Signatur
 

2001    Zum letzten Eintrag    Zur Leitseite    Mehr Text   


2000



Neu:

Das neue Jahr ruht still in mir,
das alte Jahr ist schon vergessen,
Zahlen sehe ich wohl auf dem Papier,
doch bin ich nicht auf Zeit besessen.


Das Y2K-Problem

Zwanzig nach zwölf zeigt der Blick auf die Uhr,
der Himmel über Frankfurt ist schon dunkel.
Soeben ist pünktlich um null Uhr eine zeituhrgesteuerte Lichterkette und ein Jahrtausend ausgegangen,
beides programmiert.
Hurra, wir leben noch und die Schamanen packen ihr Handwerkszeug der Angst ein.
Die Sprachlosigkeit löst sich auf wie der Morgennebel.
Ein bisschen Skepsis bleibt;
wenn die Müllberge abgeholt sind, wird alles bleiben ?
Längst ist das große Feuerwerk von den verzweifelten Bemühungen nach bestimmungsvollen Deutungen überholt.
Die Endzeit bricht unbemerkt zusammen und alles wird so profan.
Jetzt können wir wieder feiern.


Die Spur

Ihnen ist da etwas heruntergefallen, sagte die nette alte Dame zu ihm.
Ja richtig, ein Prospekt hatte sich selbstständig gemacht und lag auf dem Boden.
Die Mülleimer ringsherum quollen über, die Scheiben der Haltestelle waren eingeschlagen und auf den Sitzbänken machten es sich die Überreste etlicher Nächte bequem.
Sicher, das Prospekt gehörte da nicht hin, er hob es schnell auf.
Erinnerungen können liegen bleiben, wenn sie vergessen werden.
Niemand sieht sie. Aber auch die Veränderungen, die das Verschwinden von Erinnerungen hervorrufen, bemerkt keiner.
Wie ein Chamäleon streifte er die Reste der Zeit mit kompletter Gründlichkeit allmählich ab.
Er verlor die Häute nie, sie hingen im Kleiderschrank seines Vergessens.
Wenn er wieder etwas zum Erinnern brauchte, würde er sie zum Anziehen auswählen.
Manchmal gefielen die Kleider anderen Leuten besser als ihm.
Sicher, seine Mutter sähe ihn am liebsten im Strampelanzug, der Vater im Konfirmandenanzug.
In den jahreszeitlich bedingten Uniformen sah er sich nicht gern, war letztlich am liebsten nackt und bloß.
Hier sah er sich am ähnlichsten, ohne Verfälschung der Figur.
Er hatte inzwischen in der Bahn Platz genommen und schaute in das gerettete Prospekt.
Auf den Sitzen lagen alte Zeitungen, die wohl jemand bewusst dort abgelegt hatte, die Papierkörbe boten nicht genug Platz für den Altmüll.
Als die Bahn anfuhr, rollte eine leere Bierdose an seinem Fuß vorüber, wortlos.
Ja, die Menschen waren so vergesslich und es gab nicht genügend nette Damen, die sie erinnern.
Der Baumarkt bot wieder handliche Akkuschrauber an, Bohrmaschinen auch, ein Glück, das zu lesen.
Im Kaufhaus offerieren sie wieder festliche Damennachtwäsche.
Und Schuhe gibt es.
Diese Prospekte werden so sicher wie das Amen in der Kirche immer wieder neu gedruckt und ungelesen weggeworfen.
Ihn faszinierte der Ablauf, er durfte Teil des Recyclingprozesses sein, streng legal.
Die Bahn fuhr in die Station ein, er schreckte aus der Lektüre hoch, stand auf, um die Schilder der Station auf der anderen Seite zu lesen.
Wo wollen Sie denn hin ? fragte ihn eine Mitreisende.
In Richtung Süd antwortete er.
Da müssen Sie noch eine Station warten, bemerkte die junge Frau.
Während ein Schild mit der Aufschrift "Süd" am Fenster vorbei fuhr, setzte er sich wieder und sammelte die Prospekte ein, faltete sie und legte sie in die Innenseite der Zeitung.
Eine Station noch, kaum zu glauben.
Die junge Frau richtete ihren Blick nach draußen, eine gegenüber sitzende Alte folgte sofort.
Er musste lachen.
Die Alte ächzte und brachte eine Flasche Kölnisch Wasser zum Vorschein, sprühte und benetzte sich.
Ein Geruchsschwall traf den Säugling mit 'zig Jahren Verzögerung.
War er eben noch zufrieden auf seinem weißen Handtuch gelegen, so trieb ihn nun das blanke Entsetzen zum Schreien. So schnell würde er sich nicht beruhigen.
Er musste aussteigen, jetzt, nicht ohne der jungen Frau für ihre Hilfe zu danken, er brauchte einen Fahrplan.
Sie haben da etwas vergessen, hörte er kaum, aber deutlich.
Er würde sich nicht verlieren.


Gö, holt Haider !

Der Mann im Fernsehen sagte es gerade: er hat nichts gegen Ausländer.
Er ist sogar mit einer Ausländerin verheiratet, da schau an.
Touristen dürfen hier weiter um die Berge schwingen, dieser kleine Hügel da, auf dem drehe ich jetzt.
Passt auf. Das Hin- und Herschwingen auf dem Hang verursacht Muskelkater und Gliederschmerzen.
Wenigstens etwas Wahres zwischen der Patenonkelei und all den verwandtschaftlichen Beziehungen.
Wie lange dauert eine Befreiung aus dem Topfenstrudel des reelen Relikts, ergänzt von toller Qualitätsware wie Anoraks und Skiunterwäsche.
Und schalten auch Sie demnächst wieder ein, wenn es wieder heißt: Skifahren.
Der Schwung wird besser und die Erkenntnis trifft Dich wie ein Messer.
Es war immer so und wird immer so sein:
Österreich ist des Deitschen Heim.
Was zuhause längst vergessen scheint,
findest Du nur hier, mein Freind.
Hast Du das erst einmal kapiert,
nur Urlaubsfreude Dir passiert.
Der Dichter kauft sich eine Vignette,
fährt davon und sprengt die Kette.
Vier Sterne namenlos am Himmel stehen,
die Berge sind doch wunderschön.

Alpen


Ja ja

Verbrannte Menschen von Russland bis Polen,
schneidiger Schritt auf dicken Sohlen,
Ja, ja, sagte sie immer,
Wortfetzen fliegen durch das Zimmer.
Jungen wollen immer einen Sieg,
für die Alten ist es der ewige Krieg.
Ja, ja, wann kommst du wieder,
weiß ich nicht, wann blüht der Flieder?
Weihnachten wollen wir zuhause sein,
Wer es besser weiß, werfe den ersten Stein.
Ja, ja, ich weiß es ja auch,
nur der Wille unterliegt dem Bauch.
Ein Zweifeln in diesem Blick,
ewig lange bleibt dieser zurück.
Ja, ja, was bedeutet Material und Erfolg?
Der Sieg ist es, das will unser Volk.
Der einzelne soll sich ihm unterstellen,
Beifall brandet auf in Wellen.
Ja, ja, Dein Lachen hört nicht auf.
Du stoppst ihn nicht, den Weltenlauf.
Da will Einer für alle viel zu viel,
Mann, das wäre was für Dich auch,
ja, ja, ein schönes Ziel.


O solo mio!

Willst Du wissen, wer ich wirklich bin,
suchst Du in dem Leben einen Sinn?
Vergiss' es,
das ist es!

In mir steckt ein weisses Licht,
in dem Mantel siehst Du es nicht.
Schwarz ist er,
weiss nie mehr!

Glaubst Du an den hellen Schein
im Vorhof zum heiligen Schrein ?
Vergiss' es,
das ist es!


Fenster

Wenn aus Sehnsucht Sucht entsteht,
wenn Du in Deinem Zimmer sitzt,
dann möchtest Du woanders sein.
Wenn Dir das Gefühl entgeht,
wenn das Glück Dir längst gewitzt
dann langsam sich ersetzt durch Pein,
wenn Dir doch wohl ist und
wenn Du siehst aus dem Fenster,
dann ist es vielleicht zu spät.
Wenn die Welt da ist kunterbunt,
wenn Menschen, nur Gespenster,
dann öffne es nicht, das Paket.
Das Schicksal meint Dir den Platz zu geben
am Fenster und Du siehst hinaus auf das Streben.
Wir alle kommen einmal in ein Haus
Und schauen wie Du zum Fenster heraus.


Der Spieler und der Dieb

Wenn ich doch nur ein Herz gewönne,
so wüsste ich um den Sinn dieses Spiels.
Wäre ein Herz nur mein,
so könnte ich ganz zufrieden sein,
seufzte der Spieler.
Doch die Konkubinen zogen vorbei,
ohne das es ihm gelang,
auch nur eine wirklich an sich zu binden.
Ein Lächeln hier, eine Zärtlichkeit da,
doch am Ende mischte das Leben stets erneut die Karten.
Du bist nicht nur ein Spieler, sondern auch ein Narr,
sagte da der Dieb, der die ganze Zeit verstohlen in der Ecke gestanden hatte.
Ein Gewinn ist nicht von Dauer,
das Spiel geht weiter und
Du musst neuen Einsatz erbringen,
ich dagegen stehle meine Herzen lieber.
In der Tat hatte der Dieb einige Herzdamen an seiner Seite versammelt.
Sie holten ihr langweiligstes Gesicht hervor und schauten den Spieler von oben bis unten an.
Aber, fragte der Spieler, wie willst Du wissen,
ob sie Dir wirklich gehören?
Das ist mir egal, entgegnete dieser,
ich sammle die Herzen nur, um den Besitzstand zu wahren.
Ich will sie nicht gewinnen, dafür sind sie mir zugehörig.
Da muss es einen Ausweg geben, murmelte der Spieler mehr sich selbst als dem Dieb zu.
Welches Ass hast Du denn dieses Mal im Ärmel, grinste der Dieb,
nicht ohne Raum und Zeit mitzunehmen.
Die nächste Runde begann: faites vos jeux, s'il vous plait.


Danach

Seid umschlungen, wilde Zungen
winden sich in Verwirrungen,
Irrungen oder Gegenwart,
ekstatisch vibrierend gepaart,
dieser Moment zur Ewigkeit
als Monument der wilden Zeit
und des Verlangens nach
wärmeweichem Wesen
so intensiv weltlich genesen,
die Sehnsucht bestimmt und doch danach,
was kommt wonach ?


Lucie ver-

Lucie ver-
stellt sich sehr.
Lucie ver-
meidet Verkehr.
Lucie ver-
dient kein Geld.
Lucie ver-
wendet die Welt.


Entdecke die Möglichkeiten ..

Er hat auch schon länger Probleme mit der Erektion und jetzt eine Vakuumpumpe bekommen.
Gibt es noch andere Möglichkeiten, denn mit der Pumpe funktioniert es nicht so richtig?
Pioneer 10 wird nach Schätzungen der Wissenschaftler wahrscheinlich seinen Heimatplaneten Erde überleben.
Dunkle, sonnengebräunte Holzhäuser erheben sich auf soliden weissen Steinfundamenten
und wechseln sich mit vereinzelten, weissgetünchten Steinbauten ab.
Ein gepflasterter Weg führt durch das Dörflein zur Kapelle und dem schönen,
mit Steinplatten gedeckten Brunnen, welcher leicht erhöht am Dorfweg steht.
Wenn sich die Sonne in fünf Milliarden Jahren zum Roten Riesen aufbläht und kochende Ozeane
das Ende der Erde anzeigen, dann dürfte der bislang erfolgreichste Raumfahrtpionier
immer noch die Gefilde unserer Milchstraße durchpflügen.
Es scheint, als wäre die Zeit stehengeblieben.

(Entnommen aus:
Frankfurter Neue Presse vom 31.März und 1. April 2000 und
Die Lupe, Das Magazin für den Briefmarkenfreund, Ausgabe März 2000)


Time-Eater

Sie lächeln Dich an und meinen es gut.
Sie wenden sich ab und Du kriegst die Wut.
Sie ziehen Dich an oder aus,
machen aus Prinzip Dir den Garaus,
sie pudern und sie wickeln Dich
in Watte erst und dann der Stich:
es wird Deine Zeit Dich kosten,
Du stehst auf verlorenem Posten.
Spätestens auf dem Totenbette
ist es zu spät, nun rette
die Vielzahl der guten Stunden,
um sie alle zu überrunden.
Ist Deine Zeit erst abgelaufen,
werden sie alle zusammen saufen.
Im Rausch werden sie Dich vergessen,
suchen was Neues, um Zeit zu essen.


Off cause!

Das geschah bisher: die Blätter rauschen unbeständig wie die Kurse der Wertpapiere.
Das Wort Gewinn schwebt über erwartungsfrohen Köpfen,
ab und zu fällt ein Moorhuhn herunter. Es geht nichts über eine sichere Beute.
Die Jagd endet mit wenig Erfolg.
Was geht? Die Moralapostel ziehen sich verschämt in die Trendyecken zurück.
Dort bieten sie ungestört ungenierte Profile als Rezepte zum Nachkochen an.
Als Desktopmotiv gut geeignet, nicht um damit zu arbeiten.
Arbeit steht im Trainingsplan nicht mehr im Kontrast zur Ruhe.
Stille Bewegung sieht gut aus, manchmal Aufregung sachlich thematisieren, das hilft.
Analyse und Rating auf der Basis von Eckdaten.
Die Motivation bleibt das Ziel am Ende des Wegs.
Alle wollen, keiner kann.
Die Blätter sprießen fast schlagartig hervor,
ewig singen die Wälder, nur solange das Verhältnis zwischen innerem Wert und Gewinnerwartung stimmt.
Zu Englisch: Shareholder value in Korrelation zu political correctness.
Watt is leading to results?
Trading am Euroboard, E-Commerce statt Unterhaltung oder Käse auf dem Brotbrett.
Das Ohr summt ständig dazu: gesund sterben, reich und glücklich.
Of cause!


Komm´ mit

Komm´ mit in das Wirtschaftswunderland,
Menschen sind mir hier nicht mehr bekannt
Pyramiden und Moscheen
Wirst Du dort gar nicht sehen,
Spuren haben sich verwischt,
Märchen für Dich aufgetischt.
So lass´ uns unsere Wege gehen,
das Schicksal unsere Gunst erflehen.


ES

Es tut mit leid, ich habe das nicht gewollt, sagte Gott und zog sich in den Schmollwinkel seines Daseins zurück.
Gerade war die Schöpfung zu Ende gegangen.
Es kann passieren, war seine Meinung.
Es war einmal, er kannte es nicht.
Wer oder was war dieses kleine große "Es", das ihn überall umgab.
Es schwärmte über seinem Kopf aus, es war aktiv und doch da.
Er weiß es, es ist vorgekommen, erschließt sich seiner Betrachtung, schmeckt gut.
Es könnte sein, Du fasst es nicht, es macht sich.


Eine Brise

Der Wunsch nach Veränderung überzog ihn wie eine leichte Brise die Oberfläche eines tiefen Sees.
Zu bestimmten Zeiten kritzelte er Telefonnummern auf Papier, begann, Informationen zu sammeln,
neue Ordner anzulegen, Seiten zu beschriften und zu verwerfen.
Anrufe erledigen, Aufträge ausführen und dann.
Fühlte er diese Unruhe, auf der er sich zurücklehnen konnte.
Keine schlechte Stimmung, kein passives Unwohlsein.
Der See ist tief und die Oberflächenbewegungen richten nicht viel an.
So etwas wie Brandung entsteht, aber entwickelt sich nicht.
Schön anzusehen, wie das Wasser sich kräuselt und dennoch den Blick in die Tiefe nicht versperrt.
Da leben Fische, die den Weg nie nach oben finden.
Irgendwann hört die Bewegung auf,
die Aufzeichnungen werden nicht genutzt, die Telefonnummern vernichtet.
Es war kein schlechter Wind, doch eher ein Lüftchen.


Mein Kind 84

Verantwortung keimt auf, erst links, dann rechts schauen, dann fahren.
Sich vorzustellen, dass da etwas auf Einen zu kommt.
Wie wird er/sie? Endlich einen Sinn, der über den eigenen Horizont steigt oder purer Wunsch nach Wiedersehen des eigenen Ichs?
Dieser Generationenvertrag mit ewiger Prolongation in die Zukunft.
Der Sumpf der Reproduktion ist eigentlich nur mit großen Propellern zu meistern. Viel Wind nach hinten, kaum Vortrieb.
Die Linoleumflure ziehen sich endlos, auf dem Schwarzbild wedeln winzige Wesen ein unerfülltes Leben.
Ein kleines Etwas wird gepumpt. Freude, Stolz führen durch ein großes Haus.
Die Querelen verstecken sich nicht, der Alltag zeigt wenig Respekt vor dem Schicksal,
noch weniger vor der Bedeutung.
Die Ampel steht auf, grüne Männchen gehen, rote bleiben stehen.
Weiße Kittel mischen sich unter, wer verdient die Schuld?
Der Hunger übertrumpft die Sehnsucht. Einen Hort finden, wer gibt Arbeit, Brot und Zeit?
Schwer zu erschliessen, diese Aussicht.
Sicher zeigt sich der Schock schwesterlich, das unterliegt der Geheimhaltung.
Gut werden soll der Vater, angesichts des großen Desinteresses der Wirklichkeit ist das kein geringes Anliegen.
Die Nahrung versiegt mit der Seelenkraft, moralisch zerrieben zwischen hohen Wänden der Selbstachtung und der Illusion.
Nicht geboren, verloren!
Straße von Blut und Tränen, die Wahrheit liegt zwischen den Zähnen.


Der Teelöffel

Der Teelöffel ist traurig und das noch immer,
vom Tee in der Tasse hat er keinen Schimmer,
goldene Wellen wollte er rühren,
Zucker und Tee so zusammenführen,
sich schnell nach dem Eintauchen erhitzen
und über dem Tassenboden blitzen.
Der Teelöffel ist traurig und das noch immer,
Teetasse steht in einem anderen Zimmer,
keine Chance, sie nach außen zu entführen
und Tee oder Tasse irgendwie zu spüren.
Der Teelöffel beginnt unmerklich zu schwitzen
und bleibt in seinem Besteckkasten sitzen.
Da ist er wieder, der schreckliche Traum:
(Vom Kaffeemühlenmaschinengeruch
manchmal bekommt der Teelöffel Besuch.)
in jeder Zeitung steht nach dem Ende kaum:
der Teelöffel ist traurig und das noch immer,
versunken im Kaffee ist er, ganz ein Schlimmer.


Klasse, Treffen!

Seine Füße schlurfen über heiligen Grund,
seit Jahren läuft er sich schon die Seele wund.
Erwandelt auf dem heiligem Boden,
gepflastert mit güldenen Vorboten,
achtet er die guten Vorsätze
und meidet viel Übergeschwätze.
Er fühlt sich selbst so superheilig
und verewigt sich gleich achtzeilig.


Grüne Soße (Grie' Soß')

Fahrten nach Nordrhein-Westfalen
lassen sich gut bezahlen,
Reisen von Nord-/Südhessen
werden schnell vergessen,
aber dafür in Bayern
lässt es sich gut feiern
und in Baden-Württemberg
schafft nun wirklich jeder Zwerg.
Was fehlt, ist Rheinland-Pfalz,
beim Karneval da knallts,
französisch isst das Saarland,
denn Louis liegt an seinem Rand.
Wo lassen hübsche Mädchen wachsen?
Rate mal: in Sachsen.
Wozu es edle Sachsen bringen,
das ist zu sehen in Thüringen,
Pause lege ein bald
und in Sachsen-Anhalt.
Das Mundwerk muss schnell noch wohin,
Dein Ziel: das ist die Hauptstadt Berlin.
Der Herr wandert in Brandenburge
verzehrt dabei die Spreewaldgurke,
sticht in See in Mecklenburg-Vorpommern
jahreszeitlich begrenzt in den Sommern,
wo das Wasser ist in Schleswig-Holstein
eigentlich zu jedweder Jahreszeit zu fein.
Aber auch in Hamburg, zum Beispiel in Blankenese
gibt es den ganzen feinen plattgedeutschten Käse.
Schnell auf der Autobahn nach Bremen
und ganz spät nachts noch Einen nehmen.
Dabei schließt sich der Bogen in Niedersachsen,
wo spitze Steine quälen die Autoachsen.


Oase

Die größten Sehnsüchte erfüllen sich nicht, weil die Sehnsucht die Nahrung unserer Gedanken ist.

Selem, Sahib, scheinen die Steine zu grinsen, so sehen wir uns wieder.
Er hatte es gewagt, nach einem Jahr zurückzukehren. Die Beschreibung des Ortes gab ihm Hoffnung,
dass er nicht in der Wüste landen würde, doch diese ging nicht auf.
Gewiss, es war nicht die Sandwüste und eher die Steinwüste.
Angereichert mit den Überresten der modernen Zivilisation bildete diese die Verbindung zwischen den
geweißten und vielen unverputzten Privathäusern und den Hotelpalästen.
Aber da war auch grün zwischen all dem Stein: Eukalyptusbäume, Feigenbäume, Palmen und Gummibäume etwa. Der Rasen der bewässerten Hotelparks vermittelte das Gefühl von "zuhause im eigenen Garten" und beruhigte. Der Garten gedieh sogar prächtig, denn viele bekannte Pflanzen zeigten sich in einer anderen Größe als gewohnt. Nur der Sand am Sahelstrand erinnerte noch an die Wüste.
Angereist war er mit einem dieser bemalten Metallvögel, eingekeilt auf dem Mittelsitz zwischen seiner Frau
und einer unbekannten Reisenden. Die Ankunft in der Gegenwart verdeutlichte den Unterschied zur Vergangenheit. Er hatte gebucht und nichts besseres verdient.
Schon das vierte von verschiedenen, im Grunde gleichen, Varianten eines Raums wählte er als das kleinere Übel aus. Immerhin, ein Page trug die Koffer und er entlohnte ihn sogleich. Der Herr des Hauses empfing ihn nicht.
Die Speisen servierte niemand, sie lagen stattdessen zu bestimmten Zeiten zum Verzehr bereit.

(Die Ungläubigen liefen seit ihrem Einfall lärmend und Löffelwerfend um die Stelle herum. Sind die Gläubigen deshalb besser?)

Schattige Plätze erwarteten ihn nur nach vorheriger Reservation.
(Die Ungläubigen werfen als Zeichen der Besitznahme Handtücher morgens nach Sonnenaufgang auf die Liegeplätze. Dafür zahlen manche sogar unaufgefordert ein kleines Entgeld. Damit werden sowohl Sitzplätze im Speisesaal als auch am Strand reserviert. Die Europäer haben sich somit der arabischen Art zu handeln, unterworfen. Sie gestehen es sich selbst noch nicht ein.)

Die Palmen wedelten melancholisch dazu.
Beim Strandspaziergang stieß er eines Tages auf ein bemaltes Schild: Kamelkarawane.
Für Geld gibt es auch Kamele, er mietete eines der Tiere für einen längeren Ausritt.
Der letzte Stein grinste: Selem, Sahib. Von da an gab es nur noch Sand.
Als im fernen Land des Südens eine einsame Palme auftauchte, wusste er, dass seine Heimat ihn mit klarem Wasser aus dem artesischen Brunnen und süßen Datteln ernähren würde.

Palme

Er begehrte weiter nichts und beschloss, dass es ihm an nichts fehlen werde, von nun an.


Paradise lost

Gehet hin und machet Euch die Erde langweilig, so sprach der Herr.
Aber wie? fragten ihn nicht nur seine Jünger.
Nun, seid nicht so wie Ihr empfindet, sondern seid was Ihr scheint.
Zeigt nicht das wahre Antlitz Eurer Seele, verschleiert Euch mit Argumenten.
Wartet ab, wer den ersten Stein wirft, tut es nicht selbst.
Überlasst dem Zufall die Veränderungen und fügt Euch in das, was Ihr Schicksal nennt.
Springt nicht in kaltes Wasser und riskiert nichts.
So zogen sie vorsichtig aus und machten sich die Erde und alle anderen Lebewesen untertan.
Sie verbrachten viel Zeit damit, sich gegenseitig umzubringen, zu zerstören und wieder aufzubauen.
Am Ende war die Erde kultiviert und das System des Herrn kollabierte unter der einseitigen Gestaltung der Umwelt.
Die Jünger waren abgelenkt mit ihren Geschäften und hatten den Herrn vergessen.
Der Herr indes schöpfte längst woanders etwas Neues, denn die Ergebnisse seiner älteren Werke wartete er nie ab, er wusste um deren Kurzweiligkeit.


Von der Lippe

Es stehet ein Verslein vor der Tür,
lass' es nicht rein, ich kann nichts dafür.
Da lärmen plötzlich ein paar Gedichte,
persönlich mag ich lieber Geschichte.
Hochnäsig naht die Poesie,
trägt bauschend auf und schleimt wie nie.
Die Lyrik dagegen will viel verstecken
in verborgenen und halbdunklen Ecken.
Als Wahrheit will uns wohl erscheinen
das Essay als Versuch im kleinen.
Die Erzählung und der Aufsatz
bietet der Wahrheit keinen Platz.
Es gilt garnicht zu interpretieren,
sei es gesagt und soll nicht genieren.
Ein Verslein steht auf der Kippe,
es kommt mir nicht von der Lippe.


Godot wartet auf Star Wars Oder schau mir in die Augen, kleines Casablanca!

Alles begann damit, dass jemand gestorben war.
Er beschloss, es nicht wahr haben zu wollen,
zu warten, bis ein anderer ihn finden würde.
Am Freitag wäre es soweit, das wusste er.
Die Gewissheit trübte den blauen Himmel ein.
Er stand auf der Veranda
und sah auf die weißen Flachdachkasernen,
die sich im Licht des Sonnenuntergangs rötlich abfärbten.
Die meisten Markisen waren heruntergelassen, Südausrichtung.
Casa blanca, dachte er beim Anblick, Casablanca.
In der Bar hinter ihm lief der überdimensionale Fernseher, Star Wars,
die erste Episode.
Soeben rumpelte ein Pseudoroboter durch die tunesische Wüste.
Ausgelassene Wochenendstimmung entwich der Bar ebenso wie der Zigarettenrauch.
Die Leute waren gut gelaunt und seltsam desinteressiert.
So sah niemand das schwarze Dreieck, das scheinbar langsam
an den Fenstern der Lokalität vorübergeglitten war,
um unendlich wie ein sterbender Vogel auf einem Dachvorsprung
an der Ecke gegenüber zu landen.
In Wahrheit musste die Geschwindigkeit sehr hoch gewesen sein,
zu hoch um die Annäherung und den Anflug zu bemerken.
Unbeweglich lag es da, Licht in seinem Inneren war ersichtlich.
Es spähte die Umgebung aus und übermittelte Botschaften.
Bald sollten sie mit ihren pfeilschnellen Motherboards diesen Planeten überfluten.
Zuerst würden sie die menschlichen Urbanisationen kontrollieren und besetzen.
Nur in den kleineren Orten könnten sich die Menschen noch aufhalten.
Alles hing davon ab, den Späher daran zu hindern, Informationen zu sammeln und zu übermitteln.
Denn sie waren für menschliche Begriffe blind, die Gesandten von Godot.
Ohne Koordination und Ziel für ihre Angriffe liefen ihre Besetzungspläne ins Leere.
Sie würden die Sonne ins Visier nehmen und darin verbrennen.
Er wollte das alles nicht. Der Fernseher mußte repariert werden und zwar bis Freitag.

Während er sich zum Eingang der Bar bewegte, befand sich der Roboter in einem Lager für Maschinenschrott,
wohin ihn die Wüstenbewohner gebracht hatten.

Jemand schlug im schmerzhaft auf die Oberschenkel und meinte:
Du bist Buchhändler!
Ale er erwiderte, er sei Redakteur, rief der Saal: das paßt nicht.
Offensichtlich war er in ein heiteres Beruferaten hineingeraten.
In der Tat, die Wächter Godots zeigten unerbittlich ihre Präsenz.
Wozu sollte er den Späher ausschalten?
Sie existierten bereits und bestenfalls konnte deren Arbeit als unauffällig bezeichnet werden,
so dilettantisch die Verkleidung aussah.
Auf den Straßen wechselten sie manchmal die Gesichter.
Luke Skywalker, Du mußt weite Wege gehen, um Vertrauen zu finden
und ein echter Jedi-Ritter zu werden.
Wenn er nicht aufpaßte stieß er mit den Junks zusammen oder trat in deren Spritzen.
Ab und zu glaubte er, die schnellen Schatten über sich zu sehen,
sehnte sich nach einer dunklen, unsichtbaren Umarmung., wenn es kein Licht gab.
Die Schatten Godots jagten ihn, es drängte ihn , den Reparaturdienst zu bestellen.
Unisono erklärten ihm die Werkstätten,
es lohne sich aufgrund der Beschreibung des Defekts der Aufwand nicht.
Er müßte es selbst erledigen oder einen neuen kaufen.
Am Freitag gab es wieder das Programm, niemand registrierte seine Rückkehr in die Bar.
Die Roboter hatten sich gegenseitig repariert und suchten ihren Herrn.
Auf dem Balkon versammelten sich Menschen und er blickte auf sein Casablanca.
Eine schwarze Umarmung ließ es ihn ahnen, der Platz des Spähers lag in wohliger Leere.
Das Warten hatte ein Ende.


Sayonara

Alle Luftballons kaputt
im Samen regnen
am Fenster, alle kaputt?


Handwerkszeug

Sie müssen schon mehr tun, als nett sein, junger Mann!
rief die ältere Verkäuferin ihm zu, als er ratend vor dem Verkaufstresen stand.
Die jüngere pflichtete eifrig bei.
Was darf es denn sein? Ein Brötchen bitte!
Vollkornbrötchen? Nein, er wünschte sich ein weißes, schmales mit einer Kerbe in der Mitte.
Nein, ein weißes bitte!
Kaiser-, Rosen-, Buttermilch-, Mohn-, Sesambrötchen oder eine Schribbe?
Er grübelte, früher war alles so einfach, das zum Bäcker gehen und einfach Brötchen verlangen
und bekommen.
Dieser Luxus des Auswählens brachte ihn in Verlegenheit, obgleich
preislich eine gewisse Angemessenheit mit dem Angebot zu erkennen war.
Ungefähr so schwer wie aus der Form des Brötchenteigs sich das Endprodukt vorzustellen, ebenso belastete
es ihn, den Geschmack des Endprodukts zu erahnen.
In der Präbackmischungszeit hatte eine gewisse Unverwechselbarkeit beim Biß ins Brötchen gewirkt.
Das frische Innere und die knusprige Schale, die Erinnerung daran schlug Wellen in seinem Gedächtnis.
Unzufriedenheit stand in seinem Gesicht und fiel auf ihn zurück.
Backen Sie doch selbst, junger Mann! barschte die Alte ihn an.
Gute Idee, aber mit welchem Grundteig?
Er machte sich ja seine Wurst auch nicht selbst,
der Gedanke mit einem Eimer Wurst und einem Meter Darm den Metzger zu verlassen,
kam ihm amüsant vor.
Fast normal dagegen, sich die Brötchen selbst zu verbrennen.
Weißen Teig bitte! herrschte er die junge Verkäuferin an.
Da müssen sie morgens früher aufstehen, jetzt ist der Teig ausgegangen.
Er war versucht zu fragen, wohin. Gut dann eben ein Baguettebrötchen, der Ausweg!
Hatten Sie vorbestellt? Schaltete sich die Alte ein, ein bißchen triumphierend.
Sein Auge fiel auf ein eingepacktes Stück Weißbrot, geschnitten.
Sandwich ist weißer als Brötchen und weicher.
Aber es fehlt der Charakter.

Träume weiter diesen chrunchigen Traum
Und nimm' das Innere aus dem Brötchen
die Kruste davon ist gebräunter Flaum,
die Vorstellung davon gibt Dir Pfötchen.

So hauchte die holde Bäckersfee.
Er zog ein weißes Taschentuch aus der Hosentasche, musste er nicht zur Tankstelle?
Knacke uind backe, wenigstens die im Regal weißen Brötchen!


Cyber Josie

There once was a girl out in Arizona,
she was pleased to meet her commercial maker
and left me barely as a lonesome laker.
Naked has she been throughout Alaska,
good in exploiting oil,
you see it is not only Nebraska,
that gives her mother´s soil.
Every once in a blue moon
she is getting such a gossip soon:
cyber, cyber, if you can,
I will watch you now and then.
See Josie standing in the desert,
keeping my memory tidily alert.
Yes, I loved, what her body shows,
that is the way a story glows.


Stählern

Der Pfarrer verabschiedete die beiden Gemeindemitglieder. Das ältere Rentnerehepaar wollte nach Sylt ziehen, doch nun, wo es Ernst wurde mit dem Abschied, versagten der älteren Dame die Kräfte. Sie kämpfte ein wenig mit dem Schwindel, aber der Pfarrer munterte sie wieder auf. Er versicherte den beiden alten Leuten den Beistand des Allerhöchsten.
Die Lage der Kneipe war schon sensationell: von der Theke aus konnte Dan die von zwei Seiten auf das Kliff zu laufenden Wellenberge beobachten. In Sicherheit sozusagen. Die Wirtin hatte es ihm schon lange angetan, sie entpuppte sich immer mehr zu seiner Herzdame. Leider war sie fast immer zu beschäftigt, als das Dan sie hätte ansprechen können. Da gab es zudem ein paar gute Freunde, von denen immer einer in der Nähe war, um ihn zu beobachten oder kritisch zu mustern. Seine Allerweltsanbandlungsversuche konterte sie zudem sehr geschickt und fast philosophisch. Als ihn wieder einmal die Kraft der heranrollenden Wellen faszinierte, bemerkte sie lakonisch, daß dies ja kein richtiger Sturm sei. Die Bewegung finde nur an der Oberfläche statt, in der Tiefe sei es ganz ruhig. Versonnen stellte Dan sich darunter ein blaue Wackelpuddingstatik vor, Berge, die hin und her zitterten, ihre Position jedoch hielten.
Dann sah Dan die in phantasievolle Gewänder gekleideten Araber wieder, die er auf verschiedenen Reisen gesehen hatte. Sie alle hatten den Touristen interessiert betrachtet, aber Interesse an seiner Person war Dan gewohnt, es war nicht das, was er suchte. Ob auf breiten Straßen oder schmalen Gassen, die Heimatadresse vermutete Dan stets umsonst. Ob er sich von einem Freund an die Hand genommen fühlte oder wieder einmal fremdem Glück auf die Beine half, eine Leere blieb zurück. Manchmal wohnte Dan zur Untermiete mit Familienanschluß.
Nun Dan wartete auf seine Chance in dieser Kneipe, hatte ein Ziel.
Sie muß allein sein. Was reizte am meisten: die schlanke Gestalt, der kühle Umgang mit den Dingen, der Witz oder wie sie alles scheinbar selbstverständlich schaffte.
Dan sagte es ihr eines schönen Tages und ihre Antwort kam direkt und verblüffend. Wenn Du willst, fangen wir hier neu an, können Kinder haben. Seine Tränen liefen nun ungehemmt und fast schämte Dan sich seiner Erleichterung, während er sie in den Arm nehmen wollte.
Sie erkannte jedoch recht praktisch, daß der Gastraum kaum die richtige Stelle für ein derartiges Schauspiel sein sollte. Komm, wir müssen reden, sie zogen sich in die Nebenräume zurück. Doch sie ließ ihn warten. Dan merkte in seiner Euphorie zu spät, daß sich vor der Toilettentür ein kleiner Menschenauflauf bildete. Einige Gäste und Freunde der Wirtin öffneten schließlich die nicht abgeschlossene Tür. Ihre gealterte Gestalt kippte nach vorn, sie saß zuvor auf dem geschlossenen Toilettensitz. Dan trat hinzu und sah ihr lebloses, nachdenkliches Gesicht vertraut und doch runzlig entstellt. Vorwurfsvolle Blicke trafen ihn, doch Dan fühlte keine Trauer,
merkwürdigerweise Erleichterung. Irgend etwas war zu Ende, bevor es angefangen hatte.
Es war nicht der richtige Weg und er verließ die Arena.
Jemand sagte: die Menschen sind wichtig, nicht die Dinge, Dan. Aber Dan liebte es, den Dingen auf den Grund zu gehen, in den Spiegel zu sehen und zu erkennen.
Verspielt bricht sich ein Bild in den Fassaden des Hochhauses, Eisen und Stahl ein solides Material. Er wandelt in den Schluchten von Frankfurt, home at last.


Starker Wind

Hombre, hombre, rufen die Ladies von hinten. Eine von ihnen hatte bemerkt, daß dem Busfahrer immer wieder die Augen zu fielen. So fuhr er mit halb geschlossenen Augen meist links auf der Fahrbahn, um kurz vor dem Gegenverkehr immer nach rechts auszuweichen. Das Manöver gelang ihm perfekt, er kannte die Strecke vom Flughafen wie im Schlaf. Der Rest der Passagiere verhielt sich ja auch ruhig. Harrte geduldig auf das Ende der Fahrt mit diesem Kleinbus, in dem Anschnallen nötig, aber nicht möglich war.
Sondertransfer, so heißt das eigentlich im Reisekatalog. Sollte sich jeder gönnen, der schneller ankommen will im gebuchten Hotel. Caramba, er mußte ihnen was zeigen, zum Beispiel, wie in einer Kurve ohne Sicht überholt wird. Ein anderes Mal demonstrierte er das gerade noch so eben Einscheren nach der Beendigung eines Überholvorgangs, natürlich in einer Kurve. Die Landschaft rings herum zeigte sich monoton felsig, hier einmal eine Verzweigung nach Antigua, dann wieder in eine andere Richtung. Die Straße war schon sehr gut asphaltiert, gleich würden die richtig kurvigen Abschnitte an der Costa Calma folgen und den Spannungsbogen im Bus erhöhen.
Doch Félipe wollte nur eins: schnell in den Feierabend. Er war heute schon einige Male diese Stecke gefahren, früh aufgestanden und es würde abends ebenso spät werden. Seine schläfrig direkte Fahrweise führte zum Ziel, er drehte einfach den Innenspiegel weg. Nun konnten die Ladies das Spiel seiner Augenlider nicht mehr beobachten. Die Männer im Bus dachten auch, es sei gut, wenn der Fahrer ein bißchen Gas gibt, ihm reinzureden bringt es nicht, schließlich versteht er dann garantiert kein Deutsch mehr. Mann will nicht unhöflich sein. Aber die Ladies im Bus zeigten kein Einsehen, verlangten, daß der Fahrer von einem Beifahrer beaufsichtigt und im Falle eines Falles mal angestoßen wird. Diese Bemühungen fielen jedoch alle der Sturheit der übrigen Passagiere zum Opfer. So konnte Hombre Félipe seinen Fahrstil weiter kultivieren. Hier und da tauchten hinter einer Kurve die Wellen des Atlantik in beruhigender Entfernung auf. Was er beim Bergauf verlor, holte sich Félipe bergab zurück: Geschwindigkeit. Erst zwei Kilometer nach dem ersten Hotel fiel einem der Vorsitzer auf, das das wohl seines war. Also zurück auf unerfindlichen Wegen auf die Straße, rein in die Einfahrt und über lästige Bordsteine hinweg. Bald, so hofften sie, würden auch die Ladies am Ziel sein.
Willkommen im Club.

Fuerte


3. Oktober

Einigkeit und Recht:
Banane
und Freiheit, Urlaub:
Spanien,
Speisesaal und Strand:
Banane,
Feiertag im Bund:
Flughafen,
Republik nimmt mit:
Banane.


Öffentlicher Nahverkehr

Die Arme des Nachbarn werden langsam breiter,
da ist die Betriebsstörung, es geht nicht weiter.
Vielleicht klingt es jetzt zu vermessen,
ich habe einmal besser gesessen.
Gleich gebe ich dem Nachbarn einen Kuß,
damit dieser endlich aussteigen muß.
Es gab da doch einen Unfall,
meldet der Fahrer mit Krawall.
So blättere ich meine Zeitung um,
lese über allen Worten herum.
Von Hilfsbereitschaft und Toleranz
steht es gedruckt ohne Firlefanz.
Dermaßen und über alles belehrt
fühle ich mich so richtig verkehrt,
mache mich noch ein bißchen kleiner,
meinem Nachbarn geht es noch feiner,
schlägt den Koffer mir auf mein Knie,
der Schmerz danach läßt nach und wie!
Eine alte Dame faßt über meinem Kopf
Und erreicht dann auch endlich den Halteknopf.
Die Türen sind sogleich offen,
eine neue Freiheit läßt mich hoffen.
Mein Nachbar ist sofort aufgestanden,
mir ist wie im Flieger nach dem Landen.
Fast möchte ich applaudieren,
um mir Beifall zu spendieren.
Da ertönt wieder einmal die Stimme,
die Störung geht noch weiter, die schlimme.
Der Nachbar kommt schon wieder zurück,
ich zucke, rucke, rutsche ein Stück.
Da sagt er: was sind Sie empfindlich!
Wohin denken Sie: nur befindlich.


POPESAYSNO

Da war etwas, das hatte mich gefangen,
breitete die Arme aus, mit Spießen und mit Stangen,
die Liebe, sie schien mir ganz vergessen,
Pope says No, Dein Anliegen ist allzu versessen,
umgarnte mich, fast erlag ich so dem Glanz,
das Ganze, es zeigte sich verspätet als Frühjahrstanz.
Doch schreibe ich, im Kalender steht herbstlich,
mein Leben, ich hoffe, es legt mir den Mantel um, zärtlich.


"Ich schreibe im Dunkeln"

Was trieb, war unheimlich klein, doch die Kraft ließ nicht nach. Viel stärkere Antriebe hatten versagt. Zu groß geraten, wurden die so bewegten Objekte von Meteoriten getroffen. Schwerlich zu identifizieren als Ziel, so lautete die Formel die Formel des Erfolgs. Er würde unendlich treiben, um irgendwann etwas Leben zu finden. Die Sonne schien ohne Wirkung, das kleine Feuer in der Holzhütte fühlte sich ungleich wärmer an. Den Schatz der Zeit genoß er draußen vor der Tür beim Blick auf den zugefrorenen See und die tief verschneite Landschaft. Im Nerz gehüllt, warf er einen Blick durch die Scheibe, auf dem Tisch lag ein Buch über die Raumfahrer, die Kosmonauten. Er las darin und dachte an den taumelnd die Sonne umkreisenden Planeten, der manchmal der seine zu sein schien. Ein riesiges Raumschiff ohne eigenen Antrieb, nur von der Gewalt der Anziehungskräfte an- und abgestoßen, ohnmächtig die Bahn zu verlassen, deren Einhaltung seinen Bestand garantierte. Es war überflüssig, seinen Lauf durch einen Kommandanten überwachen zu lassen.. Die Naturgewalten bestimmten es und regelten auch den kurzen Sommer und den langen Winter, die Kälte des Sees, das Summen der Mücken über launigen Mooren, all das waren Zeichen. Die Größe des Landes, des Eismeers und der Milliarden Schicksale, alles nahm Platz auf einem Staubkorn des Kosmos. Die Größe des Weltalls in der es nichts zu entdecken gab außer der eigenen Bedeutungslosigkeit. Sie gab ihm die Kraft hier zu sitzen, sein Heim als gemütlichen Platz zu entdecken, sich an den Spielen des Lichts zu erfreuen und manchmal einen Wodka nach dem anderen zu trinken, wenn das Essen gut, die Freunde da und die Liebe seltener zu Gast waren. Sie sagten, er schreibe im Dunkeln, weil er was auf das Papier kritzelte und meistens vergaß, was er einen Moment lang gedacht hatte, wenn er das nicht tat. Wenn das Eis aufbricht, ginge er wieder zum Fischen.
Seine Zettel verwelkten wie abgefallene Blüten, doch er würde neue beschreiben, sobald er in der Stadt etwas Papier kaufen könnte. Sein Haar schien grau und er dachte immer noch wie ein Kind, wenn es um die Freunde ging. Er strahlte, wenn sie kamen und vergaß sie, sobald die Tür hinter ihnen ins Schloß gefallen war. Pjotr, der Kosmonaut, umkreiste die Welt in seiner Kapsel wie einst Juri Gagarin, allein. Längst hatte er den Kontakt zum Boden verloren und würde ihn nicht mehr finden. Der Staat hatte aufgehört zu sein, was er einst vorgab: ein Brotgeber. Zahlungen gab es schon lange keine mehr. Pjotr handelte, tauschte Naturalien. Aus dem bediensteten Forstaufseher war ein selbständiger Verwalter geworden, der einfach die Arbeit seines Vorgängers auf eigene Rechnung übernommen hatte. Er versorgte seine Freunde mit Fleisch und Fisch und bekam dafür alles, was er brauchte: Tabak, Wodka und ein paar Lebensmittel. Natürlich auch Berichte über den Kosmos, den er zu einem ganz kleinen Teil überblickte. Gewiß, für Frauen war seine neu gewonnene Freiheit nicht viel wert, aber er genoß sie zunehmend. Wenn er morgens aus den warmen Fellen aufstehen mußte, wartete er genüßlich, bis ihn ein Anfall von Kraft dazu bringen würde, endlich aufzusitzen und dann ein Feuer zu entzünden, um die kleine Stube zu erwärmen. Eines Tages würde er nicht mehr aufstehen, das wußte er, aber bis dahin würde er jeden Moment einzeln auskosten. Das Glas zögerlich austrinken und immer wieder absetzen, wohlwissend das der letzte Schluck irgendwann getrunken werden muß.
Ein Kosmonaut kennt nicht den ganzen Kosmos, aber er ist dennoch Kosmonaut. Seine Reisen sind lang und doch in kosmischen Maßstäben unbedeutend. Die Erfahrung, die er dabei sammelt, ist riesig. Soeben blinzelt die Sonne durch die matten Scheiben seiner Datscha und Mütterchen Rußland tanzt mit Väterchen Frost. Spassiva!


Gratin

Den ganzen Hexenzauber überlebst Du nur,
wenn Du Dir aneignest des Teufels Statur.
Der Versuch eines Kartoffelgratins artete zum Gemüseaufstand aus.
Röchelnd, mit dem Schlag seiner Pfote, machte er ihm den endgültig den Garaus.
Es war lediglich die äußere Form gewahrt,
geschmacklich hat sich die Apokalypse offenbart.
Sie blickte so konsterniert vom Teller auf,
da nahm eine Handyschar von Jungmädels ihren Lauf.
Alle hielten zur "Sehr her, ich habe ein Handy"-Gestik
eine "Aber ich verstehe nicht"-Blickmimik mitgebracht.
Die Gedanken und die Analyse der seltsamen Genetik
reichten und der Führer hätte aus ganzem Herzen gelacht.
Sicher erläßt und erlaubt er nur Führernetze
mit fest einprogrammierten Reichskristallnummern.
Hilfe von außen erwartet keiner dieser Sätze,
dumpf und brüllend beginnt es in ihr zu schummern
Sie sticht mit der Gabel fest zu und stöhnt,
der Satan ißt ihr einfach zu verwöhnt.
Gute Gäste reklamieren so nie,
sie halten den Koch stets für ein Genie.
Da fühlt er diesen teuflischen Schmerz,
erst hält er das alles für einen Scherz,
dann eilt er keuchend atmend zum Spiegel:
ein schuldiges Wesen hat nun Flügel,
vergißt die Hölle und ihre Zügel.
Sich ihr nähernd beginnt er zu wabern
als güldener Nebel, um sie zu erahnen.
Doch sie, einst Herrin von Kandelabern,
ist nun Politesse, in engen Bahnen.
Als Schönheitskönigin durch sein Herz gekürt,
hat sie ihm eilends sein Vehikel entführt.


Jung!

Schlafes Kind
wir sind,
Traumes Land
im Sand,
Lebens Lust
bewußt.


Macht hoch!

Es klopfte fünf Mal an der Tür,
ohne aufzumachen, rauschte der weiße Bart um ihn herum.
Knecht Ruprecht fand darin Gespür,
aufzulachen dabei, sauste er mit der Zeit davon, warum?


Die Stille

Beschenken, bedanken, Bedenken.
Verbieten, verbiegen, verrenken.
Ausgehen, ausleben, ausgeben.
Erfahren, ergeben: so eben.


10 vor acht oder halb sieben

Die Hündin sitzt nachts vor dem Haus und betrachtet das Panorama des Dachsteins. Ein Mensch kommt zum Hinterausgang heraus mit Tüten in der Hand. Sie begrüßt ihn und schnüffelt interessiert an dem, was er da im Schnee hinterläßt: schmutzige Wäsche und Schuhe. Der Schnee liegt gut 15 cm hoch auf dem Autodach und der Mensch schaufelt es frei um halb sieben. Er muß immer wieder den Deckel des Kofferraums öffnen und neu packen, eine Gelegenheit für immer neue Einblicke. Will er sie ins Haus lassen? Nein, er benutzt wieder der Hintereingang. Er wird frühstücken und dabei überlegen, welcher Weg der beste sein wird. Der verschneite Umweg oder eine halb vereiste Kehrenstraße, die den direkten Weg zur Heimat verspricht.
Nahezu alles im Auto ist verschneit oder naß, schon am Vorabend hatte es geschneit. Was macht es schon, die Räder werden knirschend über die dichte Schneedecke hinweg rollen. Er wird dahin kommen, wo er hin will, vorher noch tanken. Die Wirtin des Hofs und er verabschieden sich mit festem und herzlichem Händedruck.
Die Angst besiegen, das ist es, was zählt. Dunkle Stunden ertragen, ohne zu verzagen. Hoffen auf das Licht am Ende des Tunnels. Besser, das Licht in Erinnerung zu behalten, als die dunkle Felswand. Er sagt sich einmal na, na, als er die Kurven fährt. Es ist keiner da, ihm zuzuhören. Da ist diese innere Kraft, die ihn hypnotisiert auf seinem Sitz. Möge die Kraft mit Dir sein, nicht die Macht, denn sie ist es nicht. Die Hündin winselt die letzten Schritte zum Auto mit. Sie wird auch heute nacht wieder das Dachsteinmassiv betrachten, was denkt sie bloß dabei? Aus dem kleinen Funke wird eine große Flamme: die Heimat. Gewohnte Umgebung und Diktion, doch was treibt ihn fort? Heimat ist überall, wo Menschen sind, die sich dem Leben stellen. Wird er wieder kommen und Silvester feiern? Was macht es schon, die Welt ist groß und schön.
Ein letztes Mal streichelt er die Hündin über den Kopf und nimmt so nebenbei den Abschied. Er wird ankommen mit dem gewissen Gefühl, auch wenn er nicht weiß, wo. Er mag das Kind nicht beim Namen benennen. Aber dieser Tag war ein Geschenk und ein kleines Dankeschön. Sollte es nur eine Hündin sein, die sich an ihn erinnerte, es wäre schon alles wert. This is my Thanksgiving Day.



2001



Gewesen

Hoffnung des Lebens, wo bist du geblieben?
Güte, meine, wer hat dich zerrieben?
Welche finstere Türe zugeschlagen,
Licht verdunkelnd, zum Verzagen.
Meine Kraft reißt Dir die Maske vom Gesicht,
widerwillig wendest Du Dich ab vor meinem Licht.
Liebe meines Lebens, wo bist Du gewesen?
Lange her, ein Buch habe ich Dir gelesen.
Das wäre was für Dich gewesen, aue,
die Sächsin lacht in die Nacht, die laue.
Sei ein letztes Mal in meiner Mitte,
ich weiß, Du kannst das, bitte? Bitte!


Ende des Tunnels

Die Rolltreppe am Ausgang lief nicht. Während er die Stufen hinauf stieg, weitete sich der Blick. Ihm kam es vor, als sei er zwanzig Jahre im Tunnel gewesen. Das Licht schien auf der Straße viel heller, obwohl der Himmel bewölkt war. In der U-Bahn hatte er sich an die trübe Neonbeleuchtung und die wechselnden Fahrgäste gewöhnt, nun war er allein und blickte auf das, was hier Skyline hieß. Der junge Mann blickte auf eine junge Stadt. Die meisten Häuser standen noch nicht vor zwanzig Jahren. Dennoch schien sich Rauch auf die spiegelnden Glasfassaden zu legen, sie schaut stumpf in die Atmosphäre und bemühten sich vergebens ihren Glanz zu transportieren. Die Menschen fühlten sich drinnen wohler als draußen, die Straßen kaum gefüllt, fühlte es sich unbehaglich an. Unverhohlen schaute ein glatter junger Mann seinen Gefühlen zu, die seinen Kopf wie eine Wolkendecke umschwebten. Verstohlen dagegen die beiden vermummten Frauen., die sich einen flüchtigen Kuß zuhauchten.
Die Endstation hieß Südbahnhof und er behielt die Richtung bei. Er schaute an die geschrägte Decke, irgendwo im Haus rumorte ein Kind, was nicht das seine war. Dennoch hatte er eine intensive Beziehung dazu. Er dachte nicht mehr in Gegensätzen. Im Kampf gegen Autoritäten aller Art hatte er sein Ziel verloren. Wenn das Schießen zum Prinzip wird, ist das die Niederlage und Beugung vor gewalttätigen Ideologien.
Die Waffe war nun abgelegt, der Tunnel verlassen, aber das Licht schien nicht. Alle Wege führen zum Ende, aber die Ausgänge sind sehr unterschiedlich. Einen Rückblick wert waren zwanzig Jahre nicht, aber sie führten ihn zu neuen Erfahrungen. Er begann, ein bißchen dankbar zu sein.


Mindeveien

Mindeveien nachts,
Weihnacht,
in Bergen verschneit,
Worte
verwinden seewärts.
Kibbutz Josef,
Holzhaus,
im Bett gefesselt,
Schwäche
fühlen im Himmel.
Mainufer Aussicht,
Brücke,
überqueren gesperrt,
passiert
mit einer Frage.


Prinzipiell

Prinzessin zerbrach zauberhaft auf einer Insel.
Sie rettete sich dorthin und ließ die Vasallen laufen.
Verdacht schöpfte sie nicht,
als einer übrig blieb,
sie zu speisen und zu tränken.
Sie hielt es für das Paradies.
Allein fand sie es immer noch schön.
Freute sich so klein, daß sie daran ertrank.
Was einmal der Fluß des Lebens schien,
verwandelte sich in ein Rinnsal.
Liebte sie einst den schnellen Wechsel,
so konnte sie später sich selbst kaum ertragen.
Aber was konnte sie schon wagen?
Wohin gehen, wo sonst noch sehen.
Hatte sie nicht alles erreicht,
es fehlte doch nur ein bißchen Freiheit.
Zurück, zurück aus diesem Glück?
Was wohl die Leute sagen,
still, still, still, weil das Kindlein schlafen will.
Hüllt sich ein in weiße Decke,
schläft ein, bis der Morgen sie dann wecke.
Prinzessin schaut nicht mehr auf,
sieht nicht das Spiel der Zimmerdecke,
der Weihnachtsmann lächelt vergebens,
zeigt sich hier der Sinn ihres Strebens?


What happened?

What happened? Fragte die neudeutsche Transenimitation mit einem Blick wie eine frisch geschwängerte Auster. Dabei erwies "sie" sich eher als bieder altdeutsche Bemühung, etwas Pep in einen gekünstelten Beziehungsfilm hereinzubringen.
Oder ist das alles ist nur der Epilog zu einem neuen Versuch, die Welt in schwarz und weiß einzuteilen?
Denn am Anfang saß in der Ecke der kleine Jasagerzwerg "Jaz" und machte ein Gesicht. Da verlor der große arrogante Schnösel "Gas" seinen Traum bei dessen Anblick und beschloß, alles aufzuschreiben, solange er noch über genügend Traummasse verfügte. Gerade hatte er eine Grenze irgendwo zwischen Arkansas und Wiskonsin überquert, die in einem Fußgängertunnel lag, dabei mißtrauisch beobachtet von den Grenzern. Er war Berge hinab Ski gefahren, bis der Schnee zu Ende war und mußte nun zu Fuß gehen. Das alles war Geschehen, bevor der Jaz ihn ansah. Der Jaz betrachtet den Gas ständig, egal ob dieser nun schon in Singapur mit seinen Hochhauslandschaften im Jet vorbeigerollt ist oder von Straßenbahnen in deutschen Vierteln verfolgt wird.
Jasagezwerge sagen entgegen Ihres Namens nicht zu allem ja, insbesondere nicht zu einem großen arroganten Schnösel. Der Gas dagegen hat nichts gegen den Jaz, er sieht ihn ja meistens nicht. Der Jaz hat viel, sehr viel Angst, nur nicht vor dem Gas. Im Herzen des Jaz herrscht ein wildes Durcheinander von fremden Gedanken. Da kreuzen sich Bibelsprüche mit eigenen Losungen und politische Allgemeinplätze liegen in vollem Mißtrauen. Seine körperliche Kleinheit macht dem Jaz zu schaffen. Der Gas sieht das nicht, weil er sie selber nicht kennt.
Der Jaz braucht Ersatz: Achtung, Besitz und Erfolg müssen ihn immer wieder bestätigen. Der Gas glaubt, schon alles zu haben und merkt nicht, wie ihn die kleinen Jaz immer wieder hindern und umgehen. Irgendwie möchte er gern mit den kleinen Jaz reden, aber sie verstellen sich, sooft er sie anspricht.
Freundlich sind die Jaz nur beim Jasagen, denn sie haben eigentlich Angst vor dem Nein. Sie erkennen sich gegenseitig am Augenblick und wissen sofort: ein Ja hilft weiter. Nur dem Gas geben sie ein verstecktes Nein, ein offenes widerspräche ihnen. Oft wundert sich der Gas darüber und versucht dies durch Umschmeichelung eines Jaz zu ändern, um einmal so freundlich behandelt zu werden wie ein Jaz.
Das geht soweit, daß der Gas sich klein machen will wie ein Jaz. Ein Jaz liebt aber keine Veränderung, erst recht nicht die Verwandlung eines Gas in seines Gleichen. Er machte dann immer weiter ein Gesicht.
Der Gas ist auf das Treffen mit anderen Gas angewiesen, aber die sehen immer nur sich selbst.
Was ist geschehen? Jeder möge entscheiden, welche Kategorie in diesem Spiel Bestand hat. Gase verschwinden und entstehen neu, das Ja bleibt ewig bestehen aus Angst vor dem Nein.


Stolz

Der Buddha sieht,
Statue fällt,
Gotteskrieger ohne Geld.
Im Tageslicht,
das nicht erhellt,
Stammesbruder Eiche fällt.
Kathedrale Pflicht,
die stets quält,
Deine Hoffnung ist und zählt.


Der Name

Wie soll das Kind denn heißen?
Aetna, Vesuv oder nur Vulkan,
welcher Krater bricht neu aus?
Lava strömt, Rauch soll beißen,
Asche, Qualm und ein Orkan,
neuer Name, trinkt es aus.
Alles hört das neue Label,
jeder hat so seinen Faible.
Niklas wäre so fabelhaft
als Kindesname: Vaterschaft!


Versstrand

Unter Palmen, Melancholie:
die Sonne brennt wie nie,
ziehe ich mich aus oder nicht,
wird daraus ein liebes Gesicht?
Der Wind bläst in volle Backen,
die Krone verliert einen Zacken,
mein König wird ziemlich heiter,
geht dieses Gedicht denn weiter?


Die Scholle

Die Erde reicht bis zum Horizont,
Bäume verbergen sich gekonnt,
hier leben, sich niederzulassen,
den Rest der Lebenszeit verprassen,
das schafft dem Gedanken Raum,
allein der Glaube hilft hier kaum.
Wer immer woanders gewesen,
wird hier wohl nicht genesen.
Bringt die Besinnung auf eigene Werte,
die Scholle, zurück zur Heimaterde?


Gedankenwahl

Frisch gedruckt und schon gebunden,
oder alt und gelb zerschunden,
liegen sie in großer Zahl,
Einband schön, gute Wahl.


Mitte der Welt

Das rote Backsteinhaus trägt eine besondere Aufschrift, die seine Lage unterstreicht: Mitte der Welt. Ein Paar Schritte führen zum See. In dessen Mitte sprudelt ab und an eine Fontäne und verdeckt ein wenig den Blick auf den Ort. Die Blicke gehen am Ufer entlang und streifen viele leere Fenster in Sichtweite des Ufers. Mag die Mitte der Welt gefüllt sein, die nähere Umgebung steht ein wenig leer. Gewiss es gibt neue moderne Bauten, aber auch die teilen das Schicksal des Leerstehens, wenn auch nicht in so vollem Umfang. Platz, sich niederzulassen bietet die Mitte der Welt und erst recht die Deutschlands also. Woran liegt es, dass sich die Mitte ein bisschen ziert, gefüllt zu werden? Vielleicht an der Käsesahnetorte, die hier auch Himbeerkäsesahnetorte heißt oder vielleicht Käsesahnekuchen. Hier ist Genauigkeit am Platz, sonst gibt es leicht das, was nicht bestellt war. Oder es ist die Butter, die mancher frisch gebratenen Forelle fehlt, wenn sie auf dem Teller zum Verzehr bereit liegt. Einfach nachbestellen? Aber bitte dazu sagen, dass die Butter zerlassen sein soll, oder besser gebraten, sonst gibt es kalte Butter. Oder ist es die Gemütlichkeit, die entsteht, wenn die Bedienung schon vor Beendigung des Verzehrvorgangs nach weiteren Wünschen fragt, freundlich natürlich. Nun fragen Sie sich, wo das ist? Eben die Mitte der Welt und Deutschlands, das grüne Herz oder die grüne Hölle, wie immer es empfunden wird. Höllisch genau ist die Verweildauer am Tisch geregelt: Kommen, Bedientwerden oder -sein, Verzehren, Zahlen und Gehen. Beschwerden sind außerordentliche Vorkommnisse, die gründlich als haltlose Anmerkungen verstanden werden, denn sie weichen von der Norm ab. Vieles ist neu in dem Ort der "Mitte der Welt", steht leer und ist auch leer. Die Schaufenster sind klein und das Reinschauen erfolgt bewusster als anderswo. Schon macht jeder sein Ding. Aber was für eins? Die Rezepte sind nicht neu geschrieben worden, nur die Ergebnisse teurer. Es gibt sie noch, die Platzanweiser und Rollenverteiler. Nun sind sie in privater Konkurrenz bezahlt. Der Natur geht es dabei besser und das Herz ist gesund. Insofern darf es ruhig ein bisschen mehr sein.


Auferstehung

Von Auferstehung steht geschrieben,
der dumpfen Suche nach dem Licht.
Doch kommt zuvor ein Ende,
die Prognose: schicksalhaft!
Wo ist die Neuigkeit geblieben,
der klare Anfang einer Sicht.
Verschwendet keine Wende!
Diagnose: Arbeit schafft.


Glück hat Erinnerung,
Schmerz kennt den Moment.

Der
Tag an
dem Du mir
sagtest, dass es
ist,
zugleich
der Anfang
für dieses Sein.
Der
Tag an
dem Du mir
sagen möchtest,
es
ist da
ein Ende
mit Sonnenschein!


Pensare a Lei

Er dachte an die Wohnung ohne Spuren, das weiße Tuch.
Feuer brannte im Ofen, während Hände über Gitarrenhälse glitten, suchend.
Er dachte an ihre Stimme am Telefon, die Tanzfläche, sein Hemd mit den schwarzweißroten Streifen,
den ersten endlosen Kuss.
Er hatte das Hemd ausgezogen und sie legte den Kopf an seine Brust.
Du musst zum Friseur bald. School's out for ever!
Sind Sie wirklich so blöd? Er ist so unauffällig.
Wie ein Maurer, der sich hinter den selbst soeben hochgezogenen Wänden versteckt.
Aber er war kein Maurer und keiner, der Mauern lässt.
Baumeister, was willst Du einmal werden: Architekt.
Auf der Kirchenbank saßen gesichtslose Gestalten, Gedanken, ein jeder einmal oder öfter gedacht.
Sie beteten seinen Altar an, den er jetzt verließ.
Durch die prächtigen Fenster fiel das Tageslicht gedämpft hinein.
Strahlen schnitten die staubige Luft.
Er schloss die schwere Tür hinter sich und dreht den Schlüssel um.
Draußen sang der Frühling sein Lied.
Die Vögelscharen stimmten wie ein Orchester zusammen.
Vielfältige Lichteinfälle sprenkelten den weichen Boden.
Wurzelstränge durchzogen die Erde, bedeckt von Laubresten und braunen Tennennadeln.
Werden und Vergehen in Hochstimmung.
Er folgte schmalen Wegen ohne wesentliche neue Ausblicke.
Er setzte sich auf einen Baumstumpf und blickte empor. Manchmal sah er den Wald nicht vor lauter Bäumen, die Wipfel schwebten in unendlicher Höhe. Beiseite schieben wie das Efeu über einem Grabstein? Inschriften lesen, ohne den Menschen zu kennen. Das Moos weg kratzen. Langsam würde es wieder kommen. Gedanken, die sich in den Unebenheiten der Zimmerdecke spiegeln. Hier waren sie die Phantasiegestalten, die über ihn herrschten, die sich verwandelten von einer Minute zur anderen das Bild bestimmten und unbestimmt das Bild verließen. Die Realität zeigte viele Formen, aber keine schnellen Änderungen. Der Sommer war und blieb fast ewig. Er folgte den Gabelungen und Verästelungen der Pfade bis an den Rand des Parks. Eine Kulturlandschaft wechselte sich ab mit dem Bild des von Menschenhand für Menschen geschaffenen Waldes. Der Teich mit der großen Fontäne, die Müßiggänger und die Alten, die Mütter mit den kleinen Kindern, den Säuglingen in den Kinderwagen, plötzlich schien er zu sehen.


Jaded

Jaded, hey Jaded,
hast Deiner Mutters Stil kopiert,
bist ein Kind von gestern,
glaubst und denkst so degeneriert,
fast so wie alte Schwestern,
Müde, hey müde
macht mich Deine Übertreibung.
Jaded, hey Jaded,
Trotzdem denke ich an Dich
My , my baby blue,
Du bist so abgespannt
Und ich bin in Deinem Wunderland,
hey müde, so müde
Deine Misere ist, was ich hasse und liebe,
auch wenn ich den Weg zur anderen Seite nehme.
Denken wir nach und schlüpfen in den seidenen Handschuh
Und werden müde, denke ich und Du?
Ich glaube, ich habe Angst vor Dir,
zwar steht mir das Wasser bis zum Hals,
doch Du bewertest das mehr
als ich es liebe und hasse.
Will nicht urteilen über Liebe,
Jaded, so Jaded,
denn da ist bestimmt kein Baby
nach einer ihr zugerufenen Brise.
Das ist nur eine Seifenblase,
ein Bluff, blue und keine Krise.
Ich denke an Dich, my baby blue,
Du bist so müde und abgespannt.
Und ich laufe in Deinem Wunderland.

Frei nach den Lyrics: Aerosmith: Jaded


Modernes Antiquariat

Der Buchhändler handelt mit Büchern und führt darüber Buch, zum Beispiel das Bestellbuch.
In Deutschland gilt diese Beschäftigung als Beruf und wird daher als Berufung gesehen. Es ist anders als Fahrräder verkaufen oder Bettwäsche, dem Verkaufen von Büchern geht ein Ausbildungsberuf voraus.
Eine Ausbildung ist wichtig, um beraten zu können und vor allem später einmal in einer anderen Buchhandlung zu arbeiten. Sicher gehen auch in einem Zeitschriftenladen Bücher über die Theke, aber das ist nicht mit dem Erwerb in einer Buchhandlung vergleichbar. Wer einmal eine fundierte Beratung in einer richtigen Buchhandlung erlebt hat (ich nicht), weiß, wo der Unterschied liegt. Der Buchhändler geniert sich vor Trivialliteratur und mag sie nicht, obwohl er damit sein Geschäft in erster Linie macht. Also empfiehlt er sie nur zögerlich. Wieso ist die Beratung so wichtig? Der Käufer geht entweder mit einer festen Kaufabsicht in den Laden (mal wieder was Gutes zu Weihnachten verschenken), dann will er in der Vielzahl der Titel nicht suchen. Oder er ist ein Bücherfreund, da bringt ihn die Menge der angebotenen Titel schnell vom Vorsatz ab. Er könnte natürlich auch bibliophil sein und einfach Meterware für das leere Regal zuhause suchen.
Im Kaufhaus oder im Zeitschriftenladen stolpert der Interessent ja ehr zufällig in die Bücherabteilung. Was soll er da mit Beratung?
Und warum hat der Buchhändler so viele Titel im Sortiment?: weil er sich das leisten kann. Die Verlage kalkulieren seinen Gewinn gleich mit ein, indem sie den Ladenpreis bestimmen und den Rabatt für den Buchhändler gleich einkalkulieren. Das Ganze nennt sich Preisbindung, somit ist wenigstens etwas am Buch fest gebunden. Das Buch ist ein Kulturgut, dessen Verbreitung überall zu demselben Preis gesichert ist.
Die kleinen Läden können theoretisch mit den großen Ketten und Kaufhäusern mithalten.
Da sie viele Auszubildende beschäftigen, sorgen sie außerdem noch für den Berufsnachwuchs. Doch werden so viele Buchhändler gebraucht?
Im Grunde ist der Buchhändler so beeindruckt von dem Produkt, das er verkauft, dass er schnell vergisst, einen kaufmännischen Beruf erlernt zu haben. Doch der Buchhändler handelt manchmal (auf der Buchmesse oder beim Vertreterbesuch vorher oder nachher) den Rabatt aus, den er vom Verlag erhält. 15% vom Ladenpreis als Spanne für Kosten und Gewinn sollen es schon sein, die ersetzt bzw. erzielt werden müssen, um weiterhin einen kulturellen Auftrag ausführen zu können. Die Börse muss stimmen und daher nennt sich auch die Standesvereinigung der Buchhändler folgerichtig Börsenverein. Das wird natürlich in der heutigen Zeit gern mit der "Börse" verwechselt. Schwankende Kurse von Wertpapieren sind aber nicht für feste Erlöse gut und daher ist der Gedanke daran obsolet. Das wäre etwa so, als könnte der Buchhändler mit geschickter Einkaufspolitik seine Bücher billiger anbieten oder mit besserer Beratung Geschäfte an sich ziehen. Aber leider gibt es doch noch die Möglichkeit, Bücher zu verramschen: im Antiquariat. Keine alten Schwarten, sondern druckfrische Bücher werden da angeboten, die angeblich früher mal teurer waren. So ist keine Bastion ohne Schlupfloch: modernes Antiquariat, man gönnt sich ja sonst nichts, außer dem Buchhandelsberuf.


Chiclaner Spatzen

Genießen Sie Ihren Urlaub, lassen Sie sich von den Spaniern empfangen, nehmen Sie teil an diesem Leben.
So endete ein Vortrag der Reiseleiterin. Während allseits ein matter Applaus aufbrandete, dachten viele der Urlauber daran, was sie die nächsten Tage lernen würden. Viele fürchteten sich auch eher davor, in irgendein triviales Urlaubsgefühl zu versinken. Warum sich auf etwas einstellen, was so schnell vorbei geht?
Die Spatzen von Chiclana, sie sind etwas ganz Besonderes. Nicht, das Sie denken, sie sehen genauso aus wie zuhause, das wäre nur eine oberflächliche Betrachtung. Die Reiseleiterin tanzte schon fast.
Nein, sie haben Zigeunerblut in den Adern und einen arabischen Einfluss. Sie können und beherrschen den Flamenco perfekt. (Da sie allerdings kein festes Schuhwerk anziehen, hören sie die stampfenden Schritte nicht!)
Sie sind imstande, aus dem Stand einen Spagat zu vollziehen. (Das praktizieren sie allerdings nur sehr selten, da ein auf dem Bauch liegender Vogel mit seitlich abgespreizten Füßen eher dämlich aussieht und dazu sehr unbeweglich wirkt.) Unter den Spatzen von Chiclana herrscht allerdings die Ansicht, dass sich ein Ausflug nach Novo Sancti Petri lohnt, da dort die Hombres und Senoras aus aller Herren Länder in aller Öffentlichkeit vieles fallen lassen, wonach sich das Picken lohnt. So hüpfen ganze Scharen unserer braun gesprenkelten Chiclaner Spatzen zusammen umher, um stakkatoartig zuzustoßen. Hier ein Keksbrösel, da ein Stück Pollo, wer weiß. Das ist leckerer als andern Orts. Wenn auf dem Boden nicht genügend übrig bleibt für alle, hüpfen sie zur nächsten Liege, sperren den Schnabel auf und starren mit andalusischen Augen jeden an, der ihren Blick erwidert. "Poolhopping" nennen sie das intern. Nahrungsquellen bilden hier die widerrechtlich von den Touristen aus den Speisesälen entführten Rationen bzw. deren Reste. Die schmecken natürlich auch kleinen ortsansässigen grünen Eidechsen gut, die mit ungewohnten Bewegungsabläufen (sich halbwegs auf den Rücken legen) einen Teil der Nahrung abspenstig machen wollen. Aber nicht nur die Lufthoheit haben die schnelleren und zahlreicheren Chiclaner Spatzen.
Ein letztes Mal sprühte die Reiseleiterin aus dunklen Augen ihren südländischen Charme über das Urlaubermeer.
Im Vortrag fand sie das Ende nicht ohne die vielfältigen Ausflugsmöglichkeiten zu erwähnen. Dabei stand die Urlaubsplanung eigentlich schon lange fest. Morgens zuerst an der Liege sein, das Beste für sich und die Seinen aus dem Speisesaal herausholen und vor allem schön braun werden. Die Spatzen von Chiclana sind es bereits.

Costa de la Luz


Cádiz

ist ein Ziel für viele andalusische Traumurlauber.
So auch für uns, dafür opfert es sich leicht mal einen Pooltag.
Zufrieden verzehrten wir unsere Beute im Bus, denn wir hatten es geschafft,
zwei dieser wunderbar bröseligen Mandelkekse in einer Pasticceria zu erstehen.
Sie zerfallen im Prinzip schon, bevor sie in den Mund gelangen,
das erschwert das saubere Essen.
Dafür entschädigt einen dieser weich würzige Geschmack,
auch für die zehnmalige Belehrung des Busfahrers, der auf meinem abgezählten Fahrpreis besteht,
in dem er ständig "trenta, trenta" wiederholt, was mir nichts klarer macht.
Schließlich lässt er mich erleichtert doch passieren.
Der Fernbus entfernte sich auf einer fast geraden, fast unendlich erscheinenden, Straße aus einer Stadt,
in der wir eigentlich was gesehen hatten?
Eine goldene Moscheekuppel als Kirchendach einer Kathedrale,
enge Gassen, eine Markthalle, einen großen Hafen und einen Aussichtsturm,
auf dem sich die Insellage der Stadt erkennen ließ.
Da liegt Cádiz, hatte uns ein junger Marrokaner an einem Aussichtspunkt westlich von Tanger einmal gesagt
und seine Augen träumten dabei.
Das Pflaster dieser Stadt hatten wir nun, einem rotem Streifen folgend, getreten.
Im nach hinein dachte ich bei mir, wollte dieser sportlich ergraute Busfahrer nur dafür strafen, dass ich mit einem zackigen "Dos per Chiclana" nur allzu offensichtlich Spanischkenntnisse vorgetäuscht hatte.
Nun wollte er einfach nur wissen, ob ich wirklich noch mehr verstehe.
Aber die Geschichte zog nun vorüber und war zu Ende,
während wir über die schmale Landzunge fuhren, die Cádiz mit dem Festland verbindet.
Traumstrand rechts von uns, ebenso leer wie die Parkplätze, die ab und zu von der Straße aus angefahren werden konnten.
Die eigentliche Sensation in gelb und blau befindet sich in der Nähe einer großen Stadt.
Der Fernbus hielt hier leider nicht, fuhr unbeirrt mit seinem temperamentvollen Fahrer weiter.
Ich werde das fettige Papier entsorgen müssen, in dem die Kekse eingepackt waren.
Als nächstes brauche ich Wasser.


Clueless (John Lee Hooker)-Blues

Me, me, me sitting in my cage,
you, you, you not being on my stage,
less important and thinking for a clue,
riding the tides and being so blue.
Me, me, me proving for a taste,
you, you, you feel thinking sums up waste.
Blinking ideas shrinking on the shrine,
openended waterfalls spoil away red wine.


Dias en la Vida

Schweren Schritts watete er bedeutungsvoll durch die Gassen. Die Saloontüren schwingen noch hin und her, eben noch hatte er an der Theke seinen Whisky aus Wassergläsern gekippt. Er fühlte sich in die Rolle eines Wyatt Earp versetzt, der mit seinem dunklen Mantel fast die Straße aufkehrte. Aus den Häusern quoll die Angst um ihn herum aus den Ritzen. Er roch sie und fast schon konnte er sie von seinem mächtigen Schnauzbart abperlen sehen. Er leckte sich die Lippen und fügte seinem Gang noch mehr Sicherheit hinzu. Keiner sah seinen Colt, hatte er überhaupt einen? Egal, so wie die Dinge lagen, würde er ihn in der Schwärze der Nacht nicht brauchen. Er genoss es draußen, denn drinnen war er ein Teil von ihnen. Da half ihm auch die doppelläufige
Flinte nicht, die er zuweilen unter seinem Umhang versteckte. Die Angst infiltrierte jedes Haus. Wenn er die morschen Holztreppen heraufgestiegen war, die Zimmertür hinter sich schloss und seinen Patronengürtel abgelegte hatte, konnte er es nicht mehr ignorieren. Im Schlaf schreckte er hoch und rannte los, um den Kampf zu suchen, nur um beim Aufflackern der Lampe zu sehen, dass es keine sichtbaren Gegner gab.
Er gewöhnte es sich ab, den schnellen Erfolg zu suchen, arrangierte sich mit dem wabernden Gefühl, wenn die Ungemütlichkeit der Angst eintrat. Mal nebelnd, mal fließend umgab sie ihn und nährte seine Gewissheit nicht mehr zu wissen, auf welcher Seite er stand. Für das Gute tötete er und manchmal zu schnell.
So kämpfte er allein fast aussichtslos um so härter der Sache willen. Ohne Aussicht auf Genugtuung oder Glück im Wissen und gleichzeitiger Ohnmacht der eigenen Macht.
Nein, einen Whisky brauchte er nicht an diesem Morgen, nur einen Kaffee und eine Zigarre, um die Sache hinter sich zu bringen. Josie würde heute in die Stadt zurückkommen. Aber diese Stadt ist kein Ort für sie.


Blue Sky, deeper Sea

Let my fly on thru' to your heart,
diving up and away...
change and play out my best card,
fighting for, no delay.


Herbstlicht

Ein Fenster steht offen, lässt Licht herein scheinen,
der Sommer entfaltet eine laue Nacht,
Im Bett neben mir, da sehe ich gar keinen
Grund und schlafe nicht ein, nur sacht
dämmere ich dahin, will es manchmal meinen,
der Herbst sei schon da, entfaltet mit Macht
den bunten Reigen mit allen Weinen.
Da ist schon wieder die Sonne, sie lacht.


Veda

Erzähle eine Geschichte,
von Billionen Milliarden Atomen,
dem roten Hämoglobin,
den fernen umstürmten Monden
und glitzerndem Rubin.
Erzähle eine Geschichte
Von Sehnsüchten, Gefühl und Lieben,
dem ewigen ideellen Spiel,
den fein ummantelten Trieben
und zitterndem Federkiel.
Erzähle eine Geschichte
vom Chaos gewaltiger Energien,
den Sternen im Bild des Stier,
den Körpern und Aromen
und vom fabelhaften Tier.


Kartenspiel

Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht,
mein Herz ist schwer, habe an Dich gedacht.
Wie Du wohl aussiehst und wie Du heißt,
ein Gedanke, der um Dich wie die Sonne kreist.
Nach bangen Minuten und ewigem Warten
mischt er sie neu, der Schlaf seine Karten.


Greek Philosophers on the Beach

Kaffee? Schon rauscht er wie ein Wasserfall in meine Tasse.
Manchmal deckt sich das Angebot mit der Nachfrage.
Das ist nicht immer so, aber letztlich ist man zufrieden,
wenn es überhaupt ein Angebot gibt.
Die Wellen rauschen in unmittelbarer Nähe nordseemäßig heran,
nun schon den zweiten Tag in Folge und der Blick geht hinüber zu einem kleinen
Toilettenhäuschen mit weißblauem Anstrich,
das Dach ist blau, der Rest weiß.
Es steht auf einer kleinen vorgelagerten Felseninsel.
Den idyllischen Anblick zu genießen, dazu fehlt die Ruhe.
Sicher haben es die Mücken und Falter schwerer,
das kleine Häuschen zu besuchen, als unser ebenerdig gelegenes Zimmer.
Der Besuch der Toilette gleicht manchmal der Visite eines subtropischen Schmetterlingshauses.
Schwer sich vorzustellen, dass es griechische Philosophen gegeben haben soll,
die in der Badewanne so bahnbrechende Einfälle wie den Satz des Pythagoras gehabt haben sollen.
Selbst der Gott des Weines, Dionysos, müsste sich heutzutage schon in ein leeres Fass verkriechen und den Deckel von innen zu machen, um weder von den Mücken gestochen zu werden (werden Götter gestochen?),
noch die immer unmotivierter auftretenden Rufe wie "Come on, England!" zu hören.
Zwei alte Damen betrachten mich gerade wie das achte Weltwunder, weil ich auf der Terrasse sitze
und schreibe. Zur Poolbar sind es nur wenige Schritte.
Am Strand findet gerade die Neuverfilmung von "Mein Schatz und das Meer" statt.
Die wiederholt sich jeden Tag und wahrscheinlich bin ich beim abschließenden Schwenk
über die am Strand stehenden Bungalows eine, hoffentlich, nette Staffage.
Die Uraufführung dieser Filme findet sicher recht bald nach Abschluss
der Ferien vor zwangsgeladenen Gästen statt.
Der Tag soll nun bald beginnen, das heißt, Sonnenschutz auftragen.
Dann werden wir uns durch das Meer der Motorroller an irgendeinen Strand begeben.
Irgendwie erinnern mich die Geräusche der Motorroller an Moskitos im Anflug.
Aber die stinken nicht. Neue Wunden heilen schnell: Kali Méra!

Malia


11. September 2001

Die Hölle sei ein Fegefeuer,
sie kann auch ein Schuttberg sein,
wir haben es erlebt.
Geschichten sind zu Ende, Euer
Mitgefühl dafür zu klein,
Vergeltung wird erstrebt.
Kein Gedanke zeigt, das ein neuer
Menschensinn entsteht, so fein
die Hoffnung sich erhebt.


Im Angesicht

Das zarte Gesicht sieht Schatten und Licht,
es lächelt und versteht es nicht.
Das harte Gesicht strebt nur nach der Sicht,
wie die Gemse das Futter sucht es: Licht.
Das starre Gesicht trotzt Schatten und Licht.
Es bleibt und vergeht, spürt keinen Verzicht.
Der Lichtschein, hell und ohne Gesicht,
er wird nicht dunkel zum Jüngsten Gericht.


Alles klar..

Der Rauch meiner Gedanken
schützt mich vor dem, was ich fühle.
Oder sind es nur diese Planken,
die schwanken in dem Gewühle
des Seegangs und seiner Gischt.
Salz schmecke ich,
wische mein Gesicht
emotional wahrscheinlich.


Nachtwort

Sachte Nacht, gelacht,
lachte sacht.
Dachte: Nacht, gelacht,
lachte, dacht'.
Wachte: Nacht, gedacht,
dachte: wacht.


Be-
lieve:
beyond Faith

Re-
trieve:
second stays


Weiter

Flugzeuge gegen den Verstand
zerberstend in eine Wand
und es geht weiter.
Der Kopf fällt sprachlos zurück.
Im klaren Winter endet das Glück.
Und es geht weiter.
Das Herz bleibt stehen,
ein Drehen im Dreivierteltakt
und es geht weiter.
Service, Gruezi und Hallo,
der Fisch bewegt sich noch intakt
und wir sind heiter.
Er fällt und wirkt geköpft,
das Essen manchmal sehr erschöpft.
Und es geht weiter.
Auf der Fähre stehen viele Stühle,
führen die Regie auf dem Boot
und es geht weiter.
Mit dem Ortsplan in der Hand
siehst Du es, dahinten beginnt der Sand.
Und so weiter..
Willst Du denn, Bruder Salomo
dabei sein, beim ersten Akt?
Wer ist der Nächste auf der Leiter?
Sie müssen da nicht sitzen,
aus dem Regal schaut der Fisch, Gefühle
und es geht weiter.
Fliegen auf dem Holzstück sitzen,
so lockend ist das Angebot
Und es geht weiter..

Fliege


Pfandleihe

Er ging zum Pfandleiher und fragte,
die Sicherheit, nie mehr allein zu sein,
was willst Du dafür?
Der Pfandleiher überlegte und sagte:
Deine gesamte Zeit ist mehr wert als ein Schein.
So soll es sein, ich stehe dafür.
Er ging zum Pfandleiher und fragte,
warum habe ich kein Kind?
Was willst Du dafür?
Der Pfandleiher antwortete und sagte:
Du darfst es nicht sehen, es ist geboren geschwind.
So soll es sein, ich stehe dafür.
Er ging zum Pfandleiher und fragte,
die Gewissheit, keine Zwänge und das Glück,
was willst Du dafür?
Der Pfandleiher verschwand und sagte,
gib' mir Dein Leben ohne Zurück!
So soll es sein, ich sterbe dafür.


Bin Laden

"Bin Laden" sagte er am Glühweinstand "hat es den Amis mal so richtig gezeigt.
Wie hohle Kisten sind die beiden stolzen Türme in sich zusammengesackt. Das war schon clever geplant und effektiv."
"Das weiß man doch gar nicht, ob es der Bin Laden überhaupt war." meinte ein Umstehender.
"Wo ist das Heldentum, wenn unschuldige Menschen plötzlich zu Feinden erklärt werden und wehrlos benutzt werden?"
"Meine ja auch nicht, dass es Helden waren, aber an der Organisation gibt es wohl nichts zu kritisieren. Das andere ist eine Frage beliebiger Moral. Wer die Macht hat, bestimmt und setzt sie als Druckmittel ein."
Ein Kind schaute interessiert in die spontane Diskussionsrunde.
Ein Dritter meinte, die Amis würden ihn schon kriegen, die Bewertung darüber, was dann mit ihm geschehen solle, fiel sehr unterschiedlich aus.
Die ersten Flocken fielen in die Glühweinbecher und bald würde es weiße Weihnachten geben.
Ein Schlitten zur Bescherung wäre schön.


D-Day

Zartes Grün an grauem Tag,
nichts ist so, wie ich es mag.
Regen statt der Herzen Klopfen
höre ich an Fenster tropfen.


Daheim (Leserkreis)

Daheim, da brennt so ein Licht.
Daheim, da stört es mich nicht,
wenn etwas draußen ist,
was an meiner kleinen Seele frisst.
Daheim, das bleibt Daheim,
Dir schenke ich den Reim.


Sansevieria trifasciata 'Laurentii'

Die Sanseverie steht auf der Fensterbank
Und denkt sich, Gott sei Dank,
bin ich kein Weihnachtsbaum,
denn ich glaube kaum,
das ich nach diesem Fest
mehr wäre als kümmerlicher Rest
in einer großen Tonne,
So stehe ich hier mit Wonne
und warte auf die Sonne.
Bald ist der Himmel blitzeblank,
die Sanseverie steht auf der Fensterbank.


Ein Lichtlein brennt

Die Sucht nach euch trieb mein Verlangen,
die Lust ist mir schon längst vergangen.
Ich trage euch tief in meinem Herzen,
ihr seid weit weg, es brennen Kerzen.


Vorsicht an der Bahnsteigkante

Es geht los und Du fährst
ohne Bedenken und verzehrst
Dich und was Dir geblieben ist,
Beziehung und Heimat in kurzer Frist
wird nichts mehr so sein,
bleibt nur noch ein Schein.
Es geht los und alles wird neu,
bleibe nur dem Gedanken treu.


wieder nach oben

© Wolfgang Dreyer 2000 - 2001

GOWEBCounter by
                 INLINE