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Stand 12.2009

Erst 1981 wurde von den Amerikanern eine deutsche Wetterfunkstation aus dem 2. Weltkrieg entdeckt

Es ist der 22. Oktober 1943. Der Anker von U 537 fällt auf der Position 60 Grad, 04,5 Nord und 64 Grad, 23,6 West in der Atti-naukjuke Bay, heute Martin Bay genannt, der Halbinsel Labrador. Das deutsche U-Boot unter dem Kommando des Kapitänleutnants Peter Schrewe, einem ehemaligen Seeflieger, hat das Ziel erreicht, um auf dem nordamerikanischen Kontinent eine automatische Wetterstation anzulanden, aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. In der Erkenntnis, daß auch bei bewaffneten Auseinandersetzungen wetterdienstliche Tätigkeiten und damit Vorhersagen möglich sein müssen, hat der Chef des Wetterdienstes der Kriegsmarine, Admiral Dr. Fritz Conrad, bereits vor dem Zweiten Weltkrieg, als Ersatz für den zu erwartenden Ausfall der synoptischen Wetterdaten, die Entwicklung von automatisch arbeitenden Wettermeß- und funkstationen angeregt und ihre Planung gefördert. Die Richtigkeit dieses Weges bestätigte der Beginn wie auch der Verlauf des Krieges. Es zeigte sich, daß die eingesetzten Wetterschiffe oder die mit Personal besetzten Stationen an Land nur zeitweise und unter ständiger militärischer Bedrohung ihre Aufgaben erfüllen konnten. Für die Marine ist jedoch die Wetterbeobachtung schlechthin eine wesentliche Grundlage der Planung und Durchführung atlantischer Operationen. Mit der automatisch arbeitenden unbemannten Station sollte eine risikoärmere Alternative geschaffen werden. Der Auftrag von U 537 stand in einem direkten Zusammenhang mit der vom BdU geplanten Wiederaufnahme des im Mai 1943 unterbrochenen atlantischen Zufuhrkrieges. Die U-Bootführung hielt es für unerläßlich, daß zusätzliche Wetterdaten aus dem Raum Neufundland dazu zur Verfügung standen. Wettermeldungen aus diesem Raum, wie aber auch die Beobachtungen der Unternehmen »Kreuzritter« in Spitzbergen und »Baßgeiger« an der Küste von Ostgrönland, sollten ein einigermaßen sicheres Vorhersagebild ermöglichen. Die Überlegungen des Wetterdienstes der Kriegsmarine führten zu dem Ergebnis, eine automatische und auch bereits technisch erprobte Station in Labrador aufzubauen. Eine kühne Planung, für die U 537 ein Boot des Typs IX C-40, das zu dieser Zeit frontreif gemeldet ist, beauftragt wird. Dem Kommandanten Peter Schrewe zur Seite stehen die Wissenschaftler Dr. Kurt Sommermeyer und dessen Assistent Walter Hildebrand.
Das Boot wird in Kiel ausgerüstet. Doch die schweren Bombenangriffe der Alliierten auf Hamburg und Kiel am 24. und 25. Juli 1943 verzögern die Ausreise. U 537 wird beschädigt, so daß ein Werftaufenthalt die Folge ist. Mitte September meldet es seeklar und läuft in Richtung Norwegen aus. Ein eingetretener Maschinenschaden zwingt zu erneuten Reparaturen und führt damit zu Verzögerungen in der Durchführung des Auftrags, der endgültig am 30. September seinen Anfang nimmt. Die aufzustellende Station mit dem Decknamen »Kurt« besteht aus einer Reihe meteorologischer Instrumente, dem 150-Watt-Kurzwellensender mit einer entsprechend bemessenen Stabantenne und einer Sammlung von Trockenbatterien. Das Material ist untergebracht in großen zylindrischen Behältern mit einem Gewicht von je 100 kg und einem Gesamtgewicht von etwa 1,0 t. Um einer möglichen Entdeckung vorzubeugen, ist der aufzustellende Gerätepark mit der Aufschrift Canadian Weather Service versehen.

Die Station »Kurt« mit der Typenbezeichnung WFL-26 (Wetterfunkstation Land) sollte die Wetterdaten Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Windgeschwindigkeit und Windrichtung erfassen, die dann codiert alle drei Stunden zu senden waren. Dabei sollte die maximale Sendedauer 120 Sekunden nicht überschreiten. Mit fast zwei Monaten Verzögerungen zu der geplanten Ausreisezeit Ende Juli kommt U 537 zwangsläufig in die nun immer heftiger werdenden Herbststürme mit Windgeschwindigkeiten oft über 100 km/h. Am 13. Oktober trifft es das Boot sehr hart, als es in schwerem Sturm seine einzige Flugabwehr, die 2-cm-Vierlings-Flak verliert. Das ist für U 537 eine schwere Beeinträchtigung, denn es fährt noch ohne Schnorchel und ist darum auf ausreichende Überwasserfahrten angewiesen. Der endgültige Befehl des BdU in Richtung Labrador zu laufen, erfolgt am 18. Oktober 1943, fast auf den Tag genau einen Monat nach dem Auslaufen aus Kiel. In den Tagen vor dem 18. Oktober ist U 537 auf Weisung des BdU damit beschäftigt, durch die Abgabe von Funksprüchen zu unregelmäßigen Zeiten, auf unterschiedlichen Frequenzen und mit wechselnden Gebern eine in diesem Seegebiet sich aufstellende Gruppe von Booten vorzutäuschen. Tatsächlich plant der BdU, in Erwartung des Geleitzuges HX 262, die Aufstellung der Gruppe »Siegfried« mit mehr als zwanzig Booten.
Aus heutiger Sicht ist das von U 537 durchgeführte »Funkspiel« als recht fragwürdig anzusehen. Zu dieser Zeit, im Herbst 1943, gelingt es dem britischen Operational Intel-ligence Centre (OJC) in Bletchley Park immer sicherer, den Funkverkehr der U-Boote mitzulesen. Insofern ist es erstaunlich, daß U 537 in den Tagen vor dem 18. Oktober von Feindeinwirkungen verschont geblieben ist.
Mit dem 18. Oktober beginnt der direkte Vormarsch in Richtung auf die Nordspitze der Halbinsel Labrador. Unter Wahrung aller notwendigen Vorsichtsmaßnahmen, einschließlich der Einhaltung der Funkstille, nähert Schrewe sich seinem Ziel. Der von ihm ausgesuchte Standort ist so gewählt, daß eine Entdeckung durch Eskimos, die nach Süden ziehen, ausgeschlossen ist. Er nimmt deswegen einen Kurs, der ihn weit nach Norden führt und zu dieser Jahreszeit noch keine Gefährdung durch aufkommendes und wachsendes Eis aufweist. U 537 läuft nach Kopplung, denn ein völlig bedeckter Himmel verhindert eine astronomische Standortbestimmung. Es tritt erneut ein Schaden in der Maschine ein, dermit Bordmitteln nur behelfsmäßig repariert wird. Ein notwendiges Prüfungstauchen auf 140 Meter bestätigt die Tauch- und Fahrtüchtigkeit des Bootes. Nach fünf Tagen Schneesturm und Koppelnavigation sichtet Schrewe am Morgen des 22. Oktober 1943 Kap Chidley an der Nordspitze der Halbinsel Labrador. Unter ständigem Loten tastet er sich nach Süden in die Un-gava-Bay hinein, deren schlecht kartogra-phiertes Küstenvorfeld reich an Riffen und Untiefen ist. Behutsam navigierend passiert U 537 die vorgelagerten Insel und Schären, umrundet die kleine Halbinsel Hutton und erreicht noch am Abend des gleichen Tages die Martin Bay. Gut 300 Meter vom Land entfernt fällt der Anker. Eine Stunde später betreten bewaffnete deutsche Soldaten mit einem Spähtrupp das nordamerikanische Festland. Mit der Aufklärung ihres vor dem Ankerplatz liegenden Umfeldes und der Erkundung eines geeigneten Ortes zur Aufstellung der automatischen Wetterstation wird das Gelände mit bewaffneten Posten, die auf einer kleinen Anhöhe Stellung beziehen, gesichert. Das Übersetzen des funktechnischen und meteorologischen Materials erweist sich als eine mühsame und zeitaufwendige Arbeit, bei der zwei große Schlauchboote den notwendigen Fährverkehr wahrnehmen. Ein Teil der Mannschaft verbleibt dabei an Land, um die einzelnen Gerätschaften an den Ort ihrer Aufstellung zu transportieren und ihre Montage vorzunehmen. Unterdessen arbeitet das maschinentechnische Personal des Bootes daran, angefallene Schäden und Mängel zu beseitigen und die üblichen Routinearbeiten zu erledigen. Während der ganzen Zeit bleibt U 537 seeklar, um bei jeder drohenden Gefahr den Ankerplatz rasch verlassen zu können.
Unter der Leitung der Meteorologen Dr. Sommermeyer und Hildebrand arbeitet die Mannschaft von U 537 bei Außentemperaturen um den Nullpunkt herum zügig daran, die Station aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Ständig auf der Hut vor einer plötzlichen Entdeckung durch umherstreifende Jäger ist die nicht gerade alltäg-
liche Arbeit am Abend des 23. Oktober gegen 18.00 Uhr getan. Alle Geräte sind eingestellt und der Sender auf die Frequenz von 3940 KHz abgestimmt. Nach der erfolgten Einschiffung der »Invasoren« verbleibt Schrewe mit seinem Boot noch auf dem Ankerplatz. Er wartet ab, ob die Station zur ersten festgesetzten Programmzeit sofort störungsfrei arbeitet. Pünktlich um 22.30 Uhr sendet die Station erstmals Wetterdaten vom nordamerikanischen Kontinent. Schrewe sieht damit keine Notwendigkeit mehr, eine Fehlersuchgruppe an Land zu bringen, so daß er gegen 22.40 Uhr Anker auf befiehlt und mit langsamer Fahrt sich vorsichtig aus der Martin Bay, mit Kurs auf Kap Chidley und den weiten Atlantik, zurückzieht. Er hält Funkstille; jedoch am 25. Oktober 1943, als er etwa 300 Seemeilen von Labrador absteht, sendet er dem BdU den Erfolg des Unternehmens »Kurt«. Die Sendungen der Wetterstation werden von U 537 letzmalig am 8. November gestört empfangen. Trotzdem werden die Programmzeiten der Station weiterhin sorgfältig überwacht. Lediglich ein unbekannter deutscher Sender wird am 18. November auf der gleichen Frequenz ausgemacht. Von »Kurt« ist danach nichts mehr zu hören, was wohl auch mit den besonderen Ausbreitungsverhältnissen der Kurzwellen gerade in der Nähe der Polarzone zusammenhängen kann.
Nach dem erfolgreich erfüllten Auftrag in der Martin Bay darf Schrewe frei operieren und vor Neufundland Jagd auf alliierte Dampfer machen. Parallel zu Schrewes Auftrag bekämpft die Gruppe »Siegfried« — sie geht vor dem 25. Oktober in ihre befohlenen Positionen — den von Halifax kommenden Geleitzug HX 262. Dabei wird an dem Tag, an dem Schrewe mit U 537 die Martin Bay verläßt, U 274, das auf dem Weg zur Gruppe »Siegfried« ist, mehr zufällig durch eine Liberaler der RAF gesichtet und von einer herbeigerufenen Escort Group unter Commander Peter Gretton versenkt.
Auf dem Weg in das Operationsgebiet vor Neufundland meldet das Radarwarngerätvon U 537 ständig Fremdortungen. Schrewe zieht es darum vor, getaucht zu operieren. Lediglich zum Laden der Batterien und zum Durchlüften des Bootes wird in der Nacht aufgetaucht. Dennoch wird U 537 das Ziel einer weiträumig angelegten Suchaktion, der »Operation Salomon«, an der zahlreiche Schiffe und Flugzeuge teilnehmen. Anzunehmen ist, daß das Kurzsignal, das Schrewe am 25. Oktober sendete, ausreichte, seine Anwesenheit und seine Position zu erfassen, was für die alliierte Kurzwellen-Funkpeilung 1943 kein Problem mehr gewesen ist. Schrewe findet die See wie leergefegt. Versenkungserfolge bleiben aus. Am 26. November 1943 tritt U 537 den Rückmarsch nach Lorient an, wo es am 8. Dezember
1943 in einem Schutzbunker festmacht. Die Besatzung von U 537 ist zu Weihnachten 1943 zu Hause, doch das ist ihr letztes. Am 28. Februar 1944 läuft das Boot zu einer Langzeitunternehmung nach Südostasien aus. Am 9. November 1944 verläßt es den Stützpunkt Soerabaja im heutigen Indonesien zu einem Einsatz in der Javasee. Noch am gleichen Tag wird es auf der Position 07 Grad, 13' Süd und 11 Grad, 17' Ost, nördlich der Insel Bau, durch das amerikanische U-Boot FLOUNDER versenkt. Dank des langen Lebens von »Kurt« — die Station blieb den kanadischen Behörden bis zum Sommer 1981 verborgen — ist U 537 mit seiner Besatzung sichtbarer Teil der langen Schlacht im Atlantik geworden.
Quelle FK1995 und Internetquellen
Weiterführender sehr interessanter Link:
www.uboat.net