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Zur Psychologie des Plattensammlers Als Abonnent der Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen ‚Psyche’ ist mir heute die vierte Ausgabe (April 2004) des 58. Jahrgangs in meinen Briefkasten gelegt worden. Die gleichsam zur Routine erstarrte allmonatliche Freude über die neuste Ausgabe wandelte sich flugs in brennende Neugier, als ich den Titel eines Essays von Peter Subkowski erspähte, der da lautete: Zur Psychodynamik des Sammelverhaltens. Liebe Plattensammler: natürlich konnte ich nicht umhin, den Artikel quasi noch im Briefkasten komplett aufzusaugen. Gesetztes Ziel war es, die edle Schreibe auf das Sammelgebiet schlechthin zu beziehen – das Plattensammeln -, nötigenfalls zu transformieren. Als ich nun die Zeilen las, ich rundherum die Welt vergaß. Es war gar nicht nötig, eine Transformationsarbeit zu leisten. Schallplatten sind wie wir alle wissen, ein offensichtlich weit verbreitetes Sammelgebiet, so dass sich eine zentrale Fallstudie des Artikels tatsächlich auf einen 32jährigen Schallplattensammler bezieht. Doch dazu kommen wir später. Zunächst möchte ich einige allgemeine Aspekte des Sammelns kurz aufzeigen.
Das Sammeln liegt scheinbar in der Natur des Menschen. Rund 20 Prozent der Bevölkerung gehen einer Sammelleidenschaft nach. Sei es das Sammeln von Informationen, leblosen oder belebten Objekten. Immer geht es um den nächsten Kick, das nächste Erfolgserlebnis – das nächste Stück für die Sammlung. Wie bei allen Formen allmählich entstehender Sucht auch, muss die Dosis steigen, der nächste Kick immer schneller erfolgen. Der Sammler ist immer auf der Suche, jedoch wird er nie Befriedigung erfahren. Schicksal eines jeden Sammlers ist es, nie wirklich zufrieden sein zu können, nie die ersehnte Vollständigkeit seiner Sammlung zu erreichen. Im Gegenteil, der Weg ist das Ziel. Sollte tatsächlich eine Sammlung sich der Vollständigkeit annähern, wird der Sammler von ewiger Sehnsucht getrieben sein Sammelgebiet erweitern oder verlagern.
In der Entwicklung des Menschen zeigt sich verblüffenderweise, dass der Sammler wieder zu den Ursprüngen zurückkehrt. Einst vom umherziehenden Jäger zum sesshaften Sammler geworden, beginnt der neuzeitliche Sammler damit, tagein tagaus auf die Jagd zu gehen; auf die Jagd nach dem neusten Stück – oder nennen wir das Kind beim Namen – nach der neusten Scheibe..
Psychoanalytisch betrachtet handelt es sich wie bei allen heiß begehrten Sammlerstücken auch bei der Schallplatte des Vinylfreaks um eine Art Ersatz- oder Übergangsobjekt. Frühkindliche oft traumatische Trennungserlebnisse können mittels des Besitzes dieses unbelebten Objekts unter der Bewusstseinsschwelle gehalten, sprich abgewehrt werden. Dabei hat die Scheibe auch den Vorteil, dass sie nach frustrierenden Beziehungserlebnissen noch immer im Regal - und zu dir - steht. Nicht von ungefähr forciert der Sammler oft seine Leidenschaft nach enttäuschenden zwischenmenschlichen Erfahrungen.
Das Sammeln selbst liegt zweifelsohne in der analen Phase begründet. Wenn das Kind erstmals lernt, den Stuhlgang zu kontrollieren und die Eltern damit zur Weißglut zu treiben – ich kack wann ich will, und ihr macht den Tanz ums Goldene Kalb – werden die Grundstrukturen des Besitzdenkens angelegt. Der Sammler will besitzen. Er will haben. Er muss haben. In der oralen Phase finden wir entsprechend den Vorgang des Einverleibens. Haben, her damit, behalten, sammeln. Richtig interessant allerdings wird es in der ödipalen Phase. Hier kommen wir nun zum Highlight des angesprochenen Artikels. Zum besseren Verständnis gehe ich noch kurz auf den Ödipuskomplex ein. Benannt nach Ödipus, Sohn des Königs von Theben, Laios, und seiner Frau Jokaste, bezeichnet der Ödipuskomplex folgenden Vorgang: der schwärmerisch in die Mutter verliebte kleine Sohn tritt in rivalisierendes Werben mit dem Vater ein. Aufgrund unbewusster Schuldgefühle für die Tötungsphantasien gegen den Vater und daraus resultierender Kastrationsangst, gibt der kleine Pillemann seine sehnsuchtsvolle Liebe zur Mutter auf. Langsam wird’s spannend. Der unbewusst weiter schwelende Ödipuskonflikt wird sublimiert – sprich veredelt. Kommt nicht wirklich gut, wenn Sohnemann realiter über die Olle hoppelt. Hier nun das lang erwartete Zitat von unz Peter Subkowski:
„Ein 32jähriger Schallplattensammler suchte ganz bestimmte alte Originalschallplatten. ... Auf der ödipalen Ebene war es diesem Sammler aber auch besonders wichtig, das unbenutzte, möglichst noch versiegelte („mint“) alte Original zu deflorieren und die Nadel zum erstenmal in der Rille zu versenken, also der erste und einzige zu sein, der diese bestimmte Platte, d.h. die Mutter, besitzt. In der unbewussten ödipalen Rivalität wurden so der autoritäre Vater und die beneideten Brüder, zu denen eine heftige Rivalität bestand, ausgestochen. Seine sehr spezielle und umfangreiche Plattensammlung bot ihm auch die für ihn sehr wichtige Möglichkeit, sich im Sinne der musikalischen Selbstversorgung von der (Radio-)Umwelt und der profanen CD-Welt autonom und unabhängig zu machen.“
Bleibt uns natürlich noch zu bemerken, das „versiegelt“ nicht „mint“ heisst, sondern „ss“ – eben „still sealed“. Aber wie der geneigte Leser weiß, geht dieses meist mit jenem einher. Will sagen, „ss“ ist meist „mint“, „mint“ jedoch nicht „ss“. Zudem frage ich mich, wenn schon das Aufsetzen der Nadel auf die heiße Rille mit dem Einstieg in die elterliche Ritze in Bezug gesetzt wird, wie verhält es sich dann hiermit: Das runde Schwarz fest umschlungen wird die Scheibe mit dem kleinen Loch über den phallusähnlichen Nippel des Plattentellers geschoben. Manchmal ist das Loch sogar zu eng. Ist es zu weit, kann man für den absoluten Genuss sogar noch Single-Sterne einsetzen – gleichsam als Präser oder Vaginaleinsatz. Und was ist eigentlich mit der guten Matratze, der Slipmat, mit welcher der hemmungslose Akt unterlegt ist? Und die sanfte Bürste, die so zart über das Vinyl gleitet? Und die PE-Hüllen – sind das die edlen Pelze, mit denen wir unsere Damen bei der Stange halten? Dann kann doch der Technics SL-1210MK2 nur das sündige und exquisit ausgestattete Hinterzimmer sein, das geheimnisvolle Boudoir, in dem der Sammler auf sanftes Drängen hin Weib und Vinyl nach allen Regeln der Kunst zu verwöhnen trachtet. Eines bleibt dennoch festzuhalten – ist die Platte zum Entsetzten aller nicht „mint“, hat das Knistern nichts mit Erotik zu tun.
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