler hat sich der Farbinstinkt der Stickerinnen vergebens gesträubt, weil
niemand ahnte, wie fehlerhaft die gewöhnlichen Reihen sind. Neben dem eben
erwähnten Fehler enthalten sie nämlich noch einen anderen, fast noch
schlimmeren. Viele Farbstoffe, insbesondere die gelben und kressen auf der
einen Seite, die ublauen und eisblauen auf der anderen verändern ihren
Farbton mit der Stärke des Auftrags oder der Färbung, indem dieser sich um
so mehr nach Grün hinbewegt, je verdünnter der Farbstoff verwendet wird. Die
Abweichung kann ein Zehntel des Farbkreises betragen, also z. B. von Ublau
nach Eisblau, von Kreß nach Gelb führen, ist also sehr stark. Oben, bei der
Lehre vom Farbenhalb |
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wurde die
gesetzliche Notwendigkeit dieses Verhaltens dargelegt. Die praktische Folge
ist, daß viele beabsichtigte Ton-in-Tonschattierungen nicht einmal den gleichen
Farbton enthalten, sondern nach der hellen Seite vergrünen und infolge dieser
Ungesetzlichkeit besonders unschön wirken. Zufolge dieser häufigen Fehler wirken die oben beschriebenen
richtigen Harmonien aus den Schattenreihen besonders wohltätig, etwa wie ein
reiner Akkord zwischen lauter verstimmten. Um ihn herzustellen, sind
freilich Tünchen oder Garne erforderlich, welche durch die neuen Meßhilfsmittel
von dem beschriebenen Fehler der Farbtonverstimmung frei gehalten und
außerdem durch den Anschluß an die Normung gleichabständig gemacht sind. Andere
farbtongleiche Reihen. Sind so
bisher nicht einmal die Schattenreihen richtig hergestellt und benutzt worden,
so müssen die anderen Reihen, die Weißgleichen und die Schwarzgleichen völlig
als Neuland angesehen werden. Da der Weißgehalt das Aussehen der Farben
stärker bestimmt als der Schwarzgehalt, so sind uns die Weißgleichen
leichter verständlich. Sie ergeben Harmonien nach demselben Gesetz der
Gleichabständigkeit, welche von den reingleichen Harmonien deutlichst
verschieden sind. Die Weißgleichheit bedingt, daß die Muster keine
Höhenwirkung (Relief) zeigen, wie die der Schattenreihen, sondern in der
Ebene liegen bleiben. Die verschiedene Reinheit, dergestalt, daß die helleren
Farben auch die reineren sind, bewirkt ein eigentümliches Glühen oder
Leuchten, das für diese Harmonien kennzeichnend ist. Um es sich
vorzustellen, ist freilich das Studium entsprechend ausgemalter Muster unbedingt
notwendig. Die
schwarzgleichen Reihen liefern nach dem Gesetz der Gleichabständigkeit Harmonien,
die uns am schwersten verständlich sind. Hier sind die helleren Stufen
weniger rein als die dunkleren. Dadurch entsteht eine Art inneren
Widerspruches, der die psychische Wirkung solcher Zusammenstellungen
kennzeichnet. Es ist zu erwarten, daß |
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später einmal hierin ein besonderer Reiz liegen wird. Er
kann aber nicht genossen werden, ehe uns außer den Schattenreihen auch die
weißgleichen Harmonien geläufig geworden sind. Die regelmäßige Verwendung
schwarzgleicher Harmonien wird also einer späteren Zeit angehören. Dazu kommt, daß die falschen Schattenreihen, die oben
gekennzeichnet wurden, annähernd aus einer schwarzgleichen Reihe, der hellklaren
mit dem kleinsten Schwarzgehalt, genommen sind. Richtige hellklare Reihen
sehen zwar sehr viel besser aus; zurzeit würde aber doch die Erinnerung an
den alten Fehler störend die Empfindungen beeinflussen, welche sie
hervorrufen. Also wird man auch aus diesem Grunde zunächst auf sie verzichten
oder sie nur in solchen Fällen anwenden, wodurch die Formen des Musters ihre
richtige Auffassung besonders erleichtert wird. Die Anzahl der möglichen Harmonien ist in der weißgleichen
und der schwarzgleichen Gruppe ebensogroß wie in der reingleichen. Es liegt
also ein praktisch unerschöpflicher Schatz von Möglichkeiten vor. Andere, gleich einfache Harmoniegesetze gibt es im
farbtongleichen Dreieck nicht. Hatte die Lehre soeben den vorhandenen
Reichtum aufgewiesen, so bezeichnet sie nunmehr genau die Grenzen, was nicht
weniger wertvoll ist. Unbunt-bunte
Harmonien. Während die Schattenreihen in ihren
Endpunkten oben eine hellklare, unten eine dunkelklare Farbe (oder eine
Annäherung dazu) haben, die beide dem bunten Gebiet angehören, endet jede
Weiß- und Schwarzgleiche einerseits an der unbunten Seite des Dreiecks,
schließt also mit einer grauen Farbe ab, die ebenso als Bestandteil von
Harmonien auftreten kann wie die bunten Glieder der Reihe. Hierdurch wird der
Zugang zu einer besonderen und besonders schönen Gruppe von Harmonien
eröffnet, die aus unbunten und bunten Farben gleichzeitig bestehen. |
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Die
Frage, welche grauen Farben zu einer gegebenen bunten harmonisch sind, beantwortet
sich unmittelbar aus der eben angestellten Betrachtung. Jede Weißgleiche
endet mit dem Grau, das den ersten Buchstaben, den Weißgehalt, ihres
Farbzeichens zum Zeichen hat, jede Schwarzgleiche mit dem Grau des zweiten
Buchstabens. Man braucht also nur nach den beiden Buchstaben des Farbzeichens
einer Buntfarbe zu sehen, um unmittelbar die ihr harmonischen grauen Farben
zu wissen. Zu
jeder Buntfarbe gehören demgemäß zwei unbunte. Ordnen wir die Harmonien nach
zunehmender Buntheit, so schließen sich an die rein grauen als nächste Stufe
die aus einer Buntfarbe und den beiden zugehörigen grauen an. So gehören etwa
zur Farbe 13 ie die unbunten Farben i und e. Prüft man diese Zusammenstellung,
so sieht sie befriedigend aus, während etwa ein zugesetztes Weiß oder
Schwarz die Farbe 13 ie trüb oder fad erscheinen läßt. Weiß und
Schwarz verderben keine Farbe.
Diesen Satz hört man häufig von Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Dekorateuren
und anderen mit Farbzusammenstellungen beschäftigten Personen sagen. Er ist
grundfalsch und ein weiteres Zeugnis für die Verkümmerung, der der europäische
Farbengeschmack mangels wissenschaftlicher Pflege zurzeit anheimgefallen ist. Welche Farben passen zu Weiß a? Solche, in deren Zeichen
der Buchstabe a vorkommt. Das ist die kurze und erschöpfende Antwort, die
sich durch Anwendung der oben aufgestellten Regel ergibt. Da der erste
Buchstabe eines Farbzeichens niemals a sein kann, muß es der zweite sein.
Farben, deren Zeichen auf a ausgeht, sind die hellklaren. Daraus folgt: zu Weiß passen nur hellklare Farben. Der erste Buchstabe kann beliebig sein, ebenso wie die
Farbtonnummer. Man kann also mit Weiß ebenso Rosa oder Himmelblau verbinden,
wie Zinnoberrot oder Ultramarinblau. Nicht aber kann man mit Weiß
Flaschengrün, |
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Schwarzblau, Erbsgelb (schwarzhaltiges Gelb) verbinden,
denn sie sehen „schmutzig" daneben aus, weil sie schwarzhaltig sind. Die praktischen Anwendungen dieser Regel sind zahllos, so
daß einige Beispiele genügen müssen. Für Porzellan hat man von jeher
instinktiv fast ausschließlich hellklare Farben angewendet, da die Masse und
somit die Grundfarbe weiß ist. Ausnahmen können unter zwei Gesichtspunkten
geschehen. Man kann den ganzen weißen Grund zudecken; dann ist man in der
Farbstellung natürlich völlig frei. Oder man rechtfertigt trübe Farben durch
den naturalistischen Gegenstand der Darstellung. Dies gilt z. B. für die
meist in trüben Farben bemalten naturalistischen Kopenhagener Porzellane,
bei denen übrigens auch das vollständige Zudecken vielfach benutzt wird.
Ebenso gestatten naturalistische Bilder, wie Landschaften, Genrebilder usw.
die Anwendung trüber Farben. Solche bedingen aber eine entsprechende
Herabminderung der farbigen Schmuckwirkung, wenn sie neben erheblichen
weißen Flächen auftreten. Deshalb wird auch hier der geschmackvolle Künstler
es vorziehen, die weiße Grundfarbe möglichst zuzudecken. Ein anderer Fall ist der, daß zwar Kinder und ganze junge
Mädchen Weiß tragen können, daß es aber bei älteren Damen als Hauptfarbe
ausgeschlossen ist. Die Ursache ist hier, daß etwa vom 25. Jahr ab sich der
Hautfarbe im Geicht durch Ablagerung von Farbstoffen in den Oberhautzellen
zunehmende Mengen von Schwarz beimischen; deren Anwesenheit durch
danebenstehendes Weiß größeren Umfanges stark hervorgehoben wird, indem die
Farbe wieder „schmutzig“ aussieht. Bringt man dagegen Farben dazu,die
verhältnismäßig mehr Schwarz enthalten, so erscheint die Hautfarbe durch den
Kontrast klarer oder reiner. Kleine
Weißmengen, die man als schmale Kragen, Bänder usw. auftreten läßt, rufen den
angenehmen Eindruck der Reinlichkeit hervor und können deshalb in sol- |
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chen Fällen noch
einen positiven Schmuckwert betätigen, wenn sie auch als Farbe eher negativ
wirken. In den orientalischen Teppichen, deren Buntfarben ziemlich
trüb sind, findet sich niemals reines Weiß, welches die Farbwirkung empfindlich
stören würde. Dies rührt zwar in erster Linie daher, daß die Orientalen ihre
Wolle nicht zu bleichen verstanden, also reines Weiß nicht zur Verfügung
hatten. Sie werden aber wohl auch gemerkt haben, daß es die Schönheit ihrer
Werke zerstören würde. Ebenso wie das Weiß kann man das Schwarz grundsätzlich
behandeln: zu Schwarz passen nur weißarme
Farben. Da es kein absolutes Schwarz bei Körperfarben gibt, so
liegt immer ein dunkelstes Grau mit einem bestimmten Weißgehalt vor. Als
Schmuckfarben dienen daher Buntfarben von gleich kleinem Weißgehalt. Der
Schwarzgehalt kann beliebig sein; es sind also keineswegs nur „reine"
Farben angängig. Hieraus erklärt sich u. a. die Vorliebe für die Zusammenstellung
Schwarz : Rot. Von allen Buntfarben läßt sich Rot am leichtesten in besonders
tiefen, weißarmen Lagen herstellen. Da man die Schönheit eines Schwarz primitiv
nach seiner Weißarmut einschätzt, ist die Kunst der Färber von jeher darauf
gerichtet gewesen, möglichst weißarmes Schwarz zu färben. Bei den Buntfarben
ist ein solches Bestreben, wenn vorhanden, doch geringer; sucht man daher
unter den vorhandenen nach solchen, die zu einem tiefen Schwarz passen, so
findet man außer Rot nicht viele. In
einer Umgebung weißreicherer Farben wirkt daher ein tiefes Schwarz falsch und
unschön. Auf dem großen Wandgemälde Klingers
in der Aula der Universität Leipzig sieht man rechts Alexander in voller
Rüstung auf Platon und seine Gruppe zueilen. Er trägt sein Schwert in einer
schwarzen Scheide - Klinger mag
sich schwarzglänzendes Leder gedacht haben -, deren Farbe viel weißärmer
ist als die tiefsten Schatten in der Umgebung. Ist |
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man sich einmal
dieses Widerspruches bewußt geworden, denn die tiefsten Schatten sind so
schwarz, wie das Loch des Dunkelkastens, schließen also noch Schwärzeres
unter gleichen Lichtbedingungen aus, so wird man den peinlichen Eindruck
nicht mehr los. Derselbe Fehler, daß man schwarze Dinge dunkler malt, als
die dunkelsten Schatten der Umgebung, wird auch von anderen hervorragenden
Künstlern nicht selten begangen. Die Photographie macht ihn niemals. Sind gleichzeitig Schwarz und Weiß vorhanden, so ist die
Wahl einer harmonischen Buntfarbe stark eingeschränkt. Das eine verlangt
einen kleinsten Weißgehalt, das andere einen kleinsten Schwarzgehalt. Die
Buntfarbe muß also einer Vollfarbe so nahe kommen, als es der Rest Weiß im
vorhandenen Schwarz bedingt. Daher ist die Zusammenstellung Weiß, Schwarz,
Rot am leichtesten harmonisch herzustellen. Sind sehr weißarme Buntfarben
nicht zu erlangen, so muß das Schwarz nach dem entsprechenden Dunkelgrau
heraufgestimmt werden. Auf Porzellan versteht man durch Mischung von Metalloxyden
ein sehr tiefes Schwarz herzustellen, das gelegentlich an bunten Gestalten
oder Gruppen für Schuhe u. dgl. benutzt wird. Es steht aber nicht harmonisch
zu den anderen Farben, welche alle viel mehr Weiß enthalten, und sollte daher
ausgeschieden und durch Dunkelgrau ersetzt werden, welches freilich viel
schwieriger herzustellen ist, als das rohe Schwarz. Grau und bunt.
Zu zwei beliebigen unbunten Farben paßt immer eine Buntfarbe aus dem Kreise,
der durch deren beide Buchstaben gebildet wird. Will man z. B. e und n zusammenstellen,
die für sich noch keine harmonische Beziehung haben, so kann man eine solche
dadurch erzeugen, daß man eine Buntfarbe aus dem Kreise ne dazu nimmt. Da unsere Normen 8 unbunte Farben haben, so können 28
unbunte Paare gebildet werden, zu denen jedesmal die |
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24 Buntfarben des zugehörigen
wertgleichen Kreises passen. Dies ergibt 672 verschiedene Harmonien, also
wieder eine praktisch unerschöpfliche Fülle. Führt man solche Zusammenstellungen aus, wobei die Form des
Musters sorgfältig zu berücksichtigen ist, so ist man überrascht von ihrer
schlichten und doch eindringlichen Schönheit. Wir sehen hier den Weg, mit
den einfachsten Mitteln neue und köstliche Reize an allen Gegenständen
hervorzurufen, deren Farbgebung in unserer Gewalt ist, d. h. an der Mehrzahl
der von den Geweben hergestellten Erzeugnisse, vom Einwickelpapier bis zum
Ozeandampfer. Bei vollständigen grauen Harmonien, welche drei unbunte
Farben enthalten, ergeben diese drei verschiedene Zweier. Sie gestatten also Buntfarben
aus drei wertgleichen Kreisen. Derart gehören z. B. zur unbunten Harmonie cgl
die Kreise gc, lc und lg. Von diesen liegen gc und lg in einer Schattenreihe
und die beiden anderen Paare in einer Weißgleichen und in einer
Schwarzgleichen. Dies bedeutet, daß man die graue Harmonie mit drei
verschiedenen Buntfarben desselben Farbtons bereichern kann. Man wird sich
zunächst mit einer aus diesen begnügen, und es ist überaus lehrreich, wenn
man das gleiche graue Muster dreimal herstellt und mit je einer der drei
harmonischen Buntfarben des gewählten Farbtons schmückt. In dem oben
angegebenen Beispiel wirkt gc sanft und hell, lc lebhaft und farbfreudig, lg
tief und ruhig. Je nach dem angestrebten Zweck wird der Künstler seine Wahl
treffen. Harmonien dieser Gruppe fügen sich leichter zu gegebenen
Mustern, als die strengeren, S. 282 beschriebenen, und sind daher zunächst zu
üben. Reicher
wird die Harmonie, wenn man zwei Buntfarben des gleichen Farbtons wählt. Aus
den früher angegebenen Gründen hat das Paar aus der Schattenreihe den ersten
Vorzug; dann kommt das weißgleiche Paar. |
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Man kann natürlich
auch eine Bereicherung nach der Richtung vornehmen, daß man Farben verschiedenen
Farbtons aus einem der drei wertgleichen Kreise nimmt. Doch setzt dies die
Kenntnis der farbtonverschiedenen Harmonien voraus, die weiter unten
behandelt werden. Mittels solcher graubunter Harmonien kann man die Aufgabe
lösen, Schulzimmer, Amtsräume u. dgl. farbig auszustatten. Der ernste Zweck
schließt die Entfaltung einer bunten Farbigkeit aus; andererseits möchte man
nicht im langweiligen Einerlei eines trüben Grau versinken. Beide Forderungen
lassen sich erfüllen, wenn man als Hauptfarbe ein neutrales Grau wählt, dazu
aber Friese oder Rahmen gibt, welche harmonisch dazu gestimmte Farben
enthalten. Also ein oder zwei weitere Grau und dazu eine oder zwei Buntfarben
nach den eben dargelegten Grundsätzen. Rechnet man wie früher die Anzahl
der möglichen Kombinationen aus, so gelangt man zu Zahlen, welche es
ermöglichen würden, jedes Zimmer nicht nur einer Anstalt, sondern einer
ganzen Stadt mit seinem eigenen derartigen Farbenschmuck auszustatten, ohne
sich jemals zu wiederholen. Und man hat dabei alle Stimmungen vom ruhigen
Ernst bis zur bezwingenden Fröhlichkeit zur Verfügung. Versuche, die ich seit Jahr und Tag nach dieser Richtung
im kleinen angestellt habe, brachten die gänzlich unverbrauchten Schönheiten
dieser Harmonien überwältigend an das Tageslicht. Ich gewann den
Eindruck, daß hier die Möglichkeit eines neuen Stils für die Farbe in der
Raum- und Baukunst offen steht, der strenge Geschlossenheit mit unerschöpflicher
Mannigfaltigkeit verbindet und dabei wirtschaftlich eine der wohlfeilsten
Möglichkeiten darstellt. Farbtonverschiedene Harmonien.
In der ganzen bisherigen Literatur über Farbharmonien ist immer nur die
Rede von den Farbtönen, als wenn sie allein die Harmonie bestimmten, nie von
den anderen Elementen der Farbe. So erörtert Goethe in seinem Schlußkapitel über die sinn- |
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lich-sittliche Wirkung der Farben die Wirkung gegenüberstehender,
entfernter und naher Paare seines sechstönigen, also falschen Farbkreises,
wobei er zu Ergebnissen kommt, die mit der Erfahrung gar nicht
übereinstimmen. So verwirft er unbedingt das Paar Blau-Grün, das er als
gemein-widerlich und Narrenfarbe bezeichnet, während wir heute gewissen
Verbindungen dieser Farben einen hohen Schönheitswert zugestehen. Und wo er
auf den Einfluß der Aufhellung und Verdunkelung zu reden kommt, meint er,
daß von den trüben Farben alles gilt, was von den reinen gegolten hat. Einer
der folgenreichsten Fortschritte, welche die neue Farbenlehre vermittelt hat,
ist die Einsicht; daß dem Farbton diese beherrschende Stellung nicht
zukommt. Der hier begangene Irrtum hat zunächst die Entdeckung der grauen und
der grau-bunten Harmonien ganz verhindert, und er hat den bunten
Ton-in-Ton-Harmonien die theoretische Unterkunft versagt, wie sie sich denn
auch weder bei Goethe abgehandelt
finden, noch bei seinen Nachfolgern. Nur die Forscher, welche den Blick nach
der Praxis zu sich offen hielten, fanden dort die Ton-in-Ton-Harmonien in
ständigem Gebrauch und versuchten auch, sie grundsätzlich zu erfassen,
wobei sie freilich nicht weit gelangen konnten, weil die messende Grundlage
fehlte. Von dem gegenwärtig gewonnenen Standpunkte aus stellen wir
folgendes fest. Sollen Farben verschiedenen Farbtons sich harmonisch gesellen,
so müssen ihre anderen Elemente, nämlich ihr Gehalt an Weiß und Schwarz übereinstimmen,
da sonst zwischen ihnen kein gesetzlicher Zusammenhang bestände. Wir haben also die farbtonverschiedenen
Harmonien in den wertgleichen Kreisen zu suchen und werden sie dort
mit der Maßgabe finden, daß ihre Verhältnisse im Kreise durch die einfachsten
Gesetze geregelt werden. Die Teilung des Farbkreises.
Gegenfarben. Daß zunächst die Gegenfarben, die im
Farbkreise polar zueinander ge- |
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(Ende Seite 288) |
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stellt sind, die
bestimmteste Wechselbeziehung haben, ist von jeher bekannt und anerkannt
gewesen. Wenn trotzdem ernstliche Zweifel vielfach erhoben wurden, ob die
Gegenfarben denn wirklich harmonisch sind, ja dies auf das bestimmteste
bestritten wurde, so sind die Gründe dafür jetzt leicht erkennbar. In
Unkenntnis der notwendigen Gleichheit der anderen Elemente hat man viel
häufiger tatsächlich unharmonische Gegenfarben mit verschiedenem Weiß- und
Schwarzgehalt zusammengestellt, als harmonische mit gleichen Elementen und
hat sie demgemäß beurteilt. Dazu kommt noch jener zählebige Irrtum über die
richtigen Gegenfarben (S. 80), wodurch man dazu noch Paare mit falschem
Farbton geprüft hatte. So kann es nicht wundernehmen, daß gerade ernste und
geschmackvolle Beobachter den alten Glauben an, die unbedingte Harmonie der
Gegenfarben nicht zu teilen vermochten. Vermeidet man die Fehler und stellt richtige Paare aus
demselben wertgleichen Kreise zusammen, so kann man sich allerdings leicht
von dem harmonischen Verhältnis wertgleicher Gegenfarben überzeugen. Da vermöge eines ganz allgemeinen physiologischen Vorgangs
im Auge jede Farbe die Empfindung ihrer Gegenfarbe durch Kontrast und durch Nachbilder
mit sich bringt, so sind uns die Gegenfarbenpaare fast ebenso geläufig wie
die Schattenreihen. Es gibt eine ganze Anzahl von Versuchen, welche die
Eigenschaft des Auges offenbaren, zu jeder gegebenen Farbe selbsttätig die
Gegenfarbe zu erzeugen. Gewöhnlich wird dieser Vorgang dadurch in den Hintergrund
gedrängt, daß wir die eigenen Farben der Gegenstände kennen und deshalb von
dem Schein der Gegenfarbe selbsttätig absehen. Aber wo diese nachträgliche
Korrektur fehlt, erscheinen alsbald die Kontrastfarben, wie dies S. 258 u.
ff. dargelegt ist. Somit
werden uns tatsächlich die Gegenfarben die nächstliegenden wertgleichen Harmonien
liefern. |
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(Ende
Seite 289) |
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Warme und
kalte Farben. Die
psychologische Wirkung, der Gegenfarbenpaare ist sehr verschieden, auch wenn
man sie demselben wertgleichen Kreise entnimmt. Man unterscheidet seit jeher
warme und kalte Farben und
stellt damit eine wesentliche Verschiedenheit im Farbtonkreise fest. Warm
sind Laubgrün, Gelb, Kreß und Rot, kalt Veil, Ublau, Eisblau, Seegrün. Die
Grenze liegt einerseits bei 33 bis 38, andererseits bei 83 bis 88. An beiden
Stellen bestehen ziemlich schnelle Übergänge. Die Ursache dieser fundamentalen Verschiedenheit liegt darin,
daß den „kalten“ Farben unabtrennbar ein Anteil Schwarz anhaftet, der
ungefähr halb soviel beträgt wie der Anteil Vollfarbe. Nun werden die warmen Farben unverkennbar „kälter",
wenn man sie mit Schwarz vermischt. Man braucht nur die S. 278 beschriebenen
Harmonien abgestufter Reinheit in Kreß herzustellen, um sich zu überzeugen,
wie sehr die Farbwirkung der entsprechenden Muster sich nach der kalten Seite
verschiebt, je geringer die Reinheit ist, d. h. je mehr die warme Vollfarbe
durch Schwarz ersetzt wird. So ist es erklärlich, daß der natürliche
Schwarzgehalt aller Farben von Veil bis Seegrün sie kalt erscheinen lässt. Im
übrigen sieht man den reinsten derartigen Farben ihren Schwarzgehalt nicht
an. Gutes Ultramarinblau macht genau denselben rein- und vollfarbigen
Eindruck, wie etwa Zinnober oder Cadmiumgelb, obwohl seine Farbe ein Drittel
Schwarz enthält. Er ist auch mit reinem Gelb harmonisch, denn stellt man ein
Gelb mit gleichem Schwarzgehalt her, so wird es von jedermann für sehr viel
trüber als das ultramarin erklärt. Man muß also harmonisch jenen
„natürlichen“ Schwarzgehalt als zur Vollfarbe gehörig ansehen und darf ihn
nicht als Schwarz in Rechnung stellen. Dies ist bei allen bisherigen
Erörterungen vorausgesetzt worden und das wird auch künftig geschehen, ohne
daß jedesmal vom neuen auf diese, Verhältnisse verwiesen werden soll. |
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(Ende Seite 290) |
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Da die kalten und die warmen Farben je eine Hälfte des
Farbkreises einnehmen, so enthält jedes Gegenfarbenpaar eine kalte und eine
warme Farbe. Nur die Paare 33 : 83 und 38 : 88 entfalten diesen Gegensatz
nicht, weil sie an den Übergangsstellen liegen. Im rechten Winkel dazu
liegen die Paare 08 : 58 und 13: 63, das dritte Gelb und Ublau und das erste
Kreß und Eisblau, denen man den stärksten Gegensatz von warm und kalt
zuschreiben wird. Helle und
dunkle Buntfarben. Von jeher weiß man,
daß Gelb die hellste aller Farben ist, während die größte Dunkelheit bei
Veil bis Ublau liegt; die anderen Farben haben zwischenliegende Werte der Helligkeit.
Prüft man den Kreis genauer (die dazu dienenden Meßverfahren sind S.134
angegeben worden), so findet man den Höchstwert der Helligkeit beim ersten
Gelb an der Grenze nach Laubgrün und den Tiefstwert beim ersten Ublau, an der
Grenze nach Veil, indem jenes 0,9 die Helligkeit des Weiß hat, dieses 0,1.
Auch dazwischen ergänzen sich die Helligkeiten der Gegenfarben zu Eins. Hierdurch ist ein anderer polarer Gegensatz im Farbkreise
gegeben. Während aber die Trennungslinie zwischen warm und kalt etwa durch
die Punkte 35 und 85 geht; so daß die größten polaren Gegensätze bei 10 und
60 liegen, verläuft die Achse der Helligkeitsgegensätze zwischen 00 und 50. Der Farbtonkreis ist nicht
homogen. Man nennt den geometrischen Kreis
homogen (gleichteilig), weil man ihn in sich verschieben kann, ohne daß sich
irgendwelche seiner Eigenschaften ändern. Oft ist der Mißgriff gemacht worden,
den Farbtonkreis als homogen zu behandeln. Er ist dies durchaus nicht. Denn
das absolute Farbgedächtnis verhindert , jede Möglichkeit einer
Gleichsetzung von Gelb, Kreß; Rot usw., was einer solchen Verschiebung gleichkäme.
Auch hat er zwei polare Eigenschaften, Wärme : Kälte und Helligkeit : Dunkelheit je einer Hälfte, die gleichfalls die
Verschiebung unmöglich machen. Und die |
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(Ende Seite 291) |
|
Achsen dieser
beiden Gegensätze fallen nicht einmal zusammen. Wenn wir daher später gleiche Winkelteilungen im Farbkreis
vornehmen werden, so soll hier ein für allemal gesagt werden, daß wir dadurch
keine „gleichen“ Stücke erhalten. Gleichheit besteht nur in dem Sinne im
Farbtonkreise, daß der Schwellenwert der Farbtonunterschiede überall gleich
ist; alle anderen maßgebenden Werte sind verschieden. Übersicht der
Gegenfarbenpaare. In jedem Farbkreise
ergeben die 24 Farbtonnormen 12, Gegenfarbenpaare; da es 28 Kreise gibt, ist
die Anzahl aller 336. Schon in demselben Kreise wirken die Paare sehr
verschieden. Zwischen 00 und 50 besteht der größte Unterschied der
Helligkeit, der beim Fortschreiten kleiner wird und bei 25:75 fast
verschwunden ist. Von dort ab wächst er wieder, aber im umgekehrten Sinne,
weil Laubgrün hell und Veil dunkel ist. Bei 8:58 bis 13:63 liegt der größte
Gegensatz warm: kalt, der um 33:83 am geringsten wird. Alle diese Verschiedenheiten bewirken sehr verschiedene
seelische Wirkungen, die sich allerdings leichter empfinden als beschreiben
lassen. Man darf sich nicht für farbkundig
halten, wenn man sich diese Wirkungen nicht bis zu bleibender Erinnerung
eingeprägt hat. In höchstem Maße hängt auch die Wirkung von der Reinheit
ab. Sie ist stark, ja heftig in den Kreisen pa und na, wird sanfter mit
abnehmender Reinheit und ist demgemäß bei der Reinheit II am sanftesten. Man
wird sie in solchen Gebieten mit Vorliebe verwenden, namentlich auch deshalb,
weil die Gegenfarbenharmonien trüber Farben noch so gut wie unbekannt sind. Triaden.
Außer den Gegenfarbenharmonien genießen die auf der Drittelung des Farbtonkreises
beruhenden „Triaden“ einen jahrhundertalten Ruf als wertvolle Harmonien und
haben ausgedehnte praktische Anwendung gefunden, trotzdem sie falsch
bestimmt waren und ohne be- |
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(Ende Seite 292) |
|
wußte Rücksicht auf
Wertgleichheit gehandhabt wurden. Man wird daraus die Vermutung entnehmen dürfen,
daß hier ein wirkliches harmonisches Verhältnis vorliegt, das nur der Klärung
und Reinigung vom Standpunkt der messenden Farbenlehre bedarf, um rein zur
Geltung zu gelangen. Auch
gestattet die psychologische Maßgleichheit des rationellen Kreises den
Schluß, daß die geometrische Gleichabständigkeit innerhalb einer
regelmäßigen Triade als psychologische Gleichabständigkeit und daher als
Gesetzlichkeit empfunden wird. Stellt man solche gleichabständige Dreier aus einem
wertgleichen Farbkreise her, so wird man sie bereitwillig als harmonisch
anerkennen und auch von anderen anerkannt sehen. Daß sie einen selbständigen, harmonischen Wert haben, geht
auch aus einer anderen bemerkenswerten Tatsache hervor. Läßt man nämlich von
den Dreiern eine Farbe fort, so machen die beiden anderen miteinander ein
Paar von hervorragend harmonischer Wirkung. Persönlich finde ich solche
Zweier schöner, weil interessanter, als die vollständigen Dreier, die durch
ihre allseitige Ausgeglichenheit zuweilen etwas langweilig wirken: Die Anzahl der Triaden oder regelmäßigen Dreier im
24teiligen Farbkreise ist 8. Die Anzahl der abgeleiteten Paare ist 24, weil
jede Triade deren 3 gibt. Die Farben stehen um 331/3 Punkte
voneinander ab; dies wird durch die Abrundung der Bruchzahlen zweimal 33,
einmal 34. Für alle 28 Kreise macht das 224 Dreier und 672 Zweier. Ein Harmonieweiser.
Im Anfang hat man das Bedürfnis nach einem Hilfsmittel, alle Triaden den
Nummern nach, durch ein einfaches mechanisches Verfahren sich vorzuführen.
Dazu stellt man sich auf weißer Pappe einen 24teiligen Kreis her, den man
mit den Nummern der Normen versieht. Im Innern ist (etwa durch einen
Hohlniet) drehbar ein kleinerer Kreis befestigt, auf dem man mit Bleistift |
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(Ende Seite 293) |
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die Abstände
00:33:67 durch drei Striche vermerkt. Stellt man nun einen Strich durch
Drehung des inneren Kreises auf die Farbtonnummer ein, zu der man Dreier
aufbauen will, so zeigen die beiden anderen Striche die gesuchten Nummern an. Um das gleiche Gerät
auch für Vierer, Sechser usw. benutzen zu können, überzieht man den inneren
Kreis mit gutem Zeichenpapier; das wiederholtes Radieren verträgt, damit man
je nach Bedarf die anderen Teilungen auftragen und entfernen kann*). Charakter der
Triaden. Die regelmäßigen Dreier wirken im
allgemeinen interessanter als die Gegenfarbenpaare, weil es keinen
physikalischen oder physiologischen Vorgang gibt, durch den sie selbsttätig entstehen
und sie daher den Reiz der Neuheit haben. Daß sie trotzdem sofort als harmonisch
anerkannt werden, darf als starker Beweis für die allgemeine Gültigkeit
unseres Hauptsatzes Gesetzlichkeit = Harmonie gelten. Die polaren Eigenschaften des Farbtonkreises kommen bei
den Triaden nur sehr abgeschwächt zur Geltung, weil jedesmal die beiden
anderen Farben sich vom Gegenpol der ersten nach beiden Seiten entfernen. Bei
den abgeleiteten Zweiern tritt wegen ihrer Lage eine charakteristische Einseitigkeit auf, die ein wesentlicher
Bestandteil ihrer Schönheit ist. So gibt es eine Anzahl ganz warme und ganz
kalte Zweier neben gemischten. Es ist ein großer Genuß, sich alle diese
Harmonien, etwa mittels der Karten des Normen-Atlas, methodisch vorzuführen. Andere Teilungen.
Der Hauptsatz von der Gesetzlichkeit führt weiterhin zu noch kleineren
Teilungen. Doch wird man sich zunächst und vermutlich auf lange mit Teilern
begnügen, die nur die Faktoren 2 und 3 enthalten. Hat ja doch auch die
Tonkunst sich bisher für die Zeiteinteilung |
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*) Die Energiewerke
G.m.b.H., Großbothen, Sachsen, stellen Papier mit einem Überzug her, der
vieltausendmaliges Radieren gestattet. |
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(Ende Seite 294) |
|
ihrer Werke mit
diesen Faktoren begnügt und 5/4-Takte bisher nur versuchsweise
benutzt. So kommen noch die Teiler 4, 6 und 8 in Betracht. Bei der
Viererteilung entstehen zwei Gegenfarbenpaare, die symmetrisch zueinander
liegen. Die Nummern habenden Abstand 25. Es ist also eine sehr gesetzliche
Ordnung, die aber doch wegen der Viertelabstände interessant genug wirkt. Hier und in der Folge haben die unvollständigen Harmonien
fast ein größeres Interesse als die vollständigen. Läßt man eine Farbe fort,
so entsteht ein Gegenfarbenpaar mit einem symmetrischen Zwischenglied. Läßt
man zwei fort, so besteht der Zweiklang aus zwei Farben, die um einen
Viertelskreis abstehen. Diese Zweier sind fast alle eindringlich und schön. Die Sechserteilung ergibt Triaden mit symmetrischen Zwischenfarben.
Die vollständigen Sechser wird man kaum je anwenden; dafür hat man eine große
Auswahl von unvollständigen. Die benachbarten Zweier, die um 16 oder 17
Punkte entfernt sind, ergeben vortreffliche, stark einseitige Paare. Nur im
Gebiet Eisblau und Seegrün, das uns am wenigsten geläufig ist, beginnt das
Abstandsgefühl sich zu mindern. Gleiches gilt in verstärktem Maße für die Achterteilung,
die auf ein gevierteltes Gegenfarbenpaar hinauskommt. Der Abstand von 12
bis 13 Punkten ist außerhalb des blaugrünen Gebiets überall noch groß genug,
um die Paare oder Dreier als selbständige Harmonien empfinden zu lassen. Dies
gilt selbst noch für die Zwölferteilung, die nur je einen zwischenliegenden
Farbton überspringt. Benachbarte Farbtöne sind mit Vorsicht zu verwenden, da
sehr leicht der Eindruck entsteht, als läge nur eine Unsicherheit in der
Farbgebung vor; die natürlich unschön wirkt. In gewissen Gebieten, namentlich
im Veil und Ublau, gelegentlich auch im Rot kann aber diese Unsicherheit als |
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(Ende Seite 295) |
|
starker Reiz wirken, wenn sie dem Muster gut angepaßt ist.
Der Eindruck ist dann vergleichbar der vox humana auf der Orgel, die
bekanntlich aus je zwei Zungen oder Pfeifen besteht, die um ein Geringes,
aber Bestimmtes gegeneinander verstimmt sind und dadurch einen Zusammenklang
von besonders eindringlicher Wirkung ergeben. Allgemein ist zu beachten, daß man mit nahestehenden Farben
um so vorsichtiger sein muß, je geringer die Reinheit des Kreises ist, aus
dem man sie nimmt. Andere
wertgleiche Harmonien. Die
vorstehend behandelten Fälle, so zahlreich sie sind, stellen nur einen
kleinen, wenn auch den wichtigsten Teil der wertgleichen Harmonien dar. Um
sich eine Vorstellung von den noch ausstehenden Möglichkeiten zu
verschaffen, erwäge man, daß auch jede andere gesetzliche Anordnung der
Farben außerhalb der gleichabständigen Teilung (wobei die Gesetzlichkeit
keineswegs auf symmetrische Ordnungen beschränkt zu werden braucht) eine
Harmonie ergibt, die durch Verschiebung im Kreise 24mal verändert werden
kann; durch die Anwendung der 28 Kreise wächst die Zahl der Abänderungen
jedesmal auf 672. Ein
besonders einleuchtendes und anwendbares Verfahren zur Auffindung gut
verständlicher Harmonien ist die Spaltung.
Man geht z. B. von einer einfachen Zweierharmonie (Gegenfarben,
unvollständiger Dreier, Vierer usw.) aus und zerlegt eine ihrer Farben in
zwei, indem man die rechts und links angrenzenden (oder auch um 2 oder mehr
Stufen entfernten) Farben einführt. Dabei kann man die „gespaltene“ Farbe
entweder verschwinden lassen oder beibehalten. Ebenso kann man die zweite
Farbe spalten. Dasselbe kann mit Dreiern usw. geschehen. Solche
Farbstellungen sind besonders wirksam, wenn sie durch die Form des Musters
unterstützt werden, indem z. B. den beiden Spaltfarben spiegelgleiche Teile
des Musters zugeordnet werden. |
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(Ende Seite 296) |
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Wie man sieht, ist die Zahl der Möglichkeiten hier ungeheuer
groß, so daß man fürchten könnte, sich in ihnen zu verlieren. Aber das ist
der Vorzug der wissenschaftlichen Arbeit, daß sie vermittels der Kombinatorik
zwar alle im Bereich der Möglichkeit liegenden Fälle aufweist, deren Anzahl
somit auf den Höchstwert bringt, daß sie aber gleichzeitig diese Fälle
wohlgeordnet und frei übersehbar darbietet. Sie gleicht einer guten
Mähmaschine, die das Getreide nicht nur schneidet, sondern es auch bündelt
und zu regelmäßig hingesetzten Garben ordnet, es also in die beste Verfassung
für den weiteren Gebrauch bringt. Harmonien
höherer Ordnung. Es sind bisher die
drei großen Gruppen der unbunten, farbtongleichen und wertgleichen Harmonien
gesondert behandelt worden. Gelegentlich wurden aber Hinweise darauf nicht
vermieden, daß man zwei oder mehr Harmoniegedanken in demselben Werk
anwenden kann. Nunmehr soll die Frage nach den derart zusammengesetzten
Harmonien oder denen zweiter und höherer Ordnung allgemein behandelt werden. Wir denken uns eine bestimmte Farbe (Kleidstoff, Wandfarbe
usw.) gegeben und fragen: welche anderen Farben passen dazu? Dies ist ja
eine Form, in welcher das Harmonieproblem praktisch fast immer auftritt;
seine anderen Formen können auf diese zurückgeführt werden, indem man die
Ausgangsfarbe frei und zweckentsprechend wählt. Die
gegebene Farbe nimmt irgendeinen Punkt im Farbkörper ein. Wir legen durch
diesen Punkt und die unbunte Achse eine Ebene und erhalten so das
farbtongleiche Dreieck, dem unsere Farbe angehört. In diesem Dreieck ziehen
wir durch den Farbpunkt die drei Seitenparallelen, welche die Rein-, Weiß-
und Schwarzgleichen ergeben, denen der Punkt angehört. In diesen drei Geraden liegen alle Farben, die
mit der gegebenen farbtongleiche Harmonien bilden können. |
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(Ende Seite 297) |
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Ferner
legen wir durch den gegebenen Farbpunkt den zugehörigen wertgleichen Kreis,
dessen Mittelpunkt in der Achse des Farbkörpers liegt; seine Ebene steht
senkrecht zu der des Dreiecks. In diesem Kreise finden wir alle Farben,
welche mit der gegebenen wertgleiche Harmonien bilden können. Die
drei Geraden des Dreiecks kreuzen sich im gegebenen Farbpunkte und bilden
einen sechsstrahligen Stern mit ungleich langen Armen, deren Endpunkte in den
Dreieckseiten liegen. Durch den Mittelpunkt des Sterns geht senkrecht der
wertgleiche Kreis, Fig. 40. |
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Dieser Ringstern enthält alle Farben welche zu der
gegebenen unmittelbar harmonisch sind. Es sind in unserem
genormten Farbkörper jedesmal 38 Farben mit Einschluß der gegebenen,
unabhängig von der Lage des gegebenen Farbpunktes, nämlich 15 im Dreieck
und 24 im Kreise, wo aber der gegebene Punkt doppelt gezählt ist, also in
Summa 38. Natürlich
bringt man niemals alle 38 Farben gleichzeitig, ebensowenig wie man alle Tasten
der Orgel gleichzeitig niederdrückt. Wohl aber weiß man, daß man in dieser
Zahl alle Farben findet, die mit der gegebenen eine ver- |
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(Ende Seite 298) |
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ständliche
Harmonie bilden, mit Einschluß der unbunten, ebenso wie man durch sachgemäße
Auswahl der Orgeltasten jede Tonharmonie erzeugen kann. Die Weiterentwicklung dieser einfachsten Gruppe von
Harmonien liegt darin, daß man durch jeden der 37 Farbpunkte, die zu den
gegebenen gehören, einen neuen Ringstern legen kann und dadurch jedesmal 37
neue Farben gewinnt, die mit der erstgegebenen eine Harmonie zweiter
Ordnung bilden können. Um sie verständlich zu machen, muß aus dem Muster ersichtlich
sein, daß es sich um die Familie jener zweiten Farbe handelt, welche den
zweiten Ringstern trägt. Man sieht, wie sich dieser Gedanke zu Harmonien dritter
und höherer Ordnung entwickeln läßt. Aber die Zeit ist noch lange nicht
gekommen, wo sie praktische Anwendung finden können. Rückblick.
Läßt man die vorstehend in ihren Umrissen gezeichnete Lehre von den Farbharmonien
an seinem Geiste vorüberziehen, so hat man den unabweisbaren Eindruck einer
fast überwältigenden Mannigfaltigkeit, die nur durch die strenge
Gesetzlichkeit und Ordnung gebändigt werden kann, in welcher sich dank der
Kombinatorik die einzelnen Ergebnisgruppen darbieten. Dabei ist dies nur der
äußere Rahmen, in welchem sich das Dasein
der Harmonien ordnet. Der Gehalt
ergibt sich aus den mannigfaltigen seelischen Wirkungen, welche mit den
verschiedenen Harmonien verbunden sind, und von denen nur ganz wenige
gelegentlich angedeutet werden konnten. Denn diese Gebiete sind noch im
wesentlichen unerforscht und bieten ihre Ernte jedem dar, der sie
einzubringen versteht. Dies
ist die natürliche Folge des Umstandes, daß die Kenntnis der Harmoniegesetze
erst wenige Jahre alt ist. In einer 1918 erschienenen Schrift: „Die Harmonie
der Farben“ hatte ich einen ersten Vorstoß in dies Neuland auf Grund der
soeben entdeckten Meßbarkeit der-Farben versucht, der bereits auf dem Boden
des Hauptsatzes Ge |
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(Ende Seite 299) |
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setzlichkeit - Harmonie stand. Aber den allgemeinen Begriff der Normung hatte ich
damals noch nicht erarbeitet, und ebenso kannte ich noch nicht die ganze Tragweite
des Fechnerschen Gesetzes und des darauf begründeten logarithmischen
Farbkörpers. So bezog sich der Inhalt jener Schrift vorwiegend auf die
Aufgaben der naturalistischen Malerei; eine reine Farbkunst, die ähnlich wie
die Tonkunst sich vom Naturvorbilde frei gemacht hat und mit eigenem
Material arbeitet, hatte ich damals noch nicht im Auge. In den wenigen Jahren, während deren die erste Auflage
vergriffen wurde, entwickelten sich durch meine fortgesetzten Arbeiten die
eben angegebenen Gesichtspunkte. Als ich 1920 eine zweite Auflage der Harmonie
der Farben bearbeitete, konnte ich sie sich vollständig auswirken lassen. Es
entstand ein ganz neues Werk, dem ich übrigens den alten Titel beließ, da er
zu dem neuen Inhalt noch besser paßte. Es konnten nunmehr am genormten
logarithmischen Farbkörper grundsätzlich alle Möglichkeiten harmonischer
Farbengruppen methodisch entwickelt werden. Die naturalistischen
Anwendungen wurden in ein Schlußkapitel verwiesen und die reine Farbkunst
war das klare Ziel der ganzen Untersuchung. Es ergab sich eine zwar riesengroße,
aber wohlgeordnete Welt der farbigen Harmonien. Von ihr konnten einige
besonders wichtige Teile im einzelnen durchgearbeitet werden; für den größten
Teil konnten nur die Rahmen gezeichnet und die Mittel angegeben werden,
durch welche man sie sicher und vollständig ausfüllen konnte, sobald das
Bedürfnis dafür auftrat. Auch
dies neue Werk fand dieselbe günstige Aufnahme wie das erste. Diese zeigte
sich aber fast nur in der regen Kauflust des Publikums. Daß es praktische
Folgen hatte, war an dem Auftreten mancher der beschriebenen Harmonien,
namentlich an Webstoffen und Kleidungsstücken ersichtlich. Doch liegt es in
der Natur solcher technischer Fortschritte, daß der Praktiker, der sie
verwirklicht hat und |
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(Ende Seite 300) |
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nun den entsprechenden wirtschaftlichen Vorteil erfährt,
nichts mehr scheut, als die liebe Konkurrenz auf die neuen Möglichkeiten
hinzuweisen. So gelangt von solchen Erfolgen, so bedeutungsvoll sie sind,
nur ein sehr kleiner Bruchteil an die Öffentlichkeit. Persönlich ist mir
bekannt, daß eine ganze Anzahl großer Betriebe, namentlich in der Textil-,
Tapeten- und Farbstoffindustrie, sich vollständig auf die neue Lehre
eingestellt hat. So ist es verständlich, daß auch die recht große zweite
Auflage der „Harmonie" bald verkauft war und eine dritte nötig wurde,
welche die zweite nur noch in einigen Punkten zu ergänzen hatte. Auf dieses Werk (Verlag Unesma, Leipzig) muß ich den Leser
verweisen, der sich tiefer in dies unendlich reizvolle und fruchtbare Gebiet
zu vertiefen wünscht. Namentlich die praktische Arbeit in der Herstellung
von Mustern, die mit harmonischen Farben ausgestattet sind, bringt unerschöpflich
glückbringende Überraschungen. Sind es doch fast überall neue, nie gesehene
Harmonien, die man dabei zum ersten Male erlebt, und mit denen man sich doch
wegen ihrer Gesetzlichkeit alsbald vertraut fühlt. Wie oft habe ich mich
nicht von der Arbeit losreißen können, obwohl der schmerzende Rücken mich
längst mahnte, meine Kräfte nicht zu sehr zu erschöpfen. Und wenn die am
Abend bei Lampenlicht hergestellten Blätter wegen der Verstimmung durch das
fehlende Blau der Beleuchtung zunächst keinen besonderen Eindruck gemacht
hatten, so war die freudige Überraschung am nächsten Morgen um so größer. Dissonanzen.
Es ist bisher nur von Harmonien die Rede gewesen. Die Tonkunst, deren
Verhältnisse wegen ihrer viel höheren Entwicklung vielfach vorbildlich für
die kommende Farbkunst sind, macht aber bekanntlich den ausgedehntesten
Gebrauch von Dissonanzen. So ist mir, namentlich von Vertretern der
modernsten Richtungen der Malerei, eingewendet worden, daß eine
Farbharmonielehre ohne Dissonanzen namentlich für den heutigen Künstler unzulänglich
und daher unannehmbar sei. |
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(Ende Seite 301) |
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Jedes Gleichnis hinkt. Will man es mit Erfolg brauchen, so
muß es wie Hering gelegentlich
bemerkte, auf seinem gesunden Fuß stehen, nicht auf seinem kranken. Diesmal
ist es der kranke Fuß, auf welchem jener Einwand beruht. Nach der wissenschaftlichen Theorie der musikalischen
Harmonie, wie sie namentlich von A. v.
Oettingen entwickelt worden ist, besteht eine Dissonanz aus zwei
(oder drei) verschiedenen Akkorden, die gleichmäßig erklingen und sich daher
widersprechen. Die Auflösung ist ein gemeinsamer neuer Akkord, zu dem beide
Bestandteile der Dissonanz durch je einen gesetzlichen und daher
leichtverständlichen Schritt gelangen können. Darin liegt der besondere
Charakter der „Auflösung" der Dissonanz begründet; nicht irgend ein
Wohlklang, der auf einen Mißklang folgt, bringt diese Wirkung hervor, sondern
nur ein derartiger gesetzlicher Zusammenhang. Die Berechtigung und Erklärung der musikalischen Dissonanz
liegt also in dieser Logik der zeitlich aufeinanderfolgenden Akkorde. Hat
die Farbkunst etwas damit Vergleichbares? Die
Antwort ist ein rundes Nein, und zwar ein grundsätzliches. Der Farbkunst
fehlt, wenigstens in ihrer gegenwärtigen Gestalt, ganz und gar das zeitliche Element. Eine Dissonanz, die
man in ein Bild gemalt, einen Teppich gewebt, eine Tapete gedruckt hat,
bleibt dort stehen, ewig ungelöst. Man darf nicht sagen, daß man ja die
Auflösung daneben setzen könne. Nichts zwingt das Auge, zuerst die Dissonanz
anzusehen und dann die Auflösung; das Gegenteil ist gerade ebenso
wahrscheinlich. So fehlt die logische Sicherung, welche die Musik in der
unverrückbaren zeitlichen Aufeinanderfolge von Dissonanz und Auflösung hat,
in der . Farbkunst ganz: Man stelle sich nur vor, daß eine musikalische
Schlußkadenz umgekehrt vorgetragen wird. Schauerlich! |
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(Ende Seite 302) |
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So
lange also dieses fehlende zeitliche Element nicht in die Farbkunst (oder
allgemeiner Lichtkunst) aufgenommen
wird (wozu schon bemerkenswerte Anfänge gemacht worden sind), hat die Dissonanz
kein Daseinsrecht in der Farbkunst. Gedenkt man der ungeheuren Mannigfaltigkeit
der Harmonien zweiter und höherer Ordnung, so hat man etwas der musikalischen
Dissonanz Ähnliches und doch der Farbkunst organisch Eigenes. Es handelt sieh
um den Reiz des Aufspürens des gesetzlichen Zusammenhanges solcher Farben,
deren Zugehörigkeit nicht dem ersten Blick erkennbar ist. Aber auch dieser
Genuß ist davon abhängig, daß die einfacheren Harmonien dem Beschauer bereits
ganz geläufig sind: Formen.
Wenn zwei oder mehr Farben zu einer Harmonie zusammengestellt werden, so
erzeugen sich notwendig durch ihre gegenseitige Begrenzung Formen. Auch diese müssen gesetzlich
gestaltet sein, wenn sie schön wirken, d. h. nicht durch ihre Unschönheit die
Harmoniewirkung der Farben stören sollen. Ein methodisches Studium der
Farb-. harmonik setzt also das der Formharmonik voraus. Die Erkenntnis dieser Notwendigkeit hat mich dazu genötigt,
eine Untersuchung über die Harmonie der Formen vorzunehmen (vgl. S. 273) und
soweit durchzuführen, daß die wichtigsten Forderungen der Farbharmonik
befriedigt werden konnten. Als Grundlage diente derselbe Hauptsatz, der die
Farbharmonik erst möglich gemacht hat: Gesetzlichkeit = Harmonie. Die
Aufgabe war also, alle gesetzlichen Formen aufzusuchen und darzustellen. Und
die Lösung wurde auf demselben Wege gefunden, der in der Farbenwelt zum Ziel
geführt hatte: Feststellung der elementaren gesetzlichen Verhältnisse und
kombinatorische Darstellung aller sich daraus ergebenden Einzelfälle. Wie
bei den Farben, mußte und konnte der größte Teil der Arbeit so ausgeführt
werden, dass verhältnismäßig wenige kennzeichnende Fälle wirklich hergestellt
und für die übrigen die Anwei- |
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(Ende Seite 303) |
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sungen entwickelt wurden, nach denen man sie jederzeit
herstellen kann. In diesem Werk können die erhaltenen Ergebnisse nicht
einmal angedeutet werden. Das Grundsätzliche findet sich in meinem Buche: Die
Harmonie der Formen (Leipzig.1922, Verlag Unesma) und dem Tafelwerk: Die Welt
der Formen (ebenda). Die Sache mußte aber wegen ihrer grundsätzlichen
Bedeutung für die Farbharmonik erwähnt werden. Führt man nämlich irgend ein Muster in drei Farben aus,
wozu man am besten eine graue Harmonie wählt, weil sie die einfachste ist, so
findet man, daß es mindestens 6 verschiedene Ordnungen der drei Farben im
Muster gibt (S. 274). Die Ergebnisse dieser Ordnungen sehen so verschieden
aus, daß man sich erst überzeugen muß, daß sie aus denselben Farben erzeugt
sind. Dazu aber kommt, daß auch ihr Schönheitswert durchaus verschieden ist.
Gewöhnlich sind zwei Muster deutlich hübscher als die vier anderen; zu-weilen
ragt ein einzelnes über alle anderen hervor. Dies bedeutet, daß es nicht
gleichgültig ist, wie man die Farben einer gegebenen Harmonie in einem
gegebenen Muster ordnet: die Schönheit
der Farben hängt stark von der Form ab, in der sie ers-cheinen. Daraus folgt, daß die Schönheitslehre der Lichtkunst, von
der die Harmonik der Farben nur, ein Teil ist, in drei Hauptteile zerfällt: die Harmonik der Farben, die der Formen
und die Lehre von der Wechselwirkung zwischen Form und Farbe. Die beiden
ersten Teile liegen im Grundriß und in einigen nächstliegenden Anwendungen
vor. Da der erste aber 1918 und 1920, der zweite 1921 das Licht der Welt
erblickt hat, ist es weiter nicht verwunderlich, daß der dritte, der die
beiden ersten zur Voraussetzung hat, zurzeit (Anfang 1923) nur als Wunsch und
Programm, nicht als geformte Wissenschaft besteht. Es war aber wichtig, dieses Programm darzulegen. Denn neben
Farbe und Form besteht nichts Drittes von gleicher Ordnung. Wenn also der
dritte Teil der Lichtkunst- |
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(Ende Seite 304) |
|
lehre bearbeitet sein
wird, so darf der Rahmen für diese Wissenschaft als geschlossen gelten, und
die Arbeit darf auf die Ausfüllung diese Rahmens beschränkt werden. Vorläufig sei als erster Beitrag zur dritten Wissenchaft
die Frage beantwortet, wie man sich zu verhalten hat, wenn das vorgelegte
Muster Teile von sehr verschiedener
Flächengröße enthält. Die Erörterungen über die Farbenharmonie waren
unter der stillschweigenden Voraussetzung geschehen, daß die Einzelfarben
einer jeden Harmonie als gleichwertig angesehen werden, also etwa auch
annähernd gleiche Flächengrößen im Muster einnehmen. Die Antwort, welche ich auf die Frage gefunden habe, wie
der Fall sehr ungleicher Flächengrößen zu behandeln sei, läßt sich in dem
Reimwort zusammenfassen: Je
kleiner, um so reiner. Nun
sind die Farben einer Schattenreihe von gleicher Reinheit, sie kommt also
hier nicht in Betracht. Vielmehr ist dies der Ort, wo die Weißgleichen zur
Geltung kommen. Bei ihnen sind die hellsten Farben die reinsten, die dunkleren
werden zunehmend unreiner und enden im entsprechenden Grau mit der Reinheit
Null. Man ersetzt also die Farbe, welche durch das einfache Harmoniegesetz gegeben
ist, durch ihre nächste oder übernächste reinere Stufe in der zugehörigen
Weißgleichen und gleicht dergestalt den Verlust an Flächengröße aus. Die
Regel: je kleiner, um so reiner, gilt aber nicht nur für relative
Flächengrößen, sondern ebenso für absolute. Je kleiner die zu schmückenden
Flächen sind, um so reiner können oder müssen die Farben sein. So wirkt ein ganz
kleines Gemälde mit sehr reinen Farben entzückend, falls die Farben
harmonisch gewählt sind, während die gleichen Farben bei großen Abmessungen
beleidigend grell wirken. An kleinen Schmucksachen kann man die Farben der
Edelsteine und des Email gar nicht rein genug bekommen; ein |
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(Ende Seite 305) |
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ganzes
Gewand in leuchtendem Zinnoberrot oder Türkisblau wirkt schon bedenklich,
und eine ganze Hausfront in solcher Farbe ist eine Barbarei. Umgekehrt zeigen
Farben von der Reinheit II in großen Flächen eine ganz unerwartete
Buntfarbigkeit, so daß voraussichtlich hier zuerst das Bedürfnis nach
Einstellungen auf die Reinheit I auftreten wird. Man erkennt alsbald die
Bedeutung dieses Gesetzes für das moderne Problem der buntfarbigen
Häuserfronten. Damit ist ein Zugang zum dritten Gebiet gewonnen, der einen
Blick auf die beträchtlichen Werte gestattet, welche hier gewonnen werden
können. Die Farborgel.
Wenn die vorstehenden Seiten dem Zweck, zu dem sie geschrieben wurden,
einigermaßen gerecht geworden sind, so werden sie im Leser den Wunsch erweckt
haben, die beschriebenen Harmonien aus eigener Anschauung kennen zu lernen
und womöglich an eigenen Werken zu betätigen. Es entsteht die Frage, wie
dies zu bewerkstelligen sei. Die Antwort ist eine zweifache: mittels einer
Normensammlung oder mittels einer Farborgel. Die Verhältnisse liegen hier ganz ähnlich wie in der
Tonkunst. Zum hervorbringen der Töne dienen einerseits Werkzeuge, wie die menschliche
Stimme, die Geige usw., welche innerhalb ihres Umfanges jeden beliebigen Ton
zu erzeugen gestatten, oder Werkzeuge mit freier Tonhöhe. Oder andererseits
Werkzeuge mit fester Tonhöfe, wie Klavier, Orgel, die Blasinstrumente,
welche nur die normgemäßen Töne der chromatischen Tonleiter ausgeben. In
der technischen wie Kunstmalerei ist man bisher nur den ersten Weg gegangen.
Weil die Farben überhaupt nicht genormt waren, kam eine Voreinstellung auf
Normwerte überhaupt nicht in Frage. Gegenwärtig, wo es ein durchgearbeitetes
System von Normen gibt, welches wie in der Tonkunst den ganzen Schatz aller
möglichen Harmonien in sich umfaßt, tritt das Bedürfnis nach Arbeitsmitteln
mit festen Farben, ähnlich der Königin aller Musikinstrumente, |
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(Ende Seite 306) |
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der Orgel, gebieterisch auf und hat bereits zur Schaffung
einer Farborgel geführt. Ehe aber diese allgemein in Gebrauch kommt, ist es nötig,
das bisherige Verfahren der freien Farbgebung der Forderung normgemäßer Farben
tunlichst anzupassen. Dies geschieht, indem man eine der S. 166 beschriebenen
Vorlagen genormter Farben benutzt, um auf dem gewohnten Wege des Mischens aus
einzelnen Pigmenten auf der Palette usw. die gesuchte Farbe herzustellen.
Dies geht in Öltünche, die weiterhin unverändert bleibt, ist aber sehr umständlich
bei Wassertünchen, die sich beim Auftrocknen ändern. Hier ist das Bedürfnis
nach vorgängiger Einstellung ein für allemal, d. h. nach einer Farborgel,
besonders dringend. Unter einer Farborgel verstehe ich in vollkommenem Anschluß
an den Begriff der Tonorgel ein Gerät, welches die Erzeugung jeder genormten
Farbe an vorgeschriebener Stelle ermöglicht. Es wird also so viele Arten der
Farborgel geben, als es Arten der Herstellung und Anbringung von Farben
gibt. Unbedingte Voraussetzung ist, daß die Farborgel richtig
„gestimmt" ist, d. h. daß ihre Farben den Normen entsprechen. Erinnern
wir uns, daß die Anzahl der Farbnonnen bis p nicht weniger als 680 beträgt,
und erinnern wir uns der Schwierigkeit, welche sich dem Einstimmen einer
einzelnen Farbe entgegenstellen (S. 148), so sehen wir, daß das Erbauen
einer solchen Orgel eine schwierige und auch kostspielige Aufgabe ist. Soll
z. B. eine Farborgel in Decktünchen hergestellt werden, und sieht man für
jede Farbe nur eine Menge von 1 kg vor, so hat die fertige Orgel ohne Zubehör
ein Gewicht von 680 kg und stellt bei den jetzigen Farbstoffpreisen einen
Materialwert von einigen Millionen und mehr dar. Denn im Gegensatz zur
Tonorgel, die durch den Gebrauch
nicht vermindert wird, ist ein Gebrauch der Farborgel notwendig auch ein Verbrauch. Es muß also ein genügender
Vorrat der eingestimmten Farbe vorgesehen werden, wenn man frei orgeln will.
Dafür verfliegen aber |
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auch ihre Erzeugnisse
nicht im Augenblick ihres Entstehens, wie bei der Tonorgel, sondern treten
als zeitfreie Wesen an das Licht, die so lange dauern, als man sie aufbewahren
mag. Ausführungsformen des
Normenatlas. In erster Linie ist eine Farborgel
Bedürfnis, welche schnell und bequem eine gewollte Harmonie herzustellen
gestattet, um ihre Wirkung zu veranschaulichen. Dies ist sowohl für Zwecke
der Forschung wie der Praxis erforderlich. Die
einfachste Befriedigung dieses Bedürfnisses wird durch den Normenatlas gewonnen. Hierunter ist eine
Zusammenstellung von 680 Karten mäßiger Größe zu verstehen, welche alle 680
Farbnormen zur Anschauung bringen und auf der Rückseite mit den zugehörigen
Farbzeichen versehen sind. Man sucht die gewünschten Farben nach den Zeichen
heraus und legt die Karten nebeneinander, um die gleichzeitige Wirkung zu
beurteilen. Da man in der Auswahl und Zusammenstellung unbeschränkt ist,
stellt der Normenatlas eine Art Universalinstrument mit seinen Vorzügen und
Nachteilen dar. Die Vorzüge liegen in der Allseitigkeit der Kombinationen,
die er gestattet, und in der Leichtigkeit, mit der die Ergebnisse erreicht
werden, denn man braucht nur die Karten herauszunehmen und
nebeneinanderzulegen. Hält man darauf, die gebrauchten Karten alsbald wieder
an ihren Ort zu bringen, so ist das Gerät dauernd gebrauchsbereit. Die
Nachteile liegen darin, daß man an die Gestalt der Karten gebunden ist, also
auf freie Formgebung verzichten muß. Ferner kann man die einmal eingestellte
Harmonie nicht dauernd aufbewahren, wenn man den Atlas nicht für andere
Zwecke unbrauchbar machen will; man muß sich damit begnügen, sie
aufzuschreiben und nach Bedarf wieder aufzubauen. Je
nach der Art der Anwendung wird man diese Form oder eine der unten
beschriebenen wählen. Für die erste |
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Orientierung zu
selbständiger Arbeit ist der Atlas das beste Hilfsmittel. Die
Ordnung der Karten kann entweder in Kästchen erfolgen, wie bei jeder anderen Kartothek
mit Leitkarten und Abteilungen. Oder man ordnet je 24 Karten eines wertgleichen
Kreises auf je einer Tafel nebeneinander, wodurch man viel leichter einen
vollständigen Überblick über die ganze Farbwelt gewinnt und beibehält. Diese
zweite Ordnung ist trotz ihres viel höheren Preises vielfach bevorzugt
worden. Wenn man die Karten zur Harmonie nebeneinander legt, so hat
die Farbe der Unterlage einen großen Einfluß auf das Ergebnis. Man wählt sie
deshalb harmonisch zu den Kartenfarben. Dies geschieht am leichtesten, wenn
man 8 Tafeln in den Graunormen a c e g i l n p bereithält, und die dunkelste
wählt, deren Buchstabe in den Farbzeichen der Karten vorkommt. Die Papierorgel.
Ein erheblich größeres Maß von Bewegungsfreiheit gewährt die Benutzung genormter
Buntpapiere. Zwar ist die Industrie der gewöhnlichen Buntpapiere noch nicht
so weit, daß sie deren Farben auf die Normen einstellen kann. Von den
Energiewerken in Groß-Bothen werden aber nach einem besonderen Verfahren
buntgefärbte Papiere hergestellt, welchen den Normen so gut entsprechen, als
dies in laufender Fabrikation erreichbar ist. Sie genügen vollauf für
technische und künstlerische Zwecke; wissenschaftliche Genauigkeit ist wirtschaftlich
nicht durchführbar, weil sie zu unmöglichen Preisen führen würde, und wird
daher auch nicht angestrebt. Solche Papiere lassen sich mit der Schere in alle gewünschten
Formen bringen und durch Aufkleben kann man die beabsichtigten Harmonien in
solchen Formen betätigen. Die Ergebnisse können dauernd aufbewahrt werden;
dafür bedingt die Arbeit einen entsprechenden Materialverbrauch. |
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Zurzeit
ist die Riesenarbeit, für alle 680 Farbnormen die Färbevorschriften festzustellen,
noch nicht durchgeführt, doch werden schon einige Hundert hergestellt. Es
ist beabsichtigt, mit der Arbeit fortzufahren, bis die Sammlung vollständig
ist. Die
Papiere werden in wertgleichen Heften mit je 8 Hauptfarben oder 24
Normalfarben ausgegeben; die Ordnung der Orgel ist also leicht zu übersehen
und aufrecht zu erhalten, wenn man die bei der Arbeit entstehenden losen
Abschnitte an ihre Stelle im Heft legt. Die flüssige
Orgel. Aus flüssigen Bunttuschen (S. 236) kann
man für den allgemeinen Gebrauch eine Orgel herstellen, indem man die auf
Norm eingestellten Lösungen in gut verschließbaren Flaschen unterbringt. Sie
werden mit dem trockenen, bzw. gut ausgedrückten Pinsel aufgenommen und als
Lasurtünchen in das auf weißes Papier gezeichnete Muster eingetragen. Da
derartige Lösungen sich selbsttätig sehr gleichförmig ausbreiten, macht das
saubere Eindecken gar keine Schwierigkeiten und man erhält leicht Gebilde von
gewinnender Schönheit. Die Tiefe der entstehenden Farben hängt von der Art des
Auftrages und der des Papiers ab. Am besten arbeitet man ziemlich naß und
benutzt an Stelle des teuren Zeichenpapiers irgendein nicht satiniertes
„maschinenglattes" Schreib- oder geleimtes Druckpapier. Auf hartem
Zeichenpapier geraten die Aufstriche auch merklich heller, als auf mehr
saugenden Schreib- oder Druckpapier. Da dies aber alle Farben gleichförmig
betrifft, so bleiben die Harmonien ungestört. Die
nasse Orgel gestattet volle Freiheit der Formgebung und sehr geschwinde
Arbeit. Denn da man sich über die anzuwendenden Farben durch den vor Beginn
der Ausführung festgestellten allgemeinen Harmonieplan völlig im klaren ist,
bleibt nur die Ausmalung der einzelnen Flächen mit den realfertigen Einzelfarben
der Orgel übrig. Man kann daher diese Arbeit auch durch Hilfskräfte aus- |
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führen lassen, die
nichts mehr zu verstehen brauchen als die Anordnung der Orgel und die Technik
des Auftragens. Aber die Arbeit ist so hübsch, daß man namentlich anfangs sie
nicht gern aus der Hand geben wird. Die
flüssige Orgel wird vollständig von den Energiewerken hergestellt. Die
Fladenorgel. Der reine
Lasurcharakter der flüssigen Orgel bedingt, daß ein Übermalen und Korrigieren
nicht möglich ist; dadurch wird die Herstellung solcher Muster recht umständlich,
welche viele Einzelheiten auf gleichförmigem Grunde enthalten, weil alles
ausgespart werden muß, was verschiedene Farben hat. Volle
Freiheit auch im Sinne des Überdeckens und Verbesserns gewinnt man beim Ersatz
der Lasurtünchen durch Decktünchen.
Die erste Form der Farborgel, welche ich vor drei Jahren ausgeführt hatte,
war aus solchem Material hergestellt. Die Decktünchen (Bindemittel Dextrin
mit erweichenden Zusätzen) wurden als Fladen oder Knöpfe in Metallnäpfchen
gebracht und je 24 Farben eines wertgleichen Kreises zu einem
„Register" vereinigt. Alle 28 Register ließen sich in einem Gestell von
18X26X30 cm unterbringen, das bequem auf dem Arbeitstisch Platz findet und
jeden „Ton" durch einen Griff erreichen läßt. Mit dieser Fladenorgel habe ich seitdem den größten Teil
meiner Arbeiten ausgeführt. Sie ist völlig zweckentsprechend für kleinere
Sachen, die nicht viel Tünche erfordern, denn das Aufreiben größerer Mengen
ist zeitraubend und unbequem. Dies gilt auch noch, wenn man nicht, wie
üblich, den Pinsel damit verdirbt, sondern ein hölzernes Reibstöckchen, 5 mm
stark und 5 cm lang, an den Enden eben bearbeitet, benutzt. An Handlichkeit
ist die Fladenorgel allen anderen Formen überlegen und ist daher für erste
Entwürfe und Skizzen das gegebene Hilfsmittel, namentlich wenn man außerdem
in den Normfarben gestrichene Papiere als Malgrund benutzt. Man kann dann in
unglaublich kurzer Zeit zum Ergebnis gelangen. |
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(Ende Seite 311) |
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Die
Pulverorgel. Von vielseitigster
Verwendbarkeit und der Fladenorgel an Handlichkeit nur wenig nachstehend, in
mancher Hinsicht sogar überlegen, ist endlich die Pulverorgel, die als Hauptform der Farborgel bezeichnet werden
darf. Sie enthält die 680 Farben in Gestalt von Pulvern, die, mit
dem flüssigen Leimbindemittel vermischt, entsprechende leicht auftragbare
Decktünchen ergeben, welche nach dem Trocknen die Normalfarben aufweisen. Ihr Nachteil gegen die Fladenorgel liegt in der etwas
geringeren Handlichkeit. Die Pulver sind in deutlich bezeichneten Säckchen
von zähem Papier enthalten. Ich habe eine vierseitige Form mit quadratischem
Querschnitt, 20 mm weit, 70 mm hoch, oben offen, am handlichsten gefunden;
680 solche Büchsen lassen sich auf einem Tischchen von 50X60 cm Fläche
aufstellen, das neben dem Maltisch steht; auch kann man sie in den
Schubladen eines Aktenschranks zugänglich unterbringen. Der
Vorteil liegt darin, daß man große wie kleine Arbeiten damit gleich bequem
herstellen kann. Handelt es sich um kleine Mengen Tünche, so steckt man den
Pinsel erst in das Bindemitel und dann nach dem Abstreichen in das
Farbpulver. Es bleibt soviel haften, daß man es auf der Palette (Glas- oder
Porzellantafel, Teller usw.) zu gleichförmiger Tünche von richtiger Stärke
verarbeiten kann; damit wird gemalt. Braucht man größere Mengen, so schüttet
man genug Pulver (1 Gramm deckt 250 bis 300 Quadratzentimeter) in ein
Näpfchen und gibt soviel Bindemittel dazu, als freiwillig von dem Pulver
aufgesogen wird; erst hernach darf man mit dem Pinsel eingehen. Gleiche
Gewichte Pulver und Bindemittel sind meist das richtige Verhältnis; bei
dunklen Farben braucht man mehr Bindemittel. Dieses ist so zusammengesetzt,
daß die Tünche vom Malgrunde besonders leicht und gern angenommen wird, was
ein sehr angenehmes Malen bedingt. |
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Seite 312) |
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Mit der Pulverorgel kann man sich auch schnell die S. 311
erwähnten, in Normfarbe vorgestrichenen Papiere herstellen. Als Unterlage
kann jedes geringe Papier von guter Oberfläche- (maschinenglatt, nicht
satiniert) dienen. Von hartem Zeichenpapier springt Leimtünche gern ab, es
ist also zu vermeiden, auch wo der Preis nicht in Frage kommt. Der Pinsel
soll breit und weich sein; man lernt bald, gleichförmig und nicht zu dick
einzudecken. Bei
den ersten Farborgeln, die ich hergestellt habe, benutzte ich Farbstoffe,
die mir die farbreinsten Tünchen ergaben, ohne besonderes Gewicht auf ihre
technischen Eigenschaften (Wasser- und Lichtechtheit) zu legen. Nachdem ich
in mehrjähriger Arbeit erfahren habe, welche Schätze die Orgel in ihrem
Schoße birgt, habe ich die neue, Ende 1922 begonnene Pulverorgel aus dem
lichtbeständigsten Material hergestellt, welches die Technik mir liefern
konnte. Dies ist für die Gebiete geringerer Reinheit restlos durchführbar;
die hellklaren, weißärmeren Farben von ga ab sind aber mit den vorhandenen
lichtbeständigen Farbstoffen nicht überall erreichbar, namentlich nicht in
der kalten Hälfte des Farbkreises. Hier und auch in den benachbarten
tiefsten Kreisen ne und pe mußten deshalb teilweise lichtempfindliche
Farbstoffe benutzt werden. Sie werden durch beständige ersetzt werden, sobald
die Farbstoffindustrie solche liefern kann. |
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Seite 313) |