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WIE
ES ANFING
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19. KAPITEL
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Zum 20. Kapitel
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Voraussetzungen. Alle Lebenslinien
meines Vaters mit ihren Erfahrungen halfen ihm bei der Bearbeitung des
beinahe berüchtigten Problems Farblehre (die Naturphilosophie seinerzeit war wohl noch berüchtigter),
und seine schönste Kraft, die der Synthese, entfaltete sich noch einmal an
einem würdigen Objekt. Wie das erste chemische Arbeitsgebiet, die chemische
Verwandtschaft, sich mit Goethe'schen
Gedankengängen traf, wenn auch nicht deckte, so brachte ihn sein letztes
Arbeitsgebiet, die Farblehre, wieder mit einem Goethe-Problem in diesmal nahe
Berührung. Er konnte es ein großes Stück weiterführen, um soviel weiter, als
inzwischen die Hilfswissenschaften Mathetik, Physik, Chemie, Physiologie und Psychologie
gekommen waren, eingesetzt von einem Arbeiter mit gleichfalls
hochentwickeltem Augensinn. Wie schreibt er über sich selbst in der eingehenden Akademieschrift116), welche den
Fachgenossen (wo waren sie?) das erste
Ergebnisbündel zur Nachprüfung, Erweiterung und Verbesserung vorlegte. »In
meinem psychischen Komplex befindet sich ein stark betontes visuelles
Element, verbunden mit einem entsprechenden Gedächtnis, demzufolge die farbigen Naturerscheinungen von jeher meine
lebhafteste Aufmerksamkeit erregten und zu einer ausgedehnten Sammlung
chromatischer Anschauungen und Erinnerungen Veranlassung gaben. Die aktive
Form dieses Interesses betätigte sich zunächst in der Gestalt künstlerischer
Versuche auf dem Gebiet der Malerei, die, wenn sie auch keinen anderen Erfolg
mit sich brachte, doch weiterhin eine umfangreiche experimentelle Erfahrung
über die Technik der Pigmente, die Herstellung abgetönter und
zwischenliegender Farben durch Mischung sowie über die gegenseitige
Beeinflussung farbiger Flächen bei gemeinsamer Betrachtung ergaben. Ein
anderes stark betontes Element des gleichen Komplexes, die Neigung zu
allgemein zusammenfassender Begriffsbildung, mußte
über kurz oder lang dahin wirken, daß die
Betätigung im Farbengebiete von der primitiven künstlerischen Stufe auf die
höhere der wissenschaftlichen Bearbeitung überging.«
Die künstlerische
Stufe war ihm ganz bewußt durchs bisherige Leben die Erfrischung für den ausgepumpten Chemiker gewesen. Doch
Kunst und Wissenschaft waren in Personalunion, und die Wechselwirkung und
schließ-
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(Ende Seite 179)
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lich die Vereinigung erfolgten unvermeidlich. Mit einzelnen Aufsätzen Ober Physikalisch-Chemisches in der Malerei begann es, die von Tageszeitungen
gebracht wurden. 1904 wurden sie in den MaIerbriefen neu bearbeitet
herausgegeben und 1905 erschien in der Zeitschrift für Elektrochemie117)
fast eine Rechtfertigung in einem Über Malerei
betitelten Aufsatz. Dort entschuldigt sich der Chemiker, er habe nur
in den Ferien gemalt und erst neuerdings und mit unzweifelhaftem Erröten in
der berufsfreien Zeit zwischen 1-3 Uhr mittags.
Weitere Vorläufer waren die Ikonoskopischen Studien118) und das Büchlein
über Dekoratives Pastell119),
letzteres veranlaßt durch eine Zusammenarbeit mit
dem Künstler Sascha Schneider, damals Professor an der Kunstschule Weimar.
Ich war dort seine Schülerin und meine dicken, selbstgemachten Pastellstifte
und die äußerst förderliche Technik, es handelte sich um lebensgroße Aktstudien,
erregten sein Interesse. 1908 folgte noch die Übersetzung von Church , Farben und Malerei, die er
größtenteils mich machen ließ. All dies war damals
noch zwischen der Hauptarbeit an
ganz anderen Problemen physikochemischer, naturphilosophischer
und monistischer Art. Um 1912 erweiterten sich die
Beziehungen zum Werkbund mit seinen sympathischen Forderungen nach
Materialehrlichkeit und -gemäßheit, nach eigenem
Zeitstil und nach Qualität. In München war es Prof. Riemerschmid, mit dem es
ein schnelles Verstehen gab, und der die
Notwendigkeit eines Farbatlas schon seit Jahren öffentlich vertrat und zu
fördern versuchte. Die Neubearbeitung der Radde'schen Farbkarte, für die er den
Werkbund willig gemacht hatte, scheiterte an der
Unzugänglichkeit der Erben und des Materials. In Hellerau war es KarI Schmidt (ein feiner organisatorischer und sozialer Kopf und Praktiker, der die vorbildlichen Hellerauer Werkstätten
geschaffen hatte), mit dem sich mein Vater schnell glänzend verstand. Aus seinen
Siedlungserfahrungen ist mir unvergeßlich die
Feststellung, daß jeder Hausfrau ihre Küche und ihre
Waschküche ein unbezahlbarer Friedensfaktor sei und Arbeitsfreude steigere
und erhalte - auch bei dem Ehemann. Da auch unter den »Brücken«-Aufgaben
die Ordnung und Organisation der Farben aufgetaucht war und mein Vater als
der Zuständigste dafür in Frage kam, verdichtete sich die auf ihn zukommende
Arbeit immer fühlbarer über seinem Haupte.
Vorkommission und internationale
Kommission zur Schaffung einer Farbkarte. Natürlich war allerseits nur
an eine internationale Farbenkommission mit dem Ziel einer internationalen Farbkarte gedacht worden
und als Geldgeber rechnete man mit der Assoziation wissenschaftlicher
Akademien und mit anderen Kulturassoziationen,
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Malerbriefe

Ikonoskopische Studien
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(Ende Seite 180)
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wie z. B. dem Werkbund.
Beide waren zu finanzieller Unterstützung bereit. Mitglied der Vorkommission
war Dr. PauI Krais, ein in der
Farbenindustrie und Färbereipraxis wohlangesehener Fachmann, der zugleich
Mitarbeiter am eben angelaufenen Deutschen Farbenbuch war und die Farbstoffe und Bindemittel gerade gründlichst
bearbeitet hatte. Ihm war die Notwendigkeit einer internationalen Farbkarte,
einer allgemeingültigen Ordnung der Vielfalt, immer wieder als dringende
Gemeinschaftsarbeit entgegengetreten. Interessiert traf er sich am 19. Mai
1914 erstmalig mit meinem Vater in Großbothen, wo es zu einer ausgedehnten
Aussprache über die Möglichkeiten eines internationalen Farbatlas kam. Bei
meinem Vater setzte die Denkmühle automatisch ein und
bereits am 30. Mai erhielt P. Krais die
ersten Resultate. Ich entnehme dem Brief: »Da
zwischen den optischen Wellenlängen und ihrer physiologischen Wirkung keine
eindeutige Beziehung besteht, so ist von vornherein ein Farbatlas auf der
Grundlage rein physikalischer Definitionen ausgeschlossen; vielmehr handelt es sich darum, die physiologische und
psychologische Wirkung der Farbe systematisch zu ordnen. Hierzu dienen die
drei Variablen Farbton,
HeIIigkeit und Reinheit. Und die psychophysischen
Gesetze, welche diese drei Größen regeln, sind bekannt genug, um mit ihrer
Hilfe ein eindeutiges System der Definition und Herstellung von Farben zu
ermöglichen. Ebenso teile ich Ihre Ansicht, daß
keine andere Form der Definition zulässig ist, als in Gestalt konkreter
Farben im Sinne des Malers, d. h. in Gestalt von Aufstrichen oder auch auftragfertigen
Farbmischungen, etwa als Pastellstifte, oder streichfertigen Farbbreies mit
Leim-, Tempera- oder Ölbindemitteln. - Vorarbeiten sind durchaus weit genug
gediehen, um das allgemeine Problem eines wissenschaftlich begründeten
Farbatlas zu lösen und damit für den allgemeinen Verkehr auf diesem so
wichtigen Gebiete eine dauernde Grundlage zu schaffen.«
Noch ahnte er nichts
von den inneren Entwicklungen und Kraftanstrengungen, die erforderlich
wurden, noch daß er die Arbeit schließlich würde
allein tun müssen.
Dr. Krais war ein Mann der Praxis mit vielen in- und
ausländischen Beziehungen, der jahrelang in der Wirtschaft gestanden hatte.
Er bemühte sich um die Erweiterung des Komitees, so um die Mitarbeit Baumann-Prases mit den Erfahrungen ihrer Farbkarte für
das Anstrichgewerbe, und er interessierte geldkräftige Kreise, vor allem die
Farbenfabriken. Mein Vater schlug noch A. H. Munsell
in USA vor, dem er in Boston 1905/06 sehr starke Anregungen verdankte. E. Jäckh vom Werkbund hörte »mit
großer Freude, daß nun, nachdem auch Prof. Ostwald
für die Farbenfrage gewonnen ist, die Sache auf einen gesunden Weg kommt.«
Es kam im Juli die große
Werkbundtagung in Köln im Rahmen der Aus-
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(Ende Seite 181)
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stellung. Sie war
ungewöhnlich lebhaft und erweckte allseitig das Gefühl, daß
es vorwärts gehe und herrliche Kulturaufgaben nach Erfüllung riefen. Ein
Beitrag von je 1000 M. für drei Jahre für die Arbeiten am Farbatlas wurde einstimmig
genehmigt, was mein Vater erfreut dem nicht anwesenden Dr. Krais mitteilte und mit ihm ein paar Tage Zusammenarbeit
in Großbothen verabredete.
Krieg. Statt
dessen kam über Nacht Krieg und zwang jeden sich um- und einzuordnen. - - -
Ich habe schon
berichtet, wie mein Vater still und traurig seine Grauversuche im Labor
nicht einen Tag unterbrach, so nötig war ihm das Gefühl, irgendetwas
Positives zu tun. Denn all seine internationalen Bestrebungen und Arbeiten
waren plötzlich zerschnitten worden. Das war schwer zu ertragen, und nie ist
mein Vater häufiger und gedankenschwerer durch seine »Energie«
gelaufen als in jenen ersten Kriegswochen. Nie war es schwerer gewesen, sich
Klarheit zu erwandern als jetzt, da man mit Menschen und nicht mit Naturgesetzen
zu tun hatte. Naturgesetze lagen sicher auch hier vor, nur man kannte sie
noch nicht und war ihnen wehrlos ausgeliefert. »Zu Weihnachten sind wir
wieder zuhaus!« hieß der Abschiedsgruß aller Soldaten. Das Fest war vorbei
und ein jeder sah ein, daß er sich auf Jahre
einrichten mußte.
Was mochte mit
seinem voraussichtlichen Mitarbeiter Dr. Krais geworden sein? Er schrieb ihm am 4.1.1915 eine Postkarte:
»Bitte geben Sie ein Lebenszeichen; sind Sie zu Hause oder im Felde?«
Statt
der internationalen eine deutsche Arbeitsgemeinschaft. Es kam umgehend
Antwort, daß Dr. Krais am
Heimatort zu einer halbtägigen Rote-Kreuz-Arbeit
eingesetzt sei, als schwerer Rheumatiker für Felddienst nicht in Frage käme
und seine freie Zeit gerne dem zukünftigen Farbatlas widmen möchte. Weiter
schrieb er: »Von der internationaIen Richtung unserer
Bestrebung werden wir ja wohl für dieses Leben absehen müssen, aber wenn wir
für den Dreibund und die Neutralstaaten etwas Annehmbares machen, so genügt
das ja auch; die Engländer und Franzosen sind
sowieso zu selbstherrlich, um etwas von Deutschland Kommendes ohne weiteres
anzunehmen.«
An die versprochenen Geldzuschüsse
war unter den Kriegsumständen nicht zu denken, die wissenschaftliche Arbeit
war sowieso ehrenamtlich gedacht, so ließ man den Geldpunkt auf sich beruhen
und fing an. Dr. Krais schrieb am 22. 2. 1915:
»Halte es für nötig, daß nächstens einmal die
Grundlagen der Farblehre in monumentaler Weise erklärt
und ausgesprochen
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(Ende Seite 182)
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werden und zwar so, daß sowohl Physiker, wie Physiologen, wie Künstler die
Sprache verstehen können! Damit das
endlose Aneinandervorbeireden aufhört. Ich könnte mir niemand denken, der
dies besser kann und besser machte als Sie.«
In weniger als einer
Woche wurden die Acht
Leitsätze zur Herstellung eines rationellen Farbatlas geschrieben. Dr.Krais war begeistert und sie wurden bald in allen
zuständigen Zeitschriften abgedruckt. Schon hier wurde gesagt, daß es sich um Ordnung von Farbempfindungen auf
psychophysischer Grundlage handelte, mit den drei Bestimmungsstücken
Farbton, Helligkeit und Reinheit. Die nächste Aufgabe sei ein wissenschaftlicher
Farbtonkreis von 24-100 Stufen, in dem sich richtige Gegenfarben
gegenüberstehen. Die Helligkeit sei eine geometrisch zu stufende Reihe und
die Reinheitsstufen seien noch gesetzlich zu erforschen. Es würde sich um
3000-6000 Farben handeln, darzustellen in matten Aufstrichen mit genauer
dreiteiliger Bezeichnung, vorschlagsweise
Buchstaben.
Aus den Vorarbeiten
zu solchen matten Aufstrichen entstand eine Abhandlung120) für die Kolloidzeitschrift mit Aufstrichproben.
Die psychophysische und farbchemische Arbeit am Atlas schien
gesichert. Aber wer würde den physiologischen Anteil übernehmen? Mein Vater schrieb
an Professor von
Hess,
München, der nach langem Zögern - weil es ihn im Grunde stark lockte - doch
schließlich wegen Überbürdung ablehnte. Hier mußte
vorläufig eine Lücke bleiben.
DER GRAUE WEG
20. KAPITEL
Die
fruchtbare Ordnungslehre. Wilhelm Ostwald hatte nicht umsonst im Jahr zuvor Band 1
seiner Modernen Naturphilosophie
geschrieben und die große Fruchtbarkeit und Arbeitshilfe der allgemeinsten Ordnungsgesetze in einem ersten Anhieb
vor allem sich selbst klargemacht. Die Anwendung auf sein neues Forschungsgebiet
brachte gleich beachtliche Übersicht und Arbeitsersparnis, d. h. Vermeidung unzweckmäßi-
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Zum 21.
Kapitel
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(Ende Seite 183)
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nach oben
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gen Arbeitseinsatzes.
So verlockend das Spielen mit der Vielfalt der Buntfarben war, zuerst mußte das unbunte Gebiet als das sicher einfachere erforscht werden und Namen, Maß
und Zahl bekommen, soweit diese noch fehlten. Das sah nicht schwierig aus.
Bei den ersten Versuchen zeigte sich jedoch überraschend, daß
hier noch sehr viel fehlte. Die bewährte Suche nach dem »ausgezeichneten
Fall« verlangte die Beschränkung auf wirklich buntfreie Farben, also reine Graus mit Weißanfang und Schwarzende. Die Ordnungslehre sagte, das ist eine
einfaltige Reihe mit einer Veränderlichen, der HeIIigkeit. Die sollte doch
leicht meßbar sein! Doch wie sah denn eigentlich
wirklich buntfreies, neutrales Grau aus? Diese Frage schien noch niemand
gestellt und beantwortet zu haben. Wo waren natürliche, einwandfreie
Vorbilder? Denn die Farbstoffmischungen ergaben ohne Ausnahme unzweifelhaft
leichtbunte Graus. Mein Vater fand: eine unbunt beschattete weiße Fläche; ein Rasterdruck; eine Mischung
aus buntfreiem Weiß und Schwarz auf der Drehscheibe. Dort kam das Phänomen des »trüben Mittels«, die Verblauung, nicht zur Auswirkung.
Also mußte man bei Farbstoffmischungen durch
Goldockerzusatz das Blaue brechen, fortneutralisieren. Vergnügt machte sich
mein Vater an die Herstellung einer ersten wirklich neutralen Graureihe aus
Kreide und Ruß. Sie machte einen entschieden »mausgrauen«
Eindruck, als sie endlich da war, so sehr war das Auge an die meist
bläulichen Graus gewöhnt. Und einfach war die Sache gar nicht gewesen!
Zur Erzielung der
Abstufung waren zur Kreide nacheinander 1/10,
2/10, 3/10
bis 9/10 Schwarz gemischt
worden. Das wurde eine Enttäuschung und keine gleichstufige Reihe! Erst bei 5/10
Schwarzzusatz entstand überhaupt ein deutliches Hellgrau
und die Stufen mit 7/10,
8/10 und 9/10
Schwarz machten Riesensprünge und waren gar nicht besonders schwarz. So ging
es nicht!
Das
Weber-Fechnersche Gesetz. Die Denkmühle trat
in Tätigkeit und holte eine alte Dorpater Erinnerung aus der Tiefe. Damals
hatte er in unersättlichem jugendlichem Wissensdurst auch die Psychophysik
von Th. Fechner gelesen und vom Weber-Fechnerschen Gesetz, das die Beziehungen zwischen
Reiz und Empfindung regelt. Farbe, auch unbunte Farbe, war eine Empfindung.
Man mußte also den Reiz - hier die Helligkeit -
geometrisch stufen, wenn man eine gleichstufige Empfindungsreihe erzielen
wollte.
Aber welche von den möglichen
geometrischen Reihen sollte er benutzen? Da er die Graustufen mit den
Buchstaben des Abc zu bezeichnen vorhatte, wählte er eine 24stufige Reihe
(wobei er den Buchstaben j vergaß!). Er errechnete sich auch eine 100stufige
Reihe121).
Auf das Einfachste, Gegebenste,
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(Ende Seite 184)
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nämlich die in der
Wissenschaft übliche Zehnerteilung, kam er wie so oft zuletzt und sie ist
bis heute nicht weiter geändert worden. Zehn, mit Zwischenstufen neunzehn,
Graustufen haben sich für die Praxis als vollständig ausreichend seitdem
bewährt.
Die ersten Verwirklichungen waren bei allen Mängeln die
schönste Belohnung für die mühselige Arbeit. Mein Vater wurde nicht müde,
sich an der reingestuften Graureihe zu freuen, zeigte sie allen, bei denen
er Interesse voraussetzte, auch dem hochachtungsvoll
erstaunten, aber eine Farbmessung grundsätzlich ablehnenden, schon
sehr alten Ewald Hering in Leipzig.
Die
Messung unbunter Farben.
Zur Ermöglichung dieser Messung war wieder viel Vorarbeit der Denkmühle
vorausgegangen und wieder kam etwas aus der Dorpater Erinnerungstiefe zu
Hilfe. Damals war ihm erstmalig der Begriff Albedo,
das absoIute Weiß, in einem spiritistischen Buch von F. Zöllner begegnet.
Die entsprechende wissenschaftliche Bearbeitung las
er jetzt in J. Lamberts Photometrie
nach, die er nur aus der Reihe seiner »Klassiker der
Exakten Naturwissenschaft« heraus zu greifen brauchte. Diese feste
Bezugsfläche des absoluten Weiß (Albedo)
ermöglichte, statt der bisher geübten reIativen
Helligkeitsmessungen mit dem Kreisel, solche von absoIutem Charakter
auszuführen. Das entsprechende Gerät und das nötige Bezugsweiß wurden in
unermüdlichen Versuchen und Basteleien erarbeitet. Der Apparat erhielt den
Namen Hasch (Halbschattenphotometer)
und kam wegen der Kriegszeiten nur mit großen Schwierigkeiten in den Handel.
Als besten Repräsentanten für Bezugsweiß fand mein Vater nach Durchmessung
aller ihm zugänglichen weißen Farbstoffe das frisch hergestellte BariumsuIfat, mehrschichtig
aufgebracht und abgeschliffen. Jetzt war das Messen
ein Spaß geworden.
Die GrauIeitern. Die Herstellung der gestuften
Grauaufstriche war nicht ohne viele Umwege und Mißerfolge
geschehen. Die Laborhefte erzählen es. Kreide erwies sich für die hellen Stufen
als zu gelblich; Schieferschwarz ließ sich nicht gleichmäßig auftragen; Ruß
entmischte sich sehr leicht; manche Gemische ließen das Papier
durchscheinen. Und das geeignetste Papier war auch erst auszuprobieren.
Unverdrossen tat mein Vater all die hunderttausend Handgriffe. Es war ja Arbeit
für Jahrhunderte, Arbeit, die ein für alle Mal getan
sein sollte. Der Krieg zerstörte so sinnlos drauf los. Er mußte Kulturland urbar machen.
Gemische aus Lithopone, Frankfurter Schwarz und
Goldockerzusatz waren das Endergebnis und als Bindemittel diente Sichelleim.
Anfänglich wurden lange Pappstreifen mit 2 cm breiten Graustufen beklebt und
von a-t bezeichnet. Gute Druckerschwärze deckte sich mit der p-Stufe. Die
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letzten Schwarzstufen waren
praktisch entbehrlich. Sehr bald erfand mein Vater auch ein
»Photometer für die Westentasche«. Zuerst war es ein etwa 8x3 cm großer Glasstreifen, auf den zehn Graustufen in Ölfarbe so
gestrichen waren, daß Zwischenräume blieben. Auf
irgend eine graue oder bunte Fläche gelegt, konnte man ablesen oder leicht
schätzen, welche Helligkeit diese hatte, denn die Helligkeiten der Stufen
waren ja bekannt. Später beklebte er schmale Papprähmchen von der Rückseite
mit schmalen Graustreifen, Zwischenräume lassend, und schrieb auf der
Vorderseite die Buchstaben zu jeder Sprosse der kleinen Grauleiter. Stets
trug er solch ein Leiterchen bei sich. Er wußte die
Stufen längst auswendig und freute sich unbändig, wenn auch andere das
Auswendiglernen leicht fanden. Diese Form der
Grauleiter hat nur noch eine einzige Veränderung erlebt, nämlich die
Umrechnung der Grenzwerte in Mittelwerte. Damit fiel das Weiß a bei der
ersten angestrebten Normierung in ein leichtrealisierbares Gebiet mit der
Helligkeit 89 statt 100.
INS REICH DER BUNTFARBEN
21. KAPITEL
Wie
sieht eine reine Buntfarbe aus? Der graue Weg war lang und steinig und eintönig gewesen,
aber er hatte den Mann gut trainiert. Die Ordnungslehre, befragt, sagte, daß die Buntfarben dreifaltig seien, also einen Raum zu
ihrer Darstellung verlangten, und die Suche nach dem »ausgezeichneten
Fall« ergab, daß die ausgezeichnetste Mannigfaltigkeit
ein Buntfarbenkreis sei, und zwar der aus den allerreinsten Buntfarben. Das würde
eine Augenfreude sein! Die erste Aufgabe war also klar gestellt. Unternehmend
schrieb mein Vater am 1. 3. 15 an Dr. Krais. »Gehe
eben nach Erledigung der Helligkeit zum Farbton über.«
Sie machten miteinander aus, jeder
sollte einen 30-50teiligen Farbkreis herstellen, ohne vorerst Art und
Lichtechtheit der Farbstoffe zu berücksichtigen, aber so rein als nur möglich. Dann wollten sie
vergleichen und das Beste aussuchen. Wie sah wohl ganz rein aus? Theoretisch
müßte eine solche Farbe keinerlei Unbunt enthalten, weder Weiß, noch Grau, noch Schwarz.
Wozu hatte man ein Taschenphotometer, die kleine Grauleiter? Die maß sofort
die
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Zum 22.
Kapitel
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(Ende Seite 186)
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Helligkeiten. Und für genauere Kreiselversuche
wurde ein Satz geschlitzter Grauscheiben gemacht und der Rand der blechernen
Drehscheibe mit 100 Meßstrichen versehen. Die geschlitzten und dadurch ineinander verschiebbaren Kreiselscheiben waren wieder eine
heraufgeholte Erinnerung, diesmal aus der Gymnasialzeit. Da hatte er's
selbständig erfunden, bevor er die Anweisung von Maxwell kannte. Jetzt
erfand er noch einen Gummistöpsel an Stelle der zeitraubenden
Metallschraubenmutter.
In Großbothen wie in Tübingen sah es
nun bunt und bunter aus. Mein Vater verschaffte sich von den Farbenfabriken
die leuchtendsten Teerfarbstoffe und lasierte damit weißestes Zeichenpapier.
Dr. Krais verfügte sowieso über alle vorhandenen
Farbstoffe in seinem Labor. Sie arbeiteten hingegeben, aber es wurde eine
unerwartet lange und harte Arbeit. »Die Vorstellungen, mit welchen wir an
die Arbeit herangehen, sind unwissenschaftlicher Art,«
tröstete der Altere den Jüngeren am 25. 3. 15, und machte und maß geduldig
Versuchsreihe nach Versuchsreihe. Dr. Krais opferte
sogar Nachtstunden in begeistertem Eifer, denn seine Rote-Kreuztätigkeit
nahm wie alle Kriegsanforderungen zu. Er quälte sich mit Grün, mein Vater
mit Ultramarinblau (später kürzte er in Ublau ab) herum, wo Schwarzfreiheit
und Reinheit nicht dasselbe zu sein schienen. Die warmen Farben, Gelb, Kreß
(damals sagten sie noch Orange) und Rot, hatten sie beide weitgehend
schwarzfrei herstellen können. Dr. Krais war in der
Literatur auf die Arbeiten des Wieners Carl Mayer (1912) gestoßen, der mit
drei Farblösungen sämtliche Farben zu ermischen
vorgab. Mein Vater antwortete Dr. Krais am 28. 8.
15: »Daß man mit Hilfe der drei Farben gerade das Problem nicht lösen kann, mit welchem wir
gegenwärtig beschäftigt sind,
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wird Ihnen aus der beiliegenden
Zeichnung alsbald klar werden.«
Die Zeichnung zeigt,
daß die linearen Mischungen von zwei im Farbkreis
weitentfernten Farben wohl alle Zwischenfarben ergeben, aber unter starkem
Reinheitsverlust. Damit war es also nichts.
Es begann das Unvermeidliche,
nämlich, daß mein durch keinerlei andere Arbeit
gehemmter Vater dem Arbeitsgenossen allmählich davon rannte. Dieser folgte
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jedoch mit
jugendlicher Gelenkigkeit und mit lebhafter Kritik und Mitfreude an den in
Großbothen sich überstürzenden Ergebnissen, die ihm brieflich, bald in
druckfertigen Abhandlungen, zugingen. Nicht lange und es folgte Buch auf
Buch. »Schreibt zu viel und schließt zu kühn«! hätte ganz gewiß
miß-
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(Ende Seite 187)
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billigend
der übliche Chorus gesungen, wenn der Krieg nicht auch die
Wissenschaft zunehmend gelähmt hätte.
Ein
farbhistorischer Briefwechsel. Der herzliche und unbefangene
Briefwechsel durch 15 Jahre aufschießende Farblehre zwischen Dr. Krais und meinem Vater begleitet so anschaulich den Gang
jener grundlegenden Farbforschungen, daß er noch
oft zitiert werden wird. Professor Krais - seit
1918 war er Professor und Vorstand an der chemisch-physikalischen Abteilung
des Deutschen Textilforschungsinstitutes in Dresden geworden - übergab Ende
1938, wenige Monate vor seinem Tode, die bei ihm vorhandenen Briefe dem
Archiv zur freien Verfügung. Ich konnte Fehlendes ersetzen, so daß der Briefwechsel nahezu vollständig ist, eine der
vielen Doktorarbeiten, die im Archiv schlummern.
Der
erste gemessene Farbkreis.
Erhöhte Reinheit schien den Unterschied warmer und kalter Farben (Gelb-Rot
und Blau-Grün) besonders deutlich werden zu lassen. Gleichhelle Farben
erwiesen sich psychologisch als nicht gleichwertig. Was lag da vor? Das vermutlich physiologische Problem des
unabtrennbaren Schwarzanteils kalter Farben ist bis heute noch nicht befriedigend
gelöst. Damals protestierte Dr. Krais
temperamentvoll mit seinem geübten FarbgefühI
gegen die zu »blassen« und zu »dünnen« Farben, auf
die sich mein Vater zurückgezogen hatte, um im ganzen Kreis die gleiche
Heiligkeit durchführen zu können. Dr. Krais hoffte
noch immer, die Farbstoffe aufzuspüren, welche sich wertgleich zu reinstem
Zinnober und Ultramarin paarten. Mein Vater neigte eher dazu, einer exakten
Messung und den Tatsachen zu trauen und schrieb am 15.10.15 etwas ungeduldig:
»Die Sache liegt keineswegs so, wie Sie mir
unberechtigterweise zuschreiben, daß ich auf diese
dunklen Farben ganz verzichten will; ich will ihnen
nur die ihnen zukommende Stelle im System anweisen. - In einigen Tagen hoffe
ich mit meinem Farbkreis fertig zu sein. Die Arbeit war viel größer als ich
erwartete. Jetzt endlich glaube ich alles erreicht zu haben und zwar nicht
mit Lasurfarben, sondern mit Füllfarben auf Lithopone.«
Alles
wurde bunt auf der »Energie«. Es war
nicht das erste und nicht das letzte Mal, daß er
ungerührt wochen- und monatelange Arbeit - wenn auch nicht Erfahrungen - in den
Papierkorb warf, um mit besserer Methode neu anzufangen. Die Fällungen von
Teerfarbstoffen auf Lithopone wurden eigenhändig
ausgeführt und überall im Haus trockneten bunte Häufchen auf
Filtrierpapier, denn im Labor war schon kein Platz mehr. Auch der
Farbforscher wurde bunt und bunter, nachdem es vorher vornehm Grau in Grau um
ihn gewesen war, und es war unverkennbar, an welcher Stelle des
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(Ende Seite 188)
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Farbkreises er arbeitete.
Die feinpulverigen Teerfarbstoffe stäubten und färbten tückisch, und obschon
er als kultivierter Chemiker eine äußerst saubere Art zu arbeiten hatte, die
wir Frauen oft bewunderten, prangten die Fingerspitzen
oft in schönsten Ostereierfarben. Mein Vater trug keine Laborkittel, auch
früher nicht, und meine Mutter hatte ganz selten über Säureflecken auf den
Hosen zu klagen. Jetzt konnte aber auch er nicht verhindern, daß die sommerlich helle Weste so mancherlei bunte
Spritzer aufwies und daß,
wenn er den Bauch einzog, um die Weste zu schützen, die tückischen
Farblösungen auf die weißen Leinenschuhe tropften, die er im Haus am
liebsten trug. Da wußte er sich aber zu helfen,
indem er, waren ihm die Schuhe zu bunt geworden, aus dem Regal die Dose mit
Grau e oder g griff, eine Portion Farbpulver mit einem Temperabindemittel
anrührte, den Fuß auf irgendeinen Tritt stellte und mit breiten
Pinselstrichen in wenigen Minuten ein Paar schöne, hellgraue Schuhe an den
Füßen hatte. Das wiederholte sich beliebig, bis die Gummisohlen
durchgelaufen waren. Manchmal gerieten Farbstoffstäubchen auf Haupt- und
Barthaar und kamen erst bei der Morgenwäsche zu prächtiger Entfaltung, wenn
der ganze Kopf wie üblich unter die Dusche gesteckt wurde. Eosin war sein reinstes Rot (bis
er hinter seine optischen Tücken kam) und so habe ich meinen Vater mit
rosaseidenem statt weißseidenem Haar erlebt; auch
mit seegrünem Schein im Bart. Da er nie einen Hut trug, tat die Sonne bald
das Ihre. Frau Nelly war viel zu sehr Gelehrtenfrau, um sich über die bunt
werdenden Handtücher und sonstigen bunten Überraschungen im Haushalt zu
erregen, sie hat sogar manchen aus der Wäsche kommenden Laborlappen
bewundernd herumgezeigt, weil auf ihm die schönste Batikmalerei entstanden
war. Nie war der Inhalt der Papierkörbe begehrenswerter für die inzwischen
auf sechs angewachsene Enkelschar! Hunderte von Fehlfärbungen waren drin. Die
Mütter waren nicht so restlos begeistert.
Der Labortisch sah meist wie zu einem
Volksfest geschmückt aus mit seinen Reihen trocknender Buntfähnchen und mit
seinen vielen Röhrchen und Gläsern mit bunten Flüssigkeiten. Sogar die
Kanten der Regale waren mit Linoleumstreifen benagelt und mit trocknenden
Farbfähnchen bedeckt. Für die Zehntausende von Handfärbungen, die einander
folgten, war natürlich alles technisch wohl organisiert. Die Papiere waren
vorgelocht (Arbeit für die Abendstunden, wenn der Kopf müde war); die
Färbeschälchen hatten eine ausprobierte Gestalt und waren eigenhändig aus
Pappe hergestellt und paraffiniert; die mit
Häkchen versehenen leichten Holzleisten waren auf Stative montiert, sodaß man die mit Fähnchen beschickten beiseite stellen konnte. Handelte es sich wie oft um getränkte Papiere, so
erhielt die unterste Ecke noch ein Stückchen Filtrierpapier, um die
unvermeidlichen Tropfen aufzufangen. Es hielt von selbst. Die Waage stand an
einer Schmalseite des Tisches, meist hing
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(Ende Seite 189)
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die Brille, die er zum
Lesen und Ablesen kleiner Zahlen mit dem Alter brauchte, darüber. Daneben lag
das aufgeschlagene Arbeitsheft mit dem Tintenstift und den lakonischen
Arbeitsprotokollen. Auch diese Hefte waren selbst geschnitten (Weltformat)
und geheftet, trugen eine laufende Nummer und eine Datierung mit
durchgezählten Jahrestagen. Tag 100 war z. B. der 11. April, Frühlingsanfang,
an dem er, manchmal vergeblich, erwartete, daß
Strauch und Baum die ersten Blättchen zeigten; Tag 200, erste Juliwoche, war
Hochsommer und an Tag 300, dem 3. November, hatten die Blätter zu fallen, was
sie auch meistens taten, Winteranfang. Das Archiv besitzt einen großen Stoß
dieser Hefte, die auch die Spuren seiner buntfarbigen Tätigkeit zeigen. Außer
dem großen Labortisch in der Mitte befand sich an einem der zwei Nordfenster ein Mikroskopiertisch, jetzt zum Farbmeßtisch
eingerichtet, und eine Ecke des Raumes war mit Pappwänden zu einer kleinen
Dunkelkammer gemacht worden, aus der ein Pappschlot bis ans Nordfenster
ragte. Mein Vater bastelte sich alle nötigen Apparate selbst zusammen, aus
Holz, Pappe, Draht, Blech, Kork, alten Kameras und neuester, neu gekaufter
Optik. Er vertrat die Erfahrung, daß alle Apparate
ein schnell wechselndes Entwicklungsalter, ein Pappalter hinter sich haben müßten, ehe sie wert wären, in dauerhafterem Stoff festgehalten
zu werden. Das nötige Handwerkszeug befand sich in einer weiteren Ecke des
Raumes. Da stand eine kleine Drehbank, ein kleiner fester Tisch mit
Schraubstock und ein dickes Stück Baumstamm auf vier festen Beinen mit
kranzartig ringsum angebrachten Werkzeugen. Andere Werkzeuge hingen auf einem
Brett an der Wand. Hier hämmerte, sägte, schraubte, feilte, lötete und leimte
der Denker hingegeben, denn die Handarbeit war ihm zeitlebens ein
willkommener Ausgleich zur Kopfarbeit. Das Labor lag zu ebener Erde mit einer
Tür, die direkt auf eine Terrasse und in den Garten führte. -Heute fährt mein
Rollstuhl dort hinaus.- Sommers stand die Tür offen und er konnte
jederzeit hinaustreten, um den heißgedachten Kopf zu lüften und die Glieder
zu rühren. Hund und Katze benutzten mit Vorliebe diesen vornehm stillen Einund Ausgang, zumal der vornehm Stille sie auch
wortlos durchschleuste, wenn sie bei geschlossener Türe sachlich darum baten.
In den ersten Großbothener Jahren mehr nur als Malerwerkstatt dienend, wurde
der Raum jetzt wissenschaftlich voll genutzt. Frau Nelly ging sich manchen Kuß dort holen und stellte leise manche Rose in einen
Erlenmeyer (Laborglas) auf den vollgekramten Labortisch. Die im Haus
gebliebene Tochter saß, wenn die Arbeit im Lazarett es zuließ, auf der
andern Seite des Tisches, färbte, strich, maß und bezeichnete auch geduldig
Farbblättchen nach Farbblättchen, mit interessierten Augen das Werden eines
100teiligen Farbkreises verfolgend.
Über
die Leitsätze von 1914 hinaus! Und damit sind wir wieder beim Dr. Krais, dem mein Vater am 27. 12. 15 geschrieben hatte.
»Kennen Sie
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(Ende Seite 190)
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eine Firma, die gefärbte
Gelatinefolien (zu Farbfiltern geeignet) herstellt? Ich habe inzwischen das Problem der
Farbmessung vollständig gelöst! Sie erhalten bald meinen Aufsatz darüber.«
Dies hatte sich mit einer Nachricht
von Dr. Krais gekreuzt, die von seinem Plan
berichtete, die Leitsätze von 1914 und die ersten Arbeitsergebnisse in der Chemischen
Gesellschaft, Tübingen, im Januar 1916 vorzutragen. Mein Vater ließ am 28.
darum eine Postkarte folgen: »Ich bin allerdings
über die Leitsätze inzwischen hinausgekommen. Helligkeit ist keine unabhängige VariabIe,
an ihre Stelle muß das »Grau«
kommen, nämlich das Grau, das mit der reinen Farbe im Verhältnis der Reinheit
vermischt die fragliche Farbe ergibt.« Am 30. schickt er dann die Abhandlung Das absoIute System der
Farben122) in
Korrekturfahnen. Die Quintessenz jener Abhandlung hatte die Postkarte
unübertrefflich zum Ausdruck gebracht.
BAHNBRECHERARBEIT
22. KAPITEL
Los
von den klassischen Variablen. Es lagen heiße Arbeitsmonate
hinter meinem Vater. Tief hatte er sich in die Farben verbissen mit dem festen
Vorsatz, ihre quantitative Beherrschung zu erzwingen. Erst dann wurden sie
zu dem unvergänglichen weil übertragbaren Kulturmittel,
das sie noch nicht waren. Leicht war es nicht gewesen, am schwersten vor der
eigenen Verantwortung, sich von den klassischen Variablen: Farbton,
Helligkeit, Sättigung (Reinheit) Ioszusagen, über
das beste Wissen eines Helmholtz, des hochverehrten, hinaus. Das wollte
tausendmal überlegt und begründet werden!
Und es war doch der Weg weiter!
In den Lebenslinien (3, 372) schildert
mein Vater selbst die Vorgänge von damals. »Die
entscheidende Rolle, welche von dem Schwarz gespielt wird, war der Leitfaden,
an welchem ich mich aus dem Helmholtz'schen
Irrgarten herausfand. Wenn durch die An- oder Abwesenheit von Schwarz zwei
durch eine Dimension verschiedene Gruppen von Farben entstehen, von denen
jede in sich geschlossen ist, so muß sicherlich
Schwarz ein wahres Element der drei-
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Zum 23.
Kapitel
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(Ende Seite 191)
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nach oben
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faltigen Gruppe sein.
War das so, so war ebenso sicher Weiß ein zweites Element. Und über das dritte war dann kein Zweifel: es
war die reine oder gesättigte Farbe, die ich Vollfarbe nannte. - Sind
Vollfarbe, Weiß und Schwarz die Elemente, so liegt folgende Ordnung vor:
Die unbunten
Farben bestehen aus den Elementen Weiß und Schwarz, die unbezogenen (Spektralfarben) aus
Vollfarbe und Weiß und die bezogenen (Körperfarben)
aus Vollfarbe, Weiß und Schwarz.«
EwaId Hering , der Leipziger
Physiologe, hatte schon lang vorher die gleichen Elemente gefunden; er hielt jedoch ihre quantitative Messung für vollkommen
ausgeschlossen. Auch jetzt ließ er sich von Wilhelm Ostwald nicht
überzeugen, obschon er noch ein paar Jahre lebte und mein Vater dem von ihm
Verehrten alles vorlegte. Er kannte noch nicht den Begriff bezogener Farben und auch
nicht den der AIbedo (vollkommene Weiße).
Wilhelm Ostwald war
auf ordnungswissenschaftlichen Wegen und unter Aufsuchung der
»ausgezeichneten Fälle« zum Ziele gelangt. Daß
er überall natürliche Maßeinheiten
vorfand: vollkommenes Bezugsweiß, vollkommenes Schwarz (Kirchhoffscher
Körper) und den geschlossenen Farbtonkreis mit seinen Farbhalben,
war ein besonderer Glücksfall. So konnte er mit Sperr- und Paßfiltern die Weiß- und Schwarzanteile auch der
bezogenen Buntfarben messen, indem er ihnen das Bunt
vorübergehend nahm. Und den Farbton bestimmte er, indem in seinem Pomi
(Polarisationsfarbenmischer) der Gegenfarbton gefunden wurde (im 100teiligen
Meßkreis), der sich mit dem zu
bestimmenden zu Grau neutralisierte. Wie gut entsinne ich mich an den
lebhaften Gesichtsausdruck meines Vaters in jener Zeit, an plötzliches gedankliches Stutzen und darauffolgendes tiefversunkenes
Niedersitzen, an stürmische Wanderungen durch den Garten und an Erweiterung
dieser Wanderungen auf die kriegsleere Landstraße, auf der man noch
ungehemmter stürmen konnte, und an sein leidenschaftliches Arbeiten im
Labor.
Zwischenspiel. Einmal,
Ende Oktober, riß er sich Ios,
um als eine Art politischer Kriegsfreiwilliger nach Schweden zu fahren. Dort
sah er Freund Arrhenius zum letzten Male für Jahre
und dieser schrieb ihm dann später jene schon erwähnten Sätze über die
zweiäugigen Diplomaten, vor denen man sich in Acht nehmen müsse. Doch es
waren gar nicht die Diplomaten, die ihm Übles taten, sondern es waren die
guten alten Leipziger Professorenfeinde, die Rektor
und Senat der Universität zu einer offiziellen, gehässigen Mißbilligung in den Tageszeitungen willig gemacht
hatten. Es war ausgerechnet wenige Tage vor Weihnachten, was in meiner Mutter
helle Empörung auflodern ließ. Mein Vater, in voller schöpferischer Fahrt,
hörte nur widerwillig hin und schüttelte die Störung so schnell wie möglich
ab, weil sie gar so widerwärtig
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(Ende Seite 192)
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war. Alle die ihn
wirklich kannten, zuckten die Schultern ob des Unsinns. Kriegspsychose? Auch
meine Lazaretter könnten keinen Zusammenhang erraten
zwischen den Anschuldigungen in den Zeitungen und all den offenbaren
Freundlichkeiten im besten vaterländischen Sinne, die von diesem Manne ausgingen,
und zwar ganz still und ohne Brimborium. Die Großbothener dachten an das so
wohlgeglückte Kinderfest auf den Energie-Wiesen am 2. September, zuckten
auch die Schultern und gingen an die letzten Weihnachtsvorbereitungen. So
wurde es ein unrühmlicher Schlag ins Wasser.
Die
soziale Pflicht der Mitteilung. Im Januar 1916 hatte Dr.Krais seinen Farbvortrag vor der Tübinger Chemischen Gesellschaft gehalten und schrieb darüber: »Es
ist bemerkenswert, daß alle Leute dem Farbenproblem
das größte Interesse, gepaart mit größtem Unverständnis entgegenbringen.
Nach meinem Vortrag hat sich eine lebhafte Diskussion entsponnen, die so
unvernünftig wie möglich war.« So unvernünftig wie
möglich war auch die »Absolute Goetheduselei«
(P. Krais), die von
München aus, den wehrlosen Goethe als Schutzschild benutzend, die neu
aufgelebte Farbforschung anfauchte und die Wissenschaft aus den heiligen
Gefilden der Farbe mit starken Worten zu verweisen suchte. Die
»Technischen Mitteilungen für Malerei« hatten dem unseligen Paar Horn-Kammerer ihre Seiten geöffnet; unselig
nicht nur, weil sie vielen Künstlern die gesunde Entwicklung störten, sondern
weil sie in den Revolutionswirren 1918 einen unglückseligen Tod fanden. -
Mein Vater überließ damals die Fehde dem näherwohnenden Dr. Krais und den Münchener Physikern, die den fortgesetzten
sinnlosen Schmähungen Newtons kurz und deutlich entgegentraten. Dieser Streit
war aber wohl die Auslösung zu der späteren ruhig überlegenen, verständnisvollen
Doppelpsychographie Goethe, Schopenhauer
und die Farblehre123), die er im
September 1917 zum Druck gab. Damals drängte anderes. »Eben bin ich im Begriff,
die ganze Angelegenheit (die Farbforschungen) ausführlich in den Abhandlungen der Sächsischen Gesellschaft der
Wissenschaften124) zu
veröffentlichen; es wird als Zusammenfassung mehrjähriger
Arbeit beinahe ein Buch werden«, schreibt er Anfang Mai an Dr. Krais. 210 Seiten waren allerdings ein Buch, ein Buch
voller Samenkörner und Forschungsknospen, durchsetzt mit bienenfleißigen
Versuchsreihen und neu erdachten Apparaten zur Farbmessung. Auf dem »grauen Weg« der unbunten
Farben geht es zu den bunten Farben
und zur Aufteilung in unbezogene
(Spektralfarben) und bezogene
(Körperfarben). Mit der Durchführung von Gegenfarbigkeit und
»innerer Symmetrie« kommt Gesetzlichkeit in den Farbkreis, die
Buntordnung aller Farben, und die Entdeckung des FarbhaIbs ermöglicht den Begriff VolIfarbe und
die Farb-
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(Ende Seite 193)
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gIeichung v+w+s = 1. (Vollfarbe, Weiß, Schwarz). Die Körperfarben mit ihren drei Elementen erfordern
einen Ordnungsraum, einen
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Doppelkegel, den Farbkörper, welcher alle denkbaren
Farben umfaßt. Eine unbunte Achse verbindet die Pole
Weiß und Schwarz und an Äquatorstelle liegt der reinste Farbkreis, die
hellklare obere Kegelfläche von der dunkelklaren unteren trennend. Den
Innenraum füllen die trüben Farben. Man kann sich diesen Farbraum in lauter
Farbkreise aufgelöst denken, die in
Grauachsennahe am trüb
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sten sind, man
kann sich aber auch soviel Dreiecke vorstellen, als Farben im Außenkreis sind, und
deren andere Ecken sich mit dem Weiß- und dem Schwarzpol
decken würden. Jedes dieser Dreiecke würde das gleiche Bunt
enthalten, aber mit den verschiedensten Unbuntanteilen. Und das Schöne und
Neue: man kann sich diese Farben nicht nur vorstellen, man kann sie jetzt
messen und an ihrem Platz einordnen! Aus dem stetigen Farbkontinuum läßt sich nun eine gemessene, wiederholbare Farbordnung
entwickeln, ein Farbglobus zum Zurechtfinden. Unser Farbwissen tritt damit
aus dem bisherigen qualitativen und primitiven
Stadium endlich auch in das quantitative und wissenschaftliche Stadium. Zur
Farbanalyse kommt noch die Farbsynthese125). Künftig wird die Farbe
an allen Möglichkeiten des Verkehrs und der
Mitteilung bis in die fernste Zukunft teilnehmen können.
Mein Vater äußerte sich in seiner
Abhandlung übrigens viel bescheidener, als ich es eben tat, und er
entschuldigt sich sogar, weil die Fülle des Neuen noch keine Zeit für eine
zweite erwünschte Genauigkeitsschicht gelassen habe. Die
Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Berlin, die er um Überprüfung und
Ausfeilung seines Farbkreises mit ihren vollkommeneren Mitteln gebeten hatte,
lehnte durch ihren Präsidenten E. Warburg
ab; sie sei von Kriegsaufgaben überlastet.
Das Buch brachte zu viel Neues auf einmal, und wer las
mitten im Krieg die Sächsischen Akademieschriften. Die Farbwelt schwieg bis
auf ganz vereinzelte Stimmen, und die lehnten ab.
Der gute Dr. Krais sah zunehmend seine Aufgabe in
der mündlichen wie schriftlichen Verbreitung der
Forschungsergebnisse, denen er begeistert folgte.
Bamberg. Im Juni
1916 war eine Werkbundtagung im schönen Bamberg, wo auch Dr. Krais anwesend war. Ich war mit drei Tagen Urlaub
gleichfalls dort und habe noch eine lebhafte Erinnerung, sowohl an die
ungewöhnlich
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(Ende Seite 194)
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schöne Stadt wie
an eine gewisse Hast und Unfreiheit der Teilnehmer, typisch für die Kriegstagung.
Meines Vaters Vortrag: Die wissenschaftIichen Grundlagen des rationellen Farbatlas126) ging sichtlich an vielen Ohren vorbei, so
anschaulich und klar er sprach. Die Kriegsprobleme lagen
näher als der nun mögliche Farbatlas. Er hatte nicht unterlassen zu
versichern, daß solch ein Farbatlas keine
Vorschriften machen, wohl aber neue Möglichkeiten
und Sicherheiten aufzeigen würde. Zum Schluß
bemerkte er, daß der Energieüberschuß
des deutschen Volkes noch so groß sei, daß diese
Kulturarbeit von übernationaler Beschaffenheit geleistet werden konnte, während
fast die ganze Welt uns angriff.
Katholisches. Unter denen, die
begriffen hatten, und sich nachher um meinen Vater scharten, der
Farbmessungen an seinem »Pomi«
zeigte und Fragen beantwortete, befand sich auch ein hoher katholischer
Würdenträger mit einem gelbroten Käppchen auf dem feinzügigen weißen Haupt
und mit einer blauroten Gürtelschärpe um die tiefschwarze Soutane, ein
entschieden dekorativer Anblick. Er ließ Käppchen wie Schärpe messen.
Ich weiß nicht, ob
von diesem Farbenmeßgespräch ein Faden läuft zum
Kloster Beuron und seinem Pater Schaller, der zu den
ersten gehörte, die aus der neuen Farblehre Nutzen für die kirchliche Kunst
und für den Farbunterricht in der Schule zogen.
Es war nicht der
einzige Pater, zu dem mein Vater wissenschaftlich in Beziehung trat. Wenige
Jahre früher wurde er über die Energetik mit dem Benediktinerpater Staudenmeyer bekannt. Dieser besaß offenbar die Fähigkeit,
seine Körperenergien durch seine Haut hindurch zu schicken. Mein Vater hatte
geäußert, daß dies theoretisch ganz möglich sei.
Die praktische Vorführung während seines Besuches hatte der Pater als zu
entkräftend abgelehnt. In der Folge wurde mein Vater mit spiritistischer
Literatur aller Wertgrade überschwemmt; man hoffte ihn ganz zu gewinnen. Es
war ebenso vergeblich wie seinerzeit nach dem Lübecker Vortrag über die
Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus.
Die
FarbfibeI. Die Erfahrungen
in Bamberg und mit den Münchner Künstlern bestätigen die Klagen von Dr. Krais über Unkenntnis und Unverständnis in Farbdingen bis
in die wissenschaftlichen Kreise hinauf. Also fühlte sich der alte Lehrer
gerufen zu einer »Schule der Farben«, ja, er machte
noch weniger Voraussetzungen als bei der »Schule der Chemie« und nannte dies
erste Einführungsbuch Die FarbfibeI. Wie eine richtige Fibel bekam sie auch
eine Menge bunte Bilder zum Anschauen, nämlich über 200 handgefärbte Farbmuster,
darunter eine Graureihe, ein 20teiliger Farbkreis und ein erstes farbton-
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(Ende Seite 195)
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gleiches Dreieck. Die
Farbmuster waren nach einem dem Chemiker besonders liegenden Tränkverfahren
hergestellt. Aus etwa sieben Stammlösungen wurden die erwünschten Farben
nach vorher berechneter Vorschrift zusammengegossen, ordentlich nach Maß
und Zahl, mit Pipette, Röhrchen und Fläschchen und mit der verblüffenden Sicherheit,
die gut vorgedachte Wissenschaft gibt. Die Brille auf der Nasenspitze, um
die feinen Teilstriche auf Pipette und Meßzylinder
besser sehen zu können, goß er mit geübter Hand
wie ein Zauberer Tropfen zu Tropfen, unermüdlich
vom Tisch zum Ausguß wandernd, wo das zierliche
Glasgerät ausgespült wurde. Das weiße, mit seinem zukünftigen Farbzeichen beschriftete Saugpapier (etwa 25 x 50 cm) wurde mit der paraffinierten Klammer gefaßt,
schwimmend über die Farblösung gezogen und dann mit der Klammer an einem
durchs Labor gespannten Draht aufgehängt. Die tiefste Ecke mit dem sich
bildenden Tropfen bekam ein sicherndes Papierstückchen. Ganz ohne Unfälle
ging es natürlich nicht; noch heute hat der grüne Linoleumfußboden viele
bunte Tupfen. Der täglich wechselnde Anblick der schön abgestuften Farbfahnen
war allen Vorbeigehenden eine nie versiegende Freude. Die getrockneten
Fahnen wurden gepreßt, nachdem ihnen eine Ecke zur Meßkontrolle abgeschnitten war. Fehlfarben kamen
unbarmherzig in den sehr großen Papierkorb.
Die FarbfibeI erwies sich als ein
Meisterwurf. Dr. Krais hatte als Erster das
Manuskript mit eigenhändig eingeklebten Farbmustern bekommen und am 26. 9.
1916 geschrieben: »Prachtvoll, klar und leicht verständlich!«
Er bestellte gleich zehn Stück im voraus, denn er
gedachte lauter Weihnachtsgeschenke damit zu machen. Das taten offenbar
viele, denn die erste Auflage von 1200 Stück war sofort vergriffen, schon
im Februar 1917 folgte eine 2.-3. Auflage. Auch
buchtechnisch war die Fibel ein anerkanntes Meisterstück des Verlags Unesma. Es brachte elementare Freude nicht nur den
Besitzern, sondern vor allem auch allen an der Herstellung Beteiligten in jenem sonst so tieftraurigen Kriegswinter
1916/17, dem Kohlrübenwinter ohne Kohlen, Fett und Fleisch.
Es seien kurz die weiteren Schicksale der Farbfibel
vorausgenommen. Die 2. bis 3. Auflage 1917 enthält bereits die
endgültigen Farbelemente Farbton, Weiß und Schwarz, aber noch heißt das
letzte kurze Kapitel: Zusammengehörige Farben, nicht Harmonie der Farben.
Die 4.-5. Auflage 1920 ist dann mit der 1918
erfolgten Durchführung der Farbnormung
eine wesentliche Neubearbeitung und hat ein reiches Schlußkapitel:
Die Harmonie der Farben. Statt des 20teiligen erscheint der 24teilige Farbkreis, der
(farbharmonisch wichtig) durch 2, 3, 4, 6, 8 und 12 teilbar ist. Und die
Graustufen werden von nun an Graunormen
mit den Farbzeichen a-p. Die acht
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(Ende Seite 196)
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Hauptfarben: Gelb,
Kreß, Rot, Veil, Ublau, Eisblau, Seegrün und Laubgrün blieben
unverändert. Die Harmonie der Farben dagegen bekam erst Grund und Boden. Denn
war Harmonie = Ordnung, so mußte man »um alle möglichen
Harmonien zu finden, die möglichen Ordnungen im Farbkörper aufsuchen. Je
einfacher die Ordnung ist, umso verständlicher ist die Harmonie.« (Farbfibel,
4.-5. Aufl.) Von der 12.
Auflage 1924 an wird der 24teilige Farbkreis nicht mehr einfach dem
100teiligen entnommen, sondern für sich durchgezählt. Notwendige Unterteilungen,
z. B. für Meßzwecke, sind seitdem durch Dezimalstellen
zwischengeschaltet worden. Dem Gelb 1 (00) liegt nicht mehr das Ublau 50,
sondern das Ublau 13 gegenüber, und rechtwinklig dazu sind nicht Rot 25 und
Seegrün 75 Gegenfarben, sondern Rot 7 und Seegrün 19. Auch wird von nun an
vom ersten, zweiten, dritten Gelb, Kreß, Rot usw. gesprochen, was vielen sympathischer
ist als die Zahlen.
Die 15. unveränderte
Auflage erschien 1930, zwei Jahre vor meines Vaters Tod. Später ist bisher
nur eine 1944 datierte Ausgabe erschienen, in welcher die durchgefärbten Farbmuster
durch gestrichene ersetzt wurden.
Die aufregenden farbtongleichen
Dreiecke.
Die Möglichkeit, alle Farben (innerhalb der Materialgrenzen) des
theoretischen Farbkörpers nun auch verwirklichen zu können, elektrisierte
einen Wilhelm Ostwald und er machte sich mit der schon beschriebenen Methode
im tiefsten neugierig an die Erforschung des Inneren der farbtongleichen Dreiecke.
Dr. Krais nannte dies: »Das Farbgewühl der Lebensmöglichkeiten eines Farbtons«. Niemand hatte so
etwas bisher gemacht oder gesehen. Die Farbmessung ermöglichte ja nicht nur
eine Analyse, sondern auch eine Synthese der Farben127). Systematisch wie immer
begann mein Vater mit dem hellsten Farbton im Dreieck, mit 00 (1). Die Weiß-Schwarz Reihe war wohl bekannt, die Reihe
Weiß-Vollfarbe war schon von den Pastellstiften her vertraut, blieb noch die
Seite Vollfarbe-Schwarz. Sie brachte die erste Überraschung. Die gleichfalls
geometrische Abstufung (wobei sich die Vollfarbe wie Weiß verhielt) erzeugte
Farben, die man nicht gewohnt war, Gelb zu nennen. Man kannte sie als Olivgrün
und hätte sie nie als Gelb-Abkömmlinge angesehen. Aber die Gegenfarbenprobe im »Pomi« mußte
jeden Zweifel unterdrücken; zum Neutralisieren
brauchte man Blau und nicht Veil. Die nächste Überraschung zeigte sich bei
dem Versuch, die helle Ecke des Dreiecks auszufüllen. Hier verschob sich der
Farbton deutlich nach Rot und mußte mit einem
grüneren Gelb abgestimmt werden, damit das Muster farbtongleich blieb. In dem
Maß wie sich das Dreieck füllte, wurde die Sache immer aufregender.
Verfehlte Farben wurden meist nicht sofort als solche erkannt, aber sobald
die Reihe fortgesetzt wurde, fielen
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(Ende Seite 197)
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sie deutlich heraus.
Hinterher war das Gefühl ganz sicher, vorher höchst unsicher. Ich weiß noch,
mit welcher frohen Erwartung ich vom Lazarett heimkam, um immer wieder zu
erleben, wie die neu gefärbten Proben sich anpaßten
und vor allem, wie sie an sich aussahen. Mein Vater strahlte jedesmal und es dauerte nicht lange, so war das erste farbtongleiche Dreieck nach Maß und ZahI auf der Welt. Es
brachte noch eine, die allergrößte Überraschung: es war unmittelbar,
elementar schön! Trotz seiner
Anfangsmängel lag es wie eine Offenbarung vor einem, voll innerer
Gesetzlichkeit, wie ein Schmetterlingsflügel, wie eine wohlgebildete Blüte.
»Das aufschwellende Gefühl der Verhältnisse, Maße und des Gehörigen«
(Goethe) beim Anblick beglückte jedes Mal von neuem. - Dreieck auf Dreieck
wurde so bearbeitet und das Neue und Unerwartete nahm kein Ende. Im kressen Dreieck fanden sich die geheimnisvollen Hauttöne und, oh Wunder, die biedere Farbe Braun
entpuppte sich als ein schwarzreiches Kreß und war demnach keine Urfarbe, wie
man harmlos angenommen hatte. Kreß war eine der Wortbildungen Wilhelm
Ostwalds, die er den Deutschen stillschweigend anbot. Das bisherige Wort
Orange für die unverwechselbare Farbe war ihm ein Greuel
im deutschen Munde. Der »Gebildete« sprach es
französisch mit fremdsprachigem Nasallaut aus; das
Ladenfräulein sagte mit vollem Recht »Orangsch«,
was sich nicht als Schriftwort eignete; Apfelsin
war dreisilbig, während die vier warmen Farben sonst einsilbig waren: Gelb, ... Rot, Veil. Also suchte er ein in
Deutschland wachsendes Vorbild und fand die Kapuzinerkresse, die wohl jeder kennt und die einsilbige Abkürzung Kreß.
Im roten Dreieck
waren vor allem die graunahen Farben überraschend. Im veilen (ein
altdeutsches Wort) Dreieck war das meiste neu, und im ultramarinblauen
(abgekürzt ublauen) stutzte man bei der sonst so
geläufigen hellklaren Reihe, den Abmischungen von Vollfarbe mit Weiß. Diese
waren für das Gefühl entschieden zu rötlich, d. h. die Gewohnheit wußte, daß verdünnte blaue
Farbstoffe grünlicher aussehen. Wer hatte denn meßrichtige
Buntgleichheit schon gesehen? Dr. Kreis machte sich interessiert mit Hilfe eines »Pomi« an die Messung der Baumann-Praseschen Farbkarten und kam zu dem Schluß, daß es bisher auch
einem sehr erfahrenen FarbgefühI nicht möglich war, »einen Farbton durch seine gebrochenen
Abkömmlinge konstant zu erhalten«. Baumann-Prase
nahmen dies übel, empfanden die Überlegenheit der Wissenschaft als
böswillige Konkurrenz und verhielten sich leider bis heute dementsprechend.
Mein Vater war unterdes bei den
eisblauen und seegrünen Dreiecken angelangt. Da gab es lauter neue Anblicke,
aber ihre so wohlvertrauten Gegenfarben Kreß und Rot sicherten ihre
Existenzberechtigung. Schließlich schloß das
laubgrüne Dreieck den Kreis. Es enthielt kaum unerwartete Farben, aber
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(Ende Seite 198)
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es machte
farbstofflich die größten Schwierigkeiten, da es nur wenige reine laubgrüne
Farbstoffe gab und gibt.
Die fertig
daliegenden acht ersten farbtongleichen Dreiecke
wirkten magnetisch auf den Beschauer; man konnte
sich nicht Iosreißen. Das war unzweifelhaft
Schönheit! Sie war ganz ungewollt erzeugt worden und zwar durch vorher noch
unbekannte Ordnung. Die Denkmühle
setzte ein und im Unterbewußtsein wuchs es und
wuchs es.
Die
Bergung der Ergebnisse über Raum und Zeit. Den Laien hatte die Farbfibel in unübertrefflicher Kürze eine ganz
neue Anschauung von dem rätselhaften Begriff Farbe gebracht, was sicher dazu
beigetragen hat, diese Kreise auf das Deutlichste zu erwärmen.
Den Physikern
trug mein Vater seine bisherigen Ergebnisse in ihrer eigenen Zeitschrift128) vor, ohne hier vorläufig auf Verständnis oder gar
Mitarbeit zu stoßen. Aufhalten ließ er sich nicht; es wuchs ja längst alles
aus eigener Kraft. Die Horizonte, welche sich auftaten, waren von berückender
Weite und Schönheit.
Das große Lehrbuch
für den breit gedachten Benutzerkreis von Forschern, Technikern,
Handwerkern, Lehrern und (vereinzelt) Künstlern ordnete sich ganz natürlich
zu einem fünfbändigen Werk Die FarbenIehre. Nach der
Wissenschaftspyramide hatte das erste Buch die mathetische Farblehre zu
bringen, bevor die physikalische, chemische und physiologische folgten, alle die
Voraussetzung für die psychoIogische Farblehre.
Im Oktober
1917 kam die mathetische FarbIehre129) in die Druckerpresse,
ein Jahr darauf die physikaIische130):
alles mit kriegs- und nachkriegsbedingten
Verzögerungen. Die chemische
FarbIehre131) wurde erst 1938 von Freund E. Ristenpart herausgegeben, und das für die psychologische daliegende konnte bis heute
noch nicht veröffentlicht werden.
Der
erste Farbenatlas. Neben der Arbeit am Schreibtisch war immer das Färben und
Messen im Labor gelaufen, denn an dem Ziel eines Farbatlas hielt mein Vater
mit Zähigkeit fest. Mitarbeiter gab es nicht in diesen schwersten
Kriegsjahren, also wie immer: selber machen! Bei der Arbeit fehlte es nicht an »Teufelsschwänzen«, wie er zu sagen liebte, d. h. es
gab unerwartete Schwierigkeiten genug. Er schildert sie später132). Aber
auch hier erfrischte, ja begeisterte die Schönheit des Entstehenden die
daran Arbeitenden immer von neuem. Die Sekretärin war längst Laborantin
geworden, ihr Büro Färbezimmer mit langen Reihen trocknender Buntpapiere für
den Atlas. Meine
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(Ende Seite 199)
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Mutter stellte auch noch ihr letztes
Wirtschaftszimmer des Stockwerks zur Verfügung, das mit Farbstoffkanistern
und Papierregalen angefüllt wurde. Sogar in den Korridoren war die bunte
Wäsche eingezogen. In diesem Hause ging die wissenschaftliche Arbeit allem
anderen vor.
Mit der
Fertigstellung des Farbenatlas hatten Autor und Verlag eine unvorstellbar
große Arbeitsleistung hinter sich gebracht. 2500 Farben hatte mein Vater
mehrfach durch Kopf und Hände gehen lassen, für jede die Farblösung errechnet
und eingestellt und die Ausfärbung durchgemessen, nach Farbton, nach Weiß und
Schwarz. Und immer wieder hatte er verbessert. Der Verlag - Herr Dr. Fr. Manitz und Frau und Herr Dachsel
in Leipzig - hatten 200mal 2500 Farbkärtchen geschnitten,
beklebt, bezeichnet und auf über 100 Tafeln je Atlas richtig eingeordnet.
Dies war nur durch die eindeutige Systematik möglich, welche
jeder Farbe ihren unverwechselbaren Ort gab. Der Atlas war nach
Kreisen gleichen Weiß- und Schwarzanteils geordnet, von denen manche 100-,
manche 24teilig waren. Auch war jedem Kreis die entsprechende Graukarte
beigefügt.
Der Text zum Atlas
enthielt u. a. ein vollständiges Dreieckschema für
alle 105 Abkömmlinge eines Farbtons. Es hätte, ausgeführt, einen Farbkörper
von 10500 Farben gegeben! Das war unausführbar und vorläufig auch unnötig, da
noch die einfachsten Ordnungen neu waren.
Die Freude über das
glücklich beendete Werk wurde stark beeinträchtigt durch die Not der Zeit.
Der verlorene Krieg drückte furchtbar, Arbeit blieb der einzige Trost.
Herz und Hirn haben keine Gelenke.
Und wo war die Tochter Grete? Die hätte jetzt doch helfen können, denn das
Lazarett hatte ja nun aufgehört. Sie hatte sich im Lazarett eine schwere,
allgemeine Gelenkentzündung geholt und lag fast bewegungslos im Bett. Erst
nach zehn Jahren kam sie da heraus, um im Rollstuhl weiterzuleben. Es war
hart für Vater und Tochter, am härtesten, als er 1932 zum letzten Mal meine
Hand, die nicht selber fassen konnte, faßte und wir
beide wußten, daß wir uns
nicht wiedersehen würden.
Im Gehirn hat man
keine Gelenke, das war mein Glück, und das Herz hat auch keine. So konnte ich
die Weiterentwicklung der Farblehre wenigstens geistig miterleben. Mein Vater
hatte die liebe Gewohnheit angenommen, oft am Bett, später am Rollstuhl zu
sitzen, von seiner Arbeit zu bringen oder zu erzählen, laut zu denken oder
auch ausruhend zu schweigen. Meine Mutter tat das Gleiche auf ihre Art und
so blieb ich trotzdem ein Ort des Lebens und des Ausgleichs.
Als mein Vater seine
»Lebenslinien« beendet hatte, 1927, fing ich heimlich an
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(Ende Seite 200)
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aufzuschreiben, was er bei mir
laut dachte und erzählte. Ich hatte inzwischen gelernt, trotz steifen Arms,
aus der Schulter heraus zu schreiben. Es kam mir zu unbescheiden vor, all
dies für mich allein zu hören und zu behalten. Diese Aufzeichnungen, die ich
nach einer Wendung in den LebensIinien »Gartenfrieden«
taufte, sind mir bei diesem Buche sehr nützlich gewesen.
Fruchtbare
Einsamkeit. »Jeder
selbständige Fortschritt isoliert zunächst mit Notwendigkeit denjenigen, der
ihn getan hat, seinen Zeitgenossen gegenüber«, hatte mein Vater im
September 1917 geschrieben133). Dies traf buchstäblich
ein. Auch Dr. Krais fiel seit 1918 als unmittelbarer
Mitarbeiter aus, da ihn sein Dresdener Textilforschungsinstitut ganz
verbrauchte. Mittelbar blieb er ein aufrichtig Getreuer,
auch in heiklen Lagen, für die Sache wie für meinen Vater. Sonst meldeten
sich aus der Wissenschaft vorwiegend Kritiker. Was
tat's! In meinem Vater hatte die Harmonie der Farben unbewußt
heftig gearbeitet und drängte ins Bewußtsein. Sie
war doch noch da, die alte Gestaltungskraft; er hatte noch die Fähigkeit, »in kurzer Zeit ein ganzes Gebiet messend zu
durchforschen und mit einfachen Mitteln ein immenses Beobachtungsmaterial zu
bewältigen«134), wie Freund van't Hoff dazumal so schön gesagt hatte. Das war Glückes
genug.
DIE HARMONIE DER FARBEN
23. KAPITEL
Die
künftige Forschung hat hier noch alles zu leisten. Schon 1914
hatte mein Vater an Dr. Krais geschrieben: »Es wird
eine interessante Frage sein, nachdem der Atlas fertig gestellt sein wird,
die tatsächlichen Gesetze vorhandener Farbharmonien an diesem Material zu
studieren.« Der 1916 geschriebene Schlußsatz der Farbfibel, erste Auflage, lautet: »Vielleicht darf man ganz allgemein annehmen, daß jede einfache Gesetzmäßigkeit, nach welcher man aus
den Farbtönen des Farbkreises oder den Farben des Farbkörpers eine beschränkte
Gruppe auswählt, eine Farbharmonie eigener Art ergibt. Die künftige Forschung hat hier noch alles zu
leisten.« Zeitlich folgt hier die
Ausarbeitung des Farbatlas mit seinem riesigen,
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Zum 24. Kapitel
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(Ende Seite 201)
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geordneten Anschauungsmaterial,
und die erste Ausarbeitung quantitativer, buntgleicher Farbdreiecke mit
ihrem einmaligen Augenerlebnis. In einer Anzeige zum Farbatlas heißt es, daß die Farblehre neben der anaIytischen auch eine synthetische Aufgabe habe. Den Künstler
und Techniker interessiere es weniger, in welche Bestandteile sich eine
vorgelegte Farbe zerlegen läßt; was er braucht, ist
eine systematische Sammlung aller überhaupt möglichen
Farben, um sie frei seinen Zwecken gemäß zu kombinieren und auf ihre gemeinsame
Wirkung zu prüfen.
Jetzt waren solche
Sammlungen vorhanden. Sie waren unter seinen Augen und Händen entstanden,
Farbe auf Farbe, wie das Gesetz es befahl, das nach harter Denkarbeit
gefundene. Und nun war Schönheit darin, wohin er auch blickte.
Ist
Ordnung = Schönheit? Was hatte er denn getan? Er hatte eine Ordnung
hergestellt, sorgsamste Ordnung, vor allem mit Hilfe des Weber-Fechnerschen
Gesetzes und der Prinzipien der Gegenfarbigkeit und der inneren Symmetrie.
Eine gesetzlich gestufte Graureihe war an und für sich schön! Ebenso die
Geschlossenheit wertgleicher Farben. Die
überraschendsten Schönheiten barg jedoch das farbtongleiche Dreieck mit
seinen Scharen geordneter Reihen. Was gab all diesen Farbreihen das überzeugend Harmonische? Womit gehörten sie zusammen?
Fraglos nicht nur mit dem gleichen Farbton, sondern zugleich mit den Weiß-
und Schwarzverhältnissen. Also Gesetzlichkeit =
Schönheit! Kann man auch umkehren: Schönheit = Gesetzlichkeit? Die Denkmühle
arbeitete wieder Tag und Nacht. Es hörte sich so unmöglich, ja verrückt an,
es war so gänzlich unerwartet. Glaubte man nicht wie jedermann, daß Schönheit, Kunst und Freiheit untrennbar waren?
Andererseits, Willkür war ohne Zweifel unschön oder gleichgültig. Auf welche
Erkenntnisader war er hier gestoßen?
Das
Buch und die Hauptschnitte. Was tut man, wenn man selbst über etwas klar werden will?
Man versucht, es andern klar zu machen, also man schreibt ein Buch135) darüber. Der eigene
Verlag Unesma ermöglichte sogar den Druck, der sonst
bei dem Tiefstand der Wirtschaft kaum zustande gekommen wäre.
Es war meinem Vater deutlich
anzumerken, wie tief er von den neuen Gedankenwegen ergriffen war. Die Augen
zeigten jenen typischen leuchtenden Fernblick, der weder durch Dinge noch
durch Menschen abgelenkt wurde. Automatisch, herzenshöflich grüßte er
Entgegenkommende, wenn er auf der Landstraße in den Sonnenuntergang
stürmte, aber sein Blick ging durch sie hindurch in solchen Stunden. Im
Labor arbeitete er mit Feuereifer an der Herstellung aller 24 farbtongleichen
Dreiecke. Der Schnitt durch den Farbdoppelkegel
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ergab eine Raute, bestehend aus zwei gegenfarbigen
Dreiecken, die ihrerseits wieder in je 28 kleine Rauten aufgeteilt wurden.
Die Verbindung wurde von der
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Graureihe gebildet.
Es war schon ein zauberischer Anblick! Strahlend brachte er mir eines nach
dem anderen aufs Bett und schließlich baute er sie alle zwölf vor mir auf.
Meine Mutter fand ihn immer wieder in ihren Anblick versunken, das
Unterschiedene, hier war es ver
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bunden. Was hätte ein Goethe dazu gesagt? Das waren die Anschauungsmittel
für den künftigen Künstler wie Techniker, das war wissenschaftlich erarbeitete
Schönheit, das war Glück an sich!
»Ich weiß
nicht, ob ich Ihnen schon geschrieben habe, daß ich
die wissenschaftlichen Gesetze der Farbharmonie entdeckt zu haben glaube,« schreibt er an Dr. Krais, und
bald darauf: »An den Farbharmonien habe ich fleißig
weitergearbeitet. Als vorläufiges Ergebnis schicke ich Ihnen zwölf Tafeln Hauptschnitte136)
durch den Farbkörper. Die Ausführung ist noch etwas roh. Sie enthalten viel
anschauliche Belehrung. Weißgleiche, Schwarzgleiche und Schattenreihen
(senkrecht unter einander) lassen sich mit einem Blick übersehen. Auch
lassen sie ahnen, wie schön die genau gemessenen Harmonien wirken werden,
nachdem die bloßen chromatischen Tonleitern der Tafeln diesen Eindruck machen.« Im Buch »Die Harmonie der Farben«
ist zu lesen auf Seite 1: »Harmonisch oder zusammengehörig können nur solche
Farben erscheinen, deren Eigenschaften in bestimmten einfachen Beziehungen
stehen.« Und: »Die
bisherige Farbharmonik drehte sich um die Abstände und die Wirkungen der Farbtöne zu einander. Ihre unbunten Anteile fanden kaum Beachtung.
Man konnte sie auch nicht messen. Erst dann wurde ihr starker Einfluß beherrschbar.« Im
Vorwort jubilierte er: »Maß und Zahl ermöglichen zum ersten Mal die
Aufstellung von Gesetzen einer wissenschaftlichen Farbharmonik.« Aber er sieht Mißverstehen
und Widerstände voraus und unterstreicht, daß dies
neue Wissen kein Nürnberger Trichter sei. »Es wird der Begabte wohl auch
ohne Harmonielehre etwas leisten. Aber der gleich Begabte wird mit ihr sehr viel mehr leisten können,
und die höchsten Leistungen können ohne ausgiebige Kenntnis darin überhaupt
nicht erreicht werden.«
Das Vorwort
schließt mit Goethes Versen:
»In der Beschränkung zeigt sich
erst der Meister
Und das Gesetz nur kann uns
Freiheit geben.«
Dies war die dichterische Fassung des
aufbrechenden Gedankens der Farbnormung
(was man normen will, muß man zuerst messen
können), der zu-
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nehmend von meinem Vater
Besitz ergriff. In der Oktober 1918 zum Druck gegebenen Physikalischen Farblehre, Die
Farblehre Band 2 137), finden sich darum
am Schlusse schon die Abschnitte: Farbnormen, das Kunstgewerbe, die freie
Kunst, der Unterricht.
Lehrmittel
sind nötig.
Theorie und Praxis waren bei meinem Vater nahe beieinander. Bald machte er
sich die ersten genormten Decktünchen (er sagte Tünche, um das Worte Farbe nicht zu mißbrauchen)
und experimentierte drauf Ios. Dies sollten aber auch alle Leser des Harmoniebuches tun
können. Diesem war zwar eine Graureihe, ein Farbkreis und ein
farbtongleiches Dreieck in kleinen Blättchen beigegeben, aber allzuviel konnte man damit nicht anfangen, und er konnte
es nicht erwarten, daß mit den neuen Mitteln
gearbeitet wurde. So stellte er eigenhändig FarbpIatten mit je sieben
wertgleichen Farbfladen zum Verkauf her. Dies war der Anfang einer endlosen
Kette geldlich verlustreicher Bemühungen, seine Zeitgenossen teilnehmen zu
lassen. Er schreibt an Prof. Krais: »Ich warte nur
auf den Frieden, um ein Farbenwerk für die Herstellung der neuen Lehr- und
Forschungsmittel in größerem Maßstabe zu gründen, wozu ich bereits ein
Gelände, das an die »Energie« grenzt, gekauft habe.«
Die Energie-Werke wurden tatsächlich
1920 gegründet.
Unglückliches
Kriegsende.
»Ich habe inzwischen, um durch die trostlosen politischen Verhältnisse, an
denen man persönlich leider nichts ändern kann, nicht um allen Schlaf
gebracht zu werden (es war einige Zeit der Fall), für die Reclam-Sammlung
einen Grundriß der Farblehre138)
zu schreiben angefangen und bin eben damit fertig geworden«,
meldete er im Dezember 1918 Professor Krais.
Man merkt es diesem frischen Büchlein nicht an, aus welch trostloser Zeit es stammt,
und seine glückliche Vereinigung von Theorie und Anwendung trug viel zur
Verbreitung und zum Verständnis des bisher so schwer zugänglichen Gebietes bei, das sich Farblehre nennt.
Das
Kunstgewerbe wurde hellhörig an manchen Stellen. Professor K. Gros von der
Dresdener Akademie fragte an, »ob Sie bereit wären,
zunächst mit einem kleinen Kollegium von verständigen Leuten aus Kunst,
Handwerk, Industrie und Lehrerschaft in aufklärende Beratungen einzutreten.«
Auch Professor Krais machte allerlei Vorschläge.
Doch mein Vater antwortete: »Zurzeit habe ich keine Courage dazu, denn ich muß allerlei zum Wiederaufbau unseres Volkes schreiben,
was meine Gedanken voll beansprucht.« Den Kaiser und
Königen, die so schnell verschwanden, trauerte er nicht nach, das Höfische
war ihm denkbar wesensfremd, so sehr er einzelne,
menschlich hochstehende Herrscher zu schätzen wußte.
Aber mit der Demokratie als dem Prinzip der Mehrheitsbeschlüsse hatte er
auch beträchtliche Bedenken in Richtung der Überlegung: es sind fraglos mehr
unbegabte, ja dumme Menschen auf der
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Welt, also muß jeder Mehrheitsbeschluß zu
Ungunsten der Gescheiten eines Landes ausfallen. Diese stellen aber ohne
Zweifel die Organisatoren, die Fortschritträger
und Wissensvermittler eines Volkes. Solche Volksgenossen frühzeitig zu
erkennen und auf dem geradesten Wege zur Wirkung zu bringen, ohne Rücksicht
auf Geburt und Erziehungs- oder Standesdogmen, sollte ein Hauptziel aller
Regierungsverantwortlichen sein. Das war ein altes
Anliegen von ihm, siehe »Große Männer« oder »Das Schulelend«! Von der damaligen
Sozialdemokratie, deren kraftvolle, volkserzieherische Bestrebungen er
unbedingt bejahte, trennte ihn ebenso unbedingt der Begriff des Klassenhasses
und -kampfes. Dieser galt ihm nicht nur als grobe Energievergeudung, sondern
auch als denkbar unsozial, von unten wie von oben, unwürdig einer Partei, die
sich sozial nannte. Darum konnte ihn Freund Heinrich Peus
nie zur Mitgliedschaft bewegen. Politisch sah er den Volksstaat mit all
seinen Kinderkrankheiten voraus. Regieren will gelernt sein139). Ethisch versuchte er, die ins Wanken gekommene
Arbeitsfreude der Deutschen durch eindringliche Anrufe140) wieder zu beleben
und zu stärken. Und auf dem Gebiet der Erziehung faßte
er all seine Lehrerfahrungen nochmals zusammen141) und betonte von
neuem, daß wirkliche Ideale nicht hinten in der
Vergangenheit, sondern nur vorne in der Zukunft liegen können.
Für sich persönlich
hatte er in ganz charakteristischer Weise die wüsten Revolutionsmonate ohne
Post, ohne Eisenbahn, mit großer allgemeiner Unordnung, dazu benutzt, um
still und beharrlich ein besonderes Stück nützliche
Arbeit zu tun. Am 64. Tag 1919 schreibt er an Professor Krais,
Dresden. »Ich schicke Ihnen beifolgend ein Manuskript über die mikrochemische
Untersuchung der mineralischen Farbstoffe, von dem ich nicht ganz sicher bin,
ob ich es dem mikroskopischen Bilderbuch (92 bunte
Mikrozeichnungen) anfügen soll. Jedenfalls gehört es in den dritten
(chemischen) Band142)
meiner Farblehre. Ich hoffe, Sie werden bei der Durchsicht etwas von dem
Vergnügen empfinden, das ich gehabt habe; allerdings gehört
eigentlich die Anschauung der entzückenden Kristallisationen dazu.
Davon kann ich garnicht genug zu sehen bekommen.
Diese Rückkehr zu meinen chemischen Kinderjahren mit der qualitativen
Analyse ist wahrscheinlich senil, aber in diesen trüben Tagen des
Massenwahnsinns muß man seine Lebensfreude nehmen,
wo man sie findet.« Die Mikrochemie wurde
fortgesetzt und er untersuchte den Malgrund der Cusanischen
Himmelskugel143), von der ihm ein winziges Stückchen geschenkt worden war.
Die
Farbnormen. So nannte Wilhelm Ostwald ohne viel Aufhebens die 680 dem Farbkontinuum möglichst gleichmäßig
entnommenen und durch Maß und Zahl festgelegten Farben seiner
Anschauungstafeln und Werke von nun
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an und zum Unterschied
von den Farben des ersten Farbatlas, die eine wissenschaftlich genaue,
farbharmonisch viel zu umständliche, analytische Bezeichnung trugen: Die Kennzahl aus drei Zahlenpaaren. Da Harmonien Empfindungen sind,
verlangen sie einen empfindungsgemäß geordneten, den logarithmischen,
Fechnerschen Farbkörper. Und das Farbzeichen, wie es genannt wurde, mußte
kurz und bündig sein und eine Anschauung der benannten Farbe geben. Die
Buchstabensymbole der Graureihe hatten sich unmittelbar auch für die Weiß-
und Schwarzanteile der Buntfarben angeboten, die Zahlen der Farbtöne konnten
bleiben. Die erste Durchführung und Anwendung dieser Farbzeichen lag in den
12 Tafeln, den Hauptschnitten des »Farbkörpers« vor,
dessen Text schon eine Harmonielehre war.
Trotz der bösen
Zeitschwierigkeiten, Streiks und Materialmangel, brachte der Verlag Unesma Werk auf Werk heraus. Neben den 12 Rauten des Farbkörpers erschienen die 680
Farbnormen auch als 28 wertgleiche Kreise, die, bei Gelb aufgeschnitten, in
Leiterform wie die Grauleiter angeordnet waren und FarbtonIeitern 144)
hießen. Für den Unterricht folgte im gleichen Jahre 1919 noch Die Farbschule 145)
mit der Doppeltafel Der
kleine Farbkörper
(die Hauptschnitte der acht Hauptfarben in abgekürzter Kleinausgabe). Ein vier Seiten langes Schriftchen Die Farbnormen146)
brachte das Grundsätzliche darüber und die eingehendere Schrift Farbnormen und Farbharmonien147)
diente zugleich als Text für den 1920 folgenden ersten Farbnormenatlas148),
der statt der 2500 Farbmuster des ersten Atlas nur 680 Normen brachte. Die
680 Farbnormen als malfertige Decktünchen in wasserlöslichen Fladen
erschienen gleichzeitig unter dem Namen FarborgeI, zuerst der
Öffentlichkeit bekannt gemacht durch den Aufsatz gleichen Namens in der
vielgelesenen Zeitschrift Prometheus149).
Nicht nur der
buchhändlerische Erfolg der Farbnormenwerke war überraschend groß, auch die
Presse wimmelte von meist begeisterten, wenn auch wenig verstandenen
Referaten und Notizen. Die Journalisten stürzten sich offenbar entzückt auf
die neuen Wortgebilde wie Farbnormen, Farbleitern, Farbkörper und vor allem
Farborgel, die Begriffe waren ihnen oft umso fremder. Namentlich das
Stichwort FarborgeI
erschien in den unwahrscheinlichsten Blättern. Es wurde unweigerlich
hinzugefügt, sie sei ein kleines Schränkchen mit 28 Registern. Noch war es
jedoch ein handgebasteltes Pappgehäuse mit 15 Registern, d. h. 24teiligen
Farbkreisen in Decktünchen, meist verschenkt an alle, von denen Mitarbeit zu
erwarten war.
Ja, Mitarbeit! Grete lag steif im
Bett, die anderen Kinder, nun alle verheiratet, bauten heftig am eigenen
Beruf, die Laborantin Margarete Pinkert reichte bei
allem Fleiße nicht aus, und meines Vaters leistungsgewohnte Riesenkraft
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zeigte immer häufiger, vor
allem in den Wintermonaten, daß sie natürliche Grenzen
hatte. Fürs erste fand sich ein Assistent, ein junger, heimatvertriebener
Balte, welcher bald die Farbmessung beherrschte und die Einstellung von
Farbstoffen auf Normen, eine sehr viel schwierigere Arbeit, meinem Vater
zunehmend zu Dank abnahm. Herr Douglas war verheiratet und meiner Mutter war
es eine Freude, den jungen Landsleuten zu helfen, wo sie konnte. Im Labor
ging es also auch ohne meines Vaters ständige Anwesenheit weiter, das war
eine kleine Beruhigung. Denn sonst erhob sich riesengroß die Sorge: wer
führt diese aussichtsreichen Farbforschungen weiter, wenn mich hohen
Sechziger die Kräfte verlassen oder der Tod mich plötzlich holt?
Organisationsversuche
und eigenes Lehren. Ein Versuch, Anfang 1919, im Anschluß
an die Technische Hochschule Dresden ein Institut
für Farbkunde zu gründen, gelang nicht. So versuchte mein Vater, mit
einer Denkschrift weitere Kreise zu
interessieren und fand gleich in mehreren Orten
Widerhall. In Leipzig hatten die Volksschullehrer eine begeisterte Arbeitsgemeinschaft
unter Lehrer E. Borchers gebildet, und der Bürgermeister war nicht abgeneigt.
In Meißen arbeitete die Porzellanmanufaktur bereits mit der neuen Farbordnung
und ihr künstlerischer Leiter, Professor Achtenhagen,
hatte geschrieben: »Erstaunlich ist es, daß bisher in dem wunderbaren, unendlich weiten Gebiet
der Farbe nur das Gefühl, gestärkt durch Erfahrung, Führer war. Erst in
neuester Zeit ist das anders geworden. Durch die scharfsinnige Gedankenarbeit
Wilhelm Ostwalds ist, als wenn ein Zauberstab sie
angerührt hätte, die ganze Farbenwelt in eine geniale Ordnung gebracht
worden. Im Farbkörper hat jede auch nur denkbare Farbe ihren ganz bestimmten
Platz gefunden. Es ist ein Vergnügen, sich in Gedanken die unzähligen
Farbharmonien auszumalen, die man durch systematische Griffe dieser
köstlichen Farbenwelt entnehmen kann.« In Chemnitz
waren Bürgermeister Hübschmann, die Handelskammer, die Lehrer und vor allem
der Farbchemiker Professor Dr. E. Ristenpart von
der Akademie für Technik sehr bereit, die Werkstelle
für Farbkunde in Chemnitz zu gründen. Aber die Landeshauptstadt
siegte. Hier hatte nicht nur der vortreffliche Professor Krais
glänzend vorgearbeitet, hier hatten sich Oberbürgermeister Blüher und das Wirtschaftsministerium tatkräftig der
Gründung angenommen, und sächsische Industrielle, an der Spitze Direktor
Bub von den Nerchauer Farbwerken, trugen maßgebend zur Finanzierung bei. Als Leiter war Professor F.A.O. Krüger, der einen
guten Namen im Kunstgewerbe hatte, und den die neuen Möglichkeiten
begeisterten, gewonnen worden. Die Beschaffung von Raum machte große Schwierigkeiten
im Nachkriegs-Dresden, desgleichen die Übersiedlung Professor Krügers, und
so wurde es Septem-
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ber 1920, bis die Werkstelle
wirklich an die Arbeit gehen konnte. Unterdessen arbeiteten Chemnitz und
Meißen schon lustig drauf los und in Großbothen mehrten sich die Anfragen um
Vorträge und Kurse.
Mein Vater, immer
tiefer in die Harmoniemöglichkeiten verbissen, beschaffte sich Ornamentwerke
zum Studieren von bisherigen Harmonielösungen. Er hatte eine nie versiegende
Freude daran, die gefühlsmäßig angestrebten Farbharmonien in jetzt mögliche
bewußte zu übersetzen und gegebenenfalls zu
verbessern. Das brachte täglich neue Überraschungen, Bestätigungen und
Ausblicke. Er fieberte nach Mitteilung und nach Mitarbeit.
In dieser inneren Verfassung hielt er
einen folgenreichen Vortrag über D i e Grundlagen der Farbkunde und der Farbkunst150) am 9. 9. 1919 auf dem Stuttgarter ersten Farbentag. Die
echte eigene Begeisterung zündete unwiderstehlich, forderte aber zugleich den
typisch deutschen Widerspruch heraus, vor allem bei den Kunstgelehrten und
den ihnen hörigen Künstlern. Letztere hatte er besonders mit einem
tatsächlich zeichnerisch verunglückten Muster, das er zu eilig angefertigt
hatte, mißtrauisch gemacht. Dr. W. Riezler, namhafter Kunsthistoriker, schrieb nach
Stuttgart: »Wahrscheinlich hat noch nie ein einzelner Mensch einen so starken
Angriff auf die Freiheit der Kunst gemacht, wie es hier durch die Ostwald'sche Farblehre geschehen ist«151). Das
sind wohlgesetzte Worte eines besorgten Nichtkünstlers, die man gelten
lassen wird. Aktive Künstler sind sorgloser und weniger feierlich. Dafür
entgleiste Dr. P. F. Schmidt, Museumsleiter in Dresden, umso bedenklicher in
einem »Die Farborgel«152) überschriebenen
Referat. Er erzählte den Lesern, der Farbentag sei zur »höheren
Glorie Ostwalds« gestartet worden. Dieser habe zwar behauptet, die Künstler
noch gütigst mit seiner Farblehre verschonen zu wollen, doch ihm sei nicht
zu trauen. »Ich weiß nicht, was man tun soll, wenn die Werkstelle für
Farbkunde nun auf die harmlosen Bürger und Kindelein losgelassen wird; es
wird vielleicht nichts übrig bleiben, als sie durch Lächerlichkeit zu töten,
ehe sie mit dem Ernst und der Gründlichkeit, die wir Deutschen an alle
Narrheiten wenden, die UnschuId der Farbe geschIachtet
haben wird.«153) Hiermit begann ein noch heute nicht ganz verstummtes, oft hysterisches Geschrei
aus dem Lager der Kunstschreiber, von meinem Vater der Suppenkasparchor (ich
esse diese Suppe nicht, nein, diese Suppe eß ich
nicht) genannt. Ganz besonders schwer fiel es diesen Leuten, das Sachliche
vom Persönlichen zu trennen, und so schrieb er mit Protest an die rührigen
Anhänger in Meißen, die einen Wilhelm Ostwald Farbenverein gründen wollten,
am 354. Tage 1919: »- Den Gedanken, den Allgemeinen
Deutschen Farbenverein mit meinem Namen zu bezeichnen, lehne ich mit aller
Bestimmtheit ab. Mir wäre es oft lieber, wenn ein Anderer die Sache gemacht
hätte, weil ich dann kräftiger für sie eintreten könnte.«
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ORDNUNGSLEHRE
ÜBERALL
24. KAPITEL
Chemischer
Gedankeneinbruch. Unter den Empfängern der Denkschrift zur Gründung einer Werkstelle
für Farbkunde befand sich auch Geh. Rat F. Oppenheim vom Anilinkonzern,
Berlin, der mit einem ungewöhnlich freundlichen, langen Brief antwortete und
alte Zeiten heraufbeschwor. Der Antwortbrief meines Vaters enthält soviel
Dokumentarisches, daß ich ihn vollständig
hersetze:
»356. 19. Lieber
Herr Geheimrat: Herzlichen Dank für Ihr freundliches Schreiben, das mich an
lang vergangene Zeiten so angenehm erinnerte. Auch ich habe mir zuweilen die
Frage vorgelegt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich meinen chemischen
Eingriff in die Weltgeschichte154) unterlassen
hätte. Aber dann hätten wir den Feind nach vier Wochen im Land gehabt,
während uns so das unmittelbare Kriegselend erspart blieb. Es wird also doch
besser gewesen sein, wie es war.
Wie Sie wissen, habe
ich für diese Sache keinerlei öffentlichen Dank oder Anerkennung erhalten. Ebensowenig dafür, daß der
Gedanke der katalytischen Ammoniaksynthese gleichfalls von mir herrührt, wie
auch Haber in seiner ersten Veröffentlichung ausgesprochen hat. Ich hatte
sie seinerzeit zum Patent angemeldet, da kam eine lange Erkrankung dazwischen
und die experimentelle Durcharbeitung unterblieb. Auch dies ist also zu
einem guten Teil dem Konto W. O. noch gutzuschreiben, denn auch hier ist die
Anerkennung ausgeblieben.
So habe ich
mich denn schließlich auch nicht sehr gewundert, daß
der Anilinkonzern mich durch Herrn Geheimrat Duisberg wissen ließ, daß er mir in der Farbsache, die ihn unmittelbar angeht,
die Mithilfe weigert. Denn die Klagen über schlechten Geschäftsgang, mit
denen er höflicherweise die Ablehnung verbrämt, sind bei der verhältnismäßig
geringen Summe, um die es sich handelt, eben nur Höflichkeitsformeln. Es
ist mir als Deutschen schmerzlich, daß meine
Entdeckungen, die seit Newton den ersten großen Fortschritt der Farbenlehre
bringen und die ich für Deutschland ausschließlich nutzbar zu machen bestrebt
bin, kein Verständnis an einer Stelle finden, die sich sonst berühmt, für die
Wissenschaft offenes Auge und offene Hand zu haben. Das gibt einen dauernden
Fleck in der Wissenschaftsgeschichte.
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Zum (vorläufigen) Ende
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(Ende Seite 209)
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Doch genug von
diesen unerquicklichen Dingen. Die Sache geht im übrigen mit schnellen
Schritten voran und die künftige Deutsche Werkstelle für Farbkunde, die
demnächst in Dresden errichtet werden wird, beweist ihre Lebenskraft
dadurch, daß sie Kinder kriegt, bevor sie selbst
auf der Welt ist. In Meissen (Keramik) und
Chemnitz (Färberei) sind Zweigstellen bereits
gesichert. Berlin ist unterwegs.
Mit den besten
Grüßen Ihr ergebener Wilhelm
Ostwald.« Das Bedürfnis des alternden Menschen,
seine Angelegenheiten möglichst zu ordnen, und ein starkes Pflichtgefühl ließen ihn jetzt auch eine übernommene
chemisch-literarische Aufgabe ausführen. Sein chemischer Mitarbeiter, Professor
C. Drucker, war aus dem Kriegsdienst zurückgekommen und das unmittelbar vor
dem Krieg geplante große Handbuch155) wurde
nun in Angriff genommen. Nach seinen neuen und in der Farblehre so bewährten
Erkenntnissen und Erfahrungen in der Ordnungswissenschaft und in der Organisatorik schnitzte er aus ganzem Holz, und die 120
Seiten seines Mathetischen Beitrags für seine alte Wissenschaft sind konzentriertester Wilhelm Ostwald. Wie so oft fiel
auch ein Zeitungsaufsatz dabei ab156).
Brücken-
und DIN -Format.
Noch von ganz anderer Seite kam eine Veranlassung zu mathetischer
Mitarbeit. Der Normenausschuß für das graphische Gewerbe tagte in Leipzig
und hatte ihn dazu gebeten. Es ging um die Papierformate und natürlich
vertrat mein Vater das Weltformat der Brücke. Wie es ihm immer öfter geschah,
machte es ihn ungeduldig, daß die Übrigen an allen
Einwendungen kleben blieben, die für ihn längst erledigt waren, und mit vielen »Uff, uffs« fing er
wieder von vorne an mit Erklärungen. Wegen der energievergeudenden Ungeduld
schalt er sich immer selbst aus, und im letzten Lebensjahrzehnt war er
diesbezüglich die Güte selbst. Du mußt es nicht nur
dreimal, du mußt es dreiunddreißigmal sagen, dachte
er oft laut. Es dauerte übrigens noch einige Jahre, bis aus dem Weltformat
der Brücke das DIN-Format geworden war, auf gleichem Prinzip, aber mit
anderem Ausgangsmaß. So paßte es dann in die Schübe
und Fächer der bisherigen Büromöbel, es war nur etwas kürzer als das bisherige.
Nicht unwesentlich beteiligt war ein heller Sachse, Dr. Walter Porstmann,
der zur Zeit der Brücke und des Buches »Ordnungslehre«
Sekretär bei Wilhelm Ostwald gewesen war und für den nun ein Lebensinhalt
und -unterhalt daraus erwuchs. Mein Vater wurde nicht weiter gefragt und
war's zufrieden, denn der grundsätzliche Fortschritt war ja erreicht und hat
sich bewährt.
Immer
wieder: selbermachen! Am 9.Aug.
1919 war Ernst Haeckel leise und tapfer aus der Welt gegangen. Jetzt hielt
meinen Vater nichts mehr beim Monistenbunde; er hoffte dem verunglückten
Deutschland mit seiner
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Farblehre sehr viel unmittelbarer
zum Wiederaufbau helfen zu können. Im gleichen
August 1919 schrieb er an Professor Wegscheider, Wien: »Ich erlebe eine neue
schöpferische Zeit und halte die Farbarbeiten, die ich während des Krieges
gemacht habe, für das beste Werk meines Lebens.«
Aber daß man alles Gute und Richtige viele Male
sagen müsse, das zeigte sich unaufhörlich und besonders. »Die gelehrte Welt
hat bisher vermieden, an solchen Arbeiten teilzunehmen.«157)
Wie nötig war die Werkstelle für Farbkunde, wie nötig waren
die neuen LehrmitteI,
vor allem genormte Papiere und Farbstoffe, wie nötig waren Mitarbeiter jeder Art, denn fünf
Wissenschaften: Ordnungslehre, Physik, Chemie, Physiologie und Psychologie waren beteiligt! Mein Vater federte vor Arbeitslust und
-freude und verstand einfach nicht, wie die übrige Welt zögern konnte, das
schöne Neuland zu besiedeln und zu beackern, um die Schönheit auf Erden zu
vermehren und jedem zugänglich zu machen. Das war doch ein großes soziales Anliegen, kein persönliches Ästhetentum, auch kein Geschäft und keine Eitelkeit!
Warum verstand man ihn nicht? Also wieder einmal,
noch einmal: »selber machen«! Wie ein trächtiges
Tier, das mit elementarem Muß Ausschau hält nach
einem sicheren Ort für seine Jungen, kam mir mein Vater damals vor, und ich
hätte alles drum gegeben, ihm helfen zu können. Nie
werde ich es darum meinem jüngsten Bruder Otto vergessen, wie er sich schnell
und umsichtig zur Verfügung stellte, die Energie-Werke
begründete und einige Jahre leitete. Als
Oberingenieur lag ihm die maschinelle Organisation, und es waren noch viele
Erfindungen nötig, bis die Herstellung von normgemäßen Farbpillen,
Buntpapieren und Farborgeln im Großen lief. Als Sohn kannte er seines Vaters
gefährlichen Ideenreichtum, dem die kaufmännische Vernunft stark auswählend
entgegentreten mußte, und er war sohnlich genug, um doch Versuche über Deutsche Tusche,
Zeugdruck, Tintentrost, dreikantige Pastellstifte, nicht faulenden
Kleister, mit vorgemischtem Bindemittel versetzte Farbpulver, Ausfärbung von
Farbnormen auf Wolle, dann auf Seide usw. zu organisieren. Daneben lief die
Herstellung genau eingestellter Grauleitern, 100teiliger Buntkreise für Meßstreifen, selbstgegossener Filter für die Meßinstrumente und all des Illustrationsmaterials für die
Bücher und Tafelwerke im Verlag Unesma. Die Fibel hatte bereits die zehnte Auflage. Farbschule,
Harmonie der Farben, mathetische und physikalische Farblehre waren neu zu bearbeiten, nachdem eine Abhandlung für die
Psychologen158) und eine neue Zusammenfassung für die Physiker159)
gemacht waren. Er brachte die Meßbarkeit der
Farben und ihre Ordnung in Zusammenhang mit der Keramik, mit der
Dermatologie, mit der Kriminologie, mit der Werbekunst, mit dem Kindergarten,
mit den weiblichen Handarbeiten und ihren Stick- und Strickgarnen usw. Er
schrieb nicht nur im Börsenblatt für den
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Deutschen Buchhandels 160) über die Sammelschrift
als Zukunftsform des Schrifttums, er gründete selbst eine Sammelschrift:
»Die Farbe«, in welcher er auch aktuell gewordene
alte Abhandlungen von Tobias Mayer, Joh. Lombert, Ph. O. Runge wieder
abdrucken ließ und selbst viele wichtige Beiträge lieferte. Er war sehr
glücklich, Familie und alle Angestellten strahlten gern zurück und überall dampfte es von Eifer und Fleiß.
Die LehrerweIt. Besonders
am Herzen lag meinem Vater die Ausbildung der Lehrer. Auf erfolgreiche
Leipziger Lehrerkurse folgte im Dezember 1920 der erste Deutsche
Lehrer-Farbentag in Dresden, erstmalig in Werkstellenräumen, mit guter
Breitenwirkung. In Meißen arbeitete eine städtische Farbschule. Anfang
Januar 1921 war dann ein mehr als dramatischer Farbentag in München, auf
welchem leider der Werkstellenleiter Professor Krüger kein guter Sekundant
war und wo Mißverstehen, Unkenntnis und wütende
Gegnerschaft sich ungemein bajuwarisch äußerten.
Unmutig kam mein Vater nach Haus, so viel Unsinn,
Ungeschick und Unmanier war ihm lange nicht begegnet. »Maler sind sehr dumm!« seufzte er, »nein, sie sind
noch dümmer!« Und dabei hatte er doch eine unglückliche Liebe zu ihnen und
glaubte, ihnen ein Geschenk zu bringen von Seiten der Wissenschaft; denn sie waren es ja, welche die so von ihm ersehnten
Werke mit den neuen Mitteln schaffen konnten. Aber sie erwarteten von ihm,
dem Chemiker, neue, schöne, lichtechte Farbstoffe, durchaus nicht geistige,
begriffliche Farbneuerungen. Daß die von ihm benutzten
Farbstoffe lichtecht waren, interessierte ihn erst in zweiter Linie, am
wichtigsten war, daß sie den psychologischen
Forderungen entsprachen, erstmalig da waren, wie das Gesetz es voraussagte.
Er hatte nicht Farbstoffe, er hatte
Farbdenken, Farbordnung verbessert. Das war tragisch hoffnungslos.
Gern kam er zu seinen sächsischen Volksschullehrern zurück, die so schwungvoll
an der Arbeit waren. »Der sächsischen Lehrerschaft, welche als erste die
unabsehbare Kulturbedeutung dieses Fortschritts erkannt und ihn alsbald der
Jugend zugeführt hat, wird dieses führende Vorgehen
zu dauerndem Ruhme gereichen«, versäumte er nicht bei Gelegenheit
festzulegen 161). Auch an den Leipziger Berufsschulen und an der
vorzüglichen Maser'schen Lehranstalt für Buchdrucker
wurde die neue Lehrbarkeit der Farbe energisch und erfolgreich ergriffen.
Die Herren R. Engel-Hardt, H. Dilling, W. Hasenohr,
E. Borchers, G. Streller, W. Strasser haben diese
schönen Jahre noch heute nicht vergessen. Ein Farbentag des
graphischen Gewerbes nahm das Ostwald-System als das beste bisherige
an. Dieser Beschluß blieb jedoch ohne praktische
Folgen.
Gegnerschaft. Denn zu der
Münchner Feindlichkeit, deren Mittelpunkt Professor Dörner hieß, kamen viel einflußreichere Gegner, die im Werkbund
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und in der
Farbstoffindustrie saßen. Die I. G. Farbenindustrie z. B. veranlaßte
ihre Vertreter, die Kundschaft vor der Ostwald'schen
Farblehre zu warnen. Professor Dr. E. Ristenpart
von der Chemnitzer Färbereischule an der Akademie für Technik wußte es zum Glück besser. Aber ihre Farbkarten ordnete die I. G. doch nach Ostwald, der Kundschaft sehr
zu Dank. Die Entwerfer wurden vor der »Einengung
durch Normen und Harmoniegesetze« freundlich gewarnt. Das
stärkste Stück mißverstehender Feindschaft
leistete sich der Stuttgarter Kunstprofessor Dr. Hans Hildebrandt, ein
Teilnehmer des ersten Farbentages von 1919. Frühjahr 1921 versandte er seine »Verwahrung«
mit der Bitte um Unterschrift an alle Ministerien, Schaffenden, Sachverständigen
und Kunstfreunde. Ich zitiere daraus wörtlich: »Wir legen Verwahrung ein, daß Wilhelm Ostwalds Farb- und Harmonielehre zur
Grundlage des Farbunterrichts an Kunst- und anderen Schulen gemacht wird. -Ist eine
Förderung des künstlerischen Schaffens und eine Förderung des
Kunstverständnisses von ihrer Einführung zu erwarten? Diese Frage muß unbedingt verneint werden. Die Einführung der Farb-
und Harmonielehre würde eine Knebelung des freien Schaffens und damit eine
gar nicht wieder gutzumachende Schädigung der heranwachsenden Generation
bedeuten.« Mein Vater war einigermaßen verblüfft, daß man ausgerechnet ihm, dem so überzeugten freien Forscher eine Knebelung der Kunst
unterschob, und ausgerechnet ihm, dem altbewährten Lehrer und
Lehrbuchschreiber eine Schädigung der Jugend vorwarf.
Den schulischen Wert hatte sogar die I. G. Farben besonders anerkannt. Noch niemals in der Geschichte hatte es eine
öffentliche Verwahrung gegen eine bisherige Farblehre gegeben. Hatte man
vielleicht Furcht vor der ersten richtigen? Töricht genug war die
Menschheit.
Doch es gab auch
weiße Raben unter den Kunstgelehrten. Professor Peter Jessen vom Berliner
Kunstgewerbe-Museum schrieb meinem Vater unterm 26. 4. 21: »Nein, ich habe
die Verwahrung nicht unterschrieben. Ich meine
nicht, daß man eine so vielseitige, in die Tiefe
dringende, von edler Begeisterung getragene Arbeit wie die Ihre hindern soll
sich auszuwirken, und wenn mich etwas darin bestärkt, so ist es die neue
Auflage Ihrer Farbenharmonie.« Und Dr. Walter Gräff, Konservator an der Pinakothek, München, lieferte
sogar für die Sammelschrift einen denkbar positiven Beitrag162),
in dem das »anschauliche« Ostwald-System als erste
Möglichkeit, der Farbe in der Kunstwissenschaft überhaupt beizukommen,
anerkannt wird.
Man
konnte nur weiterarbeiten mit schärfster Selbstkritik. Wahrheit setzt sich
zuletzt immer durch.
Farbnormen
und FarborgeIn. Mit Assistentenhilfe war die
große Arbeit am neuen Atlas, dem Farbnormenatlas163), relativ schnell ge-
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schafft. Das
Tränkverfahren mit Saugpapier war aufgegeben worden zu Gunsten von eingemessenen
Farbpulvern, meist auf Lithopone gefällte Teerfarbstoffe.
Diese Farbpulver, mit einem entsprechenden Bindemittel angerührt, ermöglichen
normhafte, matte
Aufstriche für alle 680 Farbnormen und wurden von nun an für alle Tafelwerke,
Kreise, Dreiecke, Leitern usw. benutzt.
Diese Farbnormen verwirklichten als Weiterentwicklung die MitteIwerte
zwischen je zwei der bisherigen Grenzwerte der Farbkegelaufteilung wodurch
der Farbkörper etwas nach unten verschoben wurde.
Weiß a lag dadurch auch im praktisch Erreichbaren. Statt der früheren
Prozentzahlen für Weiß und Schwarz erhielten die Normen die Buchstabensymbole
a-p und von nun an besteht das Farbzeichen
aus einer Zahl für den Farbton und aus zwei Buchstabensymbolen für Weiß- und
Schwarzanteile. Die Farbe 13ga ist
z. B. ein Blau, mäßig weißlich und ohne Schwarz. Diese Farbschrift hat sich
bei den Benutzern bis heute bewährt. Sie fügt sich in jede Druck- oder
Schreibmaschinenschrift mit den vorhandenen Lettern ohne weiteres ein, und
die Zuordnung zu den entsprechenden Farben vollzieht das Gedächtnis sehr
schnell.
Zu den scheinbar
berechtigtsten Vorwürfen, die meinen Vater trafen, gehört die Tatsache, daß Farborte und -zeichen sich
im Laufe der Jahre mehrfach etwas verschoben und änderten. Man mußte aber kein Wilhelm Ostwald sein, wenn man nicht die
Selbstvervollkommnung der Wissenschaft als obersten Grundsatz anerkannte,
dem gegenüber die Unbequemlichkeit des Umlernens oder gar
Geld- und Materialverluste wenig wogen. Auf das Einfachste kommt man
eben immer zuletzt. So wurde aus dem 100teiligen Farbtonkreis der leicht übersehbare 24teilige, wo nötig mit
Dezimalstellen, und aus den Grenzwerten des ersten Farbkörpers entwickelten
sich als Gebietsvertreter die Farbnormen mit ihren Mittelwerten und anschaulichen
Farbzeichen164). Die Schlußworte des Prospektes vom Farbnormenatlas hießen: »Dieses Werkzeug (nicht Dogma!) frei
und mannigfaltig zu benutzen, weit über das hinaus, was sein Schmied (nicht
Diktator!)165) auch in seinen hoffnungsvollsten
Stunden zu träumen gewagt hat, ist kein Volk so befähigt wie das deutsche
Volk, die wissenschaftlichste Nation der Welt.«
Zum Glück brauchte
er nicht zu erleben, wie furchtbar diese wissenschaftlichste Nation
verunglücken sollte. Noch heute nach 30 Jahren liegt der Kulturentschluß
zur allgemeinen Farbnormung - die Tonnormung besteht seit Jahrhunderten -
am fernen Horizont, wie so vieles, was richtig, schön und gut wäre.
Ordnung der Flächenformen. Das Jahr
1922 brachte den 4. Band der Farbenlehre, die Physiologische Farbenlehre von Dr. Hans
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Podesta166)
und, für Fernstehende eine Überraschung, die Harmonie der Formen167),
der bald vier nicht weniger überraschende Mappen,
die WeIt der Formen folgten168)..Kann
man auch Flächen gesetzlich aufteilen und die sich ergebenden Formen ordnen?
hatte man meinen Vater und er sich selbst gefragt.
Ordnungsgesetze zu finden war seine Leidenschaft; sie entbrannte auch für
dies mit den Farben so eng verbundene Gebiet mit elementarer Gewalt, und die
Chemnitzer Lehrerschaft bekam einen ersten Vortrag darüber. Wie immer folgte
bald das Buch. Nun konnte er gesetzlich schöne Flächenformen in gesetzlich
schöne Farbharmonien setzen, das war nach seinem Herzen! In einem Aufsatz169) aus der Rigaer Zeit
fand ich bereits die Stelle: »Ist nicht in ihren letzten Gründen unsere
Freude am Schönen ebensosehr von einer
harmonischen Befriedigung des Intellekts bedingt, und unsere Erhebung bei
der Erkenntnis der Wahrheit von einer freudigen Erregung des empfindenden
Gemüts?«
Jetzt mit nahezu 70 hatte er ein
Arbeitsfeld, in dem sich Kunst und Wissenschaft ständig durchdrangen. Das
gesteigerte subjektive Glücksgefühl strahlte allen sichtbar aus seinem Wesen,
aus den noch immer lebhaft blauen Augen, ja, man meinte, auch das dichte,
schneeweiße Haar sei selbstleuchtend. Statt der Staffelei stand ein
verstellbarer Zeichentisch mit einer großen Auswahl von Linealen im Labor,
die Tusche machte er sich selber und in Hunderten von fleißigen Stunden
zeichnete er die Hunderte von Blättern für die Harmonie der Formen und die vier Mappen der Welt der Formen eigenhändig ins Reine. Wie immer fand er, daß
Handarbeit die beste Erfrischung sei nach einseitiger Kopfarbeit. Flächen
wurden gesetzlich durch verschiedene raumschlüssige Netze aufgeteilt, in
welchen dann ein Thema, ein Linienzug durch Reihung,
Schiebung, Spiegelung, Drehung gesetzlich vermannigfaltigt
werden konnte. Durch An- und Übereinanderlegen verwandter Themen und Netze -
alles war auf durchsichtiges Papier gezeichnet - bildeten sich die unerwartetsten,
oft ungewöhnlich schönen Muster. Das war auch Schönheit der Gesetzlichkeit,
nicht Nachbildung eines Naturstückes. Wenn man nach einer Parallele suchte:
das war wie Arbeit am wohltemperierten Klavier eines Johann Sebastian Bach,
zur künstlerischen Verwendung bereitliegende Schönheitsfülle geistigster
Art. Der mit der Farborgel arbeitende Ornamentiker
konnte sich mit diesen beiden verfeinerten und erweiterten Kunstmitteln zu
einer noch unerreichten Höhe hinaufarbeiten, denn was mein entzückter Vater
da entstehen sah, konnte das nicht der erste Zipfel der gegenstandslosen,
der abstrakten Farb-Form-Kunst sein, nach der so viele
Künstler auf so vielerlei Wegen so leidenschaftlich suchten? Diese Schwester
der Musik, noch mit Bewegung ausgestattet, würde dann den
»Kreis der Künste«170) schließen, wenn es einmal so weit
war.
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Hingegeben zeichnete
und malte mein Vater. Unersättlich waren seine Augen, Form- und
Farbgesetzlichkeit zu schauen, darunter erstmalig bewußt
rein graue171)
und grau-bunte Harmonien. Stolz und selbstverständlich setzte er unter jedes
Blatt die Farbpartitur, das Farbzeichen. Es war wie Dichten oder Komponieren,
man konnte es aufschreiben. Die Formpartitur, das Formzeichen hat ein
Späterer, Jüngerer gefunden, von dem noch zu reden sein wird.
Ein Archivschrank
ist gefüllt mit diesen Hunderten von Kompositionen.
Ein
wandernder SchoIar. In jenem
Sommer 1923 tauchte ein Wandervogel in der »Energie«
auf, der zwar keine Klampfe umgehängt trug, aber Zeichenblock und Buntstifte
im Rucksack hatte. Sein Fahrtziel war, wenn möglich beim Meister der
Farblehre selbst in die neuen Erkenntnisse und Mittel eingeweiht zu werden.
Es war ein asketisch wirkender Jüngling mit Fernaugen und offenem, leisem,
aber glühend lebendigem Wesen, der sofort meiner Mutter Herz gewonnen hatte.
Mein Vater hatte ihn, dies voraussehend, lächelnd zu ihr geschickt, denn der
Süddeutsche war mittellos und suchte eine Unterkunft für die Zeit seines Hierseins. Sie wurde ihm gewährt, zumal der älteste
15jährige Enkel Jörg ein »praktisches Jahr« beim Großvater absolvierte und
zu hoffen war, daß beide ein gutes Gespann wurden. Das traf auch ein. Der Enkel - heute ist er längst
Professor der Chemie in Freiburg - baute an einer großen Pulverorgel und der
neue Scholar, in der katholischen Jugendbewegung
stehend, hatte vor, die Farbe als seelische wie raumformende Kraft in der
kirchlichen Innenarchitektur bewußter als bisher
anzuwenden. Meinem Vater machte es unermeßliches
Vergnügen, die reichlich vorhandene Mystik meist in klare Harmoniegesetze
übersetzen zu können, und der junge Künstler erkannte diese an, ohne seine Mystik
aufzugeben. Er wurde immer begeisterter und fieberte, seine konkreten,
farbharmonisch durchgearbeiteten und festgelegten
Entwürfe, die oft seine innere Vorschau übertrafen, zu verwirklichen.
Beglückt wanderte er wieder heimwärts und ist der Sache treu geblieben.
Erste praktische Erfahrungen sammelte Paul Meyer-Speer beim Ausmalen einer
Jugendburg, wobei sich herausstellte, daß bei
großen Wandflächen die übersprungenen Normstufen nötig wurden. Er brauchte
und bekam darum später für bestimmte Farbgebiete diese Stufen. Am meisten
lernte er jedoch bei der Ausmalung eines Dorfkirchleins, dessen niedriges
Gebälk er durch Farbe »heben« wollte. Es gelang
über Erwarten, und auch die figürliche Wandausschmückung fand Anerkennung.
Wenn ich nicht irre, waren die zwölf Apostel dekorativ verwendet, und zum
Petrus hatte er meines Vaters Kopf benutzt. Später machte er sich einen
guten Namen durch die innere Farbgestaltung von Kirchen und Domen in Mainz,
Frankfurt, Koblenz, Fulda und Breslau. Ob er noch lebt?
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