Einleitung.

 

Farbenlehre und Chemie.   Da die Farbenlehre als Wissenschaft weder der Chemie noch etwa der Physik angehört, sondern der Psychologie, so bedarf es einer Recht­fertigung, daß sie in einer Sammlung auftritt, welche diesen Wissenschaften vorwie­gend und ihren Anwendungen gewidmet ist. Daß ein enger Zusammenhang zwi­schen ihr .und der Chemie besteht, lehrt die allgemein bekannte Tatsache, daß eines der größten und erfolgreichsten Gebiete der chemischen Industrie sich mit der Her­stellung von Farbstoffen, minera­lischen und organischen, befaßt. Doch dem wissen­schaftlichen Denker genügt nicht das Vorhandensein einer solchen Tatsache. Er forscht weiter und tiefer nach der Begründung des Zusammenhanges und findet Antwort, wenn er die allgemeinen gegenseitigen Verhältnisse aller Wissenschaften ins Auge faßt.

Der Aufbau der Wissenschaften.   Die Gesamtheit aller Wissenschaften zerfällt in drei große Gebiete, welche man als die Wissenschaften der Ordnung, der Arbeit und des  L e b e n s  kennzeichnen kann. Diese Gebiete stehen aber nicht etwa unabhängig, und gleichwertig nebeneinander, sondern sie bauen sich in bestimmter Reihenfolge übereinander auf. Die Gesamtwissenschaft stellt sich so als eine Pyramide dar, die auf der breiten Grundlage der Ordnungswissenschaften (die ihrerseits wieder aus mehreren Schichten bestehen) aufruht, indem auf diese zunächst die Arbeitswissen­schaften folgen; die Lebenswissenschaften krönen endlich das Gebäude.

(Ende Seite XI)

 

Die Ordnungswissenschaften bestehen aus Mathetik (oder Ordnungswissenschaft im engeren Sinne), Mathematik, Geometrie und Kinematik. Sie behandeln das gedankli­che, räumliche und zeitliche Nach- und Nebeneinander der Dinge, und ihre Begriffe sind: Gruppe, Reihe, Größe, Zahl, Raum, Zeit, Bewegung. Sie dienen, wie man als­bald erkennt, als Grundlage für alle weitere wissenschaftliche Arbeit, denn sie befas­sen sich mit den allgemeinsten Eigen­schaften der Dinge, unserer Erlebnisse. Sie sind nicht alle gleich weit entwickelt, denn während die Mathematik oder Größenlehre von jeher eine überaus eingehende Pflege er­fahren und ein entsprechendes Wachstum gezeigt hat, sind die anderen Gebiete nicht so eifrig gepflegt worden. Ins­besondere ist die allererste Grundlage, die Ordnungslehre im engeren Sinne, sehr vernachlässigt worden. Die formale Logik bildet nur einen kleinen und nicht den wichtigsten Teil der Mathetik. Die mittelalterliche Scholastik war ein großartiger Ver­such, eine allgemeine Ordnungswissenschaft als Voraussetzung für alle anderen Wissenschaften zu be­gründen; da sie aber kein wissenschaftliches Material zu ord­nen vorfand, verlor sie sich in unwissenschaftliche Spielereien. Die für unsere Zeit kennzeichnenden Bemühungen der N o r m u n g aller willkürlich bestimmbaren Grö­ßen ist die moderne Form, in welcher sich das Bedürfnis nach einer exakten und an­wendungsfähigen Ordnungswissenschaft, kundtut. Und die vermeidbaren Fehler, welche vielfach bei diesen Bemühungen gemacht und von den Fach- und allgemei­nen Ausschüssen nicht entdeckt und beseitigt werden, lassen erkennen, wie er­staunlich unentwickelt diese Grundlage aller wissenschaftlichen und technischen Ar­beit in unserem wissenschaftlichen Jahrhundert noch ist, und wie wenig sich die Er­kenntnis verbreitet hat, daß es für diese Fragen eine allgemeine Wissenschaft, die Mathetik, gibt.

Es darf hier gleich eingefügt werden, daß die neuere Farbenlehre in vollem Bewußt­sein dieser Bedürfnisse ent-

(Ende Seite XII)

 

wickelt worden ist. In ihr konnte daher eine rationelle Normung restlos durchgeführt werden.

Die Arbeitswissenschaften.   Als zweite Hauptgruppe bauen sich auf der Unterlage von Mathetik, Mathematik, Geometrie usw. die Arbeitswissenschaften auf. Ihr Grund­begriff ist die A r b e i t oder die E n e r g i e (im physikalischen Sinne), und sie zer­fallen demgemäß in so viele nebengeordnete Sonderwissenschaften, als es Arten der Energie und Kombinationen zwischen ihnen gibt. Die traditionelle Unterteilung in Mechanik, Physik und Chemie ist daher nur entwicklungsgeschichtlich, nicht metho­disch gerechtfertigt. Unter Mechanik verstehen wir den Teil der Energetik, der die mit dem Ort veränderlichen Energien (Kräfte, Bewegungsenergie, Schwere) umfaßt; er ist der einfachste und daher theoretisch am meisten entwickelt. Unter Physik faßt man dann alle anderen Energien (thermische, elektrische, magnetische, optische) mit Ausnahme der chemischen zusammen; meist wird auch die Mechanik einbezogen. Die chemische Energie und ihre Umwandlungen mit anderen Energiearten, die be­sonders verwickelt sind, bilden dann den Inhalt der Chemie.

Es ist besonders hervorzuheben, daß für den Betrieb der energetischen Wissen­schaften die Kenntnis des in der Pyramide der Wissenschaften darunter liegenden Gebiets, der Ordnungswissenschaften unentbehrlich ist. Man kann kein Physiker sein ohne gute Kenntnisse aus der Mathematik und Geometrie, und die Zeiten  sind end­gültig vorüber, wo infolge des primitiven Zustandes seiner Wissenschaft der Chemi­ker seine mathematische Ausrüstung auf die Handhabung der Regeldetri beschrän­ken durfte.

Das Umgekehrte trifft dagegen nicht zu. Man kann ein ausgezeichneter Mathemati­ker sein, ohne viel Physik zu wissen und daß ein solcher jemals sich eingehende chemische Kenntnisse erworben hätte, hat die Geschichte noch nicht zu berichten Gelegenheit gehabt.

(Ende Seite XIII)

 

Die Lebenswissenschaften.   Die neuartige Erscheinung des Lebens hat zwar den ganzen Umfang der von den beiden ersten Gruppen der Allgemeinwissenschaft be­handelten Tatsachen zur Voraussetzung, wird aber durch sie und ihre Gesetze nicht erschöpfend dargestellt. So kennzeichnet sie die dritte und höchste Gruppe, welche die Spitze der Pyramide bildet.

Wir teilen die Lebenswissenschaften ein in Physiologie, Psychologie und Kulturolo­gie, Die Physiologie behandelt die räumlich zeitlichen sowie die energetischen Ver­hältnisse der Lebewesen: Morphologie, Anatomie, Stoff- und Energie­wechsel, Ernäh­rung, Fortpflanzung, Entwicklung. Gegenstand der Psychologie sind die besonderen Erscheinungen, die man unter dem Namen des geistigen oder Seelenlebens zu­sammenfaßt: Empfindung und Reaktion, Erinnerung, Zuordnung und Voraussicht. Zur Kulturologie endlich gehören alle Tatsachen und Gesetze, welche sich auf den Menschen als soziales Wesen beziehen; sie umfaßt u.a. die sämtlichen sogenannten Geisteswissenschaften, geht aber methodisch wie inhaltlich weit über das hinaus, was man allzu beschränkt bisher unter diesem Namen zusammengefaßt hat.

So behandelt die Kulturwissenschaft zunächst die Ord­nungen der menschlichen Gesellschaft (Familie, Volk, Staat), sodann ihre energetischen Bedingungen (Tech­nik, Wirtschaft, Verkehr) und endlich ihre psychologische Betätigung (Religion, Recht, Kunst, Wissenschaft).

Sachgemäß erscheint bei dieser Ordnung die Wissenschaft als Krönung der Pyra­mide; sie stellt tatsächlich die höchste Leistung der menschlichen Gesellschaft dar, in welcher die Kulturideale, wenn auch bei weitem nicht restlos, verwirklicht sind, doch den höchsten bisher erreichten Grad der Verwirklichung gefunden haben ).

*) Es ist deshalb ein Zeichen unzweideutigster Barbarei, wenn, wie es in den Kreisen des Feindbundes geschehen ist, der Krieg nach geschlossenem „Frieden" auf das Gebiet der Wissenschaft übertragen wird.

(Ende Seite XIV)

 

Die Stellung der Farbenlehre.   Da die Farbe ebenso wie der Ton, der Geschmack, der. Geruch eine Empfindung ist, so gehört die Farbenlehre ganz zweifellos der  Psychologie  an. Nach dem allgemeinen Gesetz, daß alle unteren oder allge­meineren Wissenschaften in den darüber liegenden Anwendung finden (S. XIII), werden wir demgemäß in der Farbenlehre Unterabteilungen antreffen, welche diesen Gruppen angehören. Es gibt m.a.W. einen mathetischen, einen physikalischen, ei­nen chemischen und endlich einen physiologischen Teil der Farbenlehre. Gemäß der Abgrenzung des vorliegenden Sammelwerkes wird daher die chemische Farbenlehre einen wesentlichen Inhalt dieses Bandes bilden. Da aber die allgemeine Farbenlehre zufolge der Neuheit ihrer Entwicklung noch nicht Allgemeingut der Gebildeten ist (was sie zweifellos künftig sein muß und sein wird), so ist es nötig, auch sie in genü­gendem Umfange hier zur Darstellung zu bringen.

Über die Wichtigkeit der Farbenlehre, die ihr jene bevorzugte Stellung innerhalb des allgemeinen Wissens sichert, kann kein Zweifel sein, sobald man nur einen Augen­blick nachdenkt. Denn das, was wir als Elemente alles Gesehenen vorfinden, sind ja Farben und immer wieder Farben. Unser Gesichtsfeld enthält, wenn wir von allem Hinzugebrachten (Erinnerungen und Deutungen) absehen, primär nichts als Farben­flecken aller Art, die zum Teil scharf aneinander grenzen, zum Teil stetig ineinander gehen. Durch die gegenseitige Begrenzung dieser Flecken bilden sich erst die For­men, aus denen wir auf die Anwesenheit der Dinge schließen, die wir „sehen". Überlegen wir nun, daß von allen Sinnen der Gesichtssinn bei weitem der wichtigste ist, weil er uns die weiteste und mannigfaltigste Kenntnis der Außenwelt vermittelt, so erkennen wir die ganz ungewöhnliche Bedeutung, welche die Wissenschaft dieses Sinnes, die Farbenlehre, notwendig haben muß.

Daß sie sich bisher nicht ihrer Bedeutung gemäß entwickelt hat, ja daß es eine wirk­lich wissenschaftliche

(Ende Seite XV)

 

Farbenlehre nicht gab - ich kann mich nicht erinnern, je im Vorlesungsverzeichnis einer. Hochschule Farbenlehre angezeigt gesehen zu haben - hat seinen Grund in den besonderen Schwierigkeiten, die sich der wissenschaftlichen Erfassung der Far­benwelt entgegengestellt haben. Es wird deshalb gut sein, in einem schnellen Gang durch die Entwicklungsgeschichte der Farbenlehre zunächst diese Schwierigkeiten und das Ringen um ihre Überwindung kennen zu lernen. Der Geist wird dadurch auf die vorliegenden Probleme eingestellt und gewinnt die Unterlagen zu eigener Beur­teilung, ob ihm ihre weiterhin vorgelegte Überwindung ausreichend erscheint.

Das besonders nahe Verhältnis der Farbenlehre zur Chemie entsteht aus der Tatsa­che, daß bei weitem die meisten und wichtigsten Farben auf der Wirkung bestimmter chemischer Stoffe beruhen. Schauen wir unsere' Umgebung im Zimmer an, so liegen überall derartige Farbwirkungen vor. Im Freien hat die blaue Farbe des Himmels eine physikalische, nicht speziell chemische Ursache. Alle irdischen Gegenstände hinge­gen zeigen „chemische" Farben.

(Ende Seite XVI)

 

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