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Die Folterknechte

Warum Hitler keine Ausnahme ist

VON GERT VON PACZENSKY

Folter durch Verbrennen und dem Abhacken von Händen durch Spanier in der „Neuen Welt“ (Zeichnung von Theodore de Bry für Las Casas)

Die Weißen erniedrigen sich nicht nur, indem sie andere Menschen schlagen. Sie gehen noch weiter (zurück): Die Weißen foltern. Nicht heimlich und selten, in Ausnahmefällen, sondern massenhaft und offen.

Noch heute laufen Filme und Fernsehstreifen, hauptsächlich in Amerika, die nazistische Folterknechte bei der Arbeit zeigen. Die Deutschen hören und sehen das nicht gern, und zuweilen gelingt ihnen bei ihrem amerikanischen Verbündeten sogar ein wirkungsvoller Protest. Lasst Vergangenes begraben sein, sagen sie, weil es schon ein halbes Jahrhundert her ist und (wenn man nur den Krieg rechnet) knapp sechs, im Ganzen nur zwölf Jahre gedauert hat.

Aber siehe da, ob man Polen, Juden, Russen; Amerikaner oder Franzosen fragt: die Missetaten der Nazis sind nicht verziehen (ich würde auch sagen: nicht verzeihlich) und auch keineswegs vergessen. Die ehemaligen Opfer oder ihre Angehörigen werfen den Deutschen mit Recht vor, zu schnell vergessen zu haben; welche Barbarei in deutschem Namen verübt worden ist. Die Umwelt vergisst nicht so schnell, das Opfer nicht so schnell wie der Täter.

Daher ist es an der Zeit, dass sich die gesamte weiße Welt einmal deutlich vor Augen führt, wie wenig man Hitler und sein Verbrecherregime als Ausnahmefall betrachten kann. Er ist nur in drei Bereichen über das hinausgegangen, was die Weißen während der letzten Jahrhunderte als selbstverständlich taten:

1. seine Ausrottungspolitik gegenüber fremden Völkern traf auch die weiße Rasse, und da wurde diese aufmerksam – ja: sie spannte sogar die Farbigen ein; um Hitler loszuwerden;

2. er bediente sich einer höher entwickelten Technik, als sie bisher im Rassenkampf angewendet worden war. Das Totschlagen und Aushungern jedes einzelnen dauerte zu lange – daher wurden Gaskammern und andere technische Mittel eingesetzt. Und damit schafften es die Nazis,

3. innerhalb kurzer Zeit eine Rekordzahl von Menschen umzubringen. Die Deutsehen und die Israelis zählen da meist nur die ermordeten Juden. Ich möchte auch die ermordeten Polen, Russen, Rumänen, Jugoslawen, Tschechen, Holländer, Franzosen, Dänen, Norweger. Belgier usw. – und Deutschen ausdrücklich mit einschließen.

Nur auf die Dauer seiner Herrschaft bezogen hat Hitler einen Rekord geschafft. Das Prinzip: Herrenrasse unterjocht und vernichtet sogenannte Minderwertige – nach diesem Prinzip hat die weiße Welt jahrhundertelang so gehaust wie Hitler in Osteuropa. Das schlimme ist: so hat sie in der farbigen Welt noch gehaust, als Hitler schon wieder verschwunden war.

Die Filme und Fernsehstücke über nazistische Folterknechte haben immerhin einen Vorteil: sie machen einen Teil des westlichen Publikums mit der Tatsache bekannt, dass der Weiße ein Barbar sein kann. In diesen Filmen noch, weil er andere Weiße quält. Sie sind ja auch nur ein Anfang. In der farbigen Welt gibt es schon heute andere Filme, und es werden immer mehr werden. Es wäre klug, wenn sich die Weißen einmal damit vertraut machen würden, warum.

In meiner Jugend habe ich ein eindrucksvolles Kinostück gesehen, in dem farbige Barbaren edle englische Zivilisationsverteidiger (diese schlanken Gestalten! diese langen Schädel! diese blonden Haare!) foltern. Gemach, es war ein amerikanischer Film. Wann werden unsere Völker lernen, dass es genau umgekehrt war? Dass der Weiße als Folterknecht und Henker der Welt aufgetreten ist? Wenn das einmal – sehr selten – zugegeben wird, dann schnell und vorsorglich mit dem abgeklapperten Argument verbunden; die Weißen seien eben damals noch Opfer mittelalterlicher Bräuche gewesen. Der Zeitgeist! Aber die Antwort darauf ist leicht. Was die Weißen mit den Farbigen anstellten, ist niemals allgemein akzeptiertes, weil noch auf „rauhere Sitten“ zurückführbares Verhalten gewesen. Es hat während der Kolonialgeschichte immer Alternativen gegeben, und sie sind immer gezeigt worden – meist, aber keineswegs ausschließlich, von Kirchenmännern. Nichts hat die Weißen gezwungen, sich so barbarisch zu benehmen, wie sie es getan haben, und weder die Verantwortlichen und Handelnden des 16. noch die des 20. Jahrhunderts können zu ihrer Entlastung behaupten, sie hatten es nicht besser gewusst. Man hat schon immer gequält und gefoltert? Ja – aber schon immer wurde auch dagegen protestiert.7P<

Folterungen, wie sie Las Casas dokumentierte (Zeichnung von Theodore de Bry für Las Casas)

Eines der frühesten Beispiele liefert uns der Dominikaner Las Casas in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In einem seiner Berichte von der Insel Hispaniola (heute Haiti) beschreibt er, wie die Indianer vor den Spaniern fliehen und ihre Frauen und Kinder verstecken, damit sie von den Eroberern nicht vergewaltigt werden, wie die Spanier schwangeren Indianerinnen den Bauch aufschneiden – (unappetitlich? Und was dachte das Opfer dabei?) –, wie die Spanier Wettspiele veranstalten, wer einen Indianer mit einem einzigen Schwertstreich spalten kann, oder ob man ihm wirklich mit einem Streich den Kopf abschlagen kann. Sie werfen kleine Kinder gegen Felsen, andere in Flüsse, sie verbrennen ihre Opfer auf Scheiterhaufen, manchmal auf richtigen Grill-Anlagen … einmal schreien die Opfer so, dass der spanische Kapitän befiehlt, sie mitten im Feuer zu erwürgen, aber der Sergeant, der das Feuer schürt, findet es besser, ihnen einen Knebel in den Mund zu stopfen, damit man sie nicht mehr hört, sich aber weiter an ihren Leiden weiden kann. Die Spanier dressieren Hunde, um flüchtige Indianer in Stücke zu reißen. Das ist immerhin 400 Jahre her, und die Verteidiger der Kolonialtaten behaupten, Las Casas habe seine Berichte über die Grausamkeit der Spanier stark übertrieben. Wie mag es zu erklären sein, dass die Spanier auf einem ihrer späteren Herrschaftsgebiete, den Philippinen, nur knapp ein Jahrhundert von uns entfernt, noch nicht zivilisierter sind? Zu den Verhörmethoden der Besatzungsgerichte dort gehört es, die an den Füßen aufgehängten Opfer mit dem Kopf in schmutzige Brunnen herunterzulassen, bis sie ersticken, wenn sie nicht schon vorher totgeprügelt worden sind (haarsträubende Schilderungen davon gibt Joze Rizal in „Noli me tangere“, zitiert in Crapouillot, Januar 1936), oder sie in winzigen Löchern ersticken zu lassen, öffentliche Hinrichtungen sind wahre Volksfeste. Nicht im Mittelalter, sondern Ende des 19. Jahrhunderts. Es gelingt den Spaniern nicht, den Filipinos mit Prügel und Tortur Zuneigung zur iberischen Besatzungsmacht einzubläuen. Im Gegenteil: ein Aufstand folgt dem anderen. Die Spanier werden schließlich verjagt. Dabei helfen den Filipinos die Amerikaner, die von der Unabhängigkeitsbewegung zunächst auch als Befreier begrüßt werden. Aber – die amerikanischen Truppen benehmen sich nicht besser als die spanischen. Sie plündern, sie morden, sie vergewaltigen, sie foltern. Freilich ist fraglich, ob man in diesem Stadium der Geschichte wirklich schon von Amerikanern sprechen kann. Es sind doch frisch ausgewanderte Europäer und ihre direkten Nachkommen, sozusagen die „normalen Weißen“ aus Europa. Warum sollten sie sich plötzlich besser benehmen? Und warum sollte man sie für schlimmer halten als jene Franzosen im alten Kanada, von denen der Kapuziner Thevet erzählt, sie hätten den Eingeborenen Arme und Beine abgehauen, nur um zu sehen, ob ihre Säbel noch scharf genug seien?

Zur Ehre der Franzosen sei gesagt, dass man in Frankreich während des ganzen Algerien-Krieges sehr viel mehr darüber erfahren konnte, wie die französischen Herren mit ihren Opfern umgingen, als anderswo.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung in der weißen Welt, dass außerhalb Frankreichs von diesen Vorgängen nur wenig bekannt geworden ist. Vielleicht, weil der Beginn der französischen Herrschaft in diesem Land keineswegs zivilisierter gewesen ist als das Ende.

Eine Meldung der deutschen Presseagentur aus Paris:

„dpa, Paris, 24. Oktober 1958: Der Erzbischof von Lyon, Kardinal Gerlier, hat in einer scharfen Stellungnahme französische Polizeibeamte ans Lyon beschuldigt, verhaftete Algerier durch ‚Brutalität schwerster Art’ misshandelt zu haben, um Zeugenaussagen gegen zwei festgenommene Arbeiterpriester zu erhalten. Den beiden Geistlichen wird vorgeworfen, flüchtige Algerier aufgenommen zu haben.“

Nicht lange nach dieser sensationellen (sollte man jedenfalls meinen) Äußerung sagt Andre Malraux, Minister de Gaulles, während einer Südamerika-Tournee in Rio de Janeiro: „Während ich Informationsminister war, hat es vier Monate lang keine Folterung gegeben. Seitdem ist sie wieder aufgetaucht, das stimmt wirklich.“

Karikatur über die Folterungen während des Algerien-Kriegs. Übersetzung des Textes: „Wenn man foltert, kümmert man sich um Antworten. Das Wichtige, das ist die Befragung!“ (Quelle: http://pagesperso-orange.fr/felina)

Eine Delegation des Internationalen Komitees gegen das KZ-Regime (CICRC) berichtet 1957 nach einer Reise durch Algerien: „Die Delegation ist überzeugt, dass mehrfach Militäreinheiten … Gendarmerie, DST oder Polizeiverbände Verhaftete misshandelt und oft regelrecht gefoltert haben (durch Elektrizität, den Wasserschlauch, die Wanne, das Hängen), um Geständnisse oder Erklärungen zu erpressen … Einer der Generalinspekteure mit Sonderaufgaben hat vor der Delegation ausdrücklich zugegeben, dass die Folter angewendet werde. Man tue das, weil sie das einzige Mittel sei, Informationen über geplante Attentate zu erhalten – Informationen, die es ermöglichten, eine große Zahl von Menschenleben zu retten.“

Es hätte dieser verdienstvollen Untersuchung kaum bedurft, denn schon 1955 hat der damalige französische Zivil-Generalinspektor in Algerien, Wuillaume, zugegeben, dass durch Folter „erstklassige Resultate“ erzielt worden seien. Er findet sogar, die Behörden müssten diejenigen Polizisten unterstützen, die solche Methoden anwenden.

Mit dieser Ermunterung fühlen sich die Folterer ihrer Sache natürlich sicher. Und in dem Maß, in dem der Krieg andauert und sich ausweitet, nimmt die Armee der Polizei einen immer größeren Teil des schmutzigen Geschäfts ab – Vorahnung der unabwendbaren Niederlage? Die Phantasie der Folterknechte kennt keine Grenzen. Hier eine kleine Auswahl ihrer Methoden:


• Elektrische Schläge auf Geschlechtsteile und Ohren.
• Der Sonnenkäfig: etwas für südliche Gegenden wie Algerien
• Nackt, mit gefesselten Armen und Beinen über einem Balken hängen
• Die Sache mit der Tür – ganz einfach: man hält die Hände des Opfers in den Türrahmen und schlägt die Tür zu.
• Die „Nachtruhe“. Man fesselt das Opfer mit den Füßen an einen Baum und legt es mit dem Rücken auf eine Rolle Stacheldraht. Wenn es Durst haben sollte, steht dreckiges Waschwasser bereit.
• Stockschläge
• Das Messer, das langsam immer tiefer in den Körper des Opfers hineingedrückt wird
• Der Luft-Akt: Das Opfer wird an einem Seil aus einem Helikopter geworfen, der in etwa 200 m Höhe fliegt.

Es versteht sich von selbst, dass alle diese Verfahren kombiniert werden können. Ich habe die Beispiele dem „Dossier Jean Muller“ entnommen, das die katholische Wochenzeitung Témoignage Chrétien sehr zeitig im algerischen Krieg veröffentlich hat. Muller, ein französischer Jugendführer, der in Algerien gefallen ist, schrieb, dass allein in seinem Bereich zehn Offiziere, vier Unteroffiziere und eine Sektion Soldaten Folterdienst machten. „Motiv: es sei das einzige Mittel, um Informationen zu bekommen. Im Lager Tablat sind durchschnittlich 150 Verdächtige interniert, die man verhört.“ Viele Gefolterte werden anschließend erschossen. Und Muller sagt: „Wir sind weit von der Befriedung entfernt, für die wir unter die Fahnen gerufen wurden. Wir sind verzweifelt, mit ansehen zu müssen, wie weit die menschliche Natur sich erniedrigen kann und mit anzusehen, dass Franzosen Methoden anwenden, die der Nazi-Barbarei entlehnt sind.“

Quelle: Gert von Paczensky: Die Weißen kommen. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag (1970). S. 274 - 281

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