Signatur

Zur Leitseite   

Der Ort am Meer

Kolberg

So selbstverständlich in Polen die Eingliederung Kolbergs als polnische Stadt angesehen wird und so verständlich die Freude über die erste Stadt am Meer für die Polen ist,die Stadt hat nun mal auch eine deutsche Geschichte. In ihr lebten meine Vorfahren väterlicherseits, abstammend von Julius Dreyer sen. sind dies die Gebrüder Johannes und Julius Dreyer mit ihren Familien und der später nach Kassel verzogene weitere Bruder Kurt Dreyer, außerdem auch die mit ihnen befreundete Familie Fabricius mit Anhang.

Das Ende des deutschen Kolbergs   
Kolberg - eine Stadt nimmt Gesicht an   
Kolobrzeg   

Doch nun zur Geschichte:&xnbsp;&xnbsp;

Die Stadtbeschreibung Kolberg nach Neumann 1894 sagt folgendes aus:

Stadt an der Persante (3 km von deren Mündung in die Ostsee); ...Bahnhof der Linie Belgard-Kolberg der Preußischen Staatsbahn und der Altdamm-Kolberger Eisenbahn; Reichsbanknebenstelle, Vorschussverein, Landratsamt, Amtsgericht, 4 Konsulate fremder Länder, Hauptsteueramt, 4 evangelische Kirchen (Marienkirche), 1 katholische Kirche, 1 methodistische Kirche, Synagoge, Gymnasium mit Realgymnasium, adliges Fräuleinstift, Waisenhaus, Denkmal Friedrich Wilhelms III. auf dem Mark, Rathaus, Zucht- und Arbeitshaus, Eisengießereien, Maschinenfabriken, Tabaksfabriken, Dampfsägemühlen, Ziegelbrennerei, Solbad, Fischerei, lebhafter Handel (Reederei 1891: 9 Seeschiffe zu 1.732 Registertons). Der Hafen der Stadt, Kolbergermünde mit eigenem Post- und Telegraphenamt, Rettunsgsstation für Schiffbrüchige, Seemannsamt, Seebad, Leuchtfeuer, an der Mündung der Persante in die Ostsee (westlich die Maikuhle), ist befestigt, während die Festungswerke der Stadt beseitigt sind. Geschichte: Kolberg war die alte Hauptstadt des Kassubenlandes, erhielt 1255 deutsches Stadtrecht und kam 1277 an das Bistum Kammin; es nahm 1530 die Reformation an, wurde 1653 von den Schweden an Brandenburg übergeben, im Siebenjährigen Krieg 1758, 1760 und 1761 dreimal von den Russen belagert, nur das letzte Mal eingenommen, nochmals 1807, aber vergeblich, von den Franzosen (Gneisenau, Schill, Nettelbeck).. Kolberg besitzt eine reiche Kämmerei (1660 ha Holz).

 

Das Ende des deutschen Kolbergs 1945

Der Gefechtsbericht eines deutschen Offiziers beschreibt die militärische Lage

 

Überall kämpfte die Wehrmacht im Osten seit Jahren ums Überleben. Der Krieg wurde dennoch so geführt, als ob man ihn gewinnen könne. Am Ende ging es aber nur noch darum, möglichst viele Zivilisten zu retten. Seit Monaten herrschte in Kolberg bereits Aufregung wegen der eintreffenden Flüchtlinge aus Ostpreussen. Der Zivilbevölkerung verweigerte man jedoch die rechtzeitige Evakuierung mit dem Hinweis, der Russe sei zurück geschlagen und nichts zu befürchten. Derweil flüchteten die Nazis samt Anhang bereits mit Bussen und den letzten Zügen, die am Morgen des 3. März 1945 Kolberg verließen. Die Stadt wurde vorher von den Nazis zur Festung erklärt, ein neuer Kommandant Anfang März 1945 ernannt.

Die militärische Lage sagt: „Truppen der Sowjets erreichen das Stettiner Haff, das Gebiet vor Kolberg und Dievenov den Übergang nach Wollin.“

Es kam unweigerlich zur Einkesselung von Zivilisten und restlichen Truppen u.a. auch in Kolberg. Ca. 3200 Mann inklusive schlecht bewaffnetem Volkssturm sollten die Stadt so lange wie möglich halten. Am 3. März 1945 wurden die Volkssturmmänner aus ihren Häusern gerufen. Bereits am Folgetag begann die Evakuierung von Flüchtlingen. Die Versorgung der Stadt bricht zusammen. Am 5. März 1945 beginnt der Beschuss durch russische Truppen. Die Panzersperren werden durchbrochen und in den folgenden Tagen von Haus zu Haus gekämpft. Vom Hafen erwidern deutsche Kriegsschiffe das Feuer der sowjetischen Artillerie.

Der Beschuss insbesondere mit den Stalinorgeln und zusätzlich Luftangriffe machen die Zivilbevölkerung panisch. Wer es schafft, bis zum Hafen durchzukommen (über die Persante führt nur eine Notbrücke und alles liegt unter Beschuss), steht im großen Gedränge und läuft Gefahr von hinten in das Hafenbecken gestoßen zu werden. Viele ertrinken dabei. Manche verharren apathisch in den Kellern und müssen von den Soldaten heraus geholt werden. Am Hafen entschied sich das Überleben und wurden Familien getrennt. So verstarb am 11.3.1945 Adalbert Fabricius, seiner Frau Emilie gelang die Flucht. Trotz allem wurde im Krankenhaus noch operiert bis dann die Verwundeten und das Personal evakuiert werden. So hält eine Kampflinie noch bis 15. März 1945.

Erste polnische Soldaten wollen in die Stadt. Das Ende zeichnet sich ab. Mehrere Zerstörer verlassen mit Truppen und Flüchtlingen Kolberg. Diese Zerstörer hatten mit in den Kampf eingegriffen. Erst am 18.3.1945 bereiten die Verteidiger ihre Evakuierung vor. Lediglich 350 Mann sollen in Feindeshand geraten sein. Was mit verbliebenen Frauen und Männern passiert, muss hier nicht beschrieben werden. Es ist die Rache der Sieger. Die Toten auch der Sieger werden monatelang unbeerdigt bleiben. Selbst die Maikuhle, das kleine Wäldchen westlich des Hafens ist total zerschossen.

 

Kolberg - eine Stadt nimmt Gesicht an:

 

Johannes Dreyer Kolbergermünde

Die Strasse heißt heute: Armii Wojska Polskiego.

Eine Stadt nimmt Gestalt an. Eine Stadt, in der man nicht immer viel Geld ausgaben konnte.
Die vom Fischfang und der Salzgewinnung lebte, bis manche Leute merkten, dass das Klima und die Sole
der Gesundheit gut tun könnte. So wurde aus der ehemaligen Hansestadt ein Kurbad. Dennoch lebte hier ein
Mensch mit gesundheitlichen Problemen schon in jungen Jahren. Die engen Gassen und das ungesunde
Leben der Eltern mögen dazu beigetragen haben.
Kaufleute waren sie, die drei Brüder, Kinder des Fleischermeisters Julius Dreyer sen.
Jeder auf seine Weise und nicht jeder dazu geboren. Während Sohn Julius in die Fußstapfen des Vaters tritt,
zeigt sich Johannes dem Leben mehr zugewandt. Nach seiner Marinezeit übernimmt er einen Kolonialwarenladen
und führt ihn mit seiner Frau Elisabeth. Eigentlich führt die Frau den Laden. Kurt Dreyer, der dritte Bruder, wird nach seiner Militärzeit Handlungsreisender und wird Kolberg vermutlich 1926 verlassen. Seine Frau Paula (eine geborene Kaminski hat er als Soldat kennen gelernt. Sie ist in Kassel geboren und entstammt einer Beamtenfamilie. Kurt lernt sie kennen, als sie eine Tante in Belgard besucht, wo Kurt dient.
Mit der zwar energischen, aber auch lebenslustigen Gattin von Johannes kommt Paula nicht klar.
Ein übers andere Mal streiten die Frauen, bis es zuviel wird für die Männer und Kurt beschließt, mit Paula und dem schon geborenen Sohn eine geschäftliche
Chance in Kassel zu nutzen und gleichzeitig dem ewigen Gezänk ein Ende zu bereiten.
Johannes dagegen bleibt in Kolberg und hat bereits zwei Kinder, erst den Sohn Werner 1913
und schließlich Tochter Frieda, die am 30.11.1914 geboren wird. Es sind keine Zeiten zum Kinderkriegen, auch in Kolberg nicht. Der erste Weltkrieg hat begonnen, viele Männer
sind freiwillig ins Feld gezogen, doch zu Weihnachten, wie gedacht, sind sie nicht zurück.
Julius jun. und Johannes wohnen beide in der Kolberger Altstadt. Julius, wie sein Vater Fleischermeister und ältester Sohn wohnt 1911 noch zuhause in der Lindenstrasse, Johannes ist da bereits in der Lindenallee zuhause. Dorthin zieht Julius später (im Jahr 1924 ist er da),
während Johannes in die Gneisenaustrasse wechselt. Dort hat er sich ein Haus gekauft. Und auch Julius jun. wohnt nicht zur Miete. Ein Freund der Familie ist stets der Schornsteinfegermeister Adalbert Fabricius. Seine Schwägerin Anna ist um 1911 bereits verwitwet und lebt um 1911 in der Lindenstrasse. 1924 findet sich ihre Eintragung hier nicht mehr. Adalbert hat eine Frau, Emilie, geb. Finger und ein Kind lebt bei ihnen. Vorher aber noch einmal die in den Adressbüchern dokumentierten Personen und deren Aufenthaltsorte in Kolberg:
1911:
Julius Dreyer sen. Fleischermeister , Lindenstrasse 50;
Julius Dreyer jun. Fleischermeister , Lindenstrasse 50;
Johannes Dreyer Kaufmann , Lindenallee 48;
Adalbert Fabricius Bezirksschornsteinfegermeister , II. Pfannschmieden 27;
Anna Fabricius geb. Beduhn verw. Bezirksschornsteinfegermeisterin, Lindenstrasse 18 .
1924:
Julius Dreyer Fleischermeister , Lindenstrasse 50;
Johannes Dreyer Kaufmann, Gneisenaustrasse 8;
Adalbert Fabricius Bezirksschornsteinfegermeister , II. Pfannschmieden 27.

Als das jüngste Kind von Johannes Dreyer, Tochter Frieda also geboren ist, gibt es Lebensmittel nur gegen Marken und die Seeblockade Englands bewirkt, dass es Kolonialwaren eigentlich nicht mehr gibt. Man muss sich mit dem begnügen, was im Inland verfügbar ist. Man kennt sich in Kolberg und im Umland, gute Kontakte sind überlebenswichtig. So fehlen Johannes und seine Frau Elisabeth (eine geborene Prohl aus Danzig) auf keiner Feier, auch wenn nun offiziell wenig gefeiert wird. Die Leute werden sagen, Johannes habe sich kaputt geraucht und auch seine Frau musste den Belastungen Tribut zollen, denn wie schon gesagt, sie führte den Laden eigentlich. Die Inflation nach Kriegsende verführt manch einen dazu, durch den Verkauf von Grundstücken oder Häusern utopische Preise zu erzielen, um Geschäftsverluste vermeintlich auszugleichen. Der Erlös aber war schon bald nichts mehr wert. So ergeht es Bruder Kurt Dreyer in Kassel, der durch den Terminverkauf von Häusern während der Inflation unwiederbringliche Werte verliert und somit auch seinen Anteil an einem Milchladen nicht retten kann. Immerhin findet er später eine Anstellung bei der Stadt und kann seine Familie durchbringen. Mit der Umstellung 1923 in den Renten- bzw. Reichsmark geht es zunächst wieder bergauf. Ende der Zwanziger Jahre ist die Arbeitslosigkeit recht hoch und es bahnt sich die Weltwirtschaftskrise an. Waren sind genug vorhanden, das Geld aber fehlt. Das Leben der beiden Kinder Frieda und Werner spielte sich wegen der Geschäftstätigkeit der Eltern schon früh sehr selbstständig ab. Oftmals waren sie bei der Familie Fabricius, die sich anstelle der Eltern um die beiden kümmerte. Frühzeitig musste auch Werner die Verantwortung für seine Schwester übernehmen. Obwohl Frieda sehr lebenslustig war und vor Energie sprühte, hatte sie doch von Anfang an Probleme mit der Lunge, die durch die knappe Ernährung während der ersten Lebensjahre ungünstig beeinflusst wurden. Tb war in Kolberg eine häufige Erkrankung. So kam es, dass beide Eltern daran erkrankten. Vielleicht begünstigt vom Kontakt mit dem Publikum im Geschäft, unter denen sicher auch der ein oder andere Kurgast war, und auch durch die Lebensweise bedingt, die nicht unbedingt gesundheitsbewusst genannt werden kann, erkrankten beide Eltern daran. Im Februar 1929 schließlich verstarb Johannes Dreyer. Da die Mutter bereits ebenfalls stark beeinträchtigt war und die Gefahr einer weiteren Ansteckung durch die offene Tb gegeben war, sprach alles dafür, Frieda den Aufenthalt in einer Lungenheilstätte zu ermöglichen. Adalbert Fabricius besprach dies mit dem Onkel Kurt in Kassel, der von einer entsprechenden Anstalt in Kaufungen bei Kassel wusste. Dort war gerade ein neues Patientenhaus für Kinder eröffnet worden, somit sollte die Aufnahme kein Problem sein. Die Mittel für die Einweisung in eine Heilkur wurden immer weniger, aber Adalbert konnte erreichen, dass die Kur schnellstens nach der Beerdigung des Vaters bewilligt wurde. Ende Februar oder Anfang März 1929 brachte Adalbert Frieda zum Bahnhof in Kolberg und in Kassel sollte Onkel Kurt sie in Empfang nehmen und nach Kaufungen bringen. Ironie des Schicksals ist es, dass dem Mädchen in einem Kurort für Lungenkranke nicht geholfen werden konnte. Neben der Altstadt gibt es in Kolberg das Kurviertel, in dem die beiden Kinder ja zuhause waren. Hier spielte sich das Leben auf der Strandpromenade ab, wo die Patienten und ihre Besucher flanierten. Das Strandschlösschen mit seinen Kurkonzerten, die Seebrücke und das Damenwäldchen, aber auch die Altstadt mit ihren Parks und Bürgerhäusern, der Persante mit ihren Weidenbäumen, das Maikuhlewäldchen mit dem Ausflugslokal, all das sollte Frieda bald vermissen. Wie gern wäre sie mit Adalbert und seiner Kutsche wieder an der Persante entlang gefahren.

 

Kolobrzeg

 

Mit donnerndem Krach und einem klirrenden Geräusch knallt mein Schädel vor die Unterkante der Stahlwand über dem Ausgang der Fähre, die uns von Ahlbeck nach Misdroy auf der Insel Wollin gebracht hat. Zwar hatte ich den Kopf schon gesenkt, aber eben nicht tief genug. Der Aufprall entlockte sogar ein paar deutschen Touristen einen Schreckensruf. Ich pralle ein wenig zurück und steige dann doch aus. Wie immer hält das Schicksal für mich ein paar Unannehmlichkeiten bereit, wenn ich etwas zu sehr will. Heute ist es meine Mission, Kolberg zu besuchen, die Stadt meiner Ahnen väterlicherseits. Das polnische Kolobrzeg ist also mein Ziel und davon werde ich mich nicht abbringen lassen. Zum Glück habe ich eine Mütze auf dem Kopf gehabt und die Haare sind auch nicht zeitgemäß kurz geschnitten. Es blutet erkennbar nichts und bis auf den relativ schnell vergänglichen Akutschmerz scheine ich auch sonst keine Nachwirkungen zu haben. Wahrscheinlich hängt alles bloß damit zusammen, dass ich meine Aufregung mit einem vermeintlich günstigem Glas Bier schon zu sonst ungewohnter Stunde dämpfen wollte. Meiner Aufmerksamkeit beim Ausstieg hat das nicht geholfen. Auf der Seebrücke, die ganz anders als auf Usedom schon zu dieser Zeit gut gefüllt ist (wir haben noch frühen Vormittag) empfängt uns Robert, unser polnischer Reiseleiter. Er sieht so aus, wie man sich einen Slawen vorstellt. Dunkelhaarig und klein und mit sehr viel Sinn für hintersinnigen Humor und Doppeldeutigkeiten ausgestattet.
Das ich wegen des Biers auf dem Schiff nicht mehr auf Toilette gegangen bin, merke ich jetzt.
Macht nichts, ich bin entschlossen, auch das durchzuhalten bis Kolberg. Robert erzählt viel über die Polen nach dem Krieg und heute. Auch über das Ende Kolbergs weiß er einiges. Unter anderem, dass 1943 die 1. polnische Armee aufgestellt wurde und das polnische Soldaten Kolberg eroberten. Das Stalin bestimmt kein Freund der Polen war und die Sowjets ganz einfach nicht den hohen Blutzoll allein tragen wollten, der bei den harten Kämpfen um Kolberg und später auch um Berlin zu erwarten war, kommt nicht zur Sprache. Polnischer Befreiungskampf ist eher das Motto. Kolberg, slawische Staatsgründung, soll nie wieder aufgegeben werden, so schworen es die Eroberer. Diese Stadt scheint eine wahnwitzige Tradition zu haben. Zwischen Wollin und Kolobrzeg liegen an der Küste militärische Sperrgebiete, sodass wir nicht direkt an der Küste entlang fahren können. Stattdessen sind wir ca. 10 km hinter der Küste unterwegs und erreichen schließlich das kleine und gut erhaltene Städtchen Treptow und endlich Kolobrzeg. Völlig unspektakulär beginnt die Stadt völlig austauschbar mit Tankstellen und anderem Gewerbe. Wir überqueren die Parseta und sehen links von uns einen Ring von Hochhäusern, der in etwa mit der Grenze der ehemaligen Altstadt zusammen fällt. Links von den Plattenbauten ist also die Altstadt, rechts die Neustadt. Schnell wird mir klar, dass ein alter Stadtplan hier nichts bringt. Der Plan ist ein schlechter, sagt Robert, als er meinen historischen Stadtplan von 1931 sieht. Unser Bus hält an einem großen Platz, auf dem ein Gemüsemarkt statt findet. Roberts Finger zeigt auf den Kaiserplatz. Hier werden wir wohl sein. Die alte Bebaung Kolbergs soll maximal zweistöckig gewesen sein, später werde ich sehen, dass es durchaus höhere Bürgerhäuser, z.b. im Jugendstil, gegeben hat. Somit ist bei der Wiederbebauung zumindest in bezug auf die Höhe der Häuser historisch alles richtig. Wir gehen an einer Häuserzeile mit vielen Trödelläden vorbei, davor findet sich ein kleiner Platz mit Blick auf den Kolberger Dom, die Marienkirche. Diese Strasse wird von den Einheimischen die Goldgasse genannt und müsste der früheren Schmiedegasse entsprechen, eine der ältesten Strassen Kolbergs. Die wieder aufgebaute Altstadt entstand erst in den Achtziger Jahren, die großen Plattenbauten rings herum sind älter. Gern haben die Polen alte und verfallende Wohnungen und Häuser aufgegeben, um in einem modernen Plattenbau zu wohnen. Die Belegung der von den Deutschen hinterlassenen Häuser durch polnische Vertriebene erfolgte nicht sofort nach dem Krieg. Es kamen auch nicht so viele Menschen, wie zuvor vertrieben wurden. In Kolobrzeg, wo 90% der Häuser zerstört waren, musste schnellstmöglich neuer Wohnraum entstehen.
"Wir Polen sind keine Kirchenzerstörer." Sagt Robert. In der Tat wurden jedoch auch die noch erhaltenen Kirchen in Kolberg, z.b. die Münderkirche, in den Fünfziger Jahren abgetragen.
Lediglich der Dom blieb schwer beschädigt erhalten. Die Kirche konnte erst in den Siebziger Jahren wieder aufgebaut werden, nachdem durch die deutsche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze Rechtssicherheit auch für die Kirche geschaffen wurde und auch hier die Verantwortung endgültig bei Polen lag. Der Wiederaufbau der Kirche erfolgte so authentisch wie möglich. So entschlossen sich die Polen, schiefe Säulen auch wieder schief aufzubauen, da sonst das Kirchenschiff kleiner als ursprünglich ausgefallen wäre. Gerettete Gegenstände aus der deutschen Zeit stehen an verschiedenen Plätzen. Robert meint, durch die Reformation sei eine Trennung der deutschen und der slawischen Bevölkerung Kolbergs entstanden.
Die Deutschen waren nun protestantisch. Draußen zeigt uns Robert ein Denkmal, das Kolberger Bürger anlässlich des 1000. Geburtstags Kolbergs gestiftet haben. Es soll den Verlauf der deutsch-polnischen Geschichte symbolisieren. Ganz oben verbindet eine Taube die beiden Säulen. Tatsächlich ist die Geschichte Pommerns und Kolbergs keineswegs so eindeutig von einer Seite dominiert worden, wie es gern von polnischer oder deutscher Seite dargestellt wird. Es war ein wechselhafter Kampf zwischen pommerschen Herzögen und Polen, schließlich kamen die Schweden und mit dem Verschwinden Polens wurde Pommern preußisch.
Draußen sind wir wieder in einer fremden Welt. Polen feiert an diesem Tag, dem 2. Mai 2008 den Tag der Fahne, Es ist Feiertag. Robert hat für uns ein Essen in einem Lokal bestellt. Unsere stille Reisegesellschaft hat sich mehrheitlich für sein Angebot entschieden. Wir können im lokal mit Euro bezahlen.
Im Henkerhaus essen wir ziemlich ungewürzte und soßige Schweinelendchen mit Pfifferlingen oder Lachs mit Gemüse. Robert isst nicht mit uns. So ist es recht still. An unserem Tisch sitzt ein alleinreisender Mann aus Ostfriesland. Unser Tischnachbar taut etwas auf, nachdem ich ihm von meinen Vorfahren aus Kolberg berichtet habe. Wir reden dann hauptsächlich über das Kriegsende, darüber hat er gelesen. Ob das Haus wohl ein altes ist, das werde ich später nachlesen müssen. Die dunklen Holzvertäfelungen mit den Gemälden lassen darauf schließen. Nach dem Essen ist die Altstadtbesichtigung zu Ende. Ich wollte eigentlich Ansichtskarten kaufen, das ist aber nicht so einfach. Die Karten sind mit Nummern versehen, diese müsste ich dann einer polnischen Verkäuferin durchgeben. Ich lasse das, versuche ein paar Straßenschilder zu entdecken, was mir aber nicht gelingt. Robert ist auch zurück und wird gleich im Bus erzählen, dass der Bürgermeister heute noch auf dem Platz eine Rede halten wird. Auf der Bühne probt schon eine Musikband für ihren Auftritt.
Der Weg soll uns nun zum Kurviertel führen, wir fahren durch die Neustadt, stoßen an einem Kreisel auf die Strasse nach Koszalin (Köslin), die weiter Richtung Danzig führt. Die Plattenbauten der Neustadt grenzen direkt an den Park hinter den Dünen. Bei den Hotels
handelt es sich zumeist um ehemalige Erholungsheime für die Beschäftigten der staatlichen Betriebe. Der Bahnhof liegt links von uns, an ihm konnte ich mich aufgrund meines alten Plans orientieren. Die Altstadt und das Kurviertel sind über eine Brücke über die Gleisanlagen zu erreichen. Das, so Robert, bereitet den Senioren oft Probleme. Probleme hat auch unser Busfahrer mit der Parkplatzsuche. Abseits des Kurviertels führen viele Strassen zum Strand quer durch einem Laubengang ähnlichen Park. Wir steigen schließlich an einem Halteverbotsschild aus. Durch ein Spalier von Verkaufsständen gelangen wir geraden Wegs zum Strand. Für die Seebrücke müssten wir Geld bezahlen, also sparen wir uns den Besuch. Links von uns befindet sich der Park, es ist das sogenannte Damenwäldchen. Östlich der Seebrücke befand sich früher das Strandschlösschen. Darüber berichtet Robert nichts. Wir kommen nun an einem Denkmal der Eroberer Kolbergs vorbei. Die Namen der Einheiten sind dort genannt, ebenso einiges an Symbolik zur früheren slawischen Geschichte des Orts. Immer wieder wird eine Brücke aus grauer Vorzeit in die Nachkriegszeit geschlagen. An derselben Stelle stand früher ein anderes Denkmal. Schließlich erreichen wir den Leuchtturm und wieder etwas, was ich auf Anhieb erkenne: die Mündung der Persante ins Meer, begrenzt durch die beiden Molen. Ich werfe einen Blick auf den Fluss und das gegenüberliegende Wäldchen. Robert erzählt nichts darüber, über den Leuchtturm weiß er umso mehr. Der ist 1945 wieder aufgebaut worden. Die Deutschen hatten ihn gesprengt, um der Artillerie kein Ziel für den Beschuss zu bieten. Der russische Stadtkommandant wollte die Versorgung der Stadt sichern, der Hafen war vermint und so mussten gefangene Deutsche den Leuchtturm wieder aufbauen. Dabei wurde das alte Fundament genutzt.
Drei Wege sollen uns zum Bus zurück führen, einer am Fluss entlang, einer durch die Mitte und der letztere zur Seebrücke zurück. Am Hafen entstehen überall Apartments, das Bild eines durch und durch touristischen Badeorts ist bestimmend. Ich fühle mich durchaus unbehaglich, den gemütlich sind die aufgeschnappten Gesprächsfetzen aus der Unterhaltung drei junger Deutscher, die über den Umgang mit Geld reden, nicht. Auch das Angebot der Verkaufsstände ist sehr unübersichtlich. Wir wollen eine Waffel kaufen, die Preise sind günstig, wenn man Zloty in Euro umrechnet. Für einen Euro sollte das gehen. Die Verkäuferin weigert sch jedoch, unseren Euro anzunehmen. Wir sehen weder eine italienische Eisdiele noch eine Fischbraterei. Dafür hätten wir auf Bernsteinschmuck gern verzichtet.
Als ich auf einen Kettenanhänger zeige, nimmt ihn die Verkäuferin gleich aus der Vitrine, um ihn uns zu zeigen. Ich winke ab. Wir sind beide rechtzeitig am Bus und froh, dem Menschengewimmel zu entkommen. Der Park ist von einem deutschen Gartenbaumeister angelegt worden, ein polnischer hat sich nach dem Krieg darum gekümmert und entsprechend wird sein Name gewürdigt. Immerhin ist die Erläuterung auch in deutsch auf der Hinweistafel zu finden. Der Park erweckt in mir ein Gefühl der Vertrautheit, wie eine dichte Decke scheinen die Baumwipfel auf meinem Gemüt zu liegen. Der Bus steht noch nicht direkt am Ausgangspunkt. Pünktlich fährt er dann vor. Wer nicht kommt ist unser ostfriesischer Tischnachbar. Auch nach einer Viertelstunde nicht. Robert telefoniert und schaut in der Jacke des Mannes nach. Wir müssen fahren, denn wir brauchen eine bestimmte Zeit, um unsere Anschlussfähre nach Swinemünde zu erreichen. So bleibt also einer von 13 in Kolobrzeg zurück. Ich frage mich, wie man von hier aus nach hause kommen will. Wir verlassen Kolobrzeg, fahren am Hafen vorbei, überqueren die Persante auf einer anderen Brücke, rechts von uns das Maikuhlewäldchen. Im Fluss sprudeln Quellen. Das Solewasser darf von allen Bürgern kostenlos genutzt werden. Es wird, wie auf dem Markt schon gesehen, gern zum Einlegen von Gemüse genutzt. Wir passieren etliche Kasernen, die für die Deutschen in den letzten Kriegstagen von strategischer Bedeutung waren. Robert sagt immerhin, dass das Hauptanliegen der Verteidiger die Rettung der Flüchtlinge war und dass durch die Sprengung des Leuchtturms ein Versenken der Schiffe nicht erfolgen konnte. Wir verlassen die Stadt völlig undramatisch, überqueren die Schienen einer Kleinbahn, und sind bald wieder auf dem Weg nach Treptow.

 

Kolberg - ein Nachwort

 

Es gibt eine Zeit vor meinem Kolberg-Besuch und eine danach. Pommernland ist abgebrannt, soviel ist sicher. Mit ihm sind die Sitten und Gebräuche verschwunden. Da ein Teil Pommerns bei Deutschland verblieben ist, kann man sich jedoch leicht einen Einblick in die Lebensweise der Pommern verschaffen.
Das nachstehende Bild habe ich vor meiner Fahrt angefangen und danach beendet.

Kolberg

Auch wenn die Illusionen des Gelesenen in der Realität schnell zerplatzen, wenn man über eine geographische Intuition verfügt, dann stellt sich eine gewisse Vertrautheit ein. Man stellt sich vor, wie anstelle des quirligen polnischen Badeorts hier einmal eine norddeutsche Kleinstadt lag, die auch Kurort war. Man setzt Lebensläufe in bezug zu geografischen Punkten. Beim Anblick der jungen polnischen Mädchen in ihren Spitzenstrumpfhosen unter kurzen Röcken denke ich an Frieda. Auch sie wird sich schön gemacht haben auf der Suche nach Liebe. Das Leben wiederholt sich und aus dem Vergessen entsteht Geschichte.
Das Meer vor Kolberg ist auch im Sommer mit 18 Grad zu kalt zum Genussbaden, der Strand nicht so breit wie zum Beispiel vor den Kaiserbädern auf Usedom. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, schon gar nicht in Kolbergs Goldgasse, der restaurierten Häuserzeile in der "Altstadt".
Wenigstens gab es beim Verlassen von Kolberg dieses Mal keine Verluste. Der verschollene Reisegast ist an gleichen Tag noch nach Heringsdorf zurück gekehrt. Er hatte sich rettungslos verlaufen, landete bei der Polizei, dort musste ein Dolmetscher gefunden werden. Man empfahl ihm, ein Taxi zu nehmen und so zahlte er 150 € für die Rückkehr. Es ist ihm sonst nichts weiter passiert. Da ich erwartungsgemäß keine neuen Informationen über meine Familie gewinnen konnte und die Toten auch nicht reden, stütze ich mich im nachfolgenden auf meine Recherchen von 1985/1989 bei der Heimatortskartei und verschiedenen Telefonaten von damals. Dazu kommen Einträge aus Adressbüchern sowie Urkunden.
Was immer mir das Schicksal an Hinweisen geben mag, ich bin dankbar dafür.

 

Kleine Magie der Zahlen

 

Am 30.11.1914 wird Frieda, meine Großmutter, in Kolberg geboren, am 30.11.1934 meine Mutter. Am 25.12.1943 fällt mein Großonkel Werner in Russland, am 25.12.1998 stirbt meine Mutter. Nur mein Vater ist immer einen Tag später dran. Kolberg fällt am 18.3.1945, am 19.3.2007 stirbt mein Vater, der Kolberg ja nie sehen durfte. Ein Schelm, der da Zusammenhänge sieht.
Nichts im Sinn habe ich mit der Verdrehung historischer Zusammenhänge. Das das Thema der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten für die Polen heikel ist, ist sehr verständlich. Die Polen in Pommern sind selbst Vertriebene und derer gedenkt kein Mensch in Deutschland. Dazu kommt nun einmal die historische Tatsache, dass Deutschland einen unsinnigen Krieg angefangen hat und dabei vor allem im Osten barbarisch aufgetreten ist.
Wie hätten sich unsere Truppen verhalten, wenn wir überfallen worden wären und hinterher als Sieger in Polen einmarschiert wären? Man mag nicht daran denken.
Demzufolge sind Touristen gern gesehen in Polen, nicht jedoch Menschen, die irgendein Erinnern an erlittenes Leid konservieren wollen. Die Veteranen der Kämpfe um Kolberg haben sich die Hand gegeben, damit ist die Sache für die Polen erledigt und ich meine, wir sind gut bedient damit.
Als ich auf der Promenade bei Heringsdorf mit dem Fahrrad von hinten mal wieder angeklingelt werde, weil ich nicht rechtzeitig in die Büsche springe, um dem Hintermann freie Fahrt zu ermöglichen, denke ich an Robert. Es ist gerade diese Rechthaberei und der Egoismus, der Deutschland so beliebt macht in der Welt. Stolz sein, so wie Robert, auf die typisch slawische Bauweise von Häusern ohne Mörtel, das ist in Ordnung. Das hat aber nichts mit Aggression zu tun. Aber noch und längst stehen die Zeichen in Deutschland auf Versöhnung. Man gesteht Lukas Podolski sein polnisches Herz zu, wenn er für Deutschland Tore gegen Polen schießt, im Fußball. Und ein polnischstämmiger Sänger gewinnt mit polnischem Adler auf der Brust bei DSDS. Wahrscheinlich wusste niemand, dass es ein polnischer Adler ist.

 

1929

 

"Vorschriftsmäßige Liegekuren in jeder Jahreszeit, vorgeschriebene Spaziergänge und Wasserbehandlungen und gute, abwechslungsreiche Nahrung mit Durchführung einer zweckmäßigen Hausordnung sowie das Rauch- und Wirtshausverbot, bedeuten das A und O der Tuberkulose-Bekämpfung, wie sie hier oben durchgeführt würde. Auch sei man nach anfänglicher Skepsis zum Gebrauch von spezifischen Heilmitteln geschritten. Seit 1910 werde auch die Höhensonne angewandt...
Am 15. Oktober 1928 konnte das dritte Patientenhaus, das als Kinderheilstätte mit 40 Betten vorgesehen war, feierlich eröffnet werden. In achteinhalb Monaten stand der Bau. Ermöglicht hatte dies eine für die damalige Zeit neuartige Baumethode. Auf den massiven Unterbau befestigte man die Fertighaus-Holzkonstruktion,
Dieser große, rechtwinklig angelegte Baukörper auf dem schönen Grundstück in Südhanglage bot einen weitreichenden Fernblick. ..
Außerdem kam es zur Anschaffung eines neuen Röntgenapparates. Wirtschaftlich gesehen war 1929 wohl das schwierigste Jahr seit der Inflation. Zudem gab es noch 1928/29 einen außergewöhnlich starken Winter, der die Belegungszahlen bis April stark absinken ließ."
(Aus Geschichte der DRK Klinik Kaufungen)
Das Jahr 1929 war aber auch das Schicksalsjahr für Frieda. Sie fiel Onkel Kurt förmlich um den Hals. Er besuchte sie regelmäßig in Kaufungen und sie gingen in der Parkanlage oft spazieren. Frieda war sich ihrer Trauer kaum bewusst, es war, als stünde sie noch unter Schock, auch ihre eigene gesundheitliche Situation nahm sie nicht so ernst. Sie hatte jedoch starkes Heimweh und klammerte sich an Kurt, der selbst nicht so glücklich zu sein schien.
Alles in allem waren ihr die Menschen hier so fremd. Man ist im nordhessischen Land nicht nur autoritätstreu, man hält sich auch daran. Die Überwachung ihrer Teilnahme an allen Heilmaßnahmen erschien ihr hier noch strenger als anderswo.
In der Klinik war ein bekannter und renommierter Lungenarzt für den Vaterländischen Frauenverein tätig. Man müsse Geduld haben, Frieda konnte es sich nicht vorstellen.
Frieda vermisste auch ihren Bruder, mit dem sie zwar nicht immer eins war, aber der nun zusätzlich fehlte und vor allem die Kolberger Jungen, denen sie schon eifrig den Kopf verdreht hatte. So sehr es ihr des nachts manchmal schlecht ging, am Tage lechzte sie nach der Abwechslung von den eintönigen Behandlungsmaßnahmen. Aufgrund der schwachen Belegung hatte sie nun ein Einzelzimmer und musste nicht mit anderen Kindern (denn sie hatte das Glück in der Kinderklinik untergebracht zu sein) ihr Leid teilen. So schwach sie des nachmittags manchmal war, so sehr verspürte sie ein Verlangen nach vollständiger Liebe und Verständnis.
Während er sich mühte, eine harmlose Onkel-Nichte-Beziehung darzustellen, blühte sie auf, sogar die Gesundheit schien besser zu werden.
Zuhause profitierten seine Jungen von einer ungewohnten Milde. Wenn sie etwas ausgefressen hatten, beließ er es manchmal mit einer, wie er meinte, strengen Ansprache.
Auch Paula entging die Veränderung nicht. Sie zog sich noch mehr als sonst zurück.
Während der Frühling endlich in vollem Gange war, bemerkte Frieda erste Veränderungen, die sich in den Folgemonaten bestätigten, sie war schwanger mit 14 Jahren.
An ein Ende ihrer Kur oder gar an die Rückkehr nach Kolberg war nicht zu denken.
Eine Abtreibung kam aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage, die Ärzte in der Klinik
wären nicht bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Der Vater wurde jetzt gesucht und Kurt erwachte aus einem bösen Traum. Zwar gab es noch andere Verdächtige und Frieda selbst behauptete, sich an den Mann nicht erinnern zu können.
Paula jedoch glaubte an all das nicht, schwieg aber. Kurt spielte jetzt sein Strenge aus, natürlich würde er das Kind aufnehmen, auf den einen Fresser mehr würde es nicht ankommen. Frieda konnte auf keinen Fall minderjährig und schwanger nach Kolberg zurück kehren.
Die Nachricht ihrer Schwangerschaft war für ihre Mutter Elisabeth ein Schock, von dem sie sich nicht mehr erholte. Auch wenn sie sich mühte, die Wahrheit zu ergründen, sie hatte keine rechte Kraft mehr dazu. Das Kind war verloren. Bruder Werner hatte es kommen sehen.
Im August 1929 stirbt auch Elisabeth an Tb. Sie folgt ihrem Mann ins Grab, ohne dass ihre schwangere Tochter an der Beerdigung hätte teilnehmen können.
Da beide Kinder noch minderjährig waren und das Erbe der Eltern so früh anzutreten hatten, entstanden die Dreyerschen Erben. Adalbert und Emilie Fabricius übernahmen, so wie es die Mutter gewollt hatte, die Vormundschaft. Auch sie waren der Meinung, dass das Kind in Kolberg nicht auftauchen dürfe. Wenn es das Kind von Kurt Dreyer ist, dann ist es eine Schande, befand Adalbert und begann sicherheitshalber nach einem Mann zu suchen, der die Vaterschaft für das ungewollte Kind ohne Schaden übernehmen könnte. Kurt Dreyer kam ja nur als Ernährer in Frage und sollte das Kind adoptieren. Es wäre unauffällig, wenn er das Kind seiner minderjährigen Nichte aufnehmen würde.
Adalbert hatte eine Lösung, der Hermann Stahnke, Freund der Familie, Postschaffner a.D., der könnte das machen. Ihm würde kein Schaden erwachsen. Hermann konnte die Not der über Jahrzehnte verbundenen Familien erahnen und ließ sich dazu überreden.
So ist eine edle Tat von Kurt, dem Kind von Frieda ein zuhause verschafft zu haben.
Paula wurde dazu nicht gefragt. Sie würde es erdulden müssen, um Schaden von sich abzuwenden. Die Zeiten waren wirtschaftlich schlecht genug.
Kurt war nun fast wieder der alte, sein Ton streng und gegen Frieda verbindlich. Kein Verdacht sollte ihn mehr beflecken. Frieda konnte bis zur Entbindung, die im Krankenhaus des Roten Kreuzes in Kassel stattfinden sollte, in Kaufungen bleiben, nun allerdings nicht mehr in der Kinderstation sondern im Frauenhaus. Frieda war nun wirklich allein, sie klammerte sich ein wenig an den kleinen Menschen, der in ihr heran wuchs. Ihre Mitpatientinnen gaben ihr Anteilnahme, soweit sie konnten. Das war ein kleiner Ausgleich für die Strenge, die sie nun erfuhr. Die Anstalt war um ihren Ruf besorgt und versuchte den Fall zu vertuschen. Kurt schien nicht anderes im Sinn zu haben, als ihr das Kind zu nehmen. Trotz der schweren Umstände wollte sie das Kind, es würde leben, auch wenn sie selbst nicht daran teil hätte. Sie machte sich keine Vorstellung davon, welche Verantwortung das Kind bedeuten würde. Sie wartete sehnlichst auf die Entbindung, als sie 15 wurde und den sie im Krankenhaus verbrachte. Das Kind wurde auch aus medizinischen Gründen gleich nach der Geburt von ihr getrennt, nur einmal durfte sie es ansehen aus sicherer Entfernung, denn die Gefahr einer Infektion des Säuglings war groß. Mittags, am 6. Dezember 1929 war es geschehen. Der Name sollte Egon Alfons Christian sein.
Sie war zunächst sehr schwach und musste noch bleiben. Sobald man es aus gesundheitlicher Sicht erlaubte, konnte sie nach Kolberg zurück kehren. Schließlich müsse ja ein Erfolg der Behandlung sichtbar sein.
War es der letzte Liebesdienst oder die Vollendung seiner Pflichten, als Kurt Frieda zum Bahnhof brachte? Jetzt, wo alles geregelt schien, war Kurt wieder etwas zugänglicher, wenn auch zurück haltend. Frieda war das zunächst gleich, sie freute sich auf ihr zuhause hinter den Dünen. Knappe 10 Jahre sollten ihr noch bleiben. Ein Leben in dem Bemühen, das Geschehene zu vergessen, im Kampf um das tägliche Brot noch etwas zu lernen, zumindest einen Freund zu finden, der wohl tunlichst nicht erfahren sollte, dass sie eigentlich schon eine junge Mutter war, das lag vor ihr. Der alte Fabricius kümmerte sich noch immer um sie. Werner hielt zu ihr, auch wenn er so manches Mal sein Unverständnis über das Geschehene durch blicken ließ. Schwierig war der Umgang mit den Jungen, die sie teils noch aus ihrer Schulzeit kannte. Gerüchte über ihr Verhältnis zu einem ganz alten Mann gingen um. Lernte sie mal einen anderen Jungen kennen, so musste sie damit rechnen, dass er alsbald irgend etwas gesteckt bekommen würde. Frieda zog sich in ihre Träume zurück, in denen auch ihr Kind vor kam. Wie mochte der Junge aussehen? Anfangs erfuhr sie noch, dass der Junge gesund sei und später gar nichts mehr. Dem Kind erzählte man, die Mutter sei bei der Geburt gestorben. Sein Vater sei ein uralter Mann. Aber das erfuhr er viel später, da war die Mutter längst tot. Für Frieda gab es kein gutes Ende. Trotz ihrer Begabung, immer wieder das Beste aus allen Situationen zu machen, erlitt sie im Winter 1938/39 einen schweren Rückfall und verstarb am 21. Januar 1939 im Kolberger Krankenhaus. Sie konnte den Fluss sehen und die Weidenbäume, unter denen sie als Kind so gern gesessen hatte. Bruder Werner war in Vaters Fußstapfen getreten und diente der Wehrmacht. Frieda aber, gerade erst 24 Jahre alt geworden, beerdigte man auf dem Maikuhlefriedhof. Die Kunde ihres Ablebens drang auch nach Kassel, wo Kurt nun erst recht beschloss, den Fall Frieda aus seinem Gedächtnis zu tilgen. Das Leben sollte schwer genug werden in den kommenden Jahren. Als der heranwachsende Egon erfährt, dass Paula Dreyer nicht seine Mutter ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Er meint sich die strenge Behandlung erklären zu können, die ihm während seiner Kindheit widerfuhr. Es kommt zum Streit und Paula wirft ihm wutentbrannt einen Putzlappen vor die Füße. Er könne ja gehen. Sein Vater Kurt, so mutmaßt Egon später, habe ihn wohl nur adoptiert, um an sein Erbteil zu kommen. Kurt ließ sich in der Tat beglaubigen, dass Egon der Sohn von Frieda Dreyer ist. Da ihr Bruder Werner 1943 bei Pavolotsch fiel, gab es die Dreyerschen Erben nicht mehr. Das Erbe stand ja dem minderjährigen Sohn und somit zunächst verwaltend seinem Vater zu. Nach dem verlorenen Krieg war davon nichts mehr vorhanden. Egon hatte auch das verloren. Mit seiner Volljährigkeit hielt es ihn nicht mehr zuhause. Kurt beließ es bei der lapidaren Feststellung, der Junge könne jederzeit zu ihm kommen. Für Egon war jeder Anreiz, zuhause zu bleiben, auch durch den Tod seines Lieblingshalbbruders Wolfgang, verschwunden. Dessen Tod war eine Folge der schweren Kämpfe um Monte Cassino im Jahr 1944 gewesen. Zwar war die im Kampf erlittene Verletzung nicht tödlich gewesen, aber als Folge der Bombardierung der römischen Krankenhäuser stürzte eine Decke auf Wolfgangs Bett. Der älteste Halbbruder Siegward war kein Trost für ihn, er mochte ihn nicht. Siegward gerät an der Westfront in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Egon geht auf Wanderschaft, arbeitet im Bergbau im Raum Aachen und bei den Amerikanern in Frankfurt als Wachmann. Letztlich siegt aber das Heimweh, er kehrt nach Kassel zurück und noch einmal geraten Vater und Sohn aneinander. Als Egon im Schrebergarten gräbt und Kurt im Anweisungen erteilen will, wie er es machen soll, sagt Egon: Wenn Du jetzt nicht ruhig bist, dann haue ich Dir den Spaten auf den Kopf. Er erzählte es mir bei einem meiner letzten Besuche. Das er seine leibliche Mutter nie gesehen hat, war für ihn eine besondere Tragik. Es fällt auch schwer, sich das Schicksal von Frieda Dreyer vorzustellen, denn es gibt ja auch kein Foto von ihr.

 

Nachwort 1929

 

1929 - in diesem Jahr fielen die Katastrophen im Leben der Friede Dreyer mit denen der Weltgeschichte zusammen. Die Weltwirtschaftskrise und das Erstarken der NSDAP sind schlechte Rahmenbedingungen für ein von Krankheit geprägtes Leben. Tb entsteht heute nicht mehr so oft und ist heilbar. Unter den heutigen Lebensbedingungen wäre Dreyers wohl ein längeres Leben vorher sagbar gewesen. Andererseits, die Vernunft durch eine gesündere Lebensweise älter zu werden, wurde wohl oft genug vom Wunsch nach dem Leben verdrängt.
Dies trifft zu mindest auf Elisabeth und Johannes Dreyer zu.
Frieda wird entweder unter dem Verlust des Kindes gelitten haben oder diesen durch ihren Lebensstil verdrängt haben. Die Wahrheit liegt meist in der Mitte.
Am allerwenigsten wird sie Probleme mit dem konservativen Zeitgeist gehabt haben. Denn Kolberg und Pommern waren mehrheitlich der NSDAP und den anderen konservativen Parteien zugetan. Daran kann auch die bürgerliche Sicht auf kommunistische Aktivitäten nichts ändern. Man ertrug sein Schicksal und dachte gar nicht an etwas anderes. Oder man war euphorisch und aufgeschlossen gegenüber den sich ändernden Bedingungen. Man lernte nichts aus der Niederlage des ersten Kriegs, sondern wollte Revanche, um die Schmach von Versailles zu tilgen. Das ging durch alle Bevölkerungsschichten.
So starb 1943 auch Werner Dreyer viel zu jung bei einem Ort namens Pavolotsch, der ca. 100 km südwestlich von Kiew liegt. Die Bevölkerung des Ortes bestand überwiegend aus Juden, die alle die deutsche Besetzung nicht überlebten. Werner ist hier vermutlich in einem Massengrab beerdigt. Ende 1943 wurden selbst kleinste Orte hart umkämpft. Auf Vorstoß folgte Gegenvorstoß. Der schneidige Kommandeur Bradel überlebte den Krieg, viele seiner Soldaten nicht. Man riskierte bei den Vorstößen oft von den eigenen Truppen abgeschnitten oder gar eingekesselt zu werden. Doch letztlich ging es am Ende nur zurück und versank auch in der heutigen Ukraine oftmals Mann und gerät im schlammigen Tonboden.
Frieda immerhin erkämpfte einen schmerzvollen Triumph des Lebens über den Tod. Und auch das nicht immer glückliche Leben meines Vaters relativiert sich, wenn man die Zeilen seines Halbbruders Siegward liest, der zum Schluss mit der Panzerfaust den Endsieg erreichen sollte.

"... Es ist vorbei, wir sind umstellt.
Vier leben noch. Die ander'n?
Zerfetzt, verblutet und zerschellt
sie schon im Jenseits wandern.

Wie haben alle zwölfe wir
am Leben heiß gehangen.
Acht sind nun stumm, die letzten vier
zermürbt, besiegt, gefangen."
(aus Siegward Dreyer, Der Opfergang)


Kolberg - ein Naturhafen

Ich bin froh, in Frieden hier am Kolberger Hafen zu stehen und auf die See hinaus zu sehen.
GOWEBCounter by INLINE

© Wolfgang Dreyer 2008