Walter`s Irlandchaos | home
Pubs
Hier befinden wir uns im verlängerten Wohnzimmer der Iren!
Wer glaubt, hier werde nur bis zum Umfallen getrunken, der täuscht sich. Es wird ernsthaft
diskutiert, Nachrichten ausgetauscht, getratscht und über die Nachbarn hergezogen. Die Seiten mit den Ergebnissen der Pferderennen werden zuerst gelesen, dabei nicht stören, der Rest der Zeitung ist weniger interessant. Die erste und wichtigste Aufgabe des pulican oder landlords ist das Einschalten des Fernsehers, dieser läuft dann über die gesamte Öffnungszeit, ob jemand hineinschaut, oder nicht!
Ins eigene Wohnzimmer lädt man sich keine Wildfremden, doch in Irland gibt es diese ja nicht,also gehört man einfach dazu, wird ins Gespräch gezogen und zum Drink eingeladen. Letzteres gilt vor Allem für alleinreisende Männer. Aber Vorsicht, es werden Runden getrunken und der Neuling ist gut beraten, mit dem Bezahlen der eigenen Runde nicht zu lange zu warten. Dies hat den Vorteil, daß man sich verabschieden kann, wann man will und die Gesellschaft noch überschaubar ist. Der Neue erregt natürlich die Neugier aller Gäste, jeder will ihn kennenlernen und so wird die Schar der neuen Freunde immer größer. Mein Tip kann also sowohl den Geldbeutel, als auch die Leber schonen. Unvergessliche Stunden erlebt man auf jeden Fall!
Mit viel Glück beginnt jemand dann auch noch mit Gesang, Instrumente werden geholt -that's craic!!!
Irland rühmt sich mit Recht einer ungeheuren Zahl dieser public houses, in denen auch alkohol freie Getränke offeriert werden. Normalerweise sind sie zweigeteilt in: The Bar und The Lounge.
Traditionell sind die Getränke in der Bar etwas billiger, als in der Lounge, da das Sägemehl leichter zu ersetzen ist, als die Teppiche in der Lounge. Noch älter ist die Tradition, daß Frauen in der Bar nicht bedient wurden, aber das änderte sich Ende der 70er- Anfang der 80er Jahre, als einige clevere Wirte feststellten, daß auch Frauen Geld besitzen, besonders, wenn es sich um Touristinnen handelt. Im Ernst, die irische Gastfreundschaft verbot es einfach, diese ignoranten Ausländerinnen auf diese heimischen Gepflogenheiten hinzuweisen, und allmählich trauten sich auch irische Frauen, sehr zum Leidwesen ihrer Gatten, in dieses Männerrefugium.
Was 1982, bei meinem ersten Aufenhalt noch fast undenkbar war, ist heutzutage üblich.
! Selbstverständlich können auch alleinreisende Frauen das Pub betreten ! Anmachen oder Belästigungen brauchen sie nicht zu befürchten, allenfalls ein höflich-neugieriges Gespräch
wird gesucht.
Eine weitere Einrichtung ist noch in manchen Pubs zu finden: The Snug - die Säuferkoje.
Hier kann sich Lady unbeobachtet von der Umwelt dem Alkoholgenuß hingeben, -frei nach dem Motto: "Lieber ein anonymer Alkoholiker, als ein stadtbekannter Säufer", oder der Melancholiker ungestört seinen Weltschmerz ertränken!
Soziale Schranken sind mir im Pub nie aufgefallen, hier unterhält sich und trinkt einfach jeder mit jedem. Aber dies scheint in einer Gesellschaft, wo fast jeder den anderen zu kennen scheint, kein größeres Problem darzustellen. Dies heißt jedoch nicht, daß wir es hier mit einer klassenlosen Gesellschaft zu tun haben.(Links: Medien!)
Ein besonderes Erlebnis auf dem Lande(dort halte ich mich zumeist auf)sind die Sonntag-
abende. Papa O`... und seine Familie haben sich in den Sonntagsstaat geworfen, es ist Aus-gehen angesagt! D.h., es wird der Versuch unternommen, in jedem Pub im Dorf -es gibt manchmal mehr als sonstige Häuser- wenigstens einen Drink zu nehmen und ein Schwätz-
chen zu halten. Häufig ist das Ganze noch streng nach Geschlechtern getrennt, aber Frauen sollen ja bekanntlich andere Themen bevorzugen, als Männer. Ebenso erbaulich ist die Beobachtung der Dorfjugend. Die Jungs, mit Cola und Zigarette in der Hand, aufgereit auf der einen Seite des Raumes, die Mädchen(kommt dieses Wort eigentlich von Made?) der Anderen, Getuschel, heimliche Blicke, ein scheues Lächeln, -ein Bild für die Götter.
Die selben jungen Mädchen legen im Umgang mit Erwachsenen diese Scheu sehr schnell ab, bzw. haben sie gar nicht erst. Man kann sich erstaunlich gut mit ihnen unterhalten, sie hegen keinerlei Befürchtungen, ein gutes Zeichen!
Pubs gibt es in allen Variationen, von der urigsten Räuberhöle bis zum vornehmsten, silber-
und mahagonistrotzenden Trinktempel. Wo man sich wohler fühlt, ist Geschmacksache.
Gemeinsam ist ihnen folgendes:
-Hier steht der Mann seinen Mann, also an der Theke, auch in Fünferreihen!
-Wer bestellt, der bezahlt - und zwar sofort! Bierdeckel dienen nicht für Striche.
-Bestellt werden kann auch aus der hintersten Reihe, das Bier wird durchgereicht!
-Ebenso verhält es sich mit der Bezahlung. Das Geld zum Vordermann, das
Wechselgeld kommt prompt!
-Trinkgeld ist verpönt, es verletzt den Stolz des Wirts oder seiner Mitarbeiter,
auch lassen sie sich im Dienst schwerlich zu einem Drink überreden,-hinterher
schon!
-Für überflüssiges Kleingeld stehen genügend Sammelbüchsen bereit, in allen
Farben und Formen und für jeden gemeinnützigen Zweck.
Für die Lifeboatgesellschaft wird ebenso gesammelt, wie für den Verein für gefallene Mädchen oder die Liga lediger Mütter. Ich hätte mir nie träumen lassen wieviele,meist katholische gemeinnützige Vereine und Stiftungen, der milden Gaben der Zecher harren!
So gesehen hat der Durst auch etwas Positives: er beruhigt nicht nur die Kehle, sondern
auch das soziale Gewissen und er hilft den Bedürftigen.
Ich habe im Laufe meiner Besuche in Irland so viele Pubs von innen gesehen(ein Tag ohne
Pubbesuch, ist ein verlorener Tag), daß ich mich beim besten Willen nicht mehr an alle Namen erinnern kann. Hier seien einige erwähnt, die aus dem einen oder anderen Grund einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
The Ancor, Carlingford -sehr schönes, ursprüngliches Pub mit Grocery
Fiddlers Inn, Crumlin -überwäligende Gastfreundschaft, spitze
Bar i. Marines,Ballycastle -habe hier 94 die verrückteste Nacht verbracht
McGinn's, Rathlin Island -einziges Pub auf der Insel, Polizeistunde Fehlanzeige
The Squeeling Pig, Muff -diese Wirtin! Wahnsinnsstimmung
Maguire's, Blacklion -hundsgemütlich, 1992 für 3 Wochen mein Stammpub
Bush's, Enniskillen -sehenswert,Mahagoni, Silberleuchter, Snug
Sean Og's, Ballyshannon -die besten Sandwiches, seit ich mit diesem Wirt ver-
sucht habe, zu sprechen, weiß ich, daß ich kein
Englisch verstehe!
Brazen Head, Dublin -ältestes Pub Irlands, tägl. Livemusik-meist gut
Ellen's Pub, b. Raghly -400 Jahre, strohgedeckt,urig
Fox's, Wicklows -höchstgelegenes Pub, tolle Livemusik, Fischspezialitäten
(I'm on seafood-diat, I eat anything I see!)
Porterhouse, Dublin -Kneipenbrauerei mit x-Biersorten
Dennie's Pub, Rossport, Co. Mayo -aus meinen Aufzeichnungen von1994:
"- urige, vergammelte Dorfkneipe im besten Sinne. Landlord phantastisch - zu enger,
schmutziger Kragen,aber Kravatte, der Pullover mehr Löcher als ein Golfplatz,
aber stolz und von ganzem Herzen irish! Neben zwei Iren,Seán Gannon u. Drewie
Corduff einziger Gast. Nach und nach erscheinen die Instrumente, begleitet von
ihren Spielern - Wahnsinnstypen! Nach zwei Pints beginnt die seisiún.
Flute - Maeve Gallagher; Uillean Pipes - Brian Gallagher; Fiddle - Paddy Miels;
Accordeon - Ruddy Gorham; Banjo - Ray Corduff. Die Leute üben und spielen nur
für sich, allerbeste Céili-music, habe solche Klasse noch nie erlebt, gehört!
Um Mitternacht kostenlose Sandwiches! Die Typen gehen ganz in ihrer Musik auf.
Leider um 2.00 Uhr Schluß. Überglücklich mit Hochgefühl Heimfahrt!"
Heute vergilben etwa 20 Fotos von diesem Abend bei Dennie an der Bar, eines ziert seine
Streichholzschachteln als Werbung. Ich versuche bei jedem Aufenthalt an einem Dienstag
in Rossport zu sein. Hier die Adresse:
Dennie Corduff
Bar+Grocery
gaeltacht rosdumhach
Rossport, Co. Mayo
! Beim Pubbesuch in den Sixcounties unbedingt erst feststellen mit wem man es zu tun hat, bevor man sich auf unausweichliche politische Themen einläßt! Lieber ignorant erscheinen, als eine unpassende Äußerung an falscher Stelle. Bei der Politik hört hier die Gastfreundschaft sehr schnell auf! Schon ein kleiner Sticker mit der irische Trikolore an meiner Mütze, brachte mich in Antrim in eine prekäre Situation.
"A nation once again" sollte der beste Sänger nicht im Crown's in Belfast von sich
geben, in dem o. abgebildeten Pub in Larne habe ich es lautstark mitgesungen.
Larne ist "extremely loyalist", aber es gibt auch "nationalist" Pubs.
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