WIE ES ANFING

 

 

19. KAPITEL

 

Zum 20. Kapitel

Voraussetzungen. Alle Lebenslinien meines Vaters mit ihren Erfah­rungen halfen ihm bei der Bearbeitung des beinahe berüchtigten Problems Farblehre (die Naturphilosophie seinerzeit war wohl noch berüchtigter), und seine schönste Kraft, die der Synthese, entfal­tete sich noch einmal an einem würdigen Objekt. Wie das erste che­mische Arbeitsgebiet, die chemi­sche Verwandtschaft, sich mit Goe­the'schen Gedankengängen traf, wenn auch nicht deckte, so brachte ihn sein letztes Arbeitsgebiet, die Farblehre, wieder mit einem Goethe-Problem in diesmal nahe Berührung. Er konnte es ein großes Stück weiterführen, um soviel weiter, als inzwischen die Hilfswissen­schaften Mathetik, Physik, Chemie, Physiologie und Psychologie gekommen waren, eingesetzt von einem Arbeiter mit gleichfalls hochentwickeltem Augen­sinn. Wie schreibt er über sich selbst in der eingehenden Aka­demieschrift116), welche den Fachgenossen (wo waren sie?) das erste Ergebnisbündel zur Nachprüfung, Erweiterung und Verbesserung vor­legte. »In meinem psychi­schen Komplex befindet sich ein stark beton­tes visuelles Element, verbunden mit einem entsprechenden Gedächt­nis, demzufolge die farbigen Natur­erscheinungen von jeher meine lebhafteste Aufmerksamkeit erregten und zu einer ausgedehnten Sammlung chromatischer Anschauungen und Erinnerun­gen Veranlas­sung gaben. Die aktive Form dieses Interesses betätigte sich zunächst in der Gestalt künstlerischer Versuche auf dem Gebiet der Malerei, die, wenn sie auch keinen anderen Erfolg mit sich brachte, doch wei­terhin eine umfangreiche experimentelle Erfahrung über die Technik der Pigmente, die Herstellung abgetönter und zwischenliegender Far­ben durch Mischung sowie über die gegenseitige Beeinflussung farbi­ger Flächen bei gemein­samer Betrachtung ergaben. Ein anderes stark betontes Element des gleichen Komplexes, die Neigung zu allgemein zusammenfassender Begriffsbildung, mußte über kurz oder lang dahin wirken, daß die Betätigung im Farben­gebiete von der primitiven künstlerischen Stufe auf die höhere der wissen­schaftlichen Bearbei­tung überging.«

Die künstlerische Stufe war ihm ganz bewußt durchs bisherige Leben die Erfrischung für den ausgepumpten Chemiker gewesen. Doch Kunst und Wissenschaft waren in Personalunion, und die Wechselwir­kung und schließ-

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lich die Vereinigung erfolgten unvermeidlich. Mit einzelnen Aufsätzen Ober Physikalisch-Chemisches in der Malerei begann es, die von Ta­geszeitungen gebracht wurden. 1904 wurden sie in den MaIer­briefen neu bearbeitet herausgegeben und 1905 erschien in der Zeitschrift für Elektrochemie117) fast eine Rechtfertigung in einem Über Malerei betitelten Aufsatz. Dort entschuldigt sich der Che­miker, er habe nur in den Ferien gemalt und erst neuerdings und mit unzweifelhaftem Erröten in der berufsfreien Zeit zwischen 1-3 Uhr mit­tags. Weitere Vorläufer waren die Ikonoskopischen Stu­dien118) und das Büchlein über Dekoratives Pastell119), letzte­res veranlaßt durch eine Zusammenarbeit mit dem Künstler Sascha Schneider, damals Professor an der Kunstschule Weimar. Ich war dort seine Schülerin und meine dicken, selbstgemachten Pastellstifte und die äußerst förderliche Technik, es handelte sich um lebensgroße Akt­studien, erregten sein Interesse. 1908 folgte noch die Übersetzung von Church , Farben und Malerei, die er größtenteils mich ma­chen ließ. All dies war da­mals noch zwischen der Hauptarbeit an ganz anderen Problemen physikochemischer, naturphilosophischer und monistischer Art. Um 1912 er­weiterten sich die Beziehungen zum Werkbund mit seinen sympathischen Forderungen nach Materialehr­lichkeit und -gemäßheit, nach eigenem Zeit­stil und nach Qualität. In München war es Prof. Riemerschmid, mit dem es ein schnelles Ver­stehen gab, und der die Notwendigkeit eines Farbatlas schon seit Jah­ren öffentlich vertrat und zu fördern versuchte. Die Neubearbeitung der Radde'schen Farbkarte, für die er den Werkbund willig ge­macht hatte, scheiterte an der Unzugänglichkeit der Erben und des Materials. In Hellerau war es KarI Schmidt (ein feiner organisato­rischer und sozialer Kopf und Praktiker, der die vorbildlichen Helle­rauer Werkstätten geschaffen hatte), mit dem sich mein Vater schnell glänzend verstand. Aus seinen Sied­lungserfahrungen ist mir unvergeß­lich die Feststellung, daß jeder Hausfrau ihre Küche und ihre Waschküche ein unbezahlbarer Friedensfaktor sei und Arbeitsfreude steigere und erhalte - auch bei dem Ehemann. Da auch unter den »Brücken«-Aufgaben die Ordnung und Organisation der Farben auf­getaucht war und mein Vater als der Zuständigste dafür in Frage kam, verdichtete sich die auf ihn zukommende Arbeit immer fühlbarer über seinem Haupte.

 

Vorkommission und internationale Kommission zur Schaffung einer Farbkarte. Natürlich war allerseits nur an eine internationale Farbenkommission mit dem Ziel einer internationalen Farb­karte gedacht worden und als Geldgeber rechnete man mit der Asso­ziation wissenschaftlicher Akademien und mit anderen Kulturas­soziationen,

Malerbriefe

 

 

Ikonoskopische Studien

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wie z. B. dem Werkbund. Beide waren zu finanzieller Unterstützung bereit. Mitglied der Vorkommission war Dr. PauI Krais, ein in der Farbenindu­strie und Färbereipraxis wohlangesehener Fachmann, der zugleich Mit­arbeiter am eben angelaufenen Deutschen Far­benbuch war und die Farbstoffe und Bindemittel gerade gründlichst bearbeitet hatte. Ihm war die Notwendigkeit einer internationalen Farbkarte, einer allgemeingültigen Ord­nung der Vielfalt, immer wieder als dringende Gemeinschaftsarbeit entgegen­getreten. Interessiert traf er sich am 19. Mai 1914 erstmalig mit meinem Vater in Großbothen, wo es zu einer ausgedehnten Aussprache über die Möglichkeiten ei­nes internationalen Farbatlas kam. Bei meinem Vater setzte die Denkmühle automatisch ein und bereits am 30. Mai erhielt P. Krais die ersten Resultate. Ich entnehme dem Brief: »Da zwischen den opti­schen Wellenlängen und ihrer physiologischen Wirkung keine eindeu­tige Beziehung besteht, so ist von vornherein ein Farbatlas auf der Grundlage rein physi­kalischer Definitionen ausgeschlossen; vielmehr handelt es sich darum, die physiologische und psychologische Wir­kung der Farbe systematisch zu ord­nen. Hierzu dienen die drei Vari­ablen Farbton, HeIIigkeit und Reinheit. Und die psycho­physischen Gesetze, welche diese drei Größen regeln, sind bekannt genug, um mit ihrer Hilfe ein eindeutiges System der Definition und Herstellung von Farben zu ermöglichen. Ebenso teile ich Ihre Ansicht, daß keine andere Form der Definition zulässig ist, als in Gestalt kon­kreter Farben im Sinne des Malers, d. h. in Gestalt von Aufstrichen oder auch auf­tragfertigen Farbmischungen, etwa als Pastellstifte, oder streichfertigen Farb­breies mit Leim-, Tempera- oder Ölbindemitteln. - Vorarbeiten sind durch­aus weit genug gediehen, um das allgemeine Problem eines wissenschaftlich begründeten Farbatlas zu lösen und damit für den allgemeinen Verkehr auf diesem so wichtigen Gebiete eine dauernde Grundlage zu schaffen.«

Noch ahnte er nichts von den inneren Entwicklungen und Kraftanstren­gungen, die erforderlich wurden, noch daß er die Arbeit schließlich würde allein tun müssen.

Dr. Krais war ein Mann der Praxis mit vielen in- und ausländischen Be­ziehungen, der jahrelang in der Wirtschaft gestanden hatte. Er bemühte sich um die Erweiterung des Komitees, so um die Mitarbeit Baumann-Prases mit den Erfahrungen ihrer Farbkarte für das Anstrichgewerbe, und er interes­sierte geldkräftige Kreise, vor allem die Farbenfabriken. Mein Vater schlug noch A. H. Munsell in USA vor, dem er in Boston 1905/06 sehr starke An­regungen verdankte. E. Jäckh vom Werkbund hörte »mit großer Freude, daß nun, nachdem auch Prof. Ostwald für die Farbenfrage gewonnen ist, die Sache auf einen gesunden Weg kommt.«

Es kam im Juli die große Werkbundtagung in Köln im Rahmen der Aus-

 

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stellung. Sie war ungewöhnlich lebhaft und erweckte allseitig das Ge­fühl, daß es vorwärts gehe und herrliche Kulturaufgaben nach Erfüllung riefen. Ein Beitrag von je 1000 M. für drei Jahre für die Arbeiten am Farbatlas wurde einstimmig genehmigt, was mein Vater erfreut dem nicht anwesenden Dr. Krais mitteilte und mit ihm ein paar Tage Zu­sammenarbeit in Großbothen verabredete.

 

Krieg. Statt dessen kam über Nacht Krieg und zwang jeden sich um- und einzuordnen. - - -

Ich habe schon berichtet, wie mein Vater still und traurig seine Grau­versuche im Labor nicht einen Tag unterbrach, so nötig war ihm das Gefühl, irgend­etwas Positives zu tun. Denn all seine internationalen Bestrebungen und Arbeiten waren plötzlich zerschnitten worden. Das war schwer zu ertragen, und nie ist mein Vater häufiger und gedanken­schwerer durch seine »Energie« gelaufen als in jenen ersten Kriegs­wochen. Nie war es schwerer gewesen, sich Klarheit zu erwandern als jetzt, da man mit Menschen und nicht mit Naturgesetzen zu tun hatte. Naturgesetze lagen sicher auch hier vor, nur man kannte sie noch nicht und war ihnen wehrlos ausgeliefert. »Zu Weih­nachten sind wir wieder zuhaus!« hieß der Abschiedsgruß aller Soldaten. Das Fest war vorbei und ein jeder sah ein, daß er sich auf Jahre einrichten mußte.

Was mochte mit seinem voraussichtlichen Mitarbeiter Dr. Krais ge­worden sein? Er schrieb ihm am 4.1.1915 eine Postkarte: »Bitte ge­ben Sie ein Lebens­zeichen; sind Sie zu Hause oder im Felde?«

 

Statt der internationalen eine deutsche Arbeitsgemeinschaft. Es kam umgehend Antwort, daß Dr. Krais am Heimatort zu einer halbtä­gigen Rote-Kreuz-Arbeit eingesetzt sei, als schwerer Rheumatiker für Felddienst nicht in Frage käme und seine freie Zeit gerne dem zukünf­tigen Farbatlas widmen möchte. Weiter schrieb er: »Von der inter­nationaIen Richtung unserer Bestrebung werden wir ja wohl für dieses Leben absehen müssen, aber wenn wir für den Dreibund und die Neutralstaaten etwas An­nehmbares machen, so genügt das ja auch; die Engländer und Franzosen sind sowieso zu selbstherrlich, um etwas von Deutschland Kommendes ohne weiteres anzunehmen.«

An die versprochenen Geldzuschüsse war unter den Kriegsumständen nicht zu denken, die wissenschaftliche Arbeit war sowieso ehrenamt­lich gedacht, so ließ man den Geldpunkt auf sich beruhen und fing an. Dr. Krais schrieb am 22. 2. 1915: »Halte es für nötig, daß nächstens einmal die Grundlagen der Farblehre in monumentaler Weise erklärt und ausgesprochen

 

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werden und zwar so, daß sowohl Physiker, wie Physiologen, wie Künstler die Sprache verstehen können! Damit das endlose An­einandervorbei­reden aufhört. Ich könnte mir niemand denken, der dies besser kann und besser machte als Sie.«

In weniger als einer Woche wurden die Acht Leitsätze zur Her­stellung eines rationellen Farbatlas geschrieben. Dr.Krais war begeistert und sie wurden bald in allen zuständigen Zeit­schriften abgedruckt. Schon hier wurde gesagt, daß es sich um Ord­nung von Farbempfindungen auf psychophysischer Grundlage han­delte, mit den drei Bestimmungsstücken Farbton, Helligkeit und Rein­heit. Die nächste Aufgabe sei ein wissenschaft­licher Farbtonkreis von 24-100 Stufen, in dem sich richtige Gegenfarben gegenüberstehen. Die Helligkeit sei eine geometrisch zu stufende Reihe und die Rein­heitsstufen seien noch gesetzlich zu erforschen. Es würde sich um 3000-6000 Farben handeln, darzustellen in matten Aufstrichen mit ge­nauer dreiteiliger Bezeichnung, vorschlagsweise Buchstaben.

Aus den Vorarbeiten zu solchen matten Aufstrichen entstand eine Ab­hand­lung120) für die Kolloidzeitschrift mit Aufstrichproben. Die psycho­physische und farbchemische Arbeit am Atlas schien gesichert. Aber wer würde den physio­logischen Anteil übernehmen? Mein Vater schrieb an Professor von Hess, München, der nach langem Zögern - weil es ihn im Grunde stark lockte - doch schließlich wegen Überbür­dung ablehnte. Hier mußte vorläufig eine Lücke bleiben.

 

 

 

DER GRAUE WEG

 

20. KAPITEL

 

Die fruchtbare Ordnungslehre. Wilhelm Ostwald hatte nicht umsonst im Jahr zuvor Band 1 seiner Modernen Naturphilosophie geschrieben und die große Fruchtbarkeit und Arbeitshilfe der allge­meinsten Ordnungsgesetze in einem ersten Anhieb vor allem sich selbst klar­gemacht. Die Anwendung auf sein neues Forschungs­gebiet brachte gleich beachtliche Übersicht und Arbeitsersparnis, d. h. Vermeidung unzweckmäßi-

Zum 21. Kapitel

 

 

 

 

 

 

 

 

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gen Arbeitseinsatzes. So verlockend das Spielen mit der Vielfalt der Bunt­farben war, zuerst mußte das unbunte Gebiet als das sicher ein­fachere erforscht werden und Namen, Maß und Zahl bekommen, soweit diese noch fehlten. Das sah nicht schwierig aus. Bei den ersten Versuchen zeigte sich jedoch überraschend, daß hier noch sehr viel fehlte. Die bewährte Suche nach dem »ausgezeichneten Fall« ver­langte die Beschränkung auf wirklich buntfreie Farben, also reine Graus mit Weißanfang und Schwarz­ende. Die Ordnungslehre sagte, das ist eine einfaltige Reihe mit einer Ver­änderlichen, der HeIIig­keit. Die sollte doch leicht meßbar sein! Doch wie sah denn eigent­lich wirklich buntfreies, neutrales Grau aus? Diese Frage schien noch niemand gestellt und beantwortet zu haben. Wo waren natür­liche, ein­wandfreie Vorbilder? Denn die Farbstoffmischungen ergaben ohne Ausnahme unzweifelhaft leichtbunte Graus. Mein Vater fand: eine un­bunt beschattete weiße Fläche; ein Rasterdruck; eine Mischung aus buntfreiem Weiß und Schwarz auf der Drehscheibe. Dort kam das Phänomen des »trüben Mittels«, die Verblauung, nicht zur Auswirkung. Also mußte man bei Farbstoffmischungen durch Goldockerzusatz das Blaue brechen, fortneutrali­sieren. Vergnügt machte sich mein Vater an die Herstellung einer ersten wirklich neutralen Graureihe aus Kreide und Ruß. Sie machte einen ent­schieden »mausgrauen« Eindruck, als sie endlich da war, so sehr war das Auge an die meist bläulichen Graus gewöhnt. Und einfach war die Sache gar nicht gewesen!

Zur Erzielung der Abstufung waren zur Kreide nacheinander 1/10, 2/10, 3/10 bis 9/10 Schwarz gemischt worden. Das wurde eine Enttäuschung und keine gleichstufige Reihe! Erst bei 5/10 Schwarzzusatz entstand überhaupt ein deut­liches Hellgrau und die Stufen mit 7/10, 8/10 und 9/10 Schwarz machten Riesen­sprünge und waren gar nicht besonders schwarz. So ging es nicht!

 

Das Weber-Fechnersche Gesetz. Die Denkmühle trat in Tätig­keit und holte eine alte Dorpater Erinnerung aus der Tiefe. Damals hatte er in unersättlichem jugendlichem Wissensdurst auch die Psychophysik von Th. Fechner gelesen und vom Weber-Fechnerschen Gesetz, das die Be­ziehungen zwischen Reiz und Empfindung regelt. Farbe, auch unbunte Farbe, war eine Empfindung. Man mußte also den Reiz - hier die Helligkeit - geometrisch stufen, wenn man eine gleichstufige Empfindungsreihe erzielen wollte.

Aber welche von den möglichen geometrischen Reihen sollte er benut­zen? Da er die Graustufen mit den Buchstaben des Abc zu bezeichnen vorhatte, wählte er eine 24stufige Reihe (wobei er den Buchstaben j vergaß!). Er er­rechnete sich auch eine 100stufige Reihe121). Auf das Einfachste, Gegebenste,

 

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nämlich die in der Wissenschaft übliche Zehnerteilung, kam er wie so oft zu­letzt und sie ist bis heute nicht weiter geändert worden. Zehn, mit Zwischen­stufen neunzehn, Graustufen haben sich für die Praxis als vollständig aus­reichend seitdem bewährt.

Die ersten Verwirklichungen waren bei allen Mängeln die schönste Belohnung für die mühselige Arbeit. Mein Vater wurde nicht müde, sich an der rein­gestuften Graureihe zu freuen, zeigte sie allen, bei denen er Interesse vor­aussetzte, auch dem hochachtungsvoll erstaunten, aber eine Farbmessung grundsätzlich ablehnenden, schon sehr alten Ewald Hering in Leipzig.

 

Die Messung unbunter Farben. Zur Ermöglichung dieser Messung war wieder viel Vorarbeit der Denkmühle vorausgegangen und wieder kam etwas aus der Dorpater Erinnerungstiefe zu Hilfe. Damals war ihm erstmalig der Begriff Albedo, das absoIute Weiß, in einem spiritistischen Buch von F. Zöllner begegnet. Die entsprechende wis­senschaftliche Bearbeitung las er jetzt in J. Lamberts Photometrie nach, die er nur aus der Reihe seiner »Klassiker der Exakten Natur­wissenschaft« heraus zu greifen brauchte. Diese feste Bezugsfläche des absoluten Weiß (Albedo) ermöglichte, statt der bisher geübten reIativen Helligkeitsmessungen mit dem Kreisel, solche von ab­soIutem Charakter auszuführen. Das entsprechende Gerät und das nötige Bezugsweiß wurden in unermüdlichen Versuchen und Baste­leien erarbeitet. Der Apparat erhielt den Namen Hasch (Halbschat­tenphotometer) und kam wegen der Kriegszeiten nur mit großen Schwierigkeiten in den Handel. Als besten Repräsentanten für Be­zugsweiß fand mein Vater nach Durchmessung aller ihm zugänglichen weißen Farbstoffe das frisch hergestellte BariumsuIfat, mehr­schichtig aufgebracht und abgeschliffen. Jetzt war das Messen ein Spaß geworden.

 

Die GrauIeitern. Die Herstellung der gestuften Grauaufstriche war nicht ohne viele Umwege und Mißerfolge geschehen. Die Laborhefte erzählen es. Kreide erwies sich für die hellen Stufen als zu gelblich; Schieferschwarz ließ sich nicht gleichmäßig auftragen; Ruß entmischte sich sehr leicht; manche Ge­mische ließen das Papier durchscheinen. Und das geeignetste Papier war auch erst auszuprobieren. Unverd­rossen tat mein Vater all die hunderttausend Handgriffe. Es war ja Ar­beit für Jahrhunderte, Arbeit, die ein für alle Mal ge­tan sein sollte. Der Krieg zerstörte so sinnlos drauf los. Er mußte Kulturland urbar ma­chen. Gemische aus Lithopone, Frankfurter Schwarz und Goldocker­zusatz waren das Endergebnis und als Bindemittel diente Sichelleim. Anfäng­lich wurden lange Pappstreifen mit 2 cm breiten Graustufen beklebt und von a-t bezeichnet. Gute Druckerschwärze deckte sich mit der p-Stufe. Die

 

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letzten Schwarzstufen waren praktisch entbehrlich. Sehr bald erfand mein Vater auch ein »Photometer für die Westentasche«. Zuerst war es ein etwa 8x3 cm großer Glasstreifen, auf den zehn Graustufen in Ölfarbe so ge­strichen waren, daß Zwischenräume blieben. Auf irgend eine graue oder bunte Fläche gelegt, konnte man ablesen oder leicht schätzen, welche Helligkeit diese hatte, denn die Helligkeiten der Stu­fen waren ja bekannt. Später be­klebte er schmale Papprähmchen von der Rückseite mit schmalen Graustrei­fen, Zwischenräume lassend, und schrieb auf der Vorderseite die Buchstaben zu jeder Sprosse der kleinen Grauleiter. Stets trug er solch ein Leiterchen bei sich. Er wußte die Stufen längst auswendig und freute sich unbändig, wenn auch an­dere das Auswendiglernen leicht fanden. Diese Form der Grauleiter hat nur noch eine einzige Veränderung erlebt, nämlich die Umrechnung der Grenzwerte in Mittelwerte. Damit fiel das Weiß a bei der ersten angestrebten Normierung in ein leichtrealisierbares Gebiet mit der Helligkeit 89 statt 100.

 

 

 

INS REICH DER BUNTFARBEN

 

21. KAPITEL

 

Wie sieht eine reine Buntfarbe aus? Der graue Weg war lang und steinig und eintönig gewesen, aber er hatte den Mann gut trainiert. Die Ordnungslehre, befragt, sagte, daß die Buntfarben dreifaltig seien, also einen Raum zu ihrer Darstellung verlangten, und die Suche nach dem »ausgezeich­neten Fall« ergab, daß die ausgezeichnetste Man­nigfaltigkeit ein Buntfarben­kreis sei, und zwar der aus den allerreinsten Buntfarben. Das würde eine Augenfreude sein! Die erste Aufgabe war also klar gestellt. Unternehmend schrieb mein Vater am 1. 3. 15 an Dr. Krais. »Gehe eben nach Erledigung der Helligkeit zum Farbton über.«

Sie machten miteinander aus, jeder sollte einen 30-50teiligen Farb­kreis her­stellen, ohne vorerst Art und Lichtechtheit der Farbstoffe zu berücksichtigen, aber so rein als nur möglich. Dann wollten sie ver­gleichen und das Beste aussuchen. Wie sah wohl ganz rein aus? The­oretisch müßte eine solche Farbe keinerlei Unbunt enthalten, weder Weiß, noch Grau, noch Schwarz. Wozu hatte man ein Taschenphoto­meter, die kleine Grauleiter? Die maß sofort die

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Helligkeiten. Und für genauere Kreiselversuche wurde ein Satz ge­schlitzter Grauscheiben gemacht und der Rand der blechernen Dreh­scheibe mit 100 Meß­strichen versehen. Die geschlitzten und dadurch ineinander verschieb­baren Kreiselscheiben waren wieder eine heraufgeholte Erinnerung, diesmal aus der Gymnasialzeit. Da hatte er's selbständig erfunden, bevor er die An­weisung von Maxwell kannte. Jetzt erfand er noch einen Gummistöpsel an Stelle der zeitrau­benden Metallschraubenmutter.

In Großbothen wie in Tübingen sah es nun bunt und bunter aus. Mein Vater verschaffte sich von den Farbenfabriken die leuchtendsten Teerfarbstoffe und lasierte damit weißestes Zeichenpapier. Dr. Krais verfügte sowieso über alle vorhandenen Farbstoffe in seinem Labor. Sie arbeiteten hingegeben, aber es wurde eine unerwartet lange und harte Arbeit. »Die Vorstellungen, mit wel­chen wir an die Arbeit heran­gehen, sind unwissenschaftlicher Art,« tröstete der Altere den Jünge­ren am 25. 3. 15, und machte und maß geduldig Versuchs­reihe nach Versuchsreihe. Dr. Krais opferte sogar Nachtstunden in begeister­tem Eifer, denn seine Rote-Kreuztätigkeit nahm wie alle Kriegsanforderun­gen zu. Er quälte sich mit Grün, mein Vater mit Ultramarinblau (später kürzte er in Ublau ab) herum, wo Schwarzfreiheit und Reinheit nicht dasselbe zu sein schienen. Die warmen Farben, Gelb, Kreß (damals sagten sie noch Orange) und Rot, hatten sie beide weitgehend schwarzfrei herstellen können. Dr. Krais war in der Literatur auf die Arbeiten des Wieners Carl Mayer (1912) gestoßen, der mit drei Farb­lösungen sämtliche Farben zu ermischen vorgab. Mein Vater antwor­tete Dr. Krais am 28. 8. 15: »Daß man mit Hilfe der drei Farben ge­rade das Problem nicht lösen kann, mit welchem wir gegenwärtig be­schäftigt sind,

 

 

wird Ihnen aus der beiliegenden Zeich­nung alsbald klar werden.«

Die Zeichnung zeigt, daß die linearen Mischungen von zwei im Farbkreis weit­entfernten Farben wohl alle Zwischen­farben ergeben, aber unter starkem Reinheitsverlust. Damit war es also nichts.

Es begann das Unvermeidliche, nämlich, daß mein durch keinerlei andere Arbeit gehemmter Vater dem Arbeitsgenossen allmählich davon rannte. Dieser folgte

 

jedoch mit jugendlicher Gelenkigkeit und mit lebhafter Kritik und Mit­freude an den in Großbothen sich überstürzenden Ergebnissen, die ihm brieflich, bald in druckfertigen Abhandlungen, zugingen. Nicht lange und es folgte Buch auf Buch. »Schreibt zu viel und schließt zu kühn«! hätte ganz gewiß miß-

 

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billigend der übliche Chorus gesungen, wenn der Krieg nicht auch die Wissen­schaft zunehmend gelähmt hätte.

 

Ein farbhistorischer Briefwechsel. Der herzliche und unbe­fangene Briefwechsel durch 15 Jahre aufschießende Farblehre zwischen Dr. Krais und meinem Vater begleitet so anschaulich den Gang jener grundlegen­den Farbforschungen, daß er noch oft zitiert werden wird. Professor Krais - seit 1918 war er Professor und Vorstand an der chemisch-physikalischen Abtei­lung des Deutschen Textilforschungsin­stitutes in Dresden geworden - über­gab Ende 1938, wenige Monate vor seinem Tode, die bei ihm vorhandenen Briefe dem Archiv zur freien Verfügung. Ich konnte Fehlendes ersetzen, so daß der Brief­wechsel nahezu vollständig ist, eine der vielen Doktorarbeiten, die im Archiv schlummern.

 

Der erste gemessene Farbkreis. Erhöhte Reinheit schien den Unter­schied warmer und kalter Farben (Gelb-Rot und Blau-Grün) besonders deut­lich werden zu lassen. Gleichhelle Farben erwiesen sich psycholo­gisch als nicht gleichwertig. Was lag da vor? Das vermutlich physiolo­gische Problem des unabtrennbaren Schwarzanteils kalter Farben ist bis heute noch nicht befrie­digend gelöst. Damals protestierte Dr. Krais temperamentvoll mit seinem ge­übten FarbgefühI gegen die zu »blassen« und zu »dünnen« Farben, auf die sich mein Vater zurückge­zogen hatte, um im ganzen Kreis die gleiche Heilig­keit durchführen zu können. Dr. Krais hoffte noch immer, die Farbstoffe auf­zuspüren, wel­che sich wertgleich zu reinstem Zinnober und Ultramarin paar­ten. Mein Vater neigte eher dazu, einer exakten Messung und den Tatsachen zu trauen und schrieb am 15.10.15 etwas ungeduldig: »Die Sache liegt keines­wegs so, wie Sie mir unberechtigterweise zuschreiben, daß ich auf diese dunk­len Farben ganz verzichten will; ich will ihnen nur die ihnen zukommende Stelle im System anweisen. - In einigen Tagen hoffe ich mit meinem Farbkreis fertig zu sein. Die Arbeit war viel grö­ßer als ich erwartete. Jetzt endlich glaube ich alles erreicht zu haben und zwar nicht mit Lasurfarben, sondern mit Füll­farben auf Lithopone.«

 

Alles wurde bunt auf der »Energie«. Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, daß er ungerührt wochen- und monatelange Arbeit - wenn auch nicht Erfahrungen - in den Papierkorb warf, um mit besse­rer Methode neu anzufangen. Die Fällungen von Teerfarbstoffen auf Lithopone wurden eigenhändig ausgeführt und überall im Haus trock­neten bunte Häuf­chen auf Filtrierpapier, denn im Labor war schon kein Platz mehr. Auch der Farbforscher wurde bunt und bunter, nachdem es vorher vornehm Grau in Grau um ihn gewesen war, und es war unver­kennbar, an welcher Stelle des

 

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Farbkreises er arbeitete. Die feinpulverigen Teerfarbstoffe stäubten und färb­ten tückisch, und obschon er als kultivierter Chemiker eine äußerst saubere Art zu arbeiten hatte, die wir Frauen oft bewunderten, prangten die Finger­spitzen oft in schönsten Ostereierfarben. Mein Vater trug keine Laborkittel, auch früher nicht, und meine Mutter hatte ganz selten über Säureflecken auf den Hosen zu klagen. Jetzt konnte aber auch er nicht verhindern, daß die sommerlich helle Weste so mancherlei bunte Spritzer aufwies und daß, wenn er den Bauch einzog, um die Weste zu schützen, die tückischen Farblösungen auf die wei­ßen Leinenschuhe tropften, die er im Haus am liebsten trug. Da wußte er sich aber zu helfen, indem er, waren ihm die Schuhe zu bunt ge­wor­den, aus dem Regal die Dose mit Grau e oder g griff, eine Portion Farb­pulver mit einem Temperabindemittel anrührte, den Fuß auf ir­gendeinen Tritt stellte und mit breiten Pinselstrichen in wenigen Minu­ten ein Paar schöne, hellgraue Schuhe an den Füßen hatte. Das wie­derholte sich beliebig, bis die Gummisohlen durchgelaufen waren. Manchmal gerieten Farbstoffstäubchen auf Haupt- und Barthaar und kamen erst bei der Morgenwäsche zu präch­tiger Entfaltung, wenn der ganze Kopf wie üblich unter die Dusche gesteckt wurde. Eosin war sein reinstes Rot (bis er hinter seine optischen Tücken kam) und so habe ich meinen Vater mit rosaseidenem statt weißseidenem Haar erlebt; auch mit seegrünem Schein im Bart. Da er nie einen Hut trug, tat die Sonne bald das Ihre. Frau Nelly war viel zu sehr Gelehrtenfrau, um sich über die bunt werdenden Handtücher und sonstigen bunten Überraschungen im Haushalt zu erregen, sie hat sogar manchen aus der Wäsche kommenden Laborlappen bewundernd herumgezeigt, weil auf ihm die schönste Batik­malerei entstanden war. Nie war der Inhalt der Papierkörbe begehrens­werter für die inzwischen auf sechs angewachsene Enkelschar! Hunderte von Fehlfärbungen waren drin. Die Mütter waren nicht so restlos begeistert.

Der Labortisch sah meist wie zu einem Volksfest geschmückt aus mit seinen Reihen trocknender Buntfähnchen und mit seinen vielen Röhr­chen und Gläsern mit bunten Flüssigkeiten. Sogar die Kanten der Re­gale waren mit Linoleum­streifen benagelt und mit trocknenden Farb­fähnchen bedeckt. Für die Zehn­tausende von Handfärbungen, die einander folgten, war natürlich alles tech­nisch wohl organisiert. Die Papiere waren vorgelocht (Arbeit für die Abend­stunden, wenn der Kopf müde war); die Färbeschälchen hatten eine aus­probierte Gestalt und waren eigenhändig aus Pappe hergestellt und paraffi­niert; die mit Häkchen versehenen leichten Holzleisten waren auf Stative mon­tiert, sodaß man die mit Fähnchen beschickten beiseite stellen konnte. Han­delte es sich wie oft um getränkte Papiere, so erhielt die unterste Ecke noch ein Stückchen Filtrierpapier, um die unvermeidlichen Tropfen auf­zufangen. Es hielt von selbst. Die Waage stand an einer Schmalseite des Tisches, meist hing

 

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die Brille, die er zum Lesen und Ablesen kleiner Zahlen mit dem Alter brauchte, darüber. Daneben lag das aufgeschlagene Arbeitsheft mit dem Tintenstift und den lakonischen Arbeitsprotokollen. Auch diese Hefte waren selbst geschnitten (Weltformat) und geheftet, trugen eine laufende Nummer und eine Datierung mit durchgezählten Jahrestagen. Tag 100 war z. B. der 11. April, Frühlings­anfang, an dem er, manchmal vergeblich, erwartete, daß Strauch und Baum die ersten Blättchen zeigten; Tag 200, erste Juliwoche, war Hochsommer und an Tag 300, dem 3. November, hatten die Blätter zu fallen, was sie auch mei­stens taten, Winteranfang. Das Archiv besitzt einen großen Stoß dieser Hefte, die auch die Spuren seiner buntfarbigen Tätigkeit zeigen. Außer dem großen Labortisch in der Mitte befand sich an einem der zwei Nordfenster ein Mikro­skopiertisch, jetzt zum Farbmeßtisch eingerich­tet, und eine Ecke des Raumes war mit Pappwänden zu einer kleinen Dunkelkammer gemacht worden, aus der ein Pappschlot bis ans Nordfenster ragte. Mein Vater bastelte sich alle nötigen Apparate selbst zusammen, aus Holz, Pappe, Draht, Blech, Kork, alten Kameras und neuester, neu gekaufter Optik. Er vertrat die Erfahrung, daß alle Apparate ein schnell wechselndes Entwicklungsalter, ein Pappalter hinter sich haben müßten, ehe sie wert wären, in dauerhafterem Stoff fest­gehalten zu werden. Das nötige Handwerkszeug befand sich in einer weiteren Ecke des Raumes. Da stand eine kleine Drehbank, ein kleiner fester Tisch mit Schraubstock und ein dickes Stück Baum­stamm auf vier festen Beinen mit kranzartig ringsum angebrachten Werkzeugen. Andere Werkzeuge hingen auf einem Brett an der Wand. Hier hämmerte, sägte, schraubte, feilte, lötete und leimte der Denker hingegeben, denn die Handarbeit war ihm zeitlebens ein willkommener Ausgleich zur Kopfarbeit. Das Labor lag zu ebener Erde mit einer Tür, die direkt auf eine Terrasse und in den Garten führte.  -Heute fährt mein Rollstuhl dort hinaus.-  Sommers stand die Tür offen und er konnte jederzeit hinaustreten, um den heißgedachten Kopf zu lüften und die Glieder zu rühren. Hund und Katze benutzten mit Vorliebe die­sen vornehm stillen Ein­und Ausgang, zumal der vornehm Stille sie auch wortlos durchschleuste, wenn sie bei geschlossener Türe sachlich darum baten. In den ersten Großbothener Jahren mehr nur als Maler­werkstatt dienend, wurde der Raum jetzt wissen­schaftlich voll genutzt. Frau Nelly ging sich manchen Kuß dort holen und stellte leise manche Rose in einen Erlenmeyer (Laborglas) auf den voll­gekramten Labor­tisch. Die im Haus gebliebene Tochter saß, wenn die Arbeit im Laza­rett es zuließ, auf der andern Seite des Tisches, färbte, strich, maß und bezeichnete auch geduldig Farbblättchen nach Farbblättchen, mit inte­res­sierten Augen das Werden eines 100teiligen Farbkreises verfol­gend.

 

Über die Leitsätze von 1914 hinaus! Und damit sind wir wieder beim Dr. Krais, dem mein Vater am 27. 12. 15 geschrieben hatte. »Kennen Sie

 

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eine Firma, die gefärbte Gelatinefolien (zu Farbfiltern geeignet) her­stellt? Ich habe inzwischen das Problem der Farb­messung vollständig gelöst! Sie erhalten bald meinen Auf­satz darüber.«

Dies hatte sich mit einer Nachricht von Dr. Krais gekreuzt, die von sei­nem Plan berichtete, die Leitsätze von 1914 und die ersten Arbeitser­gebnisse in der Chemischen Gesellschaft, Tübingen, im Januar 1916 vorzutragen. Mein Vater ließ am 28. darum eine Postkarte folgen: »Ich bin allerdings über die Leitsätze inzwischen hinausgekommen. Hel­ligkeit ist keine unabhängige VariabIe, an ihre Stelle muß das »Grau« kommen, nämlich das Grau, das mit der reinen Farbe im Verhältnis der Reinheit vermischt die fragliche Farbe ergibt.« Am 30. schickt er dann die Abhandlung Das absoIute System der Farben122) in Korrekturfahnen. Die Quintessenz jener Ab­hand­lung hatte die Postkarte unübertrefflich zum Ausdruck gebracht.

 

 

 

BAHNBRECHERARBEIT

 

22. KAPITEL

 

Los von den klassischen Variablen. Es lagen heiße Arbeits­monate hinter meinem Vater. Tief hatte er sich in die Farben verbissen mit dem festen Vorsatz, ihre quantitative Beherrschung zu erzwingen. Erst dann wur­den sie zu dem unvergänglichen weil übertragbaren Kultur­mittel, das sie noch nicht waren. Leicht war es nicht gewesen, am schwersten vor der eigenen Ver­antwortung, sich von den klassischen Variablen: Farbton, Helligkeit, Sättigung (Reinheit) Ioszusagen, über das beste Wissen eines Helmholtz, des hochver­ehrten, hinaus. Das wollte tausendmal überlegt und begründet werden!

Und es war doch der Weg weiter!

In den Lebenslinien (3, 372) schildert mein Vater selbst die Vorgänge von da­mals. »Die entscheidende Rolle, welche von dem Schwarz gespielt wird, war der Leitfaden, an welchem ich mich aus dem Helm­holtz'schen Irrgarten heraus­fand. Wenn durch die An- oder Abwesen­heit von Schwarz zwei durch eine Dimension verschiedene Gruppen von Farben entstehen, von denen jede in sich geschlossen ist, so muß sicherlich Schwarz ein wahres Element der drei-

Zum 23. Kapitel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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faltigen Gruppe sein. War das so, so war ebenso sicher Weiß ein zweites Ele­ment. Und über das dritte war dann kein Zweifel: es war die reine oder ge­sättigte Farbe, die ich Vollfarbe nannte. - Sind Vollfarbe, Weiß und Schwarz die Elemente, so liegt folgende Ordnung vor:

Die unbunten Farben bestehen aus den Elementen Weiß und Schwarz, die unbezogenen (Spektralfarben) aus Vollfarbe und Weiß und die bezogenen (Körperfarben) aus Vollfarbe, Weiß und Schwarz.«

EwaId Hering , der Leipziger Physiologe, hatte schon lang vorher die gleichen Elemente gefunden; er hielt jedoch ihre quantitative Mes­sung für vollkommen ausgeschlossen. Auch jetzt ließ er sich von Wil­helm Ostwald nicht überzeugen, obschon er noch ein paar Jahre lebte und mein Vater dem von ihm Verehrten alles vorlegte. Er kannte noch nicht den Begriff bezogener Farben und auch nicht den der AI­bedo (vollkommene Weiße).

Wilhelm Ostwald war auf ordnungswissenschaftlichen Wegen und unter Aufsuchung der »ausgezeichneten Fälle« zum Ziele gelangt. Daß er überall natürliche Maßeinheiten vorfand: vollkommenes Bezugs­weiß, vollkom­menes Schwarz (Kirchhoffscher Körper) und den ge­schlossenen Farbtonkreis mit seinen Farbhalben, war ein besonderer Glücksfall. So konnte er mit Sperr- und Paßfiltern die Weiß- und Schwarzanteile auch der bezogenen Buntfarben messen, indem er ihnen das Bunt vorübergehend nahm. Und den Farbton bestimmte er, indem in seinem Pomi (Polarisationsfarbenmischer) der Gegen­farbton gefunden wurde (im 100teiligen Meßkreis), der sich mit dem zu bestimmenden zu Grau neutralisierte. Wie gut entsinne ich mich an den lebhaften Gesichtsausdruck meines Vaters in jener Zeit, an plötzli­ches gedankliches Stutzen und darauffolgendes tiefversunkenes Nie­dersitzen, an stürmische Wanderungen durch den Garten und an Er­weiterung dieser Wan­derungen auf die kriegsleere Landstraße, auf der man noch ungehemmter stürmen konnte, und an sein leidenschaft­liches Arbeiten im Labor.

 

Zwischenspiel. Einmal, Ende Oktober, riß er sich Ios, um als eine Art politischer Kriegsfreiwilliger nach Schweden zu fahren. Dort sah er Freund Arrhenius zum letzten Male für Jahre und dieser schrieb ihm dann später jene schon erwähnten Sätze über die zweiäugigen Diplo­maten, vor denen man sich in Acht nehmen müsse. Doch es waren gar nicht die Diplomaten, die ihm Übles taten, sondern es waren die guten alten Leipziger Professorenfeinde, die Rektor und Senat der Univer­sität zu einer offiziellen, gehässigen Miß­billigung in den Tageszeitun­gen willig gemacht hatten. Es war ausgerechnet wenige Tage vor Weihnachten, was in meiner Mutter helle Empörung auflodern ließ. Mein Vater, in voller schöpferischer Fahrt, hörte nur widerwillig hin und schüttelte die Störung so schnell wie möglich ab, weil sie gar so wi­derwärtig

 

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war. Alle die ihn wirklich kannten, zuckten die Schultern ob des Un­sinns. Kriegspsychose? Auch meine Lazaretter könnten keinen Zu­sammenhang er­raten zwischen den Anschuldigungen in den Zeitungen und all den offenbaren Freundlichkeiten im besten vaterländischen Sinne, die von diesem Manne aus­gingen, und zwar ganz still und ohne Brimborium. Die Großbothener dachten an das so wohlgeglückte Kin­derfest auf den Energie-Wiesen am 2. September, zuckten auch die Schultern und gingen an die letzten Weihnachtsvorberei­tungen. So wurde es ein unrühmlicher Schlag ins Wasser.

 

Die soziale Pflicht der Mitteilung. Im Januar 1916 hatte Dr.Krais seinen Farbvortrag vor der Tübinger Chemischen Gesellschaft gehal­ten und schrieb darüber: »Es ist bemerkenswert, daß alle Leute dem Farbenproblem das größte Interesse, gepaart mit größtem Unver­ständnis entgegenbringen. Nach meinem Vortrag hat sich eine leb­hafte Diskussion entsponnen, die so unvernünftig wie möglich war.« So unvernünftig wie möglich war auch die »Absolute Goetheduselei« (P. Krais), die von München aus, den wehrlosen Goethe als Schutz­schild benutzend, die neu aufgelebte Farbforschung an­fauchte und die Wissenschaft aus den heiligen Gefilden der Farbe mit starken Worten zu verweisen suchte. Die »Technischen Mitteilungen für Malerei« hat­ten dem unseligen Paar Horn-Kammerer ihre Seiten geöffnet; unselig nicht nur, weil sie vielen Künstlern die gesunde Entwicklung störten, sondern weil sie in den Revolutionswirren 1918 einen unglückseligen Tod fanden. - Mein Vater überließ damals die Fehde dem näherwoh­nenden Dr. Krais und den Münchener Physikern, die den fortgesetzten sinnlosen Schmähungen Newtons kurz und deutlich entgegentraten. Dieser Streit war aber wohl die Auslösung zu der späteren ruhig über­legenen, verständnisvollen Doppelpsychographie Goethe, Scho­penhauer und die Farblehre123), die er im Sep­tember 1917 zum Druck gab. Damals drängte anderes. »Eben bin ich im Be­griff, die ganze Angelegenheit (die Farbforschungen) ausführlich in den Abhandlungen der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften124) zu veröffentlichen; es wird als Zusammenfas­sung mehr­jähriger Arbeit beinahe ein Buch werden«, schreibt er An­fang Mai an Dr. Krais. 210 Seiten waren allerdings ein Buch, ein Buch voller Samenkörner und Forschungsknospen, durchsetzt mit bienen­fleißigen Versuchsreihen und neu erdachten Apparaten zur Farbmes­sung. Auf dem »grauen Weg« der unbunten Farben geht es zu den bunten Farben und zur Aufteilung in unbezogene (Spektralfar­ben) und bezogene (Körperfarben). Mit der Durchführung von Ge­genfarbigkeit und »innerer Symmetrie« kommt Gesetz­lichkeit in den Farbkreis, die Buntordnung aller Farben, und die Entdeckung des FarbhaIbs ermöglicht den Begriff VolIfarbe und die Farb-

 

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gIeichung  v+w+s = 1. (Vollfarbe, Weiß,            Schwarz). Die Körper­farben           mit ihren drei Elementen erfordern einen Ordnungsraum, ei­nen

 

Doppelkegel, den Farbkörper, wel­cher alle denkbaren Farben umfaßt. Eine unbunte Achse verbindet die Pole Weiß und Schwarz und an Äquatorstelle liegt der reinste Farbkreis, die hellklare obere Kegelfläche von der dunkelklaren unteren trennend. Den Innenraum füllen die trü­ben Farben. Man kann sich diesen Farb­raum in lauter Farbkreise aufgelöst denken, die in Grauachsennahe am trüb­

 

sten sind, man kann sich aber auch soviel Dreiecke vorstellen, als Farben im Außenkreis sind, und deren andere Ecken sich mit dem Weiß- und dem Schwarzpol decken würden. Jedes dieser Dreiecke würde das gleiche Bunt enthalten, aber mit den verschiedensten Un­buntanteilen. Und das Schöne und Neue: man kann sich diese Farben nicht nur vorstellen, man kann sie jetzt messen und an ihrem Platz ein­ordnen! Aus dem stetigen Farbkontinuum läßt sich nun eine gemes­sene, wiederholbare Farbordnung entwickeln, ein Farb­globus zum Zurechtfinden. Unser Farbwissen tritt damit aus dem bisherigen quali­tativen und primitiven Stadium endlich auch in das quantitative und wissenschaftliche Stadium. Zur Farbanalyse kommt noch die Farb­synthese125). Künftig wird die Farbe an allen Möglichkeiten des Ver­kehrs und der Mitteilung bis in die fernste Zukunft teilnehmen können.

Mein Vater äußerte sich in seiner Abhandlung übrigens viel beschei­dener, als ich es eben tat, und er entschuldigt sich sogar, weil die Fülle des Neuen noch keine Zeit für eine zweite erwünschte Genauigkeits­schicht gelassen habe. Die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Berlin, die er um Überprüfung und Ausfeilung seines Farbkreises mit ihren vollkommeneren Mitteln gebeten hatte, lehnte durch ihren Präsi­denten E. Warburg ab; sie sei von Kriegsaufgaben überlastet.

Das Buch brachte zu viel Neues auf einmal, und wer las mitten im Krieg die Sächsischen Akademieschriften. Die Farbwelt schwieg bis auf ganz verein­zelte Stimmen, und die lehnten ab. Der gute Dr. Krais sah zunehmend seine Aufgabe in der mündlichen wie schriftlichen Verbreitung der Forschungs­ergebnisse, denen er begeistert folgte.

 

Bamberg. Im Juni 1916 war eine Werkbundtagung im schönen Bam­berg, wo auch Dr. Krais anwesend war. Ich war mit drei Tagen Urlaub gleichfalls dort und habe noch eine lebhafte Erinnerung, sowohl an die ungewöhnlich

 

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schöne Stadt wie an eine gewisse Hast und Unfreiheit der Teilnehmer, typisch für die Kriegstagung. Meines Vaters Vortrag: Die wissen­schaftIichen Grundlagen des rationellen Farbat­las126) ging sichtlich an vielen Ohren vorbei, so anschaulich und klar er sprach. Die Kriegsprobleme lagen näher als der nun mögliche Farb­atlas. Er hatte nicht unterlassen zu versichern, daß solch ein Farbatlas keine Vorschriften machen, wohl aber neue Möglichkeiten und Sicher­heiten aufzeigen würde. Zum Schluß bemerkte er, daß der Energieü­berschuß des deutschen Volkes noch so groß sei, daß diese Kulturar­beit von übernationaler Beschaffenheit geleistet werden konnte, wäh­rend fast die ganze Welt uns angriff.

 

Katholisches. Unter denen, die begriffen hatten, und sich nachher um meinen Vater scharten, der Farbmessungen an seinem »Pomi« zeigte und Fragen beantwortete, befand sich auch ein hoher katholischer Würdenträger mit einem gelbroten Käppchen auf dem feinzügigen weißen Haupt und mit einer blauroten Gürtelschärpe um die tief­schwarze Soutane, ein entschieden dekorativer Anblick. Er ließ Käpp­chen wie Schärpe messen.

Ich weiß nicht, ob von diesem Farbenmeßgespräch ein Faden läuft zum Kloster Beuron und seinem Pater Schaller, der zu den ersten ge­hörte, die aus der neuen Farblehre Nutzen für die kirchliche Kunst und für den Farbunter­richt in der Schule zogen.

Es war nicht der einzige Pater, zu dem mein Vater wissenschaftlich in Be­ziehung trat. Wenige Jahre früher wurde er über die Energetik mit dem Benediktinerpater Staudenmeyer bekannt. Dieser besaß offenbar die Fähig­keit, seine Körperenergien durch seine Haut hindurch zu schicken. Mein Vater hatte geäußert, daß dies theoretisch ganz mög­lich sei. Die praktische Vor­führung während seines Besuches hatte der Pater als zu entkräftend ab­gelehnt. In der Folge wurde mein Vater mit spiritistischer Literatur aller Wert­grade überschwemmt; man hoffte ihn ganz zu gewinnen. Es war ebenso ver­geblich wie seinerzeit nach dem Lübecker Vortrag über die Überwindung des wissenschaftlichen Mate­rialismus.

 

Die FarbfibeI. Die Erfahrungen in Bamberg und mit den Münchner Künst­lern bestätigen die Klagen von Dr. Krais über Unkenntnis und Unverständnis in Farbdingen bis in die wissenschaftlichen Kreise hin­auf. Also fühlte sich der alte Lehrer gerufen zu einer »Schule der Far­ben«, ja, er machte noch weniger Voraussetzungen als bei der »Schule der Chemie« und nannte dies erste Ein­führungsbuch Die FarbfibeI. Wie eine richtige Fibel bekam sie auch eine Menge bunte Bilder zum Anschauen, nämlich über 200 handgefärbte Farb­muster, darunter eine Graureihe, ein 20teiliger Farbkreis und ein ers­tes farbton-

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gleiches Dreieck. Die Farbmuster waren nach einem dem Chemiker besonders liegenden Tränkverfahren hergestellt. Aus etwa sieben Stammlösungen wur­den die erwünschten Farben nach vorher berech­neter Vorschrift zusammen­gegossen, ordentlich nach Maß und Zahl, mit Pipette, Röhrchen und Fläsch­chen und mit der verblüffenden Si­cherheit, die gut vorgedachte Wissenschaft gibt. Die Brille auf der Na­senspitze, um die feinen Teilstriche auf Pipette und Meßzylinder bes­ser sehen zu können, goß er mit geübter Hand wie ein Zau­berer Trop­fen zu Tropfen, unermüdlich vom Tisch zum Ausguß wandernd, wo das zierliche Glasgerät ausgespült wurde. Das weiße, mit seinem zukünfti­gen Farbzeichen beschriftete Saugpapier (etwa 25 x 50 cm) wurde mit der paraf­finierten Klammer gefaßt, schwimmend über die Farblösung gezogen und dann mit der Klammer an einem durchs Labor gespann­ten Draht aufgehängt. Die tiefste Ecke mit dem sich bildenden Tropfen bekam ein sicherndes Papier­stückchen. Ganz ohne Unfälle ging es natürlich nicht; noch heute hat der grüne Linoleumfußboden viele bunte Tupfen. Der täglich wechselnde Anblick der schön abgestuften Farb­fahnen war allen Vorbeigehenden eine nie versie­gende Freude. Die getrockneten Fahnen wurden gepreßt, nachdem ihnen eine Ecke zur Meßkontrolle abgeschnitten war. Fehlfarben kamen unbarmherzig in den sehr großen Papierkorb.

 

Die FarbfibeI erwies sich als ein Meisterwurf. Dr. Krais hatte als Erster das Manuskript mit eigenhändig eingeklebten Farbmustern be­kommen und am 26. 9. 1916 geschrieben: »Prachtvoll, klar und leicht verständlich!« Er be­stellte gleich zehn Stück im voraus, denn er ge­dachte lauter Weihnachts­geschenke damit zu machen. Das taten of­fenbar viele, denn die erste Auf­lage von 1200 Stück war sofort vergrif­fen, schon im Februar 1917 folgte eine 2.-3. Auflage. Auch buchtech­nisch war die Fibel ein anerkanntes Meisterstück des Verlags Unesma. Es brachte elementare Freude nicht nur den Besitzern, son­dern vor allem auch allen an der Herstellung Beteiligten in jenem sonst so tieftraurigen Kriegswinter 1916/17, dem Kohlrübenwinter ohne Kohlen, Fett und Fleisch.

Es seien kurz die weiteren Schicksale der Farbfibel vorausgenommen. Die 2. bis 3. Auflage 1917 enthält bereits die endgültigen Farbele­mente Farbton, Weiß und Schwarz, aber noch heißt das letzte kurze Kapitel: Zusammen­gehörige Farben, nicht Harmonie der Farben. Die 4.-5. Auflage 1920 ist dann mit der 1918 erfolgten Durchführung der Farbnormung eine wesentliche Neubearbeitung und hat ein rei­ches Schlußkapitel: Die Harmonie der Farben. Statt des 20teiligen erscheint der 24teilige Farbkreis, der (farb­harmonisch wich­tig) durch 2, 3, 4, 6, 8 und 12 teilbar ist. Und die Graustufen werden von nun an Graunormen mit den Farbzeichen a-p. Die acht

 

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Hauptfarben: Gelb, Kreß, Rot, Veil, Ublau, Eisblau, Seegrün und Laub­grün blieben unverändert. Die Harmonie der Farben dagegen bekam erst Grund und Boden. Denn war Harmonie = Ordnung, so mußte man »um alle mög­lichen Harmonien zu finden, die möglichen Ordnungen im Farbkörper aufsuchen. Je einfacher die Ordnung ist, umso verständlicher ist die Harmonie.« (Farbfibel, 4.-5. Aufl.) Von der 12. Auflage 1924 an wird der 24teilige Farbkreis nicht mehr einfach dem 100teiligen entnommen, sondern für sich durchgezählt. Notwendige Unter­teilungen, z. B. für Meßzwecke, sind seitdem durch Dezimalstel­len zwischen­geschaltet worden. Dem Gelb 1 (00) liegt nicht mehr das Ublau 50, sondern das Ublau 13 gegenüber, und rechtwinklig dazu sind nicht Rot 25 und Seegrün 75 Gegenfarben, sondern Rot 7 und Seegrün 19. Auch wird von nun an vom ersten, zweiten, dritten Gelb, Kreß, Rot usw. gesprochen, was vielen sym­pathischer ist als die Zah­len.

Die 15. unveränderte Auflage erschien 1930, zwei Jahre vor meines Vaters Tod. Später ist bisher nur eine 1944 datierte Ausgabe erschie­nen, in welcher die durchgefärbten Farbmuster durch gestrichene er­setzt wurden.

 

Die aufregenden farbtongleichen Dreiecke. Die Möglichkeit, alle Farben (innerhalb der Materialgrenzen) des theoretischen Farbkörpers nun auch verwirklichen zu können, elektrisierte einen Wilhelm Ostwald und er machte sich mit der schon beschriebenen Methode im tiefsten neugierig an die Erforschung des Inneren der farbtongleichen Drei­ecke. Dr. Krais nannte dies: »Das Farbgewühl der Lebensmöglich­keiten eines Farbtons«. Niemand hatte so etwas bisher gemacht oder gesehen. Die Farbmessung ermöglichte ja nicht nur eine Analyse, sondern auch eine Synthese der Farben127). Syste­matisch wie immer begann mein Vater mit dem hellsten Farbton im Dreieck, mit 00 (1). Die Weiß-Schwarz Reihe war wohl bekannt, die Reihe Weiß-Voll­farbe war schon von den Pastellstiften her vertraut, blieb noch die Seite Voll­farbe-Schwarz. Sie brachte die erste Überraschung. Die gleichfalls geo­metrische Abstufung (wobei sich die Vollfarbe wie Weiß verhielt) erzeugte Farben, die man nicht gewohnt war, Gelb zu nennen. Man kannte sie als Oliv­grün und hätte sie nie als Gelb-Abkömmlinge ange­sehen. Aber die Gegenfarbenprobe im »Pomi« mußte jeden Zweifel unterdrücken; zum Neutralisieren brauchte man Blau und nicht Veil. Die nächste Überraschung zeigte sich bei dem Versuch, die helle Ecke des Dreiecks auszufüllen. Hier verschob sich der Farbton deutlich nach Rot und mußte mit einem grüneren Gelb abgestimmt werden, damit das Muster farbtongleich blieb. In dem Maß wie sich das Drei­eck füllte, wurde die Sache immer aufregender. Verfehlte Farben wurden meist nicht sofort als solche erkannt, aber sobald die Reihe fortgesetzt wurde, fielen

 

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sie deutlich heraus. Hinterher war das Gefühl ganz sicher, vorher höchst un­sicher. Ich weiß noch, mit welcher frohen Erwartung ich vom Lazarett heimkam, um immer wieder zu erleben, wie die neu gefärbten Proben sich anpaßten und vor allem, wie sie an sich aussahen. Mein Vater strahlte jedesmal und es dauerte nicht lange, so war das erste farbtongleiche Dreieck nach Maß und ZahI auf der Welt. Es brachte noch eine, die allergrößte Überraschung: es war unmittelbar, elementar schön! Trotz seiner Anfangsmängel lag es wie eine Of­fenbarung vor einem, voll innerer Gesetzlichkeit, wie ein Schmetter­lingsflügel, wie eine wohlgebildete Blüte. »Das aufschwellende Gefühl der Ver­hältnisse, Maße und des Gehörigen« (Goethe) beim Anblick beglückte jedes Mal von neuem. - Dreieck auf Dreieck wurde so bear­beitet und das Neue und Unerwartete nahm kein Ende. Im kressen Dreieck fanden sich die geheim­nisvollen Hauttöne und, oh Wunder, die biedere Farbe Braun entpuppte sich als ein schwarzreiches Kreß und war demnach keine Urfarbe, wie man harm­los angenommen hatte. Kreß war eine der Wortbildungen Wilhelm Ostwalds, die er den Deut­schen stillschweigend anbot. Das bisherige Wort Orange für die un­verwechselbare Farbe war ihm ein Greuel im deutschen Munde. Der »Gebildete« sprach es französisch mit fremdsprachigem Nasallaut aus; das Ladenfräulein sagte mit vollem Recht »Orangsch«, was sich nicht als Schrift­wort eignete; Apfelsin war dreisilbig, während die vier warmen Farben sonst einsilbig waren: Gelb, ... Rot, Veil. Also suchte er ein in Deutschland wach­sendes Vorbild und fand die Kapuziner­kresse, die wohl jeder kennt und die einsilbige Abkürzung Kreß.

Im roten Dreieck waren vor allem die graunahen Farben überraschend. Im veilen (ein altdeutsches Wort) Dreieck war das meiste neu, und im ultramarin­blauen (abgekürzt ublauen) stutzte man bei der sonst so geläufigen hellklaren Reihe, den Abmischungen von Vollfarbe mit Weiß. Diese waren für das Ge­fühl entschieden zu rötlich, d. h. die Gewohnheit wußte, daß verdünnte blaue Farbstoffe grünlicher ausse­hen. Wer hatte denn meßrichtige Buntgleichheit schon gesehen? Dr. Kreis machte sich interessiert mit Hilfe eines »Pomi« an die Messung der Baumann-Praseschen Farbkarten und kam zu dem Schluß, daß es bisher auch einem sehr erfahrenen FarbgefühI nicht möglich war, »einen Farbton durch seine gebrochenen Abkömmlinge konstant zu erhalten«. Baumann-Prase nahmen dies übel, empfanden die Überle­genheit der Wissen­schaft als böswillige Konkurrenz und verhielten sich leider bis heute dement­sprechend.

Mein Vater war unterdes bei den eisblauen und seegrünen Dreiecken ange­langt. Da gab es lauter neue Anblicke, aber ihre so wohlvertrauten Gegen­farben Kreß und Rot sicherten ihre Existenzberechtigung. Schließlich schloß das laubgrüne Dreieck den Kreis. Es enthielt kaum unerwartete Farben, aber

 

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es machte farbstofflich die größten Schwierigkeiten, da es nur wenige reine laubgrüne Farbstoffe gab und gibt.

Die fertig daliegenden acht ersten farbtongleichen Dreiecke wirkten magne­tisch auf den Beschauer; man konnte sich nicht Iosreißen. Das war unzweifel­haft Schönheit! Sie war ganz ungewollt erzeugt worden und zwar durch vor­her noch unbekannte Ordnung. Die Denkmühle setzte ein und im Unter­bewußtsein wuchs es und wuchs es.

 

Die Bergung der Ergebnisse über Raum und Zeit. Den Laien hatte die Farbfibel in unübertrefflicher Kürze eine ganz neue Anschau­ung von dem rätselhaften Begriff Farbe gebracht, was sicher dazu bei­getragen hat, diese Kreise auf das Deutlichste zu erwärmen.

Den Physikern trug mein Vater seine bisherigen Ergebnisse in ihrer eigenen Zeitschrift128) vor, ohne hier vorläufig auf Verständnis oder gar Mitarbeit zu stoßen. Aufhalten ließ er sich nicht; es wuchs ja längst alles aus eigener Kraft. Die Horizonte, welche sich auftaten, wa­ren von berückender Weite und Schönheit.

Das große Lehrbuch für den breit gedachten Benutzerkreis von For­schern, Technikern, Handwerkern, Lehrern und (vereinzelt) Künstlern ordnete sich ganz natürlich zu einem fünfbändigen Werk Die Far­benIehre. Nach der Wissenschaftspyramide hatte das erste Buch die mathetische Farb­lehre zu bringen, bevor die physikali­sche, chemische und physiologische folgten, alle die Vor­aussetzung für die psychoIogische Farblehre.

Im Oktober 1917 kam die mathetische FarbIehre129) in die Drucker­presse, ein Jahr darauf die physikaIische130): alles mit kriegs- und nachkriegsbedingten Verzögerungen. Die chemische FarbIehre131) wurde erst 1938 von Freund E. Ristenpart herausge­geben, und das für die psychologische daliegende konnte bis heute noch nicht veröffentlicht werden.

 

Der erste Farbenatlas. Neben der Arbeit am Schreibtisch war immer das Färben und Messen im Labor gelaufen, denn an dem Ziel eines Farbatlas hielt mein Vater mit Zähigkeit fest. Mitarbeiter gab es nicht in diesen schwersten Kriegsjahren, also wie immer: selber machen! Bei der Arbeit fehlte es nicht an »Teufelsschwänzen«, wie er zu sagen liebte, d. h. es gab uner­wartete Schwierigkeiten genug. Er schildert sie später132). Aber auch hier er­frischte, ja begeisterte die Schönheit des Entstehenden die daran Arbeitenden immer von neuem. Die Sekretä­rin war längst Laborantin geworden, ihr Büro Färbezimmer mit langen Reihen trocknender Buntpapiere für den Atlas. Meine

 

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Mutter stellte auch noch ihr letztes Wirtschaftszimmer des Stockwerks zur Ver­fügung, das mit Farbstoffkanistern und Papierregalen angefüllt wurde. Sogar in den Korridoren war die bunte Wäsche eingezogen. In diesem Hause ging die wissenschaftliche Arbeit allem anderen vor.

Mit der Fertigstellung des Farbenatlas hatten Autor und Verlag eine unvor­stellbar große Arbeitsleistung hinter sich gebracht. 2500 Farben hatte mein Vater mehrfach durch Kopf und Hände gehen lassen, für jede die Farblösung errechnet und eingestellt und die Ausfärbung durchgemessen, nach Farbton, nach Weiß und Schwarz. Und immer wieder hatte er verbessert. Der Verlag - Herr Dr. Fr. Manitz und Frau und Herr Dachsel in Leipzig - hatten 200mal 2500 Farbkärtchen ge­schnitten, beklebt, bezeichnet und auf über 100 Tafeln je Atlas richtig eingeordnet. Dies war nur durch die eindeutige Systematik möglich, welche jeder Farbe ihren unverwechselbaren Ort gab. Der Atlas war nach Kreisen gleichen Weiß- und Schwarzanteils geordnet, von denen manche 100-, manche 24teilig waren. Auch war jedem Kreis die ent­sprechende Grau­karte beigefügt.

Der Text zum Atlas enthielt u. a. ein vollständiges Dreieckschema für alle 105 Abkömmlinge eines Farbtons. Es hätte, ausgeführt, einen Farbkörper von 10500 Farben gegeben! Das war unausführbar und vorläufig auch unnötig, da noch die einfachsten Ordnungen neu waren.

Die Freude über das glücklich beendete Werk wurde stark beeinträch­tigt durch die Not der Zeit. Der verlorene Krieg drückte furchtbar, Arbeit blieb der ein­zige Trost.

Herz und Hirn haben keine Gelenke. Und wo war die Tochter Grete? Die hätte jetzt doch helfen können, denn das Lazarett hatte ja nun auf­gehört. Sie hatte sich im Lazarett eine schwere, allgemeine Gelenk­entzün­dung geholt und lag fast bewegungslos im Bett. Erst nach zehn Jahren kam sie da heraus, um im Rollstuhl weiterzuleben. Es war hart für Vater und Toch­ter, am härtesten, als er 1932 zum letzten Mal meine Hand, die nicht selber fassen konnte, faßte und wir beide wußten, daß wir uns nicht wiedersehen würden.

Im Gehirn hat man keine Gelenke, das war mein Glück, und das Herz hat auch keine. So konnte ich die Weiterentwicklung der Farblehre wenigstens geistig miterleben. Mein Vater hatte die liebe Gewohnheit angenommen, oft am Bett, später am Rollstuhl zu sitzen, von seiner Arbeit zu bringen oder zu erzählen, laut zu denken oder auch ausru­hend zu schweigen. Meine Mutter tat das Gleiche auf ihre Art und so blieb ich trotzdem ein Ort des Lebens und des Ausgleichs.

Als mein Vater seine »Lebenslinien« beendet hatte, 1927, fing ich heimlich an

 

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aufzuschreiben, was er bei mir laut dachte und erzählte. Ich hatte inzwi­schen gelernt, trotz steifen Arms, aus der Schulter heraus zu schreiben. Es kam mir zu unbescheiden vor, all dies für mich allein zu hören und zu behalten. Diese Aufzeichnungen, die ich nach einer Wendung in den LebensIinien »Gartenfrieden« taufte, sind mir bei diesem Buche sehr nützlich gewesen.

 

Fruchtbare Einsamkeit. »Jeder selbständige Fortschritt isoliert zu­nächst mit Notwendigkeit denjenigen, der ihn getan hat, seinen Zeitge­nossen gegen­über«, hatte mein Vater im September 1917 geschrie­ben133). Dies traf buch­stäblich ein. Auch Dr. Krais fiel seit 1918 als unmittelbarer Mitarbeiter aus, da ihn sein Dresdener Textilforschungs­institut ganz verbrauchte. Mittelbar blieb er ein aufrichtig Getreuer, auch in heiklen Lagen, für die Sache wie für meinen Vater. Sonst mel­deten sich aus der Wissenschaft vorwiegend Kritiker. Was tat's! In meinem Vater hatte die Harmonie der Farben unbewußt heftig ge­ar­beitet und drängte ins Bewußtsein. Sie war doch noch da, die alte Gestal­tungskraft; er hatte noch die Fähigkeit, »in kurzer Zeit ein gan­zes Gebiet mes­send zu durchforschen und mit einfachen Mitteln ein immenses Beobachtungs­material zu bewältigen«134), wie Freund van't Hoff dazumal so schön gesagt hatte. Das war Glückes genug.

 

 

 

DIE HARMONIE DER FARBEN

 

23. KAPITEL

 

Die künftige Forschung hat hier noch alles zu leisten. Schon 1914 hatte mein Vater an Dr. Krais geschrieben: »Es wird eine inte­ressante Frage sein, nachdem der Atlas fertig gestellt sein wird, die tatsächlichen Ge­setze vorhandener Farbharmonien an diesem Mate­rial zu studieren.« Der 1916 geschriebene Schlußsatz der Farbfibel, erste Auflage, lautet: »Vielleicht darf man ganz allgemein annehmen, daß jede einfache Gesetzmäßigkeit, nach welcher man aus den Farb­tönen des Farbkreises oder den Farben des Farbkörpers eine be­schränkte Gruppe auswählt, eine Farbharmonie eigener Art ergibt. Die künftige Forschung hat hier noch alles zu leisten.« Zeitlich folgt hier die Ausarbeitung des Farbatlas mit sei­nem riesigen,

Zum 24. Kapitel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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geordneten Anschauungsmaterial, und die erste Ausarbeitung quanti­tativer, buntgleicher Farbdreiecke mit ihrem einmaligen Augenerleb­nis. In einer An­zeige zum Farbatlas heißt es, daß die Farblehre neben der anaIytischen auch eine synthetische Aufgabe habe. Den Künstler und Techniker inter­essiere es weniger, in welche Bestandteile sich eine vorgelegte Farbe zerlegen läßt; was er braucht, ist eine sys­tematische Sammlung aller überhaupt mög­lichen Farben, um sie frei seinen Zwecken gemäß zu kombinieren und auf ihre gemeinsame Wirkung zu prüfen.

Jetzt waren solche Sammlungen vorhanden. Sie waren unter seinen Augen und Händen entstanden, Farbe auf Farbe, wie das Gesetz es befahl, das nach harter Denkarbeit gefundene. Und nun war Schönheit darin, wohin er auch blickte.

 

Ist Ordnung = Schönheit? Was hatte er denn getan? Er hatte eine Ordnung hergestellt, sorgsamste Ordnung, vor allem mit Hilfe des We­ber-Fechnerschen Gesetzes und der Prinzipien der Gegenfarbigkeit und der in­neren Symmetrie. Eine gesetzlich gestufte Graureihe war an und für sich schön! Ebenso die Geschlossenheit wertgleicher Farben. Die überraschendsten Schön­heiten barg jedoch das farbtongleiche Dreieck mit seinen Scharen geordneter Reihen. Was gab all diesen Farbreihen das überzeugend Harmonische? Wo­mit gehörten sie zu­sammen? Fraglos nicht nur mit dem gleichen Farbton, son­dern zugleich mit den Weiß- und Schwarzverhältnissen. Also Gesetzlichkeit = Schönheit! Kann man auch umkehren: Schönheit = Gesetzlichkeit? Die Denk­mühle arbeitete wieder Tag und Nacht. Es hörte sich so unmöglich, ja verrückt an, es war so gänzlich unerwartet. Glaubte man nicht wie jedermann, daß Schönheit, Kunst und Freiheit untrennbar waren? Andererseits, Willkür war ohne Zweifel unschön oder gleich­gültig. Auf welche Erkenntnisader war er hier gestoßen?

 

Das Buch und die Hauptschnitte. Was tut man, wenn man selbst über etwas klar werden will? Man versucht, es andern klar zu machen, also man schreibt ein Buch135) darüber. Der eigene Verlag Unesma ermöglichte sogar den Druck, der sonst bei dem Tiefstand der Wirt­schaft kaum zustande gekommen wäre.

Es war meinem Vater deutlich anzumerken, wie tief er von den neuen Ge­dankenwegen ergriffen war. Die Augen zeigten jenen typischen leuchtenden Fernblick, der weder durch Dinge noch durch Menschen abgelenkt wurde. Auto­matisch, herzenshöflich grüßte er Entgegen­kommende, wenn er auf der Land­straße in den Sonnenuntergang stürmte, aber sein Blick ging durch sie hin­durch in solchen Stunden. Im Labor arbeitete er mit Feuereifer an der Herstel­lung aller 24 farbton­gleichen Dreiecke. Der Schnitt durch den Farbdoppelkegel

 

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ergab eine Raute, bestehend aus zwei gegenfarbigen Dreiecken, die ihrerseits wieder in je 28 kleine Rauten aufgeteilt wurden. Die Ver­bindung wurde von der

 

Graureihe gebildet. Es war schon ein zauberischer An­blick! Strahlend brachte er mir eines nach dem anderen aufs Bett und schließlich baute er sie alle zwölf vor mir auf. Meine Mutter fand ihn immer wie­der in ihren Anblick versunken, das Unterschie­dene, hier war es ver­

 

bunden. Was hätte ein Goethe dazu gesagt? Das waren die An­schauungs­mittel für den künftigen Künstler wie Techniker, das war wissenschaftlich er­arbeitete Schönheit, das war Glück an sich!

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon geschrieben habe, daß ich die wis­senschaft­lichen Gesetze der Farbharmonie entdeckt zu haben glaube,« schreibt er an Dr. Krais, und bald darauf: »An den Farbhar­monien habe ich fleißig weiter­gearbeitet. Als vorläufiges Ergebnis schicke ich Ihnen zwölf Tafeln Hauptschnitte136) durch den Farb­körper. Die Ausführung ist noch etwas roh. Sie enthalten viel anschau­liche Belehrung. Weißgleiche, Schwarzgleiche und Schattenreihen (senkrecht unter einander) lassen sich mit einem Blick über­sehen. Auch lassen sie ahnen, wie schön die genau gemessenen Harmonien wirken werden, nachdem die bloßen chromatischen Tonleitern der Tafeln diesen Eindruck machen.« Im Buch »Die Harmonie der Far­ben« ist zu lesen auf Seite 1: »Harmonisch oder zusammengehörig können nur solche Farben erscheinen, deren Eigenschaften in be­stimmten einfachen Beziehungen stehen.« Und: »Die bisherige Farb­harmonik drehte sich um die Abstände und die Wirkungen der Farbtöne zu einander. Ihre unbunten Anteile fanden kaum Be­achtung. Man konnte sie auch nicht messen. Erst dann wurde ihr star­ker Einfluß be­herrschbar.« Im Vorwort jubilierte er: »Maß und Zahl ermöglichen zum ersten Mal die Aufstellung von Gesetzen einer wis­senschaftlichen Farbharmonik.« Aber er sieht Mißverstehen und Wi­derstände voraus und unterstreicht, daß dies neue Wissen kein Nürn­berger Trichter sei. »Es wird der Begabte wohl auch ohne Harmonie­lehre etwas leisten. Aber der gleich Begabte wird mit ihr sehr viel mehr leisten können, und die höchsten Leistungen können ohne aus­giebige Kenntnis darin überhaupt nicht erreicht werden.«

Das Vorwort schließt mit Goethes Versen:

            »In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister

            Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.«

Dies war die dichterische Fassung des aufbrechenden Gedankens der Farbnormung (was man normen will, muß man zuerst messen können), der zu-

 

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nehmend von meinem Vater Besitz ergriff. In der Oktober 1918 zum Druck gegebenen Physikalischen Farblehre, Die Farblehre Band 2 137), finden sich darum am Schlusse schon die Abschnitte: Farbnormen, das Kunst­gewerbe, die freie Kunst, der Unterricht.

 

Lehrmittel sind nötig. Theorie und Praxis waren bei meinem Vater nahe beieinander. Bald machte er sich die ersten genormten Decktün­chen (er sagte Tünche, um das Worte Farbe nicht zu mißbrauchen) und experimentierte drauf Ios. Dies sollten aber auch alle Leser des Har­moniebuches tun können. Diesem war zwar eine Graureihe, ein Farb­kreis und ein farbtongleiches Dreieck in kleinen Blättchen beigegeben, aber allzuviel konnte man damit nicht an­fangen, und er konnte es nicht erwarten, daß mit den neuen Mitteln gearbeitet wurde. So stellte er eigenhändig FarbpIatten mit je sieben wertgleichen Farbfladen zum Verkauf her. Dies war der Anfang einer endlosen Kette geld­lich verlustreicher Bemühungen, seine Zeitgenossen teilnehmen zu lassen. Er schreibt an Prof. Krais: »Ich warte nur auf den Frieden, um ein Far­benwerk für die Herstellung der neuen Lehr- und Forschungsmittel in größerem Maßstabe zu gründen, wozu ich bereits ein Gelände, das an die »Energie« grenzt, ge­kauft habe.« Die Energie-Werke wur­den tatsächlich 1920 gegründet.

 

Unglückliches Kriegsende. »Ich habe inzwischen, um durch die trostlosen politischen Verhältnisse, an denen man persönlich leider nichts än­dern kann, nicht um allen Schlaf gebracht zu werden (es war einige Zeit der Fall), für die Reclam-Sammlung einen Grundriß der Farblehre138) zu schreiben angefangen und bin eben damit fertig ge­worden«, meldete er im Dezember 1918 Professor Krais. Man merkt es diesem frischen Büchlein nicht an, aus welch trostloser Zeit es stammt, und seine glückliche Vereinigung von Theorie und Anwendung trug viel zur Verbreitung und zum Verständnis des bisher so schwer zugänglichen Gebietes bei, das sich Farblehre nennt.

Das Kunstgewerbe wurde hellhörig an manchen Stellen. Professor K. Gros von der Dresdener Akademie fragte an, »ob Sie bereit wären, zunächst mit einem kleinen Kollegium von verständigen Leuten aus Kunst, Handwerk, Indu­strie und Lehrerschaft in aufklärende Beratungen einzutreten.« Auch Professor Krais machte allerlei Vorschläge. Doch mein Vater antwortete: »Zurzeit habe ich keine Courage dazu, denn ich muß allerlei zum Wiederaufbau unseres Volkes schreiben, was meine Gedanken voll beansprucht.« Den Kaiser und Königen, die so schnell verschwanden, trauerte er nicht nach, das Höfische war ihm denkbar wesensfremd, so sehr er einzelne, menschlich hochstehende Herrscher zu schätzen wußte. Aber mit der Demokratie als dem Prin­zip der Mehrheitsbeschlüsse hatte er auch beträchtliche Bedenken in Richtung der Überlegung: es sind fraglos mehr unbegabte, ja dumme Menschen auf der

 

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Welt, also muß jeder Mehrheitsbeschluß zu Ungunsten der Gescheiten eines Landes ausfallen. Diese stellen aber ohne Zweifel die Organi­satoren, die Fortschritträger und Wissensvermittler eines Volkes. Sol­che Volksgenossen frühzeitig zu erkennen und auf dem geradesten Wege zur Wirkung zu brin­gen, ohne Rücksicht auf Geburt und Erzie­hungs- oder Standesdogmen, sollte ein Hauptziel aller Regierungsver­antwortlichen sein. Das war ein altes An­liegen von ihm, siehe »Große Männer« oder »Das Schulelend«! Von der da­maligen Sozialdemokra­tie, deren kraftvolle, volkserzieherische Bestrebungen er unbedingt bejahte, trennte ihn ebenso unbedingt der Begriff des Klassen­hasses und -kampfes. Dieser galt ihm nicht nur als grobe Energievergeudung, sondern auch als denkbar unsozial, von unten wie von oben, unwürdig einer Partei, die sich sozial nannte. Darum konnte ihn Freund Heinrich Peus nie zur Mitgliedschaft bewegen. Politisch sah er den Volksstaat mit all seinen Kinderkrankheiten voraus. Regieren will gelernt sein139). Ethisch versuchte er, die ins Wanken gekommene Arbeitsfreude der Deutschen durch eindringliche Anrufe140) wieder zu beleben und zu stärken. Und auf dem Gebiet der Er­ziehung faßte er all seine Lehrer­fahrungen nochmals zusammen141) und be­tonte von neuem, daß wirkli­che Ideale nicht hinten in der Vergangenheit, son­dern nur vorne in der Zukunft liegen können.

Für sich persönlich hatte er in ganz charakteristischer Weise die wüs­ten Revo­lutionsmonate ohne Post, ohne Eisenbahn, mit großer allge­meiner Unordnung, dazu benutzt, um still und beharrlich ein besonde­res Stück nützliche Arbeit zu tun. Am 64. Tag 1919 schreibt er an Pro­fessor Krais, Dresden. »Ich schicke Ihnen beifolgend ein Manuskript über die mikrochemische Untersuchung der mineralischen Farbstoffe, von dem ich nicht ganz sicher bin, ob ich es dem mikroskopischen Bil­derbuch (92 bunte Mikrozeichnungen) an­fügen soll. Jedenfalls gehört es in den dritten (chemischen) Band142) meiner Farblehre. Ich hoffe, Sie werden bei der Durchsicht etwas von dem Vergnügen empfinden, das ich gehabt habe; allerdings gehört eigentlich die Anschauung der entzückenden Kristallisationen dazu. Davon kann ich garnicht genug zu sehen bekommen. Diese Rückkehr zu meinen chemischen Kinderjah­ren mit der qualitativen Analyse ist wahrscheinlich senil, aber in diesen trüben Tagen des Massenwahnsinns muß man seine Lebensfreude nehmen, wo man sie findet.« Die Mikrochemie wurde fortgesetzt und er untersuchte den Malgrund der Cu­sanischen Himmelskugel143), von der ihm ein winziges Stückchen geschenkt worden war.

 

Die Farbnormen. So nannte Wilhelm Ostwald ohne viel Aufhebens die 680 dem Farbkontinuum möglichst gleichmäßig entnommenen und durch Maß und Zahl festgelegten Farben seiner Anschauungstafeln und Werke von nun

 

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an und zum Unterschied von den Farben des ersten Farbatlas, die eine wissenschaftlich genaue, farbharmonisch viel zu umständliche, analytische Be­zeichnung trugen: Die Kennzahl aus drei Zahlenpaa­ren. Da Harmonien Empfindungen sind, verlangen sie einen empfin­dungsgemäß geordneten, den logarithmischen, Fechnerschen Farb­körper. Und das Farbzeichen, wie es genannt wurde, mußte kurz und bündig sein und eine Anschauung der be­nannten Farbe geben. Die Buchstabensymbole der Graureihe hatten sich un­mittelbar auch für die Weiß- und Schwarzanteile der Buntfarben angeboten, die Zahlen der Farbtöne konnten bleiben. Die erste Durchführung und An­wendung dieser Farbzeichen lag in den 12 Tafeln, den Hauptschnitten des »Farbkörpers« vor, dessen Text schon eine Harmonielehre war.

Trotz der bösen Zeitschwierigkeiten, Streiks und Materialmangel, brachte der Verlag Unesma Werk auf Werk heraus. Neben den 12 Rauten des Farbkörpers erschienen die 680 Farbnormen auch als 28 wertgleiche Kreise, die, bei Gelb aufgeschnitten, in Leiterform wie die Grauleiter angeordnet waren und FarbtonIeitern 144) hie­ßen. Für den Unterricht folgte im gleichen Jahre 1919 noch Die Farbschule 145) mit der Doppeltafel Der kleine Farbkör­per (die Hauptschnitte der acht Hauptfarben in abgekürzter Kleinaus­gabe). Ein vier Seiten langes Schriftchen Die Farbnormen146) brachte das Grundsätzliche darüber und die eingehendere Schrift Farbnormen und Farbharmonien147) diente zugleich als Text für den 1920 folgenden ersten Farbnormenatlas148), der statt der 2500 Farb­muster des ersten Atlas nur 680 Normen brachte. Die 680 Farbnormen als malfertige Decktünchen in wasserlöslichen Fladen erschienen gleichzeitig unter dem Namen FarborgeI, zuerst der Öffentlichkeit bekannt gemacht durch den Aufsatz gleichen Na­mens in der vielgelesenen Zeitschrift Prometheus149).

Nicht nur der buchhändlerische Erfolg der Farbnormenwerke war über­raschend groß, auch die Presse wimmelte von meist begeisterten, wenn auch wenig verstandenen Referaten und Notizen. Die Journalis­ten stürzten sich offenbar entzückt auf die neuen Wortgebilde wie Farbnormen, Farbleitern, Farbkörper und vor allem Farborgel, die Begriffe waren ihnen oft umso frem­der. Namentlich das Stichwort FarborgeI erschien in den unwahrschein­lichsten Blättern. Es wurde unweigerlich hinzugefügt, sie sei ein kleines Schränk­chen mit 28 Re­gistern. Noch war es jedoch ein handgebasteltes Pappgehäuse mit 15 Registern, d. h. 24teiligen Farbkreisen in Decktünchen, meist ver­schenkt an alle, von denen Mitarbeit zu erwarten war.

Ja, Mitarbeit! Grete lag steif im Bett, die anderen Kinder, nun alle ver­heiratet, bauten heftig am eigenen Beruf, die Laborantin Margarete Pinkert reichte bei allem Fleiße nicht aus, und meines Vaters leis­tungsgewohnte Riesenkraft

 

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zeigte immer häufiger, vor allem in den Wintermonaten, daß sie natür­liche Grenzen hatte. Fürs erste fand sich ein Assistent, ein junger, hei­matvertrie­bener Balte, welcher bald die Farbmessung beherrschte und die Einstellung von Farbstoffen auf Normen, eine sehr viel schwieri­gere Arbeit, meinem Vater zunehmend zu Dank abnahm. Herr Douglas war verheiratet und meiner Mutter war es eine Freude, den jungen Landsleuten zu helfen, wo sie konnte. Im Labor ging es also auch ohne meines Vaters ständige Anwesenheit weiter, das war eine kleine Be­ruhigung. Denn sonst erhob sich riesengroß die Sorge: wer führt diese aussichtsreichen Farbforschungen weiter, wenn mich hohen Sechziger die Kräfte verlassen oder der Tod mich plötzlich holt?

 

Organisationsversuche und eigenes Lehren. Ein Versuch, An­fang 1919, im Anschluß an die Technische Hochschule Dresden ein In­stitut für Farbkunde zu gründen, gelang nicht. So versuchte mein Vater, mit einer Denkschrift weitere Kreise zu interessieren und fand gleich in mehreren Orten Widerhall. In Leipzig hatten die Volksschullehrer eine be­geisterte Arbeitsgemeinschaft unter Lehrer E. Borchers gebildet, und der Bürgermeister war nicht abgeneigt. In Mei­ßen arbeitete die Porzellanmanu­faktur bereits mit der neuen Farbord­nung und ihr künstlerischer Leiter, Pro­fessor Achtenhagen, hatte ge­schrieben: »Erstaunlich ist es, daß bisher in dem wunderbaren, unend­lich weiten Gebiet der Farbe nur das Gefühl, gestärkt durch Erfahrung, Führer war. Erst in neuester Zeit ist das anders geworden. Durch die scharfsinnige Gedankenarbeit Wilhelm Ostwalds ist, als wenn ein Zau­berstab sie angerührt hätte, die ganze Farbenwelt in eine geniale Ord­nung gebracht worden. Im Farbkörper hat jede auch nur denkbare Farbe ihren ganz bestimmten Platz gefunden. Es ist ein Vergnügen, sich in Ge­danken die unzähligen Farbharmonien auszumalen, die man durch syste­matische Griffe dieser köstlichen Farbenwelt entnehmen kann.« In Chemnitz waren Bürgermeister Hübschmann, die Handels­kammer, die Lehrer und vor allem der Farbchemiker Professor Dr. E. Ristenpart von der Akademie für Technik sehr bereit, die Werk­stelle für Farbkunde in Chemnitz zu gründen. Aber die Lan­deshauptstadt siegte. Hier hatte nicht nur der vortreff­liche Professor Krais glänzend vorgearbeitet, hier hatten sich Oberbürger­meister Blüher und das Wirtschaftsministerium tatkräftig der Gründung an­ge­nommen, und sächsische Industrielle, an der Spitze Direktor Bub von den Nerchauer Farbwerken, trugen maßgebend zur Finanzierung bei. Als Leiter war Professor F.A.O. Krüger, der einen guten Namen im Kunstgewerbe hatte, und den die neuen Möglichkeiten begeisterten, gewonnen worden. Die Be­schaffung von Raum machte große Schwie­rigkeiten im Nachkriegs-Dresden, desgleichen die Übersiedlung Pro­fessor Krügers, und so wurde es Septem-

 

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ber 1920, bis die Werkstelle wirklich an die Arbeit gehen konnte. Un­terdessen arbeiteten Chemnitz und Meißen schon lustig drauf los und in Großbothen mehrten sich die Anfragen um Vorträge und Kurse.

Mein Vater, immer tiefer in die Harmoniemöglichkeiten verbissen, be­schaffte sich Ornamentwerke zum Studieren von bisherigen Harmo­nielösungen. Er hatte eine nie versiegende Freude daran, die ge­fühlsmäßig angestrebten Farb­harmonien in jetzt mögliche bewußte zu übersetzen und gegebenenfalls zu verbessern. Das brachte täglich neue Überraschungen, Bestätigungen und Ausblicke. Er fieberte nach Mitteilung und nach Mitarbeit.

In dieser inneren Verfassung hielt er einen folgenreichen Vortrag über D i e Grundlagen der Farbkunde und der Farb­kunst150) am 9. 9. 1919 auf dem Stuttgarter ersten Farbentag. Die echte eigene Begeisterung zündete unwiderstehlich, forderte aber zugleich den typisch deutschen Wider­spruch heraus, vor allem bei den Kunstgelehrten und den ihnen hörigen Künst­lern. Letztere hatte er besonders mit einem tatsächlich zeichnerisch verunglück­ten Muster, das er zu eilig angefertigt hatte, mißtrauisch gemacht. Dr. W. Riez­ler, namhafter Kunsthistoriker, schrieb nach Stuttgart: »Wahrscheinlich hat noch nie ein einzelner Mensch einen so starken Angriff auf die Freiheit der Kunst gemacht, wie es hier durch die Ostwald'sche Farblehre ge­schehen ist«151). Das sind wohlgesetzte Worte eines besorgten Nicht­künstlers, die man gelten lassen wird. Aktive Künstler sind sorgloser und weniger feierlich. Dafür entgleiste Dr. P. F. Schmidt, Museumslei­ter in Dresden, umso bedenklicher in einem »Die Farborgel«152) über­schriebenen Referat. Er erzählte den Lesern, der Farbentag sei zur »höheren Glorie Ostwalds« gestartet worden. Dieser habe zwar be­hauptet, die Künstler noch gütigst mit seiner Farblehre ver­schonen zu wollen, doch ihm sei nicht zu trauen. »Ich weiß nicht, was man tun soll, wenn die Werkstelle für Farbkunde nun auf die harmlosen Bürger und Kindelein losgelassen wird; es wird vielleicht nichts übrig bleiben, als sie durch Lächerlichkeit zu töten, ehe sie mit dem Ernst und der Gründlichkeit, die wir Deutschen an alle Narrheiten wenden, die Un­schuId der Farbe geschIachtet haben wird.«153) Hiermit begann ein noch heute nicht ganz verstummtes, oft hysteri­sches Geschrei aus dem Lager der Kunst­schreiber, von meinem Vater der Suppenkasparchor (ich esse diese Suppe nicht, nein, diese Suppe ich nicht) genannt. Ganz besonders schwer fiel es diesen Leuten, das Sachliche vom Persönlichen zu trennen, und so schrieb er mit Protest an die rührigen Anhänger in Meißen, die einen Wilhelm Ost­wald Farbenverein gründen wollten, am 354. Tage 1919: »- Den Gedanken, den Allgemeinen Deutschen Farbenverein mit meinem Namen zu bezeichnen, lehne ich mit aller Bestimmtheit ab. Mir wäre es oft lieber, wenn ein Anderer die Sache gemacht hätte, weil ich dann kräftiger für sie eintreten könnte.«

 

(Ende Seite 208)

 

 

 

 

ORDNUNGSLEHRE ÜBERALL

 

24. KAPITEL

 

Chemischer Gedankeneinbruch. Unter den Empfängern der Denk­schrift zur Gründung einer Werkstelle für Farbkunde befand sich auch Geh. Rat F. Oppenheim vom Anilinkonzern, Berlin, der mit einem un­gewöhnlich freundlichen, langen Brief antwortete und alte Zeiten he­raufbeschwor. Der Antwortbrief meines Vaters enthält soviel Doku­mentarisches, daß ich ihn voll­ständig hersetze:

»356. 19. Lieber Herr Geheimrat: Herzlichen Dank für Ihr freundliches Schrei­ben, das mich an lang vergangene Zeiten so angenehm erin­nerte. Auch ich habe mir zuweilen die Frage vorgelegt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich meinen chemischen Eingriff in die Weltgeschichte154) unterlassen hätte. Aber dann hätten wir den Feind nach vier Wochen im Land gehabt, während uns so das unmittelbare Kriegselend erspart blieb. Es wird also doch besser gewesen sein, wie es war.

Wie Sie wissen, habe ich für diese Sache keinerlei öffentlichen Dank oder An­erkennung erhalten. Ebensowenig dafür, daß der Gedanke der katalytischen Ammoniaksynthese gleichfalls von mir herrührt, wie auch Haber in seiner er­sten Veröffentlichung ausgesprochen hat. Ich hatte sie seinerzeit zum Patent angemeldet, da kam eine lange Erkrankung dazwischen und die experimen­telle Durcharbeitung unterblieb. Auch dies ist also zu einem guten Teil dem Konto W. O. noch gutzuschrei­ben, denn auch hier ist die Anerkennung aus­geblieben.

So habe ich mich denn schließlich auch nicht sehr gewundert, daß der Anilin­konzern mich durch Herrn Geheimrat Duisberg wissen ließ, daß er mir in der Farbsache, die ihn unmittelbar angeht, die Mithilfe wei­gert. Denn die Klagen über schlechten Geschäftsgang, mit denen er höflicherweise die Ablehnung verbrämt, sind bei der verhältnismäßig geringen Summe, um die es sich han­delt, eben nur Höflichkeitsfor­meln. Es ist mir als Deutschen schmerzlich, daß meine Entdeckungen, die seit Newton den ersten großen Fortschritt der Farben­lehre bringen und die ich für Deutschland ausschließlich nutzbar zu machen bestrebt bin, kein Verständnis an einer Stelle finden, die sich sonst berühmt, für die Wissenschaft offenes Auge und offene Hand zu haben. Das gibt einen dauernden Fleck in der Wissenschaftsgeschichte.

 

 

 

Zum (vorläufigen) Ende

 

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nach oben

Doch genug von diesen unerquicklichen Dingen. Die Sache geht im übrigen mit schnellen Schritten voran und die künftige Deutsche Werk­stelle für Farb­kunde, die demnächst in Dresden errichtet werden wird, beweist ihre Lebens­kraft dadurch, daß sie Kinder kriegt, bevor sie selbst auf der Welt ist. In Meis­sen (Keramik) und Chemnitz (Färberei) sind Zweigstellen bereits gesichert. Berlin ist unterwegs.

Mit den besten Grüßen Ihr ergebener      Wilhelm Ostwald.« Das Be­dürfnis des alternden Menschen, seine Angelegenheiten möglichst zu ordnen, und ein starkes Pflichtgefühl ließen ihn jetzt auch eine über­nommene chemisch-literarische Aufgabe ausführen. Sein chemischer Mitarbeiter, Pro­fessor C. Drucker, war aus dem Kriegsdienst zurück­gekommen und das un­mittelbar vor dem Krieg geplante große Hand­buch155) wurde nun in An­griff genommen. Nach seinen neuen und in der Farblehre so bewährten Er­kenntnissen und Erfahrungen in der Ord­nungswissenschaft und in der Organi­satorik schnitzte er aus ganzem Holz, und die 120 Seiten seines Mathetischen Beitrags für seine alte Wissenschaft sind konzentriertester Wilhelm Ostwald. Wie so oft fiel auch ein Zeitungsaufsatz dabei ab156).

 

Brücken- und DIN -Format. Noch von ganz anderer Seite kam eine Veranlassung zu mathetischer Mitarbeit. Der Normenausschuß für das graphische Gewerbe tagte in Leipzig und hatte ihn dazu gebeten. Es ging um die Papierformate und natürlich vertrat mein Vater das Weltformat der Brücke. Wie es ihm immer öfter geschah, machte es ihn ungeduldig, daß die Übrigen an allen Einwendungen kleben blieben, die für ihn längst erledigt waren, und mit vielen »Uff, uffs« fing er wieder von vorne an mit Erklärungen. Wegen der energie­vergeudenden Ungeduld schalt er sich immer selbst aus, und im letzten Lebensjahrzehnt war er diesbezüglich die Güte selbst. Du mußt es nicht nur dreimal, du mußt es dreiunddreißigmal sagen, dachte er oft laut. Es dauerte übrigens noch einige Jahre, bis aus dem Weltformat der Brücke das DIN-Format geworden war, auf gleichem Prinzip, aber mit anderem Ausgangsmaß. So paßte es dann in die Schübe und Fä­cher der bisherigen Büromöbel, es war nur etwas kürzer als das bishe­rige. Nicht unwesentlich be­teiligt war ein heller Sachse, Dr. Walter Porstmann, der zur Zeit der Brücke und des Buches »Ordnungslehre« Sekretär bei Wilhelm Ostwald gewesen war und für den nun ein Le­bensinhalt und -unterhalt daraus erwuchs. Mein Vater wurde nicht wei­ter gefragt und war's zufrieden, denn der grundsätz­liche Fortschritt war ja erreicht und hat sich bewährt.

 

Immer wieder: selbermachen! Am 9.Aug. 1919 war Ernst Haeckel leise und tapfer aus der Welt gegangen. Jetzt hielt meinen Vater nichts mehr beim Monistenbunde; er hoffte dem verunglückten Deutschland mit seiner

 

(Ende Seite 210)

 

Farblehre sehr viel unmittelbarer zum Wiederaufbau helfen zu können. Im gleichen August 1919 schrieb er an Professor Wegscheider, Wien: »Ich erlebe eine neue schöpferische Zeit und halte die Farbarbeiten, die ich während des Krieges gemacht habe, für das beste Werk mei­nes Lebens.« Aber daß man alles Gute und Richtige viele Male sagen müsse, das zeigte sich unaufhörlich und besonders. »Die gelehrte Welt hat bisher vermieden, an solchen Arbeiten teilzunehmen.«157)

Wie nötig war die Werkstelle für Farbkunde, wie nötig waren die neuen LehrmitteI, vor allem genormte Papiere und Farbstoffe, wie nötig waren Mitarbeiter jeder Art, denn fünf Wissenschaften: Ordnungslehre, Physik, Chemie, Physiologie und Psychologie waren beteiligt! Mein Vater federte vor Arbeitslust und -freude und verstand einfach nicht, wie die übrige Welt zögern konnte, das schöne Neuland zu besiedeln und zu beackern, um die Schönheit auf Erden zu vermeh­ren und jedem zugänglich zu machen. Das war doch ein großes sozi­ales Anliegen, kein persönliches Ästhetentum, auch kein Geschäft und keine Eitelkeit! Warum verstand man ihn nicht? Also wieder einmal, noch einmal: »selber machen«! Wie ein trächtiges Tier, das mit ele­mentarem Muß Ausschau hält nach einem sicheren Ort für seine Jun­gen, kam mir mein Vater damals vor, und ich hätte alles drum gege­ben, ihm helfen zu können. Nie werde ich es darum meinem jüngsten Bruder Otto vergessen, wie er sich schnell und umsichtig zur Verfügung stellte, die Energie-Werke be­gründete und einige Jahre leitete. Als Oberingenieur lag ihm die maschinelle Organisation, und es waren noch viele Erfindungen nötig, bis die Herstellung von normgemäßen Farbpillen, Buntpapieren und Farborgeln im Großen lief. Als Sohn kannte er seines Vaters gefährlichen Ideenreichtum, dem die kauf­männische Vernunft stark auswählend entgegentreten mußte, und er war sohnlich genug, um doch Versuche über Deutsche Tusche, Zeug­druck, Tinten­trost, dreikantige Pastellstifte, nicht faulenden Kleister, mit vorgemischtem Bindemittel versetzte Farbpulver, Ausfärbung von Farbnormen auf Wolle, dann auf Seide usw. zu organisieren. Daneben lief die Herstellung genau eingestellter Grauleitern, 100teiliger Bunt­kreise für Meßstreifen, selbstgegos­sener Filter für die Meßinstrumente und all des Illustrationsmaterials für die Bücher und Tafelwerke im Verlag Unesma. Die Fibel hatte bereits die zehnte Auflage. Farb­schule, Harmonie der Farben, mathetische und physika­lische Farb­lehre waren neu zu bearbeiten, nachdem eine Abhandlung für die Psy­chologen158) und eine neue Zusammenfassung für die Physiker159) ge­macht waren. Er brachte die Meßbarkeit der Farben und ihre Ordnung in Zusammen­hang mit der Keramik, mit der Dermatologie, mit der Kriminologie, mit der Werbekunst, mit dem Kindergarten, mit den weiblichen Handarbeiten und ihren Stick- und Strickgarnen usw. Er schrieb nicht nur im Börsenblatt für den

 

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Deutschen Buchhandels 160) über die Sammelschrift als Zu­kunftsform des Schrifttums, er gründete selbst eine Sam­melschrift: »Die Farbe«, in welcher er auch aktuell gewordene alte Ab­handlungen von To­bias Mayer, Joh. Lombert, Ph. O. Runge wieder abdrucken ließ und selbst viele wichtige Beiträge lieferte. Er war sehr glücklich, Familie und alle An­gestellten strahlten gern zurück und über­all dampfte es von Eifer und Fleiß.

 

Die LehrerweIt. Besonders am Herzen lag meinem Vater die Ausbil­dung der Lehrer. Auf erfolgreiche Leipziger Lehrerkurse folgte im De­zember 1920 der erste Deutsche Lehrer-Farbentag in Dresden, erst­malig in Werkstellen­räumen, mit guter Breitenwirkung. In Meißen ar­beitete eine städtische Farb­schule. Anfang Januar 1921 war dann ein mehr als dramatischer Farbentag in München, auf welchem leider der Werkstellenleiter Professor Krüger kein guter Sekundant war und wo Mißverstehen, Unkenntnis und wütende Gegner­schaft sich ungemein bajuwarisch äußerten. Unmutig kam mein Vater nach Haus, so viel Un­sinn, Ungeschick und Unmanier war ihm lange nicht begegnet. »Maler sind sehr dumm!« seufzte er, »nein, sie sind noch dümmer!« Und da­bei hatte er doch eine unglückliche Liebe zu ihnen und glaubte, ihnen ein Ge­schenk zu bringen von Seiten der Wissenschaft; denn sie waren es ja, welche die so von ihm ersehnten Werke mit den neuen Mitteln schaffen konnten. Aber sie erwarteten von ihm, dem Chemiker, neue, schöne, lichtechte Farbstoffe, durchaus nicht geistige, begriffliche Farbneuerungen. Daß die von ihm be­nutzten Farbstoffe lichtecht wa­ren, interessierte ihn erst in zweiter Linie, am wichtigsten war, daß sie den psychologischen Forderungen entsprachen, erst­malig da waren, wie das Gesetz es voraussagte. Er hatte nicht Farbstoffe, er hatte Farbdenken, Farbordnung verbessert. Das war tragisch hoff­nungslos. Gern kam er zu seinen sächsischen Volksschullehrern zu­rück, die so schwungvoll an der Arbeit waren. »Der sächsischen Leh­rerschaft, welche als erste die unabsehbare Kulturbedeutung dieses Fortschritts erkannt und ihn alsbald der Jugend zugeführt hat, wird die­ses führende Vorgehen zu dauern­dem Ruhme gereichen«, versäumte er nicht bei Gelegenheit festzulegen 161). Auch an den Leipziger Be­rufsschulen und an der vorzüglichen Maser'schen Lehranstalt für Buch­drucker wurde die neue Lehrbarkeit der Farbe energisch und erfolg­reich ergriffen. Die Herren R. Engel-Hardt, H. Dilling, W. Hasenohr, E. Borchers, G. Streller, W. Strasser haben diese schönen Jahre noch heute nicht vergessen. Ein Farbentag des graphischen Gewerbes nahm das Ost­wald-System als das beste bisherige an. Dieser Beschluß blieb jedoch ohne praktische Folgen.

 

Gegnerschaft. Denn zu der Münchner Feindlichkeit, deren Mittelpunkt Professor Dörner hieß, kamen viel einflußreichere Gegner, die im Werkbund

 

(Ende Seite 212)

 

und in der Farbstoffindustrie saßen. Die I. G. Farbenindustrie z. B. ve­ranlaßte ihre Vertreter, die Kundschaft vor der Ostwald'schen Farb­lehre zu warnen. Professor Dr. E. Ristenpart von der Chemnitzer Fär­bereischule an der Aka­demie für Technik wußte es zum Glück besser. Aber ihre Farbkarten ordnete die I. G. doch nach Ostwald, der Kund­schaft sehr zu Dank. Die Entwerfer wurden vor der »Einengung durch Normen und Harmoniegesetze« freundlich gewarnt. Das stärkste Stück mißverstehender Feindschaft leistete sich der Stuttgarter Kunst­professor Dr. Hans Hildebrandt, ein Teilnehmer des ersten Farbenta­ges von 1919. Frühjahr 1921 versandte er seine »Verwahrung« mit der Bitte um Unterschrift an alle Ministerien, Schaffenden, Sach­verständigen und Kunstfreunde. Ich zitiere daraus wörtlich: »Wir legen Verwahrung ein, daß Wilhelm Ostwalds Farb- und Harmonielehre zur Grundlage des Farb­unterrichts an Kunst- und anderen Schulen ge­macht wird. -Ist eine Förderung des künstlerischen Schaffens und eine Förderung des Kunstverständnisses von ihrer Einführung zu erwarten? Diese Frage muß unbedingt verneint werden. Die Einführung der Farb- und Harmonielehre würde eine Knebelung des freien Schaffens und damit eine gar nicht wieder gutzumachende Schädigung der heran­wachsenden Generation bedeuten.« Mein Vater war einigermaßen ver­blüfft, daß man ausgerechnet ihm, dem so überzeugten freien Forscher eine Knebelung der Kunst unterschob, und ausgerechnet ihm, dem altbewähr­ten Lehrer und Lehrbuchschreiber eine Schädi­gung der Jugend vorwarf. Den schulischen Wert hatte sogar die I. G. Farben besonders anerkannt. Noch niemals in der Geschichte hatte es eine öffentliche Verwahrung gegen eine bisherige Farblehre gegeben. Hatte man vielleicht Furcht vor der ersten rich­tigen? Töricht genug war die Menschheit.

Doch es gab auch weiße Raben unter den Kunstgelehrten. Professor Peter Jessen vom Berliner Kunstgewerbe-Museum schrieb meinem Vater unterm 26. 4. 21: »Nein, ich habe die Verwahrung nicht unter­schrieben. Ich meine nicht, daß man eine so vielseitige, in die Tiefe dringende, von edler Begeisterung getragene Arbeit wie die Ihre hin­dern soll sich auszuwirken, und wenn mich etwas darin bestärkt, so ist es die neue Auflage Ihrer Farbenharmonie.« Und Dr. Walter Gräff, Konservator an der Pinakothek, München, lieferte sogar für die Sam­melschrift einen denkbar positiven Beitrag162), in dem das »an­schauli­che« Ostwald-System als erste Möglichkeit, der Farbe in der Kunst­wissenschaft überhaupt beizukommen, anerkannt wird.

Man konnte nur weiterarbeiten mit schärfster Selbstkritik. Wahrheit setzt sich zuletzt immer durch.

 

Farbnormen und FarborgeIn. Mit Assistentenhilfe war die große Arbeit am neuen Atlas, dem Farbnormenatlas163), relativ schnell ge-

 

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schafft. Das Tränkverfahren mit Saugpapier war aufgegeben worden zu Gun­sten von eingemessenen Farbpulvern, meist auf Lithopone gefällte Teerfarb­stoffe. Diese Farbpulver, mit einem entsprechenden Bindemittel angerührt, er­möglichen normhafte, matte Aufstriche für alle 680 Farbnormen und wurden von nun an für alle Tafelwerke, Kreise, Dreiecke, Leitern usw. benutzt.

Diese Farbnormen verwirklichten als Weiterentwicklung die MitteIwerte zwischen je zwei der bisherigen Grenzwerte der Farb­kegelaufteilung wodurch der Farbkörper etwas nach unten verschoben wurde. Weiß a lag dadurch auch im praktisch Erreichbaren. Statt der früheren Prozentzahlen für Weiß und Schwarz erhielten die Normen die Buchstabensymbole a-p und von nun an besteht das Farbzeichen aus einer Zahl für den Farbton und aus zwei Buchstabensymbolen für Weiß- und Schwarzanteile. Die Farbe 13ga ist z. B. ein Blau, mäßig weißlich und ohne Schwarz. Diese Farbschrift hat sich bei den Benut­zern bis heute bewährt. Sie fügt sich in jede Druck- oder Schreibma­schinenschrift mit den vorhandenen Lettern ohne weiteres ein, und die Zuordnung zu den entsprechenden Farben vollzieht das Gedächtnis sehr schnell.

Zu den scheinbar berechtigtsten Vorwürfen, die meinen Vater trafen, gehört die Tatsache, daß Farborte und -zeichen sich im Laufe der Jahre mehrfach etwas verschoben und änderten. Man mußte aber kein Wilhelm Ostwald sein, wenn man nicht die Selbstvervollkommnung der Wissenschaft als obersten Grund­satz anerkannte, dem gegenüber die Unbequemlichkeit des Umlernens oder gar Geld- und Materialverluste wenig wogen. Auf das Einfachste kommt man eben immer zuletzt. So wurde aus dem 100teiligen Farbtonkreis der leicht übersehbare 24teilige, wo nötig mit Dezimalstellen, und aus den Grenz­werten des ersten Farbkörpers entwickelten sich als Gebietsvertreter die Farb­normen mit ihren Mittelwerten und anschaulichen Farbzeichen164). Die Schlußworte des Prospektes vom Farbnormenatlas hießen: »Dieses Werkzeug (nicht Dogma!) frei und mannigfaltig zu benutzen, weit über das hinaus, was sein Schmied (nicht Diktator!)165) auch in seinen hoff­nungsvollsten Stunden zu träumen gewagt hat, ist kein Volk so befähigt wie das deutsche Volk, die wissenschaftlichste Nation der Welt.«

Zum Glück brauchte er nicht zu erleben, wie furchtbar diese wissen­schaftlichste Nation verunglücken sollte. Noch heute nach 30 Jahren liegt der Kulturent­schluß zur allgemeinen Farbnormung - die Tonnor­mung besteht seit Jahr­hunderten - am fernen Horizont, wie so vieles, was richtig, schön und gut wäre.

 

Ordnung der Flächenformen. Das Jahr 1922 brachte den 4. Band der Farbenlehre, die Physiologische Farbenlehre von Dr. Hans

 

(Ende Seite 214)

 

Podesta166) und, für Fernstehende eine Überraschung, die Harmo­nie der Formen167), der bald vier nicht weniger überraschende Mappen, die WeIt der Formen folgten168)..Kann man auch Flä­chen gesetzlich aufteilen und die sich ergebenden Formen ordnen? hatte man meinen Vater und er sich selbst gefragt. Ordnungsgesetze zu finden war seine Leidenschaft; sie ent­brannte auch für dies mit den Farben so eng verbundene Gebiet mit elemen­tarer Gewalt, und die Chemnitzer Lehrerschaft bekam einen ersten Vortrag darüber. Wie immer folgte bald das Buch. Nun konnte er gesetzlich schöne Flä­chenformen in gesetzlich schöne Farbharmonien setzen, das war nach sei­nem Herzen! In einem Aufsatz169) aus der Rigaer Zeit fand ich be­reits die Stelle: »Ist nicht in ihren letzten Gründen unsere Freude am Schönen ebenso­sehr von einer harmonischen Befriedigung des Intel­lekts bedingt, und unsere Erhebung bei der Erkenntnis der Wahrheit von einer freudigen Erregung des empfindenden Gemüts?«

Jetzt mit nahezu 70 hatte er ein Arbeitsfeld, in dem sich Kunst und Wissen­schaft ständig durchdrangen. Das gesteigerte subjektive Glücksgefühl strahlte allen sichtbar aus seinem Wesen, aus den noch immer lebhaft blauen Augen, ja, man meinte, auch das dichte, schneeweiße Haar sei selbstleuchtend. Statt der Staffelei stand ein verstellbarer Zeichentisch mit einer großen Auswahl von Linealen im Labor, die Tusche machte er sich selber und in Hunderten von fleißi­gen Stunden zeichnete er die Hunderte von Blättern für die Harmo­nie der Formen und die vier Mappen der Welt der Formen eigen­händig ins Reine. Wie immer fand er, daß Handarbeit die beste Erfrischung sei nach einseitiger Kopfarbeit. Flächen wurden gesetzlich durch verschiedene raumschlüssige Netze aufgeteilt, in welchen dann ein Thema, ein Linienzug durch Reihung, Schiebung, Spiegelung, Dre­hung gesetzlich vermannigfaltigt werden konnte. Durch An- und Über­einanderlegen verwandter Themen und Netze - alles war auf durch­sichtiges Papier gezeichnet - bildeten sich die un­erwartetsten, oft ungewöhnlich schönen Muster. Das war auch Schönheit der Gesetz­lichkeit, nicht Nachbildung eines Naturstückes. Wenn man nach einer Parallele suchte: das war wie Arbeit am wohltemperierten Klavier ei­nes Johann Sebastian Bach, zur künstlerischen Verwendung bereitlie­gende Schönheits­fülle geistigster Art. Der mit der Farborgel arbei­tende Ornamentiker konnte sich mit diesen beiden verfeinerten und erweiterten Kunstmitteln zu einer noch unerreichten Höhe hinaufarbei­ten, denn was mein entzückter Vater da ent­stehen sah, konnte das nicht der erste Zipfel der gegenstandslosen, der ab­strakten Farb-Form-Kunst sein, nach der so viele Künstler auf so vielerlei Wegen so leidenschaftlich suchten? Diese Schwester der Musik, noch mit Be­wegung ausgestattet, würde dann den »Kreis der Künste«170) schlie­ßen, wenn es einmal so weit war.

 

(Ende Seite 215)

 

Hingegeben zeichnete und malte mein Vater. Unersättlich waren seine Augen, Form- und Farbgesetzlichkeit zu schauen, darunter erstmalig bewußt rein graue171) und grau-bunte Harmonien. Stolz und selbstver­ständlich setzte er unter jedes Blatt die Farbpartitur, das Farbzeichen. Es war wie Dichten oder Komponieren, man konnte es aufschreiben. Die Formpartitur, das Formzeichen hat ein Späterer, Jüngerer gefun­den, von dem noch zu reden sein wird.

Ein Archivschrank ist gefüllt mit diesen Hunderten von Kompositionen.

 

Ein wandernder SchoIar. In jenem Sommer 1923 tauchte ein Wan­der­vogel in der »Energie« auf, der zwar keine Klampfe umgehängt trug, aber Zeichenblock und Buntstifte im Rucksack hatte. Sein Fahrt­ziel war, wenn mög­lich beim Meister der Farblehre selbst in die neuen Erkenntnisse und Mittel eingeweiht zu werden. Es war ein asketisch wirkender Jüngling mit Fernaugen und offenem, leisem, aber glühend lebendigem Wesen, der sofort meiner Mut­ter Herz gewonnen hatte. Mein Vater hatte ihn, dies voraussehend, lächelnd zu ihr geschickt, denn der Süddeutsche war mittellos und suchte eine Unter­kunft für die Zeit seines Hierseins. Sie wurde ihm gewährt, zumal der älteste 15jährige Enkel Jörg ein »praktisches Jahr« beim Großvater absol­vierte und zu hoffen war, daß beide ein gutes Gespann wurden. Das traf auch ein. Der Enkel - heute ist er längst Professor der Chemie in Freiburg - baute an einer großen Pulverorgel und der neue Scholar, in der katholischen Jugend­bewegung stehend, hatte vor, die Farbe als seelische wie raumformende Kraft in der kirchlichen Innenarchitektur bewußter als bisher anzuwenden. Meinem Vater machte es unermeßli­ches Vergnügen, die reichlich vorhandene Mystik meist in klare Har­moniegesetze übersetzen zu können, und der junge Künstler erkannte diese an, ohne seine Mystik aufzugeben. Er wurde immer begeisterter und fieberte, seine konkreten, farbharmonisch durchgearbeiteten und festgelegten Entwürfe, die oft seine innere Vorschau übertrafen, zu ver­wirklichen. Beglückt wanderte er wieder heimwärts und ist der Sache treu ge­blieben. Erste praktische Erfahrungen sammelte Paul Meyer-Speer beim Aus­malen einer Jugendburg, wobei sich herausstellte, daß bei großen Wand­flächen die übersprungenen Normstufen nötig wurden. Er brauchte und bekam darum später für bestimmte Farbge­biete diese Stufen. Am meisten lernte er jedoch bei der Ausmalung eines Dorfkirchleins, dessen niedriges Gebälk er durch Farbe »he­ben« wollte. Es gelang über Erwarten, und auch die figürliche Wand­ausschmückung fand Anerkennung. Wenn ich nicht irre, waren die zwölf Apostel dekorativ verwendet, und zum Petrus hatte er meines Vaters Kopf be­nutzt. Später machte er sich einen guten Namen durch die innere Farbgestal­tung von Kirchen und Domen in Mainz, Frankfurt, Koblenz, Fulda und Breslau. Ob er noch lebt?

 

(Ende Seite 215)

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